29. open mike -  - E-Book

29. open mike E-Book

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Beschreibung

»Eines ist sicher, um die Vielfalt, Produktivität und damit der Zukunft der deutschsprachigen Literatur muss man sich nach diesem open mike keine Sorgen machen. Das zeigten nicht nur die prämierten Autorinnen und Autoren, sondern viele der Kandidatinnen und Kandidaten. Man darf gespannt sein, was als Nächstes von ihnen zu lesen sein wird.« taz »Der open mike: die wichtigste Bühne für den literarischen Nachwuchs.« Deutschlandfunk Kultur

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Seitenzahl: 215

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Sie sind am Anfang ihrer schriftstellerischen Karriere und nicht älter als 35 Jahre. Sie suchen nach einer ernsthaften Herausforderung in der Literaturszene. Dazu haben sie die Chance – als Teilnehmer*innen des open mike des Hauses für Poesie.

Der open mike ist der Wettbewerb für junge Literatur. Längst ist er über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Viele Autor*innen, deren Namen heute im Literaturbetrieb bekannt sind, haben ihre Karriere beim open mike in der Literaturwerkstatt Berlin, heute Haus für Poesie, gestartet. Dazu gehören zum Beispiel Karen Duve, Rabea Edel, Julia Franck, Björn Kuhligk, Inger-Maria Mahlke, Terézia Mora, Kathrin Röggla und Tilman Rammstedt.

Sechs Lektorinnen und Lektoren aus renommierten Verlagen und Agenturen – Meike Herrmann (Agentur Graf & Graf), Ralph Klever (Klever Verlag), Mona Leitner (Kiepenheuer & Witsch), Annika Spiegel (Das Wunderhorn), Hannes Ulbrich (Piper Verlag) und Piero Salabè (Hanser) – haben riesige anonymisierte Textberge abgetragen, sich durch über 500 Einsendungen gelesen und die 21 interessantesten Texte herausgesucht. Die ausgewählten Autor*innen präsentierten im Finale vom 12. bis 14. November 2021 in Berlin ihre Texte dem Publikum und den Juror*innen Olga Martynova, Anja Utler und David Wagner.

Der 29. open mike ist eine Veranstaltung des Hauses für Poesie gemeinsam mit der Stiftung Kommunikationsaufbau (Hauptsponsor), den Verlagen Berlin Verlag, Blessing Verlag, btb, Verlagsgruppe Droemer Knaur, Edition Korrespondenzen, Haymon Verlag, Verlag Kiepenheuer & Witsch, kookbooks, Luchterhand, Matthes & Seitz Berlin, Penguin Verlag, Piper, poetenladen, Rowohlt, S. Fischer Verlage, secession, Transistor, Ullstein Buchverlage, Verlagshaus Berlin, Voland & Quist, Wallstein Verlag und Verlag das Wunderhorn und in Kooperation mit dem Heimathafen Neukölln und dem Allitera Verlag. Präsentiert von taz, BÜCHER-magazin und Deutschlandfunk Kultur.

29. open mike

Wettbewerb für junge Literatur

Die 21 Finaltexte

November 2021

Allitera Verlag

Ein Verlag der Buch&media GmbH, München

© 2021 Anthologie: Buch&media GmbH, München

© 2021 Texte: bei den Autor*innen

Projektbetreuung: Heidi Keller, München

Corporate ID / Grafik: Beratung, Konzeption, Produktion,

Covergestaltung: studio stg; www.studio-stg.com

Satz: Franziska Gumpp

Print: 978-3-96233-308-9

epub: 978-3-96233-316-4

PDF: 978-3-96233-317-1

Printed in Europe

Allitera Verlag

Merianstraße 24 · 80637 München

fon 089 13 92 90 46 · mail [email protected]

www.allitera.de

Weitere Publikationen aus unserem Programm finden Sie auf

www.allitera.de

Kontakt und Bestellungen unter [email protected]

Inhalt

David Wagner Eine Ulrike Schieder finden

Laura Anton Holzhausen (Auszug)

Sebastian Behr cohen

Eva-Maria Dütsch Urin und Blütenhonig

Kaleb Erdmann ohne Titel (graz text)

Ann Esswein Ohne Titel

Henrik Failmezger Salz und Öl

Elena Fischer Paradise Garden (Romanauszug)

Astrid Gläsel Fliegen

Philip Hart Acéphale oder: Die Welt ist eine Auster und Gott ein Kannibale

Paul Jennerjahn lazarus in den dingen

Alexander Kappe beinspeicher

Patrick Klösel Triadic Closure

Dominik Kohl Gedichte

Samuel J. Kramer Gedichte

Grit Krüger Brauch

Lisa Memmeler Gedichte

Else Schmauch Gedichte

Julie Sophia Schöttner Nachlass

Peter Thiers Ein viel zu kleiner Ausschnitt aus unserem Katalog

Jan Thul Rattenfänger

Kathrin Vieregg Cui bono

Die Autor*innen

Die Jury

Die Vorjury

Preisträger*innen & Jury 1993–2021

DAVID WAGNER

Eine Ulrike Schieder finden

Schreiben, überarbeiten, streichen. Noch einmal beginnen und alles neu zusammensetzen. Weiterschreiben. Alles einmal mit der Hand abschreiben. Verzweifeln und von vorn. Irgendwann aber, es ist geheimnisvoll (und ganz verstanden habe ich es noch immer nicht), gibt es einen Text, den Autorin oder Autor für fertig hält. Lektor*innen sind da oft anderer Meinung.

Ist Autor oder Autorin mutig genug und ein wenig vermessen oder einfach bloß erschöpft genug von der Textarbeit, sendet er oder sie ein, was gesungen, gedichtet, geschnitzt, hingerotzt oder dem eigenen oder anderen Leben abgeschrieben wurde. Dann aber, das bleibt oft nicht aus, die Ungewissheit. Die Zweifel. Ob das interessiert? Ist das, was ich fabriziert habe, nicht überflüssig, banal, langweilig, epigonal? Wozu überhaupt? Und woher die Anmaßung, jemand sollte das, was ich mir abgerungen habe, lesen?

In diesem Band sind nur einundzwanzig von den über fünfhundert Texten versammelt, die sich zum Wettlesen um den 29. open mike beworben haben. Sie wurden gelesen und für gut befunden, sie haben die auswählenden Lektor*innen (dieses Jahr waren es Meike Herrmann, Ralph Klever, Mona Leitner, Annika Spiegel, Hannes Ulbrich und Piero Salabè) überzeugt oder auf die ein oder andere Art berührt. Ich bin gespannt.

An dieser Stelle möchte ich nicht verschweigen, dass auch ich einmal so vermessen war, einen Text zum open mike zu schicken, lange her, 1998. Allerdings wusste ich nicht, ich verbrachte den Herbst in Barcelona und empfing keine Post (es wurde noch nicht per E-Mail kommuniziert), ob ich eingeladen war vorzulesen oder nicht. Ich musste, was mir ein wenig peinlich war, anrufen in der Literaturwerkstatt (jetzt: »Haus für Poesie«). Eine leicht genervt klingende Frauenstimme am Apparat, Blätter raschelten, sie ging die Liste durch – und ja, tatsächlich, ich war dabei. Freude.

Nach meiner Lesung im Haus am Majakowskiring sprach eine Frau mich an und sagte, wie sehr ihr meine Erzählung (sie hieß Ein Abwasch und erschien später in der Edit und in dem Band Was alles fehlt) gefallen habe. Und ob ich nicht einen Roman schreiben wolle. Natürlich wollte ich. Und wie.

Ulrike Schieder, der ich an diesem Nachmittag in Pankow das erste Mal begegnete, lektorierte bald Meine nachtblaue Hose, sie lektorierte auch Vier Äpfel, Leben und zuletzt Der vergessliche Riese – Bücher, die es ohne sie vielleicht gar nicht geben würde; Bücher, die sich ohne sie zumindest ganz anders lesen würden. Viel schlechter, ich weiß es. Ich kann es zugeben.

Allen Autor*innen des 29. open mike wünsch ich, dass auch sie eine Ulrike Schieder finden.

LAURA ANTON

Holzhausen (Auszug)

HIER

schnee der über holzhausen runterfällt kann nur scheiße sein wir haben gelernt: je kleiner man denkt desto größer die wohnung wir sind uns sicher die kleinen scheißer die hier durch die straßen flacken aus denen wird mal was hier ist einfach alles scheiße immer lockdown immer schlimmer hier ist immer egal hier haben die alten die macht die rentner die harzer die hängen die sweater die hängen sich selbst als bild an die wand und am türrahmen alle postkarten von heike und uwe aus malle die familienwagen firmenwagen familienfirmenwagen die illustrierten ein kaff auf dem weg zur kleinstadt ein shithole mit gepflasterter auffahrt ein bobbicar neben jeder tür ein trekker ein paar süchtige ein paar vapen ein paar nur ein paar mal die woche ein paar schränke ein paar faschos ein paar mit verlassensangst ein paar die es nötig haben und ein paar die es haben ein paar die rumhängen ein paar die schuften für geld ein paar die schuften aus liebe

SPIELI

der spieli ist matschig und voller gangs, die ticken und kippenstummel sammeln um sich damit ihre sportzigaretten zu bauen die gangs gehen alleine heim von silvester liegen noch karminrot aufgeplatzte raketenkörper im schnee es riecht nach erstem januar und der spieli ist leer bis auf ein paar breitbeinig auf den bänken katernde einer bringt übrig gebliebene böller und sie streiten sich darum wer den pyro cracker anzündet sie bewerfen sich mit knallerbsen und jagen briefkästen in die luft zu hause lächelt die mutter über die zündelei und wärmt die reste auf

TANKE

sag mal sag mal was wo gibts hier kippen gedanke: tanke

GEIFER

asbest und stirnwolken apathische indolenz die diagnose reichsbürger get togethers alles gut hier wir brauchen alles was wir haben hier unter uns die grauen kreise im asphalt das sind die spucklöcher da haben die gangs ihren speichel gesetzt die haben alle die spucksucht ihren geifer verteilen die überall am schlimmsten die bushaltestellen hab mal einen gesehen der hat sich erwischt wegen gegenwind da hing dann ein faden von lippe zu anorak und ein vogelschissartiger spuckestreifen ist runtergelaufen er hat ihn ganz schnell weggewischt großflächig verteilt dabei und mit dem faden gekämpft der wollte nicht abreißen von dem ganzen zeug das die sich ballern gerinnt das halt schnell der prügel der hässliche mit dem stoppelkinn und den kleinen eiern der die ausländer verdrischt am dorfbach hinterm tennisclub der wirft steine und äste was halt gerade da ist ein nummernschild das fliegt aber nicht gut eine flasche ein hitlergruß eine drohung auf haue noch einmal sag ich einmal noch

GEGENÜBER

der schrank von gegenüber trägt tags die kitty auf dem arm und krault ihre kehle

der schrank von gegenüber wirft abends frisbees federball basketball mit dem kleinen in die blaue stunde nach dem essen

der schrank von gegenüber trägt nachts tote hosen sommertour 2005 shirts

die frau vom schrank gegenüber trägt oft schals und schminke

die ihr im sommer vom gesicht schwitzt und linien über die backen fräst

die frau vom schrank gegenüber trägt die schultern nah beieinander und spielt schlecht kriegt beim basketball mit dem kleinen oft einen ball ins gesicht

ein ball an die hüfte an die schulter an den hals naja stellt sich eben an

sagt der schrank zu den nachbarn und denen die eine zeitlang fragen stellen

ja manchmal wird es spät bei uns wetten dass

manchmal wird es spät bei uns und der kleine im bett man hört die träume platzen wenn die eltern so spät noch rumpeln und schreien

früher dachte er noch sie würden ficken wie in den pornos aber jetzt ist er 9 und weiß bescheid

einmal nachts er hatte zu lange fifa im stickicht unter der bettdecke auf der psp gespielt und schon wieder hunger bekommen da ging er die treppe runter in die küche um sich ein kinderpingui aus dem kühlschrank zu holen und in der küche brannte das licht über der spüle wie es nachts immer brannte wegen der einbrecher oder einfach weil dunkelheit aussperren ein basic skill ist da saß die mama am küchentisch ein riesenschreck sie sah bestimmt in seinen augen dass er noch gedaddelt hatte und das zu dieser stunde! aber die mama saß hinter einem großen bier und kicherte er überlegte schnell rückwärts hoch die stufen zu schleichen doch dann sah er wie die mama nicht kicherte sondern traurig war und bebte, da begegneten sich schon ihre augen und er lernte wegzusehen

zum muttertag musste er im deutschunterricht ein elfchen schreiben:

mama

ist klug

kocht immer gut

heimlich spucken ins vateressen

dankbarkeit

die uhr schlägt 5 feierabend und dann es gibt klöße mit ei

beim abendessen tankt der vater energie indem er seine jungs beim schaufeln heimlich stolz mustert, die nicht vom essen aufschauen wegen der roten augen, es riecht stark nach axe

naja meistens ist es hier halt still die gangs hört man nicht weil die sind ja so leise weil sie ticken und die kinder spielen auf ihrem zimmer oder in der spüle in der waschmaschine mit dem geschirr von oma

die ist ja tot

neulich da hats so geregnet es hat einen graben hinters carport gewaschen und jetzt hat er eine stufe gebaut es erschüttert das ganze auto beim übersetzen die kinder kieksen immer und er beschwert sich

er beschwert sich mit vollem mund über den kuchen (zu trocken) er beschwert sich beim reinkommen (zu kalt) er beschwert sich über die kids (zu wach) er entleert sich und wischt ihr sorgsam den samen vom bauch

TRADITION

vorm bürgerbüro wird der maibaum gestemmt

20 männer in feuerwehrhemden hieven und hinter der absperrung werden bilder geschossen

grillpartys fleisch wenden betrunkene eltern gartenstuhl löcher im rasen vom kippeln auf den hinterbeinen rebellisch sind sie weil sie echtes Fleisch essen

der kugelgrill wird angeheizt und der smoker

er wedelt mit zusammengekniffenen augen luft mit der kehrschaufel vom handfeger und es lodert manche machen aaaaah und pusten die aufgestobene asche vom baguettekorb

der grillmeister hat schlechte laune aber er ist fachmann und schwitzt gerne für die gäste beim würstchenwenden

es landen ein paar sprüche die immer landen (wir sind die ersten die anfangen mit grillen und die letzten die aufhören / das nächste mal grillen wir griechisch – ohne kohle)

NEBENAN

die alte nachbarin nebenan kaut morgens zwei scheiben roggenbrot mit schinkenspicker schluckt mit schwarztee fährt mit der zungenspitze über die schneidezähne im gebiss um keine krümel zu zeigen als sie ihren mann fragt ohne von der zeitung aufzusehen

verhältniswort 7 buchstaben zuliebe zuwider zurlast was sagst du mein schatz

sie schüttelt den kopf auf sein schweigen und tippt mit feuchtem zeigefinger einen krümel aus dem kästchen

sie ist noch neu in diesem verhältnis und dreht am regler des radios senderwechsel funkmastenrauschen alte popsongs die noch neu sind für sie

nach dem frühstück die blumenkästen wässern die toten margaritenköpfe abzwicken frische erde um die schwarzäugige susanne festdrücken sich mit den erdigen fingern vorsichtig den nasenflügel kratzen

die tägliche runde um nach dem rechten zu schauen an den holzzäunen zu stromern und lavendel aus fremden gärten zu zwacken ein pläuschchen zu führen april april der macht was er will die eisheiligen die störche auf dem kirchdach sind geschlüpft es gibt heute eine liveübertragung im rathaus sie haben die kamera säubern müssen vom blutregen neulich jetzt gibts wieder nachwuchs beim neurologen war sie noch nicht und bittet höflich ihren mann aus der kartei zu nehmen

FERIEN

heckenbiotop neufeld die hood zwischen tennisplatz und schulhof erschlossen die bänke zugeteilt

im sommer machen sie feuer auf dem gartengrundstück beim acker seiner mutter und saufen unterm großen wagen bis sich die sterne in schlieren über ihre netzhäute ziehen und sie nacheinander zwischen die kartoffelpflanzen kotzen

sie reden über große pläne wo sie sich bewerben werden wann sie wohin gehen können und über die bose box hallt deutschrap über die sanften ackerhügel

nmzs, prezident, audio 88

sie legen scheite nach, die feuchten von ganz unten im stapel an denen die asseln kleben und die sich im feuer einkringeln und verschrumpeln eine große spinne deren beine eine kurze stichflamme auflodern lassen und würmer die zu blubbern beginnen die nacht wird feucht und die box hat keinen akku mehr die gespräche versickern angenehm unangestrengt und holzhausen liegt in der letzten schlafphase

sie nicken ein in den campingstühlen seiner mutter und werden wach weil die sonne sich heiß über den horizont schiebt

jemand ist schon am rasen mähen und sie rauchen glitzernd in den morgen, zählen müde fluchend ihre mückenstiche

der durst lässt sie das feuer austreten und mit pochenden schläfen nach hause gehen die abkürzung durch ein paar gärten am dorfbach heckenbiotop neufeld ein bro hug zum abschied bis dann und der sommer bleibt noch wochen

tagsüber treffen sie sich ohne verabredung auf dem sofa beim wasserspeicher, dem steinwürfel hinterm maisfeld wo sie schon kindheit verbrachten und die kieselsteine vom dach um die weite schleuderten, wo sie schon räuber waren und tipis gebaut hatten, wo sie jetzt auf dem weißen sofa fläzten und das kunstleder an den schweißbefilmten oberarmen quietschte, wenn sie sich vorbeugten um den joint zu reichen, die box rutschte manchmal zwischen lehne und sitzfläche und kurz war die musik wie unter wasser, manchmal konnten sie sich nicht bewegen und blieben untergetaucht, den kopf im nacken, die sonne durch die fichtenäste wegzwinkern und warmen tetrapackeistee zwischen die beine geklemmt

schau mal mh hubschrauber

landet drüben in ehrenkirchen

vielleicht holen sie ihn jetzt ab wen

den pedo

der ist doch schon lang weg

ne der ist wieder da meine schwester hat ihn gesehen wie er am sporti beim mädchenfußball fotografiert hat er hatte eine sonnenbrille auf so eine gelbe skibrille

echt ne skibrille

ja halt nicht so ne große weißt so eine ohne ränder achso

klischee oder alle pedos haben so brillen und partiboi69 achwas

ne doch echt jetzt hab ich auf galileo gesehen galileo mystery oder was

ja wirklich und sie haben immer lange fingernägel aber gut gefeilt jetzt red keinen stuss

und sie haben diese umhängetaschen mit klettverschluss die rtttschhh machen wenn sie ihr fernglas rausholen

klar

ja ok ich verarsch dich achwas

aber neulich hab ich echt was interessantes gesehen über diese kleinen vögel wie heißen die noch mal die so auf der stelle schweben und so ganz schnell mit ihren flügeln machen

kolibris

ja genau und dass die mehr farben sehen als menschen und dass die ganzen drohnen und helikopter nach denen gebaut wurden wegen den farben oder was

ne wegen dem propeller und wenn die mamas für ihre kinder essen holen gehen lassen sie sich immer mit den blättern zum boden fallen damit sie nicht gesehen werden krass oder

schon

und die orcas zählen eigentlich zur familie der delphine obwohl man sie killerwal nennt und leben im matriarchat weil die älteste frau immer anführerin wird

echt ja

FUMMELN

jemand erlebt zärtlichkeit jemand gräbt die nase in die kiefermulde eines anderen körpers jemand erlebt auf einem ikea-sofa unter der dartscheibe wie die zeit in einem partykeller gerinnt jemand sagt nicht was sich richtig anfühlt

manche stellen werden erst durch andere warm manchmal fühlt man sich erst durch andere

VERGANGEN

schon seit die kleine denken kann gibts den grünen gartenzaun an dem sie hochwächst der einen holzlattenschatten in ihre schritte wirft wenn sie nachmittags nach der schule nach dem kinderturnen nach hause geht

es gibt einen waagrechtstreifen an dem entlang sie ihre finger rattern lässt, es gibt den ein oder anderen splitter den sie sich aus der haut saugen musste

oft nehmen sie pakete entgegen wenn der doktor nicht da ist und dann bringt die mutter dem doktor die pakete wenn er wieder da ist

sie dachte der doktor wäre kinderarzt wie alle kinderärzte doktoren sind doch der doktor ist ein titel und er hat zu tun mit den kleinstlebewesen wie er ihr erzählte als sie ihn fragte

mit kindern also fragte sie

mit mikroben sagte der doktor, magst du mal schauen

und der doktor hat einen schreibtisch im wohnbereich und dort steht das mikroskop wie eine saufende metallgiraffe

er schiebt glasplättchen unters objektiv und sie darf scharfstellen er hilft ihr das unnütze auge zuzuhalten und sie erkennt gar nichts spannendes außer ein paar ringe und punkte und ihre wimpern die ins okular zwinkern

sie darf auch ihren finger unters objektiv halten und der sieht aus wie ein abgesägter baum

jahresringe sagt der doktor und berührt ihren nacken

er hat kalte arzthände, deshalb wundert sie sich nicht, das ist bekannt vom brustkorb abhorchen und impfen

der doktor hinterlässt dort im nacken ein muttermal

der doktor steht oft an der tür wenn sie am zaun vorbeigeht und sie bringt dinge mit, die sie unterm mikroskop anschauen will blätter, eine libellenleiche, ein bisschen spitzerdreck, eine vogelfeder

sie dreht am grobtrieb und er hält sanft ihren nacken fest die kleine

SEBASTIAN BEHR

cohen

war zone

Die Fußgängerampel zeigt Grün. Ich bin gerade dabei, die Straße zu überqueren, als ein rotes Auto um die Ecke biegt. Kurz vor mir bremst es, und ich mache vor Schreck einen Schritt zur Seite. Es hupt mich an. Der Fahrer beugt sich aus dem Fenster und schreit: Du Schwuchtel, verpiss dich! Hinter dem Auto bildet sich gleich ein Stau. Ich laufe weiter, schüttele den Kopf. In Gedanken habe ich immer noch die Nachbarin, die sich verstecken muss. Die Leute auf der anderen Straßenseite bleiben stehen, um den schreienden Mann anzugaffen, manche lachen, manchen rutscht dabei ihr Kopftuch nach hinten.

Ich drehe mich, als ich die Straße überquert habe, noch einmal um. Er hat den Blick. Komm her!, ruft er. Komm, du Fotze! Du dumme Fotze! Das regt mich auf, meine Muskeln spannen sich wie automatisch an, und ich möchte ihm wehtun, ich möchte ihn aus dem Wagen zerren, ihm sein Maul stopfen, ich weiß, ich könnte das jetzt, mit meiner Wut kann ich das. Ich überlege einen Moment, verkrampfe noch mehr. Die Straßenbahn kommt und verdeckt das hupende rote Auto. Da steige ich ein.

news

In der Zeitung, die ich immer frühmorgens im Bett auf meinem Smartphone lese, steht, dass eine junge Frau in einem Viertel nicht weit von hier von der Nachbarin beleidigt worden sei, als diese mitbekommen habe, dass die junge Frau, die sie bisher immer freundlich gegrüßt hatte, bei einem Telefonat auf dem Balkon hebräisch gesprochen hatte. Die Nachbarin hat ihr am nächsten Tag den Weg ins Haus versperrt und gesagt: Du gehörst nicht hierher, du, Ausländerin. Ich ruf die Polizei! Die Polizei deportiert dich.

Außerdem steht in der Zeitung, dass die Hamas in der Nacht hunderte Raketen auf Israel geschossen hat und ein Kiosk um die Ecke mit einem Davidstern beschmiert wurde. Über dem Artikel ist ein Bild eingefügt, auf dem ein mittelalter Mann schief vor der Scheibe mit dem Stern steht und kritisch in die Kamera schaut. Oder ratlos. Oder angestrengt.

Als ich dann aufstehe, um auf Arbeit zu kommen, und über den teuren, neuen, weiß-schwarzen Teppich stolpere und eine Schüssel Müsli esse, und als ich dusche und mir dabei vornehme, weniger Zeitung zu lesen, mir die Zähne putze, mich anziehe und die Tür hinter mir zuziehe und das Rad losschließe und am Tor umherschaue, dass der Frauenhasser nicht schon wieder auf der anderen Straßenseite steht, und die ersten Meter laufe, wegen dem Gedränge auf dem Fußsteig, fällt mir das kleine tag an unserem Haus neben der Eingangstür des Gemüseladens erst auf, als du sagst: Guck mal.

destroy israel hat jemand auf die Wand gekrakelt, und ich sage: Das müsste man eigentlich durchstreichen oder überstreichen oder wegkratzen. Aber wir haben nichts dabei, also lassen wir es. Die Schrift ist auch sehr klein. Drei Tage später steht es immer noch da.

blue eyes

Es gibt einen Baseballschläger und mehrere große Messer in der Küche und Boxhandschuhe am Flurhaken, und es gibt einen Mann mit einer Pistole, der jeden Tag vor unserem Mietshaus steht, wo er die Leute anstarrt. Manchmal trägt der Mann ein rotes Bandana, manchmal eine weiße Mütze und manchmal ein zu großes Tuch, mit dem er sich vermummt, weswegen man nur seine Augen sehen kann. Die Augen starren.

Der Mann ist ein Frauenhasser und darf sich für das, was er getan hat, dem Haus auf einhundert Meter nicht nähern, denn es gibt eine richterliche Verfügung, die das verbietet.

Jeden Tag – am Morgen oder am Mittag oder am Abend – nähert er sich dem Haus und steht dann eine Weile unbeholfen an der Ecke oder auf der gegenüberliegenden Straßenseite neben dem Ein-Euro-Laden herum. Der Frauenhasser wartet, ob das Licht in dem einen Zimmer angeht. Es geht nicht an.

Manchmal läuft er einem Hausbewohner bis zum Lidl hinterher. Manchmal radelt er mit einem Fixie oder einem zerkratzten Mountainbike oder einem Diamantdamenrad die Straße entlang. Wenn die Polizei kommt – und die Polizei kommt jeden Tag, weil wir anrufen, wegen der Sicherheit und wegen der richterlichen Verfügung –, ist er nicht mehr da. Die Polizei fährt immer mit Sirene vor.

Die Polizei sagt, sie hätten seinen Ausweis auf der Straße gefunden und seine Wohnung aufgesucht. In der Wohnung wäre alles ganz kaputtgeschlagen. Die Polizei sagt auch, der Frauenhasser hätte sich den Ausweis mittlerweile von ihnen abgeholt und dass er keine Pistole dabeigehabt hätte und dass Freiheitsberaubung und Bedrohung nicht so schlimm wären, auch nicht, wenn es eine junge Frau beträfe, und das mit der Pistole müssten wir erst einmal beweisen, außerdem wäre ihm noch einmal mitgeteilt worden, dass es ein Kontaktverbot mit einem Bannkreis gäbe, das hätte er eingesehen.

Ich öffne Google Maps und ziehe einen Kreis, der einhundert Meter darstellen soll, um unser Haus, das Bild davon schicke ich an alle Bewohner, damit sie wissen, wann wir anrufen müssen. Am nächsten Tag steht der Mann wieder unten auf der Straße. Er trägt eine verspiegelte Sonnenbrille. Das Licht im Zimmer geht nicht an.

community

Ich telefoniere mit einem Freund, der gerade in London studiert und mir erzählt, er habe viel zu tun, könne aber im Augenblick nicht für seine Prüfungen lernen, wegen der Demonstration gestern nach den Raketenangriffen und überhaupt, wie es bei uns wäre? Ich lache kurz auf. Er sagt, da seien tausende Menschen mit Palästinaflaggen gewesen, mit roten Bengalos und Hämmern in der Hand, manche mit Sturmhauben oder Tüchern vermummt oder schwarzen Stirnbändern und alle mit diesem wahnsinnigen Blick und alle haben sie judenfeindliche Parolen gebrüllt. Ich war auf der Gegendemo, sagt er. Wir waren insgesamt zehn. Er sagt, er sei der einzige Nichtjude unter den Gegendemonstranten gewesen und dass er sich noch nie so über die Polizei gefreut habe, die dazwischen gegangen war, als der Mob sie lynchen wollte und kopfgroße Pflastersteine nach ihnen geworfen und Silvesterraketen auf sie geschossen und sie bespuckt hat und getreten und beleidigt, dass sie Schweine seien und hässliche Juden, dass sie alle vernichtet würden und geköpft und zerbombt. Ob ich davon nicht in der Zeitung gelesen hätte? Ich schüttele den Kopf, aber das sieht er nicht.

Jemand aus der Palästinademo sei dann noch von einem Mauervorsprung einem aus ihrer Demonstration auf den Rücken gesprungen, um ihn zu erstechen oder zu erschlagen, ich weiß nicht, ich kann nicht alles verstehen, so schnell wie er redet. Die Polizei habe den Springer zum Glück gleich wieder zurückgeknüppelt, und irgendwann waren sie nicht mehr eingekesselt, irgendwann konnten sie gehen, die zehn Leute. Mein Freund hat einen noch begleitet, einen der ganz still war, der nur meinte, so was habe er sich nie vorstellen können. Sie waren in einem Diner auf einen Kaffee, und der andere hat lange nichts gesagt, nach einer Weile aber doch ein paar Sachen, zum Beispiel, dass ihm sein Nacken und die Schultern und der Rücken so schmerzen würden. Mein Freund hat geantwortet: That’s because someone jumped into your neck. They wanted to kill us! Und da war der andere ganz überrascht, denn den Schmerz hatte er schon die ganze Zeit gespürt, aber von dem Sprung wusste er nichts. Er hat es nicht mitbekommen. Das glaubst du nicht, sagt mein Freund ganz aufgelöst und ich denke an die vielen kleinen Tritte gegen die Tür.

dead man