12 Schritte zu uns - Lisa Varlisa - E-Book

12 Schritte zu uns E-Book

Lisa Varlisa

0,0
4,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Sich nie wieder verlieben - Das ist Sues Plan. Nach einem Schicksalsschlag verschließt sie ihr Herz. Aber dann überredet ihre beste Freundin sie zu einem Deal, der diesen Plan ins Wanken bringen könnte: Ein Jahr, jeden Monat ein Date. Georgie weiß genau, er sollte Sue nicht näher kennenlernen. Der nachdenkliche Kellner will seine Vergangenheit unbedingt hinter sich lassen. Es wäre fatal, etwas mit ihr anzufangen. Doch wieso taucht er immer wieder zufällig bei jedem ihrer Dates auf? Und wieso können sie einander nicht vergessen?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 272

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Impressum

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Epilog

Danksagung

Vita

Impressum

Biografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über Dnb abrufbar.

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sowie Orten und sonstigen Begebenheiten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

© 2025 12 Schritte zu uns | Lisa Varlisa

Lisa Olle, c/o Postflex #7798, Emsdettener Str. 10, 48268 Greven

Lektorat|Korrektorat: Michelle Olle

Umschlagsgestaltung: A&K Buchcover

Satz: Laura Misellie

Herstellung und Vertrieb: epubli, https://www.epubli.com

Prolog

Ängstlich halte ich das Handy an mein Ohr, als könne der Druck etwas an dieser schrecklichen Neuigkeit ändern. »Hallo? Bist du noch dran?«

Meine Zähne klappern. In der Wohnung ist es eiskalt. »Hallo?«

Mit schlottrigen Knien lasse ich mich langsam auf den Boden sinken. Dann lehne ich mich an den kalten Küchenschrank. »Ich weiß, das ist hart, Süße. Versuche ruhig zu atmen.«

Atmen. Einatmen, Ausatmen. Ich denke an Jakes Atem in meinem Nacken, ein sanfter Hauch, der mir stets eine Gänsehaut bereitet hat.

»Soll ich vorbeikommen?«

Wie oft bin ich nachts davon aufgewacht, dass sein Atem mein Gesicht gestreichelt hat. Dann habe ich die Augen aufgeschlagen und ihn eine Weile betrachtet, während sich die Sonne einen Weg in mein Zimmer gesucht hat. Einatmen. Ausatmen.

»Bleib, wo du bist, ich bin gleich da.« Klick, aufgelegt.

Das monotone Geräusch am anderen Ende der Leitung lässt mich aufschrecken. Meine Finger fühlen sich taub an. Mit dem Ärmel meines Hoodies wische ich mir ein paar angetrocknete Tränen weg. Für einen kurzen Moment schließe ich die Augen und denke an gestern zurück.

»Das willst du doch nicht wirklich anziehen?« Jake sieht mich mit hochgezogener Augenbraue an.

Von seiner Aussage verunsichert, zupfe ich an meinem Minirock herum. Ich weiß, er ist etwas zu kurz, wahrscheinlich ist er beim Waschen eingegangen. Aber er ist das Einzige, was ich im Schrank habe, das auch nur ansatzweise mit den Klamotten der Tussis auf Justines Party mithalten kann.

»Ehrlich gesagt schon.« Ich lächele selbstbewusst.

Jakes Augen funkeln. Er trägt ein enges, weißes Hemd und eine schwarze Stoffhose. Beides hat er letzte Woche für schlappe 800 Euro in einer italienischen Boutique gekauft. Jake sieht damit so gut aus, dass mir bei seinem Anblick ganz schwindelig wird.

»Wie du willst, Babe, aber ich kann dir nicht versprechen, dass wir damit lange auf der Party bleiben werden.«

»Du bist so ein Idiot.«

Er grinst, steht von meinem in die Jahre gekommenen Schreibtischstuhl auf und kommt zu mir herüber. Dann legt er die Arme von hinten um mich. Zusammen betrachten wir uns eine Weile im Spiegel. Ich kann immer noch nicht glauben, was für ein Glück ich mit ihm habe. Er sieht so gut aus, dass sich die Leute nach uns umdrehen, wenn wir händchenhaltend die Straße herunterlaufen. Doch an das Leben bei den Reichen und Schönen, an die ganzen Partys und Dinner-Abende auf den Rooftops der Stadt und an die wöchentlich wechselnden Autos, mit denen mich Jake für die Schule abholt, muss ich mich nach wie vor noch gewöhnen. Wir sind noch nicht sehr lange zusammen und doch weiß ich, dass es für immer ist. Er ist perfekt. Wir sind perfekt.

»Lass uns losfahren, die Anderen warten.« Jake streicht mir eine rote Locke hinters Ohr und küsst mich auf die Schläfe. »Ich liebe dich, Babe«, flüstert er und mein Herz schlägt eine Rolle rückwärts.

»Süße, du siehst ja umwerfend aus.« Justine begrüßt mich mit Küsschen links und rechts.

»Nicht so umwerfend wie du.« Ich stoße einen beeindruckten Pfiff aus.

Justine trägt ein schwarzes Minikleid, über das sie eine lässige Lederjacke kombiniert hat. Noch dazu Schuhe, die so hoch sind, dass einem schwindelig wird.

»Mach dich nicht lächerlich, Sue.« Sie winkt ab. »Jeder weiß doch, dass Jake und du die Hingucker des Abends seid.«

Lächelnd nehme ich sie an die eine, Jake an die andere Hand und wir betreten das Chalet.

Im Inneren riecht es nach Kaminfeuer und blumigem Parfüm. Auf dem Boden liegen Teppiche, so teuer wie ein Kleinwagen und an den Wänden hängen Gemälde einiger bedeutender Maler.

Justine hat die Erlaubnis ihrer Eltern, heute ihre jährliche Silvesterparty zu feiern. Jeder, der etwas ist und der etwas sein möchte, ist hier eingeladen. Das Chalet liegt mitten im Taunus und bei klarem Himmel kann man die Sterne so hell am Himmel leuchten sehen, als wären sie direkt um die Ecke.

Justines Eltern arbeiten in der Immobilienbranche und besitzen mehrere Ferienhäuser, doch ich glaube, dieses Chalet mitten auf dem Berg, umgeben von Wald und Ruhe, ist ihr liebstes. Justine verspricht ihnen jedes Jahr, dass die Party nicht aus dem Ruder laufen wird. Sie behauptet, dass keiner ihrer Gäste Alkohol trinkt und so weiter. Und doch kann man in der Zeitung einen Tag später immer einen Artikel über die eskalierte Party finden.

Jake schnappt sich bereits das erste Glas Champagner von einem der glänzend polierten Stehtische.

»Prost!« Er hält mir ebenfalls ein Glas entgegen.

»Mensch, Jake, du weißt, dass ich nichts trinke.« Eines der vielen Probleme unserer Beziehung, die ich von Anfang an ignoriert habe. Ich spiele sie herunter, rede mir lieber ein, dass wir das perfekte Paar sind.

Jake trinkt zu viel. Genau wie jeder andere dieser reichen Leute hier.

»Sue, mach dich locker, ich kann es doch mal versuchen.« Er zwinkert mir zu und ohne, dass ich es will, muss ich lächeln.

»Wir Mädels kümmern uns mal um die wirklich wichtigen Sachen.« Justine hakt sich bei mir unter und schleift mich zum Büfett. Sie scheint mich besser zu kennen als Jake.

Die vielen Häppchen auf kleinen Tellern sehen lecker aus und ich spüre, wie mein Magen knurrt. Ich habe den ganzen Tag noch nichts gegessen, um in diesen blöden Minirock zu passen, doch jetzt kann ich nicht mehr widerstehen. Ich schiebe mir gleich zwei Lachspasteten in den Mund und stöhne zufrieden.

»Süße, du musst wirklich mehr essen. Du fällst fast vom Fleisch.« Justine kneift mir freundschaftlich in den Arm. Sie hat Recht. Seit ich Jake kenne, lasse ich öfter mal eine Mahlzeit aus. Schließlich muss ich mithalten mit diesen schlanken, blondierten Mädels, die ihm hinterher sabbern, sobald er das Haus verlässt. Ich gebe mich selbstbewusst und weiß, was ich ihm zu bieten habe, aber ich bin mir bewusst, dass Jake eben auch nur ein Mann ist.

Den Lachspasteten folgen noch ein paar Gemüsesticks. Justine entdeckt einige unserer Mitschüler und lässt mich kurz am Büfett stehen. Genüsslich nehme ich mir noch ein Törtchen.

»Einen Champagner, schöne Lady?«

Ein Kellner hält mir ein Tablett entgegen.

Schnell schlucke ich das Törtchen herunter und wische mir die Sahne aus dem Mundwinkel. »Nein, danke.«

»Wir haben auch noch andere Getränke. Wein, Whiskey?« Er lächelt mir aufmunternd zu.

Ich lasse meinen Blick suchend durch den Raum gleiten, bis ich Jake mit einem Glas Whiskey entdecke. Wahrscheinlich wird er später wieder ein Taxi rufen müssen.

Genervt wende ich mich wieder dem Kellner zu. »Ich trinke nicht.«

Er streicht sich seine Schürze glatt, als er nickt. »Verstehe.« Er sieht mich an, als würde ich nicht hierhergehören. Als ich ihm ins Gesicht schaue, bemerke ich eine kleine Narbe in seinem Mundwinkel. Fast, als hätte ihm jemand ein Lächeln eingeritzt. Er bemerkt meinen Blick und ich straffe schnell die Schultern.

»Dann noch einen schönen Abend«, murmele ich höflich, obwohl er sicher keinen haben wird, wenn er die ganzen betrunkenen Leute hier bedienen muss.

Eilig laufe ich zu Jake herüber. Es ist kurz vor Mitternacht und ich will unbedingt das Feuerwerk sehen. »Jake?«

Er dreht sich zum mir um. Sein Blick ist wirr.

Enttäuscht fasse ich ihn am Arm. »Es ist kurz vor Mitternacht. Lass uns rausgehen, ich will das Feuerwerk sehen.«

»Wie rooooomantisch.« Patrick, ein schlaksiger Kerl aus der Klasse über mir, zeigt ein Herz mit seinen Fingern.

Ich verdrehe die Augen. Dass sich Jake immer mit solchen Idioten abgeben muss. Doch dieses Mal wirft auch Jake ihm einen bösen Blick zu.

»Mein Babe bekommt alles. Wenn sie Feuerwerk sehen will, sehen wir Feuerwerk, kapiert?« Er lallt bereits, was meine Stimmung ins Bodenlose sinken lässt. Trotzdem laufen wir Hand in Hand nach draußen.

Gerade noch rechtzeitig, denn der Countdown ertönt bereits. Als er bei null ankommt, drückt Jake mir einen feuchten Kuss auf den Mund. Er stinkt nach Whiskey und ich verkrampfe mich. Ich mag es nicht, von ihm geküsst zu werden, wenn er getrunken hat. Seine Zunge sucht meine und ich lasse es zu, versuche meine negativen Gefühle zu unterdrücken und meine rosarote Brille wieder aufzusetzen. Seine Küsse werden gieriger und ich stoße ihn energisch von mir weg.

»Jake...«

Er legt die Hände um meine Taille und zieht mich an sich. »Sorry Babe, du bist so heiß, ich kann nicht anders«, flüstert er in mein Ohr und ich bekomme eine Gänsehaut. »Lass uns zu meinem Auto gehen. Du hast mich so lange warten lassen, ich kann nicht mehr.« Jake drückt sich an mich und als ich ihn durch seine Hose spüre, muss ich schlucken.

Trotzdem folge ich ihm zu seinem Sportwagen, der etwas abseits des Chalets am Straßenrand parkt.

Es dauert eine Weile, bis Jake die Autoschlüssel in seiner Stoffhose findet. Er taumelt ein wenig nach links und rechts, fängt sich dann jedoch wieder. Ich spüre, wie die Wut in mir hochkriecht. Langsam balle ich meine Hände zu Fäusten. Der Kerl hat sie doch nicht mehr alle! Nennt mich prüde, aber ich werde mich sicher nicht in seinem Sportwagen entjungfern lassen.

»Steigen Sie ein, meine Lady.« Er hält mir die Tür auf und ich klettere trotz meiner Bedenken hinein.

Die Sitze haben bereits Liegeposition. Im Wagen riecht es nach Desinfektionsmittel, was der kleine Duftbaum am Spiegel wohl zu übertünchen versucht.

Ich sehe Jake dabei zu, wie er auf die andere Seite des Wagens torkelt und sich dann auf den Fahrersitz fallen lässt. Als die Tür hinter ihm zuknallt, herrscht kurz Stille zwischen uns.

Angespannt starre ich nach draußen. Vor uns liegt die schwarze, leere Straße. Hinten, zwischen den Bäumen, sind noch ein paar vereinzelte Raketen zu sehen. Ich warte ab, was als nächstes passiert. Jake starrt nach draußen. Ob ihm vielleicht schlecht ist?

Er drückt ein paar Mal auf den Knöpfen am Lenkrad herum, bis plötzlich das Radio in voller Lautstärke losbrüllt. Jake versucht, es leiser zu stellen, doch das Touchpad am Lenkrad reagiert nicht.

»Jake, verdammt!«, schreie ich und versuche vergeblich, das Radio auszuschalten.

Als mir nichts anderes mehr einfällt, ziehe ich den Schlüssel aus der Zündung.

Wieder herrscht Stille. Aus der Ferne sind ein paar Bässe zu hören.

»Ich werde hier nicht mit dir schlafen«, sage ich leise, um die Situation zu einem Abschluss zu bringen.

Jake sieht mich entgeistert an, fast so, als hätte ich ihn mitten ins Gesicht geschlagen.

Dann sieht er mir direkt in die Augen. »Ich will jetzt allein sein, Babe.«

»Was?« Verwirrt sehe ich ihn an.

»Steig sofort aus.« Er kramt in seiner Hosentasche, zieht ein paar zerknüllte Geldscheine hervor und reicht sie mir. »Hol dir ein Taxi. Verpiss dich!«

Ich bin so perplex, dass ich mir auf die Lippe beiße. Dann hole ich tief Luft. »Jake, du kannst jetzt nicht mehr fahren. Du hast getrunken.«

»Ich schaffe das schon. Steig. Einfach. Aus.« Er betont jedes Wort mit solch einem Unterton, wie ich ihn noch nie bei ihm gehört habe.

»Du spinnst doch! Erst zwingst du mich auf diese Party, dann will ich nicht mit dir schlafen und jetzt setzt du mich auf die Straße? Was ist nur los mit dir?« Ich lasse meinem Zorn freien Lauf. Viel zu lange habe ich das Bedürfnis unterdrückt, ihm mal ordentlich die Meinung zu sagen.

»Schön, dann fahr!« Ich reiße die Tür auf. Kaum bin ich ausgestiegen, rast Jake bereits mit quietschenden Reifen davon.

Wütend schreie ich, so laut ich kann. Es tut gut, meinen Frust herauszulassen. Ich atme ein paar Mal ein und aus. Langsam werde ich ruhiger. Schnell krame ich in meiner Handtasche nach meinem Handy. Bloß weg von hier.

»Ist alles in Ordnung?«

Ich drehe mich herum und sehe den Kellner, der vorhin am Büfett bedient hat. Mit gerunzelter Stirn kommt er ein paar Schritte auf mich zu.

»Danke. Es geht schon.« Meine Stimme ist ungewollt patzig und er weicht zurück. Dann nickt er nur und verschwindet ohne ein weiteres Wort.

Jetzt sehne ich mich nach Jakes Berührungen. Ja, sogar nach dem Geruch seines Atems, wenn er mal wieder zu viel getrunken hat. Doch da ist nichts mehr. Kein Atem. Kein Hauch. Kein Jake. Jake ist tot.

Kapitel 1

Sue

2 Jahre später – März

Müde schließe ich die Tür des Buchladens ab. Albträume haben mich auch diese Nacht wachgehalten. Am liebsten würde ich jetzt in mein Bett kriechen, mir ein Hörbuch aussuchen und die Decke über den Kopf ziehen. Aber nicht heute. Heute hat meine beste Freundin Sabrina Geburtstag. Sie hat mir nach Jakes Tod beigestanden, ist immer da, wenn ich mal wieder heulend das Zimmer nicht verlassen will. Keine Frage, dass sie es verdient hat, dass ich mich an ihrem Geburtstag zusammenreiße.

Ein Klopfen an der geschlossenen Glastür reißt mich aus meinen Gedanken. Sabrina steht draußen. Sie hält eine braune Tüte und eine Flasche Sekt in die Höhe. Meine Freundin trägt eine schlabberige Jogginghose und Schneeboots, obwohl es um diese Jahreszeit schon ziemlich warm ist. Verwirrt von ihrem Outfit schließe ich die Tür wieder auf.

»Na endlich, Sue. Ich kenne niemanden, der so lange arbeitet wie du.« Stöhnend drückt sie mir ihre Mitbringsel in die Hand, und tritt an mir vorbei in den Laden.

Verwirrt folge ich ihr. »Wieso bist du noch nicht umgezogen? Ich dachte, wir wollten zum Karaoke?« Sie mustert mich von Kopf bis Fuß und schüttelt kaum merklich den Kopf.

Aus der braunen Tüte duftet es nach Zimt und in meinem Magen beginnt ein Grummeln.

Sabrina winkt ab. »Ach, was soll's. Wir können auch einfach eine Lesenacht machen. Nur du und ich. Und natürlich Pizza. Und Zimtschnecken.« Sie dreht fröhlich eine Pirouette auf dem kleinen flauschigen Teppich, der vor meiner gemütlich eingerichteten Leseecke liegt.

»Aber ich dachte, dir ist es wichtig, mal wieder auszugehen.« Ich kann die Dankbarkeit in meiner Stimme kaum verbergen.

»Meine beste Freundin ist mir aber wichtiger.« Sie zuckt mit den Schultern.

Ich schlucke und stelle den Sekt und die Tüte auf einem kleinen Beistelltisch ab. Wie lieb ist das denn? Sabrina hat heute Geburtstag und was tut sie? Beschenkt mich! Mit ein paar Tränen im Augenwinkel nehme ich sie in die Arme und drücke sie fest an mich.

»Happy Birthday«, flüstere ich in ihre Plüschjacke.

Sie schiebt mich lachend von sich. »Hey, an meinem Geburtstag wird nicht geheult, ist das klar?« Ermahnend hebt sie einen Zeigefinger und ich schniefe hörbar.

Sabrina schiebt mein Kinn vorsichtig nach oben. »Ich hole die Schlafsäcke aus dem Auto und du suchst schon einmal einen Pizzadienst.«

Sie zieht den Reißverschluss ihrer Jacke noch ein Stück weiter nach oben und tritt aus dem Laden. Schnell wische ich mir die Tränen ab. Ich bin ihr so dankbar! Zumal ich weiß, wie sehr Sabrina es liebt, auszugehen. Seit Jakes Tod bin ich nicht mehr weg gewesen und wenn ich ehrlich bin, vermisse ich es auch nicht. Lieber stürze ich mich in die Arbeit. Letzte Woche habe ich die Buchhandlung meines Großvaters übernommen. Er hat sie mir vermacht. Vielleicht, weil er weiß, wie sehr ich Bücher liebe. Vielleicht aber auch, um sicherzugehen, dass ich hierbleibe.

Ich möchte diese Stadt so schnell wie möglich verlassen. Mit allem hier abschließen. Und dazu gehört auch, die Buchhandlung später, wenn sie gut läuft, zu verkaufen. Schließlich habe ich bereits viel Zeit verloren, indem ich mein Abi ein Jahr später gemacht habe als alle anderen. Nach Jakes Tod hatte ich lange das Gefühl, nie wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Mittlerweile habe ich gelernt, mit der Leere, die er hinterlassen hat, zu leben. Ich habe eine stabile Mauer um mich herum aufgebaut, die keiner mehr durchbrechen kann.

Sabrina ist die Einzige, vor der ich meine Gefühle ab und an zulasse. Noch ein Jahr vielleicht, dann kann ich endlich an die Uni. Bis dahin habe ich genug Geld zusammengespart, um den Umzug bezahlen zu können. Hauptsache, weg von hier.

Mit einer gigantischen Pizzaschachtel zwischen uns, sitzen wir kurz darauf, eingekuschelt in zwei Schlafsäcke, zwischen den Bücherregalen. Der ganze Raum duftet nach Pizza und Zimt. Aber auch der Geruch von frisch gedruckten Büchern liegt in der Luft. Ich habe die Lichterkette im Schaufenster angeschaltet, die seit der Adventszeit dort hängt. Bisher hatte ich noch keine Zeit, sie wieder einzupacken. Heute Abend wirft sie ein gemütliches Licht in den Raum.

Ich nippe an meinem alkoholfreien Sekt und halte mir den vollen Pizzabauch. Jake hat Pizza gehasst. Zu viele leere Kalorien. Nach seinem Tod habe ich festgestellt, dass meine Liebe zu dick belegter Pizza nach wie vor vorhanden ist.

Ich schaue Sabrina dabei zu, wie sie die Geburtstagswünsche auf Instagram beantwortet. Mein schlechtes Gewissen meldet sich. Bestimmt hätte sie ihren Geburtstag lieber noch mit weiteren Gästen verbracht, als nur mit mir. Zum Beispiel mit ihrer Schwester oder ihren vielen Freunden.

Als ich mit Jake zusammen war, dachte ich, seine Freunde wären auch meine. Doch seit er tot ist, hat sich niemand mehr bei mir gemeldet. Zum Glück habe ich stets den Kontakt zu Sabrina, meiner Schulfreundin seit der ersten Klasse, gehalten, auch wenn Jake mich ziemlich beansprucht hat und wir uns eine Weile deshalb kaum gesehen haben.

Zum Glück hat Sabrina mir das immer verziehen.

»Whoa. Nicht wahr!« Sabrinas Augen werden groß.

»Was denn?« Ich versuche, einen Blick auf den Bildschirm zu erhaschen.

Sabrina streckt mir das Handy entgegen. Ein Foto, auf dem eine perfekt manikürte Hand zu sehen ist. Am Ringfinger glitzert ein Ring in die Kamera. Sabrina hält sich das Telefon wieder unter die Nase und versucht, mit den Fingern das Foto heranzuzoomen.

»Was für ein krasser Ring. Ich hätte nie gedacht, dass aus den beiden was Ernstes wird. Schließlich sagt man doch, dass alle in diesen Dating-Apps nur das Eine wollen.«

Ich trinke meinen Becher aus. Momentan kann ich Bilder von verliebten Pärchen kaum ertragen, was ich aber lieber für mich behalte. Ich habe der Liebe abgeschworen. Nie wieder will ich mich auf einen Kerl einlassen, der mich dann, auf welche Art auch immer, sitzen lässt. Nie wieder will ich mich so elend fühlen, dass ich das Haus nicht mehr verlassen kann.

»Schau dir diesen Klunker an«., schwärmt Sabrina. »Wir sollten uns diese App auch runterladen.«

Ich verdrehe die Augen. Ganz bestimmt lade ich mir keine Dating-App herunter.

»Die App heißt LOVEit.« Schon hält mir Sabrina das Handy mit dem geöffneten App-Store unter die Nase. Die App wird bereits heruntergeladen.

»Sabrina, ich denke nicht, dass das etwas für mich ist.« Missmutig schenke ich mir noch Sekt ein.

»Jetzt sei nicht so ein Spielverderber. Ich wünsche es mir nämlich von dir zum Geburtstag.« Sie grinst und ihre Augen glitzern vor Begeisterung.

Ich atme so laut aus, dass meine Lippen geräuschvoll schlackern. »Bitte zwing mich nicht dazu«, presse ich heraus.

Sabrina rutscht etwas näher an mich heran. »Also hast du einfach nur Angst!«

»Was?«

»Na, ja, dass dir jemand gefällt. Dass jemand genauso hot sein könnte wie dein Jake.«

Bei seinem Namen verkrampft sich alles in mir. Sabrina sieht meinem Gesicht an, dass sie mit dieser Aussage gerade zu weit gegangen ist.

»Sue, hör zu, wir machen einen Deal.« Feierlich hebt sie ihr Glas in die Höhe.

»Ein Jahr mit dieser App. Jeden Monat ein einziges Date. Zwölf klitzekleine Schritte in ein neues, erfülltes Leben. Für mich! Damit ich dich endlich wieder glücklich erleben kann. Damit du wieder lachen kannst und nicht nur die Mundwinkel nach oben ziehst, wenn du meinst, dass es von dir erwartet wird. Und wenn du diese Datinggeschichte dann immer noch scheiße findest, lass ich dich für alle Zeiten in Ruhe. Versprochen!«

Sie streckt ihren kleinen Finger in meine Richtung aus für das »Pinky-Promise«.

Ich zögere einen Moment, auch wenn ich diese Idee für totalen Schwachsinn halte. So verschlossen, wie ich bin, werde ich mich ganz sicher nicht verlieben. Schließlich habe ich mich gegen jede Gefühlsregung gewappnet und meine Mauer dermaßen hochgezogen, dass sie keiner durchbrechen kann. Aber das habe ich Sabrina natürlich nicht auf die Nase gebunden.

Es ist ihr Geburtstagswunsch, also was soll's. Ich gebe mir einen Ruck, hole tief Luft und kreuze meinen kleinen Finger mit ihrem. Als sie mich danach erwartungsvoll ansieht, hole ich mein Handy hervor, um ihr zu beweisen, dass ich die App auch tatsächlich herunterlade.

Gemeinsam erstellen wir für jede ein Profil. Ich beantworte alle Fragen gewissenhaft, schließlich will ich keine Vollidioten oder Serienkiller treffen. Nach langen Diskussionen lasse ich mich sogar darauf ein, ein paar Fotos von mir hochzuladen. Gerade will ich mein Handy wieder wegstecken, da blinkt bereits die erste Nachrichtenanfrage auf.

Kapitel 2

Georgie

März

Das Restaurant scheint mich bereits von außen auszulachen. Ich werde dort meine gesamten Ersparnisse auf den Tisch legen, da bin ich sicher. Wenn sie überhaupt wissen, was Bargeld ist. Ich besitze keinerlei Kreditkarten. Doch es ist das Beste Lokal der ganzen Stadt und das muss es Mann wert sein, wenn er bei der wundervollsten Frau der Welt punkten will.

Für die Liebe ist mir nichts zu schade und ich sage euch, ich liebe Melanie so sehr, dass ich jeden Tag mit klopfendem Herzen und den Gedanken bei ihr aufwache.

Ich habe eine positive Ausstrahlung und ein sonniges Gemüt, wird mir nachgesagt, aber ich bin nur ein farbiger Junge, der nach einer Figur von Steven Kings »ES« benannt ist. Auch mein Aussehen entspricht jetzt nicht gerade dem eines heißen Sunnyboys, denn mit meinen kurzen Afrolocken wirke ich eher verloren. Aber ich mag meine Haare, denn sie erinnern mich an meinen amerikanischen Vater, der viel zu früh gestorben ist.

Das Taxi hält mit quietschenden Reifen.

Ich schiele zu Melanie herüber, die in ihrer Designer-Lederjacke aussieht wie das nächste Bond Girl. Die Jacke hat drei Gehälter von mir gefressen, aber wenn sie glücklich ist, bin ich es auch.

Zu meiner Erleichterung sieht sie beeindruckt aus, als der Taxifahrer verkündet, dass wir das Ziel erreicht haben. Ich schnalle mich ab, rutsche ein Stück näher an sie heran und streiche ihr zärtlich über die Wange. Doch Melanie ist so abgelenkt, dass sie nicht reagiert. Sie öffnet die Wagentür, steigt aus und lässt mich einfach sitzen. Seufzend komme ich ihr hinterher. Mein Magen knurrt, und ich kann es kaum abwarten, endlich etwas zu essen.

Drinnen ist es hell, ruhig und ordentlich, fast, als wären wir auf einem Filmset. Der Oberkellner geleitet uns an hübsch gekleideten Frauen und frisch gestylten Männern vorbei an unseren Tisch. Darauf ist bereits ein gigantischer Blumenstrauß dekoriert, der jetzt schon meine Nase zum Kribbeln bringt. Die Atmosphäre ist nobel und erdrückend, doch das Strahlen in Melanies Gesicht macht alles wieder gut.

»Darf ich Ihnen vielleicht schon einen Wein empfehlen?«, fragt der Kellner höflich.

»Vielleicht einen erlesenen, trockenen Rotwein aus Frankreich?« Melanie übernimmt gerne für mich das Wort.

Ich nicke stumm, obwohl ich weiß, dass sie bereits für mich entschieden hat.

»Sehr gern.« Der Kellner legt eine kleine Verbeugung hin und eilt dann davon.

»Wow, es ist wirklich schön hier«, sagt sie leise.

Ich greife über den Tisch und nehme ihre Hände. Sie sind eiskalt. Melanie sieht mir nicht in die Augen, während ich ihre Finger streichele.

Ein mulmiges Gefühl macht sich in mir breit. Schnell schiebe ich es beiseite. Sie ist sicher nur überwältigt von diesem schicken Restaurant.

Der Kellner taucht mit unserem Wein auf und stellt zwei glitzernde Gläser vor uns ab.

Ich schlucke, als er aus der schönsten Flasche einschenkt, die ich je gesehen habe. Lange habe ich neben der Schule bei einer Cateringfirma gearbeitet. So oft, wie ich dort Aufträge bearbeitet habe, weiß ich, dass dieser Wein sicher mehrere hundert Euro kosten wird. Du musst dich wirklich entspannen, Georgie. Bleib cool. Sonniges Gemüt. Der Sonnenschein der Familie.

Ich schenke dem Kellner ein freundliches Lächeln, doch dieser mustert mich nur, wobei seine Nasenlöcher mit jedem Blick größer zu werden scheinen. Nachdem er mich von oben bis unten begutachtet hat, reicht er uns zwei Speisekarten. Dann lässt er uns mit der Entscheidung, wie wir mein Geld am besten verbrennen, allein. Meine Augen fliegen über die Vorspeisen und ich frage mich immer mehr, was zur Hölle ich mir hierbei gedacht habe.

»Also puh, die Auswahl ist hier ja wirklich krass«, versuche ich das Gespräch in Gang zu bringen.

Melanie sieht von ihrer Karte auf und mir in die Augen. Da weiß ich plötzlich, dass etwas nicht stimmt.

»Was ist los?«

Sie legt die Karte ordentlich vor sich ab und sieht sich um. Eine Weile beobachtet sie die Kellner, die leichtfüßig durch das Lokal schweben. Dann wendet sie sich wieder mir zu. Augenblicklich wird mir eiskalt.

»Wir müssen reden.«

Diesen Satz hört wohl niemand gern. Dieser Satz geht nie in eine gute Richtung. Dieser Satz zerstört meist alles in dir.

»Okay.« Meine Stimme ist kratzig.

Der Kellner erscheint erneut und stellt uns etwas Brot und Olivenöl auf den Tisch.

»Eine kleine Aufmerksamkeit des Hauses.« Er scheint fast zu sabbern, als sein Blick zu Melanies Ausschnitt wandert.

Gerade will ich etwas erwidern, da dreht er sich schon um und verschwindet. Sein Glück.

Sonniges Gemüt. Der Sonnenschein der Familie.

Ich betrachte das Brot. Mein Magen rebelliert und ich bin mir nicht sicher, ob es die Anspannung ist, oder der Fakt, dass ich fast vor Hunger umkomme.

»Ich glaube, es ist besser, wenn wir uns trennen.«

Da ist er. Der Satz, den ich in den letzten Jahren von jeder meiner ehemaligen Freundinnen hören musste. Ohne Vorwarnung. Ohne Vorbereitungszeit. Einfach gerade heraus, als sei es nichts. Als sei es ein Satz wie »Wir essen heute Brötchen zu Abend.«

»Was?«, frage ich trotzdem nach, so wie ich es immer tue.

»Ich liebe dich nicht mehr.«

In meinem Inneren zerbricht etwas. Ein überwältigendes Gefühl von Leere überkommt mich. Ich kralle meine Finger um die Tischkante. Mein Herz, das ich nach meinem letzten Liebeskummer sorgsam wieder zusammengeklebt habe, scheint mit einem lauten Krachen auseinanderzufallen.

Frauen sagen »Ich liebe dich«, wenn sie sich freuen, dass du ihnen eine neue Handtasche gekauft hast. Frauen sagen »Ich liebe dich«, wenn du sie nach einem langen Arbeitstag eine geschlagene Stunde massierst. Frauen sagen »Ich liebe dich«, wenn sie sich in der Lust verlieren. Du musst immer etwas leisten, um diese drei Worte zu hören, die dir alles bedeuten, wenn du wie ich an die wahre Liebe glaubst.

Doch mit »Ich liebe dich nicht mehr« scheinen alle deine Leistungen, deine Bemühungen, deine Zärtlichkeiten und deine Leidenschaft nichts mehr wert zu sein.

Jetzt macht sich etwas anderes in mir breit. Wut. Wut darauf, dass ich sie wie einen kostbaren Schatz behandelt habe. Wut darauf, dass ich ihr jeden noch so abwegigen Wunsch erfüllt habe. Wut darauf, dass ich immer der gut gelaunte Kerl sein muss.

»Ich glaube, es ist besser, wenn ich gehe.« Melanie nimmt ihre Jacke, die ich ihr am liebsten aus der Hand gerissen hätte. Weil sie sie nicht verdient hat. Weil sie zur Hölle fahren soll. Aber meine Wut lähmt mich, und ich schaue mit aufgebissener Lippe zu, wie sie, ohne ein weiteres Wort, nach draußen geht. Ich bleibe zurück, fassungslos und steif wie eine Puppe.

»Haben Sie sich ent...« Der Kellner sieht sich suchend nach der Schönheit um, die eben noch auf dem Stuhl gegenüber saß.

»Sie ist gegangen«, zische ich. Soll er doch denken, was er will.

Doch plötzlich wird seine Miene sanft. Fast schon freundschaftlich legt er mir vorsichtig eine Hand auf die Schulter.

»Das tut mir leid. Meine Frau hat mich letzte Woche verlassen. Ich weiß, wie das ist. Wir Männer sind einfach nur arme Schweine. Ackern uns bis nachts ab, um den Damen ein tolles neues Auto zu kaufen und währenddessen schlafen sie mit dem Schönheitschirurgen.«

Ich sehe ihn mitleidig an, als er sich räuspert. »Dann wohl die Rechnung.« Sein Akzent lässt ihn langsam sprechen.

Schnell nicke ich und er zieht ein Kartenlesegerät aus seiner Gürteltasche. Ich krame in meiner Jacke herum, doch der Geldbeutel steckt nicht darin. Auch meine Hosentaschen sind leer. Panisch suche ich jede einzelne Tasche der Jacke ab. Er ist nicht da! Vielleicht habe ich ihn im Taxi liegen lassen?

Der Kellner hält mir die Rechnung entgegen. Mit Schweißperlen auf der Stirn nehme ich den Zettel. Ich starre darauf, doch die gigantische Summe für den Wein verschwindet nicht.

»Es tut mir leid, ich... ich habe meinen Geldbeutel verloren.«

Er sieht mich an, als hätte ich einen schlechten Scherz gemacht.

»Wir nehmen auch Apple – oder Googlepay.«

Jetzt sehe ich ihn an, als würde er scherzen.

»Nein, wirklich. Ich habe... gerade ... naja ... anscheinend kein Geld dabei«.

Sein linkes Auge zuckt, er schnappt nach Luft, versucht etwas zu sagen. Dann fasst er sich wieder.

»Also, eh ... das gab es hier wirklich noch nicht. Da muss ich leider den Chef rufen.«

Ich will erwidern, wie peinlich es mir ist und dass ich zurückkomme, sobald ich meinen Geldbeutel wiederhabe, doch der Kellner ist schon fort. Nicht mehr leichtfüßig, sondern blitzschnell wie eine Wüstenmaus.

Dieser Abend ist eindeutig der schlimmste Abend seit langem.

Ich blicke auf und entdecke ein paar neugierige Gesichter, die die Situation scheinbar genau beobachtet haben.

Kurze Zeit später kommt der Kellner mit einem großen, gut gebauten Mann zurück, der nicht gerade so aussieht, als könne man mit ihm einen guten Kompromiss aushandeln.

»Der Herr hier kann leider nicht bezahlen, weil er seine Brieftasche vergessen hat«, sagt der Kellner außer Atem.

»Es tut mir wirklich leid, ich ...«

»Da muss ich leider die Polizei rufen.« Er holt ein Handy aus seinem Jackett.

»Bitte, ich ... ich komme morgen wieder und bezahle. Versprochen. Sie können mein Handy hierbehalten. Als Pfand.«

»Chef, also ... ehm.« Der Kellner sieht mich mitleidig an. »Dem Burschen wurde gerade das Herz gebrochen. Er könnte doch die nächste Schicht übernehmen. Bisschen aushelfen. Jimmy hat sich krankgemeldet, die Bude brennt, wir könnten echt Hilfe gebrauchen.« Er redet so schnell, dass er das gehobene Deutsch links liegen lässt. Ich bin überrascht, dass er sich für mich einsetzt und so gerührt, dass ich ihm am liebsten um den Hals fallen würde.

Der Chef hält inne, schaut zwischen dem Kellner und mir hin und her.

»Haben Sie Erfahrung?«

Verwirrt zucke ich mit den Achseln. »Schon, würde ich sagen.«

Er streicht sich über seinen Bart. Plötzlich sieht er auch nicht mehr arrogant aus. »Also, wir könnten wirklich Hilfe gebrauchen.« Sein Blick wandert durch den vollen Raum. Vorne am Eingang warten bereits mehrere Leute auf einen freien Tisch.

»Fein.« Er nickt. »Kommen Sie mit nach hinten, da bekommen Sie Ihre Arbeits-Kleidung.«

Ich hatte schon viele Bewerbungsgespräche, aber das hier ist das seltsamste von allen. Aber so wie es scheint, kann ich nur zwischen einem neuen Job und der Polizei wählen. Da ich gerade die Schule beendet – und noch keine Ahnung habe, was ich als nächstes machen will, kommt ein Job gelegener.

»Einverstanden«, sage ich und setze ein strahlendes Lächeln auf. Wer weiß, was mich hier erwartet. So oder so, bin ich abgelenkt von den Gedanken, die mich quälen. Diese Gedanken, die ich nicht erst seit dem Abend heute habe.

Kapitel 3

Sue

März

Ich trete noch einmal ordentlich in die Pedale, bevor ich mit meinem Fahrrad auf den Parkplatz des Supermarktes rolle. An den Fahrradständern bremse ich hart und springe ab. Während ich das Rad abschließe, höre ich erneut dieses Geräusch, das mich schon den ganzen Tag quält.

Genervt ziehe ich mein Handy aus der Hosentasche. Schon wieder zeigt mir das Display an, dass mir jemand eine Nachricht in LOVEit hinterlassen hat. Für die Arbeit muss ich stets erreichbar sein, also kommt das Ausschalten des Tones nicht in Frage. Beim Ausatmen lasse ich die Lippen vibrieren. Das müsste jetzt die 85. Nachricht sein, die ich ignoriere. Was habe ich mir nur dabei gedacht, mich hierzu überreden zu lassen? So ein Unsinn. Schnell stecke ich das Handy in meinen kleinen Rucksack und mache ich auf dem Weg zum Eingang.