28. open mike -  - E-Book

28. open mike E-Book

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Beschreibung

»Der open mike hat das Zeug dazu, bereits heute die großen Literatinnen und Literaten von morgen herauszufiltern.« (Tagesspiegel) »Konvention sprengen ohne Druck« (Deutschlandfunk Kultur)

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Seitenzahl: 200

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Sie sind am Anfang ihrer schriftstellerischen Karriere und nicht älter als 35 Jahre. Sie suchen nach einer ernsthaften Herausforderung in der Literaturszene. Dazu haben sie die Chance – als Teilnehmer*innen des open mike des Hauses für Poesie.

Der open mike ist der Wettbewerb für junge Literatur. Längst ist er über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Viele Autor*innen, deren Namen heute im Literaturbetrieb bekannt sind, haben ihre Karriere beim open mike in der Literaturwerkstatt Berlin, heute Haus für Poesie, gestartet. Dazu gehören zum Beispiel Karen Duve, Rabea Edel, Julia Franck, Björn Kuhligk, Inger-Maria Mahlke, Terézia Mora, Kathrin Röggla und Tilman Rammstedt.

Sechs Lektorinnen und Lektoren aus renommierten Verlagen und Agenturen – Katrin Kroll (Agentur Petra Eggers), Helge Pfannenschmidt (edition AZUR), Tanja Raich (Verlag Kremayr & Scheriau), Friederike Schilbach (Aufbau Verlag), Angela Tsakiris (Du-Mont Buchverlag) und Florian Welling (Wallstein Verlag) – haben riesige anonymisierte Textberge abgetragen, sich durch knapp 600 Einsendungen gelesen und die 19 interessantesten Texte herausgesucht. Die ausgewählten Autor*innen präsentierten im Finale vom 6. bis 8. November 2020 in Berlin ihre Texte dem Publikum und den Juror*innen Marica Bodrožić, Verena Güntner und Peter Waterhouse.

Der open mike ist eine Veranstaltung des Hauses für Poesie gemeinsam mit der Stiftung Kommunikationsaufbau (Hauptsponsor) sowie den Verlagen Bastei Lübbe, Berlin Verlag, Blessing Verlag, btb, Verlagsgruppe Droemer Knaur, Edition Korrespondenzen, Haymon Verlag, Verlag Kiepenheuer & Witsch, kook-books, Luchterhand, Matthes & Seitz Berlin, Penguin Verlag, Piper, poetenladen, Rowohlt, S. Fischer Verlage, secession, Transistor, Ullstein Buchverlage, Verlagshaus Berlin, Voland & Quist, Wallstein Verlag, Verlag das Wunderhorn sowie dem Buchhandelsunternehmen Thalia Mayersche und in Kooperation mit dem Heimathafen Neukölln und dem Allitera Verlag. Präsentiert von taz, BÜCHERmagazin und Deutschlandfunk Kultur.

November 2020

Allitera Verlag

Ein Verlag der Buch&media GmbH, München

© 2020 Anthologie: Buch&media GmbH, München

© 2020 Texte: bei den Autor*innen

Projektbetreuung Anthologie: Heidi Keller, München

Satz: Johanna Conrad

Gesetzt aus der Calibri und der Sabon LT

Corporate ID/Grafik: Beratung, Konzeption, Produktion, Covergestaltung: studio stg; www.studio-stg.com

ISBN 978-3-96233-248-8 (print)

ISBN 978-3-96233-249-5 (epub)

ISBN 978-3-96233-250-1 (PDF)

Printed in Europe

Allitera Verlag

Merianstraße 24 · 80637 München

fon 089 13 92 90 46 · mail [email protected]

www.allitera.de

Weitere Publikationen aus unserem Programm finden Sie auf

www.allitera.de

Kontakt und Bestellungen unter [email protected]

Inhalt

Florian Welling Ein Schritt, ein Tanz ·

Virginia Brunn Sie sagten Tschernobyl

Nail Doğan Gedichte

Rosa Engelhardt kälte ohne schnee

David Frühauf Das Risiko der Raupen beim Spinnen des Kokons

Franziska Gänsler Die Stare

Sebastian Gaub Thomas, der Nichtwähler

Rebecca Gisler Hippobosca

Péter Glück In diesem Leben

Simoné Goldschmidt-Lechner Ermutterung

Dominik Haitz Meister Lamprecht

Daniel Jurjew Borges und Eis

Eva Kissel Gedichte

Sophia Klink Affenzucker

Thea Mengeler connect

Lynn Takeo Musiol & Eva Tepest Die Reise zum Kap Zizou

Frieda Paris Dorn, Stäbe, Bügel

Felix Reinhuber Gedichte

Josefine Soppa MIRMAR

Marie Lucienne Verse Wohnungen

Die Autorinnen und Autoren

Die Jury

Die Lektorinnen und Lektoren

Preisträger*innen & Jury 1993–2020

FLORIAN WELLINGEin Schritt, ein Tanz

In den kommenden Rückblicken auf das Jahr 2020 wird voraussichtlich nicht allzu viel Gutes gesagt werden von diesen zwölf Monaten, die eine sicher geglaubte Gewissheit ins Wanken brachte, dass wir jederzeit, wenn wir es möchten und wenn wir es uns trauen, den Schritt in die Öffentlichkeit wagen können. Aber es gab auch die guten Nachrichten und freudigen Ereignisse, so etwa im Februar – noch musste die Vorstellung, dass eine Großveranstaltung im November nur mit ausgeklügeltem Hygienekonzept stattfinden könne, überhaut erst geboren werden –, als vermeldet werden konnte, dass es dank einer neuen Allianz aus Verlagen und Buchhandel mit dem open mike weitergehen kann.

Diese Nachricht wurde nicht nur von knapp 600 Autorinnen und Autoren, die in diesem Jahr ihre Texte eingereicht haben, mit (hoffentlich) großer Freude und vielleicht sogar mit einer, wie ich erfahren habe, für das open mike-Wochenende charakteristischen Bewegungsform, einer Tanzeinlage, aufgenommen, sondern auch von mir (allerdings aufgrund mangelnder Motorik und Koordination ohne Tanz). Sie gab mir nämlich die Möglichkeit, das erste Mal bei diesem Wettbewerb dabei zu sein und mit fünf Kolleginnen und Kollegen die gar nicht so einfache Aufgabe zu übernehmen, Finalistinnen und Finalisten auszuwählen – also auch für mich ein Anfang, eine Premiere, wie für all die Autorinnen und Autoren, die auf ihr erstes veröffentlichtes Buch hoffen. Die Vorfreude war riesig, als der große Stapel mit seinen nummerierten und zusammengehefteten Texten ankam, fast 100 Stück, die zahlreiche Entdeckungen für mich bereithielten. Zugleich stellte sich bei mir auch das Erstaunen bei der Vorstellung ein, wie hundert verschiedene Personen in ihren privaten Gemächern – so zumindest meine Vorstellung – sitzen und an so verschiedenen Texten schreiben, ihren Ausdruck suchen und finden, um etwas, das sie gegenwärtig beschäftigt, mit einer Öffentlichkeit zu teilen. Und vielleicht noch größeres Erstaunen darüber, dass so viele den Mut aufbringen, mit ihren Texten dieses private Gemach zu verlassen und in die Öffentlichkeit zu treten. Und so vielgestaltig, wie sich die deutschsprachige Gegenwartsliteratur zeigt, so abwechslungsreich waren auch die Texte, sowohl in Hinblick auf ihre Themen als auch auf ihre Herangehensweise, wie sie diese Themen zur Sprache bringen möchten – von genauer formaler, stilistischer Ausarbeitung bis hin zu einer kecken Verweigerung einer solchen. Keine Texte über oder zu Corona – aber ein paar, bei denen der Begriff im Text vorkam –, und auch sonst zeigte sich, dass die Mehrheit bei ihrer Themenwahl (meiner Meinung nach: glücklicherweise!) nicht danach suchte, plakativ aktuell drängende gesellschaftliche Fragen auszustellen, sondern diese eher subtil in ihre plots verwebte. Nicht alles traf dabei meinen Geschmack, in vielen Fällen sicherlich von meiner Seite aus irrtümlich, manches fand ich faszinierend, habe aber im besten Willen nicht verstanden, was der Text mir sagen möchte. Nach und nach wurde der Stapel kleiner, und dabei habe ich gehadert mit der mir auferlegten Bürde, genau drei Finalistinnen und Finalisten auszuwählen, mich dabei aber auch an der Freiheit erfreut, den Programmkontext des eigenen Verlags ignorieren zu können. Aus Lektorenperspektive, so mag von außen vermutet werden, ist der open mike deshalb so wichtig, weil man nach Neuentdeckungen Ausschau halten kann: Wann bekommt man schon sonst gleich zwanzig mögliche Debütantinnen und Debütanten präsentiert? In diesem Sinne erhalten die Autorinnen und Autoren erste Einblicke in den Literaturbetrieb: eine reizvolle Begleiterscheinung in diesem herausfordernden Wettbewerb! Mindestens genauso wichtig ist aber, dass man darum weiß, dass junge Autorinnen und Autoren eine Plattform haben, die es ihnen ermöglicht, den Schritt in die Öffentlichkeit zu wagen, auch dann, wenn sie am Ende des Wochenendes nicht zu den Prämierten gehören.

Dies alles führt dazu, dass man gar nicht anders kann, als sich über den open mike zu freuen – und vielleicht auch, auf ihn zu tanzen, wobei dies zunächst einmal, während ich diesen Text schreibe, leider noch im privaten Rahmen geschehen muss.

VIRGINIA BRUNNSie sagten Tschernobyl(Romanauszug)

2003 Sorgenkind: Stuttgart

Der Vorhang geöffnet, der den Waschbereich vom Krankenzimmer trennt. Das Becken ist gefüllt mit Seifenwasser. Ihre Hände ringen sich um das weiße Frotteetuch. Plätschern auf die Oberfläche, dumpf, weil so klein. Meine Hände sind auf den Rand gestützt, die Schenkel an einen kleinen Hocker hinter mir gedrückt. Ohne Gewicht zu erzeugen, streift sie den warmen Lappen über meinen Rücken. »Gut so?« Im Zittern verschiebt sich mein Ja, ich packe ihren Arm unbeholfen, sie mich fest und führt mich ins Sitzen. »Schau noch nicht in den Spiegel«, haben sie gesagt, »das wird dich nur erschrecken.« Die Bauart dieser Waschbecken ist erhöht, so dass im Sitzen nur noch mein Kopf sich spiegelt, ich sehe hinein. Erschrecke mich trotz der Warnung, trotz des Körpergefühls, der tauben Haut, dem Kaum-sprechen-Können und der unbeweglichen Gesichtsmuskeln. Und was macht mir am meisten zu schaffen? Die Haare. Neun Tage nicht gewaschen, fest und klebrig wie stehen gelassene gekochte Spaghetti, platt, die Kopfhaut durchschimmernd. Mein Gesicht unkenntlich, aber daran bin ich gewöhnt. Blutkrusten auf den Nähten, wo die Schwellung Spannung auf die Narben bringt. Dass es zerrt an den Fäden, an der frisch getrennten Haut, das macht mir Angst.

Sie fährt weiter über die substanzlose Masse meines Körpers, die Muskeln erschlafft, das Steißbein entlang. »Da ist es taub«, versuche ich durch die steifen Lippen zu sagen. Sie versteht, sagt »vom Liegen, das kommt wieder.« Sie stellt sich vor mich, wäscht die Brüste, reibt an den Kleberesten der Überwachungsgeräte, lässt ab, weil sie merkt, wie schnell es sich rötet. Sie zieht das Verbandsnetz von meiner Hand, in der die Infusionsnadel steckt, schneidet die Pflaster auf, wischt seitlich an der Einstichstelle entlang.

Dann stemmt sie mich hoch, »nur kurz«, sagt sie und fährt mit dem Lappen zwischen meine Beine – ohne effektiv zu sein. Nur ein wenig Wärme bleibt zurück, kein Sauberkeitsgefühl. Sie legt den Lappen in das Becken, nimmt das Plastikpack vom Ständer und führt es durch den Ärmel des Nachthemds, zieht den Schlauch nach und führt den Arm an dem er hängt durch die Öffnung. Dann hängt sie die Kochsalzlösung wieder an den Haken. »Wir könnten Ihnen noch ein bisschen die Haare machen«, sagt sie.

Ich stellte mir immer eine intime Situation mit Partner vor, stellte mir vor, wie er bereit war, den schlaffen Körper anzusehen und zu waschen. Ich wollte, dass es jemand ist, der meinen Körper kennt, ihn stark gesehen hatte. Nicht nur über sein Kranksein verfügte, sondern noch in diesem etwas erkannte, das er einmal begehrt hatte. Ich hoffte auf jemanden, für den ich Frau war, weder Patient noch Kind, der mich anders ansah.

Doch es waren Krankenschwestern, Pfleger manchmal, meine Großmutter oder meine Mutter, die mich wuschen und mir abtrainierten, Scham darüber zu empfinden. Dankbarkeit und dennoch entmündigt. Dass ich nicht frei war und da draußen jedes Mal der Sommer war, dass es hier Regeln für den Umgang mit dem Körper gab, das hat mich immer beschämt. Es hat mich immer mit Scham erfüllt, wenn ich nicht mein Ding machen konnte, wenn ich abhängig war. Als erinnerte ich mich an ein Entmündigtsein, das älter war als ich.

1987 Geburt: Karl-Marx-Stadt

Als ich geboren werde, wiege ich ein bisschen viel, bin normal groß, sehr ruhig und ein wenig melancholisch im Ausdruck. Meine Haare sind rot, ich bin kerngesund und habe etwas, das die DDRÄrzte eine Geburtsschwellung nennen, die noch vergehe. Einige Wochen später wird es etwas anderes sein. Die Mutter gibt mir einen Namen, der Vater ist einverstanden. Die roten Haaren sind allen ein Rätsel. Ich werde nicht am Tag meines Nach-draußen-Wollens geboren. Meine linke Gesichtshälfte ist tatsächlich angeschwollen und so erschöpfungsrot, als wäre ich wütend über dieses spätere In-die-Welt-Kommen. Meine Mutter trägt viele Narben von dieser Geburt davon. Meine kommen später. Nach der Geburt verbringen meine Eltern den Sommer mit mir auf einem Campingplatz in einem Hauszelt – weit ab vom Dreck der Stadt, die man damals noch Karl-Marx-Stadt nannte – und schmeißen eine Schänke, Wurst und Bier, Wurst und Bier. Aber mehr und mehr verschwindet das Lächeln meiner Mutter mit jeder Woche, die vergeht, auf den alten Fotos.

Auch 2017 kann ich noch keine Bilder von mir selbst anschauen. Als ich beim »Working on a farm« auf einem Hof im Schwarzwald Andrew aus Hongkong kennenlerne, sage ich das, was ich immer sage, obwohl er gar nicht fragt. Ich zeige in mein Gesicht und sage: »Since I was born.« Er sagt: »Tschernobyl, my next stop is Tschernobyl.«

2017 Mutter: Tschernobyl

Waldsteppe, die Bäume hören nicht auf, die Felder hören nicht auf, die Straßen nicht. Dazwischen Höfe, Kühe, schwarz-weiße. Ein Bauer bestellt sein Feld von Hand. Die Straße, die uns daran vorbeiführt, ist eher einspurig, zieht eine gerade Schneise in die Steppe. Der durchbrochene Mittelstreifen ist frisch, der Randstreifen ausgebleicht, der Asphalt rauscht, das Grau rauscht. Ein ausgegrauter Zebrastreifen verbindet Wald, links und rechts. Keine Mutation bringt ein Tier dazu, ihn zu benutzen, und manche Menschen hält sie davon ab. Häuser mit Wellblech und Rost in den Gärten auf Tonnen und Autos, am Boden rote Erde. Kiefernstämme wachsen nach oben rostrot aus und mimen Sonnenuntergang. Dauernd, kilometerweit. Holzschlagfläche, keine Nachkommen, nur Sträucher. Eine warnende Schranke vor einer Brachfläche, weiß-grüne unzureichende Beschränkung. Brückenpfeiler ohne Überweg, Beton im Fluss, im Sediment Eisenstangen, gelber Wermut am Ufer. In diesem Bus, dieser Kapsel läuft ein Film aus den 80ern, draußen auch. Was macht dieses Ei in der Mitte eines Kreisverkehrs, Verkehrs-Eiland. Köpfe fallen auf ihre eigenen Schultern, die haben keinen Halt im Schlaf und auch nicht im Wachen. Wie sie sich halten sollen, wissen sie nicht, schon gar nicht auf diesem Weg, den ersten Checkpoint haben wir schon hinter uns gelassen. Die wissen nicht viel, vielleicht gar nichts über diese Straße und die streunenden Köter. Ich mag Hunde, aber das hier sind keine. Wir wissen auch nichts über die entgegengesetzte Richtung, wir wissen nichts über Flucht vor Katastrophen. Wir haben Zeit zum Überholen, aber niemand überholt einen Flüchtenden. Was sich auf Asphalt sammelt, zerfrisst ihn, was wir auf uns sammeln, fällt ab oder tut dasselbe. Aufgeraute Hände, hier leben nur noch Alte und das Militär. Wenn die Luft auf unseren kleinen Geräten ausschlägt, macht sie uns heute keine Schwierigkeiten. Aber wir sammeln! Gerste, Weizen, Checkpoint 2. Danach keiner mehr, hier ist keiner, kein Müll. Mein Körper summt, meine Ohren klingeln, weil der Bus sirrt. Stämme sind zusammengefallen zu neuer Stabilität, zu Dächern. Ich zücke mein Smartphone und gerate versehentlich in die Galerie; auch auf dieser Reise kann ich keine Fotos von mir anschauen. Vorm Fenster, zwischen den Stämmen, Rot. Kein gebrochener Schlagbaum, sondern große Blüten. Im Vorbeifahren verschieben sich die Stämme ineinander, manchmal schiebt sich ein Bär oder ein Wolf zusammen mit roten Augen. Geister bewegen sich sowieso dazwischen, aber sie verschwinden nicht so schnell wie die Tiere. Wo wohl der Buntsandstein auf dem LKW-Lader hingeht? Vielleicht wird er in andere Erde versenkt. Und das Holz auf einem zweiten Lader, wo will der Fahrer damit hin? Ich vermute etwas. 10 Kilometer bis Reaktorblock 4. Tschernobyl, sie sagten Tschernobyl zu ihr. Meine Mutter wird nie etwas anderes glauben.

1989 Vater: Karl-Marx-Stadt – Köln

Eine Hundeschnauze drängt über den Waggonboden und eine Stimme presst in die Stille: »Herr B. Ist hier ein Herr B.«

Herr B. rührt sich angespannt. Er wird kontrolliert, der Hund nicht zurückgehalten. Mein Vater wird durchsucht und sie finden neben der Besuchserlaubnis alle Papiere, die ein Bürger braucht, um sich in einem neuen Land niederzulassen. Herr B. wird vor der rettenden Bundesgrenze auf der Transitstrecke von bewaffneten Männern abgeführt. Die Ärzte im Westen hätten die bessere Technik, was 1986 im April geschah, hätten sie aufgearbeitet, meine Eltern hängen in Gedanken seit einiger Zeit in der BRD, aber ihr Plan geht nicht auf.

Er sei nicht angekommen, sagt die Tante, er hat sich nicht gemeldet. Tage vergehen und er meldet sich nicht. Meine Mutter wartet auf Nachricht, sie melden ihn vermisst bei der Volkspolizei. Er bleibt verschwunden.

Nach drei Wochen wird meine Mutter von der Stasi überrascht. Abends dringen sie in ihre Wohnung ein und durchsuchen alles. Sie finden eine Postkarte aus Westberlin. Sonst nichts. Sie wird einbestellt. Ihr Mann sei im Gefängnis, habe sie von seinem Fluchtversuch gewusst? Sie hat. Tage vergehen sitzend bei vorgehaltenem Licht und Fragen aus Blei. Sie bleibt eisern. Das Kind wollen sie ihr nehmen. Und genau aus diesem Grund versteht sie es, zu lügen. Sie habe nichts gewusst.

Mein Vater lernt das Schachspielen im Gefängnis und das Hungern – die Mutter lernt einen neuen Mann kennen, nachdem sie sich verraten fühlt. Alle fühlen sich verraten in dieser Zeit. Sie habe ihren Mann verraten, sagen manche. Die Schwiegermutter ist überzeugt davon, verlangt Geld und Besitztümer zurück, dringt in die Wohnung ein, möchte ihr das Kind wegnehmen.

»Glaubst du das auch?«, fragt meine Mutter ihren Mann bei einem Besuch im Gefängnis. Er antwortet: »Ich weiß es nicht.«

Die Schwiegermutter habe ihren Sohn gehirngewaschen, ihm das Vertrauen in seine Frau genommen, sagt meine Mutter. Sie sprach zu Lebzeiten kein einziges Wort mehr mit ihr. »Das werde ich dieser Frau nie verzeihen«, sagte sie immer und das hat sie auch gehalten. Mein Vater sagt, er habe sich niemals verraten gefühlt von meiner Mutter, niemals im Gefängnis gesagt, was meine Mutter behauptet.

Versionen kursieren in unserer Familie: Meine Mutter habe sich direkt einen neuen Mann gesucht, nachdem der Vater ins Gefängnis kam – Sein Bruder sagt, sie hätten meine Mutter beobachtet, wie sie direkt feiern ging, sich Männern hingab – Die Mutter meiner Mutter sagt, sie musste sich doch ablenken, was hätte sie tun sollen – Niemand habe ihn verraten – Er selbst sagt, er sei zufällig herausgezogen worden, keiner habe seinen Namen genannt – Meine Mutter behauptet das Gegenteil. Ich vermische die Geschichten manchmal und manchmal versuche ich, meine Mutter, bei der ich aufgewachsen bin, und ihre Erzählungen, die ich verinnerlicht habe, zu hinterfragen. Sie erzählt so lebendig und schamlos, dass ich immer ihrer Version zugeneigt war.

Aber zu wissen, wessen Erzählung nun wahr ist, ist nicht die eigentliche Herausforderung, sondern mit dem eigenen Verdacht umzugehen. Das Verschlucktwerden durch dieses System und seiner Funktionsweise geht mit dem Verdächtigen einher. Ich habe nicht in der DDR gelebt und habe doch verinnerlicht: »Es gibt einen Schuldigen, jemand ist schuld. Man muss rausfinden und verlautbaren, wer es war!« Meinen eigenen Verdacht, wer meinen Vater verraten hat, den möchte ich nicht preisgeben. Er mag sich bewahrheiten oder nicht, er macht mir vor allem bewusst, welchen Keil diese Denkweise zwischen Menschen treiben konnte, dass ihre Gedanken schon Taten waren. Ich verstehe zumindest einen Teil davon.

Ich habe versucht, meinen Vater darauf zu drängen, seine Stasiakten zu beantragen. Immer spricht er davon mit dem Klang eines Tonbandgeräts. Eine Tatsache verlautend, die längst keine Rolle mehr spielt – und so könnte es immer weiterlaufen, ohne jemandem zu gelten. Er hat es nie getan. Auf die Akten meiner Mutter warteten wir drei Jahre, um dann einen Bericht zu lesen, der vor allem eines deutlich machte: die Arroganz des Beobachters. Aber meine Mutter und ich haben am Tag des Erhalts den alten Schmerz der Verdächtigungen geheilt – als wir uns gegenseitig die irre Kneipenszene mit Schlägerei vorlasen, die der Bericht beschreibt. Meine Mutter machte sich vor Lachen wieder einmal »fast in die Hose«, und mir liefen die Tränen, bis ich Bauchschmerzen bekam. Reinigend liefen diese Körperflüssigkeiten über unsere Haut und legten den Witz in der Erinnerung ein. Schmunzeln, sagte kürzlich jemand zu mir, sei der Schlüssel zur Heilung. Aber wie soll man Heilung verstehen, wenn man nicht versteht, was defekt ist.

2017 Sorgenkinder: Tschernobyl – Stuttgart

5.59 Uhr, die Sonne scheint aus Osten horizontal über die Köpfe der Schlafenden. Einige sind aufgewacht, ungeduldig. Ungeduldig ist aber nach sieben Stunden wohl der falsche Ausdruck. Andrew schreibt mir aus einem anderen Bus, er habe an der Grenze nur drei Stunden gebraucht. Wir befinden uns zwischen zwei Zäunen vor und hinter uns. Hier leben Hunde, hungrig. Wir auch. Wir Aufgewachten sind hungrig nach dem Motorengeräusch, nach Vibration in unseren Körpern, danach, dass Land an uns und wir an der Grenze, diese unsägliche Wacht am Ufer der EU, idealistisch, verspannt, vorbeizieht.

Polen will es wissen, beim Passieren der Grenze sollen wir exakt acht Kilometer pro Stunde fahren. Ich höre ein leises »Europiiski Unionski Katastrophski« und Schnarchen. Radiomusik über meinem Kopf, niemand hier versteht Englisch. Wie viel Popmusik ohne sprachliche Referenz erträgt das Herz? Vielleicht träumt man anders, wenn man aufrechten Kopfes schläft? Aber keiner sieht verträumt aus, nur verbraucht. Ich habe Instant-Kaffee unter meinen Fingernägeln, der in meiner Tasche verschüttet ist. Hallo EU, ich reise mit braunen Rändern unter den Fingernägeln ein, das wäre ein klebriger Händedruck. Eine Hand, die ich schamhaft verwehren würde, als wüsste oder hielte ich nichts von dem Brauch. Mir fällt ein Historienexkurs auf: »In the II – IV ct. here stood a defensive castle.« Vielleicht wird das irgendwann über die EU geschrieben. Und dann schauen die Menschen runter auf die jetzige Ukraine und haben eine neue Fahne gehisst. Und auch das ist irgendwann alt. Diese Geschichte ist so scheiße alt. Und wir werden hier älter an diesen Schranken. Es ist jetzt 6.42 Uhr. Wahrscheinlich bildet die EU nur Schlangen an ihren Grenzen, wie Clubs vor ihren Türen. Wir sind voll, hier will jeder rein, wollen sie sagen. Aber die Tanzfläche wird nur von ein paar Kettenträgern umstanden und keiner tanzt.

NAIL DOĞANGedichte

an petar.

Merhaba Abi

Hören wir auf uns

Wörter schlagen

Gegenüber sitzt graue

Katze auf rotem Backstein

verfolgt fallende Blätter

verfolg ich sie nicht aus

poetischen Gründen, nichts

gerade nur so schön

muss Herbst sein

Abi großer Bruder

lange nachgedacht

Frauen darf man kein wehtun

bleibt man weg lieber

wo ihr Geruch nicht machen

kann was ihr Geruch

machen kann

weil wenn sie weint und

stell dir vor

ich auch

Grüße

edelstahl im fluss.

Natürlich ist viel da Alkohol mit im Spiel im

Ding flink geknetet öliges Haschisch Maschisch im

Kopf ganz klar erst nach 22 Uhr Nahrung zu dich nehmen bis /

das / baba / Wort / gefunden alles andere als

alles andere kann ich nicht weiter

Niederungen / Empfehlung / natürlich fehlt ein

Muster hier Nil ich fleh dich an Nil fließ heute

nicht durch Uganda nicht durch Kairo fließ kurz durch die

Waschanlage uns sauber / Yasemin riecht natürlich nicht

so / Erinnerungen / Niederung / natürlich Sehnsucht

im Spiel / einer sollte dieser Heimat in die Lunge

schießen aber ganz natürlich

keine Absicht vallah vallah Nil.

elefantenköpfe.

Der Eine auf dem Balkon hat gesagt

it is what it is.

Der Andere drin. Auf dem Stuhl. Im

grauen Kleid. Hat gesagt

nein brother vallah nein it

is nicht what it is

im Ton des Einen

durchfliegen Spatzen Damaskus

des Anderen

was von Gnade

dieses Leben wirklich nicht einfach

sister mother

was von Liebe

ayayayayayay.

Göttinspeise.

Außerdem kennt Onkel Mustafa

das Wort Achselhöhle nicht.

Achselhöhle du wunderschöne

Vertiefung unter dem Schultergelenk.

Die Türken sagen zur Achselhöhle

koltukaltı.

Unter dem Sofa

unter Mehrheiten

über Möwenflügel

am leisesten Punkt

eines vollgepackten

Lebens unter euch

unter mir.

Außerdem kennt Onkel Mustafa

das Wort Achselhöhle sehr wohl.

Er sagt, ich soll ein Gedicht davon

schreiben, Fledermäuse vorkommen

Brotkrümel, blaue Augen, kleine

Tischdecken, Safran, Senf, Deutschland,

wo Höhlenmalerei vorkommt

der erste und der letzte Mensch.

it is what it is.

Zweiundsiebzig Stunden in ihrer

Wohnung, wie ein im Belgrad

Wald ausgesetzter Mischlingshund

gewartet auf Sie, ist sie nicht

gekommen, dunkel trotzdem

geworden, synchron halten zu

schwer einfach

schaffen wir nicht.

Einer tut der anderen Einen

immer weh.

laufen.

Hat sich eben ganz

von selbst so gemacht.

Männer, die auf Wellen schießen.

Geisteskranke Frauen. Eine Linke.

Rechter Haken. Salz. Essig. Arabeske

Gefühle filtern. Ist gekommen

wie ist gekommen.

Erst mit Büchern sich prügeln müssen,

um geliebt worden zu sein?

Hundert Gesichter verlieren,

bis nur noch Fruchtfleisch übrig?

Ist passiert Habibi, was passiert ist

ist Habibi – Zucker unter

Einsamkeit über Drogen nach

Absurdität. Eigene Fingerabdrücke

kneten quasi. Passiert. Tut es.

Vallah. Und dann kommt es

so und so etwa. Wer in

Bewegung, dem möge

ehrlicher Schweiß

sanfte Brise werden. Hier dreht

sich was, dort setzt sich was

hast es nicht gemerkt

hat dich dieses leere Zimmer

großgezogen oder

rausgeholt.

but mama raised no fool.

Sich irgendwie mit rein-

gequetscht so lala

braucht der Mensch doch

Schuhgröße Nagellänge Ge-

burtsurkunde so lala so wie

ich hier er hier steht man hier

steht so wahr so wie es war

lala braucht der Mensch Vereins-

farben Kennzeichen Namensschild

hinter Plexiglas so lala lasst ihn mitspielen

ihr großen Dichter grüße ich

euch lasst ihn vorne

sitzen weil der weiß ja nicht wohin

mit … und wer wer … so lala.

maschinenköpfe lachen unsere wörter aus.

Hier nennt man sich nicht einfach mal so

Bruder, Habibti, Bratan, Schwester.

Tut man nicht.

Aber Peter nenne ich Abi.

Er fühlt sich geschmeichelt.

Ehre weil Abi großer Bruder

für Kardeş.

Weil hier nennt man sich nicht einfach mal so beim

überqueren einer mittelmäßig befahrenen Straße

mein Herz, Freund, mein Olivenbaum, Sevdiğim.

Tut man nicht.

Ich sage euch

die haben Liebe zu geben

keine Angst davor.

nur noch nichts mehr zu bieten.

Ein Löffel Hühnersuppe.

Ein Löffel Haschisch.

Ein Löffel Hühnersuppe.

Ein Löffel Haschisch. Was noch? Hier …

Witzig. Diese Welt ist doch brutal witzig.

Willst du einen hören? Ich bin mindestens ganzen Kopf

größer als du und trotzdem passe ich

viel bequemer ins Bild.

Yani. Anlıcağın. Der Mensch kann sich mit seinem

Auftreten Respekt verschaffen oder er