Himbeereis über den Wolken - Rita Caprea - E-Book

Himbeereis über den Wolken E-Book

Rita Caprea

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Beschreibung

Hellen Berger arbeitet als Kellnerin im Eiscafé "Napoli" in Dorstenberg und trifft dort auf den jungen, gutaussehenden David Forster. Seine dunklen Augen und seine tiefe, warme Stimme faszinieren sie. Doch irgendetwas an ihm flößt ihr Angst ein und weckt schreckliche Erinnerungen. Trotzdem fädelt ihre Freundin Ina ein Treffen der beiden ein, bei dem sie sich vorsichtig annähern. Davids freundliche, rücksichtsvolle Art nimmt Hellen nach und nach die Angst und sie verlieben sich ineinander. Doch über dieser Liebe schweben dunkle Wolken der Vergangenheit, die sehr bald für Tränen, Angst und Chaos sorgen.

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Seitenzahl: 578

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Die Handlung ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder Personen, die einmal gelebt haben wären zufällig und nicht beabsichtigt.

>Endlich scheint die Sonne, wurde ja auch langsam mal Zeit nach diesem verregneten Frühjahr. <, dachte Hellen, als sie sich an diesem Morgen auf den Weg zu ihrer Arbeit machte. Es war Donnerstag, der einundzwanzigste Juni, der erste wirklich schöne Tag des ganzen Monats und Hellen hoffte endlich mal auf einen arbeitsreichen Tag. Bisher kamen relativ wenige Gäste ins Eiscafé >Napoli< in Dorstenberg. Hellen Berger arbeitete dort seit dem ersten Mai als Kellnerin. Okay, das war zwar nicht ihr Traumjob, aber als Überbrückung hatte sich nichts anderes gefunden und die paar Wochen würde sie schon überstehen. Außerdem wollte sie nicht vom Arbeitsamt abhängig sein und ihre Mutter hatte genug andere Sorgen. Sicher, Evelyn Berger, Hellens Mutter, hätte ihr einziges Kind niemals ohne Unterstützung gelassen, aber nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes kurz vor Hellens achtem Geburtstag hatte sie allein für ihre kleine Familie sorgen müssen, was nicht immer einfach war. Trotz aller Schwierigkeiten und Sorgen hatte Evelyn Berger immer dafür gesorgt, dass es ihrer Tochter an nichts fehlte, auch wenn sie selbst dafür auf so manches verzichtete. Als Hellen ihr Abiturzeugnis in den Händen hielt, weinte ihre Mutter vor Freude und als Hellen dann ihre Ausbildung zur Hotelkauffrau in Oberhallstadt begann, war sie traurig, besorgt und glücklich zugleich. Die Ausbildung in dem erstklassigen Hotel >Blue Belvedere< hatte Hellen erfolgreich absolviert, die Arbeit machte ihr sehr viel Spaß, doch sie fühlte sich trotzdem nicht wohl und wollte gern zurück zu ihrer Familie. Sie fand allerdings nie den Mut, sich von ihrem Freund Matthias Gruber zu trennen. Obwohl er Hellen viel zu oft betrogen, beschimpft und auch geschlagen hatte, einmal hatte er sie so sehr verprügelt, das sie es fast nicht überlebt hätte. Ihre Angst, er könnte dann noch wütender und gewalttätiger werden, verhinderte jegliche vernünftige Entscheidung bei ihr, sodass sie jedes Mal eine andere Ausrede erfand, um die Ärzte zu beruhigen. Außerdem hatte sie nur wenige Freunde in Oberhallstadt und ihre Mutter wohnte zu weit entfernt, um dort Schutz zu suchen. Erst als er wieder einmal nach einer Schlägerei in einer Disko von der Polizei verhaftet worden war, bot sich ihr die Chance.

Als sie dann während eines Besuches bei ihrer Mutter kurz vor Weihnachten zufällig von dem Hotelneubau in Dorstenberg hörte, zögerte sie keine Minute und bewarb sich heimlich, aber erfolgreich um eine Stelle am Empfang. Am ersten September sollte das Hotel eröffnen und dann würde sie dort ihren Dienst antreten.

Im >Blue Belvedere< in Oberhallstadt war ihr Chef natürlich nicht begeistert, als sie ihn Mitte März informierte und um Auflösung ihres Vertrages zum einunddreißigsten August bat. Er war stocksauer zumal es sich um ein Hotel seines ärgsten Konkurrenten handelte und kündigte ihr deshalb kurzerhand zum dreißigsten April. Zuerst war Hellen schockiert und sprachlos und wollte eigentlich Widerspruch dagegen einlegen, aber dann erkannte sie ihre Chance. Durch diese kurzfristige Kündigung, die Verhaftung ihres Freundes Matthias Gruber und anschließende Verurteilung, er war schon mehrfach wegen kleinere Diebstähle und Körperverletzung vorbestraft und sein letztes Opfer war Mitte Februar an seinen schweren Verletzungen gestorben, hatte Hellen endlich die Chance, seiner Gewaltherrschaft und dem Chaos, welches er in ihrem Leben verursacht hatte, zu entfliehen. Sich persönlich von ihm zu verabschieden traute sie sich nicht, deshalb schrieb sie nur ein paar kurze Zeilen und schickte sie mit der Post ins Gefängnis.

Endlich zurück bei ihrer Mutter atmete Hellen erleichtert auf, denn sie wusste sofort, dass es die richtige Entscheidung war. Sie hatte Matthias nie gesagt, woher sie eigentlich stammte, also würde er sie mit Sicherheit auch niemals finden.

Die ersten Wochen wohnte Hellen wieder in Pirnow, einem kleinen Dorf ungefähr fünfzehn Kilometer nordwestlich von Dorstenberg. Dort lebte ihre Mutter seit dem Tod ihres Mannes in ihrem Elternhaus und kümmerte sich neben ihrer Arbeit als Erzieherin in der Kindertagesstätte noch um ihre Mutter. Hellens Großmutter, Sonja Fuchs, war schon vierundachtzig und seit einer Hüftoperation vor vier Jahren stark gehbehindert, doch sie war überglücklich, ihre Enkelin wieder bei sich zu haben. Auch Hellen genoss die Zeit bei ihrer Familie, bemühte sich aber trotzdem um eine eigene kleine Wohnung in Dorstenberg, denn die Busverbindung dorthin war nicht sehr günstig und für einen Führerschein oder ein Auto hatte sie noch nicht genug Geld gespart. Das, was sie während ihrer Ausbildung und danach als Hotelkauffrau verdient hatte, reichte immer gerade so, um die Wohnung und den Lebensunterhalt zu bezahlen, denn ihr Freund Matthias war gleich, nachdem sie sich zu Beginn des dritten Lehrjahres kennengelernt hatten, bei ihr eingezogen. Er war damals gerade arbeitslos geworden und Hellen hatte Mitleid mit ihm. Er jedoch nutzte die Gelegenheit schamlos aus, bemühte sich weder um einen Job noch um Arbeitslosengeld, sondern lebte gut und ausgelassen von Hellens Einkommen. Sogar ihr Erspartes hatte sie aufgebraucht um irgendwie alle Rechnungen zu bezahlen. Nun stand sie mit leerem Konto da und schämte sich wahnsinnig. Ihre Mutter hatte ihr zwar mehrfach angeboten, das Konto, auf dem das Geld aus der Lebensversicherung ihres Vaters angelegt war, zu beleihen, aber Hellen lehnte dies jedes Mal kategorisch ab. Dieses Konto war nach dem Tod ihres Vaters so angelegt worden, das Hellen erst nach ihrem fünfundzwanzigsten Geburtstag darüber verfügen konnte. Hellen wusste das und wollte daran auch nichts ändern. Deshalb hatte sie auch den Aushilfsjob im Eiscafé >Napoli< angenommen und am erstem Juni konnte sie eine kleine Wohnung in Dorstenberg-Neustadt beziehen, einem nicht gerade eleganten Wohngebiet, aber annehmbar und für sie bezahlbar. Sie war fürs Erste zufrieden und hoffte nun auf einen sonnigen Sommer, der viele Gäste ins Eiscafé lockte, denn viele Gäste bedeuteten für Hellen auch mehr Trinkgeld als Aufstockung ihres relativ niedrigen Gehaltes.

Mit einem strahlenden Lächeln stieg Hellen an diesem Morgen aus dem Bus, schaute in den azurblauen Himmel, den nur ein paar kleine weiße Wölkchen zierten, und ging dann die letzten knapp dreihundert Meter zu Fuß. Das Eiscafé >Napoli< lag direkt in der Fußgängerzone von Dorstenberg und hatte im Sommer neben den dreißig Plätzen im Gebäude noch einmal zwölf Tische für je vier Personen direkt im Außenbereich. Waren die alle besetzt, musste man sich schon ziemlich strecken um keinen Gast länger als unbedingt nötig warten zu lassen.

Hellen hatte an diesem Tag Spätschicht und war deshalb nicht überrascht, als sie um viertel vor elf bereits viele Tische im Außenbereich besetzt fand.

„Hallo Ina, ist ja ganz schön was los heute.“, sagte sie lachend zu ihrer Kollegin, als sie das Café betrat.

„Hallo Hellen, wundert es dich bei dem Wetter!?“, antwortete Ina und stellte zwei hübsch dekorierte Eisbecher auf den Tresen.

Hellen legte ihre Tasche in ihren Schrank, band ihre Servierschürze um und steckte ihren blonden Pferdeschwanz zu einem lockeren Knoten auf, an dem sie noch eine künstliche Hibiskusblüte befestigte. Nach einem kurzen Blick in den Spiegel informierte sie sich über die aktuellen Tagesangebote und meldete sich dann bei ihrer Chefin Maria Müller einsatzbereit. Die war froh, mit Hellen eine sehr freundliche und serviceorientierte Aushilfe für die Sommersaison gefunden zu haben.

„Hallo Hellen, das wird heute wohl Ihr erster, richtig stressiger Tag werden.“, meinte sie lächelnd.

„Ja bestimmt, aber das wurde ja auch Zeit, ich freue mich jedenfalls.“, antwortete Hellen und ging anschließend hinaus zu ihren ersten Kunden. Nach und nach füllten sich die freien Plätze und für die Kellnerinnen gab es kaum Zeit für eine Pause.

Mittlerweile war es später Nachmittag und das Eiscafé war bis auf den letzten Platz besetzt. Hellen kam gerade mit zwei riesigen Erdbeereisbechern in den Händen aus dem Café und servierte diese dem älteren Paar an Tisch sieben.

„Guten Tag, was darf ich Ihnen bringen?“, fragte sie anschließend den jungen Mann, der soeben an Tisch acht Platz genommen hatte.

„Einen Espresso bitte.“, antwortete er und schaute sie lächelnd an. Er trug eine dunkle Sonnenbrille, sodass Hellen seine Augen nicht sehen konnte, aber seine Ausstrahlung allein wirkte sehr anziehend auf sie und sein Lächeln machte sie nervös.

„Möchten Sie kein Eis bei dem herrlichen Wetter?“, fragte sie verwundert und ihre Stimme klang selbst in ihren eigenen Ohren irgendwie seltsam. Der Mann sah sie noch immer an, nahm nun seine Brille ab und meinte: „Vielleicht später, ich warte noch auf jemanden.“

Hellen konnte kaum ihren Blick von seinen tiefbraunen Augen nehmen und antwortete fahrig: „Oh, ja, Entschuldigung. Also einen Espresso. Kommt sofort.“ Dann drehte sie sich schnell um und ging zurück ins Café. Ihre Freundin und Kollegin am Tresen hatte die Szene beobachtet und blickte Hellen fragend an: „Was war das denn? Du hast den Mann ja fast mit den Augen verschlungen, kennst du den?“

„Was? Wie?“, fragte Hellen sichtlich irritiert und griff nach ihrem Wasserglas hinter dem Tresen. Sie trank einen großen Schluck und meinte dann: „Einen Espresso für Tisch acht.“

Ina sah sie noch immer fragend an. „Hallo? Geht‘s dir nicht gut, du hast meine Frage nicht beantwortet?!“

Hellen schloss kurz ihre Augen und antwortete dann leise: „Was willst du, ich kenne den Mann nicht, ich habe ihn doch nur gefragt, ob er kein Eis möchte.“

Ina dachte sich ihren Teil, stellte den Espresso auf den Tresen und zwinkerte ihr zu. Kopfschüttelnd nahm Hellen die Tasse und verließ das Café. In diesem Augenblick sah sie, wie sich eine junge Frau mit langen schwarzen Haaren Tisch acht näherte. Der Mann erhob sich und gab ihr die Hand. Die Frau jedoch umarmte ihn und küsste ihn auf die Wange, was bei Hellen ein komisches Gefühl aufkommen ließ. Sie ignorierte es jedoch, lächelte freundlich und stellte den Espresso auf den Tisch.

„Guten Tag.“, sagte sie zu der Frau und zu ihm: „Bitte sehr, Ihr Espresso. Haben Sie noch einen Wunsch?“

Er blickt wieder lächelnd zu Hellen hinauf und meinte: „Bringen Sie uns doch bitte noch einen Eiskaffee.“

„Sehr gerne.“, antwortete Hellen, nickte und ging zum nächsten Tisch. Nachdem sie kurze Zeit später den Eiskaffee serviert hatte, bemerkte sie, dass sich der Mann und die Frau stritten. Sofort musste sie an ihren Exfreund denken und hoffte für die Frau, dass er nicht so gewalttätig war. Keine zehn Minuten später verließ die Frau wütend das >Napoli<, doch der Mann blieb noch über eine Stunde sitzen und schien hinter seiner Sonnenbrille Hellen zu beobachten bevor er zahlte. Die hatte jedoch zu viel zu tun, um dies zu bemerken. Erst am Abend, als das Eiscafé geschlossen hatte und sie gemeinsam mit ihrer Freundin und Kollegin Ina die Tische und Stühle hereinräumte, erzählte die ihr davon.

„Bist du dir sicher?“, fragte Hellen nervös.

„Absolut, ich glaube, seine Frau hat sich mit ihm gestritten, weil er dir ständig hinterher geschaut hat.“, meinte Ina lachend.

„Ich habe ihn aber behandelt wie jeden anderen Gast, ehrlich! Du weißt doch, ich will nur meine Arbeit machen und meine Ruhe haben, Männer können mir für die Zukunft gestohlen bleiben. Von denen habe ich die Nase voll.“, antwortete Hellen und stellte den Stuhl etwas unsanft ab.

„Wahrscheinlich war dem die Sonne zu Kopf gestiegen und seine Frau wird ihm zu Hause schon den Kopf zurecht rücken, aber gut sah er trotzdem aus.“, meinte Ina und lachte. Hellen stimmte ihr zu, dachte aber nicht weiter über diesen Mann nach.

Die nächsten Tage und Wochen verliefen ganz normal, es gab reichlich zu tun, denn die Sonne meinte es den restlichen Juni und den gesamten Juli sehr gut. Das Trinkgeld hatte sich schon zu einem hübschen Sümmchen angesammelt und damit konnte Hellen einen Teil der Kosten für den Unterricht in der Fahrschule >Kussel< bezahlen. Die theoretische Prüfung hatte sie bereits bestanden und absolvierte nun die ersten Fahrstunden.

In der ersten Augustwoche änderte sich jedoch das Wetter, es regnete häufig und demzufolge kamen auch nicht mehr so viele Gäste ins Eiscafé. Hellen dachte schon lange nicht mehr an den Mann mit der Sonnenbrille, als er plötzlich im Café saß und zu ihr herüber lächelte. Hellen erkannte ihn sofort, diese tiefbraunen Augen und dieses unwiderstehliche Lächeln verursachten ein komisches Gefühl bei ihr, wie schon damals bei ihrem ersten Zusammentreffen. Er saß jedoch an einem Tisch, der von ihrer Kollegin bedient wurde und so ignorierte sie ihn einfach. Nach einem Espresso und einem kurzen Telefonat war er dann auch sehr schnell wieder verschwunden.

An den darauffolgenden drei Tagen kam er immer gegen halb drei am Nachmittag, setzte sich an einen der Tische, die von Hellen bedient wurden, bestellte sich Espresso und versuchte mehrfach, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Einmal fragte er sie sogar, wann sie denn Feierabend hätte und ob er sie nicht zum Abendessen einladen dürfe. Hellen jedoch ließ sich nicht darauf ein, schob ihre Arbeit vor oder erfand andere Gründe für eine Absage, was ihn jedes Mal sehr traurig machte. Er hielt sich meist für etwas mehr als eine Stunde im Café auf. Stets war er allein, die schwarzhaarige Frau hatte Hellen nicht wieder gesehen. Er gab ihr immer ein üppiges Trinkgeld und lächelte ihr freundlich zu.

Hellen verspürte jedes Mal, wenn er im Café saß, dieses komische Gefühl, konnte es jedoch nicht wirklich zuordnen. Als er dann am vierten und fünften Tag nicht erschien, beruhigte sie sich wieder. In der darauffolgenden Woche betrat er wieder täglich um halb drei das Café und wartete immer auf einen freien Tisch in ihrer Reihe. Erneut stieg dieses angstvolle Gefühl in ihr auf. Wer war dieser Mann und was wollte er von ihr? Denn es war nicht zu übersehen, dass er sie beobachtete und ihr zulächelte. Auch ihrer Kollegin Ina war dies aufgefallen und sie fragte Hellen deshalb am Donnerstagabend, als sie gemeinsam in der Bar >Siggi’s< noch einen Cocktail tranken: „Sag mal Hellen, wer ist eigentlich der hübsche Dunkelhaarige, der dich jeden Tag mit den Augen verschlingt?“

Hellen wurde kreidebleich, so war ihr das noch gar nicht bewusst geworden.

„Ich weiß es nicht, aber er macht mir Angst. Ich hoffe nur, es ist keiner von Matthias‘ Freunden!“, antwortete sie leise.

„Der sitzt doch im Gefängnis. Denkst du, die würden noch immer für ihn arbeiten?“, meinte Ina und schaute ihre Freundin besorgt an.

„Ja schon, aber man weiß doch nie. Er hatte doch immer Kumpels, die mit ihm krumme Dinger gedreht und die sie nicht erwischt haben.“, antwortete Hellen nervös. Ihre Freundin überlegte eine Weile, meinte dann aber: „Kann schon sein, aber eigentlich sieht der nicht wie eine Ganove aus.“

„Nein, das nun wirklich nicht und er hat anscheinend auch keine Geldnöte, denn er gibt immer ordentlich Trinkgeld. Aber trotzdem, irgendetwas stimmt nicht mit dem, er macht mir Angst.“, erwiderte Hellen und trank ihren Cocktail aus.

„Mach dich nicht verrückt, die eine Woche schaffst du auch noch und dann hast du doch Urlaub.“, sagte Ina und bezahlte ihre Rechnung.

„Stimmt. Und wenn ich dann im Hotel arbeite findet er mich ja nicht.“, antwortete Hellen und verließ gemeinsam mit Ina die Bar um sich auf den Weg zum Bus zu machen.

Am nächsten Morgen lachte endlich wieder einmal die Sonne und es schien ein schöner Tag zu werden. Gut gelaunt servierte Hellen ihren Gästen die Eisbecher, als sich um kurz nach halb vier der Mann wieder an Tisch acht setzte. Hellen schluckte erst einmal, ging dann aber zu ihm und fragte nach seinen Wünschen.

„Wie immer, einen Espresso bitte.“, antwortete er und nahm seine Sonnenbrille ab.

„Immer noch kein Eis bei dem schönen Wetter?“, fragte sie zaghaft.

„Vielleicht später, ich warte noch auf jemanden.“, meinte er daraufhin und zwinkerte ihr zu.

Diese Worte versetzten Hellen in totale Aufregung, sie zitterte und ihre Gedanken wirbelten durcheinander. Schnell ging sie zurück ins Café und gab die Bestellung weiter.

Gerade wollte sie den Espresso zu ihm hinaus bringen, als sie sah, wie sich die schwarzhaarige Frau, die schon im Juni mit ihm im Eiscafé war, an seinen Tisch setzte.

Ein kalter Schauer lief Hellen über den Rücken, ihre Nackenhaare stellten sich auf und sie überlegte kurz, ob sie eine Kollegin bitten sollte, Tisch acht zu übernehmen. Doch dann entschied sie sich dagegen, holte noch einmal tief Luft und ging hinaus.

„Ihr Espresso bitte. Haben Sie sonst noch einen Wunsch?“, fragte sie höflich, aber mit zittriger Stimme.

Er sah zu ihr, in seinen Augen blitzen seltsame Funken, und meinte dann lächelnd: „Ja, heute schon. Einen Eiskaffee und für mich einen Himbeereisbecher bitte.“

„Oh, das tut mir sehr leid, aber Himbeereis ist heute leider schon aus. Vielleicht darf es etwas anderes sein?“, antwortete Hellen etwas zaghaft.

„Tja, ich weiß nicht so recht, eigentlich mag ich nur Himbeereis. Mal sehen …, was würden Sie mir denn empfehlen?“, meinte er und blinzelte Hellen verschmitzt zu. Die wusste nicht so recht, was sie davon halten sollte und sagte ziemlich verunsichert: „Ich? Also ich kann…, ich meine…, also ich würde Ihnen den Amarena-Kirsch mit Likör oder den Mango-Flirt alkoholfrei empfehlen.“

Der Mann lächelte noch immer, zwinkerte ihr nun erneut zu und meinte dann: „Okay, dann lass ich mich mal von Ihnen zu einem Mango-Flirt verführen.“

Hellen schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter, nickte kurz und verließ den Tisch in Richtung Café.

„David! Kannst du vielleicht mal aufhören so schamlos mit dieser Kellnerin zu flirten?! Du bist schließlich mit mir verabredet!“, rief die Schwarzhaarige erbost.

„Mensch Kathrin, du nervst wirklich mit deiner dämlichen Eifersucht! Immer dasselbe, egal zu wem ich mal freundlich bin, immer machst du so ein Theater! Ich hab es langsam aber sicher dicke, das kannst du mir glauben! Du tust gerade so, als ob wir ein Paar wären! Ich habe dir schon so oft gesagt, dass daraus nichts wird, auch wenn meine Schwester dir etwas anderes versprochen hat! Also lass es endlich! Und noch was, du wolltest dieses Treffen, ich hab schon lange andere Pläne!“, antwortete der Mann genervt und trank seinen Espresso.

Die Schwarzhaarige schnappte heftig nach Luft, ihre Augen funkelten eisig und sie zischte: „Soll das heißen, du ziehst diese dahergelaufene, billige Kellnerin mir vor?!“

„Vorsicht Kathrin, du bist nichts Anderes! Nur mit dem kleinen Unterschied, dass du in zehntausend Metern Höhe servierst!“, antwortete er bestimmt und setzte mit gedämpfter Stimme hinzu: „Und wenn du es genau wissen willst, ja, ich würde diese Kellnerin sehr gern näher kennenlernen.“

Wütend sprang die Frau auf: „Weißt du was, David?! Ich hab keine Lust mehr! Mach doch was du willst, aber bei mir brauchst du nicht mehr anzuklopfen! Bin mal gespannt, was Valerie dazu sagt!“ Sie drehte sich um und stolzierte hocherhobenen Kopfes davon.

„Kathrin, pass auf!“, rief er, doch in diesem Augenblick stieß die Schwarzhaarige schon mit Hellen zusammen. Es schepperte und klirrte und das Tablett mit samt dem Eiskaffee und dem Mango-Flirt landete auf dem Gehweg. Hellen selbst stolperte zur Seite und stürzte zwischen Stuhl und Tisch, die zum Glück gerade frei waren.

„Pass doch auf, du Landei!“, rief die Schwarzhaarige Hellen zu und verließ ohne ein weiteres Wort und ohne sich noch einmal umzuschauen das Café.

Der Mann war aufgesprungen und hockte jetzt neben Hellen.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte er aufgeregt und half ihr auf.

„Nichts passiert.“, antwortete die kaum hörbar und sammelte mit zitternden Händen die Scherben zusammen. „Ich …, ich bringe Ihnen gleich einen neuen Eisbecher, bitte entschuldigen Sie.“

„Vorsicht, schneiden Sie sich nicht an den Scherben. Ich muss mich entschuldigen, es war mein Fehler. Kathrin war meinetwegen so aufgebracht.“, antwortete er und half ihr beim Aufsammeln der Scherben.

Hellen bedankte sich leise und lief rasch zurück ins Café, während er wieder an seinem Tisch Platz nahm.

„Wie konnte das denn passieren?“, fragte die Chefin und Hellen erklärte ihr kurz was vorgefallen war.

„Gut, bringen Sie dem Gast das gewünschte, berechnen Sie aber nur einmal. Das andere geht auf Geschäftsrisiko. Hauptsache Sie haben sich nicht verletzt.“, sagte Frau Müller und nickte Hellen aufmunternd zu.

„Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte Ina leise, nachdem sich die Chefin wieder in ihr Büro zurückgezogen hatte.

Hellen nickte und verschwand im Personalraum um sich die Hände zu waschen und ihre Kleidung und Frisur zu ordnen. Sie blickte in den Spiegel und erschrak, sie war kreidebleich und ihr Haar war total zerzaust. Schnell bürstete sie es durch, steckte es dann erneut auf und wusch und desinfizierte anschließend ihre Hände.

„Der Mann macht mich total nervös, hoffentlich kommt der die nächsten Tage nicht mehr.“, meinte sie dann leise zu ihrer Freundin Ina während sie den neuen Mango-Flirt entgegennahm.

„Bitte sehr, Ihr Mango-Flirt und bitte entschuldigen Sie die Verzögerung.“, sagte sie vorsichtig und wollte sich gerade entfernen, als der Mann unverhofft nach ihrer Hand griff und meinte: „Bitte setzen Sie sich einen Moment, Sie sind noch immer ganz blass.“ Er wies mit der anderen Hand auf den Stuhl ihm gegenüber, auf dem zuvor die schwarzhaarige Frau gesessen hatte. Hellen war verunsichert, was wollte der Mann von ihr? Aber nach einem kurzen Blick in sein freundlich lächelndes Gesicht dachte sie sich: > Okay, ich kann ja noch eine kurze Pause machen, im Augenblick sind alle Gäste versorgt. <

Sie setzte sich also ihm gegenüber, legte ihre Hände verlegen in ihren Schoß und sagte leise: „Es tut mir leid, wenn Sie meinetwegen Streit mit Ihrer Frau hatten.“

Der Mann verschluckte sich fast, als er das hörte, legte den Löffel zur Seite und fragte dann: „Wie heißen Sie?“

„Hellen.“, antwortete sie kaum hörbar. Die Nähe dieses Mannes verunsicherte sie sehr.

„Ich bin David Forster, schön Sie kennenzulernen Hellen.“

Hellen nickte nur.

„Also erstens ist Kathrin nur eine Kollegin, oder besser war es, auch wenn sie sich mehr erhofft hat und zweitens muss ich mich bei Ihnen entschuldigen, schließlich habe ich Sie mit meinem Flirtversuch verunsichert und Kathrin damit verärgert. Ich hoffe, Sie können mir verzeihen? Für den Schaden komme ich selbstverständlich auf.“, sagte er und versuchte immer wieder Hellen in die Augen zu schauen. Die war aber so verunsichert und nervös, dass sie ständig die Blickrichtung änderte.

„Das ist nicht nötig, wie gesagt, es tut mir leid. Tja, ich… ich muss dann mal wieder.“, antwortete sie, stand rasch auf und lief fluchtartig zurück ins Café.

„Hellen!“, rief er ihr nach, doch die sah sich nicht noch einmal um. > Okay, du kommst ja noch zum Kassieren. <, dachte er und löffelte gemütlich sein Eis. Zwischendurch schaute er immer wieder zum Eingang des Cafés und beobachtete Hellen.

„Ina, kannst du bitte nachher Tisch acht abkassieren?“, fragte Hellen leise und sah ihre Freundin und Kollegin flehend an.

„Was ist denn los mit dir? So hab ich dich ja noch nie erlebt!“, meinte Ina hinter ihrem Tresen und schaute Hellen kopfschüttelnd an.

„Ich kann es dir nicht erklären, aber der Mann macht mir Angst. Bitte Ina, nur dieses eine Mal.“

Hellens Kollegin schaute hinaus zu dem jungen Mann und meinte dann: „Also ich weiß nicht was du hast, für mich sieht er nicht gefährlich aus, im Gegenteil, ich finde ihn äußerst attraktiv. Von der Bettkante würde ich ihn mit Sicherheit nicht schubsen. Und außerdem, was meinst du, was Frau Müller sagt, wenn sie das mitbekommt.“

Ina bereitete nebenbei die nächsten Eisbecher zu und Hellen meinte schließlich: „Du hast recht, ich brauche ja diesen Job noch ein paar Tage. Also los, auf in den Kampf.“ Sie nahm die beiden Eisbecher und ging wieder hinaus in den Außenbereich. Nach und nach beruhigte sich Hellen, sie hatte ausreichend zu tun und so verging die Zeit recht schnell.

David Forster aß genüsslich seinen Mango-Flirt, das Eis war am Ende schon zerschmolzen und beobachtete nebenbei Hellen. Die vermied jeden unnötigen Blickkontakt und versuchte, seinem Tisch nicht näher als unbedingt nötig zu kommen.

Mittlerweile war es kurz nach sechs Uhr abends, doch David Forster saß immer noch an seinem Tisch.

„Will der denn nicht endlich gehen?“, flüsterte Hellen ihrer Kollegin zu.

Die sah kurz hinaus und meinte dann: „Er beobachtet dich schon die ganze Zeit, ich glaube, der versucht mit dir zu flirten. Sei doch nicht so schüchtern, er sieht gut aus und ein bisschen flirten schadet niemandem. Oder willst du etwa ewig allein bleiben?“

Hellen schüttelte verlegen den Kopf: „Nein, natürlich nicht, es ist nur …, ach ich weiß auch nicht so genau, in mir geht alles drunter und drüber. Er heißt David und hat sehr interessante Augen, aber irgendetwas an ihm macht mir Angst.“

„Du sollst doch auch nicht sofort mit ihm in die Kiste steigen, aber ein bisschen flirten schadet nicht. “, meinte Ina schmunzelnd und zeigte mit dem Kopf leicht in Richtung Außenbereich.

„Neue Gäste für dich.“

Hellen sah sich kurz um, atmete tief durch und ging dann zielstrebig hinaus zu den Gästen, begrüßte sie freundlich und fragte nach ihren Wünschen. Auf dem Rückweg ins Café sprach David Forster sie dann an: „Hellen, ich möchte dann bitte zahlen.“

Sie schaute kurz zu ihm, nickte und antwortete nervös: „Ja natürlich, sofort.“ Anschließend gab sie die Bestellung bei Ina ab, zog die Rechnung für Tisch acht aus der Kasse und ging zurück zu ihm.

„Das macht dann sieben Euro achtzig bitte.“, sagte sie und legte ihm den Kassenbon vor.

„Hellen, das kann nicht sein, Sie haben den Eiskaffee und den zweiten Eisbecher vergessen.“, meinte er und wieder lief Hellen ein kalter Schauer den Rücken herunter. Er hatte eine tiefe, warme Stimme und doch verursachte sie Angst bei ihr.

„Das stimmt schon so, das andere geht auf Geschäftsrisiko, es war schließlich mein Fehler.“, antwortete sie und schaute verlegen auf ihre Hände.

„Nein Hellen, das war es sicher nicht. Aber lassen wir das. Was machen Sie heute nach Feierabend? Ich würde Sie gern zum Abendessen einladen.“, sagte er plötzlich und lächelte ihr zu.

Hellen schluckte heftig und antwortete dann mit zitternder Stimme: „Das…, das geht nicht, ich …, mein Bus…, ich meine, ich muss meinen Bus erreichen, sonst…“

„Ich spendiere Ihnen gern ein Taxi, Hellen bitte, ich möchte mich gern bei Ihnen entschuldigen und … ich würde Sie gern näher kennenlernen.“, unterbrach er sie.

Hellen zitterte am ganzen Körper, was ihm natürlich nicht verborgen blieb. Vorsichtig legte er seine Hand auf ihren rechten Unterarm und fragte: „Ist alles in Ordnung? Sie sind immer noch ganz blass, bitte setzen Sie sich doch einen Augenblick.“ Er war aufgestanden und wollte sie auf den gegenüberliegenden Stuhl setzen, doch das war zu viel für Hellen. Abrupt zog sie ihren Arm weg, trat einen Schritt zurück und sagte hastig: „Es ist alles okay, danke! Aber ich kann trotzdem nicht!“ Sie sah ihm kurz in die Augen, schüttelte den Kopf und lief dann hastig zurück ins Café, wo sie sich zunächst auf der Toilette einschloss.

David Forster schaute ihr entgeistert nach, das war ihm auch noch nicht passiert, dass eine Frau vor ihm davon lief. Er nahm den Kassenbon, ging hinein zum Tresen und fragte: „Entschuldigung, hätten Sie vielleicht einen Stift für mich?“

Ina Kugel, die gerade nach Hellen sehen wollte, machte auf dem Absatz kehrt, sah den Mann irritiert an und reichte ihm dann einen Kugelschreiber über den Tresen.

David Forster schrieb seine Handynummer auf die Rückseite des Kassenbons, legte dann zwanzig Euro zusammen mit dem Bon auf den Tresen und sagte: „Würden Sie das bitte Hellen geben, das stimmt so?! Und sagen Sie ihr bitte, es tut mir leid, ich wollte sie nicht erschrecken.“

Ina schaute ihn forschend an, warf dann einen Blick auf den Kassenbon und dessen Rückseite, nickte und meinte: „Okay ich gebe ihr das.“

„Vielen Dank.“, antwortete er leise und verließ anschließend nachdenklich das Café. Den ganzen Weg zurück zu seiner Wohnung im eleganten Stadtteil Schönau kreisten seinen Gedanken um Hellen und er fand einfach keine logische Erklärung, wieso sie derart verunsichert, ja fast panisch vor ihm zurückgeschreckt war. Auch nachdem er geduscht hatte und mit einem Glas Wasser vor dem Fernseher saß, musste er immer noch an sie denken. Ihr zartes Gesicht, ihre hübschen blaugrünen Augen und ihre zitternde Stimme gingen ihm nicht aus dem Kopf.

*****

„Hellen? Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte Ina leise, als sie den Vorraum der Toiletten betrat. Dort stand Hellen weinend vor einem Spiegel, schaute erschrocken auf und sagte schluchzend: „Ina, was ist nur los mit mir? Der Mann macht mir Angst und doch finde ich ihn nett. Das ist doch verrückt!?“

„Ich glaube, du bist gerade dabei, dich neu zu verlieben. Er war übrigens sehr traurig, als er gerade gegangen ist. Hier, das soll ich dir geben und ich soll dir sagen, es tut ihm sehr leid, er wollte dich nicht erschrecken.“, sagte Ina, umarmte Hellen kurz und gab ihr dann den Kassenbon und die zwanzig Euro.

„Aber das ist doch viel zu viel! Hast du ihm rausgegeben?“, rief Hellen entsetzt.

„Stimmt so, hat er gesagt.“, meinte ihre Kollegin lächelnd und zeigte auf die Rückseite des Bons.

Hellen starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die Telefonnummer, zerknüllte anschließend den Bon und warf ihn in den Mülleimer.

Zehn Minuten später erschien sie wieder im Café und erledigte ihre Arbeit ohne weiter über diesen Mann nachzudenken. Erst als sie am Abend völlig erledigt und mit schmerzenden Füßen die Tür zu ihrer kleinen Wohnung hinter sich schloss, tauchte sein Gesicht wieder vor ihrem inneren Auge auf.

>Eigentlich sah er ja sehr gut aus, seine Stimme war so warm und herzlich. Und wie besorgt er um mich war?! Wenn da doch bloß nicht dieses unerklärliche Angstgefühl wäre. <, dachte sie während sie ihre Tasche abstellte und unter die Dusche ging. Anschließend saß auch sie noch eine Weile vor dem Fernseher, trank ein Glas Wasser und telefonierte mit ihrer Mutter. Kurz vor halb zwölf ging sie zu Bett und fiel recht schnell in einen tiefen Schlaf.

Als Hellen am nächsten Morgen um halb neun aufwachte, flogen ihre Gedanken sofort wieder zu dem jungen Mann und sie glaubte, seine warme Stimme zu hören.

„Das gibt es doch nicht! Wieso verfolgt der mich sogar jetzt noch?“, rief sie und warf sich die Bettdecke über den Kopf. Kurze Zeit später sprang sie aus dem Bett, duschte und trank schnell noch eine Tasse Kaffee, bevor sie sich auf den Weg zur Bushaltestelle machte.

*****

David Forster hatte in der letzten Nacht sehr unruhig geschlafen, immer wieder flogen seine Gedanken zu Hellen. Deshalb war er bereits um sieben Uhr aufgestanden und eine Stunde durch den Stadtpark gelaufen. Doch auch die frische Luft konnte ihr zartes Gesicht nicht aus seinem Kopf vertreiben.

>Ich muss sie unbedingt wiedersehen! Vielleicht habe ich ja mehr Glück, wenn ich um die Mittagszeit bei ihr bin. <, dachte er, während er unter der Dusche stand. Nach einem kleinen Frühstück erledigte er noch einige Telefonate, räumte seine Wohnung auf und fuhr dann um kurz vor zwölf Uhr mittags in seinem Audi A5 Coupé aus der Tiefgarage des modernen und eleganten Wohnhauses.

Eine viertel Stunde später erreichte er das Parkhaus Altstadtcenter, stellte sein Auto ab und ging zu Fuß weiter in die Altstadt. Als er schon von weitem die vollbesetzten Tische des Eiscafés >Napoli< erkannte, begann sein Herz heftig zu klopfen. Je näher er kam, umso aufgeregter wurde er, denn er konnte unter den Kellnerinnen, die eilig hin und her liefen, Hellen nicht erkennen.

War sie womöglich krank? Hatte sie sich vielleicht bei dem Sturz doch verletzt? Seine Gedanken wirbelten wild durcheinander und er suchte nach einem freien Platz. Da aber im Außenbereich alles besetzt war und aller Voraussicht nach auch so schnell nichts frei werden würde, beschloss er, ins Café hinein zu gehen, vielleicht bediente sie ja an diesem Tag drinnen. Im Café war es angenehm kühl und er fand schnell einen freien Platz an einem kleinen Tisch neben einer Säule, doch auch hier konnte er Hellen nirgends entdecken. Er bestellte sich trotzdem einen Espresso und blickte sich weiter suchend um. Dabei fiel sein Blick auf die junge Frau hinter dem Tresen und er erkannte in ihr die Frau, die auch schon am Vortag dort gestanden und der er den Kassenbon mit seiner Handynummer und die Nachricht an Hellen gegeben hatte. Er lächelte ihr freundlich zu, stand dann jedoch auf und ging zu ihr.

„Entschuldigung, darf ich Sie etwas fragen?“

Ina Kugel, die gerade zwei Kindern am Straßenverkauf ihre Eiswaffeln gereicht hatte, drehte sich zu ihm herum und antwortete: „Natürlich, was kann ich denn für Sie tun?“ Sie blickte ihn nachdenklich an und meinte dann noch ehe er etwas sagen konnte: „Momentmal, Sie sind doch der junge Mann mit dem Mango-Flirt von gestern, richtig?“

David Forster nickte lächelnd und meinte dann: „Ja richtig.“

„War etwas nicht in Ordnung damit?“, fragte Ina schnell und stand ihm nun direkt gegenüber, nur der Tresen trennte beide voneinander.

„Nein, nein, damit war alles okay, keine Sorge! Deshalb bin ich nicht hier, ich wollte eigentlich Hellen sprechen. Ich hab sie nur noch nirgends gesehen. Sie hat sich doch wohl nicht verletzt, bei dem Sturz gestern?“, meinte er ernst.

Ina sah zu ihm auf und konnte in seinen Augen tiefe Sorge erkennen. >Dieser Mann hat sich anscheinend in Hellen verliebt. <, dachte sie und sagte dann kopfschüttelnd:

„Nein, nein, machen Sie sich darüber keine Gedanken. Gestern Abend ging es ihr gut und heute hat sie ihren freien Tag, weil sie Samstag und Sonntag arbeitet. Am Montag hat sie dann auch noch mal frei und ab Dienstag dann Frühschicht von halb neun bis fünf Uhr nachmittags.“

David Forsters Gesichtsausdruck wurde noch trauriger, was Ina verwunderte.

„Das ist wirklich schade, ich hätte sie gern noch einmal gesprochen.“, meinte er nachdenklich.

„Wie gesagt, morgen ist sie ab elf Uhr wieder hier.“, antwortete Ina und bereitete nebenbei die nächsten Eisbecher vor.

„Ich bin ab morgen früh leider beruflich für mehrere Tage nicht in der Stadt, das ist wirklich zu dumm. Ich kann aber an meinem Dienstplan nichts ändern, jetzt nicht mehr, dafür ist es jetzt leider zu spät. Haben Sie vielleicht ihre Handynummer? Dann könnte ich sie anrufen oder könnten Sie mir sagen, wo sie wohnt?“, fragte er und sah Ina hoffnungsvoll an. Die war sich aber nicht sicher, ob Hellen damit einverstanden sein würde, schließlich hatte sie am Vortag den Kassenbon mit seiner Handynummer sofort im Mülleimer entsorgt und auch sonst hatte Hellen nichts mit diesem Mann zu tun haben wollen.

„Bitte, ich würde Hellen wirklich gern wiedersehen.“,

unterbrach er Inas Gedankengänge.

„Also ich weiß nicht, ob ihr das recht wäre, sie hat Ihre Handynummer gestern sofort im Mülleimer entsorgt und auch sonst war sie doch sehr verunsichert, so kenne ich meine Freundin eigentlich nicht.“, antwortete Ina, obwohl der Mann ihr irgendwie leid tat, schließlich sah er sehr gut aus, machte einen ehrlich besorgten Eindruck auf sie und schien echtes Interesse an Hellen zu haben.

Hellen und Ina waren seit der Grundschule miteinander befreundet und hatten sich auch in den Jahren, in denen Hellen aufs Gymnasium ging und später während ihrer Berufsausbildung in Oberhallstadt nicht aus den Augen verloren und stets engen Kontakt gehalten. Auch die Zeit, als Hellen sich von ihrem Freund getrennt hatte, standen die beiden gemeinsam durch.

„Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Ich werde Hellen heute Abend anrufen und ihr sagen, dass Sie sich nach ihr erkundigt haben und das Sie sie gern wiedersehen würden. Mal sehen, was sie darauf antwortet.“, sagte sie deshalb und hoffte, ihn damit beruhigen zu können.

„Ich hab ja wohl keine andere Wahl, also gut, ich gebe Ihnen noch meine Handynummer, vielleicht möchte Hellen mich ja doch noch anrufen.“, antwortete er betrübt, schrieb seine Handynummer auf einen Zettel und reichte ihn Ina.

„Ich werde sehen, was sie sagt. Wann sind Sie denn wieder in der Stadt? Ich meine, falls sie doch ihre Meinung ändert.“, fragte Ina und sah ihn bedauernd an.

„Nächste Woche nur am Mittwoch und Sonntag, aber mein Handy ist eigentlich immer an. Ja also, ich geh dann mal, vielen Dank für Ihre Mühe und das stimmt so.“, sagte er freundlich, legte fünf Euro auf den Tresen und zeigte auf den Espresso, von dem er nur einen kleinen Schluck getrunken hatte.

„Aber…“, meinte Ina und sah ihn entsetzt an. Doch er hob nur die Hand, nickte und verließ daraufhin das Café. Ina zog den Kassenbon für den Espresso, legte das Geld zusammen mit dem Bon in die Kasse und widmete sich wieder ihrer Arbeit, aber der traurige Blick des jungen Mannes ließ sie einfach nicht los.

David Forster lief nachdenklich und ohne Ziel durch die Altstadt, seine Gedanken flogen immer wieder zu Hellen und er hoffte inständig, dass sie ihn in den nächsten Tagen vielleicht doch anrufen würde. Erst am späten Nachmittag fuhr er zurück zu seiner Wohnung, telefonierte noch kurz mit seinen Eltern und packte anschließend seine Unterlagen und seinen Koffer.

*****

Als Ina an diesem Abend um kurz nach neun Uhr endlich in ihrer Wohnung angekommen war, rief sie sofort Hellen an und berichtete ihr alles.

„Danke, dass du ihm meine Adresse und meine Telefonnummer nicht gegeben hast.“, antwortete Hellen leise.

„Hellen, ich weiß nicht, aber er schien wirklich sehr besorgt um dich und er war unheimlich traurig, als er erfuhr, dass du nicht da bist und er dich nicht mehr sprechen konnte vor seiner Abreise. Ich glaube, er hat sich in dich verliebt.“, meinte Ina und wartete gespannt auf Hellens Reaktion. Die kam auch prompt: „Ina, du spinnst ja wohl! Lass dich nicht um den Finger wickeln von seinen schönen Augen und seiner warmen Stimme! Ich kann dir nicht erklären warum, aber ich habe ein ungutes Gefühl bei ihm, er macht mir Angst!“

Hellen war sehr aufgeregt, beinahe hysterisch, sprach dementsprechend laut und lief unruhig in ihrem kleinen Wohnzimmer herum.

„Hellen, beruhige dich doch mal! Mensch, du tust ja gerade so, als sei er der schlimmste Schwerverbrecher, den es auf der ganzen Welt gibt. Also ehrlich, ich finde, du übertreibst maßlos, er hat dir schließlich nichts getan! Im Gegenteil, er war ehrlich besorgt! Du solltest vielleicht mal lernen, nicht alle Männer auf eine Stufe mit Matthias zu stellen, nicht jeder ist so ein Trunkenbold und Schlägertyp! Du musst einfach aus deinem Schneckenhaus herauskommen und auch den Männern wieder eine Chance geben, sonst bleibst du ewig allein und versauerst zu einer alten Jungfer! Willst du das etwa?“

Ina war jetzt ebenfalls laut geworden am Telefon, sie fand, Hellen tat dem jungen Mann unrecht. Und außerdem wollte sie ihrer Freundin helfen, wieder Mut zur Liebe zu fassen.

„Ruf ihn doch einfach mal an, er wartet darauf, das weiß ich. Es schadet doch nichts, wenn du mal mit ihm sprichst und später könnt ihr euch doch mal treffen, irgendwo, an einem öffentlichen Ort, wo du erst einmal nicht mit ihm allein bist.“, sagte sie jetzt etwas ruhiger, doch Hellen war nicht zu überzeugen.

„Ina bitte, lass mich damit in Ruhe, ich bin dazu nicht bereit, noch nicht. Und mit ihm schon gleich gar nicht! Bitte, du bist doch meine beste Freundin.“, meinte die jetzt etwas ruhiger.

Ina sagte eine Weile kein Wort, meinte dann aber: „Wie du willst, es ist dein Leben. Kommst du am Mittwoch mit zu >Siggi’s< zur >Happy hour<? Du hast doch Frühschicht!“

„Wenn du aufhörst über ihn zu reden, ja.“, antwortete Hellen und beide mussten lachen.

Ina verabschiedete sich dann auch bald, sie hatte am Wochenende frei und wollte mit ihrem Freund Oliver für zwei Tage mit dem Zelt an den Fuxelstaussee, der knapp dreißig Kilometer südlich von Dorstenberg lag. Dort gab es einen schönen Campingplatz mit einem künstlich angelegten Sandstrand und bei dem herrlichen Spätsommerwetter war dort bestimmt viel los.

Hellen war nach dem Gespräch mit ihrer Freundin sehr durcheinander und fand in dieser Nacht kaum Schlaf. David Forster geisterte immer wieder durch ihren Kopf und sie hasste sich selbst dafür, dass sie einfach nicht von ihm los kam. Schlecht gelaunt verließ sie dann auch am Samstagmorgen ihre Wohnung und machte sich auf den Weg zu ihrer Arbeit.

Das sonnige Wetter hielt bis Dienstagmittag an, sodass Hellen reichlich zu tun hatte und kaum zum Nachdenken kam. Dann zog ein kräftiges Gewitter über die Stadt und brachte eine deutliche Abkühlung und auch dementsprechend weniger Gäste ins Eiscafé. Für Hellen und ihre Kolleginnen war es eine willkommene Verschnaufpause nach den anstrengenden Tagen zuvor und für das kommende Wochenende wurden auch schon wieder hochsommerliche Temperaturen angesagt.

Am Mittwoch regnete es immer noch, sodass Hellen eine olivgrüne Hose in siebenachtel-Länge und eine lachsfarbene Chiffonbluse mit passendem Top darunter anzog. Für den Abend in der Bar steckte sie noch ihren schwarzen Minirock, ein mit Pailletten besetztes, lachsfarbenes Neckholder-Top und ihre Pumps mit den extra hohen Absätzen ein. Sie freute sich auf den Abend mit ihrer Freundin, auch wenn die ihren Verlobten mitbrachte. Die drei hatten schon oft gemeinsam etwas unternommen und Hellen wusste immer genau, wann sie störte und besser gehen sollte.

Der Tag im Café war relativ ruhig, nur wenige Gäste kamen bei diesem Wetter zum Eis essen, sodass Hellen und Ina pünktlich um fünf Uhr nachmittags das Café verlassen konnten. In Inas Wohnung, die näher am Stadtzentrum lag als Hellens, duschten die beiden und machten sich dann für den Abend schön. Ina mit ihren langen dunklen Locken wirkte sehr exotisch. Hellen dagegen mit ihren glatten hellblonden Haaren, die zwar seidig glänzten, bis Mitte Schulterblatt reichten und die sie auf der rechten Seite mit einem Kamm aufgesteckt hatte, sah eher kühl und schüchtern aus.

Gemeinsam machten sie sich um kurz nach sechs auf den Weg zu >Siggi’s< in der Zeisingstraße nahe des Altstadtcenters. Oliver, Inas Verlobter wollte dort bereits Plätze reservieren.

Die Bar war schon ziemlich voll, als Ina und Hellen dort eintrafen, doch sie fanden Oliver recht schnell. Er saß an einem Vierer-Tisch rechts neben der kleinen Tanzfläche, hatte sich schon ein Bier bestellt und winkte nun beiden zu.

„Hallo Oliver, heute ist es aber voll hier!“, sagte Hellen, während sie sich setzte.

„Wundert dich das? Bei dem Wetter will doch keiner den Abend draußen verbringen.“, antwortete Oliver und bestellte zwei Tagesangebote.

Während alle drei gemütlich beieinander saßen und genüsslich ihre Cocktails schlürften beobachtete Ina die ganze Zeit vorsichtig den Eingang der Bar.

„Wollt ihr denn nicht mal tanzen?“, fragte Hellen nach einer Weile.

„Vielleicht später, jetzt will ich erst mal meinen Cocktail genießen.“, antwortete Ina schnell und blinzelte ihrem Oliver zu. Der zuckte nur mit den Schultern, sagte aber nichts weiter. Hellen wunderte sich, denn eigentlich war Ina eine richtige Tanzmaus. Sie hatte früher, als sie noch regelmäßig zur Disko gegangen waren, kaum einen Tanz ausgelassen. Aber sie sagte nichts weiter, sondern hing ihren eigenen Gedanken nach.

„Guten Abend Hellen.“, sagte plötzlich eine warme Männerstimme hinter ihr.

Hellen erschrak derart, dass sie fast ihr Cocktailglas umgeworfen hätte, drehte sich dann langsam um und zuckte erneut zusammen, als sie David Forster vor sich stehen sah.

„Was machen Sie denn hier?“, fragte Hellen und die Angst in ihrer Stimme war deutlich zu hören.

„Ja also, eigentlich ist das ja eine öffentliche Bar, hier darf, soweit ich weiß, jeder herkommen. Aber um ehrlich zu sein, ich bin hier, um Sie wieder zu sehen.“, antwortete er ruhig und lächelte ihr zu.

„Nehmen Sie doch Platz, hier ist noch frei!“, mischte sich Ina jetzt ein und zeigte auf den freien Stuhl.

„Wenn‘s erlaubt ist, gerne, vielen Dank.“, sagte er, hing seine Jacke über die Stuhllehne und reichte dann Oliver die Hand: „David Forster, guten Abend.“

Oliver erwiderte seinen Gruß freundlich und zwinkerte seiner Ina verschwörerisch zu.

In diesem Augenblick wurde Hellen einiges klar und sie sagte aufgebracht: „Du kommst jetzt sofort mit!“, sprang auf, nahm Inas Hand und zog sie mit sich zur Toilette.

Nachdem sie die Tür hinter sich zugeschlagen hatte, drehte sie sich zu ihrer Freundin um und schrie sie wütend an: „Du hast ihn angerufen, gib es zu! Du hast ihn hierherbestellt! Was denkst du dir dabei? Ich habe dir gesagt, er macht mir Angst, ich will ihn nicht sehen! Wieso kannst du das nicht akzeptieren?“

Hellen zitterte vor Aufregung und trotzdem kullerten ihr jetzt ein paar Tränen über die Wangen.

Ina blickte Hellen unbeeindruckt an, wartete noch einen Augenblick und sagte dann betont ruhig: „Sehr schön, bist du jetzt fertig? Können wir jetzt wie normale Erwachsene miteinander reden?“

Hellen drehte sich zu den Spiegeln um, sah kurz hinein und ließ dann den Kopf nach unten sinken.

„Schön, dann hör mir mal gut zu. Du bist meine beste Freundin, ich kenne dich besser als du dich selbst und du musst endlich wieder mit Männern in Kontakt kommen. Je länger du dich abschottest und vor ihnen die Flucht ergreifst, umso schwieriger wird es für dich, irgendwann wieder Vertrauen zu einem Mann aufzubauen.“, sagte Ina leiser und legte beruhigend eine Hand auf Hellens Rücken. Die wollte etwas sagen, doch Ina meinte: „Ich bin noch nicht fertig! Also, ja du hast Recht, ich habe ihm gesagt, dass er dich heute hier findet. Er tat mir leid, du hättest mal sehen sollen, wie traurig er war, als er letzten Freitag das Café verließ. Hier bist du doch nicht mit ihm allein, hier könnt ihr euch vorsichtig näher kennenlernen. Vielleicht legt sich ja dann deine Angst, du hast selbst gesagt, er hat interessante Augen und eine warme Stimme. Versuch es doch wenigstens, gib euch beiden eine Chance. Oliver war auch der Meinung.“

Hellen sagte eine ganze Weile nichts, starrte nur in den Spiegel.

„Gut aussehen tut er ja wirklich und seine Stimme ist wie… wie eine sanfte Umarmung. Aber ich …“

„Nichts aber! Such nicht immer nach irgendwelchen Ausflüchten, genieß doch einfach, dass er sich um dich bemüht, dass er sich um dich sorgt! Hellen, das ist nicht selbstverständlich bei Männern, das weißt du doch selbst.“, unterbrach Ina sie, nahm Hellens Hände in ihre Eigenen, drückte sie fest und zwinkerte ihr aufmunternd zu.

„Nun komm, mach dich etwas frisch und dann gehen wir gemeinsam zurück.“, sagte Ina noch einmal leise.

Hellen nickte wortlos, besserte anschließend ihr Make-up etwas auf, holte noch einmal tief Luft und folgte dann Ina zurück in die Bar.

David und Oliver unterhielten sich angeregt, als die beiden Damen an den Tisch zurückkehrten. David sprang sofort auf und rückte Hellen den Stuhl zurecht.

„Danke.“, sagte die leise und blickte ihn kurz an. Dabei erkannte auch sie die Traurigkeit in Davids schönen dunkelbraunen Augen.

„Es tut mir leid, ich war wohl etwas unfreundlich zu Ihnen.“, meinte sie deshalb und bemerkte sofort, wie seinen Augen zu Leuchten begannen.

„Nachdem, was ich Ihnen letzte Woche angetan habe, habe ich das wahrscheinlich auch verdient. Es tut mir noch immer leid, ich wollte Sie wirklich nicht verunsichern. Darf ich Ihnen noch etwas zu trinken bestellen?“

Hellen zögerte erst, sagte dann aber: „So einen Cocktail würde ich gern noch trinken, danke.“

Er bestellte also den Tagesangebotscocktail und für sich ein Mineralwasser.

Oliver verschluckte sich fast, als er das hörte und meinte: „Was denn, nur Wasser?“

David Forster nickte und antwortete: „Ja, ich muss morgen wieder früh raus und da bleibe ich lieber bei Wasser.“

Hellen gefiel diese Einstellung, war es doch das genaue Gegenteil von dem, was ihr ehemaliger Freund getan hatte. Auch seine sanfte und besorgte Art ihr gegenüber ließen allmählich dieses Angstgefühl in ihrem Innern abflauen. Als der Kellner die Getränke gebracht hatte, sagte er leise: „Wollen wir nicht <du> zueinander sagen?“

Hellen nickte nur, hob ihr Glas und trank einen Schluck.

Auch David nahm einen kleinen Schluck von seinem Wasser und meinte dann: „Es tut mir leid, dass ich mich so ungeschickt angestellt habe, als ich dich angesprochen habe. Ich muss zugeben, dass ich in solchen Dingen nicht besonders viel Übung habe, aber als ich dich im Juni das erste Mal sah, hatte ich sofort das Gefühl, das du etwas ganz Besonderes bist. Ich wollte dich unbedingt kennenlernen, wusste allerdings auch nicht so recht, wie ich das am besten anstelle. Ich habe dich hier noch nie gesehen, bist du neu in der Stadt?“

Hellen schüttelte den Kopf und antwortete: „Nein, ich bin hier geboren und aufgewachsen.“

David hob erstaunt die Augenbrauen und sagte: „Oh, wieso hab ich dich dann noch nie hier gesehen? Ich bin zwar nicht jeden Tag in der Stadt und oft für mehrere Tage dienstlich unterwegs, aber ich wohne seit einem dreiviertel Jahr hier.“

Hellen lächelte jetzt etwas und meinte dann: „Wusste ich doch, du stammst nicht von hier.“

Als David sie zum ersten Mal lächeln sah, auch wenn es nur ein sehr dezentes Lächeln war, klopfte sein Herz heftig.

Ina und Oliver hatten den beiden die ganze Zeit zugehört und sie beobachtet und Oliver meinte jetzt: „Schatzi, wollen wir nicht mal tanzen? Ich glaube, die beiden können wir jetzt beruhigt mal für ein paar Minuten allein lassen.“ Er nahm Inas Hand, stand auf und zog seine Angebetete mit sich zur Tanzfläche.

Hellen blickte flehend zu Ina, doch die zwinkerte ihr nur zu.

„Deine Freunde sind sehr nett, möchtest du auch tanzen?“, fragte David leise und legte vorsichtig seine Hand auf Hellens. Die zuckte jedoch erschrocken zurück und sah wieder verunsichert zu ihm.

„Hellen, bitte, was mache ich denn nur falsch, warum hast du solche Angst vor mir? Ich möchte dich kennenlernen, dir nah sein, dich beschützen. Niemals würde ich dir wehtun, bitte glaub mir. Als ich dich im Juni in dem Eiscafé sah, war ich so fasziniert von dir, das war so ein Gefühl, ich …, ich weiß nicht wie ich es beschreiben soll, aber ich habe so etwas noch nie zuvor beim Anblick einer Frau gespürt.“, sagte er leise und schaute auf seine Armbanduhr.

„David, bitte hör auf damit, ich...“

Krampfhaft klammerte Hellen sich an ihrem Cocktailglas fest, starrte auf die Tischplatte und schluckte tapfer ihre aufkommenden Tränen hinunter. Sehr behutsam streichelte er über ihren Unterarm und sagte leise: „Du bist sehr schön und mein Herz klopft immer heftig wenn ich dich sehe.“

Seine tiefe, warme Stimme streichelte sanft Hellens Seele und vermittelte ihr ein wohliges Gefühl. Ganz langsam drehte sie ihm ihr Gesicht zu, sah ihm in die Augen und fragte: „Wie vielen Frauen hast du das schon gesagt? Hältst du mich für so dumm?“

„Hellen bitte, ich halte dich keineswegs für dumm, was denkst du von mir? Vielleicht wirst du mich auslachen, aber du bist die zweite Frau, der ich so etwas sage, ehrlich. Ich bin keiner, der auf ein schnelles Abenteuer aus ist, bitte glaub mir. Ich würde dir gern alles über mich erzählen, damit du vertrauen zu mir fassen kannst, aber dazu brauche ich Zeit, die ich heute leider nicht habe. Ich muss morgen früh um vier Uhr zur Arbeit und brauche vorher noch etwas Schlaf. Ich komme erst am Samstagabend zurück, vielleicht können wir ja Sonntag gemeinsam zum Stausee fahren, das Wetter soll doch schön werden?!“, sagte er und seine Stimme klang wieder sehr traurig.

Hellen rang mit sich, einerseits fand sie ihn wirklich sehr nett, fühlte sich geschmeichelt und umsorgt, aber andererseits fiel es ihr sehr schwer zu glauben, dass er die Wahrheit sagte. Sie hatte in ihrem kurzen Leben zu viele schlechte Erfahrungen machen müssen, aber trotz allem fühlte sie sich zu ihm hingezogen. Sie schaute auf ihre Uhr, es war mittlerweile viertel nach acht, und meinte dann: „Ich muss gleich los, mein Bus.“

„Ich kann dich nach Hause fahren, mein Auto steht im Altstadtcenter. Aber vorher würde ich gern mit dir tanzen, wenigstens einmal.“, sagte er leise, nahm ihr Hand in Seine und streichelte sanft darüber.

Hellen atmete tief ein, nickte und antwortete: „Okay, einen Tanz, aber dann muss ich zum Bus.“

Er hatte zwar gehofft, sie nach Hause bringen zu können, aber wenigstens konnte er sie jetzt für ein paar Minuten in den Armen halten.

Die kleine Tanzfläche war gut gefüllt und David nahm Hellen ganz vorsichtig in den Arm. Er spürte die Anspannung ihres Körpers, weshalb er darauf achtete, ihr nicht zu nahe zu kommen. Als die Musik endete ließ er seinen Arm sinken und wollte sie zu ihrem Tisch begleiten, als sie ihm unvermittelt in die Augen sah und flüsterte: „Versprich mir, das du mich nur zu Hause absetzt, mehr nicht.“

„Versprochen. Hab bitte keine Angst.“, antwortete er lächelnd.

„Dann haben wir noch Zeit für einen weiteren Tanz?“, flüsterte sie. David lächelte glücklich, legte seinen Arm erneut um sie und spürte wenig später, wie sie sich entspannte und sich sogar etwas näher an ihn schmiegte.

Aus dem einen Tanz wurden dann noch fünf weitere, bevor sie sich von Ina und Oliver verabschiedeten und schweigend zum Parkhaus gingen.

„Das ist dein Auto?“, fragte sie misstrauisch, als er ihr die Beifahrertür des schwarzen Audi öffnete.

„Ja, habe ihn günstig als Gebrauchten von einem Freund meines Vaters bekommen. Warum, gefällt er dir nicht?“, antwortete er lächelnd.

„Naja, gefallen schon, aber die sind so teuer, das du dir das leisten kannst?“, meinte sie während sie auf dem Beifahrersitz Platz nahm. David schloss die Tür, ging um das Auto herum und setzte sich hinter das Lenkrad.

„Wie gesagt, er war gebraucht, etwas über vier Jahre alt, aber in einem top Zustand und hatte mit knapp zwanzigtausend Kilometern auch noch nicht viel weg. Ich fahre ihn jetzt seit knapp zwei Jahren und bin sehr zufrieden. Vorher hatte ich so einen uralten Golf, fast zwanzig Jahre alt und dauernd irgendetwas kaputt, der musste einfach weg.“

Als er zu ihr hinüber sah, bemerkte er, wie sie verkrampft ihre Tasche auf ihrem Schoß festhielt. Deshalb fragte er: „Wo darf ich dich absetzen?“

„Lindenallee 63.“, antwortete sie leise, schaute dabei starr auf ihre Hände und bemühte sich, ihre aufsteigende Angst zu unterdrücken.

David sagte der Straßenname nichts, weshalb er ihn ins Navigationssystem eingab. Er kannte sich in Dorstenberg zwar schon ganz gut aus, aber eben nicht in jedem Winkel der Stadt.

„Okay, dann wollen wir mal. Da hast du aber auch jeden Tag einen ziemlich weiten Weg zur Arbeit.“, meinte er beiläufig, startete den Motor und verließ das Parkhaus.

Hellen sagte weiterhin kein Wort, saß stocksteif neben ihm und grübelte, warum dieser Mann, der so ganz anders war als ihr Exfreund Matthias, ihr dennoch so viel Angst machte.

Nachdem sie minutenlang nichts sagte, riskierte er einen kurzen Blick zu ihr und fragte leise: „Alles okay?“

Erschrocken zuckte sie zusammen und meinte: „Was?“

„Geht’s dir gut? Du sagst gar nichts mehr?!“, meinte er und seine Stimme klang wieder sehr besorgt.

„Ja, ja. Es ist alles okay.“, antwortete sie dann schnell, beruhigte ihn damit aber nicht wirklich.

„Was hast du denn für ein Auto?“, fragte er vorsichtig.

„Ich? Bisher noch gar keines, ich hab noch nicht mal einen Führerschein. Bis jetzt bin ich mit Bus und Bahn ganz gut zurechtgekommen. Oder mit dem Fahrrad.“, sagte sie leise und schaute dabei zum Seitenfenster hinaus. Nachdenklich fuhr er weiter, beobachtete sie manchmal aus dem Augenwinkel heraus und meinte dann nach einer ganzen Weile: „Ein Leben ohne mein Auto kann ich mir nicht wirklich vorstellen, aber das liegt wahrscheinlich auch daran, dass ich ständig wechselnde Arbeitszeiten habe. Das ist bei dir sicher anders.“

Ein knappes >ja< war alles, was sie darauf antwortete. Er wusste nicht, warum sie so still und ängstlich war, wollte sie allerdings auch nicht zu sehr bedrängen. Deshalb schwieg er während der noch verbleibenden zehn Minuten Fahrzeit.

„Sind wir hier richtig?“, fragte er unsicher, als das Navigationssystem meinte, sie seien am Ziel, denn diese Plattenbausiedlung war nicht unbedingt ein Vorzeigeviertel für die Stadt. Die Hochhäuser waren ziemlich alt, im unteren Bereich oft mit Graffitis besprüht und das Umfeld wirkte auch irgendwie alt und heruntergekommen.

„Ja, danke.“, antwortete Hellen und reichte ihm zaghaft die Hand.

„Ich bringe dich noch bis zur Tür, damit du sicher dort ankommst.“, meinte er, stieg aus und ging um das Auto herum. Nachdem er ihr die Tür geöffnet hatte und sie ausgestiegen war, sagte sie mit gesenktem Kopf: „Ich weiß, dass dieses Viertel nicht besonders schön ist, aber mehr kann ich mir im Augenblick nicht leisten.“

>Kein Wunder, dass sie so viel Angst hat. < dachte er während sie gemeinsam auf den Hauseingang zugingen. Sie suchte ihren Schlüssel aus ihrer Tasche, öffnete die Tür, sagte: „Nochmals danke und gute Nacht!“ und wollte gerade hineingehen, als er plötzlich nach ihrer Hand griff.

„Hellen, bitte warte!“

Sofort begann sie zu zittern und schaute ängstlich zu ihm.

„Fahren wir Sonntag zum Stausee?“, fragte er leise und sah sie hoffnungsvoll an.

„Ich… ich weiß nicht. Eigentlich wollte ich meine Mutter besuchen.“, antwortete sie kaum hörbar.

„Hellen, ich mag dich, ehrlich, ich möchte gern mehr von dir erfahren und dir mehr von mir erzählen. Ich möchte gern mehr Zeit mit dir verbringen. Bitte, sag ja.“ Er streichelte sanft mit seinem Daumen über ihren Handrücken und spürte dabei, wie eiskalt ihre Hand war. Hellen versuchte ihre Gedanken zu ordnen, einerseits hatte sie unerklärliche Angst vor ihm und auf der anderen Seite fühlte sie sich sehr wohl in seiner Nähe. Sie wusste nicht, was sie tun sollte, deshalb senkte sie nur ihren Kopf und blickte unschlüssig auf den Boden.

„Darf ich dich um zehn abholen?“, fragte er dann leise.

Sie wusste, sie war ihm eine Antwort schuldig, holte tief Luft und flüsterte dann: „Okay, zehn Uhr.“

Ein Lächeln flog über sein Gesicht, seine Augen strahlten und er meinte: „Ich freue mich. Also bis Sonntag, schlaf gut und pass auf dich auf.“

Sie nickte nur, schloss die Tür hinter sich und fuhr mit dem Fahrstuhl hinauf in die achte Etage. Als die Tür zu ihrer kleinen Wohnung hinter ihr ins Schloss fiel, kullerten ein paar Tränen über ihre Wangen und sie fragte sich: War es richtig, sich mit ihm zu verabreden? Gut, er war ihr nicht zu nahe gekommen, hatte sie sehr höflich behandelt, aber entsprach das alles wirklich der Wahrheit oder gehörte es zu seinem Plan, sie letztlich doch nur in sein Bett zu bekommen?

Die Erinnerung an ihren Exfreund flammte wieder auf, auch er war anfangs sehr nett, hatte ihr Komplimente gemacht und Cocktails spendiert. Doch schon nach wenigen Wochen trat sein wahres Wesen zu Tage und hatte Hellen das Leben zur Hölle gemacht. Nur mit sehr viel Glück war sie Matthias damals entkommen und wollte so etwas niemals wieder erleben. Allerdings hatte sie auch nicht vor, ihr ganzes Leben lang allein zu bleiben, auch sie wollte irgendwann eine eigene Familie, das heißt, zumindest einen liebevollen Partner. Der Rest hatte sich ja dank ihres Exfreundes für sie in Luft aufgelöst.

>Vielleicht hat Ina ja Recht, ich kann es ja mal versuchen. <, dachte sie, ging noch kurz ins Bad und legte sich dann schlafen.

*****

Nachdenklich, aber mit einem kleinen Hoffnungsschimmer im Herzen fuhr David zurück zu seiner Wohnung. Ihm blieben zwar nur noch etwas mehr als fünf Stunden bis er wieder zur Arbeit musste, doch die Zeit mit Hellen hatte er sehr genossen und er bereute es keineswegs, an diesem Abend ein paar Stunden Schlaf für das Zusammensein mit ihr geopfert zu haben. Er freute sich schon sehr auf ihren gemeinsamen Ausflug am Sonntag zum Stausee und schlief deshalb auch recht schnell ein.

*****

„Und, wie war es mit ihm?“, fragte Ina aufgeregt, als sie am Donnerstagmorgen im Eiscafé erschien. Hellen, die schon mit dem Aufstellen der Tische und Stühle im Außenbereich begonnen hatte, sah ihre Freundin an, schüttelte den Kopf und antwortete: „Was denkst du denn? Er hat mich ganz brav bis zur Haustür gebracht und das war es.“

„Ihr habt euch nicht geküsst? Also ich hätte wetten können, er verbringt die Nacht bei dir. So, wie er dich beim Tanzen angesehen hat! Hellen glaub mir, der ist total in dich verliebt!“, meinte Ina, während sie die letzten Stühle zurecht rückten.

„Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Er hat nicht mal versucht, mich zu küssen und außerdem, er fährt einen großen Audi und als er gesehen hat, wo ich wohne, war er ziemlich erschrocken.“, meinte Hellen kopfschüttelnd und folgte dann ihrer Kollegin hinein ins Café. Die gab allerdings nicht so schnell auf und meinte deshalb, während sie sich umzog: „Naja, dort wo du derzeit wohnst, sieht es ja wirklich nicht gerade toll aus, aber glaub mir, ich habe ihn beobachtet und Oliver hat auch gesagt, der verschlingt dich mit den Augen, der ist total in dich verschossen. Wann seht ihr euch denn wieder?“

Hellen stand mit dem Rücken zu ihrer Freundin und schaute zum Fenster hinaus. Ihre Gedanken flogen zu ihm und sie hörte seine warme Stimme. Ihr wurde klar, dass sie sich zu ihm hingezogen fühlte, dass sie auf dem besten Wege war, sich in ihn zu verlieben. Doch genau davor hatte sie unsagbare Angst, sie wollte nie wieder verletzt oder benutzt werden. Irgendetwas an ihm stimmte nicht, irgendetwas war falsch und genau das verursachte dieses unheimliche Angstgefühl bei ihr.

So in ihre Gedanken versunken hörte sie gar nicht, was ihre Freundin sagte, bis diese plötzlich direkt hinter ihr stand und nach ihrem Arm griff. Erschrocken fuhr Hellen mit einem kurzen Aufschrei zusammen, drehte sich um und rief zitternd: „Was?“