2000 Kilometer Offline - Patrick Fischer - E-Book

2000 Kilometer Offline E-Book

Patrick Fischer

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Beschreibung

Patrick begibt sich auf sein größtes Abenteuer: 2000 Kilometer zu Fuß auf dem Europäischen Fernwanderweg 1, einmal quer durch Deutschland – um sein Land so langsam wie möglich zu erkunden. Vor dem Start trifft er eine radikale Entscheidung: Das Smartphone bleibt zu Hause. Keine Ablenkung, kein GPS. Der Verzicht auf die digitale Welt öffnet Raum für Stille, intensives Naturerleben und den Zauber des Unerwarteten. Unterwegs entdeckt er nicht nur die landschaftliche Schönheit Deutschlands, sondern auch den Wert echter Begegnungen. Fremde werden zu Weggefährten, kurze Gespräche hinterlassen bleibende Eindrücke. Ein inspirierender Reisebericht für alle, die sich nach Abenteuer, Entschleunigung und dem Mut zum Loslassen sehnen – und spüren wollen, wie viel in uns steckt, wenn wir uns auf den Weg machen.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Patrick Fischer

2000 Kilometer Offline

Zu Fuß durch Deutschland

1. Auflage© 2025 Patrick Fischer

Patrick FischerWaldhofstraße 5179117 Freiburg im Breisgau

Website: wanderspirit.de

Fotos: Patrick Fischer, Sven Fischer und Pasquale HerbrigCover: Patrick Fischer mit Helena BraunGrafik Wanderroute: Helena BraunLektorat: Timo Rapp

Für Mama.

Ich weiß, du hättest dir die größten Sorgen gemacht.

Ich weiß, du hättest mir dennoch Mut gemacht zu gehen.

Ich weiß, du hast unterwegs auf mich aufgepasst.

Inhalt

Zu Fuß durch Deutschland

Tschüss Smartphone

Über alle Berge mit Folgen

Allein sein

Ein Krimi im Schwarzwald

Eine magische Begegnung

Hitzeflimmern im Land der tausend Hügel

Dicke Füße und Hells Angels

Unheimliche Begegnung in der Nacht

Verzaubert in Frankfurt

Völlig verloren

Eine neue Perspektive

Erst Horror, dann Holzweg

Zeit zu feiern

Der letzte Schuster und ein Zeckenalbtraum

Volkslieder im Dschungel Deutschlands

Überraschungen im richtigen Moment

Das heimtückische Flachland

Ein Sprint durch die Heide

Traumhafter Plan B

Ob gut oder schlecht, wer weiß das schon

Erschöpfung im Tal der Tränen

Auf nach Dänemark!

Nachwort

Über den Autor

Zu Fuß durch Deutschland

Hey, ich bin Patrick! Schön, dass du mit mir durch Deutschland wandern möchtest. Den Traum vom weiten Gehen hegte ich schon lange. Um genau zu sein, seit ich 2013 mit drei Freunden vom Bodensee bis in die Türkei geradelt war. Nach 5.000 Kilometer hatte ich genug von meinem Fahrrad, aber noch längst nicht vom Unterwegssein. Noch langsamer als mit dem Fahrrad wollte ich sein. Nachdem ich mit einem monströsen Rucksack, in den ich über 20 Kilogramm packte, schöne Wanderungen in Schottland und Israel erlebte, war mir klar, dass irgendwann noch etwas Größeres kommen würde.

2020 plante ich eine Weltreise. Der Job war gekündigt, die Wohnung geräumt – und kurz darauf die Grenzen dicht. Die Corona-Pandemie durchkreuzte meine Pläne. Dann erkundige ich eben Deutschland, lautete die Schlussfolgerung. Und wie könnte ich das eigene Land besser kennenlernen als zu Fuß? Die Sache war klar und keine sechs Wochen später schnürte ich meine Schuhe.

Ich wollte in meiner Heimat im südlichen Schwarzwald starten und Richtung Norden, wenn möglich bis nach Dänemark wandern. Bei meiner Recherche hörte ich zum ersten Mal vom Europäischen Fernwanderweg 1, der von Sizilien bis zum Nordkap und dabei einmal durch Deutschland führt. Ich hatte meinen Wanderweg gefunden. Loslegen würde ich auf dem Westweg im Schwarzwald, der nach einigen Etappen mit dem E1 zusammenläuft.

Als ich meinem Vater von der Wanderung erzählte, war er sofort Feuer und Flamme und beschloss kurzerhand, mich für die erste Zeit zu begleiten.

Tschüss Smartphone

Eine Woche vor Beginn der Wanderung hatte ich ein Gespräch mit Pasquale. Seit der Grundschule sind wir befreundet und entsprechend gut kennen wir uns. Ich recherchierte gerade nach einer Drohne, um die Wanderung noch besser aufnehmen zu können und fragte ihn nach seiner Meinung. Statt auf meine Frage zu antworten, wollte er wissen, was ich mir eigentlich von der Reise erhoffte und ob ich mir wirklich den Stress machen wollte, alles zu filmen. Am Ende des Gesprächs hatte ich nicht nur beschlossen, keine Aufnahmen zu machen, sondern gar mein Smartphone zu Hause zu lassen. Allein wäre ich nie auf diese Idee gekommen. Zu sehr war das Smartphone ein Teil von mir selbst geworden. Mehrere Stunden täglich hing ich an dem kleinen Bildschirm. Welchen Stellenwert das Smartphone in unserer heutigen Gesellschaft hat, haben mir die Reaktionen auf die Entscheidung gezeigt. Es lief meistens nach folgendem Schema:

Ich: »Ich gehe zu Fuß durch Deutschland.«Andere: »Oh wow, nicht schlecht!«Ich: »Und ich lasse mein Smartphone zu Hause.« Andere: »Waaaaaaas? Bist du verrückt?«

Die zweite Aussage hat meist deutlich stärkere Reaktionen ausgelöst. Das ist – davon bin ich überzeugt – die wahre Verrücktheit und nicht mein Verzicht auf etwas, das es vor wenigen Jahren noch gar nicht gab.

Hinzu kommt, dass ich die Jahre zuvor für einen App-Entwickler gearbeitet hatte. Je häufiger und länger unsere User die App nutzten, umso besser für das Unternehmen. Dieses Ziel vor Augen und die tägliche Arbeit hatten auch bei mir Spuren hinterlassen.

Abstand von der digitalen Welt nehmen – »Digital Detox« ist in aller Munde. Ich wollte die Wanderung nutzen, um mich wieder auf das Wesentliche zu besinnen. Ganz ohne Telefon ließen mich die Menschen zu Hause jedoch nicht los. Ich sollte zumindest hin und wieder ein Lebenszeichen von mir geben. Aus diesem Grund und auch für Notfälle nahm ich schließlich ein altes Handy mit. Mehr als Telefonieren und SMS schreiben war nicht drin. Von nun an war ich offline.

Nicht viel mehr als fünf Kilogramm wollte ich tragen

Über alle Berge mit Folgen

01.07.2020 | Basel–Lörrach

Alles was ich in den nächsten drei Monaten zum Leben brauchte, hatte ich in meinem Rucksack verstaut. Ein Gefühl der Freiheit machte sich breit. Am frühen Nachmittag kamen mein Vater und ich in Basel an, wo der Westweg startet. Der historische Weg wurde bereits im Jahre 1900 angelegt und gilt als der erste Fernwanderweg Deutschlands. Er führt auf 285 Kilometer über den Schwarzwald. Ich konnte mir keinen besseren Einstieg für meine Wanderung durch Deutschland vorstellen. Erst die heimische Region erkunden, bis es immer weiter nordwärts gehen würde.

Erst irrten wir umher und fragten uns, wo es eigentlich lang ging. Dann fanden wir sie: die rote Raute, das Zeichen des Wanderweges. Ein tolles Gefühl. Jetzt konnte es losgehen. Wir bahnten uns zunächst den Weg durch eine Wohnsiedlung, bis wir an der Wiese waren. Diesen irreführenden Namen trägt ein Fluss. Auf der grünen Wiese neben der fließenden Wiese sonnten sich die Menschen und es dauerte nicht lange, bis wir auf ein Getränk eingeladen wurden. Wir brannten zu sehr auf den Weg und lehnten dankend ab. Ohne Punkt und Komma redeten wir aufeinander ein. Unsere Aufregung lag förmlich in der Luft. Wir inspizierten das Gepäck des anderen, passten letzte Dinge an und fieberten den landschaftlichen Leckerbissen der kommenden Tage entgegen. Oft war ich selbst hier, um zu baden. Nie hatte ich geahnt, dass ich an diesem Ort eine Wanderung durch Deutschland starten würde.

Der angrenzende Wald sorgte für etwas Schatten, der an diesem heißen Sommertag eine Wohltat war. Auf angenehmen Schotterwegen folgten wir dem flachen Fluss stromaufwärts. Nach etwa einer Stunde ging es steil hinauf, durch malerische Reben, die von der Sonne verwöhnt wurden. An einer unscheinbaren Stelle passierten wir die Grenze und waren von nun an in Deutschland. Hier gingen wir den Zwetschgenweg entlang – so hieß er wirklich – und brauchten nur die Arme zu strecken, um uns an den süßen Früchten zu bedienen. Das Leben fühlte sich in diesem Moment genauso süß und leicht an. Weiter ging es durch die engen Gassen des beschaulichen Ortes Tüllingen und kurz später erreichten wir den Tüllinger Berg, mit fantastischer Sicht auf das Dreiländereck Deutschland, Schweiz und Frankreich. Wir saßen auf einer Bank, staunten über den weiten Blick und kamen zum ersten Mal zur Ruhe. Nach einigen Minuten erkannte ich an der Bank nebenan meinen guten Freund Gianni. Ich freute mich, nochmal ein bekanntes Gesicht zu sehen. Nachdem wir uns verabschiedet hatten, wurde mir so richtig bewusst, dass ich meine Liebsten lange nicht sehen würde.

Am Horizont verdichteten sich die Wolken und sahen ziemlich beunruhigend aus. Der Weg führte über eine bewaldete Anhöhe an Lörrach vorbei. Immer mit schöner Sicht auf die kleine Stadt im Südwesten Deutschlands. Auf einem offenen Feld spürten wir den stärker werdenden Wind. Ein saftiger Anstieg durch den Wald forderte uns erneut heraus. Erschöpft erreichten wir die Burg Rötteln, eine gut erhaltene Ruine, die über der Stadt Lörrach thront. Am Fuße der Festung lag eine schöne Grillstelle, umgeben von Bäumen mit spannendem Wurzelwerk, das zu großen Teilen aus dem Boden herausragte. Die Sache war klar: Wir hatten unseren ersten Schlafplatz erreicht. Es dämmerte bereits und jeden Moment konnte der Regen einsetzen. Daher bauten wir schnell das Zelt auf. Es war ein einmaliges Bild. Episch ragten die alten Mauern in die Höhe, die badische Flagge wehte stolz im Wind und davor stand unser kleines Zelt. Im Hintergrund die schweren, dunkelgrauen Wolken. Wir konnten noch draußen essen, doch sobald wir ins Zelt krochen, öffnete der Himmel seine Schleusen. Perfektes Timing! Wir lauschten den Tropfen, die aufs Zelt prasselten und kurz darauf donnerte und blitzte es über uns. Wir schliefen unruhig. Nicht des Gewitters wegen, das bald schon weiter zog. Die zahlreichen Eindrücke des ersten Tages waren noch präsent und das Schlafen im Zelt noch ungewohnt. Wir drehten uns alle fünf Minuten. Doch das war alles egal. Wir waren endlich unterwegs. Das Abenteuer war gestartet.

02.07.2020 | Berg Blauen

Trotz des schlechten Schlafs strotzten wir am Morgen vor Energie. Der Regen hatte aufgehört und wir blickten in einen vielversprechenden blauen Himmel. Nach dem Frühstück bauten wir das noch nasse Zelt ab und gingen um die Burg, wo eine öffentliche Toilette war. Hier putzten wir uns die Zähne und füllten unsere Flaschen auf. Dann konnte es losgehen. Traumhafte Waldwege warteten auf uns. Es war herrlich, an der frischen Luft des Morgens zu gehen. Während der ersten Schritte waren die Beine noch schwer vom Vortag. Doch sobald sie warm waren, ging es wieder locker leicht voran. Nun waren wir in den Schwarzwald eingetaucht. Nadelbäume, vor allem Fichten und Weißtannen, so weit das Auge reichte. Ein berauschender Duft lag in der Luft. Auf schönen Naturwegen ging es Richtung Wollbach, einem kleinen Dorf, das wir direkt wieder hinter uns ließen. An Weizenfeldern vorbei ging es erneut in den Wald hinein. Ohne Pause wanderten wir immer weiter. Wir fühlten uns gut und der Weg war noch relativ flach. Erst als wir am frühen Nachmittag in Kandern ankamen, setzten wir uns doch mal auf eine Bank.

Nach einer kurzen Verschnaufpause kauften wir ordentlich Lebensmittel ein. Wir setzten uns zum Mittagessen an die Kander, ein kleiner Bach, der gemütlich durch die kleine Stadt rieselte. Das nasse Zelt legten wir zum Trocknen in die Sonne. Bei meinem Vater machten sich erste Blasen an den Füßen bemerkbar. Blasenpflaster drauf und weiter ging es. Die Schonfrist war nun vorbei. Wir waren auf 352 Meter und mussten jetzt hoch hinaus auf den 1.165 Meter hohen Blauen. Wir passierten zunächst wilde Wiesen mit knorrigen Obstbäumen. Mit langsamen aber stetigen Schritten erklommen wir Höhenmeter um Höhenmeter. Es war wieder heiß geworden. Selbst im Schatten des dichten Waldes, durch den wir nun gingen, kamen wir ordentlich ins Schwitzen. Angestrengt standen wir plötzlich vor einer Burg. Damit hatten wir mitten im Wald nicht gerechnet und freuten uns umso mehr. Die Sausenburg war frei zugänglich und selbst auf den gut erhaltenen Turm konnte man hinaufsteigen. Von oben hatten wir Sicht auf den Blauen, der zum Greifen nah schien. Es war inzwischen später Nachmittag und wir hatten über 20 Kilometer in den Beinen. Auf die Idee im wunderschönen Burghof mit seiner weichen Wiese zu nächtigen, kamen wir beide nicht. Zu sehr lockte uns der Berg.

Je näher wir dem Gipfel kamen, desto steiler wurde es. Mit gebeugtem Oberkörper und Blick auf den Boden gerichtet, ging es immer weiter hinauf. Dabei stützten wir uns immer wieder an den Oberschenkeln ab. Die Rucksäcke wurden schwerer. Wir redeten kaum noch. Immerhin war es in den Höhenlagen merklich kühler. Wir mussten kurz vor dem Gipfel sein, als es plötzlich wieder hinab ging. Erst dachten wir uns nichts dabei, hinter jeder Kurve erwarteten wir den finalen Anstieg. Doch er kam und kam nicht. Die rote Raute war nicht mehr zu finden. Auch wenn es schwer fiel, mussten wir uns eingestehen, dass wir hier falsch waren. Also alles wieder zurück. Die zusätzlichen Höhenmeter waren doppelt so anstrengend und die Laune im Keller. Wir folgten einem anderen Wegweiser zum Gipfel und fanden irgendwann auch unser Zeichen wieder. Offensichtlich hatten wir eine Abzweigung in einen schmalen Pfad übersehen. Kein Wunder bei unseren gesenkten Blicken. Jetzt waren wir ganz nah, wir konnten schon den markanten Sendemast erkennen. Unser Tempo stieg, genauso die Laune. Wir ließen die letzten Bäume hinter uns und standen plötzlich auf dem Gipfel. Belohnt wurden wir mit einer sagenhaften Aussicht auf die Rheinebene und die dahinter liegenden Vogesen. Die Sonne versteckte sich hinter leichten Wolken, doch einzelne Strahlen blitzten hervor und trafen auf das Tal. Richtung Süden erkannten wir in der Ferne Basel. Wir staunten über die Strecke, die wir bereits zurückgelegt hatten. Es blies ein kühler Wind, der unsere dampfenden Köpfe etwas abkühlte.

Das Wirtshaus auf dem Gipfel hatte geschlossen. Da wir hier Wasser auffüllen wollten, mussten wir weiter. Auf der anderen Seite sahen wir in der Ferne schon den Belchen, den nächsten Berg, den es zu erklimmen galt. Doch erst ging es genauso steil runter wie es zuvor hoch gegangen war. Die Beine waren müde und es fiel uns schwer, die Konzentration hoch zu halten. Uns wurde bewusst, dass wir es übertrieben hatten. Fast 30 Kilometer und viel zu viele Höhenmeter hatten wir zurückgelegt. Jeder Schritt war nun eine Qual. Und wir hatten keine Ahnung, wie weit wir noch mussten. Auf einem Parkplatz fragten wir einen Fahrlehrer, wo wir in der Nähe Wasser auffüllen konnten. Er wusste es auch nicht so recht, empfahl uns aber ein Dorf in zwei Kilometer Entfernung. Auf unserem Weg würde jedenfalls so schnell kein Ort mehr kommen. Auf halber Strecke hörte ich es plötzlich plätschern. Ein Bach. Zum Glück! Ich füllte meinen Wasserbeutel, der drei Liter tragen konnte. Das Wasser war etwas trüb. Mit einem Filter ließen wir es in unsere Flaschen laufen. So wurden alle Bakterien zurückgehalten. Chemikalien und Viren wurden zwar nicht gefiltert, doch beides war hier recht unwahrscheinlich.

Mit letzten Kräften schleppten wir uns zurück zum Parkplatz, wo sich eine kleine Schutzhütte mit Bänken befand. Es war bereits spät am Abend und dunkel geworden. Wir bereiteten ein Abendessen zu. Es gab einen kalten, selbst zusammengestellten Eintopf aus Kichererbsen, Linsen, Oliven, geräuchertem Tofu und Olivenöl. Wir konnten das Essen zwar nicht mehr sehen, doch es war köstlich. Plötzlich fühlte ich mich beobachtet. Ich erblickte ein leuchtendes Augenpaar in der Finsternis des Waldes. Sie bewegten sich auseinander, was mich zunächst irritierte. Was bildete ich mir hier gerade ein? Es waren tatsächlich Glühwürmchen. Und dann schwebten sie überall um uns herum. Welch ein magischer Moment. Die Strapazen des Tages waren mit einem Mal verpufft.

03.07.2020 | Wiedener Eck

Wir schliefen ewig und erst nach 10 Uhr machten wir uns auf die Socken. Nun bekamen wir die Quittung für die Anstrengungen des Vortages. Während ich Glück und nur Muskelkater in den Waden hatte, traf es meinen Vater härter. Seine Blasen an den Füßen hatten sich zu kleinen Wunden entwickelt. Wir hatten beide eine unkonventionelle Schuhwahl getroffen. Ich hatte mich für Barfußschuhe entschieden. Sie sind einerseits unschlagbar leicht. Bei etwa drei Millionen Schritten, die ich auf der Wanderung gehen würde, spielte jedes Gramm eine Rolle. Da mochte ich ungern schwere, klobige Wanderschuhe tragen. Auch wollte ich den Boden unter den Füßen spüren, mit ihm verbunden sein. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Füße mehr gefordert werden, dadurch stärker werden und den restlichen Körper entlasten können. Während der ersten Tage fühlte ich mich wohl darin. Mein Vater hatte sich für Wandersandalen entschieden. Gutes Profil und dennoch luftig war die Idee. Es stellte sich heraus, dass beim Bergabgehen die Füße so sehr nach vorne rutschten, dass sie an den Riemen rieben. Blasenpflaster sorgten zunächst für eine Entlastung.

Wir gingen es gemütlich über die schmalen Waldpfade an. Das Gras streichelte die Beine, was ein herrliches Gefühl war, doch auch seine Schattenseite hatte. Ich entdeckte meine erste Zecke. Ich ziehe die kleinen Blutsauger förmlich an. Mir war bewusst, dass ich nicht ohne Zeckenstiche durch die Wälder Deutschlands wandern konnte – ein unangenehmes Gefühl war es dennoch. Mit einer Pinzette zog ich sie heraus und desinfizierte die Stelle. Gegen FSME war ich geimpft und Borrelien werden meist erst nach 24 Stunden übertragen. Wenn man die Zecke frühzeitig ohne zu Quetschen herauszieht, sollte man auf der sicheren Seite sein. Ich war froh, dass die Wege anschließend etwas breiter wurden, aber nicht weniger schön waren. Dicht an dicht standen die Fichten, Douglasien und Tannen mit ihren dunkelgrünen Nadeln. Vom Boden strahlte hellgrünes Moos und violetter Fingerhut sorgte für farbliche Highlights. Mittags erreichten wir den Fuß des Belchens. Über 500 Höhenmeter galt es zu überwinden. Der Anstieg, wenn auch steil, war ein absoluter Traum. Wir gingen über Wurzeln, die wild aus dem Boden ragten, auf der rechten Seite hohe Felsen und mächtige Bäume und auf der linken Seite ein tiefer Abgrund, der wunderbare Ausblicke ermöglichte. Wenn der Weg zu schmal wurde, gaben Geländer Sicherheit. Wir flogen förmlich nach oben und blieben hier und da stehen, um den Blick ins Rheintal zu genießen. Die Sonne schien und in der Höhe war es angenehm mild. Perfektes Wanderwetter.

Kurz vor dem Gipfel setzten wir uns auf einen Felsvorsprung. Die Aussicht auf die beschaulichen Dörfer des Wiesentals, umgeben von sattgrünen Wiesen und Wäldern in unterschiedlichsten Grüntönen war himmlisch. Für mich die Schönste im ganzen Schwarzwald. Wir zogen die Schuhe aus, streckten die Zehen und fühlten uns prächtig hier oben. Wir aßen und blieben danach noch etwas. In der Gaststätte Belchenhaus wollten wir unser Wasser für die Nacht auffüllen. Doch wie am Vorabend standen wir vor einer verschlossenen Tür. Das durfte doch nicht wahr sein! Mit dem Smartphone hätten wir das vorher herausfinden können und Wasser mit hoch geschleppt. So wurde nichts aus unserer Vorstellung, das Zelt auf dem Gipfel aufzuschlagen. Also wieder runter. Es dauerte gar nicht lange, bis wir auf einen Bach trafen, den wir anzapften. Ein geeigneter Schlafplatz kam die folgenden zehn Kilometer nicht, dafür unzählige Bäche und Brunnen. Wir fanden einfach keine ebene Fläche, wo wir unser Zelt aufschlagen konnten. Und falls doch mal eine auftauchte, lag ein Bauernhof oder ein Hochstand in unmittelbarer Nähe. Also marschierten wir immer weiter.

Die Umgebung rund ums Wiedener Eck, ein knapp über 1.000 Meter hoher Pass, war traumhaft. Die tiefliegende Sonne sorgte für eine herrliche Abendstimmung. Große Pferdekoppeln, einsame Bauernhöfe und kleine Waldabschnitte wurden in goldenes Licht getaucht. An einer Bank blieben wir und schauten uns den magischen Sonnenuntergang über den Hügeln an. Die Rinder wurden von den Wiesen in den Stall gebracht. Es waren einzig ihre Glocken zu hören und die Zeit schien stehen zu bleiben. Hinter der Bank war eine ebene Wiese. Erst wollten wir hier unser Zelt aufschlagen, doch irgendwas fühlte sich falsch an. Etwa 300 Meter entfernt lag ein Bauernhof. Er war auf derselben Höhe wie unsere Bank und getrennt wurden wir von einer abgesenkten Weide. Wir fühlten uns beobachtet und irgendwie auch schon ertappt, auch wenn niemand in unsere Richtung schaute. Nach dem Sonnenuntergang gingen wir also weiter. Nur gute 200 Meter weiter fanden wir schon die passende Alternative. Eine schöne Fläche im Wald lud uns ein zu bleiben. Von großen Bäumen umgeben fühlten wir uns geschützt. Das Spannende: Später erfuhr ich von einem ehemaligen Arbeitskollegen, dass genau dieser Bauer seinen Vater mit einer Heugabel bedrohte, als er einen nahegelegenen Weg mit dem Mountainbike passierte. Unsere Intuition hatte uns vielleicht vor einer bösen Überraschung bewahrt.

In der Dämmerung bauten wir das Zelt auf. Der fast volle Mond strahlte in den Wald hinein, also konnten wir die Taschenlampen auslassen. Es wurde recht frisch hier oben in dieser wolkenlosen Nacht und so schlüpften wir direkt in die Schlafsäcke. Aus unserem Vorsatz, nur 15 Kilometer zu gehen, wurde nichts. Am Ende waren es 25. Erschöpft schliefen wir zügig ein. Wir gewöhnten uns langsam an das Schlafen im Zelt und wachten seltener auf.

04.07.2020 | Feldberg

Nach einer ruhigen Nacht ging es erst an Pferden, dann an Kühen vorbei, die gerade erwachten. Der Himmel strahlte wieder blau und die Luft war an diesem Morgen angenehm mild und sanft. Der 1.493 Meter hohe Feldberg war nicht mehr weit entfernt und so ging es stetig bergauf. Eine Pause an diesem Tag hätte uns nicht geschadet, doch unsere Vorräte an Lebensmittel waren bald aufgebraucht und die nächste Einkaufsmöglichkeit lag in Titisee, 30 Kilometer von unserem Standort entfernt. Also gingen wir weiter. Die Füße meines Vaters sahen mit jedem Tag schlimmer aus, doch bergauf gehen konnte er schmerzfrei. Unterwegs hatten wir eine traumhafte Aussicht ins Wiesental und auf die Alpen am Horizont.

Jetzt waren wir schon vier Tage unterwegs. Ich war überrascht, wie selten ich an mein Smartphone dachte. Die erwarteten Entzugserscheinungen blieben komplett aus. Ich vermutete, es lag an all den Eindrücken meines neuen Lebens auf dem Weg. Hätte ich im Alltag darauf verzichtet, wäre ein bestehendes Element entfernt worden. Dann hätte ich wohl deutlicher gespürt, dass etwas fehlt. Auf der Wanderung war alles neu. Ein weißes Blatt Papier, das neu beschrieben wurde.

Um die Mittagszeit erreichten wir den Feldberg. Der dritte Gipfel binnen drei Tagen. Es war ein großartiges Gefühl auf dem höchsten Punkt Baden-Württembergs zu stehen und zu wissen, dass wir es aus eigener Kraft hier hoch geschafft hatten. Beeindruckend war es zu sehen, was wir schon alles hinter uns gebracht hatten, wie viel Strecke man innerhalb weniger Tage zurücklegen kann. Im Norden wartete verheißungsvoll das unbekannte Land. Dichte, hügelige Wälder soweit das Auge reichte. Unsere Euphorie war immens.

Der Abstieg auf der schattigen Nordseite ließ uns jedoch wieder in der Realität ankommen. Wir kamen nur sehr langsam voran. Mein Vater kämpfte mit seinen schmerzerfüllten Füßen, während sich bei mir ein Stechen im rechten Knie bemerkbar machte. Wir achteten auf jeden Schritt. Während der Aufstieg an lieblichen Wiesen mit bunten Wildblumen vorbei ging, war die Nordseite deutlich urwüchsiger und schroffer. Wir stiegen über hohe Wurzeln, kleine und große Steine und überquerten Bäche und große Pfützen. Alles um uns herum war wild, hier durfte die Natur noch Natur sein. An heiklen Stellen stützten wir uns gegenseitig, um nicht zu fallen oder im Wasser zu landen.

Mein Rucksack drückte auf die Schultern und den Rücken. Ich zog am Hüftgurt, um die Last zu verschieben, als es plötzlich knallte. Was war passiert? Ich hatte den Riemen abgerissen und nun lag das komplette Gewicht auf dem Oberkörper. Es half nichts. Ich musste die Zähne zusammenbeißen und hoffen, dass bald jemand den Gurt reparieren konnte. Mein Knie spürte ich mit der Zeit immer deutlicher, was mir noch mehr Sorgen bereitete. Irgendwie war gerade alles etwas mühsam. Wir beschlossen, es für den Tag gut sein zu lassen und einen Schlafplatz zu suchen. Etwa 15 Meter vom Weg entfernt fanden wir eine passende Fläche. Wir saßen beide ziemlich niedergeschlagen und ausgelaugt auf moosbedeckten Baumstümpfen. Nach anfänglichem Schweigen sagte mein Vater, dass er mit seinen Füßen nicht viel weiter kommen würde. Er würde am nächsten Tag noch die zehn Kilometer bis nach Titisee gehen und dann nach Hause fahren. Es war absolut vernünftig und ich spürte seine Erleichterung, nachdem er es ausgesprochen hatte. Aber auch eine Prise Traurigkeit und Ärger. Verständlich! Eine unglückliche Schuhwahl und ein übermotivierter Start forderten ihren Tribut. Mit einer besseren Vorbereitung hätten wir für einen entspannteren Beginn der Wanderung sorgen können. Es ließ sich nicht rückgängig machen und wir mussten es akzeptieren. Das bedeutete, ab dem nächsten Tag würde ich tatsächlich allein unterwegs sein.

Auf dem weichen, von Blättern gesäumten Boden bauten wir das Zelt auf. In der Nacht musste ich auf die Toilette, hörte jedoch ein Tier in unmittelbarer Nähe. Wie würde sich so eine Situation wohl anfühlen, wenn ich ganz allein im Wald sein würde? Ich würde es herausfinden.

In der ersten Nacht belagerten wir die Burg Rötteln in Lörrach

Mein neues Zuhause

Da liegt noch ganz schön viel Weg vor mir bis nach Dänemark

Mein Vater war mir eine große Hilfe während der ersten Tage

Allein sein

05.07.2020 | Titisee

Mein Vater machte sich schon kurz nach Sonnenaufgang um 6 Uhr auf den Weg. Er wollte langsam vorausgehen, um seine Wunden nicht weiter zu verschlimmern. Ich drehte mich noch einmal um und döste kurz ein. Als ich aus dem Zelt kroch, bekam ich einen ersten Vorgeschmack, wie es wohl allein sein würde. Hier stand ich also. Irgendwo im Wald mit meinem kleinen, gelben Zelt. Die Vögel zwitscherten fröhlich und die ersten Sonnenstrahlen des Tages fanden ihren Weg an den Bäumen vorbei. Es herrschte eine friedliche Stimmung und in aller Gemütlichkeit baute ich das Zelt ab. Dann setzte ich meinen Rucksack auf und ging um 7 Uhr ohne zu frühstücken los. Es war anfangs relativ flach und angenehm zu wandern. Mein Knie beschwerte sich noch nicht. Der erste Jogger kam mir entgegen und grüßte freundlich. Es war herrlich, so früh unterwegs zu sein. Nach einer halben Stunde verließ ich den Wald und sah meinen Vater schon von Weitem auf einer massiven Holzbank sitzen. Der Ausblick war gigantisch. Ein idyllisch gelegener Hof, umgeben von Bäumen, die im sanften Licht des Morgens leuchteten. Dahinter ragte der Feldberg in die Höhe, mit seiner baumlosen, hellgrünen Kuppel. Neben der Bank stand ein Kühlschrank mit Getränken. Richtig gelesen! Kein moderner Kühlschrank, der heutzutage selbstverständlich in jeder Wohnung steht. Es war eine liebevolle Konstruktion aus Holz, durch die ein eiskalter Bach geleitet wurde. Die kühlen Getränke standen in einem Schrank und konnten getrunken werden, wenn man etwas Kleingeld dabei hatte. Mit diesem Prinzip wurden früher die Lebensmittel an den Höfen kühl gehalten. Mit einer Energieeffizienzklasse jenseits von A+++.

Den restlichen Weg wanderten wir zusammen. Einmal noch ging es steil bergab, was mein Knie sofort aufstöhnen ließ. Ich brauchte unbedingt eine Pause! Sonst würde ich auch bald die Rückfahrt nach Hause antreten können. Es ging vorbei an der Skisprungschanze in Hinterzarten, wo wir einen Umweg gehen mussten, da unser Weg gesperrt war. So kamen nochmal ein, zwei Kilometer dazu, die wir beide nicht brauchen konnten. Kurz vor Titisee trafen wir zufällig zwei Bekannte. Sie staunten nicht schlecht, als wir erzählten, dass wir von Basel hierher gewandert waren. Da wurde uns bewusst, was wir in den letzten Tagen, trotz der unglücklichen Wendung, geschafft hatten. Zum Abschluss gab es ein leckeres Mittagessen in einem italienischen Restaurant. Dann war es an der Zeit.

»Das kann uns keiner mehr nehmen!«, sagte ich zum Abschied. Ich sah ihm hinterher, wie er den Bahnhof ansteuerte. Und dann war ich allein. Nur ich, mein Rucksack und die verrückte Idee, einmal durch Deutschland zu gehen. In meiner aktuellen Lage fiel es mir sehr schwer, den Glauben aufrecht zu erhalten, irgendwann in Dänemark anzukommen. Aber Aufgeben kam an dieser Stelle nicht in Frage. Es würde schon gut gehen.

Ich kaufte etwas Obst auf dem Markt und spazierte direkt am See entlang zum zwei Kilometer entfernten Campingplatz. Dort nutzte ich die Gelegenheit und wusch meine Wäsche im Waschbecken, genauso wie meinen Topf und meinen Göffel, eine Kombination aus Gabel und Löffel. Nach getaner Arbeit kühlte ich mich im Titisee ab. Herrlich! Nach fünf Tagen Wandern bei sommerlichen Temperaturen und spärlichen Duschen mit einem Wasserbeutel ist Baden einfach das Größte. Das kühle Nass ließ mich sanft in einen entspannten Zustand gleiten. Ich beobachtete Babyenten, die nach Futter schrien und ließ die Seele am Strand baumeln. Ich kam zur Ruhe. Zum ersten Mal holte ich mein Buch hervor und las etwas. Ja, ich schleppte ganze 575 Seiten mit. Einer meiner wenigen Luxusgegenstände.

Ich blieb nicht lange allein. Am Abend bekam ich spontan Besuch von Pasquale. Er wohnte in der Nähe des Sees und ich freute mich unglaublich, ihn zu sehen. Seine positive Art und die einmalige Begeisterungsfähigkeit konnte ich jetzt gut gebrauchen. Wir saßen am See, redeten den ganzen Abend und schauten in den wolkenlosen Sternenhimmel. Es war eine laue Sommernacht, trotz der 845 Höhenmeter. Er übernachtete bei mir im Zelt und ging um 7 Uhr morgens direkt ins Büro.

06.07.2020 | Titisee-Neustadt (Pause)

Der Tag startete grauenvoll. Im wahrsten Sinne, da der Himmel plötzlich wolkenverhangen war und der Regen auf das Zelt plätscherte. Zunächst blieb ich liegen und hoffte auf besseres Wetter. Ich hatte keine Ahnung, was die nächsten Stunden bringen würden. Mit meinem Smartphone hätte ich das in Sekundenschnelle herausgefunden, zumindest eine Tendenz erfahren. Als um 10 Uhr noch keine Besserung in Sicht war, packte ich zusammen. Ich hatte kein Essen mehr und wollte noch zu einer Schneiderin im acht Kilometer entfernten Neustadt. Das Zelt war vollgesogen mit Wasser und gefühlt doppelt so schwer wie im Trockenzustand. Ich fühlte mich mies, doch freute mich auf frische Brötchen am Campingplatz-Kiosk. Doch dafür war ich zu spät dran – alle weg!

Während ich zurück in den Ort ging, dachte ich mir, dass man sich in so einer Situation doch ein gutes Mittagessen in einem Restaurant gönnen könnte. Die ersten fünf, die ich ansteuerte, hatten montags Ruhetag. Mein Magen brummte weiter. Also auf nach Neustadt, wohin ich mit dem Zug fahren würde. Ich hatte eine halbe Stunde Wartezeit am Bahnhof und nutzte die ersten Sonnenstrahlen, um mein Zelt an einem Geländer direkt neben den Gleisen zum Trocknen aufzuhängen. Mir fiel ein, dass mir Pasquale ein alkoholfreies Bier vom Vorabend dagelassen hatte. Was solls! Endlich Frühstück um 12 Uhr mittags. Genau so hatte ich mir die Reise vorgestellt.

In Neustadt angekommen kaufte ich ein und konnte endlich meinen Bauch füllen. Auf einer Parkbank wartete ich drei Stunden auf meinen Termin bei der Schneiderin. Mindestens die Hälfte der Zeit hätte ich an meinem Smartphone verbracht. Stattdessen schrieb ich Tagebuch, las und beobachtete meine Umgebung. Es waren entspannte drei Stunden, die meine Batterien wieder aufluden. Dann stand der hoffnungsvolle Termin bei der sehr sympathischen Schneiderin an. Das Hüftpolster war jedoch zu dick für ihre Nähmaschinen. Was für eine Enttäuschung! Sie gab mir die Nummer eines Schuhmachers, der mir vielleicht helfen konnte. Nach einem Anruf hatte ich einen Termin am nächsten Morgen.

Dann bekam ich schon wieder Besuch. Mein Vater und meine Schwester nahmen den weiten Weg auf sich, um mich noch einmal zu sehen. Wir verbrachten schöne Stunden zusammen. Am Morgen war mein Vater beim Arzt gewesen. Der hatte sich vor allem gefragt, wie er mit seinen Wunden überhaupt noch vom Feldberg heruntergekommen war. Der Abbruch war die einzig vernünftige Entscheidung. Am Abend fuhren mich die beiden zu Pasquale und seiner Freundin Sandra nach Hause, wo ich die Nacht auf dem Sofa verbrachte. Ich schlief wie ein Stein.

07.07.2020 | Schweizerhof

Ich stand mit den beiden auf und fuhr früh mit dem Zug zurück nach Hinterzarten zum Schuhmacher. Meine letzte Hoffnung. Ein kräftiger Mann mit einer noch kräftigeren Schürze stand hinter einem Tresen und begrüßte mich: »Aha, der Wanderer!« Wenn er den Rucksack nicht repariert bekommen würde, dann niemand, dachte ich bei seiner positiven Ausstrahlung. Nach einer kurzen Begutachtung folgte die Ernüchterung. Auch unter seine Maschine passte das Polster nicht. Seine Empfehlung war, zu einem Täschner in Freiburg zu gehen. Er schrieb mir die Adresse und Telefonnummer auf und weiter ging die Suche. Der Anruf gab mir wieder etwas Hoffnung. Er war guter Dinge, dass er den Rucksack reparieren konnte. Also auf nach Freiburg. Dort wurde mir wieder bewusst, wie nützlich so ein Smartphone sein konnte. Normalerweise würde mir Google Maps den Weg leiten. So fragte ich verschiedene Leute auf der Straße und stand schließlich in einer unscheinbaren Gasse vor seiner Werkstatt. 15 Minuten später war der Hüftgurt wieder angenäht und ich der glücklichste Mensch der Welt. Was für ein Held. Wie häufig schmeißen wir Dinge weg und ersetzen sie durch neue, nur weil ein kleiner Teil kaputt ist? Ich hätte auch den bequemen Weg wählen und einfach einen neuen Rucksack kaufen können. Wir leben nunmal in einer Wegwerfgesellschaft und ein Täschner wird wahrscheinlich bald ein Relikt aus alten Zeiten sein. Doch das ist der falsche Weg. Ich werde in Zukunft häufiger versuchen, kaputte Dinge reparieren zu lassen.

Wo ich schon in Freiburg war, überraschte ich noch meine ehemaligen Arbeitskollegen im Büro. Sie waren gerade dabei, den Tisch fürs Mittagessen zu decken. Gutes Timing! Gestärkt, sowohl körperlich als auch mental, ging es nach über 48 Stunden Pause endlich weiter. Zurück am Titisee ging ich zurück zum Wanderweg und setzte die Reise bei bestem Wetter fort. Es fühlte sich fantastisch an. Ungewohnt war es nur, allein zu wandern. Es kamen mir an diesem Nachmittag mehrere Wanderer mit schwerem Gepäck entgegen, die auch allein unterwegs waren. Doch ich traute mich nicht, sie anzusprechen. Mehr als ein Gruß war nicht drin. Es ging wieder stetig bergauf. Ich versuchte aus dem Fehler der ersten Tage zu lernen, wanderte deutlich langsamer und nutzte jede Bank für eine Pause. Der Blick über den Titisee war eindrucksvoll. Ich hatte das Gefühl, dass es jetzt richtig losgehen konnte. Bisher war die Umgebung sehr vertraut und ich traf mehr bekannte Gesichter als in meinem Alltag. Doch ab sofort betrat ich Neuland. Ich hatte keine Ahnung was und wer hinter der nächsten Kurve auf mich warten würde.

Abends dann das gewohnte Problem. Zunächst fand ich alle 100 Meter einen wunderbaren Schlafplatz, hatte jedoch nicht genug Wasser dabei. Nachdem ich meinen Wassersack in einem kleinen Bach gefüllt hatte, war kein Schlafplatz mehr zu finden. Ich ging und ging, doch nichts stellte mich zufrieden. Die Sonne tauchte hinter dem Horizont ab, hinterließ einen Himmel, der in allen erdenklichen Rottönen strahlte und mir wurde langsam etwas mulmig. Es war meine erste Nacht allein. Und ich hätte mich gerne mit der Umgebung vertraut gemacht, in der ich mein Zelt aufschlug. Es dämmerte. Ich hatte keine Zeit mehr. Dann entschied ich mich für etwas, das ich in den ersten Nächten unbedingt vermeiden wollte. Ich verließ den Weg und schlich in den Wald hinein. Es war unheimlich. Jedes Geräusch ließ mich aufhorchen. Was machte ich hier bloß? Ich könnte auch zu Hause auf dem Sessel sitzen und gemütlich ein Buch lesen. Auf der erstbesten Fläche baute ich mein Zelt in Rekordzeit auf. Ich verkroch mich im Schlafsack und versuchte nicht daran zu denken, wo ich mich gerade befand. Bei den Geräuschen draußen kein leichtes Unterfangen. Die Blätter der Buchen raschelten im Wind. Ein Tier, wahrscheinlich ein Reh, rannte knapp am Zelt vorbei Richtung Waldrand. In der Ferne bellte ein Hund. Trotz all dieser Eindrücke schlief ich zügig ein und hatte eine überraschend ruhige Nacht.

08.07.2020 | Elzquelle

Als ich am frühen Morgen aus dem Wald geschlichen kam, erwarteten mich schon zwei Jogger, die sich dehnten.

»Krass, hast du da drin allein geschlafen?«

»Klar doch«, antwortete ich so cool wie möglich.

Sie waren schwer imponiert und ich stolz auf mich. Ein wichtiger Schritt Richtung Dänemark. Ich ließ es wieder ruhig angehen. An der ersten Bank gab es ein stärkendes Frühstück, bestehend aus Haferflocken, Nüssen, Rosinen und Wasser. An der zweiten Bank las ich eine halbe Stunde in meinem Buch und war überwältigt von der absoluten Ruhe. In meinem Blickfeld war nichts als die grüne Natur und der blaue Himmel. Trotz aller Gemütlichkeit kam ich gut voran. Hier und da zwickte mein Knie etwas, vor allem, wenn es wieder abwärts ging. Aber das konnte meine gute Laune nicht verderben. Im Gegenteil, es ging mir blendend. Ich ließ mich vom Duft frisch gemähter Wiesen betören. Auf einem Waldsofa, einer geschwungenen Bank, gönnte ich mir einen kleinen Mittagsschlaf. Wieder zurück im Wald, kam ich an einem Meer aus Kleeblättern vorbei. Der Naturboden mit seinen braunen Nadeln ließ mich förmlich schweben. So erreichte ich unerwartet einen weiteren Gipfel, den 1.149 Meter hohen Brend. Nach einem kurzen Abstieg kam ich an den Günterfelsen vorbei. Hier lagen unzählige bis zu acht Meter lange, moosbewachsene Granitsteine, teils auf großen Haufen, teils für sich allein. Ein imposantes Bild, das sich hier mitten im Wald zeigte. Ich freute mich immer wieder über diese Überraschungen, die der Weg für mich bereit hielt. Mit meinem Smartphone hätte ich wahrscheinlich schon zuvor gesehen, was mich erwartete. So aber blieb der Zauber des Unerwarteten erhalten.

Bereits um 16 Uhr hatte ich 21 Kilometer zurückgelegt. Ich hatte noch genug Energie für weitere zehn. Doch ein absoluter Traumplatz machte es mir unmöglich, weiter zu gehen. Ich war an der Elzquelle, die malerisch im Wald gelegen war. Ein wahrhaftiges Paradies. Hier konnte ich die Seele baumeln lassen. Doch davor stand Körperhygiene auf dem Programm. Ich stand auf einem runden Stein, der mitten im Bach lag und füllte meinen Wasserbeutel. Dann ließ ich das eiskalte Wasser über meinen Kopf laufen. Das ganze wiederholte ich etwa ein Dutzend Mal. Muss das cool aussehen, dachte ich mir. Kurz darauf fuhr ein Mountainbiker vorbei, der mich erblickte: »Das muss ja kalt sein. Sieht aber cool aus!« Sag ich doch!

Anschließend wusch ich meine Wäsche, die ich an einer zuvor montierten Wäscheleine aufhing. Nachdem ich es mir auf einer Bank bequem gemacht hatte, gesellte sich ein kleiner Mann mit einem bunten, spitz zulaufenden Hut zu mir. Er war auf dem Weg zu einem Bauernhof eines Freundes, der jedoch gerade im Gefängnis saß. Er hätte wohl einen Job für ihn. Diese Info machte ihn mir etwas suspekt, doch er stellte sich als geselliger Typ heraus. Er erzählte von seiner Zeit als Fernfahrer, in der er oft mehrere Wochen in Osteuropa und Zentralasien unterwegs war. Auch trampte er seit mehreren Jahrzehnten durch die Weltgeschichte. Es war, als hätte sich der Protagonist meines aktuellen Buches »On the Road« von Jack Kerouac zu mir gesetzt. Nach etwa einer Stunde ging er weiter. Eine sonderbare Begegnung hier mitten im Wald.

Als es dämmerte, schlug ich das Zelt auf einer moosbedeckten Fläche direkt neben dem Weg auf. Es war kein Vergleich zur vorherigen Nacht. Ich war seit fast sechs Stunden hier und war mit der Umgebung vertraut. Trotzdem achtete ich darauf im Zelt zu sein, bevor es dunkel war. Dank des Wellness-Programms vom Nachmittag schlief ich entspannt ein.

09.07.2020 | Büchereck

Das nächste landschaftliche Highlight der Reise wartete schon am nächsten Morgen auf mich. Nach etwa einer Stunde Fußweg erreichte ich ein Hochmoorgebiet, das man über einen Steg passieren konnte. Mittendrin lag geheimnisvoll der Blindensee. So schön er auch anzusehen war, er hatte mit seiner nahezu perfekt runden Form und der tiefblauen Farbe etwas Unheimliches an sich. Ich setzte mich und beobachtete unzählige Libellen, die aufgeregt um den See tanzten. Die Idylle wurde einzig von einem Windrad in unmittelbarer Nähe durchbrochen. Aber irgendwie passte das leise Peitschen der Rotorblätter zur Atmosphäre. Ich ließ das Bild noch etwas auf mich wirken, um mich dann wieder auf den Weg durch die kühlen Wälder zu machen. Es war ein heißer Tag und ich war froh um jeden Schatten, der sich mir bot. Ein Aufstieg in der erbarmungslosen Mittagssonne ließ den Schweiß laufen. Langsam, aber stetig machte ich Meter um Meter gut. Sonnengewärmtes Gras streichelte meine Beine. Ich wich großen, lockeren Steinen aus, um nicht ins Rutschen zu kommen. Im Hintergrund hörte ich wieder, wie ein Windrad die Luft durchschnitt. Keuchend kam ich oben an und ließ mich auf eine Bank fallen. Ich schloss die Augen und atmete durch. Dann entdeckte ich eine weitere Zecke, die sich den falschen Wirt ausgesucht hatte. Mit der Pinzette entfernte ich sie und desinfizierte die Einstichstelle gründlich. Im selben Tempo wie ich hoch geschlichen kam, ging es wieder runter. Die Belastung machte sich sofort im Knie bemerkbar. So versuchte ich, noch langsamer zu gehen und mir jeden Schritt sorgfältig zu überlegen. Wenn ich eines hatte, dann war es Zeit. Es störte mich nicht, dass Tageswanderer an mir vorbei sausten.

Ich kam an einem Platz vorbei, wo ich zunächst frühzeitig mein Lager aufschlagen wollte. Es war perfekt. Eine Bank mit Tisch, daneben eine ebene Fläche für das Zelt und sogar ein Brunnen, aus dem ordentlich Wasser floss. Die Freude hielt nur kurz. Als ich zur Ruhe kam, nahm ich plötzlich die Windräder außenrum wahr. Es war nicht einmal das monotone Drehen der Rotoren, was mich störte. Das Geräusch beim minütlichen Ausrichten des Kopfes hatte etwas an sich, das in mir ein Unbehagen auslöste. Also füllte ich meinen Wasservorrat und schleppte mich und das Wasser weiter bergab. Ich spürte, wie meine Energiereserven langsam zu Ende gingen und ich unkonzentrierter wurde. Das langsame, aufmerksame Gehen hatte mich körperlich wie auch mental gefordert. Am mentalen Tiefpunkt erblickte ich in der Ferne eine Hütte. Ich kam näher und sah davor sitzend einen jungen Kerl, der sich oberkörperfrei, aber mit Wanderstiefeln an den Füßen in der inzwischen angenehmen Sonne ausruhte. Er hatte offensichtlich sein Tagewerk beendet.

»Bleibst du heute auch hier?«, fragte er mich direkt.

»Ehrlich gesagt schaffe ich heute keinen Meter mehr, also liebend gern.«

Paul war ebenfalls auf dem Westweg unterwegs und wollte danach noch weitergehen. Allerdings in entgegengesetzter Richtung über die Alpen. Ich setzte mich zu ihm, lehnte mich an die Hütte und spürte, wie die Anstrengung des Tages langsam von mir wich. Wir waren auf einer Wellenlänge und plauderten den ganzen Abend.

»Unsere Füße sind unser Kapital«, meinte er, als er sie liebevoll mit einer Creme massierte.

Ich machte es ihm nach und konzentrierte mich danach auf das Knie. Am nächsten Tag ging es auf 232 Höhenmeter hinunter, was mir Kopfschmerzen bereitete.

Nach dem Sonnenuntergang blieb es schwül und wir saßen nur mit unseren kurzen Hosen an der Hütte. Wir schauten in den Sternenhimmel, der hier oben im dunklen Wald intensiv leuchtete.

»Die Tanne neben uns sieht von unten aus wie eine Palme. Und die Hütte wie ein Bungalow an einem asiatischen Strand.« Meine Fantasie ging mit mir durch.

»Hat was! Aber dann realisiert man doch, dass die Hütte einfach zu zünftig für Asien ist.«

Zwei Sternschnuppen später wurde es Zeit fürs Schlafen. Ich baute mein Innenzelt in der Hütte auf, während Paul es sich auf der kleinen Terrasse bequem machte. Während meiner Fahrradreise 2013 hatte ich auch einige Male ohne Zelt draußen geschlafen und wachte teilweise mit geschwollenem Gesicht auf. Laut einem Arzt lag das an einer Allergie. Als dann einmal meine Lippen zu Schlauchbooten anschwollen und ich ein Auge nicht mehr öffnen konnte, war das Schlafen ohne Zelt für mich Geschichte. Auf dem Dachboden der Hütte hatten sich Marder oder Ratten eingenistet und weckten uns immer wieder auf. Doch das störte Paul und mich nicht weiter. Es war beruhigend zu wissen, dass man nicht ganz allein hier draußen war.

10.07.2020 | Hohenlochenhütte

Paul machte sich früh auf den Weg und ich schaute ihm hinterher, wie er seine beiden Holzstöcke wie ein Skilangläufer nach hinten schwang und sich nach vorne abstieß. Für den halsbrecherischen Abstieg ins Kinzigtal suchte ich mir auch zwei passende Stöcke aus dem Wald. Es kamen mir immer wieder schnaufende Wanderer entgegen, die alle dasselbe sagten: »Da geht’s noch ordentlich runter!«

Während einer Verschnaufpause schlängelte sich plötzlich eine Ringelnatter an mir vorbei. Ich hatte bisher selten wilde Schlangen gesehen und freute mich über die Begegnung. Sie versteckte sich hinter einem Baum und schaute mir hinterher. Ich schob meine Stöcke vor mich und stützte mich bei jedem Schritt ab. Ich weiß nicht, ob ich es ohne Stöcke geschafft hätte, die fast 700 Höhenmeter abzusteigen. Heilfroh kam ich wieder in der Zivilisation an. Doch etwas irritierte mich. Ich wurde von allen Seiten wie ein wildes Tier angeschaut, das sich in die Stadt verirrt hatte. Ich fragte mich, wie ich aktuell roch. Mich wusch ich zwar täglich, aber die Klamotten schon länger nicht mehr. Bei der Kleidung hatte ich nur das absolut Notwendige dabei. Ein T-Shirt und eine kurze Hose für tagsüber und ein T-Shirt, eine lange Hose und einen Pullover für abends. Dazu zwei Boxershorts, drei paar Socken und eine Regenjacke.

Ich erfuhr von anderen Wanderern, dass ich erst wieder in Forbach, das 80 Kilometer entfernt liegt, einkaufen konnte. Also packte ich so viel in den Rucksack wie reinpasste. Ich machte es mir an der Kinzig bequem und bereitete ein Mittagessen aus schwarzen Bohnen, Kichererbsen, Oliven und Olivenöl zu. Für das Öl hatte ich extra eine kleine Plastikflasche dabei, um nicht das schwere Glas mitschleppen zu müssen. Neben dem Buch mein zweiter Luxusgegenstand. Wer braucht schon Olivenöl auf einer Wanderung? Dafür hatte ich keinen Kocher dabei. Ich wollte es so simpel wie möglich halten und im Sommer brauchte ich nicht zwingend jeden Tag eine warme Mahlzeit.

Nachdem ich mir den Bauch vollgeschlagen hatte, folgte der Hammer. In Serpentinen ging es noch steiler hinauf als es am Vormittag herunterging. Der vollgepackte Rucksack erschwerte jeden Schritt, den ich bei sengender Hitze machte. Es war so steil, dass ich schon nach kurzer Zeit eine beeindruckende Aussicht auf Hausach und das Tal hatte. Ich war froh, wieder hier oben, außerhalb der Stadt zu sein. Für abends wurde ein Unwetter angekündigt und erste dunkle Wolken am Horizont formierten sich bereits. Paul hatte mir eine Hütte empfohlen, etwa sieben Kilometer nach Hausach. Bei der Wettervorhersage wäre ein festes Dach über dem Kopf nicht verkehrt.

Als ich die Hohenlochenhütte erreichte, verschlug es mir die Sprache. Von außen machte sie den Eindruck einer finnischen Sauna und innen war alles ordentlich und sauber. Nicht voller Spinnweben wie die klassische Schutzhütte im Wald. Es roch sogar noch nach frisch gesägtem Holz und auf der Liegefläche war ein Schafsfell ausgelegt. Inklusive waren ein Brunnen, ein Plumpsklo und eine atemberaubende Aussicht. Fehlte nur noch der Zimmerservice. Ich freute mich über meine feste Unterkunft für die Nacht, setzte mich draußen auf eine Bank und schaute in den Süden. Ich konnte von hier noch sehen, wo ich am Morgen gestartet war. Die 14 Kilometer hatten es aber in sich gehabt und ich war froh, sie unbeschadet überstanden zu haben.

Den restlichen Abend verbrachte ich mit einer Dusche am Brunnen, Lesen und Tagebuchschreiben. In der Hütte machte ich es mir mit dem Schlafsack auf der Isomatte bequem und war unendlich dankbar für diesen magischen Ort. Draußen fing es an zu regnen, doch das Gewitter blieb aus. Nachts wachte ich auf, weil ich dringend auf Toilette musste, die etwa 100 Meter entfernt war. Draußen war es finster, nebelig und es nieselte. Ich hörte es im Unterholz rascheln. Doch es half alles nichts. So konnte ich nicht weiterschlafen und nahm all meinen Mut zusammen. Ich ging in die kalte, unheimliche Nacht hinaus und wurde anschließend mit einem erholsamen Schlaf belohnt.

11.07.2020 | Freiersberger Hütte

Am Morgen nahm ich mir alle Zeit der Welt und ließ beim Frühstück den traumhaften Weitblick noch einmal auf mich wirken. Vor dem Aufbruch hinterließ ich eine Nachricht im Hüttenbuch, in dem alle vom Paradies hier oben schwärmten. Manche sind laut der Einträge sogar in Tränen ausgebrochen, als sie hier ankamen.

Es warteten wieder butterweiche, schmale Pfade, die sich an den Bäumen vorbeischlängelten. Am Wegesrand wechselten sich Farn und Klee ab, die mir gemeinsam mit bunten Blumen den Weg leiteten. Insbesondere der Fingerhut streckte sich hier oft auf über einen Meter Höhe. An einer Kreuzung wollte ich mich am Wegweiser orientieren, stellte jedoch fest, dass ich hier falsch sein musste. Es war aber nicht ganz eindeutig und so fragte ich zwei Wanderer mit schwerem Gepäck nach dem Weg. Sie kamen aus derselben Richtung, waren jedoch nach Basel unterwegs. Sie versuchten mir zu erklären, wo ich lang musste. Beim Blick auf den Wegweiser stellten auch sie fest, dass sie sich verlaufen hatten. Wir konnten uns alle nicht erklären, wie wir hier gelandet waren. Einer der beiden schaute auf einer Karte und der andere auf seinem Smartphone nach. Sie mussten umkehren und ich konnte über einen kleinen Umweg schneller zurück auf den Westweg kommen.

»Mach’s gut, Junge«, riefen sie mir hinterher. Ich bemerkte, dass einer den selben Ultraleicht-Rucksack wie ich trug. Ein seltenes Exemplar, das ich in freier Wildbahn noch nie gesehen hatte. Eine unwahrscheinliche Begegnung fernab des Weges.

Es fiel mir inzwischen leichter mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. So auch mit einer Dame mittleren Alters, die in meine Richtung wanderte. Über mehrere Kilometer führten wir ein interessantes Gespräch. Sie erzählte von ihrer Arbeit als Naturcoach, bei der sie mit ihren Kunden unter anderem auf Wanderungen geht, um die oft verlorene Verbindung zur Natur wiederherzustellen.

»Wenn du gezielt mit einer Frage in die Natur gehst, wirst du Antworten bekommen. Schon unsere Vorfahren sind vor schwierigen Entscheidungen raus in die Natur an einen ruhigen Platz und kamen mit klaren Gedanken zurück.«

Was waren meine Fragen? Muss ich überhaupt Fragen haben, um Antworten zu bekommen?

Nach 15 Kilometer kam ich bei einer weiteren Hütte mit Brunnen und einer bequemen Bank an. Der Innenbereich war nicht sonderlich einladend, so baute ich mein Zelt unter einem Vordach auf. Ein wandernder Italiener steuerte auf mich zu, als ich gerade eine Zecke entfernte. Er war ganz fasziniert davon. Ich teilte daraufhin mein ganzes Wissen über die fiesen Blutsauger. Erst nach einiger Zeit bemerkte ich, dass sowohl sein Arm als auch sein Bein auf der rechten Seite nicht ganz ausgebildet waren. Trotzdem wanderte er mit schwerem Gepäck hier durch den Wald. Respekt! Ich nahm mir vor, weniger zu jammern. Nachdem er weitergegangen war, dehnte ich meine müden Muskeln noch etwas und kühlte mich danach mit einer kalten Dusche am Brunnen ab.

Westwegpfad

Allein im Wald zu übernachten kann so schön sein, hat mich aber viel Überwindung gekostet.

Bei dieser Schutzhütte habe ich Paul gefunden

Die zauberhafte Hohenlochenhütte

Ein Krimi im Schwarzwald

12.07.2020 | Zuflucht

Die ersten Kilometer des Tages wanderte ich gemeinsam mit einem Mann, der einen Sonntagsspaziergang mit der Kamera unternahm. Wir fotografierten zusammen Schmetterlinge, Bienen und Blumen. Er zeigte mir seine Tricks und erzählte von seinem größten Abenteuer. Vor etwa 30 Jahren ging er zu Fuß von Mexiko nach Feuerland und war dafür 22 Monate unterwegs. Da kam mir meine Wanderung glatt wie ein Wellness-Urlaub vor.

»Bist du auch allein unterwegs gewesen?«

»Nein, wir waren zu zweit. Stell dir vor du brichst dir in der Wildnis einen Knöchel und bist allein. Oder noch viel schlimmer: Du bist an einem wunderschönen Aussichtspunkt und kannst den Sonnenuntergang mit niemandem teilen!«

Der saß! Ich war zum ersten Mal allein unterwegs und keine Frage, es war nicht dasselbe. Mir war bewusst, dass ich viele wunderbare Momente nicht teilen konnte. Mit ein Grund, weshalb ich sie in meinem Tagebuch festhielt. Doch an diesem Punkt in meinem Leben erschien mir die Reise allein richtig. So fühlte es sich zumindest bisher an. Der Fotograf zeigte mir die besten Stellen, um Erdbeeren und Heidelbeeren zu pflücken und wir naschten die sonnengewärmten, süßen Früchte direkt auf der Stelle. Wir erreichten einen Aussichtspunkt über dem malerischen Glaswaldsee. Er war zum ersten Mal am See, was mich noch mehr staunen ließ als seine Wanderung durch Südamerika. Er lebte seit einem halben Jahrhundert hier und hatte es nie geschafft einen so schönen Ort, der mit einem Spaziergang erreichbar ist, zu besuchen. Faszinierend, dass sich viele die nahegelegenen Sehenswürdigkeiten nicht anschauen. Geht der Reiz verloren, nur weil etwas zum Greifen nah ist?

Es ging stetig bergauf, ohne wirklich steil zu werden. Dennoch wurde ich belohnt mit einer phänomenalen Aussicht auf Bad Peterstal, das Rheintal und die Vogesen am Horizont. Ich war wieder hin und weg von dieser umwerfenden Schönheit. Ich setzte mich und aß Brot mit Aufstrich. Meine Aufmerksamkeit wechselte plötzlich zu einer Wandergruppe, die ganz in der Nähe saß und Wein trank. Eine Frau las eine Nachricht aus ihrem Smartphone vor: »Achtung, Achtung! Ein Mann hat am Sonntagvormittag in Oppenau mehrere Polizisten entwaffnet. Bitte bleiben Sie zu Hause und meiden Sie den Wald! Der Täter ist noch flüchtig.« Ich drehte mich zu ihnen und fragte, wo Oppenau liegt.

»Gleich hinter Bad Peterstal, ein paar Kilometer von hier. Aber mach dir keine Sorgen, meine Freundin leitet mir öfter Fake News weiter. Im Schwarzwald passiert sowas doch nicht.«

Ich wurde zum Wein eingeladen, lehnte dankend ab und machte mich wieder auf den Weg. Begleitet wurde ich vom süßen Duft der Heidelbeeren. Wohin ich auch schaute, überall wuchsen die Sträucher mit den kleinen Beeren. Ich bekam nicht genug davon. Ich fragte einen Spaziergänger, der neben mir schlemmte, ob man sich wegen des Fuchsbandwurms Sorgen machen müsste.

»Ich esse seit über 50 Jahren jedes Jahr den halben Wald leer und mir geht es blendend!«

Ich hatte dennoch den Drang, danach zu googlen. Aber weiß Google mehr als die Einheimischen?

Auf der Alexanderschanze, dem nächsten Pass, kamen mir drei Franzosen entgegen, die mich fragten, wo sie Wasser finden konnten. Ich musste sie enttäuschen. Tatsächlich hatte ich selbst fast keins mehr, da den ganzen Tag über keine Möglichkeit zum Auffüllen kam. Die meisten Bäche waren komplett ausgetrocknet und aus vielen Brunnen tropfte es nur noch. Sie beschlossen, zur Hütte zu gehen, an der ich die Nacht verbracht hatte. Nach einer weiteren halben Stunde durch einen dichten Wald kam ich an eine Landstraße. Hier wurde meine Wanderung jäh unterbrochen. Mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten standen neben ihrem Wagen, der die Straße blockierte. Sofort war die Nachricht vom Mittag wieder präsent. Also war da doch etwas dran. Ich ging auf die Beamten zu und fragte was los ist.

»Haben Sie nichts mitbekommen? Ein Mann ist schwer bewaffnet hier im Wald unterwegs. Ich rate Ihnen dringend, heute nicht mehr weiterzugehen.«

Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf. Was sollte ich denn jetzt machen? Mein Zelt konnte ich hier sicherlich nicht aufschlagen. Ich bedankte mich bei den Polizisten und drehte mich um. Da fiel mir ein Haus an der Straße auf, das wie ein Hotel aussah. Ich steuerte es an und traute meinen Augen nicht. Mit großen Buchstaben stand »Zuflucht« an der Fassade geschrieben. Wenn das mal kein eindeutiges Zeichen war. Ich fragte nach einem Zimmer und war heilfroh, dass ich spontan noch eins bekam. Ich konnte es nicht glauben. Da wanderte man einmal durch den Schwarzwald und genau dann passierte so etwas. Vom Fenster aus sah ich, wie mehrere Helikopter über den Wald flogen. Im nächsten Moment rauschten etwa ein Dutzend Polizeibusse mit Blaulicht und Sirenen vorbei. Die Lage schien ernst zu sein. Ich war froh um meine Zuflucht und kostete all die Annehmlichkeiten aus. Erst war es mal wieder an der Zeit, meine Wäsche zu waschen, die das Wasser im Becken schwarz färbte. Dann gönnte ich mir eine wohltuende Dusche, die ich am liebsten nie wieder verlassen hätte. Ein unglaubliches Gefühl. Tiefenentspannt rief ich zu Hause an, um ein Lebenszeichen von mir zu geben. Die Medien waren voll von hollywoodreifen Storys aus dem Schwarzwald. Im Wald würde er leben, womöglich in einer Höhle, nur mit Pfeil und Bogen hätte er die Polizisten entwaffnet – Ich wollte mir erstmal keine Gedanken machen, wie es weiterging und einfach eine ruhige Nacht im himmlisch weichen Bett verbringen.

13.07.2020 | Ochsenstall

Nur schwer konnte ich mich von der wärmenden Bettdecke trennen. Wer wusste schon, wann ich wieder in diesen Genuss kommen würde. Der Bewaffnete war noch immer unterwegs. Ich beschloss, die ersten Meter zu wandern und dann zu entscheiden, ob ich weitergehen oder den Bus nehmen würde. Es kamen mir einige Touristen entgegen. Die meisten hatten von dem Ereignis gehört, es jedoch nicht mit der Region in Verbindung gebracht. Der Weg war recht breit und es ging häufiger durch offenes Land statt durch Wälder. Ich fühlte mich einigermaßen wohl und ging weiter. Nach etwa einer Stunde machte ich eine Pause mit einem jungen Wanderer. Er trug wie der Gesuchte Tarnkleidung. »Vielleicht ist es besser, wenn du dich umziehst«, riet ich ihm.

Wir saßen auf dem 1.054 Meter hohen Schliffkopf, der im Nationalpark des Schwarzwaldes liegt. Umgeben ist die Erhöhung von der Grindenfläche, einer fast baumfreien Bergheide. Die einst dichten Wälder wurden hier im Mittelalter gerodet, um den Holzbedarf zu decken und Weideflächen zu schaffen. Heutzutage versucht man die Grinden zu erhalten, da sie über die Jahrhunderte zum Lebensraum seltener Vogel- und Insektenarten wurden. Ich war froh um den offenen Raum, da sich hier keine bewaffneten Menschen verstecken konnten. Immer wieder erwischte ich mich dabei, wie ich links und rechts die Umgebung absuchte. War es leichtsinnig, hier zu wandern? Es fiel mir schwer, die Landschaft und das Sommerwetter zu genießen. Immer wieder schweiften die Gedanken ab. Wie würde ich reagieren, wenn er plötzlich vor mir stehen würde? Am Nachmittag blieb mir das Herz stehen, als mir ein Mann in Tarnkleidung entgegen kam, bei dem zwei Holzstöcke aus dem Rucksack schauten. Erst ein paar Sekunden später konnte ich beruhigt aufatmen, als ich seine Frau entdeckte, die mit ihrem weißen, überdimensionalen Sommerhut hinterherdackelte.

Ich schaffte es inzwischen täglich, mich zu verlaufen. So auch an diesem Tag. Keine Spur von der roten Raute. Ich fragte Passanten, ob ich nicht einfach weitergehen konnte, um zum Mummelsee, meinem nächsten Ziel, zu gelangen. Das war tatsächlich der Fall und ich war froh, nicht umkehren zu müssen. Nichts ist schlimmer als umzukehren. Da gehe ich lieber ein paar zusätzliche Meter. Der Umweg stellte sich als wundervoller Panoramaweg heraus. Da hatte sich die Unachtsamkeit doch mal gelohnt. Ein Helikopter flog vorbei, drehte plötzlich und steuerte mich an. »Mich sucht ihr nicht!«, versuchte ich ihnen klarzumachen. Er drehte ab und ich war erleichtert.

Am entzückenden Mummelsee, wo es voller Touristen war, gönnte ich mir einen Kartoffelsalat, der schrecklich schmeckte. Auf die Kalorien wollte ich jedoch nicht verzichten und aß ihn am See mit Blick auf die Hornisgrinde, dem höchsten Berg im Nordschwarzwald. Gestärkt ging es den steilen Pfad nach oben. Gegen 17 Uhr wurde es wieder erbarmungslos heiß. Erst auf der Wanderung wurde mir bewusst, dass die klassische Mittagshitze ein Mythos ist. Zwar hat die Sonne während der Sommerzeit kurz nach 13 Uhr ihren Höchststand, doch die Luft und auch der Boden erwärmen sich weiter. Die abgegebene Hitze, gemeinsam mit der immer noch starken Sonne, ergeben so die Höchsttemperaturen zwischen 16 und 18 Uhr. Meine Schweißdrüsen konnten das bestätigen.

Auf dem Gipfel war keine Menschenseele unterwegs. Hier ergab sich auch wieder dasselbe Bild wie auf dem Schliffkopf: Wenige Bäume und viele Heideflächen. Ich wanderte den zwei Kilometer langen Gipfelrücken entlang und war häufig in Versuchung, mein Zelt auf den perfekten Flächen mit atemberaubender Aussicht aufzustellen. Doch die Atmosphäre auf dem Berg hatte etwas Unheimliches. Lag es an der Stille, die nur durch den Wind unterbrochen wurde oder an den Moorflächen, die hier oben ebenfalls zu finden waren? Wie dem auch sei, die Vorstellung, mich hier nachts aufzuhalten, immer mit dem Flüchtigen im Hinterkopf, war nicht gerade verlockend. Als ein weiterer Helikopter über mich hinweg flog, war die Sache beschlossen. Nicht, dass nachts noch das Spezialeinsatzkommando mein Zelt stürmte. Nach nur etwa 100 Meter Abstieg kam ich am Ochsenstall vorbei, wo ich direkt eincheckte. Nein, ich schlug mein Lager nicht neben Ochsen auf. So heißt eine geschichtsträchtige Unterkunft, die für mich genau an der richtigen Stelle lag.

---ENDE DER LESEPROBE---