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Eine Geschichte voller Kuriositäten: der 16:0 Kantersieg der deutschen gegen die russische Fußballnationalmannschaft bei den Olympischen Spielen 1912 in Stockholm. Erzählt wird aus der Perspektive des Nationaltorwarts Adolf »Adsch« Werner, einem Schornsteinfeger, der zu einer Truppe von sehr jungen Kickern gehörte, die mit Holstein Kiel Deutscher Meister wurden. Der Fußball hat damals noch etwas Verwegenes, Unangepasstes – und in Momenten wie 1912 in Stockholm auch etwas Heroisches. Um dieses Spiel rankten sich sofort viele Gerüchte: zum Beispiel, die russische Mannschaft sei am Abend vorher flaschenweise mit Wodka abgefüllt worden. Fakt war, dass die deutsche Mannschaft nach dem 16. Treffer das Toreschießen einstellte, weil der russische Torwart heulend zwischen den Pfosten hockte.
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Seitenzahl: 72
Veröffentlichungsjahr: 2024
Für Jimmy Schüller
16 : 0
Eine Erzählung von Dietmar Sous
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Spielverlauf. Trostrunde Deutschland – Russland
Literaturliste
Bildnachweis
Dank
16 : 0 gegen Russland, sechzehn Tore gegen den Zaren!
Willem Zwo schickte kein Glückwunschtelegramm, lud uns auch nicht zu Ordensverleihung und Erhebung in den Adelsstand ein. Vielleicht ärgerte ihn, dass unser Spiel nicht in Deutschland erfunden wurde. Dass wir einen Verteidiger auch Defender und eine Ecke Corner nannten. Und, womöglich ein weiterer Dorn im majestätischen Auge: Ein Klub in Seiner Hauptstadt hieß Britannia und war schwer zu besiegen.
So blieben uns Frack und Zylinder vom Kostümverleih, die weite Anreise in die Hauptstadt erspart. Als Anhänger einer Republik war ich sowieso nicht erpicht, für ein paar Minuten dieselbe Luft wie der Kaiser zu atmen.
Viele Journale, war zu hören, hätten gar nicht über das Ereignis berichtet, nicht mal das bloße Ergebnis sei ihnen eine Meldung wert gewesen.
Dass einen das Match kalt ließ: Schwamm drüber. Die Anstrengungen von Springreitern und Tennisspielern versetzten mich auch nicht in Ekstase; Tierquälerei in aller Öffentlichkeit hier, stupides Verprügeln eines Bällchens dort. Unseren Triumph vom 1. Juli aber in den Dreck zu ziehen, uns kriminelle Energie zu unterstellen, war niederträchtig und Rufmord übelster Art.
Vergleichsweise harmlos das mancherorts zu hörende Gerücht, die Russen hätten überstürzt eine Verlegenheitself aus Ruderern, Tauziehspezialisten und Leichtathleten zusammenwürfeln müssen, weil die Fußballer, wieso auch immer, nicht rechtzeitig am Spielort, dem Råsunda-Sportplatz in Stockholm, eingetroffen wären.
Absurd auch das: Im Vorwärts, von mir regelmäßig gelesen, wurden österreichische Gazetten zitiert, die behaupteten, wir Deutschen hätten beim gemeinsamen Bankett am Vorabend des Spiels die Russen zum Wodkasaufen animiert, sie kräftig abgefüllt, selbst aber nur Wasser getrunken. Das Ergebnis am nächsten Tag also kein Wunder der Spielkunst, sondern Folge gemeinster Durchtriebenheit. Wohlgemerkt: Österreicher, unsere Brüder und engsten Verbündeten, setzten diese Lüge in die Welt, nicht Russen, nicht Engländer und auch nicht Franzosen.
Kinkerlitzchen, Tüddelkram, Pappenstiel und Klacks im Vergleich zu Folgendem. Auch im eigenen Reich missgönne uns mancher den ehrlichen Sieg, so der Vorwärts weiter. Ein Anonymus berichtete in einem Königsberger Blatt, zwei unserer Teamkameraden hätten, verschlagen, wie Juden eben seien, während des Banketts lähmendes Gift in die Soljanka der russischen Mannschaft gemischt. Freds und Julles Namen waren nicht verändert oder wenigstens abgekürzt worden, sondern voll ausgeschrieben, als wären sie ohne jeden Zweifel die Täter: Gottfried Fuchs und Julius Hirsch.
In Wahrheit gab es überhaupt kein Bankett mit den Russen. Also auch keine hinterlistig verabreichten Wodkaströme, und Giftbrühe wurde nur aus ostpreußischen Redaktionsstuben serviert.
Nicht auszudenken, wir hätten auch noch in den letzten zwanzig Spielminuten weiter angegriffen, den zermürbten Gegner ins Leere laufen lassen; wenn wir also den russischen Keeper mit Vornamen Léonid, kurz Lew, was übersetzt Löwe bedeutet, weiter strapaziert und am Ende 25 : 0 gewonnen hätten. Von einem Pakt mit dem Teufel wäre wohl die Rede gewesen, elf Seelen für einen Jahrhundertsieg, verhexte Schüsse in ein verwünschtes Tor. Und das im Jahr 1912. Im zwanzigsten Jahrhundert!
Diesen 21. Juni, einen rauen Freitag mit Zementwolken und seltsam grünlichem Licht, eher Herbst- als Sommeranfang, werde ich nie vergessen. Ich war noch keine sechsundzwanzig, aber wie es aussah, konnte man mich abschreiben. Wat dat allns gifft, hörte ich Frau Petzoldt, meine Zimmerwirtin, zu dem Schlamassel sagen.
Ich stand auf einem Dach in fünfzehn Meter Höhe und wusste nicht, wie ich wieder runter kommen sollte. Die Schräge bis zum Dachfenster, dem Ein- und Ausstieg, war kurz, an jedem anderen Tag leichtfüßige Routine, aber jetzt wagte ich mich keinen Schritt weiter. Mein Magen zog sich zusammen. Mit halbgeschlossenen Augen hielt ich mich an dem Kamin fest, umarmte ihn wie einen schmerzlich vermissten Freund.
Was war los mit mir? Ich hatte keine Medikamente genommen, seit Tagen kein Bier getrunken, Schnaps schon gar nicht. Am Frühstück konnte es auch nicht liegen, wie jeden Morgen Schmalzbrote und Muckefuck. Außer der Reihe hatte mir Frau Petzoldt allerdings eine Schüssel Plumm un Klüten spendiert, Dörrobst mit Klößen, vom Vortag übriggeblieben. Verdorben hatte das matschige Zeug eigentlich nicht geschmeckt, aber vielleicht war da doch was drin, vielleicht Bazillen, die für Übelkeit und Schwindelgefühl sorgten. Oder war es die unverhoffte Begegnung mit Soerensen, die mir auf Gemüt und Gleichgewichtssinn geschlagen hatte?
Der war mein Lehrer gewesen, nicht nur meiner, sechzig andere hatte er auch in seiner Gewalt gehabt und den kleinen Wilhelm Kaiser, die Schmächtigkeit in Person, auf dem Gewissen. Willis Vor- und Nachname waren für Soerensen Amtsanmaßung, schlimmer noch: Majestätsbeleidung. Wie konnte es ein halbverhungerter, ungewaschener Prolet wagen, sich namentlich so mit dem verehrten Kaiser Wilhelm in Verbindung zu bringen! Da gab es nur eine Lösung: strafexerzieren. Beinahe jeden Unterrichtsmorgen nach dem Vaterunser und Absingen des Deutschlandlieds, ein von Soerensen dirigiertes Gebrüll, wurde der zitternde und hilflos vor sich hinstarrende Willi nach vorne kommandiert, dann hieß es Kopfrechnen mit abwechselnd Kniebeugen und Liegestütz. Für eine falsche Antwort gab es zwei Schläge mit dem Stock, war die Antwort richtig, bloß einen. Wenn Willi das bisschen Kraft verließ, das in ihm noch steckte, und er zu weinen anflng, nannte Soerensen ihn Tränentrine und Weichpudding.
Kurz vor Weihnachten ist Wilhelm Kaiser aus dem Fenster gefallen, dritter Stock. Traurig, traurig, sagte Soerensen anderntags nach Hymne und Gebet und schneuzte sich scheinbar ergriffen die Nase. Aber sie haben ja noch elf, da hält sich die Trauer gewiss in Grenzen, fügte er hinzu.
Ich war nie Soerensens Prügelknabe gewesen, bekam seinen Stock aber auch zu spüren, auf die ausgestreckte Hand, auf Rücken, Hintern und Hinterkopf, was laut Soerensen die Denkfähigkeit erhöhte, wegen meiner holprigen Schrift, dem Schwänzen des Schulgottesdienstes. Und das Auswendiglernen von Gedichten über die Heldentaten der Germanen war auch nicht meine Stärke. Ich hatte bei ihm den Namen Italiener weg, wegen meiner dunklen Haare und einer Haut, die nicht gleich beim ersten Sonnenstrahl rot anlief.
Kurz zuvor war mir dieser Lehrer nach Jahren wieder begegnet, eine Erscheinung in Grau und Beige, mit mächtigen Hosenträgern und Kinnbart. Noch immer massiv, der wulstige Schädel nicht mehr wie damals kahlrasiert, sondern mit messerscharfem Seitenscheitel geschmückt. Die Karikatur eines alldeutschen Feldwebels im Simplicissimus. In seinem Einkaufskorb lagen Kartoffeln, Weißkohl und ein halbes Brot. Er schien mich schon von weitem erkannt zu haben. Ruckartig blieb er stehen, musterte mich von oben bis unten, als wolle er mich gleich zum Winkelmessen an die Tafel beordern. Verlegen schaute ich weg und ging weiter, statt vor ihm auszuspucken. Kinder jagten vorbei, sie riefen: Schornsteinfeger, schwarzer Neger!
Soerensen flng an zu lachen, wiehernd, abgehackte Salven der Schadenfreude, demütigend wie eh und je.
Kalter Schweiß, weiche Knie: Das waren bisher unbekannte Fremdwörter für mich. Selbst im Winter hatte ich keine Angst, auszurutschen und vom Dach zu fallen. In meinen Ohren war jetzt ein scheußliches Sirren, mein Herz würde mir gleich die Rippen brechen, wenn es weiter so heftig schlug. Rummel in meinem Kopf: Verheddert in tausend wirren Gedanken fand ich keinen rettenden. Immerhin blieben mir so wohl Altersstarrsinn, der nächste Krieg gegen Frankreich und Haarausfall erspart. Weniger schön: Ich würde ledig bleiben und die Revolution verpassen.
Eben noch Kaminfeger, jetzt Witzflgur, Lachnummer mit plötzlicher Höhenangst. Ich hatte damit geprahlt, eines Tages den Eiffelturm zu besteigen und freihändig zu fegen, wenn es denn da was zu fegen gäbe. Hahn auf jedem Kirchturm, Gipfelstürmer, Artist, jawoll, die Höhe war mein Element. Frauenblicke von unten, vom Boden der Tatsachen zu mir nach oben entgingen mir nicht. Ich zog dann meine robuste Uniform aus handgenähtem, ruß- und wasserfestem Hirschleder straff, winkte kurz, aber draufgängerisch, mitunter kitzelte mich die Versuchung, einen Salto aufs Dach, einen Handstand auf den Schornstein zu zaubern.
Von Leichtigkeit und Kunststücken war ich nun Welten entfernt. Das Zittern, speiübel war mir und kaum noch Luft. Mund und Hals so trocken, dass es wehtat. Irgendein verdammter Magnet wollte mich mit aller Kraft in die Tiefe ziehen, mich da unten zerschmettert in einer Blutlache liegen sehen.
Jemand rief etwas hoch, das ich nicht verstand. Die Glocken der Ansgarkirche, vielleicht war es auch Sankt Nikolai, dröhnten, bekehrten mich aber auch jetzt nicht. Ein Windstoß riss mir den Hut vom Kopf, ich sah ihm nach, und schon rollte eine neue Schwindelattacke heran, verwackeltes Durcheinander wie kurz vor dem freien Fall.
Ich hatte meinen Beruf nicht gewählt, liebte ihn nicht. Wer tat das schon?
Als Kind hatte ich Kletteraffe werden wollen. So nannten wir bewundernd die Männer, die an Strommasten emporstiegen, halbrunde Metallbügel an den Stiefeln, die ihnen den Aufstieg ermöglichten. Doch daraus wurde nichts. Mein Vater hatte in der Kneipe von der Lehrstelle erfahren, und am Tag nach der ersehnten Schulentlassung musste ich antreten zum Kampf gegen Asche und Ruß.
