16 Kurze - Von Jetzt bis Irgendwann -  - E-Book

16 Kurze - Von Jetzt bis Irgendwann E-Book

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Beschreibung

Tauchen Sie erneut ein, in die Gedanken und Gefühle der Jugend. Reisen Sie mit uns durch die verschiedenen Fantasien der Autoren. Die Reise führt uns durch ein Chaos der Gefühle. Gemeinsam spüren wir Trauer, Verzweiflung und Ungewissheit, gehen aber auch durch Zeiten der Freundschaft, der Liebe und des Lachens. Erleben Sie das Gefühl der hoffnungslosen Abhängigkeit und begleiten Sie uns an den Schauplatz eines Verbrechens. Es werden aktuelle Themen angesprochen, so wie fantastische neue Welten erkundet. Die Geschichten sind so verschieden wie die Schüler, die sie verfasst haben. Zusätzlich finden Sie im Buch einige Bonusmaterialien, die Ihnen Einblick in den Arbeitsprozess und Zusatzmaterialien zu den Stories gewähren. Freuen Sie sich auf Interviews, Gedichte und Zeichnungen. Wollen Sie uns begleiten?

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Seitenzahl: 471

Veröffentlichungsjahr: 2019

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INHALT

VORWORT

KOMÖDIE

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ER FLAMBIERTE

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UPERMARKT

PSYCHISCHE KRANKHEIT & DROGEN

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EUFELSZEUG

KRIMI & ACTION

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ELÄHMT UND VERLOREN

DRAMA & TRAUER

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DANKSAGUNG

MITWIRKENDE

VORWORT

„16 Kurze“ stehen für 16 Fantasien, 16 Persönlichkeiten, 16 Geschichten. Erneut wagen wir das Experiment, ein Buch zu veröffentlichen. Nach „21 Kurze, Von Hier bis Irgendwo“ kommt nun die Fortsetzung. Nicht nur die Autoren aus verschiedenen Jahrgängen waren gefordert, sondern auch engagierte Zeichner und kreative Dichter.

Das Projekt hat uns die Möglichkeit gegeben, über uns hinaus zu wachsen und etwas auszuprobieren, was wir uns sonst nie getraut hätten. Wir hatten die Chance, unsere Ideen und Vorstellungen aufzuschreiben und uns gemeinsam darüber auszutauschen. Wir freuen uns, Ihnen Einblick in unsere Gedanken und Gefühle geben zu können.

Wir Schüler sind zwischen 13 und 18 Jahren alt, gehen auf die Christophorus Schule in Braunschweig und kommen aus verschiedenen Oberstufenjahrgängen. Aber eins vereint uns, der Mut, ein Teil unseres Inneren mit Ihnen zu teilen.

Nun erwartet Sie ein buntes Mosaik aus Freundschaft, Liebe und Abenteuer, verpackt in Geschichten, Gedichten, Musik und Schauspiel.

KOMÖDIE

DER FLAMBIERTE SUPERMARKT

VON KARLA BARTELS

Es ist unglaublich heiß, Kometen fliegen auf mich zu, die Welt geht gerade unter und der Himmel fällt mir auf den Kopf.

Nein, Scherz, ein Supermarkt geht gerade nur in Flammen auf. Und möglicherweise, trage ich ein wenig Schuld daran.

Deren Pech, wenn man erst Kirschsaft zu teuer verkaufen will, und danach nicht nach dem Ausweis fragt. Um mich herum ist dichter, beißend riechender Rauch. Ich fühle mich ein wenig benommen, die letzte Flasche Wodka hat mir wohl nicht so gut getan.

Eigentlich trinke ich nicht, aber die Tatsache, dass Wodka im Angebot war, fand mein inneres Ich extrem verlockend. Das hier ist offensichtlich die Peripetie meines Tages, der eigentlich ziemlich gut angefangen hat.

Heute morgen bin ich NICHT mit dem falschen Fuß aufgestanden.

Meine Katze hat mich um sieben Uhr morgens geweckt, sie hat einfach ihr Hinterteil auf meinem Gesicht platziert. Ich habe sie nach draußen gelassen und musste ziemlich schnell fest stellen, dass es ziemlich heiß war (viel abkühlen tut mich das Feuerchen hier also nicht).

Es war der letzte Schultag vor den Sommerferien. Natürlich freute ich mich. Meine Noten waren ganz gut, und bei dem Gedanken an ein gutes Zeugnis ließ ein wenig der Druck nach, als älteste von drei Mädchen ein gutes Vorbild zu sein.

Ich machte mich fertig, zog wie immer eine Jeans, und wegen der heute unerträglichen Hitze ein T-Shirt an. Meine Frisur war auch immer die Gleiche: Hellbraune Haare zum Pferdeschwanz nach hinten gebunden. Ich warf mir meinen Rucksack über die Schulter und ging zum Frühstück.

„Gut siehst du heute aus“, sagte meine Mutter, die gerade völlig gestresst ein heruntergeschmissenes Marmeladenbrot mit Honig von meiner Schwester vor unserem Pudel rettete. Das sagte sie immer, ob sie das wirklich ernst meint? Ich glaube nicht. Denn seit meine Schwester beschlossen hat, nicht mehr in die Nachmittags-Schulbetreuung zu gehen, weil ihre Ex-Freundin ihrer Barbie Puppe den Kopf abgebissen hat, hat sie so ziemlich alle Hände voll zu tun.

Der Schulweg verlief ohne nennenswerte Komplikationen. Ich saß in der Bahn neben meiner besten Freundin, ließ einer alten Dame aber später meinen Platz.

„Hast du in deinem Leben schonmal etwas entgegen der Erwartungen deinen Eltern gemacht?“, fragte sie mich fassungslos kurze Zeit später.

„Ich weiß nicht“, erwiderte ich und sah sie mit leerem Gesichtsausdruck an. Es fiel mir da unheimlich schwer irgendeinen Muskel in meinem Gesicht anzuspannen. „Nein“ hätte ich sagen müssen. Denn eigentlich…eigentlich hatte ich mir bis heute nie etwas zu Schulden kommen lassen. Das sollte aber nicht mehr lange so bleiben.

An die Zeit, die ich heute in der Schule verbracht habe, kann ich mich durchaus nicht erinnern. Aber da war ich auf jeden Fall, ich halte ja gerade mein verkohltes Zeugnis in der Hand.

Ich höre wie gerade die Feuerwehr auf dem Weg hierher ist, denn der unerträglich hohe Ton reißt mich aus meiner weit entfernten Sphäre. Ich bemerke einen Jungen neben mir, circa sieben Jahre alt. Er lässt alles, was er in der Hand gehalten hat, fallen, und starrt das Feuer fasziniert an. Ich sehe neben seiner Ware ein Feuerzeug auf dem Boden liegen, kann mir aber nicht erklären, wie es dorthin kam.

Für meinen benebelten Zustand arbeitet mein Gehirn gerade unheimlich schnell, die Gedanken sind frei, die Fantasie dreht durch. Habe ich etwa den Supermarkt angezündet? Eigentlich kann das nicht wahr sein, so etwas würde ich nie tun… aber vielleicht doch, weil ich betrunken war? Das passt doch eigentlich gar nicht zu mir. Ich bin schockiert.

Plötzlich ändert sich mein Zustand von: „keinen klaren Gedanken fassen“, zu: „panische Angst“. Ich male mir mein Horrorszenario aus, wie ich gefasst werde und ins Gefängnis muss, meine Eltern mich verstoßen, weil ich kein Abitur mache und auf der Straße lande.

Mit dem Eintreffen der Feuerwehr fangen meine Beine an, sich selbstständig zu machen.

Ich laufe tatsächlich, obwohl ich eine extrem unsportliche Person bin, ganz im Gegensatz zu meiner Freundin, die jetzt mit dem Finger auf mich zeigen und fast erstickend vor Lachen rufen würde: „Schaut! Schaut! Vicky läuft!“

Ich spüre es deutlich, dieses ist das erste Mal, dass mein Körper sich so schnell vorwärts bewegt. Zwischen dem Supermarkt Coop und meinem Zuhause liegen nur einige hundert Meter, allerdings mit schicken Drahtzäunen und geschotterten Feldwegen, weil im Sommer immer einige Schafe die stickige Luft genießen dürfen.

Mein Schnürsenkel lockert sich ein wenig, bis er ganz aufgeht. Ich renne immer noch in hohem Tempo, bestimmt eine neue persönliche Bestleistung.

Die Schritte auf dem Schotteruntergrund werden immer schwerer, aber in der Ferne sehe ich unser auffällig orange gestrichenes Haus wie einen Hoffnungsschimmer aufblitzen.

„Halt durch“ , denke ich, obwohl ich sehr wohl weiß, dass ich diese Geschwindigkeit nicht durchhalten kann. Der Fuß mit dem geöffneten Schnürsenkel schwingt meinen trägen Körper nach vorne, setzt auf, und der andere hebt in die Luft ab. Gefühlt fliege ich, aber diese Illusion wird schnell durch ein schwungvolles Aufschlagen auf den unangenehm harten Weg vollkommen zerstört.

Ich blicke mich um. Bei dem Supermarkt sind jetzt nicht nur Feuerwehrmänner, um den Brand zu löschen, sondern auch die Polizei, um die Brandursache ausfindig zu machen.

Und diese Ursache liegt hier gerade mit aufgeschlagenen Knien, einer kaputten Hose, einem eingedreckten Schulrucksack, weil sie sich selbst auf den Schnürsenkel getreten ist.

Die Menschen um den Supermarkt haben mich wohl trotz meines wenig eleganten Abgangs noch nicht gesehen, aber finden werden sie mich, denn ich sehe, wie ein Polizist meine geleerte Wodkaflasche (bei der ich mir ziemlich sicher bin, dass ich nur einen ganz, ganz kleinen Schluck getrunken habe), das Feuerzeug und mein angekohltes Zeugnis mit Handschuhen behutsam in einen Plastikbeutel befördert.

Wenn ich bedenke, dass ich bloß Kirschsaft einkaufen wollte, um diesen Ferienbeginn zu feiern.

Völlig außer Atem komme ich zu Hause an.

Meine Mutter öffnet mir die Tür, sieht mich ziemlich entsetzt an und sagt nur: „Hast du auch schon gesehen? Der Supermarkt brennt. Gut, dass wir nicht ganz daneben wohnen.“ Wortlos gehe ich an ihr vorbei ins Haus. Ich fühle mich elend und habe starke Kopfschmerzen, mein Bett zieht mich magisch an. Aufgrund meiner schlechten Situation beschließe ich, hoch in mein Zimmer zu gehen und mich erst einmal auszuruhen.

Wenig später höre ich jemanden mit langsamen Schritten die Treppe hinaufsteigen. Dann ist es kurz still, bis meine Zimmertür sich quietschend öffnet. Vor mir steht mein Vater mit einem witzig ernsten Gesichtsausdruck. Er kneift seine Augen zusammen, holt tief Luft und beginnt in einer Lautstärke rumzubrüllen, obwohl er sonst nie einer Fliege was zuleide tut. Davon bin ich so überrascht, dass mir eine Weile der Mund offen steht. Dieser wenig intelligente Blick scheint meinen Vater nicht abzulenken.

„Sag mal, spinnst du? Erst einen Supermarkt anfackeln und dann auch noch weglaufen. Das ist Fahrerflucht. Vicky, ich erkenne dich nicht mehr wieder, nach dieser Aktion erst recht nicht als meine 17jährige, fast erwachsene Tochter. Komm jetzt nach unten, jemand wartet auf dich!“

Er geht. Diese Sätze graben sich direkt in mein Herz und kurz darauf entlädt sich meine ganze Anspannung in dicken Tränen.

„Reiß dich zusammen“, sage ich mir, „Es wird nicht gleich dein ganzes Leben ruiniert.“ Mir fällt es schwer tief einzuatmen.

„Unten wartet jemand auf dich, wer kann das wohl sein?“ Tief gedemütigt gehe ich die Treppe, die ich kurz zuvor hinaufgegangen bin, wieder herunter.

In unserem Wohnzimmer warten meine Eltern und ein Polizist. Die Stube mit den quietschbunten Wänden sieht erstaunlich trübe aus. Und der Verbrecherjäger passt mit seinem Outfit eigentlich ganz gut hier rein. Sein Aussehen scheint mir etwas ungewöhnlich. Er ist schon etwas älter, hat einen dicken Bierbauch und einen Schnauzer. Auf seinem Kopf trägt er eine Pickelhaube und seine Uniform besteht aus einem grauen Häschenkostüm mit türkisfarbenen Knöpfen auf dem Bauch.

Sein Blick lässt mich erstarren. Mein Vater steht mit immer noch strengem Ausdruck hinter ihm. Meine Mutter sitzt im Sessel, ihre Augen sehen traurig aus und sind gerötet. Der Beamte dreht sich kurz um und greift nach den Gegenständen auf dem niedrigen Wohnzimmertisch. Ich habe das Glück den guten Herren von hinten zu Gesicht zubekommen.

Meine Laune ändert sich schlagartig, bei dem Anblick auf seinen flauschigen Kaninchenpuschel am Kostüm. Ich breche in lautem Gelächter zusammen, bis er mir mein leicht geschwärztes Zeugnis und die Flasche Alkohol vors Gesicht hält.

„Kleines Fräulein, können Sie mir das erklären?“, fragt er mit seiner auffordernd lauten Stimme.

„Das Stück Papier, das sie in der rechten Hand halten, sieht nach einem Zeugnis mit verdammt guten Noten aus. Der Gegenstand in der linken Hand scheint mir ein kleiner Ausrutscher gewesen zu sein“, entgegne ich selbstbewusst. Meine Eltern sehen mich enttäuscht an.

„Ein sehr großer Ausrutscher“, versucht der Polizist das Gespräch weiterzuführen, „Gestehen Sie, an der Filiale des Coop Foodservice einen Brandsatz gelegt zu haben?“

„Ja, aber das war keine Absicht“, versichere ich. Mist, wieso bin ich nur zu blöd gewesen, mit meinen Sachen wegzulaufen? Im Augenwinkel sehe ich, wie mein Vater das Fenster öffnet.

„Dann werde ich Sie, Victoria Meiners, jetzt verhaften müssen.“

Ich fasse den Gedanken, ins Gefängnis zu müssen, kein Abi zu machen und auf der Straße zu landen, wieder auf. Schlimm!

Diese Situation kennt nur einen Ausweg: Das Fenster!

Ich meine, Papa hat ja schon erwähnt, dass ich nicht mehr seine Tochter bin, und Mama ist bestimmt gleicher Ansicht. Im Gefängnis würde ich eh die zwölfte Klasse verpassen. Ok, gut, so gesehen ist der Sprung aus dem Fenster keine Lösung, aber so bleibt mir wenigstens meine Ehre. Wenn ich mich irgendwann, irgendwo bewerben würde, mit einem zu spät beendeten Schulabschluss und mich jemand fragen würde: „Was haben Sie denn gemacht?“

Da kann ich wohl schlecht sagen: „Ach so, ja. Da war ich im Gefängnis. Ich hab mit 17 mal einen Supermarkt angezündet. Wissen sie, normalerweise mache ich so etwas nicht, aber ich war besoffen.“

Gesagt, getan. Der Sprung aus dem Erdgeschoss tut mir nicht besonders weh. Und diesmal bin ich wirklich kurz geflogen.

Aber bevor ich wieder völlig verzweifelt durch die Gegend laufe, schnappe ich mir lieber mein Fahrrad. Der Überraschungseffekt meines Sprunges verhindert ein schnelles Handeln des Polizisten. Mein Rad steht unter dem Vordach, somit kein zeitspieliger Schachzug.

Ich radele einfach drauf los.

Ich nehme die Rufe meiner Eltern wahr: „Bleib stehen, es lässt sich doch über alles reden. Weglaufen ist keine Lösung!“ Ich höre nicht auf sie, denn die Worte meines Vaters vorhin waren sehr eindeutig. Ein Motor heult auf, vermutlich der Streifenwagen des Kostümierten. Ich biege in einen anderen Feldweg ab, der nicht in Richtung des nur noch dampfenden Supermarktes geht. In den Wald beschließe ich, dort können keine Autos hin.

Wir wohnen ein paar hundert Kilometer von der holländischen Grenze entfernt. Als kleines Kind bin ich mit meinen Eltern mal eine mehrtägige Strecke nach Groningen gefahren. Ich hoffe, ich erinnere mich noch halbwegs an diesen Weg, denn die Richtung, die ich im Moment einschlage, geht verdächtig dorthin.

Schon krass, wie schnell man sein Leben von einem auf den anderen Tag dermaßen ruinieren kann.

Im Wald ist es angenehm still. Ich glaube, ich versuche einfach zu vergessen, was geschehen ist, und fange nochmal neu an. Woanders. Natürlich meine ich damit nicht, dass ich noch einmal geboren werden will, wieder in den Kindergarten gehe, bevor ich in der Grundschule um eine Gymnasialempfehlung kämpfen muss, um mich anschließend auf einer weiterführenden Schule abzuquälen.

Nein, ich schau einfach, wo ich lande und mach dann das Beste aus meiner Situation.

Die frische Luft bringt mich auf andere Gedanken. Ich liebe diesen Duft von Nadelbäumen.

Mein Fahrrad an sich tritt sich ganz angenehm, aber leider habe ich Gegenwind. Westwind. Nicht stark, aber doch spürbar.

Obwohl. Gegenwind? Mir sitzt ein Streifenwagen im Nacken, der das Verbotsschild am Waldeingang entweder bewusst missachtet oder es schlicht nicht gesehen hat. Der Typ hinter dem Steuer ist also entweder blind, oder er kann nicht lesen. Vielleicht ist er auch einfach demonstrativ darüber gefahren. Es war nur ein kleiner gelb gestrichener Holzpfeiler.

Die Scheinwerfer leuchten hinter meinem Rücken auf. Vielleicht geht ja davon eine seichte Brise auf, die mein Tempo beflügelt.

Ich biege in einen schmaleren Weg ab, wo das Auto nicht fahren kann.

Eine schlechte Entscheidung. Der Weg ist so schlammig, dass es fast nicht möglich ist, hier zu fahren. Eigentlich egal, meine Kleidung ist sowieso von dem Sturz vorhin noch kaputt und ein wenig schmutzig. Der nasse Boden bremst mich unweigerlich aus. Allerdings bin ich unheimlich stolz noch zu fahren, denn hinter mir knallt eine Autotür und ich höre in einiger Entfernung die Schritte durch den Matsch.

Das Fahrrad lässt sich so nur schwer lenken. An diesem Pfad sind sicherlich schon andere vor mir gescheitert. In den Speichen meines geliebten rosafarbenen Rades haben sich ein paar Zweige verhakt.

Vor mir hängt ein tiefer, dicker Ast. Ich ducke mich drunter durch und kann ein lautes Knacken vernehmen. Ich drehe mich um. Das wunderschöne Dagobert-Duck-Fähnchen, das soeben noch das Ende meines Gepäckträgers zierte, ist abgebrochen. Ich hätte es einfach so hinnehmen und mich nicht umdrehen sollen. Aber ich liebte dieses Ding, ich hatte es schon als ich ganz klein war. Es war mein Schutzengel immer gewesen und nur deswegen war es bis jetzt noch an meinem etwas zu kleinen Rad befestigt.

In diesem tragischen Moment blieb ich zusätzlich noch im Schlamm stecken, verlor das Gleichgewicht und ehe ich mich versah, küsste ich nun zum zweiten Mal an diesem Tag den Boden. Egal, der Dreck wird irgendwann trocknen und dann von selbst abfallen.

Rechts und links ist der Waldboden mit altem Laub und Tannennadeln bedeckt. Da noch nicht so viele einen Weg durch das Unterholz gewählt haben, sieht dieser noch brauchbar aus. Vielleicht kann ich dort sogar weiter fahren.

Wieder aufgerappelt sehe ich die Beine meines Verfolgers zwischen den Bäumen näher kommen. Hauptsache, ich verliere nicht die Orientierung. Der Sonnenstand hilft mir auch nicht weiter. Zwar treffen einige Sonnenstrahlen auf den feuchten Waldboden, aber aus welcher Richtung, kann ich nur schwer erkennen. Auf jeden Fall strahlt sie von oben, was bedeutet, dass die Welt noch halbwegs in Ordnung ist.

Auf, Auf, Helau und Juhu! Ich kann wirklich weiter in die Pedale treten. Der Verlust meiner Fahrradfahne schmerzt leider immer noch.

Wenig später komme ich aus dem Wald wieder heraus. Mittlerweile beginnt es zu dämmern. Ich glaube, ich habe ihn abgehängt, denn auf dieser Seite ist der Waldweg mit einer Schranke versperrt.

Wo werde ich die Nacht verbringen? Mein Besitz beschränkt sich im Augenblick auf eine blaue Strickjacke, ein T-Shirt, eine Hose, Schuhe, ein Fahrrad und dazu finde ich noch 30 Euro in meiner Tasche, die mich an heute Morgen erinnern.

Ich sollte noch ein wenig weiterfahren, nicht, dass ich wieder eingeholt werde. Mein Heimatdorf ist hinter dem dunklen Wald verschwunden. Zurückkehren kann ich jetzt nicht mehr, das würde alles noch schlimmer machen.

Heute war ein sehr anstrengender Tag, der leider noch nicht zu Ende ist. So viel Sport bin ich nicht wirklich gewohnt, obwohl ich auch keine füllige Person bin. Mein noch ein wenig verkaterter Zustand lässt mich in Schlangenlinien den asphaltierten Feldweg zurücklegen.

Ich wusste gar nicht, dass hinter unserem schönen Wald der Arsch der Welt beginnt.

Am nächsten Morgen finde ich mich in einem Graben wieder. Mein Fahrrad liegt neben mir. Die Sonne scheint. Die Sonne scheint immer, egal ob es Menschen dreckig geht, oder nicht. Vielleicht lacht sie ja auch. Über mich, denn Schadenfreude ist die schönste Freude.

Ganz ehrlich, ich kann sie verstehen.

Hätte mir gestern Morgen jemand gesagt: „Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt. Liegst aber im Graben, mit deinem schweinchenrosa Kinderfahrrad, dass dir viel zu klein ist. Ein Wunder, dass keine Stützräder mehr dran sind.“

Es geht weiter. Die Fahrt durch die Einöde. Ziemlich flaches Land, ein paar Bäume brechen die Ebene und spenden Schatten. Dort hinten ist die Landstraße, welche aber nur spärlich befahren wird. Ein Knurren unterbricht die Ruhe. Mein Magen. Etwas Essbares oder einen Laden kann ich allerdings nicht ausfindig machen. Und dann hab ich auch noch Durst. Wenn ich irgendwann eine Tankstelle finden sollte, besorge ich mir ein wenig Proviant.

Meinen Durst stille ich kurz darauf an einem kleinen Bach. Pause, beschließe ich. Die Sonne brennt im Nacken und dank der spiegelnden Wasseroberfläche erkenne ich, dass mein Gesicht dem eines Hummers gleicht. Ein wenig Sonnenschutz wäre nicht schlecht, aber das bisschen Moos, das ich habe, gebe ich lieber für Nahrung aus.

Wie das in den Ferien so üblich ist, habe ich bereits jetzt jedes Gefühl für die Zeit verloren. Donnerstag müsste heute sein. Ich mochte donnerstags nicht. Immer von 18:30 bis 21:00 Uhr war Orchesterprobe. Mit meinem Horn saß ich die meiste Zeit nur rum und durfte versuchen die Takte bis zu meinem Einsatz durchzuzählen.

Letztes Mal war ich zweieinhalb Stunden für sensationelle achtzehn halbe Noten da.

Und dann beschweren sich die Geigen: „Wir haben hier 20 Takte Pause, das ist voll schwer mitzuzählen. Können sie uns den Einsatz anzeigen?“ zum Dirigenten.

Ich denke mir nur: „Wir haben 163 Takte nichts zu spielen, uns gibt keiner ein Handzeichen, damit wir wissen, wann wir spielen müssen. 163 Mal bis drei zählen, das heißt, der Countdown beginnt bei 489.“

Heute bin ich bestimmt schon so lange unterwegs, wie ich sonst in der Probe hänge.

Und endlich scheint das gottverlassenen Fleckchen Erde zu enden. Eine Siedlung taucht am Horizont auf. Vielleicht eine größere Stadt. Nein, doch nicht. Ein kleines Dorf.

„Bachhausen“, informiert mich das Ortsschild. Ich werde von fröhlichem Glockengeläut begrüßt. Der Duft von frisch gebackenen Brötchen strömt in meine Nase und zieht mich in eine kleine Bäckerei. Die Verkäuferin sieht mich misstrauisch an.

„Hast du Geld? Schenken werden wir dir hier nichts!“, kommentiert sie meinen Anblick.

Bereit mir ein Brot zu verkaufen ist sie aber. Ich brumme mit meinem Drahtesel an der hübschen, lieblich läutenden Kirche vorbei. Eine Menschenmasse hat sich vor diesem hellgelben Gebäude versammelt. Alle sind in schwarz gekleidet.

Dieser Ort machte erst einen so friedlichen Eindruck auf mich. Aber, als dann noch ein Schwein in vollem Galopp um die Ecke schoss, von einem Kind verfolgt, das mit einem Schlachtermesser in der Hand spielte, gruselte ich mich genug, um schnell wieder weiterzufahren. Ein weiteres Straßenschild weißt mich auf eine nicht weit entfernt liegende Stadt hin. Ich folge dem Wegverlauf neben einer größeren Straße.

Und mir folgt ein neongelber Wagen. Ich bemerke ihn erst nicht. Erst als ich höre, dass ein Auto hinter mir immer wieder aufdringlich beschleunigt und kurz danach abbremst, läuft mir ein Schauer über den Rücken. Der Radweg ist von der Straße lediglich durch einige Obstbäume in regelmäßigen Abständen getrennt, rechts grenzt eine Leitplanke meinen Pfad von Feldern ab.

Fünf Kilometer noch bis Friedhelmskog. Ich lege einen Zahn zu. Langsam nervt es mich, den Status eines Verbrechers zu haben. Kaum hat man sich kurz entspannt, ist man schon wieder auf der Flucht. Zu meinem Glück bedecken Wolken die sonst so schadenfroh lachende Sonne. Ich komme mir vor wie das Schwein, vorhin in dem kleinen Dorf.

Zwei Kilometer, dann endet die geradlinige Eingangsstraße in einem Gewerbegebiet. Möglicherweise kann ich da vorne in eine Seitenstraße abbiegen. Der Fahrer hinter mir rückt gefährlich nahe. Ihn abhängen kann ich nicht, dafür bin ich zu langsam. Trotzdem bin ich sehr zufrieden mit der Leistung meines Rades.

Peng! In der Lautstärke eines explodierenden Silvesterknallers werde ich aus der Lobeshymne für meinen treuen Gefährten gerissen. Leicht treten lässt es sich nicht mehr. Na toll! Der Reifen ist geplatzt! Wieso? Wieso jetzt? Ganz einfach.

Reibung erzeugt bekanntlich Wärme. Die Luft im Fahrradschlauch hat sich so hoch erhitzt, dass diese sich stark ausgedehnt hat, und der Druck auf die Außenwände immer größer wurde. Auf eine Drucksituation folgt logischerweise ein Moment der Entspannung. Das konnte ich in letzter Zeit zu Genüge feststellen.

Gut, dass das Reifengummi nicht geschmolzen ist, das hätte zu allem Überfluss noch übel gestunken. Aber was mit meinem Reifen geschehen ist, ist der Beweis. Ich war ganz schnell. Betonung liegt auf war.

Es ist unmöglich mit einem solch demolierten Vorderrad vorwärts zu kommen.

Bevor der Polizist mich zu fassen bekommt, renne ich los. Die letzten beiden Kilometer schaffe ich auch zu Fuß. Er wollte erst aussteigen, aber da ich zur Sicherheit auf der anderen Seite der Leitplanke weiterlaufe, ändert er seine Meinung.

Ich bin ja schon nicht die Bewegungsfreudigste, aber der sich mit seinem Bierbauch vorwärts rollende Ordnungshüter könnte mich nicht einholen. Stattdessen rast er wie ein Irrer direkt neben mir in die Begrenzung, erwischt mich aber nicht. Ich laufe ungehindert weiter und tatsächlich gelange ich bis zum Außenbezirk der Nicht-Metropole.

Ich biege links in eine Straße ein. In die Richtung einer Mülldeponie, deutet ein Wegweiser. Egal, denke ich. Ich nehme Schritte hinter mir wahr. So schnell kann er doch nicht sein.

„Was tust du da?“, fragt mich eine unbekannte Mädchenstimme.

„Wonach sieht es denn aus?“, entgegne ich und ringe nach Luft.

„Weglaufen?“, unterbrach sie mich wieder.

„Richtig, hundert Punkte für die edle Dame.“

„Ok, gut, dann viel Glück!“, beendete sie unser ohnehin sinnloses kurzes Gespräch.

Ich nähere mich der Deponie.

„Gleich habe ich dich!“, brüllt die mir inzwischen bekannte Stimme nach, „Da vorne ist das Ende vom Gelände. Und dein Ende. Und das Ende unseres Abfalls. Da kommt ein breiter Kanal, du Intelligenzbestie.“

Ich renne durch den Eingang. Weiter hinten laden einige ihren Müll ab, dahinter ist wirklich ein Kanal. Ich könnte vielleicht die Treppe zum Ufer nehmen und schwimmend entkommen. Dann würde ich mich nicht nur selbst retten, sondern gleich baden, damit meine Klamotten wieder sauber sind.

Jedoch muss ich mir zuerst etwas einfallen lassen, denn jetzt ist der Beamte wirklich nur noch zwei Schritte hinter mir. Er atmet nur noch schwer. Körperliche Fitness ist wohl nie seins gewesen.

Kurz entschlossen springe ich in ein riesiges Becken voller Müll. Blöder hätte man nicht sein können. Ich habe seine Fähigkeit Müll zu durchwühlen vollkommen unterschätzt.

Das rascheln von Plastikschrott ist beängstigend laut.

„Nicht bewegen“, denke ich, „sonst weiß er, wo er suchen muss.“ Ich habe diese Gedanken gerade beendet, da packt mich eine große Hand am Nacken.

„Abfall bist du, und Abfall wirst du bleiben!“

Unbarmherzig führt er noch aus: „Jetzt wirst du endgültig entsorgt.“

Ich schlage und trete um mich. Zwecklos. Er steckt mich in eine Papiermülltonne. Ich weigere mich immer noch. Er haut mir den Deckel über den Kopf.

„Ich gehöre wennschon in den Bioabfall.“ Weise letzte Worte. Für das, was der Polizist jetzt macht, hätte man ihm locker seine Verbeamtung entzogen. Er stieß mich, in der Tonne sitzend, die Treppe zum Wasser herab. Mit einem lauten Platschen durchbreche ich die Wasseroberfläche. Die Flüssigkeit füllt langsam meinen unbequemen Behälter…

„Vicky, Vicky steh auf! Und zieh dir was Frisches an. Du stinkst wie ein Penner und siehst auch danach aus.… Was hast du bloß angestellt?“

Ich schrecke hoch. Erleichterung und Freude erfüllt mich. Vor mir steht mein Vater. Er blickt mich verzweifelt an und schüttelt ungläubig seinen Kopf. Ich frage ihn, ob er nicht froh sei, dass ich zu Hause und nicht ehrenvoll mit einer Mülltonne abgesoffen bin. Mein Versuch, dadurch ein wenig Mitleid und Verständnis zu erregen, schlägt fehl.

„Unten wartet jemand auf dich.“ Ich ziehe mir vernünftige Sachen an und bewege mich die Treppe herunter. Ins Wohnzimmer.

Ein Polizist in gebügelter Uniform und ohne Pickelhaube hat auf unserem Sofa platzgenommen. Meine Mutter begutachtet die Alkoholflasche, mein Vater hält mein Zeugnis.

„Da hast du dir ja ganz schön was eingebrockt“, beginnt der Polizist mit Nachnamen Gunther.

„Es tut mir unendlich leid, ich wollte das doch gar nicht. Bitte, versuchen Sie, mich zu verstehen. Sie wissen doch, Jugendliche bauen manchmal Mist. Und eigentlich trinke ich auch gar nicht. Ich habe nur einen kleinen Schluck probiert. Es hat eh überhaupt nicht geschmeckt.“

Und dann fügte ich noch ein verzweifeltes „Ich war das nicht“ hinzu.

Zu meiner Überraschung entgegnet Herr Gunther bloß: „Ich weiß. Und ich weiß auch, dass du nicht weißt, wie das passieren konnte. Nach unseren Ermittlungen müsstest du einen Schluck Alkohol zu dir genommen haben, hast dann die Flasche aber über der Grillkohle fallen lassen, sodass ein kleiner Junge, mit einem Feuerzeug spielend, den Markt in Flammen hat aufgehen lassen. Ist das möglich? Den Jungen haben wir schon gefasst. Er hat das Feuer beobachtet und das, was ich gerade erzählt habe, über dich ausgesagt.“

Er fährt fort, dass ich nur eine Mitschuld tragen würde und helfen solle, bei der Wiedereröffnung der Filiale Werbung zu verteilen.

Damit kann ich leben. Sehr gut sogar. Ich erkläre, dass ich nur Kirschsaft kaufen wollte, um den Tag mit meiner Familie zu feiern und dachte, dass ich schuld an dem Brand wäre und daher durch den Feldweg abgehauen bin.

Auf die Frage, warum ich stattdessen Wodka gekauft habe, antworte ich mit Schulterzucken.

Später bedanke ich mich herzlich und ganz brav bei Herrn Gunther, dafür, dass ich nicht ins Gefängnis muss und mein Abi nach den Sommerferien anvisieren kann.

Für meine guten Noten gießt mir meine Mutter ein Glas Kirschsaft ein.

Ich blicke aus dem Fenster, durch das ich in meinem Traum geflohen bin. Es steht offen. Ich beobachte ein graues Kaninchen, welches verfolgt von meiner Katze um die Hausecke hoppelt.

Gedicht

Der Tag ist wie immer,

Doch er wird schlimmer.

Halte mein gutes Zeugnis in der Hand,

Noch bin ich unerkannt.

Funken fliegen um mich rum,

Langsam schaue ich mich um.

Der Supermarkt steht in Flammen.

Jetzt keine Panik, reiß dich zusammen!

Warum bin ich eigentlich hier?

Und warum nimmt mich die Polizei ins Visier?

Bin ich an dem Tumult etwa auch noch Schuld?

Jetzt heißt es rennen und bloß nicht flennen!

Zu Hause erstmal in mein Zimmer,

Sonst mache ich alles nur noch schlimmer.

Plötzlich steht Papa entsetzt vor mir,

„Was stimmt denn nicht mit dir?“

Schreien ist für ihn gar nicht normal.

Oh Mann, die Situation ist echt katastrophal.

Unten werde ich von der Polizei empfangen,

Jetzt kann ich mich gar nicht mehr entspannen.

Zum Fenster wandert mein Blick,

Ich brauche gleich all mein Geschick.

Mit einem Sprung und ganz viel Schwung,

Bin ich raus aus dem Haus.

Erleichtert das Fahrrad geschnappt,

Zum Glück hat’s geklappt.

Ich werd’ von der Polizei verfolgt,

Zu Hause bin ich nicht mehr gewollt.

Tagelang fahre ich nach Westen.

Da gefällt es mir am besten.

Mein Reifen platzt,

Jetzt hab’ ich’s verpatzt.

Ich höre den Polizisten hinter mir schnaufen

Und öffne entsetzt die Augen.

Ich sehe Papa auf mich runterschauen,

War die Flucht etwa nur ein Traum?

PSYCHISCHE KRANKHEIT & DROGEN

EINSAM AUF DER SUCHE

VON ANNIKA SPERLING

17. November

Der Wecker hat mich heute aus dem Tiefschlaf geholt. Am liebsten würde ich gar nicht erst aufstehen, den Tag vergehen lassen, ohne auch nur ein einziges Mal das Bett verlassen zu müssen. Es passiert doch sowieso immer dasselbe. Einzig die Aussicht darauf, meine besten Freunde zu treffen, bewegt mich dann doch dazu, mich der Kälte außerhalb des Bettes zu stellen. Verschlafen ziehe ich mir das Shirt von gestern über den Kopf und dazu irgendeine Hose, die ich auf dem Boden gefunden habe. Glücklicherweise schaffe ich es, das Haus zu verlassen, ohne meinem Stiefvater, der vermutlich Frühschicht hat, oder meiner Mutter über den Weg zu laufen. Wobei Letztere eher unwahrscheinlicher gewesen wäre, da sie es für gewöhnlich nicht schafft, vor zwölf das Bett zu verlassen.

Das Wetter ist einfach nur beschissen. Selbst um viertel vor sieben ist es noch so gut wie schwarz draußen, es nieselt leicht und die Novemberkälte dringt sogar durch meine Winterjacke. Immerhin passt es zu meiner Laune. Als ich dann aber in den Bus steige und Maras helles Lachen höre, ist das Wetter nur noch nebensächlich.

Mara und Ben sind meine besten Freunde seit dem Kindergarten, danach sind wir zusammen zu denselben Schulen gegangen und wenn wir das Abi geschafft haben, wollen wir gemeinsam nach Berlin ziehen, eine WG gründen, noch einmal neu anfangen. Die beiden sind Zwillinge. Und das sieht man sofort, die gleiche Stupsnase, die gleichen dunkelbraun gewellten Haare, wobei Ben sie kurz trägt. Mara hat sie hingegen bis zur Hüfte wachsen lassen. Ihre Eltern sind früh auf tragische Weise bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Seitdem hatten die Beiden bei ihrem Onkel gewohnt, der jedoch ständig auf Geschäftsreisen gewesen war, weshalb sie die meiste Zeit bei mir verbracht hatten. Nach ihrem 18. Geburtstag vor einigen Monaten, haben sie sich mit dem Erbe ihrer Eltern ein kleines einstöckiges Häuschen am Stadtrand gemietet. Ab da an haben wir uns meistens dort getroffen.

Maras einzigartige Art und Weise zu erzählen bringt mich aus meinen Gedanken zurück. Gerade ist sie dabei, das nächste Wochenende zu planen, an dem wir gemeinsam mit dem Zug nach Amsterdam fahren wollen, um uns ein Konzert unserer Lieblings-Rockband anzuschauen. Dabei scheinen Mara die goldenen Locken des Lead Sängers mehr zu interessieren, als die Musik selbst. Außerdem schwärmt sie von den großartigen holländischen Pommes, den vielen kleinen Brücken und den bunten Hausbooten.

Letztes Wochenende habe ich größtenteils mit einer fiesen Erkältung in meinem Zimmer verbracht. Ben kam zwischenzeitig vorbei und wir haben weiter an dem alten, kaputten Auto meines Großvaters gearbeitet, das momentan bei uns in der Garage steht. Er hat mir versprochen, dass ich es behalten darf, wenn ich es repariert bekomme. Nach etlichen Fehlversuchen den Motor wieder zum Laufen zu bringen, haben wir schließlich aufgegeben. Meine Mutter und ihr neuer Mann haben es dann auch schon wieder geschafft, sich zu streiten, und so bin ich nur einmal kurz nach unten geschlichen, um mir eine Tüte Chips zu holen.

Als der Bus endlich vor der Schule zum Stehen kommt, kann ich es kaum erwarten, hier raus zu kommen. Alle drängen sich in Richtung der Türen und es wird versucht, mit Hilfe von Ellenbogen und Rucksäcken als Erster der hohen Luftfeuchtigkeit, die sich durch die vielen nassen Jacken gebildet hat, zu entkommen. Es wird Zeit, dass ich 18 werde und endlich selber zur Schule fahren kann.

Der Vormittag verläuft wie jeder andere Schultag auch, sechs Unterrichtsstunden mit zwei 15-Minuten-Pausen dazwischen. In der langen Mittagspause warte ich vergeblich auf Ben und Mara an unserem üblichen Treffpunkt. Als sie nach einigen Minuten immer noch nicht aufgetaucht sind, beschließe ich die Pause in einem der großen roten Sessel in der hintersten Ecke der Bibliothek zu verbringen. Die erste gute halbe Stunde beschäftige ich mich mit den Matheaufgaben, die mir Herr Neumann gegeben hat. Er meinte, ich wäre mit dem normalen Stoff unterfordert und bräuchte mal eine Herausforderung.

Als ich mich nicht mehr auf die Übungen konzentrieren kann, beginne ich, Mara und Ben zu verfluchen. Sie hätten mir ruhig Bescheid sagen können, dass sie heute früher Schluss haben und mich hier alleine lassen. Ohne sie habe ich doch niemanden, mit dem ich etwas unternehmen könnte. Seit dem Kindergarten scheint jeder uns zu meiden, wir wurden nie zu Geburtstagsfeiern eingeladen, auf dem Schulflur dreht man uns verstohlen den Rücken zu oder beschimpft uns. Wir seien verrückt und sollten doch lieber ins Irrenhaus gehen. Normalerweise macht mir das nichts aus, ich bin sogar stolz auf unser Anderssein, obwohl ich sagen muss, dass ich nie recht verstanden habe, was genau uns denn zu Außenseitern macht. Heute aber wünsche ich mir ein wenig besser in die Norm zu passen. Einen so großen Freundeskreis zu haben, dass ich die Pausen nie allein verbringen muss.

Irgendwann ist auch die Mittagspause vorbei und ich gehe verärgert in den Unterricht. Am Nachmittag mache ich noch einige Besorgungen für meine Mutter und hole uns dabei etwas beim Chinamann fürs Abendessen. Abends versuche ich, Mara und Ben zu Hause zu erreichen, aber sie scheinen immer noch etwas Besseres zu tun zu haben, als sich mit mir abzugeben.

18. November

Den Wecker mehrfach wieder ausschalten, widerwillig aufstehen, was zum Anziehen aussuchen - jeden Tag das Gleiche. Doch heute sind Mara und Ben nicht im Bus und ich kann sie auch vor dem Unterricht nicht finden. So langsam verwandelt sich meine Wut in Sorge; ist ihnen vielleicht ernsthaft etwas passiert? Vielleicht gibt es aber auch eine ganz rationale Erklärung für alles, versuche ich mir einzureden. In der Schule habe ich einige Schüler gefragt, ob jemand sie gesehen hat, aber man hat mir nur belustigt den Rücken zugedreht. So einsam wie heute habe ich mich noch nie gefühlt.

Nach der Schule entscheide ich mich spontan dazu, einige Stationen weiter zu fahren, um bei ihnen zu Hause vorbei zu schauen und zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Das Haus ist schon ein wenig älter und wirkt an einigen Stellen reparaturbedürftig, aber Mara und Ben machen das Beste daraus und haben haufenweise wilder Blumen in die Beete vor der Hauswand gepflanzt, um die Risse im ehemals weißen Putz zu verdecken. Doch diese Strategie funktioniert nur in den Sommermonaten. Mittlerweile sind von den prächtigen Büschen und Blumen nur noch dünne vertrocknete Stiele übrig, die dem Ganzen einen unheimlichen Anschein geben.

Als ich auf dem Knopf neben der Haustür drücke, höre ich das schrille Geräusch der Klingel bis nach draußen. Ich warte eine Weile, doch niemand macht mir auf. Ich versuche es nochmal und nochmal. Beim dritten Mal lasse ich die Klingel gar nicht erst los.

Irgendwann, als ich es nicht mehr ertragen kann, trete ich frustriert gegen die Tür. Ich lehne mich mit dem Rücken an die Wand und lasse mich langsam daran hinunter gleiten. Von der Seite spüre ich den unbarmherzigen Wind der mir in den Nacken weht. Ein kalter Schauer läuft mir den Rücken runter. Auch das viele verwelkte Laub wird vom Wind durch die Luft verwirbelt, doch die Blätter sind schon lange nicht mehr bunt und farbenfroh, sondern haben alle dasselbe dreckige Braun angenommen.

Ich weiß nicht, wie lange ich dort auf dem feuchten Boden gesessen habe, gegen die Tränen ankämpfend. Ich bin verzweifelt, fühle mich im Stich gelassen. Dort warte ich eine ganze Zeit und hoffe, dass sie vielleicht doch noch nach Hause kommen, dass alles nur ein großes Missverständnis war.

Als es um mich herum immer dunkler wird und ich kaum noch die einzelnen Bäume ausmachen kann, stehe ich auf, strecke mich, wische mir die Tränen aus dem Gesicht und mache mich auf den Heimweg.

21. November

Da sich Mara und Ben in den letzten Tagen immer noch nicht haben blicken lassen, beschließe ich heute, einfach nur im Bett zu bleiben. Den ganzen Tag Serien zu schauen und nur ein einziges Mal aufzustehen, um dem Pizzaboten die Tür zu öffnen. Ich weiß nicht, ob meiner Mutter aufgefallen ist, dass ich die Schule schwänze, aber wenn ja, scheint es sie nicht besonders zu interessieren. Ich höre sie ein paar Mal durchs Haus laufen, ansonsten ist alles still. Selbst der Regen hat aufgehört und nur eine dicke Wolkenschicht erstreckt sich bis zum Horizont. Auch draußen auf der Straße ist es ungewöhnlich ruhig und es scheint, als würde die Welt einen Tag Pause machen.

Ich döse immer wieder ein und bekomme die Hälfte von dem, was über meinen Laptopbildschirm flackert, gar nicht mit. Zwischenzeitig liege ich einfach mit dem Rücken auf dem Bett und starre Löcher in die leere Wand, überlege, was für Abenteuer Mara und Ben wohl gerade ohne mich erleben.

Weil ich komplett mein Zeitgefühl verloren habe, beschließe ich irgendwann, dass es angebracht wäre, schlafen zu gehen. Umziehen brauche ich mich sowieso nicht, ich habe den ganzen Tag im Pyjama verbracht und so ist die einzige Änderung, dass ich nun unter statt über der Decke liege. Doch kann ich, wie sehr ich es auch versuche, nicht einschlafen, drehe mich von der einen auf die andere Seite, nur um mich Sekunden später auf den Rücken zu legen. Oder ist es auf dem Bauch vielleicht besser? Nein, auch nicht zielführend. Was ist wohl mit Ben und Mara los? Irgendwas muss passiert sein! Wir kennen uns gefühlt schon immer und sie haben mich noch nie im Stich gelassen, selbst als ich tagelang krank war, sind sie jeden Tag vorbeigekommen und haben mich aufgeheitert. Wie konnte ich ihnen nur unterstellen, sie hätten mich vergessen? So was würden sie nie tun! Gleich morgen früh werde ich zur Polizei gehen... mit diesem Gedanken falle ich in einen unruhigen Schlaf.

22. November

Heute wache ich ohne Hilfe meines Weckers auf, obwohl ich normalerweise mindestens drei Alarme brauche, dank des Langschläfer-Gens meiner Mutter. Draußen ist es noch nicht einmal hell, es ist auch erst halb sieben, wie ich mit einem Blick auf meine Uhr feststelle. Schnell ziehe ich mir ein paar warme Klamotten an und mache mich auf dem Weg. Bei einem Stopp in der Küche schmiere ich mir noch ein Brot und stopfe es in mich hinein. Ich habe keine andere Wahl als das verrostete Fahrrad zu nehmen, das bei uns zwar in der Garage steht, aber so gut wie nie benutzt wird.

Während des Fahrens quietscht das Hinterrad und der Sattel ist definitiv zu niedrig eingestellt. Aber das alles macht mir nichts aus. Ich konzentriere mich nur auf meinen Atem, der sich in kleinen Wolken vor meinem Gesicht formt. Um in die Innenstadt zu gelangen brauche ich circa zwanzig Minuten und erst als ich schwer atmend vor dem Polizeigebäude zum Stehen komme, merke ich, dass ich für Frühsport nicht gemacht bin. Die kalte Luft brennt in meinem Hals und ich weiß, dass ich am nächsten Morgen ordentlich Muskelkater in den Beinen haben werde. Das kommt davon, wenn man schon nach der fünften Klasse den Sport aufgibt und sich anderen Dingen zuwendet. Ich gebe mir keine Mühe das Fahrrad abzuschließen. Sowas will doch eh keiner mehr haben, denke ich mir und betrete das Gebäude.

Sobald ich die Tür öffne, schlägt mir trockene Heizungsluft entgegen, gemischt mit einem starken Kaffeeduft. Hinter dem Schalter sitzt ein dicklicher Mann mit Glatze, dessen Uniform sich stramm über seinen Bauch spannt. In der einen Hand hält er den Ursprung des angenehmen Geruchs, in der Anderen eine Handvoll Gummibärchen, die er sich gerade genüsslich in den Mund steckt.

Erst nach mehrfachen Räuspern meinerseits blickt er gelangweilt von seinem Bildschirm auf und in einem verärgerten Ton bellt er: „Was denn?“

Erschrocken gehe ich einen Schritt zurück. Das Verlangen, hier so schnell wie möglich wieder weg zu kommen, überfällt mich. Eigentlich habe ich auch gar keine Ahnung was ich überhaupt machen muss. Ich hätte warten sollen bis meine Mutter aufgewacht ist, obwohl die mich bestimmt für verrückt erklärt hätte. Der Wachmann schaut mich immer noch verärgert an, sodass ich beschließe, ihm von Ben und Mara zu erzählen. Ist ja nicht so, als hätte ich eine bessere Idee, um sie wieder zu finden.

„Ähm… hallo, ich bin hier, weil …“, fange ich unsicher an.

Dann berichte ich von Mara und Ben, wie sie seit Montag nicht mehr zu finden sind, sie nicht zu Hause zu sein scheinen und auch niemand sonst von ihnen gehört hat. Langsam tippt er meine Daten in den Computer ein. Er erkundigt sich noch nach dem Namen unserer Schule, bevor er mir mit einer Handbewegung unmissverständlich zu verstehen gibt, dass ich hier nicht mehr erwünscht bin.

Widerwillig gehe ich in Richtung der Tür, doch dann fällt mir noch etwas ein: „Werden sie mir Bescheid geben, wenn sie was gefunden haben?“

Zwei kurze Grunzer sind die einzige Antwort, die ich daraufhin von ihm bekomme. Damit werde ich mich wohl zufrieden geben müssen.

Mittlerweile ist es gerade mal kurz nach halb acht. Deprimiert setzte ich mich auf eine der Bänke vor dem Polizeigebäude. Das Gespräch hatte nicht wirklich den gewünschten Effekt, statt Beruhigung, dass sich endlich jemand um Maras und Bens Verschwinden kümmert, spüre ich, wie die Wut über den inkompetenten Polizisten in mir hochkocht. Ich halte es nicht weiter aus, nur tatenlos herumzusitzen und meine Hoffnungen nur auf Andere zu setzen. Motiviert springe ich auf und mache mich zunächst auf in Richtung Starbucks. Wer so früh am Morgen was schaffen will, braucht Kaffee. Im Osten wird der Himmel ganz langsam heller, bisher sieht es so aus, als könnte es ein schöner Tag werden.

Nach wenigen Minuten stehe ich vor der verschlossenen Tür des Cafés. Mit einem schnellen Blick auf die große Uhr am alten Rathaus stelle ich fest, dass ich noch ganze 20 Minuten totschlagen muss, bis ich an meinen begehrten schwarzen Kaffee komme. Na toll! Meine Suche fängt ja gut an, denke ich, während ich ziellos vor dem Geschäft auf und ab laufe. So langsam macht sich auch die Kälte bemerkbar. In meiner Eile heute Morgen habe ich weder Schal noch Handschuhe mitgenommen, was ich nun zutiefst bereue.

Ich sehe mich selbst als Reflexion in einer der Fensterscheiben. Mein braunes Haar steht ungekämmt in alle Richtungen ab und meine blaue Jeans sieht auch so aus als müsste sie dringend einmal gewaschen werden. Kurz vor sieben scheint die Bedienung endlich Erbarmen zu haben und schließt mir auf.

Als ich einige Minuten später mit dem warmen Becher in der Hand den Laden verlasse, geht es mir schon viel besser. Mara, Ben und ich haben viel Zeit damit verbracht, durch die Straßen unserer kleinen Stadt zu streifen. An einigen Stellen hat es uns auch so gut gefallen, dass wir immer wieder gekommen sind. Sie wurden zu unseren eigenen, kleinen Verstecken vor dem Rest der Welt. Als wir älter wurden, sind wir immer seltener dorthin zurückgekehrt, doch diese Orte sind uns immer noch heilig.

Mein Plan ist es nun, all diese Plätze abzulaufen. Vielleicht hatten sie sich vor irgendwem oder irgendwas verstecken müssen, saßen nun seit Tagen in der Kälte, hoffend darauf, dass ich sie bald finden würde. Einer dieser Plätze ist auf dem Dach eines heruntergekommenen Parkhauses. Nächtelang saßen wir an der Dachkante, ließen unsere Beine baumeln, dazu die besten Asia-Nudeln der Welt und schauten uns das Treiben auf der Straße an.

Ich steige die vier Stockwerke hoch bis zur obersten Parkebene und bin schon das zweite Mal an diesem Tag völlig außer Atem. Obwohl ich unser Versteck von hier aus schon sehen kann, klettere ich noch über das verrostete Geländer, um in einen kleinen abgesperrten Bereich zu kommen. Die Enden der silbernen Lüftungsschächte ragen nach oben und die ersten Strahlen des Sonnenaufgangs spiegeln sich darin. Das Parkhaus ist nicht besonders hoch, für unsere kleine Stadt aber mehr als ausreichend.

Ich lasse meinen Blick über den Ort unter mir schweifen, nur einige wenige Häuser, die mehr als zwei Stockwerke haben. Dahinter kann man schon das Meer erahnen, ungewöhnlich ruhig. Am liebsten wäre ich einfach hier geblieben, hätte der Welt beim Aufwachen zugeschaut, aber ich muss weiter, immer weiter. Ich genieße noch ein paar Sekunden die wohltuende Wärme in meinem Gesicht, bevor ich mich wieder auf den Weg nach unten mache.

In einer etwas windgeschützteren Ecke lasse ich meinen Kaffeebecher stehen, so, dass mein Name für jeden Vorbeikommenden gut zu lesen ist.

Und so geht es den ganzen Tag weiter, ich besuche jeden kleinen Ort, an dem wir uns je getroffen haben, von unserem kleinen Versteck hinter einem der großen Büsche an der Rückwand unserer Sporthalle bis hin zu der Ruine eines ehemals prächtigen Hotels, dass nun einsam am Rande des Waldes steht. Erfolglos.

Als der Tag sich schon fast wieder dem Ende nähert, setzte ich meine letzte Hoffnung auf das uralte Umkleidehaus auf dem weitläufigen Gelände des Hotels. Ich kann mir gut vorstellen wie die feinen Damen, in längst vergangenen Zeiten, hier am See gelegen haben, unter großen Sonnenschirmen, um ja nicht den bösen Sonnenstrahlen zum Opfer zu fallen. Mit der Angst, ein weiteres Mal enttäuscht zu werden, öffne ich langsam die knarrende Tür.

Drinnen riecht es nach Moder und ein Schwall abgestandener Luft kommt mir entgegen. Ich kneife meine Augen zusammen, sie müssen sich erst an die schlechten Lichtverhältnisse gewöhnen. Einige Zeit stehe ich nur ganz still da, versuche meinen Atem so gut wie es geht zu kontrollieren. Auf einmal kann ich ein leises Rascheln hören und ich merke, wie mein Herz einen Sprung macht. Kann es sein, dass ich sie tatsächlich gefunden habe?

Vorsichtig wage ich mich einen weiteren Schritt in das Innere des kleinen Häuschens. Der einheitliche schwarze Schatten verwandeln sich vor meinen Augen in graue Konturen. Plötzlich springt ein braunes Etwas an mir vorbei, streift kurz mein Bein, bis es hinter mir im Gestrüpp verschwindet. Ich spüre mein Herz rasen vor Panik.

Es dauert eine Weile, bis ich realisiert habe, dass ich wegen einer verwilderten Katze den Schreck meines Lebens hatte. Als sich mein Puls wieder normalisiert hat, macht sich Enttäuschung in mir breit. Ich habe auf einmal keine Energie mehr aufrecht stehen zu bleiben. Der Tag hat mich total geschafft. Nur mal kurz Pause machen, denke ich und setze mich erschöpft unter das Vordach. Bald merke ich, wie meine Augen schwer werden und ich mich dem wohltuenden Schlaf hingebe.

23. November

Das laute Läuten der Kirchenglocken reißt mich aus meinen Träumen, verwirrt öffne ich meine Augen und schaue mich um. Es ist eiskalt. Eine Bruchteil einer Sekunde bin ich verwundert. Wo bin ich? Doch dann kommt alles wieder zu mir zurück, das viele Fahrradfahren am Vortag, meine erfolglose Suche. Mein Nacken schmerzt und als ich mich aufrichte, höre ich es überall knacken.

Auf einmal stehen zwei dunkle Gestalten vor mir, beide exakt gleich groß. Dann begreife ich, Mara? Ben? Ja, sie sind es, Freude überfällt mich, ich spüre wie ein breites Grinsen sich über meinem Gesicht ausbreitet. Ich kann mich nicht mehr halten, glücklich springe ich auf, um ihnen um den Hals zu fallen.

Doch Mara hält mich davon ab: „Beruhige dich, es ist wichtig.“

„Hör zu, wir haben nicht viel Zeit“, unterbricht Ben sie, „Man hat uns Pillen gegeben, die uns komplett ausgeknockt haben, und jetzt hält man uns in einen Keller gefangen. Du kennst doch die alte Zuckerrübenfabrik in …, oder?“ Ich nicke verunsichert.

„Bitte befreie uns“, setzt er noch hinterher, bevor sie sich langsam in Rauch auflösen. Schwer atmend wache ich auf.

Na klar weiß ich, wo die Zuckerfabrik liegt, mit meinem alten Fahrrad werde ich es aber bestimmt nicht bis dahin schaffen. Meine einzige Möglichkeit ist, mit dem Zug in den nächsten Ort zu fahren, um von dort aus den Bus zu nehmen. Ich greife in meine Hosentasche, leer, ich habe meine letzten Münzen für ein Brötchen zum Mittag gestern ausgegeben. Bei dem Gedanken an Essen knurrt auch schon mein Magen. Ich muss also, bevor ich mich auf den Weg mache, noch einmal zu Hause vorbeifahren.

Mühsam hebe ich mein Fahrrad vom laubbedeckten Boden auf. Als ich mich auf den Sattel schwinge, spüre ich das schon vorhergesagte Ziehen im Oberschenkel. Wenn ich die beiden erst mal gefunden habe, sage ich mir, werde ich Zeit haben, mich auszuruhen.

Zu Hause angekommen habe ich eigentlich meine verzweifelte Mutter erwartet, die wie eine Irre durchs Haus läuft, weil ich heute Morgen nicht in meinem Bett lag, aber alles ist still. Ich habe keine Zeit mir darüber Gedanken zu machen. Ich nehme mir eine Handvoll Müsliriegel aus dem Regal und dazu ein paar Scheine Geld aus der Schublade unter meinem Schreibtisch. Zum Duschen komme ich nicht mehr, obwohl ich mich nur schwer daran erinnern kann, wann ich das letzte Mal unter dem entspannenden Wasserstrahl gestanden hatte, über Gott und die Welt nachdenkend. Es muss Donnerstagmorgen gewesen sein...

Da niemand mich zum Bahnhof fahren kann und sonntags in unserer dummen Kleinstadt auch kein Bus fährt, muss ich wohl oder übel wieder zum Fahrrad greifen. Ich hätte mir echt mal ein Vernünftiges zum Geburtstag wünschen sollen, naja, dafür ist es jetzt definitiv zu spät. Zum Glück ist es nicht allzu weit und ich schaffe es noch, den Zug um 12:14 Uhr zu erreichen.

Am Bahnhof habe ich noch ein paar Minuten Zeit. Nervös laufe ich auf und ab. Zwei Frauen beobachten mich argwöhnisch. Sie flüstern sich ständig etwas zu. Genervt gehe ich ans andere Ende des Bahnsteigs, dass vor meinen Augen über mich gelästert wird, muss ich mir echt nicht antun. An einem Laternenpfahl hängt ein verwitterter Zettel: Katze vermisst.

Einige Schnipsel mit der Telefonnummer der besorgten Besitzerin sind sogar abgerissen worden. Na toll, selbst eine dumme Katze bekommt mehr Aufmerksamkeit als die Entführung zweier Oberstufenschüler.

Das Herumsitzen im Zug macht mich ganz verrückt, kaum jemand außer mir ist an diesem Sonntagvormittag unterwegs. Die meisten Leute sitzen vermutlich fromm in der Kirche, sprechen ihre Gebete und merken dabei nicht einmal, dass zwei Menschen einfach so verschwunden sind! Die Fahrt zieht sich ewig. Ich halte es nicht aus, ruhig auf einem Platz sitzen zu bleiben.

Schon lange bevor wir in den Bahnhof einfahren, stehe ich vor der Tür und warte. Warte darauf, dass dieser verdammte Zug endlich langsamer wird und unsere baldige Ankunft ankündigt. Und dann passiert es, ich spüre, wie ich leicht durch den Bremsvorgang nach vorne gedrückt werde. Ich mache mich bereit, so schnell wie möglich auf den Knopf zu drücken, um raus zu rennen. Mein Herz rast. Ich werde sie retten, ich werde sie retten, das ist das Einzige, was mir durch den Kopf geht, wie ein Mantra wiederhole ich es immer und immer wieder.

Und dann stehen wir, jedoch nicht am Bahnhof, sondern mitten in der Pampa, einfach so. Ich kann es nicht fassen, das darf nicht wahr sein! Jetzt reicht es, ich werde dem Lokführer sagen, dass es hier um Leben und Tod geht und er gefälligst dem Idioten auf den Schienen seinen Wunsch erfüllen solle.

Und schon renne ich von einem Abteil ins nächste, nicht einmal die Schiebetüren zwischen den einzelnen Teilen des Zuges, vor denen ich mich als Kind immer gefürchtet habe, können mich von meiner Mission abhalten. Ich komme vor einem dieser Durchgänge zum Stehen. Verzweifelt bemühe ich mich, sie aufzubekommen, aber selbst nach mehrfachem Drücken, Schieben, Ziehen, kann ich die Tür nicht dazu bewegen, mich durch zu lassen. Vor mir prangt in roten Druckbuchstaben: „Zutritt für Unbefugte verboten“.

Das macht mich nur noch wütender. Beherzt klopfe ich an die milchige Glasscheibe. Aber niemand scheint sich um die Sorgen eines Teenagers kümmern zu wollen. Immer weiter steigere ich mich in meine Wut hinein, versuche, weiter auf mich aufmerksam zu machen.

Ich benutze alles was mir zur Verfügung steht, Fäuste, Ellbogen, Knie, Füße; selbst meinen Kopf schlage ich einmal mit voller Wucht gegen die scheinbar undurchdringbare Mauer vor mir. Ich fühle, wie das warme Blut von meinen Fäusten über meinen Handrücken läuft und scheinbar in Zeitlupe zu Boden tropft. Doch so etwas kann mich nicht davon abhalten, weiter den Lokführer davon zu überzeugen, endlich weiter zu fahren. Ich blende alles um mich herum aus, es gibt nur noch mich, die Tür und den beschissenen Kerl hinter ihr.

Plötzlich spüre ich, wie etwas Großes mich von hinten zu greifen versucht. Ist das etwa derselbe Typ, der Mara und Ben in einen dunklen Keller gesperrt hat? Dem werde ich es nicht so einfach machen, mein Zielobjekt ist nicht mehr die mittlerweile blutverschmierte Tür vor mir, sondern der Riese hinter mir. Er hat mich fest umschlungen, sodass ich mich nicht zu ihm umdrehen kann. Allerdings kann ich ihn ein paar Mal gut am Schienbein treffen, er schreit sogar vor Schmerz auf, doch loslassen tut er mich trotzdem nicht. Meine letzte Chance ist es, ihm in eine seiner Hände zu beißen, die verschränkt an meiner Brust liegen, um meine Arme fest zudrücken. Angestrengt lehne ich meinen Kopf nach vorne und probiere, sie zu erreichen.

Auf einmal wird alles schwarz um mich herum, meine Arme werden wieder befreit. Um wegzulaufen fehlt mir die Kraft, sodass ich auf der Stelle zusammensacke.

Nachdenklich schlug sie das Buch zu. Seine Großmutter hatte ihm eins zum siebten Geburtstag geschenkt, aber sie hatte nicht gewusst, dass er tatsächlich Tagebuch geführt hatte. Neben der fast leeren Weinflasche liegt in acht verschiedenen Büchern jeder Tag ihres Sohnes in den letzten zehn Jahren vor ihr. Er hatte sie fein säuberlich unter seinem Bett gestapelt und hinter anderen Kisten vor ihr versteckt.

In der schon vergangenen Nacht hatte sie versucht, aufzuholen, was sie in den letzten Jahren verpasst hat. All die rührenden Geschichten mit Mara und Ben, zunächst geschrieben im Stil eines Kindes, später dem eines jungen Erwachsenen. In den vergangen Stunden hatte sie unzählige Male mit dem Handrücken ihre Tränen weggewischt, auch ihr sonst so perfektes Make-up ist im Laufe der Nacht immer weiter verlaufen. Vorwürfe plagen sie und haben sie in der letzten Zeit kaum schlafen lassen. Dunkle Augenringe zeichnen sich auf ihrem müden Gesicht ab, die sie am Morgen verzweifelt versucht hatte abzudecken.

Als sie am Sonntag bemerkt hatte, dass Timo nicht zuhause war und zudem offensichtlich die Nacht nicht in seinem eigenen Bett verbracht hatte, brach sie in Panik aus. Es war nicht seine Art, die Nächte auf Partys zu verbringen und am nächsten Morgen verkatert vor der Tür zu stehen. Zwar wusste sie, dass er für gewöhnlich bis spät in den Abend durch die Stadt zog, jedoch war er immer wohlbehalten zurückgekommen.

Sofort war sie also ins Auto gesprungen und hatte sich auf zur örtlichen Polizeistation gemacht. Auf dem Weg sind ihr hunderte von Möglichkeiten durch den Kopf gegangen. Vor allem wegen Timos Vorgeschichte konnte sie nicht die Ruhe bewahren und raste wie eine Verrückte durch die Straßen. Schon als er im Kindergartenalter war, hatte sich die Erzieherin bei ihr gemeldet, weil Timo jeden Tag zwei eingebildete Freunde mitgebracht hatte. Ihr war schon selber aufgefallen, dass er häufig Selbstgespräche führte, hatte sich aber nicht viel dabei gedacht. So waren Kinder nun mal. Ein Kinderpsychologe hatte ihr geraten erst einmal ab zu warten, ob sich die Sache vielleicht von alleine regele.

Als er dann in die Grundschule kam, schien es, als wäre das tatsächlich der Fall gewesen. Doch wie sie nun im ersten Buch gelesen hatte, hatte er schnell begriffen, dass er auf keine positive Resonanz stieß, wenn er von seinen zwei besten Freunden berichtete. Er verstand es immer besser, es vor allen zu verheimlichen, nutze nur sein Tagebuch, wenn er jemanden zum Reden brauchte.

Doch im vergangen Jahr hat es scheinbar Überhand genommen, er selbst konnte nicht mehr zwischen Realität und Einbildung unterscheiden…

Zitternd sitzt sie auf dem Boden, gibt sich die Schuld an allem. Sie hatte sich nur mit ihren eigenen Problemen befasst, ihre Depression hatte sie manchmal tagelang im Bett gehalten. Auch ihre ständig wechselnden Beziehungen hatten sich nicht positiv auf Timos Verhalten ausgewirkt. Mahnungen von der Schule hatte sie lange Zeit ignoriert. Sie hatte sich eingeredet, dass sie ihn nur unglücklich machen würde, wenn sie ihm seine besten und einzigen Freunde wegnehmen würde. Erst in den letzten Monaten ist ihr bewusst geworden, dass sie es nicht weiter ignorieren konnte.

Ihr neuer Mann, Frank, hatte sie motiviert, endlich zu einem Doktor zu gehen. Der hatte ihm jedoch nur irgendwelche Pillen verschrieben, die die Halluzinationen blockieren sollten. Naiver Weise hatte sie sie ihm einfach nur mit ins Essen gerührt, wie bei einem Hund, denkt sich jetzt. Jetzt wo alles zu spät ist.

Sie dachte, wenn die Beiden erstmal weg sind, würde er verstehen. Verstehen, was all die Jahre in seinem Kopf herum gespukt ist. Hätte sie sich doch mehr um ihn gekümmert...

Als sie an dem Morgen auf dem Polizeirevier Timos Verschwinden gemeldet hat, ist dem Dienst habenden Polizisten schnell aufgefallen, dass ihr Sohn selbst am Vortag