Nur ein Monat - Lisa Varlisa - E-Book

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Lisa Varlisa

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Beschreibung

Die 16-jährige Jenny hat es nach dem Umzug in eine fremde Stadt nicht leicht. In der Schule findet sie keinen Anschluss, sich zu öffnen fällt ihr schwer. Dass ihre Eltern reich sind, macht die Sache auch nicht besser. Erst recht nicht, als diese den jungen, gutaussehenden Henri als Chauffeur einstellen. Hinter der coolen Fassade scheint er eindeutig etwas zu verbergen. Doch unaufhaltsam kommen sich die beiden näher. Aber ist Henri bereit für die Liebe? Oder holt ihn seine dunkle Vergangenheit doch wieder ein?

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Seitenzahl: 202

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Lisa Varlisa

Nur ein Monat

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

Impressum neobooks

1. Kapitel

Jenny

So habe ich mir das nicht vorgestellt. Eine neue, aufregende Stadt direkt vor meinem Fenster. Wenn man jedoch mit einberechnet, dass ich ganze zwanzig Minuten von meinem Zimmer durch die hohlen Flure der Villa und die Einfahrt hinunter brauche, liegt die Stadt doch ziemlich weit entfernt. Ihr denkt jetzt bestimmt: „Wo ist dein Problem? Ich wünschte, ich wäre so reich wie du." Aber reich sein nervt. Ihr fragt euch wieso? Ich erkläre es euch: Geld kann kein Zuhause schaffen.

Wir wohnen jetzt schon eine ganze Weile in einem teuren Randbezirk von Frankfurt. Eine Villa protziger als die andere, reihen sie sich nebeneinander. Jedes Monstrum wohl darauf bedacht, auch ja das größte Tor von allen zu haben. Den schönsten Garten, den süßesten Security Mann. Doch nichts davon kann das Loch füllen, das, seit wir hier sind, in meiner Brust immer größer zu werden scheint.

Die IT-Firma meiner Mutter Sabine war über Nacht plötzlich in die Decke geschossen. Rund 6.000 Firmen aus der ganzen Welt wollten plötzlich die Produkte meiner Mutter beziehen. Sie entwickelt dort klitzekleine, schwarze Kästchen, die Unmengen an Daten in Millisekunden durch die ganze Welt schicken können. Tut mir leid, genauer kann ich euch das auch nicht erklären, ich habe wirklich keine Ahnung von diesem Bereich.

Ihr Erfolg bedeutete mehr Arbeit, mehr Arbeit bedeutete, dass meine Mutter ein größeres Büro brauchte. Das wiederum bedeutete, dass wir Abschied von unserem kleinen Reihenhaus am Waldrand nehmen mussten. Und so sagte ich Lebewohl: Zum Pilze sammeln im Wald, zum Fahrrad fahren mit meinen Freunden, zur Schule, die ich liebte.

Der Umzug ist jetzt ein halbes Jahr her und noch immer hasse ich meine Eltern dafür. Es ist nicht so, dass ich nicht dankbar für all den Luxus bin, doch ich vermisse mein altes Zuhause und meine Freunde schmerzlich, auch wenn wir jeden Tag telefonieren und texten.

„Wie wäre es, wenn du mal vor die Tür gehst?" Mama steht, mal wieder ohne zu klopfen, in meinem Zimmer.

„Wie wäre es, wenn du mal anklopfst?", blaffe ich zurück.

Mama verdreht die Augen und setzt sich neben mich aufs Bett. „Du kannst doch nicht immer nur hier drinnen sitzen", murmelt sie und streicht mir durch die Haare.

Früher hat mich das immer beruhigt, doch seit dem Umzug macht es mich nur noch aggressiver. Welche Mutter, die ihre Tochter liebt, trennt eine 16-jährige von ihren Freunden? Das ist pure Folter!

„Ich gehe doch zur Schule, reicht das nicht?", meine ich, stehe vom Bett auf und starre aus dem Fenster.

Es regnet literweise dicke Tropfen. Ich kann Mamas Blick in meinem Rücken spüren. Ich wäre gerne die perfekte Tochter, ehrlich. Eine Tochter, die Mama nicht noch zusätzlichen Stress bereitet, denn Stress hat sie in der Firma mehr als genug. Doch ich bin schlecht darin, meine Gefühle zu verstecken.

„Wenn du willst, dass Mo dich irgendwohin fährt, gib ihm einfach Bescheid", seufzt Mama und ist schneller wieder aus der Tür, als ich antworten kann.

Mo, oder genauer Mohammad, ist unser Fahrer. Einen Fahrer braucht jeder, der reich ist, oder nicht? Mohammad stammt aus dem Iran und lebt seit 5 Jahren in Deutschland. Er ist winzig klein, bestimmt nur 1,60 Meter und trägt einen ziemlich dichten Bart, der sich unter seiner Nase immer ein wenig kräuselt. Ihr sucht den süßen Security Mann? Tja, nicht bei uns. Eltern! Ihr versteht?

Da fällt mir ein, ich habe euch ja noch gar nicht meinen Papa vorgestellt. Frank, oder „Hupsi", wie ich ihn gerne nenne, weil er so tollpatschig ist und immer mit einem lauten „Hupsi" alles fallen lässt, unterstützt meine Mama genauso, wie es ein Ehepartner tun sollte. Er besteht darauf täglich frisch für uns zu kochen. Er kocht super, was man auch deutlich an seinem kugeligen Bauch erkennen kann. Papa ist mein Fels in der Brandung, er versteht mich. Egal welches Problem ich habe, er findet immer eine Lösung. Fast so wie ein Superheld.

Vielleicht hat Mama aber Recht. Ich könnte wenigstens in die Stadtbücherei gehen, um mich mit Büchern einzudecken. Alle, die ich noch zuhause habe, habe ich schon bestimmt fünfmal gelesen. Ich brauche dringend ein wenig neue Lektüre, um meine Trotzphase in meinem Zimmer fortsetzen zu können. Entschlossen streife ich mir meinen Pullover über. Ihr müsst wissen, ich liebe bunte Pullover mit Sprüchen drauf. Nerdig, ich weiß. Heute passt der Spruch dennoch zu meinem Vorhaben: „Go for it!"

Henri

Trotz des Regens ist es unglaublich heiß im Raum. Das schwüle Wetter macht es fast unmöglich, die warme Luft wieder aus der Wohnung zu bekommen. So geht es im Sommer vielen in unserem Wohnblock. Keine der vierzig Wohnungen in diesem Hochhaus ist gut gedämmt. Deswegen trifft man, trotz des Regens, immer so gut wie alle Nachbarn im kleinen angrenzenden Garten. Dort haben sie sich dann schon eingerichtet. Mit großen Pavillons und Klappstühlen, auf denen sie mit einem kalten Bier in der Hand dem Sommerregen zusehen. Manch einer hält aus Protest auch einen Regenschirm über einen kleinen Kugelgrill, um sein Abendessen draußen genießen zu können.

Ich schalte meinen Computer aus. So sehr ich das Zocken liebe, heute hat der Kasten eindeutig genug Hitze in mein Schlafzimmer gepustet. Ich nehme meinen kleinen Fußball aus dem Regal. Das Training hinten auf dem Sportplatz ist heute wegen des vielen Regens abgesagt. Normalerweise spiele ich im Fußballclub unseres Wohnbezirks. Dort bin ich Torwart. Eine wichtige Rolle! Wenn der Trainer mich denn endlich mal einsetzen würde. Leider sitze ich nämlich momentan auf der Bank und warte auf meinen großen Auftritt. Deswegen darf bei mir auch kein Training ausfallen. Wenn es schon kein Offizielles gab, dann muss ich wenigstens für mich allein trainieren. Ich werde sicher ein paar Kids finden, die mit mir ein wenig kicken wollen.

Zügig verlasse ich die winzige Wohnung und trete in den Flur. Auch hier steht die Luft und es riecht nach unterschiedlichen Generationen und Kulturen. Ich horche, doch es ist kaum ein Geräusch zu hören. Die sind sicher alle bereits draußen. Die Tür zum Treppenhaus klemmt schon eine ganze Weile und trotzdem schaffe ich es jeden Tag sie aufzuzerren, ohne die Türklinke in den Händen zu halten. Wir wohnen im achten Stock, für einen Sportler also kein Problem, die Treppen zu nehmen. Oh, ich habe euch ja auch noch nicht verraten, dass ich keine Wahl habe. Hier gibt es keinen Fahrstuhl. Ihr fragt euch, was die Menschen machen, die im zehnten Stock wohnen. Tja, fragt besser nicht.

Der Garten ist schon gut gefüllt. Ich winke den Schaffners zu, die gerade unter ihrem Pavillon eine Runde Scrabble spielen. „Hallo Henri, wohin des Weges? Wieder für die große Karriere trainieren?", ruft Herr Schaffner und deutet auf meinen Fußball, den ich unter den Arm geklemmt habe.

„Genau, richtig. Ich suche ein paar Profis, die mich heute trainieren."

Herr Schaffner nickt und brüllt in Richtung des Hauseingangs: „Sascha, deine Fähigkeiten sind gefragt!"

Ich grinse. Der kleine Sascha, ganze acht Jahre alt, ist mein Lieblingstrainer. Mit seinen schnellen Bewegungen und den Mini-Füßen, tritt er die Bälle kreuz und quer. Es gibt keine bessere Voraussetzung für einen Torwart. Außerdem ist er einfach cool. Falls das mit der Fußballkarriere doch nichts wird, werde ich auf jeden Fall Kindergärtner. So kann ich helfen, die Kids auf die richtige Bahn zu bringen. Um Lehrer zu werden habe ich leider den falschen Schulabschluss gemacht. Obwohl ich mich wenigstens bis zu einem Realschulabschluss gequält habe.

Der kleine Sascha kommt über den Rasen gerannt und winkt mir zu, während links und rechts von seinen Gummistiefeln das Wasser wegspritzt.

„Hi, Henri!", sagt er vergnügt und schenkt mir ein strahlendes Lächeln.

Ich bemerke, dass ihm ein Eckzahn fehlt. „Na, Sportsfreund?", lache ich und deute auf seine Zahnlücke.

„Einer weniger?", frage ich ihn.

Sascha nickt heftig. „Hat mir der Sven mit dem Fußball aus dem Gesicht getreten! Cool, oder?" Er zieht eine Grimasse.

Wow, Kinder haben wirklich gar keine Angst vor Schmerzen. Ich würde mich wahrscheinlich weinend ins Zimmer verziehen, wenn mir einer den Zahn herausschlagen würde.

Wir laufen zusammen ein Stück bis zu einem kleinen improvisierten Fußballtor. Die Kinder haben es zusammen mit Herrn Tulla, einem alten Schreiner in Rente, aus einem alten Lattenrost gefertigt. Unter dem Tor steht der Matsch und ich überlege, ob das für heute wirklich eine so gute Idee ist. Doch Sascha verzieht keine Miene und positioniert sich vor dem Tor. Ich will nicht wie ein Spielverderber wirken, also stelle ich mich ins Tor. Sofort versinken meine Fußballschuhe bis zum Knöchel im Matsch. Ich höre Motorengeräusche. Eigentlich verirrt sich hier hinten nie ein Auto hin.

Saschas Rufen unterbricht meinen Gedankengang. „Bereit?"

Die Geräusche werden lauter und ich drehe mich um. In dem Moment höre ich den Schuss. Ich fahre herum. Der Ball kommt mit so einer Wucht geflogen, dass ich nicht rechtzeitig reagieren kann. Machtlos sehe ich zu, wie der Ball über das Gelände fliegt. Erst jetzt registriere ich den Wagen, ein schicker Mercedes mit schwarzen Scheiben. Ich öffne meinen Mund zu einem Schrei, als der Fußball den Seitenspiegel mit einem Krach zu Boden reißt.

2. Kapitel

Jenny

Wenn man diesen kauzigen Mo einmal braucht, ist er nicht da. Enttäuscht stelle ich fest, dass der schwarze Mercedes mitsamt dem Fahrer nicht in der Garage steht. Na, super. Jetzt habe ich mich schon aufgerafft, meinen Protest kurz zu unterbrechen und jetzt sitze ich doch hier fest. Ich überlege kurz, ob ich vielleicht zu Fuß in die Stadt laufen soll. Es würde zwar ewig dauern, aber was habe ich schon vor. Das Prasseln des Regens auf das Garagendach lässt mich diesen Gedanken ganz schnell verwerfen.

„Da warst du wohl zu langsam, Schatz."

Ich zucke zusammen, als Mama eine Hand auf meine Schulter legt.

Beleidigt ziehe ich eine Schnute. „Bleibe ich eben hier, kein Problem."

Es nervt, dass ich erst 16 Jahre alt bin und nicht in eins unserer zwei weiteren Autos steigen kann.

„Wenn du willst, kann ich dich aber mitnehmen. Ich wollte jetzt sowieso ins Büro fahren", meint Mama und zwinkert mir zu. Sie scheint mehr als erfreut zu sein, dass ich mal das Haus verlassen will.

„Setz mich dann bitte einfach vor der Bibliothek ab", gebe ich nach. Mama strahlt über das ganze Gesicht und ich strecke ihr die Zunge heraus.

Die Villen fliegen nur so an uns vorbei, als Mama das Auto durch die breite Straße lenkt. Hier ist so wenig Verkehr, Kinder könnten mit Straßenkreide ein ganzes Gemälde malen, ohne dass ihnen ein einziges Auto begegnen würde. Wenn es hier Kinder geben würde. Doch die hohen Mauern haben mich bisher noch keines sehen lassen.

Mama hält vor der gigantischen Stadtbibliothek. Mir bleibt der Mund offenstehen, als ich aus dem Auto steige.

„Halt, junge Dame", ruft Mama vom Fahrersitz und deutet energisch auf ihre Wange.

Ich rolle mit den Augen, beuge mich wieder ins Auto und drücke ihr einen Kuss auf die gewünschte Stelle.

„Bis nachher, Mama!"

Ich will gerade die Tür zuknallen, als Mama erneut zu rufen beginnt: „Mo ist gerade zum Einkaufen unterwegs. Ruf ihn an wenn du fertig bist, er nimmt dich dann wieder mit nach Hause." Ich nicke und mache mich auf den Weg.

Die Stadtbibliothek ist der Wahnsinn! In der Eingangshalle lege ich den Kopf in den Nacken und lasse die vier Stockwerke auf mich wirken. Unmengen an Büchern reihen sich ordentlich nebeneinander. Es riecht nach alten Einbänden und Staub, aber auch nach einem intensiven Männerparfüm. Ich fühle mich sofort wohl. Diese Bibliothek hat eindeutig etwas Magisches und schenkt mir direkt neue Energie.

In unserer alten Dorfbücherei hatte ich alle guten Bücher bereits gelesen, sodass die Bibliothekarin mir jedes Mal einen mitleidigen Blick zugeworfen hat, wenn ich zum hundertsten Mal das gleiche Buch auslieh. Doch das war nicht so schlimm, denn die Bücherei war immer mein Rückzugsort, wenn meine Eltern mir mal wieder auf die Nerven gingen.

Schnell finde ich die Romanabteilung und lasse meine Finger über die einzelnen Einbände wandern. Schon nach wenigen Sekunden habe ich beide Arme voll mit Büchern. Schnaufend suche ich mir einen freien Tisch und lasse mit einem lauten Knall die Bücher darauf fallen. Neben dem Tisch, in der Ecke, sitzt ein Mädchen am Computer. Von meinem Radau aufgeschreckt, hebt sie den Kopf und schaut mich an. Entschuldigend zucke ich mit den Schultern.

„Wow, da hast du aber was vor", flüstert sie. Dann steht sie auf, nimmt ein Buch nach dem anderen in die Hand. Schließlich nickt sie überzeugt.

„Gute Auswahl", meint sie.

„Danke!", lächle ich. „Die brauche ich auch, um meine nervigen Eltern zu überstehen."

Das Mädchen kichert leise. „Ich heiße Lisa. Bist du öfter hier? Ich habe dich noch nie gesehen. Eigentlich erkenne ich eine Leseratte sofort!", stellt sie sich vor.

„Nein, mein erstes Mal", antworte ich. Es tut gut mal mit jemandem zu sprechen. In der Schule bin ich nur „die reiche Schlange" und meine Mitschüler meiden mich.

Ein lautes Piepsen durchbricht die Stille der Bücherei. Beschämt krame ich mein Handy aus der Hosentasche. Eine Nachricht von MO.

BIN IN 10 MINUTEN VOR DER BÜCHREI.

Sein Deutsch wird immer besser. „Ich muss jetzt leider los, mein Fahrer wartet vor die Tür", wende ich mich an Lisa, „sehen wir uns vielleicht morgen?"

Bei dem Wort „Fahrer" hebt sie eine Augenbraue. Sie murmelt etwas Unverständliches und dreht sich dann wieder um zu ihrem Computer. Traurig schnappe ich mir die Bücher und verlasse eilig die Bibliothek. Wieder bin ich wohl nur „die reiche Schlange".

Henri

Ich zerre meinen Knöchel aus dem Matsch und renne los. Der Mercedes ist mit quietschenden Reifen zum Stehen gekommen. Als ich den Wagen erreiche, geht auch schon die Fahrertür auf. Ein kleiner Mann mit dichtem Bart steigt aus, die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen.

„Mist, verdammti, Mist", flucht er in gebrochenem Deutsch. Bevor er danach greifen kann, hebe ich die Trümmer des Außenspiegels auf. Das Metall ist verbogen, das Glas aus der Fassung gesprungen. Die Scherben liegen überall auf der Straße verteilt herum. Aus dem Augenwinkel bemerke ich Sascha, der vorsichtig auf uns zukommt. Ich mache eine flinke Handbewegung und er versteht mein Zeichen sofort: „Ich kläre das, mach dich aus dem Staub!"

„Es tut mir wirklich leid, es war ein Versehen!", beginne ich, doch der Mann beachtet mich kaum.

Er fuchtelt an der Halterung des Spiegels herum und hört nicht auf zu fluchen.

Ich trete neben ihn. „Hören Sie, ich komme natürlich für den Schaden auf. Ich habe das Auto nicht bemerkt", versuche ich die Situation zu erklären.

„Nicht mein Auto. Mein Chefi findet sicher richtig schlimm. Schlimm, schlimm", presst er hervor.

„Wenn Sie möchten, rufen Sie ihn doch an, ich erkläre ihm dann alles. Wir werden uns sicher einig", schlage ich vor, obwohl ich keine Ahnung habe, wie ich diesen Schaden bezahlen soll.

Schließlich haben teure Autos meistens auch teure Außenspiegel. Der Mann kratzt sich am Kopf, tippt auf seinem Smartphone herum und reicht es mir dann. Ich halte es ans Ohr und warte, bis jemand abhebt.

Als sich eine Männerstimme meldet, hole ich noch einmal tief Luft. „Guten Tag, hier spricht Henri Jansen. Hören Sie, unglücklicherweise habe ich aus Versehen den Außenspiegel Ihres Mercedes beim Fußballspielen zerstört. Es war keine Absicht, wirklich. Natürlich bezahle ich es auch."

Am anderen Ende der Leitung höre ich ein Husten. „Na wunderbar, den habe ich letzte Woche erst machen lassen."

Super, da hat Sascha ja einen super Zeitpunkt erwischt. Aber ich habe ihn schließlich zum Fußballspielen überredet. Der Kleine soll nicht schon in jungen Jahren so großen Ärger bekommen. Ich würde das schnell klären und mir Sascha danach vorknöpfen. Erziehung muss schließlich sein.

„Sie können mir das Geld heute überweisen. Ich nehme an, so 500 Euro kostet er." Ich schlucke. Woher soll ich so viel Geld nehmen?

Momentan habe ich keinen Job, da der kleine CD-Laden, in dem ich gearbeitet habe, letzte Woche wegen des schlechten Umsatzes schließen musste. Ich habe die Arbeit dort geliebt, auch wenn es nicht das war, was ich wollte. Aber von irgendwo her musste das Geld ja kommen.

„Ich habe leider nicht so viel Geld. Momentan bin ich arbeitslos. Geben Sie mir Ihre Daten und dann treibe ich das Geld so schnell es geht auf", erkläre ich und beiße mir auf die Lippe. Ich werde mir wohl bei ein paar Freunden was leihen müssen.

„Hm. Kennen Sie sich ein wenig in der Stadt aus?", frägt der Mann.

Er klingt erstaunlich entspannt. Wahrscheinlich ist es nicht sein einziger Wagen, so teuer wie das Auto aussieht.

„Wie meine Westentasche", sage ich überzeugt.

Wenn einer diese Stadt kennt, dann ich. Ich kenne jeden Straßennamen, jede Sackgasse, jeden kleinen Kiosk.

„Haben Sie einen Führerschein?"

Was soll diese Fragestunde. Wollen die so etwas für die Versicherung wissen?

„Ja, schon seit einer Weile", meine ich verwirrt.

„Und wie alt sind Sie?", frägt der Mann ungeniert weiter.

So langsam wird mir das jetzt zu doof.

„Ich bin 18. Was soll diese Fragerei?", zische ich gereizt. Das Maß an Höflichkeit ist erschöpft.

„Meinen Fahrer Mo haben Sie ja bereits kennengelernt", erleuchtet er mich endlich, „er möchte eine andere Stelle annehmen in der Nähe des Kindergartens seiner Tochter. Deswegen wird sein Job als Fahrer frei. Würden Sie sich das zutrauen? Meine Tochter ein wenig durch die Stadt fahren, ihr die Stadt zeigen."

Ich bin verwirrt. Das Angebot klingt gut und ich verstehe wirklich nicht, wie ich das verdient habe. Immerhin hat er einen Außenspiegel weniger. „Ein Monat und alles wäre bezahlt, klingt das nicht gut?", versucht er mir die Sache weiter schmackhaft zu machen. Ich überlege kurz. Autofahren liegt mir gut und so wäre die Sache in einem Monat vom Tisch. Ein wenig mit einem echt coolen Schlitten durch die Gegend fahren, das klingt nach einem guten Deal!

3. Kapitel

Jenny

Fast wäre mir der Arm abgefallen, da sehe ich endlich unseren Mercedes um die Ecke biegen. Ich hätte mich wirklich mit ein paar wenigen Büchern begnügen sollen. Aber das ist nicht so mein Ding. In Bibliotheken kann ich einfach nicht widerstehen. Jedes Buch, das mich anlacht, muss ich mir direkt auf meinen Arm laden.

„Hi, Mo. Danke fürs Abholen!", krächze ich und werfe die Bücher auf die Rückbank. Ich bekomme fast einen Herzinfarkt, als ich den jungen Mann bemerke, der jetzt meine ganze Ladung Bücher ins Gesicht bekommen hat.

„Au, Shit", gibt er von sich und hält sich die Schläfe.

„Oh mein Gott! Wer bist du denn?", schreie ich, steige aber trotzdem in den Wagen und schließe die Tür hinter mir.

„Ich eh…", versucht der Junge sich zu erklären. Er trägt eine enge Lederjacke, hat braune lockige Haare und ein paar Grübchen, die sich in seinem Gesicht zu verstecken scheinen. Auch im Dunkeln der getönten Scheiben, kann ich seine muskulöse Figur deutlich erkennen. Trotzdem habe ich keine Ahnung, was er in unserem Auto zu suchen hat.

„Henri wird begleiten uns. Er wird arbeiten bei Herrn von Rosenberg. Ich erkläri dir später", kommt Mo dem Jungen zur Hilfe. Henri streckt mir die Hand entgegen und ich schüttele sie irritiert. Was hat das zu bedeuten? Welchen Job hat Papa für diesen Jungen und vor allem wieso?

Als könne er meine Gedanken lesen, versucht er ein Lächeln. „So wie es aussieht, werde ich wohl dein neuer Fahrer."

„Bitte?", kreische ich, fast schon ein wenig zu laut. Henri zieht eine Augenbraue nach oben. Er wirkt sofort bedrückt.

Ich strecke meinen Kopf zwischen die Sitze und starre Mo an. „Ist das wahr? Dieser Kerl soll mich durch die Gegend fahren? Was ist mit dir? Ich brauche wirklich keinen Babysitter!", flüstere ich leise.

„Ich kann dich hören", murmelt Henri und verdreht die Augen. Verzweifelt schaue ich zwischen Mo und Henri hin und her. Ich möchte keinen neuen Fahrer. Ja, gut, an manchen Tagen hätte ich mir gewünscht, ein sexy Bodybuilder würde mich von der Schule abholen, sodass alle Mädchen zu sabbern beginnen würden und ich ihnen dann einfach lächelnd zuwinken könnte. Doch die Realität ist eine andere. Es ist leichter, heulend in den Mercedes mit Mo zu steigen, wenn sich mal wieder kein einziger Mensch in der Schule für einen interessiert hat, als vor einem Typen wie diesem. Der noch dazu wirklich gut aussieht.

„Es tut mir leid. Ich werde eine andere Arbeit machen. Bei Frau und Kindergarten", piepst Mo. Das schlechte Gewissen steht ihm deutlich ins Gesicht geschrieben.

Ich schlucke. Trotzdem kommt mir die Sache merkwürdig vor. Wieso sollte mein Papa einen so gutaussehenden Typen einfach so in meine Nähe lassen? Sonst darf ich ja noch nicht einmal mit irgendeinem pickeligen Kerl gesehen werden.

Ich schiele zu Henri herüber, der angespannt und steif wie ein Brett aus dem Fenster schaut. Puh, diese Muskeln. Ich muss schon zugeben, dass er verdammt gut aussieht. Als er sich plötzlich umdreht, drehe ich schnell meinen Kopf zur Seite. Meine Güte, das kann was werden.

„Könnten Sie das Radio vielleicht etwas lauter drehen?", fragt Henri höflich.

Wie bitte? Dieser Typ ist wirklich merkwürdig.

„Hör mal, ich weiß, das ist jetzt vielleicht seltsam für dich." Er spricht leise, wohl damit Mo ihn nicht hören kann.

„Aber ich brauche diesen Job und das Geld. Also könntest du vielleicht einfach versuchen, es locker zu sehen? Chill ein bisschen, in einem Monat bin ich wieder weg." Fassungslos fokussiere ich ihn. Seine Attraktivität ist plötzlich verschwunden. Chill ein bisschen? In diesem Moment wirkt er wieder wie einer dieser Typen, die ich echt zu Hauf kenne und absolut verachte.

Genervt drehe ich mich weg. Das wird ein wirklich harter Monat werden. Mir wird übel bei dem Gedanken, dass er sehen wird, wie mein Leben ist. Wie sehr die Mädels aus meiner Klasse mich ignorieren. Wie einsam ich bin. Wie uncool. Er wird sicher froh sein, wenn er mich wieder los ist. Wie könnte es auch anders sein. Schließlich fühlt sich keiner in meiner Nähe wirklich wohl. Selbst der kauzige Mo nicht. Obwohl ich wirklich dachte, er wäre der einzige Begleiter, den ich habe.

Henri

Was für eine peinliche Situation. Ich glaube, das ist doch keine so gute Idee. Die Kleine ist ja fast ausgeflippt. Total unentspannt. Bestimmt ist sie eines von diesen reichen Mädels, die sich wirklich nur für sich interessieren. Ich werde diesen Monat durchziehen und dann so schnell wie möglich das Weite suchen. Sascha, du kannst wirklich was erleben, wenn ich wieder zuhause bin!

Wir fahren eine Einfahrt hinauf, so lang, wie ich noch keine in meinem ganzen Leben gesehen habe. Man würde nicht denken, dass man eine solch lange Einfahrt wirklich braucht, aber scheinbar doch. Reiche Menschen sind wirklich seltsam. Als ich allerdings das Haus, entschuldigt bitte, die Villa sehe, in der mein neuer Chef residiert, wollen mir fast die Augen aus dem Kopf fallen. In dieser Villa könnte meine ganze Fußballmannschaft wohnen und jeder hätte sicher Wohnzimmer, Küche und Bad. Ich bemerke, wie das Mädchen mich im Auge behält. Es hat sich nicht einmal vorgestellt. Und ich dachte, reiche Mädchen wären wenigstens höflich und würden „die Etikette achten."

Mo parkt das Auto und steigt aus. Ich sammele die Bücher zusammen und will gerade aussteigen, da reißt das Mädchen mir die Bücher aus den Armen.

„Ich kann das selbst. Wie gesagt, ich brauche keinen Babysitter." Es hievt die Bücher auf den Schoß und quetscht sich aus dem Auto. Ohne ein Wort knallt sie die Tür zu. Wow, das kann ja wirklich heiter werden.

Die Eingangshalle der Villa ist bestimmt so groß, wie eine dieser Hallen in den Flughäfen. An der Decke hängt ein gigantischer Kronleuchter, der den Raum in helles Licht taucht. Er wirkt einladend und gar nicht protzig, wie ich zuerst angenommen hatte. In der Luft liegt ein feiner Hauch von Rosenblüten, als hätte jemand ein leichtes Raumparfüm gesprüht. An den Wänden hängen so viele Gemälde, dass man kaum etwas von der Wand erkennen kann. Bestimmt von bekannten Künstlern. Ich kenne nicht einen!