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Vor 400 Jahren, am 23. Mai 1618, warfen Vertreter der radikalen böhmischen Ständeopposition zwei Statthalter und einen Sekretär aus einem Fenster der Prager Burg. Alle drei überlebten, doch war damit der Anlassfall für einen Krieg gegeben. Dieser Krieg ging als der Dreißigjährige Krieg in die Geschichte ein. Er stellt die größte Katastrophe Mitteleuropas vor dem Ersten Weltkrieg dar. Doch wie kam es zu dieser Katastrophe? Welche politischen und konfessionellen Rahmenbedingungen herrschten in Europa, im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation und in Böhmen vor? In diesem Band beleuchten sieben Historiker, die mit der Epoche des Dreißigjährigen Krieges bestens vertraut sind, die Ursachen, die politischen sowie militärischen Rahmenbedingungen und Entwicklungen im Vorfeld und zu Beginn dieses Konflikts. So analysiert Michael Rohrschneider im ersten Beitrag die internationale Situation vor dem großen Krieg. Axel Gotthard geht in der Ursachenfindung auf die konfessionspolitische Lage im Reich ein. Lothar Höbelt beschäftigt sich mit der Politik der Casa de Austria, insbesondere mit der kaiserlichen Politik. Michael Kaiser und Stefan Ehrenpreis beleuchten in jeweils eigenen Beiträgen die beiden Militärbündnisse der konfessionellen Lager samt ihrer Protagonisten. Jan Kilían kommt auf die zentralen Ereignisse in Böhmen vor dem Fenstersturz zu sprechen. Und der abschließende Beitrag von Robert Rebitsch beschäftigt sich mit den ersten beiden Jahren des Krieges vornehmlich aus militärhistorischer Perspektive.
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Seitenzahl: 287
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Robert Rebitsch (Hg.)
1618
Der Beginn des Dreißigjährigen Krieges
2017
BÖHLAU VERLAG WIEN KÖLN WEIMAR
Gedruckt mit Unterstützung durch
Amt der Tiroler Landesregierung, Abteilung Kultur Erzdiözese Wien Dekanat der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Innsbruck Vizerektorat für Forschung der Universität Innsbruck
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://portal.dnb.de abrufbar.
Umschlagabbildung: Prager Fenstersturz, 1618, aus:
Matthäus Merian d. Ä., Theatrum Europaeum, 1646-1738 Universitätsbibliothek Augsburg, Digitale Sammlungen
© 2017 by Böhlau Verlag GesmbH & Co.KG, Wien Köln Weimar Wiesingerstraße 1, A-1010 Wien, www.boehlau-verlag.com
Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.
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Korrektorat: Hans-Peter Schmit, Jena
Umschlaggestaltung:
Inhalt
Einleitung
Ein Ensemble neuralgischer Zonen Europäische Konfliktfelder um 1600
Michael Rohrschneider
Die Ursachen des Dreißigjährigen Krieges
Axel Gotthard
Die protestantische Union 1608–21 Ein regionales Verteidigungs- oder antikaiserliches Offensivbündnis?
Stefan Ehrenpreis
Angstgetriebene Politik Maximilian von Bayern und die Katholische Liga
Michael Kaiser
„Schlimmer noch als die Böhmen …“ Der Putsch vom 20. Juli als letzter Akt des Bruderzwists
Lothar Höbelt
Religiös-politische Unruhen in Böhmen
und der (dritte) Prager Fenstersturz
Jan Kilián
Der militärische Beginn des Dreißigjährigen Krieges
Robert Rebitsch
Abkürzungen
Bibliographie
Einleitung
Prag, 23. Mai 1618. „Und haben also die vorgemelten Personen selbst den Herrn v. Martinicz, indem er sich Gott dem Allmächtigen mit diesen Worten ‚Jesu, fili Dei vivi misere mei, Mater Dei memento mei‘ treulich befehlend, in schwarzen, kannavassenen Mantl samt Rapier und Dolch, aber ohne Hut, welcher mit schöner von Gold und Edelsteinen gezierter Schnur ihm aus der Hand weggerissen, mit blosen Haubt voran zum Fenster hinaus in den, gar bei 30 Ellen tiefen und steinerigen, Schloßgraben jammerlich gestierzet und ausgeworfen. Als er oft nacheinander die heiligsten Namen ‚Jesu Maria‘ stark ausgeruft, hat ihm solcher erschröcklicher Wurf und Fall, aus sonderbahrer, durch vornehmste unser lieben Frauen Vorbitte erlangten Gnade und Barmhertzigkeit Gottes, nicht allein an Leben nichts, sondern auch an der Gesundheit gar wenig geschadet. Wie dann insgemein gesagt, auch von etlichen frommen, gottesfürchtigen Leuten – so selbst dieses deutlich gesehen haben sollen – vor Gewiß standhaftig bekennet wird, daß oberhalb des am allerersten hinunterfallenden Herr v. Martinicz in der Luft die allerselligste und lobwürdigste Jungfrau Maria, Mutter Gottes, als seine vortreffliche Patronin erschienen, welche ihm mit ihrem ausgebreiteten und unterlegten Mantl in dem Fall gleichsam aufgehalten, desto sanfter zu der Erden mählich fallen lassen und also von gewissen Tod beim Leben und Gesundheit gnädiglich zu erhalten geholfen hat. […] Darnach dem Herrn Slavata, so auch Gott dem Herrn andächtig abgeruft sagend ‚Deus propitius esto mihi peccatori‘, haben sie erst die Finger an seiner rechten Hand, mit der er sich etwan angehalten, sehr bis auf Blut zerschlagen und also immer fort eben durch dasselbige Fenster ohne Hut, in schwarzem, sammettern Mantl und mit Rapier hinabgeworfen, welcher alsbald er auf die Erden gefallen, hat sich noch wohl um8 Ellen weiter und tiefer, als Herr v. Martinicz, in den Graben hinuntergewältzet und gar sehr mit dem Kopf in seinem schweren Mantl verwickelt. Letztlich noch der dritte, Herr M. Philipus Fabricius, röm Kais. Mt Rat und des Kgr. Böheim secretarius, […]“, so berichtete der kaiserliche Statthalter Jaroslav Bořita von Martinitz von seinem Rausschmiss aus einem Fenster der Prager Burg.1 Für ihn und seinen Leidensgenossen Wilhelm Slavata von Chlum und Košumberg und Philipp Fabricius ging der Sturz aus etwa siebzehn Meter Höhe glimpflich aus. Alle drei überlebten. Die beiden Statthalter waren davon überzeugt, dass sie ihr Leben Maria Mutter Gottes zu verdanken hatten. Martinitz wurde für seine Standhaftigkeit 1621 von Kaiser Ferdinand II. zum Reichsgrafen erhoben, der böhmische Kanzleisekretär Fabricius wurde mit etwas Verspätung in den Reichs- und böhmischen Ritterstand aufgenommen und mit dem Prädikat „von Hohenfall“ nobilitiert. Heutige Marketingexperten könnten dieses Adelsprädikat wohl nicht treffender entwerfen.
Die Täter während dieses Tumults in der Kanzlei der Statthalterei im Hradschin waren aufgebrachte protestantische Ständevertreter unter der Führung von Heinrich Matthias Graf von Thurn, die ihre im Majestätsbrief von 1609 verbrieften konfessionspolitischen Rechte verletzt sahen. Selbst wenn die beiden verhassten Statthalter, die noch dazu der spanischen und damit der besonders ständefeindlichen Partei zugerechnet wurden, mit dem Leben davonkamen, war dieser radikale Coup freilich als ein Mordversuch und als ein rebellischer Anschlag auf die habsburgische Staatsmacht zu werten. Das konnte von Seiten Wiens nicht ungesühnt bleiben. Die übrigen drei habsburgischen Statthalter, Adam von Sternberg, Adam von Waldstein und Diepold von Lobkowitz, wurden freilich entmachtet, aber sonst krümmten ihnen die neuen Herren kein Haar. Die Jesuiten hingegen, deren Vertreter eine der Säulen der Gegenreformation waren, mussten sofort Böhmen verlassen. Die politischen Verhältnisse im Königreich Böhmen änderten sich nun schnell. Bereits am 25. Mai konstituierte sich in Prag ein Landtag, der eine Direktorenregierung von 30 Mann aus den drei Ständen einsetzte.
Dieser Prager Fenstersturz von 1618 ist einer der bekanntesten Anlassfälle für einen Krieg in der Geschichte. Der Prager Fenstersturz von 1618, im Übrigen genau genommen der dritte in der böhmisch-tschechischen Geschichte (es gab einen während der Hussitenzeit 1419 sowie den zweiten von 1483, und der ungeklärte Tod des tschechoslowakischen Außenministers Jan Masaryk 1948 wird als vierter Prager Fenstersturz bezeichnet), hat den gleichen Bekanntheitsgrad wie zum Beispiel die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Gattin in Sarajewo 1914. Dieser durch den Fenstersturz ausgelöste Krieg wurde zum brutalsten Krieg in der deutschen Geschichte vor dem Ersten Weltkrieg. Doch warum löste dieser Zwischenfall in Prag, der an sich als innerhabsburgische Angelegenheit angesehen werden könnte, einen so langen und überaus verlustreichen Konflikt aus, der das ganze Heilige Römische Reich deutscher Nation ins Unglück stürzte? Schließlich ging es um verbriefte Rechte im Majestätsbrief von 1609, die den Böhmen von ihrem König Rudolf gewährt wurden, und nicht um Auslegungsstreitigkeiten des Augsburger Religionsfriedens von 1555, die das ganze Reich betrafen. Dabei war die Zugehörigkeit Böhmens zum Reich alles andere als klar. Die böhmischen Länder (bestehend aus dem Königreich Böhmen, das das politische Zentrum darstellte, der Markgrafschaft Mähren, dem Herzogtum Schlesien und den beiden Lausitzen) hatten eine sehr komplexe, zumindest nicht so leicht zu fassende Bindung zum Reich. Seit 1526 trugen die Habsburger die Wenzelskrone in dieser ständisch dominierten Monarchie. Der erste – wohlgemerkt von den Ständen gewählte – Habsburger, der die Wenzelskrone trug, war Ferdinand, der mit der jagiellonischen Prinzessin Anna von Ungarn und Böhmen verheiratet war.2 Diese dynastische Verbindung ging auf die von Kaiser Maximilian I. geschickt eingefädelte Heiratspolitik mit den Jagiellonen zurück. Gleich zu Beginn legte man dem Habsburger eine Wahlkapitulation vor, also durch den neuen Herrscher zu bestätigende Zusagen gegenüber den Ständen.
Das finanzstarke Königreich Böhmen war zu Beginn des 17. Jahrhunderts das bedeutendste Herrschaftsgebiet im habsburgischen Länderkonglomerat: Um 1600, so schätzt man, hatten Böhmen, Mähren und Schlesien an die 3 Millionen Einwohner, womit die Länder der Wenzelskrone nicht nur wirtschaftlich, sondern auch demographisch herausragend waren.3 Mit der Reichsverfassung selbst, mit einer reichs- und steuerrechtlichen sowie politischen Abhängigkeit vom Sacrum Imperium Romanum Nationis Germanicae, wollte man in Böhmen allerdings nichts zu tun haben. Die böhmischen Stände beharrten im 16. und zu Beginn des 17. Jahrhunderts durchgehend darauf, dass Böhmen kein Reichslehen sei. Die politischen Vertreter des böhmischen Königreichs nahmen nicht an Sitzungen des Kurkollegs teil (außer bei Kaiserwahlen), waren nicht in die Rechtssprechung des Reichskammergerichts involviert und spielten keine aktive Rolle in der Reichskreisverfassung. So hielten es auch die habsburgisch-böhmischen Könige bis auf Rudolf II., der aus taktischen Gründen im habsburgischen Bruderzwist die Reichslehenschaft thematisierte. Das sehr differenziert gesehene lehnsrechtliche Verhältnis zum Reich wurde freilich noch durch die Tatsache verkompliziert, dass die böhmischen Könige aus dem Haus Habsburg das Reichsoberhaupt stellten oder zumindest präsumtive Nachfolger auf dem Reichsthron waren.4 Und der böhmische König war natürlich einer der sieben Kurfürsten.
Konfessionell gesehen war Böhmen alles andere als homogen: Es gab um 1600 ca. 10 % Katholiken, in etwa 80 % waren Utraquisten, eine auf den Hussitismus zurückgehende Glaubensrichtung, und der Rest waren Lutheraner und Böhmische Brüder. Die Utraquisten wiederum hatten sich in Alt- und Neuutraquisten gespalten, wobei die Altutraquisten eher dem Katholizismus nahestanden und die Neuutraquisten gut mit der Lehre aus Wittenberg leben konnten. Die böhmischen Brüder (Bruderunität, Unitas Fratrum) waren eine aus den Reformgruppen des Hussitismus stammende pazifistische Bewegung, die streng nach dem Evangelium lebte, im 16. Jahrhundert von Luther, Bucer und Calvin beeinflusst wurde und eine eigene Organisation bildete. 1575 gelang es den nicht-katholischen Ständen mit der Confessio Bohemica Kaiser Maximilian II. – wenn auch nur mündlich – religionspolitische Forderungen abzuringen. Damit erlangten die Nicht-Katholiken Böhmens eine gewisse Rechtssicherheit, auf die sie sich berufen konnten. Im Zuge des Bruderzwists im Hause Habsburg musste dann Kaiser Rudolf im sogenannten Majestätsbrief von 1609 weitreichende Zugeständnisse machen. Der bereits vollkommen regierungsunfähige Kaiser und König von Böhmen verbriefte den Ständen nichts weniger als freie Religionsausübung. Mit Matthias kam ein neuer Kaiser. Und 1617 wählten die Stände Erzherzog Ferdinand zum böhmischen König. Dieser Mann war alles andere als ein Wunschkandidat der utraquistischen und lutherischen Stände, galt er doch als strenger Gegenreformator und wurde in der protestantischen Propaganda sogar als Tyrann bezeichnet. Trotzdem wurde er gewählt. Ein Jahr darauf, 1618, protestierte man heftig gegen die habsburgische Politik. Der Kaiser in Wien ließ Versammlungen diverser Ständevertreter zwar verbieten, dennoch marschierten viele erhitzte Gemüter an diesem 23. Mai auf den Hradschin und stellten die Statthalter in ihrer Kanzlei zur Rede.
Es ging also um ständische Freiheiten, von denen ein wichtiger Teil eben die Freiheit der evangelischen Religion war. Den Wunsch nach ständischer Freiheit kannte man auch im Reich. Dort war das Schlagwort der „teutschen libertät“ seit den Zeiten des Universalmonarchen Karls V. geläufig.5 Die „teutsche libertät“ gehörte zum traditionellen Reichs- und Herrschaftsverständnis zumindest der großen deutschen Reichsstände, die auf territorialherrschaftliche Souveränität und Freiheit im Verband des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation pochten und die sich gegen die befürchteten zentral-monarchischen, – zu Zeiten Karls V. eben – vermeintlich aus Spanien kommenden Regierungspraktiken des Reichsoberhauptes stellten. Das hieß nicht, dass diese Reichsstände die Institution des Kaisers selbst in Frage stellten, nur musste sich dieses Reichsoberhaupt an die Grundgesetze des Reiches und an die Wahlkapitulation halten. Wahlkapitulationen kannte man auch – wie bereits erwähnt – in Böhmen. Die protestantischen Stände des Reiches hatten somit großes Verständnis für einen Kampf um ständische Freiheit und um Religionsfreiheit. Aber Verständnis für den Aufstand war eine Sache, militärische Hilfeleistung eine andere. Sobald aber der böhmische Konflikt auf das „ruinös polarisiert(e)“ (Axel Gotthard) Reich überschwappte, fiel er auf äußerst fruchtbaren Boden. Denn immer mehr hatten sich die Gräben im Laufe des letzten Drittels des 16. Jahrhunderts und zu Beginn des 17. Jahrhunderts zwischen Altgläubigen und Protestanten vertieft. Die Zeit der – rechtlich gefinkelten – Kompromisse war vorbei.
Politisch gipfelte der Aufstand in Böhmen im Juli 1619 in ein eigenes Verfassungswerk der fünf Kronländer. „Die Confoederatio Bohemica war ein ständisch-föderatives Verfassungs- und Staatsmodell, das allen Ländern zusicherte, gleichberechtigt bei der Gestaltung und Änderung der politisch-gesellschaftlichen Ordnung beteiligt zu sein“, urteilte ein guter Kenner der böhmischen Verfassungsgeschichte der Frühen Neuzeit.6 Insofern war es also ein Alternativmodell zur monarchischen Herrschaftsverfügung von oben. In der Präambel der Länderkonföderation wurde festgelegt:
„Bezeugen aber daneben vor Gott und aller Welt, daß diese hochnotwendige christliche Union und Bündnis niemanden zu unbillichem Verdruk und Nachteil, sondern allein zu Beförderung Gottes Ehre, zu beständigem Schuz und Rettung eines jeden Landes Privilegien und Freiheiten und dahin angesehen sei, damit die unirte Länder Privilegien und Freiheiten regiret, die freie Übung der Religion, Inhaltes der böhmischen und schlesischen Majestätsbriefe haben und auf alle unverhoffte weitere Turbirung ein Land dem andern in Treuen bei- und zuspringen möge.“7
Es galt in erster Linie die Macht der Stände und die Freiheit der evangelischen Religion verfassungsmäßig zu verankern. Die Stände konstituierten sich zuerst und suchten sich danach einen König aus. Das Modell der Wahlmonarchie war dabei freilich nicht neu, nur der Weg zu dieser Monarchie und die den Ständen eingeräumte Macht. Nach der Schlacht am Weißen Berg, im November 1620, scheiterte dieses Verfassungs- und Staatsmodell nicht an seiner Konzeption, sondern an den machtpolitischen Verhältnissen.
2018 jährt sich das Ereignis des Prager Fenstersturzes zum 400. Mal. Dieses Gedenkjahr zum Ausbruch einer der größten kriegerischen Katastrophen der mitteleuropäischen Geschichte gibt Anlass, die internationalen Rahmenbedingungen, die Vorgeschichte des Konfliktes, die politische und militärische Polarisierung im Reich, die konfessionspolitischen Verhältnisse in Böhmen und die Politik Habsburgs zu beleuchten sowie den militärischen Beginn des Krieges darzustellen. Die hier publizierten Beiträge richten sich an ein breites, am Dreißigjährigen Krieg interessiertes Lesepublikum. In den verschiedenen Aufsätzen geht es daher nicht um eine akademisch umfassende Diskussion des Forschungstandes. Diese sieben Beiträge, durchaus verschieden in ihren Ansätzen, wollen die angesprochenen politischen, konfessionellen und militärischen Entwicklungslinien hin zum Krieg und zu Beginn des Krieges darstellen. Gewisse Schlüsselereignisse und Entwicklungen kommen dabei in mehreren der Beiträge zur Sprache, jedoch jeweils unter den verschiedenen thematischen Perspektiven.
Michael Rohrschneider wirft einen Blick auf die Staatenwelt Europas um 1600, die von mehreren dynamischen Wandlungsprozessen mit großem Konfliktpotential geprägt war. Der Krieg war geradezu ein manifestes Charakteristikum dieser Entwicklungsprozesse im Europa des 16. und 17. Jahrhunderts. Dieses Europa bestand aus zusammengesetzten Herrschaften, sogenannten composite states bzw. composite monarchies (Herrschaften der Habsburger), aber auch aus bereits beinahe zentralisierten Flächenstaaten (Frankreich). Besondere Sprengkraft entwickelten die Spannungen zwischen Habsburg und Frankreich. In diesem Spannungsfeld lagen auch die Eidgenossen sowie die italienische Staatenwelt. Der Konflikt der großen Dynastien Europas wirkte sich maßgeblich auf den Dreißigjährigen Krieg aus, wie auch die Auseinandersetzungen zwischen Spanien und der Republik der Niederlande. Im Norden ließen die Ansprüche auf das dominium maris Baltici die Anrainerstaaten der Ostsee kaum zur Ruhe kommen. Und in Südosteuropa war das Haus Habsburg und das Reich mit der Abwehr der Osmanen beschäftigt. Das Heilige Römische Reich deutscher Nation lag sozusagen in der geografischen Mitte veritabler Konfliktzonen.
Axel Gotthard sieht den Dreißigjährigen Krieg unmissverständlich als Konfessionskrieg. Er legt dar, wie die konfessionellen und mentalen Gräben im Reich im Laufe der Jahrzehnte nach dem Religionsfrieden von 1555 immer tiefer wurden. Auf beiden Seiten fühlte man sich von der anderen Glaubensrichtung in seiner Existenz bedroht. Der Augsburger Religionsfriede war im 17. Jahrhundert nicht mehr tragfähig, Institutionen des Reiches, an erster Stelle der Reichstag, versagten. Die Kommunikation unter den konfessionellen Parteien riss ab. Es bildeten sich auf beiden Seiten militärische Bündnisse. Die Krise am Niederrhein um die Herzogtümer Jülich, Kleve und Berg im Jahre 1610 und in den folgenden Jahren brachte das schwellende Konfliktpotential fast zum Explodieren. Nur durch Zufall und mit viel diplomatischer Mühe konnte ein großer Krieg verhindert werden. Die Krise in Böhmen brachte das Pulverfass dann tatsächlich zum Explodieren, wenngleich die Brisanz des Fenstersturzes im Reich nicht so schnell erkannt wurde.
Stefan Ehrenpreis schildert die Gründung, Entwicklung und Interessenslage der Protestantischen Union, wobei er die Frage stellt, welchen Zweck dieses Sonderbündnis im Reich verfolgte. Selbst in der Protestantischen Union trafen sehr unterschiedliche Interessen aufeinander – konfessionell zwischen Lutheranern und Calvinisten, politisch zwischen einer reichs- und außenpolitisch defensiv und einer offensiv orientierten Gruppierung. Gerade die Kurpfalz, die das Direktorium der Union innehatte, betrieb mit der Annäherung an das anglikanische England eine rege Außenpolitik. Die Annahme der böhmischen Königskrone durch Friedrich V. stürzte die Union letztendlich in eine große Krise, die ihr Ende bedeutete. Die Kurpfalz instrumentalisierte die Mitglieder der Union für die eigene Politik schließlich über Gebühr. Obzwar konfessionell ausgerichtet und zur Sicherung und zum Ausbau eigener Positionen gegründet, scheiterte dieses Sonderbündnis an den divergierenden politischen Strategien seiner Mitglieder.
Michael Kaiser betrachtet sozusagen das Pendant zur Protestantischen Union, die Katholische Liga. Auch dieser Sonderbund war bei weitem kein homogener Zusammenschluss gleichgesinnter Interessen. Als zentrales Motiv der Gründung und des Erhalts sieht Kaiser die Angst. Angst vor feindlichen Maßnahmen der Anderen war die treibende Kraft ein militärisches Bündnis aufzustellen. Herzog Maximilian von Bayern war die zentrale historische Persönlichkeit der Liga, die eigentlich zwei Direktoren hatte, das oberländische und das rheinische Direktorium. Als die Habsburger durch Erzherzog Maximilian, dem Deutschmeister, immer mehr in den Bund drängten, nahmen die Konflikte mit dem bayerischen Herzog zu und Maximilian von Bayern legte schließlich sein Amt nieder. Erst in Folge des böhmischen Aufstands ließ sich der Wittelsbacher durch verschiedene Zusagen überzeugen, die Liga wiederum zu aktivieren. Ein militärischer Siegeszug durch Böhmen und ins Reich folgte. Mit dem Prager Frieden 1635 wurde die Katholische Liga, die seit der verlorenen Schlacht bei Breitenfeld ein Schatten ihrer selbst war, aufgelöst.
Lothar Höbelt betrachtet in seinem Beitrag die Entwicklungen im Hause Habsburg seit dem sogenannten Bruderzwist. Dieser innerfamiliäre Konflikt hatte enorme Auswirkungen auf das Königreich Böhmen, das – wie in der Einleitung schon ausgeführt – konfessionell äußerst heterogen war. Nach dem Aufstand in Böhmen fand im Hause Habsburg der letzte Akt des „Bruderzwists“ statt. Die Erzherzöge Ferdinand und Maximilian ließen den Kanzler von Kaiser Matthias, Kardinal Melchior Khlesl, festnehmen und nach Tirol verfrachten. Dieser Staatsstreich ist eine Besonderheit in der Geschichte der österreichischen Habsburger, wenngleich die Bedeutung der Absetzung des Kardinals für den Fortgang des Krieges weit weniger klar zu sein scheint. Zudem thematisiert Höbelt das nicht immer unkomplizierte Verhältnis zwischen Madrid und Wien und die Bedeutung der frei werdenden Regimenter des Gradiskakrieges für die Verteidigung der österreichischen Erblande.
Jan Kilián schildert die konfessionelle Entwicklung Böhmens und das Vertiefen der konfessionellen Gräben bis hin zum Prager Fenstersturz. Anhand der beiden als Fanal geltenden religiösen Dauerkonflikte in den Städten Klostergrab/Hrob und Braunau/Broumov wird deutlich, wie sehr Verfassungsfragen und politische Abhängigkeitsverhältnisse mit konfessionellen Befindlichkeiten Hand in Hand gingen. Sowohl in Klostergrab als auch in Braunau eskalierten Auseinandersetzungen protestantischer Bürger mit der katholischen Obrigkeit. Diese beiden Fälle erzürnten die evangelischen Ständevertreter so sehr, dass eine radikalisierte und religiös motivierte Minderheit die Statthalter auf den Hradschin zur Rede stellte und schließlich die drei vorhin bereits erwähnten Repräsentanten des Hauses Österreich aus dem Fenster warf.
Im abschließenden Beitrag führt Robert Rebitsch in die militärischen Rahmenbedingungen zu Beginn des Krieges ein und gibt einen Überblick über die beiden gegenüberstehenden Heere, dem habsburgischen Heer und dem böhmischen Ständeheer, aus dem im Herbst 1619 ein böhmisch-pfälzisches Heer wurde. Zu Beginn hatten die Kontrahenten mit den gleichen Problemen einer notorischen finanziellen und logistischen Unterversorgung zu kämpfen. In Folge jedoch gelang es der habsburgischen Führung wesentlich besser potentielle Verbündete zu aktivieren. Schon von Beginn an stand die Weltmacht Spanien auf Seiten ihrer Wiener Verwandten und nach der Kaiserkrönung von Ferdinand II. konnte Maximilian von Bayern samt der Katholischen Liga gewonnen werden. Der im August 1619 zum böhmischen König gewählte Friedrich von der Pfalz konnte die Protestantische Union für ein militärisches Eingreifen nicht überzeugen. Auch in der internationalen Partnersuche reüssierte der König von Böhmen nicht. So ging die erste Runde des Dreißigjährigen Krieges, der böhmisch-pfälzische Krieg, an die Casa de Austria.
Anmerkungen
1DBBTI 2, Nr. 50, 48f. und zu den Ereignissen die immer noch lesenswerte Studie von STURMBERGER 1959, sowie neuerdings in tschechischer Sprache FUKALA 2016.
2Als Überblick zur böhmischen Geschichte vgl. ALEXANDER 2008, S. 192–241; HOENSCH 1997, S. 199–209 und S. 220–230 sowie auch HÖBELT 2012, S. 67–97.
3Zu den Bevölkerungszahlen WINKELBAUER 2003, Teil 1, S. 13–23.
4Zum Verhältnis zwischen dem Königreich Böhmen und dem Reich vgl. für unsere Epoche BEGERT 2003, S. 303–478.
5Zum Themenkomplex der „teutschen libertät“ vgl. die Aufsätze in DUCHHARDT/SCHNETTGER 1999.
6BAHLCKE 2003, S. 98; und zur Confoederatio auch BECKER 1993.
7DBBTI II, Nr. 419, S. 153.
Ein Ensemble neuralgischer Zonen
Europäische Konfliktfelder um 1600
Michael Rohrschneider
Die in Entstehung begriffene Staatenwelt Europas war um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert von mehreren dynamischen Wandlungsprozessen geprägt, die nicht nur die traditionellen Mächteverhältnisse in der Christenheit fundamental herausforderten, sondern zugleich auch ein großes bellizitäres Potenzial entfalteten. Am Ende dieser ebenso langwierigen wie komplexen Entwicklung, die mit einer sukzessiven Überwindung mittelalterlich-gradualistischer Ordnungsvorstellungen einherging, stand die Etablierung des neuzeitlichen Systems prinzipiell gleichrangiger, souveräner Mächte, das unter erheblichen Spannungen und in einer nahezu ununterbrochenen Kriegsfolge konstituiert wurde. Der Frühneuzeithistoriker Heinz Schilling hat diesen Sachverhalt in einer 1991 erschienenen grundlegenden Studie über die Formung und gestaltenden Kräfte des europäischen Staatensystems mit der treffenden Formulierung zum Ausdruck gebracht, dass „die Existenz eines Mächteeuropa und das faktisch nie zum Erlahmen kommende Ringen um seine konkrete Gestaltung erst als Epochenmerkmal der frühen Neuzeit gelten können“.1 Die im Folgenden zu untersuchenden internationalen Beziehungen um 1600 waren durch diesen Prozess in massiver Weise betroffen. Somit hat es seine Berechtigung, in diesem Kontext von einer regelrechten „Vorsattelzeit der Moderne“2 zu sprechen.
Dass die Genese des neuzeitlichen Europa in dieser Phase so krisenhaft und kriegsintensiv verlief, hat die Geschichtswissenschaft seit jeher beschäftigt. Jenseits monokausaler Erklärungsversuche sind die um 1600 bestehenden Konfliktfelder von der jüngeren Forschung in größere strukturelle Zusammenhänge eingebettet worden, um die Kriegsanfälligkeit der damaligen Staatenwelt zu erklären. Der fundamentale Prozess der neuzeitlichen Staatsbildung (verstanden als Formierung und zunehmende Verdichtung von Herrschaft bei gleichzeitiger Abgrenzung nach außen), die umwälzenden Folgen der Konfessionalisierung sowie die erhebliche Kommunikationsverdichtung seit dem 16. Jahrhundert sind in diesem Zusammenhang besonders hervorzuheben.
Die Fragilität der um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert bestehenden Ordnungsvorstellungen und -systeme gilt es im Folgenden näher zu analysieren. Dabei wird eine makropolitische methodische Vorgehensweise gewählt, welche die unterschiedlichen Schlüsselkonflikte Europas verstärkt in ihren dynamischen Wechselwirkungen darstellt, wobei als Nukleus der Darstellung diejenige Dynastie gewählt wird, die von sämtlichen nachfolgend behandelten Konfliktzonen mittel- bzw. unmittelbar betroffen war: das Haus Österreich (casa de Austria).
Das Europa der composite monarchies
Die Territorien der spanischen und österreichischen Linien des Hauses Österreich sind Paradebeispiele für die Tatsache, dass die frühmodernen Staatswesen oftmals Herrschaftskonglomerate waren, die nicht über ein geschlossenes, arrondiertes Gebiet im Stile neuzeitlicher Flächenstaaten verfügten, sondern aus räumlich mitunter deutlich voneinander getrennten Territorien bestanden. Die Historiker Helmut G. Koenigsberger und John H. Elliott haben für diese Staatswesen den Begriff composite states bzw. composite monarchies eingeführt; im Deutschen wird alternativ der Terminus Mehrfachherrschaft verwendet.3 Diese frühmodernen ‚Staaten‘ waren aus mehreren, zumeist sehr unterschiedlich verfassten territorialen Bestandteilen zusammengesetzt, deren einigende Klammer in aller Regel allein die Person des Monarchen bzw. seine Dynastie war. Es gab Mehrfachherrschaften, deren territoriale Bestandteile gemeinsame Grenzen aufwiesen, wie zum Beispiel Polen und Litauen, Savoyen und Piemont oder auch England und Wales. Andere composite monarchies setzten sich aus Gebieten zusammen, die durch fremde Territorien oder sogar Meere voneinander getrennt waren. Brandenburg-Preußen mit seinen vom Niederrhein bis nach Ostpreußen reichenden Gebietsteilen und eben auch die Herrschaftskonglomerate der beiden habsburgischen Linien lassen sich hier exemplarisch nennen.
Für die Fragestellung der vorliegenden Studie ist hierbei der Befund der neueren Forschung von besonderer Relevanz, dass der Struktur derjenigen composite monarchies, die sich aus räumlich voneinander separierten Herrschaftsteilen zusammensetzten, insofern ein besonderes bellizitäres Potenzial innewohnte, als die spezifische Streulage von zeitgenössischen (staatlichen und nicht-staatlichen) Akteuren als grundlegendes außenpolitisch-militärisches Problem wahrgenommen wurde:4 Wie konnte und sollte man die territoriale Integrität eines politischen Gemeinwesens bewahren, das aufgrund seiner nur locker zusammenhängenden räumlichen Struktur gegebenenfalls nur schwer zu verteidigen war? Unmittelbare Auswirkungen hatte dieses Problem im Hinblick auf zwei neuralgische Punkte im Westen Europas, die nachfolgend behandelt werden. Gemeint ist zum einen der habsburgisch-französische Antagonismus, der im Dreißigjährigen Krieg zu einem neuerlichen Höhepunkt gelangte, und zum anderen der niederländische Aufstand, der Europa immerhin rund acht Jahrzehnte lang in Atem hielt.
Die katholischen Vormächte: Habsburg versus Frankreich
Das „Duell um Europa“5 zwischen dem Haus Österreich und Frankreich zählt zu den Fundamentalkonflikten der Frühen Neuzeit.6 Ausgehend von der burgundischen Heirat des Habsburgers Maximilian I. und der Italienpolitik der französischen Valois-Könige im späten 15. Jahrhundert entwickelte sich das habsburgisch-französische Ringen zu einer „konkurrenzfixierte[n] Kriegsserie“7, die sich im Zeitalter Karls V. zuspitzte und nach Phasen vorübergehender Entspannung seit 1559 bzw. 1598 im Jahre 1635 erneut in einen offen ausgetragenen Krieg mündete. Vier Aspekte seien in diesem Kontext besonders hervorgehoben:
Erstens besaß dieser Dauerkonflikt eine offenkundige geostrategische Komponente, denn auf französischer Seite wurde die Lage der spanischen composite monarchy, deren territoriale Bestandteile das französische Territorium nahezu umschlossen, als existenzielle Bedrohung wahrgenommen. Auch das hartnäckige Ringen um die militärischen Nachschubwege Spaniens zu Land von Italien in die Niederlande, die sogenannte Spanische Straße (camino español), muss in diesem größeren räumlichen Zusammenhang gesehen werden. Dieser für Spanien essentielle Truppenkorridor konnte seit dem Abschluss des französisch-savoyischen Vertrages von Lyon (17. Januar 1601) von Frankreich blockiert werden. Das war aus der Sicht des Madrider Hofes insofern höchst problematisch, als der Seeweg seit 1588 durch die Niederlage der Armada gegen die englische Flotte ebenfalls faktisch versperrt war und auch nachfolgende spanische Invasionspläne und -versuche auf den britischen Inseln nicht erfolgreich umgesetzt wurden. Die daraus resultierende Fragilität der Verbindungslinien innerhalb des zerstreuten spanischen Herrschaftsverbandes wurde von französischer Seite als deutlicher Schwachpunkt der spanischen Monarchie ausgemacht. So stand beispielsweise die auf den Erwerb bzw. die Kontrolle von Pforten und Einfallspassagen im Heiligen Römischen Reich und Italien ausgerichtete Außenpolitik des französischen Kardinalpremiers Richelieu in engem Zusammenhang mit diesem Sachverhalt.
Zweitens wiesen die Beziehungen der beiden katholischen Vormächte Spanien und Frankreich unverkennbar agonale Komponenten auf. Es ging aus französischer Perspektive darum, den Suprematieanspruch Spaniens, der damals führenden militärischen Macht Europas, und das mutmaßliche Streben der Habsburger nach einer Universalmonarchie zu bekämpfen. Im 16. Jahrhundert hatte dieser Konflikt sogar die chevalereske Form eines persönlichen Duells zwischen Kaiser Karl V. und König Franz I. von Frankreich angenommen. Aus den konkurrierenden Prätentionen resultierten, wie der Augsburger Historiker Johannes Burkhardt in seinen Arbeiten aufgezeigt hat, einander letztlich ausschließende Hegemonialansprüche Habsburgs und Frankreichs, die sich auch auf kulturellem Terrain eindrucksvoll manifestierten und sich in ihrer Unvereinbarkeit als maßgeblicher Faktor dafür erwiesen, dass sich der Konstituierungsprozess des neuzeitlichen Europa so kriegsintensiv gestaltete.8 Fast schon paradox mutet es in diesem Zusammenhang an, dass das habsburgische und französische Streben nach einer Vorrangstellung, das sich im zeremoniellen Bereich in gravierenden Präzedenzstreitigkeiten niederschlug,9 auf ähnlich gearteten universalen Anschauungen gründete. Denn der im Sinne einer defensiven Bewahrung der eigenen Weltmachtstellung gedachten habsburgischen Leitvorstellung einer pax austriaca, also einer europäischen Friedensordnung, die durch die beiden Linien der casa de Austria kontrolliert wurde, stand das französische Ziel einer Sprengung der habsburgischen Präponderanz und Realisierung des eigenen Führungsanspruchs in nichts nach.10 Dass diese konkurrierenden Zielsetzungen ebenso unvereinbar wie kriegsbegünstigend waren, sollte sich im Verlauf des 17. Jahrhunderts in aller Deutlichkeit zeigen.
Damit in direkter Verbindung stand drittens die von der jüngeren Forschung hervorgehobene Reputationsfixierung leitender Akteure um 1600.11 Prestigedenken, Gesichtswahrung sowie der Erwerb von Ehre und Ruhm waren zentrale Gesichtspunkte außenpolitischen Denkens und Handels, die mindestens gleichberechtigt neben geostrategischen, konfessionellen, dynastischen oder auch wirtschaftlichen Faktoren standen. Für die spanischen Zeitgenossen war dies eng verbunden mit dem unbedingten Willen, die territoriale Integrität der eigenen Monarchie und die Suprematiestellung in der christianitas aufrechtzuerhalten − koste es, was es wolle. Kaum anders verhielt es sich mit leitenden französischen Akteuren, die sich in diesem Punkt nicht prinzipiell, sondern allenfalls graduell von ihren reputationsorientierten spanischen Widersachern unterschieden und ihrerseits alles daransetzten, den französischen König zum mächtigsten und angesehensten Monarchen der Welt zu erheben.
Schließlich ist viertens der wahrnehmungsgeschichtliche Aspekt des habsburgisch-französischen Antagonismus herauszustellen, welcher ein Beispiel par excellence dafür ist, dass die internationalen Beziehungen in der Frühen Neuzeit immer wieder in nicht unerheblichem Maße durch langfristige Vorurteile, Stereotype und Feindbilder belastet wurden, wobei in diesem Fall unter anderem die tradierte Vorstellung einer natürlichen, perpetuierten Feindschaft zwischen Spaniern und Franzosen („inimité permanente“12) eine signifikante Rolle spielte. Derartige Perzeptionsmuster hatten erhebliche Rückwirkungen auf die Gestaltung der bilateralen Beziehungen beider Parteien. Allerdings ist einschränkend festzuhalten, dass solche Feindbilder immer wieder zurückgedrängt wurden, wenn es im politischen Interesse der Beteiligten lag. Die sogenannte Diplomatische Revolution (renversement des alliances) von 1756, als die jahrhundertelang schier unversöhnlichen Kontrahenten Frankreich und Österreich eine Allianz schmiedeten, die Preußen im Siebenjährigen Krieg an den Rand des Abgrunds brachte, ist wohl das prominenteste Beispiel für diesen Sachverhalt.
Schon im Verlauf des 16. Jahrhunderts deuteten sich Chancen an, nach langen Jahren militärischer Auseinandersetzungen endlich eine dauerhafte Verständigung zwischen dem Haus Österreich und Frankreich zu bewerkstelligen. Nachdem der habsburgische Machtbereich im Gefolge der Abdankung Kaiser Karls V. zwischen seinem Sohn Philipp II. und seinem Bruder Ferdinand I. aufgeteilt worden war, schien die vielbeschworene habsburgische Umklammerung Frankreichs zunächst an Bedrohlichkeit zu verlieren. Der militärische Druck des Hauses Österreich verringerte sich allerdings zunächst nicht, sodass der französische König Heinrich II. im Frieden von Cateau-Cambrésis (3. April 1559) auf seine italienischen und burgundischen Ansprüche verzichten musste. Frankreich schied jedenfalls als ernsthafter außenpolitischer Kontrahent in der Folgezeit vorerst aus, da es zwischen 1562 und 1598 durch eine Serie von kriegerischen konfessionellen Auseinandersetzungen im Inneren erschüttert wurde, die das Land vor eine Zerreißprobe stellten und die Königsgewalt massiv erschütterten.
Gegen Ende des Jahrhunderts eskalierten die außenpolitischen Spannungen jedoch so weit, dass der Bourbone Heinrich IV. von Frankreich dem spanischen König Philipp II. im Januar 1595 offiziell den Krieg erklärte. Trotz der durch die Religionskriege geschwächten inneren Lage vermochte Frankreich, das mit England und den Niederlanden eine Tripelallianz einging, sich gegen Spanien zu behaupten: Der von der päpstlichen Diplomatie vermittelte Frieden von Vervins (2. Mai 1598), der von den beiden französischen Bündnispartnern als Verrat Frankreichs angesehen wurde, bestätigte die Bestimmungen des Friedensschlusses von Cateau-Cambrésis und legte die wechselseitige Restitution aller Eroberungen vertraglich fest.
Der Frieden von 1598 bildete gemeinsam mit den Friedens- bzw. Waffenstillstandsschlüssen mit England (1604) − König Jakob I. verzichtete nach seinem Regierungsantritt 1603 vorerst auf einen offenen Konfliktkurs gegenüber Spanien − und den Generalstaaten (1609) eine Trias, die der spanischen Monarchie in Westeuropa eine Ruhepause verschaffte. In dieser etwa bis zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges währenden Phase der pax hispanica waren die Beziehungen Spaniens zum französischen Nachbarn zwar durch wechselseitige Verständigungsbemühungen geprägt, allerdings verschlechterten sich die bilateralen Beziehungen der Höfe von Madrid und Paris phasenweise doch so sehr, dass sie einem kalten Krieg gleichkamen. Einen dauerhaften Frieden hat die vertragliche Trias der Jahre 1598, 1604 und 1609 letztlich nicht nach sich gezogen.
Während die langfristige strategische Gesamtkonzeption des Hofes von Madrid prioritär eine Wahrung der spanischen Suprematiestellung, eine unbedingte Verteidigung der katholischen Religion und eine Bezwingung der aufständischen Niederländer vorsah − was ausdrücklich eine mögliche Wiederaufnahme der Kriegsführung einschloss −, zeichnete sich in den letzten Lebensjahren Heinrichs IV. immer deutlicher ab, dass der Bourbone bereit war, den Hegemon Spanien herauszufordern und einen europäischen Großkonflikt zu wagen. Aufgrund seiner Ermordung am 14. Mai 1610, gut ein Jahr nach dem Ausbruch des Jülich-Klevischen Erbfolgestreits (1609–1614), blieb ein neuerlicher Krieg gegen Spanien jedoch vorerst aus. Die Gemahlin Heinrichs, Maria von Medici, sah sich angesichts der labilen Stellung ihrer Regentschaft für den noch unmündigen Ludwig XIII. veranlasst, auf größere außenpolitische Wagnisse zu verzichten. Sie steuerte gegenüber Spanien vielmehr einen Verständigungskurs, dessen sichtbarster Ausdruck die Doppelhochzeit der französischen Königstochter Elisabeth mit dem präsumtiven spanischen Thronfolger Philipp (IV.) bzw. Ludwigs XIII. mit der spanischen Infantin Anna war.
Siglo de oro versus gouden eeuw: Das niederländisch-spanische Ringen
Dass das ebenso riesige wie heterogene spanische Reich, das sich weit über den europäischen Kontinent hinaus erstreckte und ungeheure koloniale Dimensionen aufwies, um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit angelangt war, haben bereits die Zeitgenossen sehr deutlich erkannt. Der „übergroße Wirkungsbereich“13 der Habsburger, dessen Integrität immer stärker durch langfristige strategische Überlastung gefährdet wurde, geriet in eine veritable Krise, als sich die niederländischen Untertanen Philipps II. an der Peripherie der spanischen composite monarchy anschickten, die als Joch, Tyrannei und landfremd empfundene spanische Herrschaft abzuwerfen.14
Ziel der Aufständischen war die Wahrung der herkömmlichen verfassungspolitischen und konfessionellen Freiheiten gegen die erkennbaren Versuche der spanischen Landesherrschaft, traditionelle ständische Rechte zu beschneiden und gegenreformatorische Maßnahmen durchzusetzen. Gezielt propagandistisch in Szene gesetzt wurde von niederländischer Seite in diesem Kontext die sogenannte Schwarze Legende (leyenda negra), die ein eindeutig negatives Spanienbild suggerierte, das von nationalen Vorurteilen und Stereotypen dominiert wurde (Tyrannei, Inquisition, Rückständigkeit, Überheblichkeit, Fanatismus etc.). Nicht zuletzt infolge der auswärtigen Unterstützung der Aufständischen und der intensiven internationalen Verflechtungen maßgeblicher Akteure − die Nassau-Oranier sind das wohl bekannteste Beispiel − wurde der niederländische Bürger- und Glaubenskrieg zu einer Angelegenheit der internationalen Beziehungen, die von weitreichender Bedeutung für die Politik der europäischen Mächte war.
Eine Analyse des durch eine Vielzahl von heterogenen Aufstandsbewegungen und Unruhen charakterisierten Achtzigjährigen Krieges (1568–1648) um die Unabhängigkeit der wirtschaftlich prosperierenden, aufständischen Republik der Vereinigten Niederlande offenbart, dass Spanien trotz seiner militärischen Potenz und fast schon im Stile eines ‚Kolosses auf tönernen Füßen‘ nicht mehr in der Lage war, die zentrifugalen Tendenzen innerhalb des eigenen Herrschaftsbereichs einzudämmen und den außenpolitischen Herausforderungen, die sich an allen Ecken und Ende stellten, mit Erfolg entgegenzutreten. Im zeitgenössischen Diskurs wurden diese Erosionserscheinungen ausdrücklich thematisiert. Das Bewusstsein, einer Verfallsepoche der spanischen Geschichte anzugehören, war schon in den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts weit verbreitet. So äußerte König Philipp IV. in späteren Jahren ganz unumwunden, der Niedergang seiner Monarchie sei ganz maßgeblich auf den Abschluss des spanisch-niederländischen Waffenstillstandes von 1609 zurückzuführen15.
Dem galt es aus der Sicht Madrids entschieden entgegenzusteuern, um den Bestand des eigenen Weltreiches zu sichern, und zwar auch und gerade in den Niederlanden. Massive Befürchtungen hinsichtlich eines möglichen Dominoeffekts bei Verlust einer Besitzung wurden am spanischen Hof immer wieder geäußert. Auch spielten Revanchegedanken erkennbar eine Rolle, die eine Revision der als demütig empfundenen Waffenstillstandsregelung mit den häretischen niederländischen Rebellen, so die spanische Diktion, zum Ziel hatte.
Aus Sicht der niederländischen Aufständischen war im Verlauf des langen Konfliktes wiederholt ein unmittelbares militärisches Scheitern zu befürchten. Ihnen hätte im Zuge einer vollständigen Niederlage sicherlich ein ähnliches Schicksal gedroht wie den aufständischen Böhmen, die nach der verlorenen Schlacht am Weißen Berg (1620) ihr Leben und ihre Güter verloren. Gestärkt durch die erfolgreichen und nachfolgend international breit rezipierten Heeresreformen der Nassau-Oranier, gelang es der jungen niederländischen Republik aber, sich militärisch zu behaupten, wobei der Verlauf der Auseinandersetzungen weniger durch größere Feldschlachten als vielmehr durch einen sehr intensiven Festungs- und Belagerungskrieg geprägt war.
Der spanisch-niederländische Konflikt wies mehrere Komponenten auf, die im Rahmen der habsburgisch-französischen Auseinandersetzung von deutlich geringerer Bedeutung waren. Zuvorderst ist hier der bereits erwähnte Faktor Konfession zu nennen. Während der Antagonismus zwischen dem spanischen rex catholicus und dem französischen roi très chrétien letztlich ein innerkatholisches Ringen war, trug der Aufstand der calvinistischen nördlichen Niederlande einen fundamental konfessionellen Charakter, der auch Rückwirkungen auf die Außenbeziehungen hatte. In den Jahrzehnten vor 1600 vollzog sich im Zeichen einer immer engeren Verzahnung von Religion und Politik generell ein entscheidender Wandel in den internationalen Beziehungen Europas hin zu einer bipolaren konfessionellen Blockbildung.16
