25 Jahre Schmiere - Werner Klockow - E-Book

25 Jahre Schmiere E-Book

Werner Klockow

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Beschreibung

Mit scharfem Blick auf das deutsche Stadttheatersystem, Lust an präziser Beschreibung, Liebe zur Pointe und feiner Selbstironie hat Werner Klockow fünfundzwanzig Jahre seines Schauspielerlebens zum Roman verwoben. Er lässt uns teilhaben am anstrengenden, absurden, tragischen, schmerzhaften, manchmal peinlichen, manchmal herrlichen Alltag auf den (Probe-)Bühnen der Republik und skizziert ganz nebenbei einen Teil der Kulturlandschaft Deutschlands in den 80er und 90er Jahren.

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Seitenzahl: 391

Veröffentlichungsjahr: 2019

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GURMYŽSKAJA Ich war ohne Schutz, mein Gut heruntergekommen; ich hatte gedacht, die Verwaltung meinem Neffen zu übertragen, aber er hat mich schwer, schwer enttäuscht … Wissen Sie, welche Karriere er sich ausgesucht hat? Er ist Provinzschauspieler …

MILONOV Entsetzlich, entsetzlich, entsetzlich!

BODAEV Was ist?

BULANOV Ihr Neffe …

BODAEV Ah! Das geht mich nichts an.

GURMYŽSKAJA Er führt ein schrecklich lasterhaftes Leben. Er ist hier, bei mir; Sie können ihn sehen.

(Alexander Ostrówski „Der Wald“, fünfter Akt, achter Auftritt)

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Kapitel 76

Kapitel 77

Kapitel 78

Kapitel 79

Kapitel 80

Kapitel 81

Kapitel 82

Kapitel 83

Kapitel 84

Kapitel 85

Kapitel 86

Kapitel 87

Kapitel 88

Kapitel 89

Kapitel 90

Kapitel 91

Kapitel 92

Kapitel 93

Kapitel 94

Kapitel 95

Kapitel 96

Kapitel 97

Kapitel 98

Kapitel 99

Kapitel 100

Kapitel 101

Kapitel 102

Kapitel 103

Kapitel 104

Kapitel 105

Kapitel 106

Kapitel 107

Kapitel 108

Kapitel 109

Kapitel 110

Kapitel 111

Kapitel 112

Kapitel 113

Kapitel 114

Kapitel 115

Kapitel 116

Kapitel 117

Kapitel 118

Kapitel 119

Kapitel 120

Kapitel 121

Kapitel 122

Kapitel 123

Kapitel 124

Kapitel 125

Kapitel 126

Kapitel 127

Kapitel 128

Kapitel 129

Kapitel 130

Kapitel 131

Kapitel 132

Kapitel 133

Kapitel 134

Kapitel 135

Kapitel 136

Kapitel 137

Kapitel 138

Kapitel 139

Kapitel 140

Kapitel 141

Kapitel 142

Kapitel 143

Kapitel 144

Kapitel 145

Kapitel 146

Kapitel 147

Kapitel 148

Kapitel 149

Kapitel 150

Kapitel 151

Kapitel 152

Kapitel 153

Kapitel 154

Kapitel 155

Kapitel 156

Kapitel 157

Kapitel 158

Kapitel 159

Kapitel 160

Kapitel 161

Kapitel 162

Kapitel 163

Kapitel 164

Kapitel 165

Kapitel 166

Kapitel 167

Kapitel 168

Kapitel 169

Kapitel 170

Kapitel 171

Kapitel 172

Kapitel 173

Kapitel 174

Kapitel 175

Kapitel 176

Kapitel 177

Kapitel 178

Kapitel 179

Kapitel 180

Kapitel 181

Kapitel 182

Kapitel 183

Kapitel 184

Kapitel 185

1

Im Januar 2006 hatte ich fünfundzwanzigjähriges Bühnenjubiläum. Ich war am Theater Pforzheim engagiert, und meine Jubiläumsvorstellung hieß Der Lebkuchenmann. In diesem so genannten Kindermusical spielte ich die Titelrolle, allerdings nur als Zweitbesetzung.

Der Lebkuchenmann war der Held eines Küchenschranks, dessen Bewohner in der Nacht zum Leben erwachten. Er rettete den heiseren Herrn Kuckuck vor dem Mülleimer, in den ihn die Menschen mitsamt seiner Kuckucksuhr stecken wollten, versöhnte die verbitterte alte Frau Teebeutel, flirtete mit Fräulein Pfeffer, der schlanken Pfeffermühle, und sperrte den gemeinsamen Feind Flitsch die Maus, genannt Gamasche, in sein Mauseloch.

Ich trug ein lebkuchenbraunes Kostüm mit wulstartigen weißen Applikationen, die an Zuckerguss erinnern sollten. Mein Gesicht war grell geschminkt, und aus meiner Perücke ragten bunte Pfeifenreiniger. Ich sang:

Frisch gebacken bin ich, an mir ist alles dran,

hey hey, bin der Lebkuchenmann

und kletterte in abenteuerlicher Weise auf dem riesigen Küchenschrank-Bühnengerüst herum. Der Kollege, der den Lebkuchenmann in der Erstbesetzung spielte, war halb so alt wie ich. Er fand das Küchenschrank-Geturne „nicht unanstrengend“, immerhin, während ich, besonders nach den Doppelvorstellungen, am Ende meiner Kräfte war und mich kaum noch bewegen konnte.

Während meiner Jubiläumsvorstellung kam ich auf dem überdimensionalen Teller, der später vor Flitschs Mauseloch gerollt wurde, ins Stolpern und verlor dabei meine Perücke. Die Kinder im Publikum pfiffen und johlten, weil ich plötzlich nicht mehr der quicke, sympathische Lebkuchenmann war, sondern nur noch ein alter, glatzköpfiger Clown, der nach seiner Perücke grabschte und mühsam versuchte, sich aufzurappeln.

„Ach, lieber Lebkuchenmann, du gefällst mir eigentlich auch so“, improvisierte das fesche Fräulein Pfeffer, während sie mir half, die Perücke wieder halbwegs gerade auf meinen Kopf zu bekommen.

„Lebkuchenmann, Glatzenmann!“ schrien die Kinder im Chor. Ich bemühte mich, weiterzuspielen, aber seine Strahlkraft gewann der Lebkuchenmann an diesem Vormittag nicht mehr zurück. Wenigstens wurde ich nicht ausgebuht.

Dass diese Vorstellung eine ganz besondere für mich war, verriet ich niemandem.

2

Fünfundzwanzig Jahre zurück.

„Zoogeschichte, Theater an der Marschnerstraße, 20 Uhr, bitte pünktlich erscheinen!“ hatte mir meine Freundin Gesa am 17. Januar 1981 in den Kalender geschrieben. An diesem Tag, einem Samstag, hatte ich meinen ersten öffentlichen Auftritt. Ich debütierte als Peter in Edward Albees Zoogeschichte in einer Veranstaltung namens „Querschnitt“. So hieß die alljährliche Leistungsschau des Bühnenstudio Lilly Kupfer, der Schauspielschule, an der ich zwei Jahre verbracht hatte.

Eigentlich war ich, nachdem ich im Herbst 1980 durch die Zwischenprüfung gesegelt war, gar nicht mehr auf der Schule, aber sie hatten außer der Zoogeschichte, an der wir schon ziemlich lange herumprobiert hatten, nichts anderes für die Schauspielabteilung des ansonsten musical- und pantomimenbestückten „Querschnitts“. So wurde ich als gescheiterter, taxifahrender Externer noch einmal requiriert.

Mein Partner war Mick Werup aus dem Jahrgang über mir. In Wirklichkeit hieß er nicht Mick, sondern Jürgen. Seine Ähnlichkeit mit Mick Jagger war aber augenfällig, deshalb ging „Mick“ als Künstlername in Ordnung. Er machte später Karriere in der Fernsehserie Diese Drombuschs.

Hans Anschütz studierte die Zoogeschichte mit uns ein. Er war Schauspiellehrer und altgedientes Mitglied des Thalia-Theaters, aber meist nur in kleinen Rollen zu sehen, weshalb ihm viel Zeit zum Unterrichten blieb. Er galt als konventionell und langweilig. Wendt Jungmann, der andere Schauspiellehrer, trug vorzugsweise Lederklamotten, war brillant, schwul und extrovertiert. Er spielte seinen Schülern ihre Rollen dermaßen fulminant vor, dass sie Minderwertigkeitsgefühle bekamen und häufig dachten: „So gut wie Wendt werde ich das nie können“. Dabei hatte Wendt Jungmann nie an einem Theater gespielt, sondern war fast übergangslos von der Schülerschaft in den Lehrkörper des Bühnenstudio Lilly Kupfer gewechselt.

Hans Anschütz spielte nur selten vor. Meistens saß er auf dem Sofa im Unterrichtsraum, schaute sich an, was seine Schüler vor ihm veranstalteten, sagte vielleicht das eine oder andere dazu, und schälte sich währenddessen eine Birne. Aber er war immerhin Teil der real existierenden Hamburger Theaterlandschaft.

Wir hatten die Zoogeschichte einige Male auf der Probebühne im Thalia-Theater probiert, und schon die beiden auf mich gerichteten mickrigen Scheinwerfer kamen mir als gleißendes Bühnenlicht vor. Umso mehr dann die volle Beleuchtung bei der Vorstellung im Theater an der Marschnerstraße, obwohl auch da nicht viel gewesen sein konnte. Aber ich empfand dieses Licht als ungeheuer, fühlte mich wie auf einem anderen Stern. Hundert oder mehr Menschen schauten mir zu, ich spürte ihre Anwesenheit, obwohl ich geblendet war und nur in ein dunkles Loch sah. Adrenalin überflutete mein Blut, und ich hörte meine Stimme, die plötzlich nicht mehr wattig und klein war, sondern laut und tragfähig klang. All das versetzte mich in einen unbeschreiblichen Zustand. Ich war illuminiert, im buchstäblichen Sinn.

Nach der Aufführung wurde bei einem Griechen in der Nähe gefeiert; vielleicht hieß er wirklich Dionysos, ich war jedenfalls doppelt berauscht: von meiner ersten Bühnenerfahrung und von sehr viel Retsina, der in rötlich-golden schimmernden Metall-Zylindern serviert wurde.

Spät in der Nacht fuhren Gesa und ich mit dem Taxi von Barmbek nach Altona zurück. Es herrschte dichtes Schneetreiben. Während der Fahrt kippte meine Stimmung, ich verbiss mich – ich war ja „vom Fach“ – in die Überzeugung, dass der Fahrer nicht die günstigste Strecke fuhr, das alte Hamburger Taxifahrer-Problem: oben oder unten um die Alster rum, eine Frage, die in den seltensten Fällen eindeutig beantwortet werden konnte. Wahrscheinlich war aber alles in Ordnung, Strecke wie Fahrpreis, und Gesa begriff nicht, was ich plötzlich zu zetern hatte. Zu Hause angekommen, brachen dann alle Dämme; ich schrie herum und regte mich in meiner Besoffenheit immer noch über den Taxifahrer auf.

Die Küche unserer kleinen Wohnung hatte zwei schmale, blau gestrichene Türen. Die eine ging zum winzigen Klo, die andere zu einer Abseite, die als Speisekammer diente. Als mir die Widerworte – vielleicht waren es auch nur Beschwichtigungen – zu viel wurden, packte ich Gesa am Kragen, öffnete die eine blaue Tür und stieß meine Freundin mit den Worten „Geh doch zu deinen Kartoffeln!“ in die Abseite. Dann fiel ich aufs Bett und schlief sofort ein.

Am nächsten Tag hatte ich einen dröhnenden Kater, und unsere Beziehung hing an einem seidenen Faden.

Wir trennten uns dann doch nicht, Gesa verzieh mir die Demütigung, und meine düsteren Worte „Geh doch zu deinen Kartoffeln!“ erreichten mit den Jahren sogar anekdotischen Rang.

3

Trotz der Illumination durch die Aufführung im Theater an der Marschnerstraße war das Thema Schauspielerei zunächst für mich erledigt. Ich bemühte mich nicht im Geringsten, Verbindungen zur Hamburger Theaterszene zu knüpfen, und zu Frau Marks ging ich auch nicht mehr. Dabei war Frau Marks die Sprecherzieherin in Hamburg schlechthin, graue Eminenz, Witwe des berühmten Eduard Marks, des Gründgens-Schauspielers und Mitbegründers der Hamburger Hochschule für darstellende Kunst.

Natürlich hatte ich auch an der Schauspielschule Phonetikunterricht gehabt. Meine Lehrerin hieß Frau Muthesius und stammte aus dem Umfeld des geriatrischen Altonaer Theaters, dessen Publikum nach und nach wegstarb. Sie selbst war jedoch sehr vital und beweglich und machte manchmal plötzlich mitten im Unterricht Sit-ups.

Neben den Einzelstunden, die ich bei Frau Muthesius hatte, gab es den so genannten Ensembleunterricht, der samstagnachmittags stattfand und hauptsächlich darin bestand, dass man sich gegenseitig vorlas, meistens aus Will Quadfliegs Memoiren Wir spielen immer, die ich nicht besonders interessant fand. Trotzdem war diese entspannte Veranstaltung zum Wochenausklang ganz gemütlich. Frau Muthesius lobte hier ein wenig, kritisierte dort ein bisschen, und man sprach auch übers Hamburger Theaterleben, über Aufführungen, die wir gesehen hatten oder über bestimmte Schauspieler. Frau Muthesius liebte Christoph Bantzer wegen seiner glasklaren Artikulation, und sie hasste Ulrich Wildgruber, der für sie der personifizierte Untergang des Abendlandes war und weder sprechen noch sonst etwas könne. Ich hatte Wildgruber gerade als schwitzenden, abfärbenden Othello im Deutschen Schauspielhaus erlebt und war völlig fasziniert: so etwas hatte ich noch nie gesehen und gehört.

Als Frau Muthesius sich eines Nachmittags wieder über ihn ereiferte, wagte ich, ihr entgegenzuhalten, dass ich Ulrich Wildgruber aber gut fände. Frau Muthesius erstarrte. Dann sagte sie sehr liebenswürdig, wobei sie ein leichtes Zittern in ihrer Stimme nicht unterdrücken konnte: „Dann erkläre uns doch mal, lieber Werner, was du an Ulrich Wildgruber so gut findest.“

Sie wies auf den Vorlesestuhl in der Mitte des Raumes.

Ich setzte mich vor meine Mitschüler auf diesen plötzlich sehr unbehaglichen Stuhl und beschrieb, warum ich Wildgruber gut fand, obwohl man Ulrich Wildgruber eigentlich gar nicht beschreiben kann. Daraufhin rannte Frau Muthesius heulend aus dem Zimmer.

Ab diesem Tag hatte ich keinen Phonetikunterricht mehr. Frau Muthesius weigerte sich, mich weiterhin zu unterrichten.

Auf die Dauer war ein Schauspielschüler, der während seiner Ausbildung nicht in der „Kunst des Sprechens“ unterwiesen wurde, ein Unding. Frau Geiß fand das auch. Sie war meine steinalte Gesangslehrerin, die selbst nicht mehr singen, aber sehr gut vermitteln konnte, wie Singen funktionierte. Frau Geiß mochte mich und empfahl mich ihrer Freundin Anne Marks. Es war eine große Ehre und durchaus nicht selbstverständlich, von der berühmten, beinahe schon legendären Frau Marks unterrichtet zu werden, aber sie fand, dass ich ein interessantes „Metall“ in der Stimme habe und nahm mich.

Frau Marks wohnte im Eppendorfer Weg. Sie saß, während sie unterrichtete, in einem bequemen Sessel mit einer Decke über den Knien. Weil sie trotzdem ständig fror, stand neben ihrem Sessel eine elektrische Heizrippe. Im Lauf der Stunden, die ich bei ihr hatte, legte sie ein Heft mit Stimm- und Sprachübungen für mich an, mit denen ich bis heute arbeite. Mindestens ebenso wichtig wie die technischen Übungen aber war, was sie gesprächsweise und quasi en passant in den Unterricht einfließen ließ: mehr als ein halbes Jahrhundert gelebte Theatergeschichte. Frau Marks war damals schon über achtzig; kurz zuvor war ihr Mann gestorben, aber sie verfiel nicht, wie einige befürchtet hatten, sondern startete noch einmal richtig durch. Denn so anerkannt sie als Sprecherzieherin auch war: sie hatte die ganzen Jahre im Schatten von Eduard Marks gestanden (als Kind hatte ich Märchenschallplatten gehört, die er besprochen hatte) und ihre eigene schauspielerische Karriere ruhen lassen. Sie zog die gemeinsamen Kinder groß und war, immerhin, eine anerkannte Sprachpädagogin. Nun, da „Edu“ tot war, durfte sie endlich wieder auf die Bühne und spielte an den Hamburger Theatern große Altersrollen. Es sei herrlich, auf einer Bühne zu stehen, antwortete sie auf meine Frage, warum sie Schauspielerin sei, und gab mir als Aufgabe den Prolog aus Shakespeares König Heinrich V.:

O eine Feuermuse, die hinan

Den hellsten Himmel der Erfindung stiege!

So begeisternd, so an die Imaginationskraft des Zuschauers appellierend und gleichzeitig so charmant-tiefstapelnd wie dieser Shakespeare-Prolog, müsse ein Schauspieler sein:

Diese Hahnengrube,

Fasst sie die Ebenen Frankreichs? Stopft man wohl

In dieses O von Holz die Helme nur,

Wovor bei Agincourt die Luft erbebt?

O so verzeiht, weil ja in engem Raum

Ein krummer Zug für Millionen zeugt

Und lasst uns, Nullen dieser großen Summe

Auf Eure einbildsamen Kräfte wirken.

Ulrich Wildgruber wurde übrigens auch von Frau Marks vehement abgelehnt, allerdings nicht derart hasserfüllt wie von Frau Muthesius, und diesmal hielt ich einfach den Mund.

Ein fleißiger Schüler war ich nie, und eigentlich verstand ich nicht, warum Frau Marks mich nicht bald wieder rauswarf. Aber das erübrigte sich nach der Premiere von Die Zoogeschichte ohnehin, denn ich rief sie nicht mehr an, um neue Termine zu vereinbaren. Ich fuhr Taxi, sonst nichts; Tage und Nächte verschwammen ineinander, rutschten einfach so durch. Ich fuhr meistens nachts, schlief schlecht, und nach dem Aufwachen fühlte ich mich dröhnig und dumpf.

Nachmittags stieg der Adrenalinspiegel, die nächste Schicht nahte, vor der ich so aufgeregt war wie heute vor einer Vorstellung. Nach der Arbeit ging ich noch ein paar Bier trinken, meist im Lallebei hinterm Pferdemarkt. Dann stellte ich die Taxe ab und fuhr mit einer der ersten SBahnen zum Altonaer Bahnhof. Gesa wachte manchmal auf, wenn ich nach Hause kam, und wir vögelten ein wenig im Morgengrauen. Mir sirrte noch der Kopf vom Taxifahren, ich war gleichzeitig müde und überreizt; so war auch unser Geschlechtsleben zu dieser Zeit kaum mehr als vegetativ.

Die einzige Verbindung zur Theaterwelt, die ich noch hatte, war die vage Option auf eine zweite Vorstellung der Zoogeschichte im Theater Wedel, die im Juni stattfinden sollte. Tatsächlich kam dieser Termin, den Hans Anschütz irgendwie angeschoben hatte, zustande. Die Vorstellung war bei weitem nicht so aufwühlend wie die Premiere, aber danach sprach mich ein Schauspieler namens Gerd Samariter an, den ich flüchtig kannte: ob ich interessiert sei, in Der trojanische Krieg findet nicht statt von Jean Giraudoux mitzuspielen. Es handele sich um eine Produktion des Tourneetheaters Siegfried Rahner, was ein kleines, aber sehr reelles Unternehmen sei, mit dem er persönlich gute Erfahrungen gemacht habe. „Hast du eigentlich einen Führerschein?“ fragte Samariter.

„Ja – wieso?“

„Nur so. Aber ich könnte mir vorstellen, dass Rahner dir ein Angebot macht“, meinte er.

4

Ein paar Tage später besuchte ich Siegfried Rahner, den Prinzipal des Theaters, das seinen Namen trug, in seinem Haus in Hamburg-Wellingsbüttel. Er sah wirklich aus wie ein Prinzipal: schwere Statur, weißer, kurzer Vollbart; seine Stimme klang sehr sonor. Herr Rahner erklärte mir, dass seine Inszenierungen von hoher Qualität seien und kein Dreck wie die von Peter Zadek. Das sei auch der Grund, weshalb er von den Kulturämtern gerade kleinerer Städte immer wieder gebucht werde.

„Also – wenn Sie wollen, können Sie bei mir in Der trojanische Krieg findet nicht statt den Hektor spielen. Ich zahle Ihnen achtzig Mark pro Abend. Vorsprechen müssen Sie nicht, Herr Samariter hat Sie empfohlen, das reicht mir.“

Ich kannte das Stück nicht und hatte keine Ahnung, ob Hektor eine eher kleine oder eine eher große Rolle war. Aber ich wollte mir nicht die Blöße geben nachzufragen, sondern bemängelte stattdessen hochprofessionell, dass achtzig Mark Abendgage nicht gerade üppig seien. „Da kommt unterm Strich schon einiges zusammen, denn es wird sehr viele Vorstellungen geben“, beruhigte mich Herr Rahner. „Können Sie übrigens Auto fahren?“

„Ich bin sogar Taxifahrer“, antwortete ich nicht ohne Stolz.

„Das trifft sich gut!“ sagte Herr Rahner freudig. „Dann können Sie ja auch den Tourneebus fahren.“

Vermutlich meinte er den alten, blassroten Mercedes-Sechzehnsitzer, der vor dem Haus in der Einfahrt stand. Deshalb also hatte Gerd Samariter nach meinem Führerschein gefragt.

„Den Tourneebus fahren? Ja, warum nicht, das kann ich mir gut vorstellen“, antwortete ich. In Wirklichkeit wurde mir mulmig bei dem Gedanken, eine komplette Schauspieltruppe bei Nacht und Nebel, Regen und Schnee durch die Gegend zu kutschieren.

„Sie brauchen sich nicht sofort entscheiden“, meinte Herr Rahner. „Von meiner Seite geht aber alles in Ordnung.“ Er übereichte mir ein sehr vergilbtes Textbuch von Der trojanische Krieg findet nicht statt, und ich verabschiedete mich.

Bevor ich gar nichts machte und vollends den Anschluss verlor, würde ich natürlich Der trojanische Krieg findet nicht statt beim Tourneetheater Rahner spielen, zumal sich beim Lesen des Stücks herausstellte, dass Hektor die männliche Hauptrolle war. Und den Bus würde ich, wenn es sein musste, auch fahren. Beides – eine so große Rolle bei meinen mangelhaften Voraussetzungen anzunehmen und später auch noch ein knappes Dutzend Theaterschaffende von Ort zu Ort zu chauffieren – war im Grunde völlig verantwortungslos.

Ich schob die Zusage aber noch etwas hinaus, was sich als richtig erwies, denn Hans Anschütz rief an: „Das Thalia Theater besetzt gerade das Weihnachtsstück Peter Pan. Ich habe Knut Hinz von der Zoogeschichte erzählt, meldet euch mal bei ihm!“

Knut Hinz war der Regisseur von Peter Pan, und ein paar Tage später spielten Mick und ich ihm auf der Probebühne des Thalia-Theaters, die wir nun schon kannten, einen Ausschnitt aus der Zoogeschichte vor. Knut Hinz fand unsere Darbietung „stark“ und meinte, eine kleine Rolle – Seeräuber oder Indianer – sei in Peter Pan sicher für uns drin.

„Das ist, was mich betrifft, ein Missverständnis“, meinte Mick. „Ich dachte eigentlich eher an die Titelrolle.“ Er hatte zu dieser Zeit bereits seinen ersten Fernsehfilm gedreht, war also schon ein bisschen berühmt.

„Peter Pan? Ach so.“ Knut Hinz schüttelte den Kopf. „Du bist zweifellos eine sehr passende Besetzung, aber ich habe mich schon für einen anderen Schauspieler entschieden. Tut mir leid.“

Damit war Mick raus aus Peter Pan. Ich jedoch war sehr glücklich über die Rolle, die Knut Hinz mir antrug: den Seeräuber Starkey. Nicht gerade der hellste Kopf der ohnehin ziemlich tölpelhaften Seeräubertruppe und im Rang weit unter Käpt’n Haken oder Bootsmann Smy. Ich zählte meine Sätze, als ich das Textbuch bekam: es waren ungefähr zehn.

Trotzdem stand außer Frage, dass ich Herrn Rahner absagen musste. Er war sehr kühl am Telefon, musste mir aber zustimmen, dass man ein Angebot vom Thalia Theater nicht ausschlagen sollte; immerhin sei ich nicht am Schmutzfinkentheater Deutsches Schauspielhaus gelandet.

5

Am Thalia Theater versuchte ich mir während Peter Pan abzugucken, was „richtige“ Schauspieler so tun und wie sie sich auf und hinter der Bühne verhalten. So war es zum Beispiel in der Pause üblich, in der Kantine schnell einen Underberg zu kippen. Nicht alle taten das, aber ich wollte, ähnlich wie früher in meiner Heimatstadt Lippstadt, zu denen gehören, die „was vertragen“.

Aber mich beeindruckte auch die Schauspielerin, die Frau Darling verkörperte, die Mutter von Wendy, John und Michael. Während einer so genannten „technischen Probe“, bei der es hauptsächlich auf flüssige Handlungsabläufe ankam, koordinierte sie eine Vielzahl von Aktionen scheinbar mühelos mit ihrem nicht unbeträchtlichen Text; das hatte ich in dieser Professionalität noch nicht erlebt.

Die wichtigen Figuren der Piratencombo waren, wie gesagt, der despotische Kapitän Haken und der große, dicke Bootsmann Smy. Weit darunter rangierte das Fußvolk, soweit man das bei Piraten sagen kann. Oliver Bonin war dabei, der einige Jahre zuvor eine Nachwuchshoffnung am Hamburger Schauspielhaus gewesen war, dann sehr krank wurde und jetzt am Thalia Theater im Piratenboot einen Neustart versuchte. Er wurde 1983 nach Kiel engagiert, wo er fast dreißig Jahre blieb. Sein Engagement fasste er als permanenten Irrtum des Schicksals auf. Die ganzen Jahre blieb er in Hamburg wohnen und nahm sich in Kiel nicht mal ein Zimmer, weil er in seinem Selbstverständnis nach wie vor ein „Hamburger Schauspieler“ war. Ich begegnete Oliver Bonin 1985 wieder, als ich in Schleswig engagiert war und er wegen eines anderen Kollegen zu einer Premiere kam. Mich erkannte er zunächst nicht. Es dauerte einen Moment, bis ihm einfiel, dass wir vor nicht allzu langer Zeit buchstäblich im selben Boot gesessen hatten.

„Wie lange bist du denn schon in Schleswig?“ fragte er.

„Zwei Jahre“, antwortete ich.

Oliver zog die Augenbrauen hoch: „Dann wird es aber höchste Zeit, dass du hier wegkommst!“

Als ich mehr als zwanzig Jahre später selbst nach Kiel engagiert wurde, war Oliver Bonin immer noch da.

Mit Abstand das verrückteste Mitglied der Piratencrew war Heinz Badtke. Er war ein wildes Rummelplatzkind, konnte Feuer schlucken, jonglieren und auf Geländern balancieren. Schauspieler im eigentlichen Sinne war er nicht, dafür hatte er aber in ungewöhnlichen Jobs gearbeitet, etwa beim Autobahnbau, wo er mit einem Metalldetektor Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg aufspüren musste. Wenn er als Seeräuber mit den Indianern kämpfte, mussten diese um ihr Leben fürchten, denn Heinz Badtke meinte es immer bitterernst. Unser Kampfchoreograph hatte Mühe, ihm wenigstens annähernd ein So-tun-als-ob beizubringen.

Ganz wichtig, eigentlich wichtiger als das Theaterspielen, waren für meine Kollegen, zumindest für die, die schon länger dabei waren, die „Geschäfte“. Sie hatten Drehtage, sprachen für den Norddeutschen Rundfunk, machten Werbung. Auch ich bekam das Gefühl, als würden mir ab jetzt die gebratenen Tauben nur so in den Mund fliegen: ohne dass ich mich besonders bemüht hätte, hatte ich auf einmal drei Drehtage für die Fernsehserie Der blinde Richter. Der Produzent hatte Peter Pan gesehen und die Seeräuber entzückend gefunden.

Die Serie Der blinde Richter spielte im achtzehnten Jahrhundert, die Titelfigur, eigentlich eher ein Detektiv, war zwar blind, aber von hoher Intuition. Ich war ein diebischer herrschaftlicher Diener, dem der Richter natürlich auf die Schliche kam.

Am dritten Drehtag fiel mir auf, dass ich in den für diesen Tag geplanten Szenen gar nicht vorkam. Ich versuchte ein paar Mal, darauf hinzuweisen, aber die Produktionssekretärin meinte: „Das ist schon in Ordnung so. Wir brauchen Sie für den Hintergrund.“ Einen halben Tag hing ich in meinem Dienerkostüm am Drehort in Lüneburg herum und wartete auf meinen Auftritt, bis der Aufnahmeleiter plötzlich sagte: „Das ist ja alles Quatsch. Sie können natürlich nach Hause fahren.“ Meine volle Gage bekam ich trotzdem.

Als sich Peter Pan dem Ende näherte, war ich davon überzeugt, dass mich Peter Striebeck, der Thalia-Intendant, fragen würde, ob ich nicht fest in sein Ensemble kommen wolle. Aber noch wahrscheinlicher schien mir, dass sich vorher das Deutsche Schauspielhaus bei mir melden würde.

Zu meiner Überraschung ereignete sich weder das eine noch das andere. Einer Dauerexistenz als Hamburger Taxifahrer stand nichts mehr im Weg.

Ich fahr' Taxi ich fahr' Taxi Tag und Nacht.

Der Job ist so mies doch ich brauch' den Kies.

(Jawoll – Neue Deutsche Welle-Band)

6

Heiligabend war eine der lukrativsten Taxi-Schichten im Jahr neben Silvester und der Nacht zum ersten Mai. Gar nicht so sehr wegen des Fahrgastaufkommens; zwischendurch, wenn alle beim Abendessen und später beim Geschenkeauspacken waren, war sogar ziemlich tote Hose, aber weil eben Weihnachten war, fielen die Trinkgelder so üppig aus wie sonst nie.

Ich hatte meine Taxe bei Taxi-Schmidt in Hamburg-Lokstedt abgeholt. Taxi-Schmidt hatte selbst für die begehrtesten Schichten immer noch eine seiner abgelebten Uralt-Taxen in der Ecke stehen, wenn bei Franzke und Partner, meinem anderen Arbeitgeber, schon längst kein Wagen mehr zu kriegen war. Solange man einen bestimmten Kilometerschnitt nicht unterschritt, nahm es Taxi-Schmidt mit der Abrechnung nicht so genau, man konnte also genügend „Sieger“ fahren, soll heißen, das Taxameter blieb ausgeschaltet. Taxi-Schmidt betrog dafür, wie alle Taxiunternehmer, das Finanzamt. Bei Franzke und Partner schummelte ich nur in Maßen, denn das war eine ganz kleine Firma mit nur drei Taxen, und ich stand in fast freundschaftlicher Beziehung mit den Inhabern.

Für Taxi-Schmidt-Verhältnisse hatte ich einen akzeptablen Wagen abbekommen: einen relativ neuen Opel-Rekord, der zwar schon klapperte, dafür aber wendig und einigermaßen flott war. Gefürchtet waren die alten, untermotorisierten Mercedes 200-D-Automatik, mit denen man, besonders an kalten Wintertagen, überhaupt nicht vom Fleck kam. Nicht ohne Grund wurde dieser Mercedes in Fachkreisen auch „Wanderdüne“ genannt.

So gegen acht Uhr stand ich mit meinem Zwo-Doppelfünf – das war die Funknummer, unter der ich mich meldete und gerufen wurde – am Pferdemarkt, meinem Stamm- und Lieblingsposten. Der Pferdemarkt war die Schnittstelle zwischen Altona, Schanzenviertel und St. Pauli, hier saß man, was Funktouren anging, wie die Spinne im Zentrum des Netzes, und hier kannte ich mich auch am besten aus.

Es war nicht viel los, im Funk hörte man höchstens „Eins-Acht-Sieben mit Vier-Zwo-Fünf zum Kaffee?“ oder Ähnliches. Ich war nicht ganz frei von einer gewissen weihnachtlichen Wehmut. Obwohl es meine freie Entscheidung gewesen war, an Heiligabend Taxi zu fahren – ein bisschen merkwürdig blieb es doch, und von den Fahrgästen wurde ich bemitleidet, weil sie hinter dem Umstand, dass jemand an Heiligabend Taxi fuhr, irgendeine Tragödie vermuteten, Trennung, Einsamkeit und Schlimmeres, was sich aber wiederum positiv aufs Trinkgeld auswirkte.

„Posten Schellfisch“, sagte die Funkerin. „Bereich Schellfisch. Fischmarkt. Für den Fischmarkt.“ Ich überlegte, ob ich die Tour annehmen sollte; bis zum Fischmarkt waren es keine fünf Minuten vom Pferdemarkt, andererseits war ich mittlerweile auf die zweite Position vorgerückt und sowieso gleich weg.

„Fischmarkt. Zehn Minuten. Wer macht das bitte?“ bettelte die Funkerin. Seltsamerweise nahm der Wagen vor mir die Tour an. „Zwo-Drei-Acht Fischmarkt vierzehn, die ‚Gaststätte’“, sagte die Funkerin. „Fischmarkt vierzehn Gaststätte Fick“, bestätigte Zwo-Drei-Acht. Den Namen der Kneipe hatte die Funkerin nicht in den Mund nehmen wollen. Gut, dass ich der Versuchung widerstanden hatte: Gaststätte Fick war ein übler Laden und die Tour mit ziemlicher Sicherheit nur eine ärgerliche Kurztour um die nächste Ecke.

Nun stand ich ganz vorn, und auch jetzt noch, nach über zwei Jahren im Taxigeschäft, wurde mein Herzschlag schneller und stärker: Aufregung wegen des nächsten Fahrgastes, der gleich zu mir ins Auto steigen würde.

Es war ein junger Mann um die zwanzig, der die Tür öffnete und sich auf den Beifahrersitz setzte; Sekunden später kam die nächste Funktour – „Pferdemarkt – jemand am Pferdemarkt – wer ist erster am Pferdemarkt?“ –, aber die konnte ich nicht mehr annehmen.

Der junge Mann sah harmlos aus, jedenfalls schien er nicht betrunken zu sein; er trug Jeans, Pullover, Mütze, aber keine Jacke. „N’abend, ich möchte nach Norderstedt, Hochmoorweg“, sagte er.

„Über Alsterkrugchaussee-Langenhorn?“ erkundigte ich mich.

„Ja, genau“, antwortete der junge Mann.

„Sie sagen in Norderstedt, wo genau?“ fragte ich sicherheitshalber noch. Norderstedt war weit draußen, ich kannte dort nicht jede kleine Wohnstraße.

„Meine Eltern zahlen das dann, wenn wir da sind“, sagte der junge Mann, als ich vom Pferdemarkt in Richtung Schulterblatt abgebogen war.

„Ah ja – okay.“

Na wunderbar, dachte ich; gut fand ich das nicht, dass mir jemand ohne Geld ins Auto gestiegen war, ich hatte da so meine Erfahrungen gemacht.

Die Fahrt verlief zügig, in Norderstedt dirigierte mich mein Fahrgast in eine Wohnsiedlung mit, wie man so sagt, „gepflegten“ Einfamilienhäusern. Vor einem dieser Häuser sagte er „Halt!“ und „Moment, ich hole eben das Geld.“ Das Haus war dunkel, der junge Mann ging über die Waschbetonplatten im handtuchgroßen Vorgarten zur Haustür und klingelte. Nichts tat sich. Ich stieg aus, stellte mich neben den jungen Mann vor die Haustür und fragte: „Was jetzt?“

„Die sind aber da“, meinte er. Vielleicht war er doch etwas angetrunken. Er klingelte wieder und klopfte jetzt auch an die Tür, aber niemand machte auf.

„Ich geh mal ums Haus rum“, sagte er, „da komm ich aber mit“, sagte ich, denn langsam kamen mir Zweifel, ob mein Fahrgast beziehungsweise seine Eltern tatsächlich hier wohnten. Vielleicht wollte er sich nur im Schutz der Dunkelheit davonmachen.

Wir gingen durch den Garten an der Schmalseite des Hauses entlang, betraten die Terrasse und standen vor einer strahlend hell erleuchteten Fensterfront, durch die wir in ein riesiges Wohnzimmer schauten. An einem großen Tisch saßen sieben oder acht Personen und aßen, einen reich geschmückten Weihnachtsbaum gab es auch. Wir standen direkt vor der Panoramascheibe, aber die Menschen drinnen schienen uns nicht zu bemerken. „Ist das Ihre Familie?“ fragte ich, der junge Mann bejahte und rief zaghaft: „Hallo, hallo!“ Die Gesellschaft drinnen war weiterhin intensiv mit Essen und Trinken beschäftigt und tat so, als hörte und sähe sie nichts. Das änderte sich auch nicht, als mein Fahrgast begann, gegen die Scheibe zu klopfen, allerdings war allmählich die Anstrengung zu spüren, mit der die Familie ihr Wie-auch-immer-Mitglied krampfhaft zu ignorieren versuchte. Der junge Mann klopfte weiter, trommelte und hämmerte jedoch nicht, sondern blieb irgendwie schüchtern und taktvoll, auch als er rief: „Könnt ihr mal bitte aufmachen, ich brauche etwas Geld!“

Die Tischgesellschaft hörte jetzt immerhin auf zu essen und erstarrte langsam, stierte in ihre Teller und Gläser. Aber niemand machte Anstalten, sich um uns zu kümmern.

„Was machen wir jetzt?“ fragte ich meinen Fahrgast, „weiß nicht“, erwiderte der junge Mann. „Muss ich wohl die Polizei holen“, meinte ich, er widersprach noch nicht einmal, dabei war das gar nicht mein Ernst.

Aber ich klopfte nun auch gegen die Scheibe, und zwar um einiges energischer als mein Fahrgast: „Hallo, ich bin Taxifahrer und kriege noch dreißig Mark!“

Die Familie saß da wie eine marmorne Skulpturengruppe. „Wenn ich mein Geld nicht kriege, hole ich die Polizei“, rief ich und schlug mit der flachen Hand gegen die Scheibe, was richtig Krach machte und das Glas in leichte Schwingungen versetzte. Auch in die Tafelgesellschaft kam endlich Bewegung, man steckte die Köpfe zusammen und beriet sich. Dann erhob sich ein Mann mit einem braunen Schnauzbart, näherte sich der Glasfront und schob die Terrassentür einen kleinen Spalt weit auf. Er würdigte den jungen Mann keines Blickes, schaute dafür mich feindselig an und fragte: „Wie viel kriegen Sie?“

„Dreißig Mark“, antwortete ich.

„Moment!“ sagte der Mann und schob die Terrassentür wieder zu. Er ging zum Tisch zurück, tuschelte mit den anderen, zog ein Portemonnaie aus der Hosentasche, schaute hinein, steckte es wieder weg, jemand anders zückte seine Geldbörse und steckte dem Schnauzbart etwas zu. Der kam zurück, öffnete die Terrassentür zu einem noch engeren Spalt als vorhin und schob einen Zehn- und einen Zwanzigmarkschein durch. „Hier“, sagte er, „danke“, sagte ich und nahm die Scheine. Der Schnauzbart schloss die Tür und setzte sich an das Kopfende des Tisches. Die Gesellschaft versteinerte wieder.

Ich überlegte, ob ich den jungen Mann fragen sollte, was nun werden solle, überlegte sogar, ob ich ihm anbieten sollte, ihn wieder in die Stadt zurückzufahren, aber dann hätte ich ihn wahrscheinlich richtig an der Backe gehabt. „Ja – ich weiß jetzt auch nicht“, sagte ich stattdessen, „ich fahr dann mal wieder – schönen Abend noch, und frohe Weihnachten.“ „Ja, tschüss, und gleichfalls“, sagte der junge Mann und guckte traurig durch die Panoramascheibe ins Wohnzimmer.

7

Im Herbst 1982 gab es eine Neuauflage von Peter Pan am Thalia Theater. Ich durfte noch einmal den Seeräuber Starkey spielen, und Gesa war vom Verlorenen Jungen in Neverland zu Wendys Bruder John aufgestiegen. John nahm im Lauf der Vorstellungen erstaunlich zu. Zunächst wusste nur ich, warum; als Johns Pummeligkeit nicht mehr zu übersehen war, machten wir es öffentlich: Gesa war schwanger.

Wendy wurde in der Peter-Pan-Wiederaufnahme von Dorothee Krings gespielt, mit der wir uns anfreundeten. Dorothee hatte gerade die Hamburger Hochschule für Darstellende Kunst absolviert und bereitete sich darauf vor, an Theatern vorzusprechen. Gesa fand, wir könnten doch Partnerszenen einstudieren und dann gemeinsam zum Vorsprechen fahren. Meine alten Rollen aus der Schauspielschule könne ich bei der Gelegenheit auch auffrischen, bevor ich endgültig im Taxifahrer-Sumpf versänke.

Ich hatte eher das Gefühl, mich gegen diese Vorschläge nicht wehren zu können, als dass ich sie wirklich gut fand. Meine breiige Taxifahrerexistenz reichte mir eigentlich, und dass ich dann doch unter Gesas strengen Augen mit Dorothee Krings Szenen aus Horvaths Kasimir und Karoline einstudierte, hieß noch lange nicht, dass ich mich selbst bei den Theatern bewarb. Aus meinem alten Repertoire kramte ich Kleists Prinz von Homburg wieder hervor:

O meine Mutter, lass mich deine Knie umfassen, Mutter!

O meine Mutter, also sprächst du nicht

Wenn dich der Tod umschauerte, wie mich!

Unerbittlich kritisierte Gesa meine körperlichen Defizite. Ich musste an Berichte von adeligen Liebhaberaufführungen denken, nach denen Aristokraten, die sich im gesellschaftlichen Leben gewandt und geschmeidig bewegten, auf der Theaterbühne plötzlich steif und ungelenk wirkten. Ich war auf der Bühne wie im Leben gleich unkoordiniert und konnte es den Mitgliedern der Paritätischen Prüfungskommission nicht wirklich übel nehmen, dass sie mich bei der Zwischenprüfung einstimmig hatten durchrasseln lassen. Mein schauspielerisches Intermezzo war sowieso ein Missverständnis, denn genau genommen hatte ich nie Schauspieler werden wollen.

8

Von 1977 bis 1978 hatte ich meinen Zivildienst an den Freiburger Universitätskliniken absolviert. Die Hoffnung, aus dieser Zeit neue Impulse zu schöpfen – ich hatte bereits in Marburg ein Jurastudium abgebrochen –, erfüllte sich nicht. Medizinische Berufe, so viel immerhin erkannte ich, waren mit furchtbar viel Arbeit verbunden und kamen deshalb für mich nicht in Frage. Im Grunde war ich nur meiner unglücklichen Jugendliebe Juliane nach Freiburg gefolgt, die mich zwar auch dort nicht erhörte, sich aber wenigstens Gedanken darüber machte, was nach Ende meiner Zivildienstzeit aus mir werden könnte.

Aufgrund gewisser „Showauftritte“ bei Partys vermutete sie eine schauspielerische Begabung in mir. Mit einem seltsamen weißen Kunstpelzmantel und androgyn geschminktem Gesicht war ich manchmal in einer Art über die Tanzfläche geirrlichtert, wie ich sie später nie wieder hinkriegte.

Juliane sagte: „Werd doch Schauspieler!“

Über den Freund einer Freundin, der Schauspielschüler war, stellte sie eine Verbindung zum „Bühnenstudio Lilly Kupfer“ her, schön weit weg von Freiburg. Am Samstag, den 9. September 1978, fuhr ich zur Aufnahmeprüfung.

Es war ein windiger Tag. Auf der Rothenbaumchaussee wirbelte erstes Herbstlaub. Bis zur Prüfung hatte ich noch etwas Zeit; ich setzte mich in ein Café am Grindel und trank gegen die Aufregung einen Weinbrand, das fand ich damals schick. Vorbereitet hatte ich ein paar Szenen aus Raymond Queneaus Autobus S, einem Klassiker des absurden Theaters, und Edmunds Monolog „Natur du meine Göttin!“ aus König Lear. Ich hatte in Lippstadt mal eine Tourneeaufführung mit Ewald Balser als Lear gesehen. Am großartigsten hatte ich Edmund gefunden, den Bastard des Grafen Gloster, der sein Recht vom „zwischen Tag und Traum“ legitim im Ehebett fabrizierten Halbbruder Edgar forderte. Leider hatte ich den Namen des Schauspielers vergessen.

Außer mir wurde an diesem Nachmittag Winfried Nagel examiniert, der mit Schallplatten handelte und ein großer Verehrer von Gesa wurde. Er trug ein rötlich schillerndes Sakko und eine Digitaluhr, die die Zeit nur anzeigte, wenn man auf ein Knöpfchen drückte. Winfried erklärte mir, dass er Theater anschauen langweilig fände und sich mehr davon verspräche, selbst Theater zu spielen, deshalb sei er hier. Er war mir insofern voraus, als er offenbar schon ein paar Mal im Theater gewesen war, ich dagegen seit Schülerzeiten fast nie mehr.

Ich wurde – wie alle anderen Prüflinge auch – angenommen. Man musste sich schon sehr dumm anstellen, um an einer privaten Schauspielschule nicht zumindest ein Probehalbjahr absolvieren zu können. In dem Prüfungsergebnis, das ich ein paar Tage später zugeschickt bekam, stand:

Die darstellerischen Ansätze im Queneau und Shakespeare scheinen ausbaufähig hinsichtlich Rollen- und Situationserfassung. Im Queneau ausgesprochen komödiantisches Talent, ausgesprochene Spielfreude und phantasievoll gestaltet. Die anwesenden Lehrkräfte sind übereingekommen, dass einer Ausbildung zum Schauspieler und Musicaldarsteller nichts im Wege steht und Sie das Ziel der Ausbildung bei genügendem Einsatz vermutlich erreichen werden.

Zwei Jahre später kam die Paritätische Prüfungskommission zu einer komplett anderen Auffassung. „Sie haben doch Abitur“, sagte der Kommissionsvorsitzende zu mir, nachdem ich durchgefallen war. „Sie müssen doch nicht Schauspieler werden!“

9

„Zwo-Doppelfünf!“

Ich fuhr Taxi, ausnahmsweise tagsüber. Es war Anfang Februar 1983. Peter Pan war endgültig abgespielt.

„Zwo-Doppelfünf mal bitte!“ rief mich die Funkerin.

„Zwo-Doppelfünf.“

„Zwo-Doppelfünf, bitte mal zu Hause anrufen!“

Ich steuerte die nächste Telefonzelle an.

„Dorothee hat morgen ein Vorsprechen am Eider-Schlei-Theater und möchte, dass du mitkommst“, erfuhr ich von Gesa.

„Och nö – ich weiß nicht, das ist mir zu plötzlich“, nölte ich, „und dann muss ich ja auch morgen die Schicht absagen!“

„Du spinnst“, sagte Gesa nur. „Du fährst morgen mit Dorothee nach Rendsburg!“

Das Eider-Schlei-Theater war eine ziemlich komplizierte Konstruktion aus drei ehemals selbstständigen Theatern in Flensburg, Schleswig und Rendsburg. In Flensburg, der größten Stadt, war der Sitz des Musiktheaters, das Schauspiel verteilte sich auf Schleswig und Rendsburg. Durchgeführt worden war diese Fusion, die tatsächlich funktionierte, in den Siebzigern von Dr. Egon Schmittke, der danach ein Vierteljahrhundert Generalintendant des neu geschaffenen Landestheaters blieb. Er residierte in Schleswig, und in Rendsburg saß August Großjohann, der Schauspieldirektor. Diesen beiden Herren nebst einiger Entourage aus Assistentinnen und Dramaturgen sprachen Dorothee und ich im Rendsburger Theater vor. Ich betonte, dass ich nur als Spielpartner von Dorothee und nicht in eigener Mission fungierte.

Es lief wohl ganz gut. Sie waren, wie es aussah, fest entschlossen, Dorothee zu engagieren. Dann fragte mich zu meiner Überraschung August Großjohann, ob ich nicht auch interessiert sei. Sie hätten zwar eigentlich keine Vakanz, aber vielleicht sei trotzdem etwas möglich. Ich müsste allerdings noch einmal wiederkommen und ein eigenes Vorsprechprogramm präsentieren. „Ja – äh – klar“, sagte ich verblüfft. Damit hatte ich nun überhaupt nicht gerechnet, oder allenfalls nur ein ganz klein wenig. Ich fühlte mich unter Druck gesetzt, dachte auch an das schöne Geld, das ich nun beim Taxifahren nicht verdienen konnte, weil ich mich auf das erneute Vorsprechen vorbereiten musste.

Gesa und Dorothee coachten mich in den nächsten Tagen nach Kräften. Zum Prinzen von Homburg gesellte sich der tuberkulöse Edmund aus Eugene O’Neills Eines langen Tages Reise in die Nacht. Gesa schaute gnädig über meinen irgendwie falsch gelöteten Bewegungsapparat hinweg und meinte, immerhin sei ich sprachlich einigermaßen brauchbar.

Das zweite Vorsprechen fand in Schleswig statt. Das Theater mit seinem unverschandelten, holzvertäfelten Zuschauerraum aus den Fünfzigerjahren gefiel mir sehr, und zwei Wochen später hielt ich zu meiner großen Verwunderung einen Schauspieler-Anfängervertrag in den Händen.

Viel später erfuhr ich von der Assistentin, dass die Entscheidung für mich durchaus nicht unumstritten gewesen war. Schmittke habe mich nicht besonders gemocht, aber Großjohann habe in mir so etwas wie den jungen Ulrich Wildgruber gesehen.

Dorothee Krings verließ das Eider-Schlei-Theater bald wieder. Sie hatte ein besseres Engagement gefunden. Ich dagegen blieb fünf Jahre.

10

Meine Tochter Sophie kam am 13. Mai 1983 um kurz nach zwei Uhr morgens in der Hamburger Weidenallee 47 zur Welt. Es war eine Hausgeburt, etwas anderes kam in der alternativen Szene, zu der auch Gesa und ich irgendwie gehörten, nicht in Frage, denn das Misstrauen gegen die „Schulmedizin“ und ihre Einrichtungen war Anfang der Achtziger abgrundtief. Wir hatten uns allerdings mit dem nahegelegenen Elim-Krankenhaus in Verbindung gesetzt und waren für den Notfall abgesichert. Falls wirklich etwas passieren sollte, konnten wir in ein paar Minuten dort sein.

Aus rohem Kiefernholz hatten wir ein großes, erhöhtes Bett zusammengezimmert, auf dem Gesa niederkommen sollte. Eine ganze Reihe von Leuten war bei der Geburt dabei: die Hebamme, welche lustigerweise Frau Fingerle hieß, eine Ärztin mit Bhagwan-Hintergrund, deren Namen ich nicht mehr weiß; Juliane, mittlerweile Krankengymnastin, war aus Freiburg gekommen. In der Küche stand mein bester Freund Kurt, kochte Kaffee, wusch ab und schmierte Brötchen.

Die Geburt dauerte viele Stunden und wurde zum Schluss sehr dramatisch. Die Herztöne verschlechterten sich plötzlich, die Hebamme wurde nervös, meinte, die Nabelschnur habe sich verwickelt. Vielleicht war auch nur eine der Klebeelektroden abgegangen; jedenfalls herrschte für eine kurze Zeit Panik, und die Ärztin warf sich mit Macht auf Gesas Bauch, um Sophie auf die Welt zu helfen. Ich saß hinter Gesa, hielt ihren Kopf und heulte, heulte, heulte. Dann war Sophie da, ein wenig blau, aber wohlauf, und nahm sofort Gesas Brust an. Ich badete meine Tochter und war sehr aufgeregt, weil ich kaum wusste, wie ich das winzig kleine Baby halten sollte. Fotos wurden gemacht. Nach und nach kehrte Ruhe ein, unsere Helfer verließen die Wohnung, die erschöpfte Gesa und Sophie schliefen ein; zurück blieben Juliane und ich.

Wir gingen ins Schachcafé gegenüber, das die ganze Nacht offen hielt. Ich trank Cognac und Bier und begriff langsam, dass ich Vater geworden war.

Als wir das Lokal verließen, wurde es hell. Juliane ging ins Wohnzimmer, um zu schlafen. Ich stand im Morgenlicht vor unserem Bett. Dort lag Gesa, und neben ihr die klitzekleine Sophie, die vor ein paar Stunden noch nicht da gewesen war. Beide schliefen friedlich. Ich betrachtete sie lange, dann legte ich mich dazu.

Ein paar Stunden später begann unser neues Leben zu dritt. Sophie trank, schiss, schaute mit fremden, dunklen Augen in die Welt und roch sehr gut.

Ihre beziehungsweise Gesas Plazenta hatten wir in unsere braune Plastik-Abwaschschüssel getan. Sie war anfangs blaugeädert und sehr rot, doch nach und nach wurde sie grau. Aus ihr heraus hing die Nabelschnur. Wir wussten nicht so richtig, was wir mit ihr anfangen sollten. Es gab das Gerücht, dass aus Plazenten Hautcreme gemacht werde, tatsächlich existierte eine Creme namens Placentubex, für die unter anderem die Schauspielerin Marika Rökk warb; man konnte Sophies Plazenta also vielleicht irgendwo abgeben und sogar etwas Geld dafür bekommen, aber wir hatten keine Ahnung wo. Außerdem stellte sich großer Respekt ein vor diesem Blutkuchen, der in den Monaten der Schwangerschaft Sophies Batterie gewesen war und sie mit allem Lebensnotwendigen versorgt hatte.

Sie zu verkaufen oder gar in eine Plastiktüte zu stecken und auf den Müll zu werfen, kam uns würdelos und undankbar vor.

Am zweiten Tag nach Sophies Geburt begann die Plazenta zu riechen, sie musste dringend aus dem Haus. Ich beschloss, sie irgendwo einzugraben, quasi zu bestatten. Wo ich sie beerdigen sollte, wusste ich allerdings nicht, in der unmittelbaren Nähe unserer Wohnung gab es keine Möglichkeit. Also stellte ich die Schüssel mit Sophies Plazenta auf die Rückbank meines grünen VW-Käfers und fuhr erst einmal los. Nur knapp vermied ich, als ich aus dem Hof bog, einen Auffahrunfall, die Bremsen meines Käfers waren katastrophal, das Pedal ließ sich bis zum Bodenblech durchtreten, manchmal half nur noch der Griff zur Handbremse. Ich zog den Schanzenpark in Erwägung, der ganz in der Nähe war, aber mir wurde schnell klar, dass ich die Plazenta in einem öffentlichen, stark frequentierten Park nicht einfach verbuddeln konnte. Durchgedreht wie ich war, fuhr ich ohne Plan in der Gegend herum. Mir fiel eine WG in Altona ein, mit der ich locker bekannt war. Ich fuhr hin, brachte meinen Käfer mit Mühe vor dem Haus in der Thedestraße zum Stehen, und stürmte mit meiner Plazenta-Abwaschschüssel durch den Parterre-Flur direkt in das kleine Hinterhofgärtchen, wo die WG-Mitglieder, vier oder fünf, um einen Tisch saßen, Kaffee tranken und sich von der Nachmittagssonne bescheinen ließen.

„Kann ich meine Plazenta bei euch eingraben?“ fragte ich und hielt zur Bekräftigung meiner Bitte die Nabelschnur hoch. Kurzes Schweigen, die WG’ler wechselten ein paar Blicke, dann sagte Kai, der Freund von Gesas Schwester Sünne: „Jaja, klar, mach nur!“ Eine Frau warf einen Blick in die Abwaschschüssel und sagte: „Ich wollte eigentlich Hebamme werden, aber ich glaube, das überlege ich mir noch mal.“

Mit einer kleinen Schippe hob ich ein Loch aus, was wegen des festgetretenen Bodens ziemlich mühsam war. Dann ließ ich Sophies Plazenta aus der Abwaschschüssel in die Vertiefung gleiten und schaufelte die harte, trockene Erde wieder darüber. Ich war der festen Überzeugung, dass an dieser Stelle einmal etwas ganz Besonderes wachsen würde.

Die WG-Kaffeegesellschaft sah meiner Aktion halb befremdet, halb belustigt zu.

„Vielen Dank“, sagte ich, als ich fertig war.

„Da nicht für“, meinte Kai.

11

Mein erstes Stück am Eider-Schlei-Theater war Shakespeares Sommernachtstraum; eine Rendsburger Produktion, was für die Schleswiger Schauspieler bedeutete, dass jede Probe mit einem halbstündigen Transfer nach Rendsburg begann. Meist wurden wir in kleinen blauen Toyota-Minibussen gefahren, manchmal kam der knochenhart gefederte Mercedes-Zwanzigsitzer zum Einsatz, und ab und zu auch das Flaggschiff der Flotte, der große Abstecherbus. Treffpunkt zur Abfahrt war die kleine Volksbankfiliale neben dem Schleswiger Theater, weil da eine Uhr hing.

Als ich mich Ende Juli 1983 das erste Mal dort einfand, wartete bereits Rudolf Schack, ein älterer Schauspieler mit merkwürdig gelbem Gesicht und ebensolchen Haaren. Er blickte mich, den neuen Kollegen, durch seine blaugetönte Brille missmutig an. Rudolf Schack war Egeus im Sommernachtstraum, der Vater von Hermia. Keine sehr bedeutende Rolle, vielleicht war er auch deshalb so schlecht gelaunt. Christoph Weber und Stefan Just, ungefähr in meinem Alter, kamen hinzu. Sie waren Demetrius und Lysander. Ich selbst sollte einen der Handwerker spielen: Flaut, den Bälgenflicker. Meinen Text hatte ich im Urlaub akkurat vorgelernt, aber ich wusste nicht genau, was ich mit ihm anfangen könnte: hier ein Satz, dort ein Satz, und später, wenn die Handwerker vor dem Athener Hof ihr Theaterstück aufführten, auch mal ein paar Sätze hintereinander.

Mit Stefan Just, Anfänger wie ich, plauderte ich während der Fahrt im Toyota-Kleinbus, Christoph Weber sagte dagegen kein Wort zu mir, zog sich sofort Kopfhörer auf und hörte Opernmusik von seinem Walkman. Er brachte sich ein paar Jahre später um. Rudolf Schack saß direkt vor mir, roch penetrant nach Kümmel und irgendetwas anderem Altmännerhaften.

Das Rendsburger Theater war ein schöner, weißer, ans Hamburger Schauspielhaus erinnernder Bau mit einer repräsentativen Auffahrt. Wir wurden natürlich nicht dort, sondern im Hof am Bühneneingang abgesetzt. August Großjohann, der den Sommernachtstraum inszenieren würde, begrüßte sein Ensemble launig wie ein gut aufgelegter barocker Fürst. Er sagte Sätze wie: „Unter meiner Regie muss niemand unsicher in die Premiere gehen. Ob es allerdings auch gut wird, steht auf einem anderen Blatt.“ Oder: „Jeder Schauspieler muss in der Lage sein, zwei Stunden Schande zu ertragen.“ Aber das war irgendwann später.

Die Proben fanden immer auf der Bühne statt, eine separate Probebühne gab es weder in Rendsburg noch in Schleswig. Es war nicht schlecht, von Anfang an dieses „große Bühnengefühl“ zu haben. August Großjohann teilte mir als schauspielerische Hauptaufgabe zu, ständig hungrig zu sein und an einer Plockwurst herumzunagen.