13 Tage Angst - Rita Caprea - E-Book

13 Tage Angst E-Book

Rita Caprea

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Beschreibung

Der Wirtschaftsfachanwalt Dr. Philip Nolten verliebt sich während einer Reha-Kur in die junge Physiotherapeutin Laura Meyer. Nach Abschluss seiner Behandlung gesteht er ihr seine Liebe und lädt sie zu einem traumhaften Weihnachtsurlaub in die Schweiz ein. Schon lange hat er bemerkt, dass irgendetwas sie sehr traurig macht, doch sie spricht nie darüber. Als er ihr dann einen Heiratsantrag macht, läuft sie davon. Nach kurzer Suche findet er sie in der Kirche wieder und sie beichtet ihm unter Tränen ihre Vergangenheit. Zuerst schockiert hilft er ihr aber dann, sich zu beruhigen. Trotz allem liebt er sie und will sie nicht aufgeben. Beide kehren in ihr Berufsleben zurück, halten aber engen Telefonkontakt. Ein paar Wochen später muss Philip geschäftlich nach Detroit reisen. Kurz darauf bricht sie jeglichen Kontakt ab und verschwindet spurlos.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 340

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Rita Caprea

13 Tage Angst

-

Ohne dich wird alles sinnlos

Roman

Die Handlung ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder Personen, die einmal gelebt haben wären zufällig und nicht beabsichtigt.

Herstellung und Verlag:

tredition GmbH Hamburg

ISBN:978-3-8495-4373-0

Copyright (2013)

Alle Rechte beim Autor

Laura stand am Fenster und sah hinaus in den verschneiten Kurpark. Alles war weihnachtlich geschmückt und überall duftete es herrlich nach gebrannten Mandeln, Plätzchen und Zimtsternen.

„Laura, haben Sie einen Augenblick Zeit für mich?“

Erschrocken und aus ihren Gedanken gerissen drehte sie sich um und sah einen ihrer Patienten in der Tür stehen. Hastig wischte sie mit der Hand übers Gesicht und meinte dann: „Philip, was machen Sie denn noch hier? Ihre Behandlung ist doch abgeschlossen.“

Er kam auf sie zu, sah in ihre Augen und fragte: „Haben Sie geweint? Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“

„Nein, nein. Ich hatte nur etwas im Auge, es geht schon wieder, danke.“ versuchte sie zu scherzen. Doch er glaubte ihr nicht so recht.

„Ich möchte mich bei Ihnen für die hervorragende Behandlung bedanken und würde Sie gern heute Abend zum Essen einladen.“ Er versuchte, ihr in die Augen zu sehen, doch sie wich seinem Blick immer wieder aus. Schon lange hatte er bemerkt, dass irgendetwas sie sehr traurig machte, aber leider sprach sie nie darüber.

„Philip, ich habe doch nur meine Arbeit getan. Ich freue mich natürlich, wenn Sie zufrieden waren, aber eine Einladung zum Essen ist wirklich nicht nötig.“ Sie schüttelte den Kopf und wollte an ihm vorbei gehen, als er plötzlich nach ihrem Arm griff und sie festhielt.

„Laura, bitte gehen Sie nicht einfach so. Ich würde wirklich sehr gern mit Ihnen Essen gehen.“

Mit zum Boden gewandten Blick stand sie neben ihm und versuchte, ihren Arm aus seiner Hand zu befreien.

„Ich kann nicht, Philip, es tut mir leid.“ flüsterte sie.

Er gab ihren Arm frei und ging zum Fenster.

Während er hinaussah sagte er leise: „Entschuldigen Sie bitte, ich wusste nicht, das Sie schon verabredet sind. Eigentlich hätte ich selbst drauf kommen müssen, eine hübsche junge Frau wie Sie. Wie dumm von mir.“

Laura war inzwischen bis zur Tür gegangen, doch nun blieb sie stehen und überlegte. Sie mochte diesen jungen Mann, der nach einem Verkehrsunfall, bei dem er sich eine komplizierte Beinfraktur zugezogen hatte und zur Reha hier in Lindenhain von ihr behandelt wurde. Seit sie vor drei Jahren ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin wieder aufgenommen und diese dann im vorigen Jahr mit Auszeichnung abgeschlossen hatte, fühlte sie sich stärker und freier als je zuvor. Sie führte ein unabhängiges, wenn auch bescheidenes Leben, gönnte sich außer ein paar Büchern und ab und zu einer guten Flasche Wein kein Vergnügen. Sie ging weder zu Tanzveranstaltungen noch versuchte sie sonst auf irgendeine Weise Kontakt zum anderen Geschlecht zu knüpfen. Ihre Kolleginnen stichelten deshalb schon manchmal, aber außer ihr selbst kannte niemand den Grund für ihr Verhalten. Selbst während ihrer Arbeit trat sie männlichen Patienten gegenüber stets zurückhaltend und kühl auf. Trotzdem waren alle sehr mit ihrer Arbeit zufrieden und das war für sie das einzig Wichtige. Bei Philip allerdings hatte sich ihr Verhalten, ohne dass sie es beabsichtigt hätte, geändert. Er war von Beginn an ein sehr gesprächiger, lustiger Patient und schaffte es sogar, sie des Öfteren zum Lachen zu bringen. Es entwickelte sich im Verlaufe der Wochen eine herzliche Freundschaft zwischen Ihnen, die dazu führte, dass sie sich beim Vornamen ansprachen. Er hatte fast täglich zusätzliche Massagen und Behandlungen gebucht, nur um in ihrer Nähe sein zu können. Nun war sein Kuraufenthalt beendet und er würde in sein altes Leben zurückgehen. Plötzlich überkam Laura ein Gefühl der Angst und Hilflosigkeit. Nie wieder wollte sie so etwas erleben, das hatte sie sich damals geschworen.

Sie lehnte ihren Kopf gegen den Türrahmen und sagte leise: „Ich habe keine Verabredung, ich lebe allein.“

Er ging zu ihr und legte sanft seine Hand auf ihre Schulter.

„Laura bitte, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Ich möchte Sie gern näher kennenlernen, Sie sind so eine wunderbare und doch manchmal so traurige junge Frau. Bitte geben Sie ihrem Herzen einen Stoß. Bitte gehen Sie heute Abend mit mir aus.“

Er hatte eine warme, tiefe Stimme, die einem das Gefühl von Geborgenheit vermittelte. Und genau das machte ihr Angst. In Gedanken sah sie sein markantes Gesicht, die dunklen, leicht gelockten Haare und seine braunen Augen, die manchmal richtig leuchteten.

War er wirklich allein? Ein Mann, der so gut aussah? Sie konnte sich das einfach nicht vorstellen.

„Sollten Sie nicht heute nach Hause fahren? Ihre Reha ist doch beendet.“

„Ja das stimmt, aber auf mich wartet zu Hause niemand und deshalb habe ich meinen Aufenthalt hier verlängert.“

Ungläubig sah sie zu ihm auf, er war fast einen Kopf größer als sie.

„Sie haben wunderschöne Augen Laura. Bitte nehmen Sie meine Einladung an.“

Er war ihr so nah, das sie seinen Atem spüren konnte. Ihr Herz klopfte heftig und ein Gefühl der Sehnsucht breitete sich darin aus. Gerne hätte sie sich von ihm in die Arme nehmen lassen, aber sie hatte einfach Angst.

„Philip, Sie sind sehr nett, aber ich kann einfach nicht.“

Sie schloss die Augen und hatte Mühe, ihre Tränen zurück zu halten.

„Laura, was hindert Sie daran? Sie haben gesagt, Sie sind ungebunden und ich hab Sie sehr lieb gewonnen. Ich möchte sehr gern mit Ihnen zusammen sein. Bitte gehen Sie heute mit mir aus.“

Er legte vorsichtig seine Hand unter ihr Kinn und hob sanft ihren Kopf, so dass sie ihn ansehen musste.

Erschrocken bemerkte er ihre Tränen unter den geschlossenen Lidern.

„Laura, bitte weine doch nicht. Sag mir doch bitte, was dich so traurig macht, vielleicht kann ich dir helfen.“

Er merkte gar nicht, das er einfach zum „du“ übergegangen war, denn er sorgte sich sehr um sie.

Behutsam wischte er mit der anderen Hand eine Träne weg, als sie ihre Augen öffnete und direkt in Seine sah.

„Philip, Sie sind so nett zu mir, aber ich kann trotzdem nicht.“

„Bitte sag >du< zu mir, ich hab das Gefühl, ich kenne dich schon ewig und doch weiß ich so wenig über dich. Bitte gib uns doch eine Chance.“

Sie schluckte und sagte dann: „Es tut mir wirklich leid Philip, aber ich kann das nicht. Es hat nichts mit dir zu tun, du bist sehr lieb und ich verstehe nicht, wieso du keine Frau und Familie hast. Aber mit mir, das würde nicht gut gehen. Bitte glaube mir Philip, ich habe eine Vergangenheit.“

„Was soll das Laura, auch ich habe eine Vergangenheit, ich bin neunundzwanzig. Darüber können wir doch reden. Laura, bitte sag ja.“

„Ich kann nicht darüber reden, bitte versteh mich. Es geht einfach nicht. Und nun muss ich gehen, ich habe noch eine Patientin. Alles Gute für dich Philip.“

Sie legte kurz ihre Hand auf seine Brust und ging dann schnell.

Philip stand wie benommen da.

„Laura, ich liebe dich!“ rief er ihr nach, doch sie drehte sich nicht noch einmal um. Traurig ging er auf sein Zimmer, legte sich aufs Bett und grübelte.

>Ich werde sie nicht so einfach aufgeben. < sagte er nach einer Weile zu sich selbst, griff nach seinem Kugelschreiber und setzte sich mit einem Blatt Hotelbriefpapier an den kleinen Tisch.

Liebste Laura!

Ich habe dich wirklich sehr lieb und es macht mich unheimlich traurig, dass du meine Einladung nicht angenommen hast. Schon seit unserer ersten Begegnung habe ich den Wunsch, dich näher kennenzulernen, mit dir auszugehen. Aber ich wollte das Verhältnis Therapeut – Patient nicht belasten und habe deshalb bis heute davon Abstand genommen. Wenn du nicht über deine Vergangenheit sprechen möchtest, ist das für mich auch kein Problem. Ich liebe dich so, wie ich dich bisher kennengelernt habe. Mein ganzes Leben habe ich nach einer Frau wie dir gesucht. Bitte gib uns doch eine Chance! Ich werde heute Abend ab halb acht bei >Luigi`s<auf dich warten.

Bitte liebste Laura!

In Liebe dein Philip

Er faltete den Brief, schrieb auf den Umschlag nur ihren Namen und brachte ihn dann in den Anmeldebereich der Physiotherapie. Unterwegs zog er noch eine rote Rose aus dem Gesteck im Foyer und legte sie dann mit dem Umschlag auf den Schreibtisch.

Als Laura eine halbe Stunde später wieder zu ihrem Schreibtisch kam, entdeckte sie die Rose und den Brief.

Mit zitternden Händen öffnete sie ihn und las die wenigen Zeilen.

„Ich hab dich auch sehr lieb, Philip“ flüsterte sie und steckte den Brief dann in ihre Tasche. Nachdem sie sich umgezogen und die Rose samt Brief in ihrer Handtasche verstaut hatte, verließ sie das Hotel. Es war ihr letzter voller Arbeitstag vor Weihnachten und über die Feiertage waren bis jetzt kaum Anmeldungen für den Wellnessbereich des Hotels eingegangen, sodass sie wahrscheinlich nicht jeden Tag würde arbeiten müssen.

Auf dem Heimweg schlenderte sie noch einmal über den Weihnachtsmarkt und war dann um kurz vor sechs in ihrer kleinen Wohnung angekommen. Sie stellte die Rose in eine Vase und legte den Brief auf den Couchtisch. Während sie unter der Dusche stand, sah sie Philips Gesicht vor sich und in ihren Ohren hallten immer wieder seine Worte <ich liebe dich<.

„Was soll ich nur tun?“ fragte sie sich. Ihr Herz sehnte sich nach Liebe und Geborgenheit, doch sie hatte Angst, wieder verletzt zu werden. Nachdenklich ließ sie eine ganze Weile einfach nur das warme Wasser über sich laufen. Dann zog sie ihren weichen Bademantel über und wickelte ein Handtuch um ihr Haar. Im Wohnzimmer setzte sie sich mit angezogenen Beinen auf die Couch und las noch einmal seinen Brief.

„Nur ein kleines bisschen Glück, nur ein ganz kleines bisschen, mehr möchte ich doch gar nicht.“ sagte sie leise zu sich selbst und legte dann den Brief zurück auf den Tisch. Ein Blick zur Uhr zeigte ihr, dass es bereits kurz nach sieben war. Sie ging ins Bad und föhnte ihre Haare trocken. Anschließend stand sie im Schlafzimmer vor ihrem Kleiderschrank. Nachdem sie mehrere Kleidungsstücke herausgenommen und wieder hineingehangen hatte, entschied sie sich für das royalblaue Kleid. Ihre Haare steckte sie zu einem lockeren Knoten und fixierte diesen mit einer silbernen Spange. Sie schminkte sich dezent und sprühte noch etwas von ihrem Lieblingsparfum auf Hals und Handgelenke. Dann nahm sie ihren schwarzen Wintermantel, zog die schwarzen Stiefel an und verließ ihre Wohnung. Als sie auf ihre Uhr sah, war es bereits viertel vor acht.

>Ich komme zu spät, ob er wohl auf mich warten wird? < dachte sie, während sie sich beeilte. Das >Luigi’s< war in der Kleiststraße, sie musste also noch einmal quer über den Weihnachtsmarkt, der voller Menschen war.

>Ich hätte mir lieber ein Taxi rufen sollen. < dachte sie, während sie sich durch die Menschenmenge drängte.

***

„Darf ich Ihnen noch etwas bringen?“ fragte der Kellner. „Nein danke, im Augenblick nicht.“ antwortete Philip und sah wieder auf seine Uhr. Es war bereits kurz vor acht und er wartete jetzt schon fast eine Stunde. Er war extra früher ins Restaurant gegangen in der Hoffnung, Laura würde vielleicht doch seine Einladung annehmen.

Immer wieder blickte er voller Hoffnung zum Eingang.

***

Als Laura endlich in die Kleiststraße einbog, schlug die Glocke der Andreaskirche gerade viertel nach acht. Mit schnellen Schritten lief sie weiter und stand wenige Augenblicke später vor dem Eingang zum Restaurant.

Sie zögerte kurz, atmete noch einmal tief durch und ging dann aber doch hinein.

„Guten Abend, darf ich Ihnen den Mantel abnehmen?“ fragte ein Kellner höflich. Laura gab ihm den Mantel und sah sich um.

„Entschuldigung, ich war hier mit Herrn Nolten verabredet. Ist er noch da?“ fragte sie ängstlich, doch in diesem Augenblick stand Philip schon neben ihr.

„Laura, ich freue mich so, dass du gekommen bist.“ Er nahm ihre Hand und sah sie mit strahlenden Augen an.

„Entschuldige dass ich so spät komme, ich …“ Weiter konnte sie nicht sprechen, denn Philip hatte sie an sich gezogen und haucht ihr nun einen zarten Kuss auf den Mund. Sie war vollkommen überrascht und sprachlos.

Er führte sie an den Tisch und bestellte beim Kellner eine Flasche Sekt.

„Philip, ich bin mir noch immer nicht sicher, ob ich das Richtige tue.“

Er griff nach ihrer Hand, streichelte zärtlich darüber und meinte: „Es ist richtig, glaub mir. Ich bin so froh, dass du gekommen bist.“

Der Kellner brachte den Sekt, füllte beide Gläser und nahm die Essenbestellung entgegen.

„Auf einen schönen Abend“ sagte er und hob sein Glas Laura entgegen. Sie stieß mit ihm an und nickte nur.

Er spürte ihre Anspannung und begann deshalb nur eine lockere Unterhaltung. Sie redeten über das Wetter, die Stadt und andere belanglose Dinge. Nach und nach entspannte sich Laura und lachte sogar ein paar Mal, als er etwas Lustiges erzählte.

„Was wirst du Weihnachten machen?“ fragte er leise. Sie sah ihn an, trank noch einen Schluck und antwortete dann: „Ich werde es mir zu Hause mit einem Buch gemütlich machen oder vielleicht etwas Fernsehen. Vielleicht melden sich auch noch ein paar Hotelgäste zur Massage, dann habe ich auch noch zu arbeiten.“

Er sah sie liebevoll an und meinte: „Ich hoffe, es meldet sich niemand. Ich würde nämlich Weihnachten liebend gern mit dir verbringen. Wir könnten doch irgendwohin fahren oder ins Theater gehen. Was hältst du davon?“ Erwartungsvoll sah er zu ihr, doch sie schwieg und versuchte, seinem Blick auszuweichen. Immer wieder streichelte er zärtlich über ihre Hand und sie ahnte, er würde nicht locker lassen. Schließlich sagte sie, ohne ihn dabei anzusehen: „Willst du nicht lieber deine Familie besuchen? Sie vermissen dich doch sicher! Du bist doch schon acht Wochen hier.“

Lächelnd schüttelte er den Kopf. „Du glaubst mir immer noch nicht. Laura, auf mich wartet niemand! Meine Eltern verbringen Weihnachten schon seit einigen Jahren bei meinem Bruder in Schwanberg. Er hat drei Kinder und die freuen sich immer riesig wenn Oma und Opa kommen. Warum besuchst du deine Eltern nicht?“

Sie zog ruckartig ihre Hand zurück und sah zum Fenster hinaus. Philip spürte, dass er einen wunden Punkt bei ihr berührt hatte und ließ ihr deshalb etwas Zeit, um ihr inneres Gleichgewicht wieder zu finden.

„Ich habe keine Eltern mehr. Sie sind bei einem Autounfall gestorben als ich sieben Jahre alt war. Danach habe ich im Heim gelebt.“

„Das ist ja furchtbar, es tut mir so leid für dich. Dann hast du wohl auch keine Geschwister oder andere Verwandte?“

Sie schüttelte nur den Kopf, sprechen konnte sie im Augenblick nicht, denn sie hatte Mühe, ihre aufkommenden Tränen zu unterdrücken. Zum Glück brachte der Kellner gerade das Essen, sodass sie abgelenkt wurde.

„Hm, das sieht sehr lecker aus. Ich wünsche dir einen guten Appetit.“

„Danke, dir auch.“ antwortete sie leise.

Beide genossen schweigend das wunderbare Essen. Philip beobachtete sie manchmal und Laura nutzte die Zeit, um über ihre Gefühle für ihn nachzudenken. Warum sollte sie nicht Weihnachten mit ihm verbringen? Er war sehr nett, ungebunden und ein bisschen Geborgenheit würde ihr bestimmt gut tun. Hatte sie nicht auch ein Recht auf Glück? Wenigstens für ein paar Tage wollte sie glücklich sein, denn spätestens zu Beginn des neuen Jahres würde er nach Kaltenbrüggen zurückkehren um seine Arbeit wieder aufzunehmen. Und dann würde er sie gewiss sehr schnell wieder vergessen, denn sie würde ja hierbleiben und ihrer Arbeit im Kurhotel nachgehen.

Sie tupfte sich mit der Serviette den Mund ab, trank einen Schluck Sekt und sah ihn dann lächelnd an.

„Philip, ich danke dir für diese nette Einladung. Es ist sehr schön, mit dir zusammen zu sein. Bisher waren meine Abende meist sehr einsam.“

Freudig überrascht griff er nach ihrer Hand und zog sie an seine Lippen. Er hauchte einen zarten Kuss darauf und flüsterte: „Ich bin sehr glücklich, dass du meine Einladung angenommen hast. Was sagst du nun zu einem gemeinsamen Weihnachtsfest?“

Sie zögerte kurz, sagte dann aber: „Ich denke, es ist bestimmt schön, an den Feiertagen nicht allein zu sein. Ich weiß allerdings noch nicht, ob ich arbeiten muss.“

Er freute sich riesig, küsste wieder ihre Hand und füllte dann die Gläser noch einmal.

„Wenn du arbeiten musst, ist das ok. Aber die übrige Zeit möchte ich mit dir verbringen. Was würdest du gern machen? Wünsch dir etwas!“

„Ich hab eigentlich nur einen Wunsch, an Heiligabend möchte ich gern in die Kirche. Ich bin zwar nicht kirchlich, aber trotzdem. Mit allem Anderen kannst du mich überraschen.“ Sie schenkte ihm ein liebevolles Lächeln und prostete ihm zu.

Mit heftig klopfendem Herzen erwiderte er ihre Geste und meinte dann: „Gut, ich werde mir etwas ganz Besonderes für dich einfallen lassen. Wann weist du denn sicher, ob du arbeiten musst?“

„Spätestens morgen Nachmittag kann ich dir sagen, ob ich Termine habe. Danach sind keine Anmeldungen mehr möglich.“

„Das ist gut. Hoffentlich meldet sich niemand, dann haben wir mehr Zeit für uns.“

„Du bist ganz schön egoistisch.“

„Ja, aber nur wenn es dich und unsere gemeinsame Zeit betrifft.“ Er küsste noch einmal ihre Hand und trank sein Glas leer.

„Möchtest du tanzen?“ fragte er mit strahlenden Augen.

„Hier?“ Unsicher sah sie ihn an, doch er lachte und meinte: „Nein, aber in der Tanzbar des Hotels. Bitte Laura, der Abend ist so schön, lass uns noch ein bisschen Tanzen gehen.“

Als sie nickte, bezahlte er schnell seine Rechnung und ließ ein Taxi rufen. Dann half er ihr in den Mantel und kaum hatten sie das Restaurant verlassen, hielt auch schon das Taxi.

Die Tanzbar des Hotels war gut besucht, aber sie fanden noch einen kleinen Tisch in einer der seitlichen Nischen.

„Was möchtest du trinken?“ fragte er während er ihr den Mantel abnahm.

„Vielleicht einen trockenen Weißwein?“ Er hing die Mäntel an die Garderobe und bestellte eine Flasche davon an der Bar. Dann setzte er sich zu ihr und flüsterte: „Gemütlich hier, nicht wahr?“ Lächelnd nickte sie ihm zu.

Als der Kellner den Wein brachte, zeigte er zuerst Philip die Flasche.

„Ja, der ist gut.“

Der Kellner öffnete nun die Flasche und goss ein wenig in ein Glas. Philip probierte und nickte dann zustimmend. Daraufhin füllte er beide Gläser, zündete die Kerze auf dem Tisch an und entfernte sich dann lautlos. Philip gab Laura ein Glas und stieß dann leicht mit ihr an. Seine Augen leuchteten im Schein der Kerze wie Sterne und Laura fiel es schwer, ihn nicht ständig anzusehen.

„Auf uns.“ flüsterte er und sie lächelte zustimmend.

„Möchtest du tanzen?“ fragte er, nachdem er sein Glas auf dem kleinen Tischchen abgestellt hatte.

„Ja gern, aber ich muss dich warnen, ich bin keine gute Tänzerin. Ich werde wohl mehr auf deinen Schuhen herumtrampeln.“

Er lachte und sagte: „Das kann ich mir gar nicht vorstellen und selbst wenn, du bist doch so leicht wie eine Feder, das macht mir nichts aus.“

Er reichte ihr die Hand, führte sie zur Tanzfläche und legte seinen rechten Arm um sie. Dann nahm er ihre rechte Hand in seine Linke und flüsterte: „Lass dich einfach von mir führen, du wirst sehen, es ist ganz leicht.“ Sie schmiegte sich an ihn, spürte seine Kraft und folgte einfach nur seinen Schritten. Es dauerte nicht lange und sie harmonierten wunderbar. Laura war erstaunt, wie gut er tanzen konnte. Er schien überhaupt in allem, was er tat, sehr erfolgreich zu sein. Und wieder grübelte sie, ob es Sinn machte, was sie hier taten. Je länger sie miteinander tanzten, umso schwereloser fühlte sie sich. Dann, bei einem sehr langsamen Lied, zog er sie ganz nah an sich heran und legte ihre rechte Hand an seine Brust. Sie spürte das heftige Klopfen seines Herzens und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Während sie so verträumt tanzten, küsste er zärtlich ihr Haar und flüsterte: „Ich liebe dich, Laura.“

In diesem Augenblick war sie so glücklich, wie schon lange nicht mehr und trotzdem konnte sie ihre Tränen nicht zurückhalten. Um sein schönes Jackett nicht zu beflecken, hob sie ihren Kopf von seiner Schulter und sah auf den Boden.

„Warum weinst du? Hab ich dir wehgetan?“

„Nein Philip, es ist nur so ein wunderbares Gefühl, in den Arm genommen zu werden und hier mit dir zu tanzen. Ich glaube, ich bin so glücklich, wie schon sehr lange nicht mehr.“ Tränen glitzerten in ihren Augen als sie ihn ansah. Mit seiner linken Hand hob er sanft ihr Kinn etwas, beugte sich zu ihr und hauchte ihr zärtlich einen Kuss auf jede Wange. Dann sah er ihr tief in die Augen und schließlich fanden sich ihre Lippen zu einem sehr zärtlichen Kuss. Er war so liebevoll zu ihr, dass sie nahe daran war, ihre Fassung zu verlieren. Tränen liefen ihr über die Wangen und er spürte, wie ihre Kraft sie verließ.

„Geht es dir gut? Vielleicht sollten wir uns erst einmal setzen und einen Schluck trinken.“ Sie fühlte sich so schwach, dass sie glaubte, jeden Augenblick in Ohnmacht zu fallen. Deshalb hielt sie sich krampfhaft an seiner Schulter fest. Er legte seinen Arm um ihre Taille, hielt sie fest und führte sie an ihren Tisch zurück. Sie trank einige Schlucke und langsam wurde sie wieder etwas ruhiger. Er zog ein Taschentuch aus seiner Jackettasche, legte einen Arm um ihre Schultern und tupfte dann ihre Tränen weg.

„Ich wollte dich nicht zum Weinen bringen, entschuldige bitte, ich möchte, dass du glücklich bist.“ flüsterte er ihr zu und küsste zärtlich ihre Schläfe.

„Philip, ich … ich bin glücklich. Ich weiß nur nicht, ob ich ein Recht dazu habe.“ schluchzte sie und legte ihren Kopf gegen seine Schulter.

„Bitte beruhige dich Laura, natürlich hast du das Recht glücklich zu sein. Wieso solltest du es nicht haben? Jeder hat das Recht glücklich zu sein. Laura, meine liebste Laura, ich liebe dich seit unserer ersten Begegnung.“

Er hatte ihren Kopf in seine Hände genommen, sah sie liebevoll an und küsste sie dann zärtlich auf Augen, Stirn und Mund. Dann drückte er sie sanft an sich und strich beruhigend über ihren Rücken.

„Möchtest du mir nicht sagen, was dich so sehr bedrückt?“ fragte er leise.

Sie schluchzte heftig, schüttelte den Kopf und sagte leise: „Ich kann nicht. Philip, ich mag dich so sehr, aber bitte, ich kann es einfach nicht.“ Sie wollte sich von ihm lösen, doch er gab sie nicht frei.

„Es ist gut Laura, bitte beruhige dich. Du musst mir nichts sagen. Ich liebe dich, ich möchte einfach nur, das du glücklich bist.“

Langsam wurde sie etwas ruhiger. „Entschuldige mich bitte kurz, ich glaube, ich sollte mich etwas frisch machen.“ Sie wollte aufstehen, doch er hielt sie zurück.

„Möchtest du noch hier bleiben oder sollen wir gehen?“

„Ich würde gern noch einmal mit dir tanzen, so wie vorhin.“

„Okay, ich warte hier auf dich.“ flüsterte er und zwinkerte ihr zu. Laura lächelte zaghaft und ging dann zur Toilette. Als sie in den Spiegel sah erschrak sie.

„Oh Gott, wie sehe ich denn aus. Was soll Philip nur von mir denken.“ Schnell kühlte sie ihr Gesicht mit etwas Wasser und besserte dann ihr Makeup, so gut es eben ging, auf. Als sie sich wieder zu ihm an den Tisch setzte, meinte er: „Hm, du duftest so herrlich. Wie heißt dieses Parfum.“

„Giselle. Philip, ich mag dich sehr, aber ich kann nicht über meine Vergangenheit sprechen.“ Er legte ihr seinen Zeigefinger auf den Mund, schüttelte den Kopf und sagte: „Du musst nicht darüber reden, es ist mir egal, ich will nur, das du glücklich bist.“

Sie nahm seine Hand weg und schüttelte den Kopf: „Philip, irgendwann einmal werde ich dir alles erzählen, aber bitte, bitte dränge mich nicht, lass mir bitte Zeit.“

Sie sah ihn flehend an. Er nahm ihre Hände, küsste ihre Fingerspitzen und sagte: „ Du hast alle Zeit der Welt, ich werde dich niemals zu irgendetwas drängen. Du entscheidest, wann oder was du mir erzählen möchtest. Ich liebe dich so, wie du bist.“ Er sah ihr tief in die Augen, beugte sich zu ihr und küsste sie dann zärtlich.

Dieser Abend wurde sehr lang, sie tanzten noch lange und als die Weinflasche leer war sah sie zur Uhr.

„Oh, schon drei Uhr. Ich sollte jetzt langsam nach Hause gehen. Um elf Uhr habe ich noch einen Behandlungstermin.“

„Laura, Liebling, bleib heut Nacht bei mir.“ flüsterte er ihr zärtlich ins Ohr.

„Philip, ich …“ Angstvoll sah sie ihn an.

„Hab keine Angst, ich möchte dich einfach nur im Arm halten, deine Nähe spüren, deinen Duft atmen. Ich liebe dich, aber du entscheidest wann.“ Er hielt sie fest umschlungen und hatte sein Gesicht in ihrem Haar vergraben. Sie lehnte an seiner Schulter, er war ja fast einen Kopf größer als sie, spürte seine Wärme und seinen Herzschlag. Alle Für und Wider abwägend stimmte sie schließlich seinem Wunsch zu.

Auf dem Weg zu seiner Suite holte Laura noch schnell ein frisches T-Shirt aus ihrem Schrank.

„Möchtest du zuerst ins Bad?“ fragte er leise als sie in seinem Zimmer standen. Laura nickte und er zeigte ihr das Badezimmer. Sie schloss die Tür hinter sich und fand alles, was sie brauchte. Sogar eine zweite Zahnbürste stand, in Folie eingeschweißt, bereit. Als sie nach zehn Minuten die Tür wieder öffnete, hatte sie sich in einen der flauschigen Hotelbademäntel eingewickelt und ihre Haare fielen in weichen Wellen über ihre Schultern. Philip stand, mit einem Whiskeyglas in der Hand, am Fenster und drehte sich, als er das Türschloss hörte, zu ihr um.

„Möchtest du auch noch etwas?“

Laura schüttelte den Kopf und meinte leise: „Das Bad ist jetzt frei.“ Er trank seinen Whiskey aus, stellte das Glas auf dem Tischchen ab und ging zu ihr. Behutsam legte er seine Arme um sie und flüsterte: „Du hast wunderschönes Haar, ich bin gleich bei dir.“ Dann verschwand er im Bad.

Laura ging zum Fenster und schaute hinaus. Man hatte einen herrlichen Blick über Lindenhain, die hellerleuchtete Tanne auf dem Weihnachtsmarkt war zu sehen und hier und da leuchtete auch noch der Weihnachtsschmuck an den Geschäften und Privathäusern. Plötzlich schlang er seine Arme um ihre Taille, küsste ihren Nacken und flüsterte: „Lass uns zu Bett gehen, es ist schon spät.“ Als sie sich umdrehte, erschrak sie, denn er stand, nur mit einer navyblauen Boxershorts bekleidet, vor ihr.

„Was ist los? Du hast mich doch schon während der Behandlungen in Shorts und Badehose gesehen.“

Sie schluckte und meinte dann: „Ja, das stimmt schon, aber hier ist es doch etwas anderes.“ Er lächelte und zog sie mit sich zum Bett.

„Welche Seite möchtest du?“

„Ist mir egal.“ sagte sie leise und sah schüchtern zu ihm auf. Er schlug die Decke auf der rechten Seite zurück und ging dann zur anderen Seite, legte sich ins Bett und klopfte mit der Hand auf die Matratze.

„Bitte schließ die Augen.“ bat sie leise, kaum hörbar.

„Du brauchst keine Angst zu haben, ich liebe dich.“ antwortete er leise, während er seine Augen geschlossen hielt.

Zögernd öffnete sie den Gürtel des Bademantels, ließ ihn über die Schultern auf den Boden fallen und schlüpfte dann schnell unter die Decke. Sie hatte nichts außer ihrem Slip aus schwarzer Spitze und einem einfachen, weißen T-Shirt an und fühlte sich damit sehr unwohl.

Nachdem er seine Augen wieder geöffnete hatte, rutschte er ein Stück zu ihr, legte den Arm um sie und zog sie zu sich.

„Philip, bitte nicht, ich bin noch nicht dazu bereit.“ flüsterte sie ängstlich. Zärtlich küsste er ihr Haar und meinte dann: „Keine Angst Liebling, ich möchte dich nur im Arm halten.“ Er streichelte zärtlich über ihren Arm und spürte, wie sie sich langsam entspannte.

„Wann musst du aufstehen?“ fragte er.

„Ich denke neun Uhr müsste ausreichen. Bestellst du den Weckruf, ich möchte nicht, dass die Rezeption weiß, dass ich hier bei dir bin.“

„Ich stell den Alarm an meiner Uhr, okay?“

„Danke.“

Er löschte das Licht und streichelte weiter zärtlich über ihren Arm.

„Es ist schön, dich bei mir zu haben. Ich liebe dich, schlaf gut.“ Er küsste sie noch einmal zärtlich und dann schliefen beide eng aneinandergeschmiegt ein.

Als er am Morgen erwachte, war es kurz nach halb neun.

Er schaltete der Alarm an seiner Uhr aus und beobachtete sie eine Weile. Dann streichelte er zärtlich über ihren Rücken und begann sanft an ihrem Ohrläppchen und Nacken zu knabbern. Langsam erwachte sie, drehte sich zu ihm um und sah ihm in die Augen. „Guten Morgen mein Liebling. Gut geschlafen?“

Er beugte sich zu ihr und wollte sie küssen, als sie erschrocken den Kopf zur Seite drehte und flüsterte: „Haben wir …?“ Sie hatte wahnsinnige Angst und konnte nicht weitersprechen.

„Keine Angst, es ist nichts passiert. Laura, ich liebe dich.“

Sie wandte sich wieder ihm zu, lächelte und meinte dann: „Danke Philip, du bist so lieb zu mir. Ich war nur einen Augenblick verwirrt, entschuldige bitte.“

Er zog sie sanft zu sich, gab ihr einen zärtlichen Kuss und flüsterte: „Ist schon okay. Hast du gut geschlafen?“

„Ja, danke. Ich könnte mich daran gewöhnen. Wie spät ist es?“

„Gleich neun Uhr. Gehen wir gemeinsam frühstücken?“

„Hier im Hotel?“

„Ja, warum nicht? Ich bin kein Patient mehr, sondern ein ganz normaler alleinstehender Mann, der sich verliebt hat und der mit seiner Liebsten gemeinsam frühstücken möchte.“

„Philip, du bist verrückt, die Hotelangestellten werden über uns reden.“

„Wenn sie sich das wagen, werde ich sie verklagen, wozu bin ich Anwalt. Und nun ab mit dir ins Bad. Oder soll ich mitkommen?“

Sie sprang lachend aus dem Bett, hob den Bademantel auf und lief eilig ins Bad. Eine halbe Stunde später war sie fertig und überließ ihm das Badezimmer. Während er duschte, sah sie sich in der Suite, die aus Wohnraum, separatem Schlafraum und Badezimmer bestand, um.

>Er muss sehr erfolgreich sein als Rechtsanwalt, wenn er sich das leisten kann. < dachte sie.

Dann öffnete sich die Badezimmertür und er stand, nur mit einem Handtuch um die Hüften, ihr gegenüber. Sein noch feuchtes Haar glänzte und ihr stieg der Duft seines Eau de Toilette in die Nase. Es war ein sehr markanter, herb-frischer Duft, der ein Prickeln in ihren Adern auslöste. Er zog sie sanft zu sich und gab ihr einen zärtlichen Kuss.

„Ich bin gleich so weit, Liebling.“

Sie spürte die Wärme, die von ihm ausging und auch seine Männlichkeit. Sein Verlangen nach ihr wuchs in ihm und um sie nicht zu erschrecken, ließ er sie rasch los und ging zum Kleiderschrank. Während er sich anzog schaute sie wieder zum Fenster hinaus.

Als sie zusammen im Restaurant erschienen und sich gemeinsam an einen Tisch setzten, sah Laura bereits, wie die ersten Kellner verhalten tuschelten. Auch Philip entging es nicht, er griff nach ihrer Hand und hauchte einen Kuss darauf. Als der Oberkellner den Kaffee brachte, sah er erst Philip und dann mit vorwurfsvollem Blick Laura an.

„Bedienen Sie sich am Buffet. Fräulein Meyer, Sie kennen doch die Vorschriften unseres Hauses.“ sagte er mit einem arroganten Unterton.

Laura blickte schuldbewusst auf ihre Hände, doch Philip sagte nur: „Das geht aber sicher doch auch freundlicher, oder? Fräulein Meyer ist mein Gast, Herr Mattes, also bitte.“

„Lass gut sein, Philip, ich hab sowieso keinen Hunger. Ich geh dann besser.“ Sie war aufgestanden und wollte an ihm vorbei, als er sie am Arm festhielt: „Setz dich bitte, erst wird gefrühstückt. Ich regele das.“ Er zog sie zurück auf ihren Stuhl, sah den Oberkellner mit durchdringendem Blick an und sagte dann: „Sagen Sie dem Herrn Direktor, ich möchte ihn in einer halben Stunde in seinem Büro sprechen. Und nun lassen Sie uns bitte allein!“ Der Oberkellner schluckte und ging dann. Philip setzte sich wieder und lächelte ihr zu, doch sie sah ängstlich zu ihm.

„Philip, das ist nicht gut, ich brauche diesen Job.“ Er küsste noch einmal ihre Hand und flüsterte: „Das weiß ich und du bist sehr gut darin, aber es gibt Grenzen, auch für einen Hoteldirektor, mein Liebling. Hab keine Angst.“

Laura wurde etwas ruhiger. Sie frühstückten ausgiebig und um viertel vor Elf verabschiedete sie sich von ihm.

„Sehen wir uns zum Mittagessen?“

„Das wird leider nichts, ich hab noch zu tun. Aber vielleicht heute Abend?“

„Gut, ich hab noch etwas in der Stadt zu erledigen, wo darf ich dich dann abholen?“

Sie zögerte kurz, sah in seine leuchtenden Augen und gab ihm dann doch ihre Adresse.

„Dann bis heute Abend Liebling, ich bin so gegen sieben bei dir.“ Er zog sie zum Abschied noch einmal zu sich und gab ihr einen zärtlichen Kuss. Dann verschwand sie im Therapiezentrum des Hotels und Philip ging zur Rezeption. Die Dame führte ihn zum Büro des Direktors und meldete ihn an. Der Direktor, ein kleiner, etwas rundlicher Herr von etwa Mitte fünfzig, bat ihn, Platz zu nehmen und fragte, worum es denn ginge.

Philip dachte, er wäre im falschen Film, denn er war sich sicher, der Oberkellner hatte dem Direktor von der Anwesenheit Lauras im Restaurant erzählt. Aus diesem Grund trat er ihm in seiner gewohnt strengen Etikette entgegen und sagte, während er ihm die Hand reichte: „Dr. Philip Nolten. Herr Gaßmann, es liegt mir fern, mich in Ihre Geschäftsleitung einzumischen, aber dennoch kann ich das Verhalten einiger Ihrer Angestellten meinem Gast gegenüber nicht akzeptieren.“

Er sah dem Direktor fest in die Augen, doch dieser meinte nur: „Also wenn Sie Herrn Mattes meinen, er hat ganz korrekt gehandelt. Und was Fräulein Meyer betrifft, so muss ich Ihnen sagen, sie wird eine Abmahnung erhalten.“

„Herr Gaßmann, dafür gibt es keinen Grund, denn sie war außerhalb ihrer Dienstzeit im Restaurant.“

Der Direktor winkte ab: „Das ist mir egal, sie hat sich mit einem Patienten eingelassen und gegen unsere Vorschriften verstoßen.“

„Ich muss doch wohl sehr bitten, erstens bin ich kein Patient mehr und zweitens sind derartige Vorschriften meines Wissens sittenwidrig. Wenn Sie also nicht mit einem Prozess rechnen wollen, ich bin übrigens Fräulein Meyers Anwalt, sollten Sie Ihr Vorgehen noch einmal überdenken.“

Philip war schockiert über die Art und Weise, wie der Direktor versuchte, seine Angestellten zu gängeln, ließ sich jedoch nichts anmerken. Seine letzten Worte schienen dem Direktor den Wind aus den Segeln genommen zu haben, denn er wurde zusehends kleiner in seinem Sessel und seine Gesichtsfarbe wechselte von Rot zu Weiß. Philip erkannte, wie der Direktor mit sich rang und letztlich kleinlaut sagte: „Also, ich werde mich da rechtlich noch einmal sachkundig machen und bis dahin werde ich selbstverständlich diese Anordnung aussetzen.“ Philip musste sich ein Lachen verkneifen und sagte nur: „Das ist gut so, und nun möchte ich gern noch von Ihnen wissen, ob Fräulein Meyer über die Feiertage noch Behandlungstermine hat.“

Der Direktor sah ihn entgeistert an: „Wozu das denn?“

„Das geht nur Fräulein Meyer und mich etwas an. Also?“ Direktor Gaßmann griff zum Telefon und bat die Dame von der Rezeption ihm die Terminliste der Physiotherapie zu bringen.

„Also bis jetzt sind keine weiteren Termine eingetragen, außer heute elf, dreizehn und vierzehn Uhr. Aber das kann sich alles noch ändern, ich habe beschlossen, das Bestellende auszusetzen.“

Philip glaubte, sich verhört zu haben und sagte: „Und wann bitte wollten Sie das ihren Angestellten mitteilen?“

„Das werde ich jetzt sofort erledigen.“ Er griff zum Telefon und wählte eine Nummer. Philip stand auf, drückte das Telefon ab und sagte: „Herr Gaßmann, was soll das? Mit welchen Mitteln wollen Sie noch versuchen, Ihre Mitarbeiter zu schikanieren? Wie ich Ihnen bereits sagte, ich bin Anwalt, und kenne mich mit arbeitsrechtlichen Bestimmungen und Rechtslagen relativ gut aus. Ich war bisher mit Ihrem Kurhotel sehr zufrieden, aber dieses Verhalten jetzt kann und werde ich in keiner Weise gutheißen oder gar tolerieren.“

Gaßmann erkannte, dass er einen Fehler gemacht hatte und sagte deshalb: „Herr Nolten, Sie …“

„Dr. Nolten, wenn ich bitten darf!“ Philip bestand jetzt auf seinen Titel, was sonst überhaupt nicht seine Art war.

„Entschuldigung Herr Dr. Nolten, ich wollte nur sagen, bezüglich der Termine, wir haben ja noch andere Angestellte im Therapiebereich und Fräulein Meyer wäre eigentlich dieses Jahr mit Freizeit dran gewesen. Um also Ihre Frage zu beantworten, Fräulein Meyer hat Freizeit bis einschließlich zweiten Januar. Ich werde diese Mitteilung selbstverständlich sofort weiterleiten.“

Philip war glücklich, als er das hörte, blieb aber trotzdem dem Direktor gegenüber kühl.

„Danke für die Auskunft, ich denke, unser Gespräch ist damit beendet. Schöne Feiertage und auf Wiedersehen, Herr Gaßmann.“ Philip stand auf und verließ nach einem kurzen Händedruck das Büro.

Draußen dachte er > Was für ein schmieriger, arroganter, alter Kerl. Man sollte ihm das Handwerk legen. Ich muss auf Laura aufpassen. <

Von seiner Suite aus rief er in seiner Kanzlei an.

„Theresa, geben Sie mir bitte Dr. Harder, es ist dringend.“

„Hallo Philip, wie geht’s dir? Warum kommst du nicht vorbei?“

„Sebastian hör mal, ich bin noch in Lindenhain. Es geht mir sehr gut, ist alles wieder ok. Ich komme aber frühestens am vierten Januar zurück, ich hab hier noch etwas Wichtiges zu erledigen.“

Sebastian war Philips Studienfreund und Kanzleipartner. Er pfiff ins Telefon und meinte: „Hast du etwa wieder einen Goldesel an Land gezogen? Übrigens Mister Wallberg von Wallberg &Co. Industries aus Detroit will jetzt doch, das du seine Deutschlandvertretung berätst. Er wird am zwölften Januar nach Kaltenbrüggen kommen, da solltest du unbedingt hier sein.“

Philip freute sich sehr und sagte: „Das ist sehr gut, da bin ich natürlich da, aber hier das ist etwas Privates. Sebastian, ich habe sie endlich gefunden und möchte gern noch ein bisschen Zeit mit ihr verbringen.“

„Was? Du hast deine Traumfrau gefunden? In dem verträumten Nest? Das kann ich gar nicht glauben. Bring sie doch mit hierher, hier ist doch wenigstens ein bisschen was los.“

„Nein, noch nicht, ich will erst einmal Weihnachten in Ruhe mit ihr verbringen. Deshalb rufe ich eigentlich hauptsächlich an. Ich brauche mal die Telefonnummer von Steffen Winther.“

„Dem Hotelier? Warte, die hab ich hier irgendwo.“ Er gab die Telefonnummer durch und fragte: „Was hast du vor?“

„Ich brauche ein schönes Hotel über die Feiertage, hoffentlich hat er irgendwo noch etwas frei.“

„So wie ihr zwei euch versteht, wird er das schon irgendwie hinzaubern. Also dann wünsch ich dir und der schönen Unbekannten schöne Feiertage und alles Gute fürs neue Jahr. Wir sehen uns dann.“

„Das wünsche ich dir und Susanne auch und danke. Bis dann!“ Er legte auf und wählte kurz darauf die Nummer von Steffen Winther.

„Guten Tag Herr Winther, Philip Nolten hier.“

„Ich grüße Sie Dr. Nolten, wie geht’s ihnen denn, alles wieder ok?“

„Danke der Nachfrage, alles bestens. Herr Winther, ich habe ein kleines Problem, ich brauch sehr kurzfristig eine Suite in einem schönen Hotel.“

„Wie kurzfristig denn und wie lange? Sie wissen doch, für Sie finde ich doch immer was Passendes.“

Philip holte tief Luft und sagte dann: „Eigentlich ab morgen bis zweiten Januar und noch etwas, ich brauche keine Einzelsuite.“

„Oha, dann haben sie wohl endlich die Dame ihres Herzens gefunden? Na dann schauen wir mal, einen Augenblick. Weihnachten und Silvester ist natürlich ein schwieriger Zeitraum, da sind unsere Hotels weltweit sehr gut ausgelastet. Ich hätte noch in Dubai und KoSamui etwas.“

„Herr Winther, etwas in den Winterregionen wäre mir lieber und eine Kirche muss unbedingt in der Nähe sein.“

„Na wenn das so ist, dann nehmen sie doch die Deluxe-Suite in unserem Grand Belvedere Palace in Davos. Reisen Sie mit dem Auto an?“

„Ehrlich gesagt möchte ich diese weite Strecke bei diesen Straßenverhältnissen so kurz nach meinem Unfall noch nicht unbedingt fahren. Ich werde sehen, das ich noch einen Flug nach Zürich bekomme.“

„Gut, ich rufe gleich im Hotel an und organisiere alles, sie brauchen dann nur noch ihre Ankunftszeit durchgeben, ich lasse sie dann abholen.“

„Ich danke Ihnen Herr Winther und schöne Feiertag Ihnen und ihrer Familie.“

Philip notierte sich noch die Rufnummer des Hotels und legte glücklich auf. Schnell griff er dann zu seinem Mantel und verließ das Hotel. Es war bereits halb zwei am Nachmittag und er beeilte sich ins Stadtzentrum zu kommen. Im ersten Reisebüro machte er halt und fragte nach einem Flug am nächsten Morgen nach Zürich.

Die Angestellte war sehr freundlich und bemüht und fand nach einigem Suchen auch noch zwei Plätze in der Businessclass der Airswizze am nächsten Mittag. Er buchte die Plätze und zahlte mit seiner Kreditkarte. Dann rief er gleich noch im Hotel in Davos an und teilte die Ankunftszeit und Flugnummer mit. Glücklich, das das alles noch so gut geklappt hatte, verließ er das Reisebüro und schlenderte über den Weihnachtsmarkt auf der Suche nach einem passenden Weihnachtsgeschenk für seine Laura. An einem Stand mit Holzarbeiten kaufte er einen kleinen geschnitzten Engel.

Und gleich nebenan genehmigte er sich einen heißen Kaffee. Dann ging er weiter und sah sich die Auslagen der Juweliergeschäfte an. Bei „Juwelier Mörse“ entdeckte er dann ein schönes Weißgoldcollier mit einem kleinen Anhänger, den ein einzelner Stein zierte.

„Das ist ein lupenreiner, brillant geschliffener Einkaräter, gefasst in 750er Weißgold.“ Die Verkäuferin zeigte Philip den Diamantpass und lächelte freundlich.

Philip gefiel das Collier sehr und deshalb kaufte er es. Auch hier zahlte er selbstverständlich mit Kreditkarte und erhielt dann das Collier in einem edlen roten Samtkästchen. Er steckte es in die Innentasche seines Mantels und ging dann beschwingten Schrittes ins Hotel zurück.

An der Rezeption bestellte er für den nächsten Tag ein Taxi für zehn Uhr zum Flughafen Dorstenberg und seine Rechnung bat er auch für den nächsten Tag fertig zu machen.