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Deutschland geteilt, Deutschland vereint; die Mauer gebaut, die Mauer zerstört – Letzteres vor 25 Jahren! Und was war vorher? Welche Folgen hatte die Teilung nach dem 13. August 1961, politisch, wirtschaftlich, persönlich? Wer war davon berührt oder betroffen? Mehr als 20 Zeitzeugen, Frauen und Männer, beschreiben hier, wie zwischen 1949 und 1953 zwei deutsche Staaten entstanden sind, wie der Aufstand in der DDR am 17. Juni 1953, wie Flucht und Ausreisen erlebt wurden, wie der Transitverkehr und wie die Wiedervereinigung erlebt wurden – bis in die Zeit nach 1989. Es sind persönliche Zeugnisse im Sinne von „Oral History“, vorrangig basierend auf Erlebnissen, ergänzt durch Ansichten und Meinungen. Es ist „Geschichte von unten“, mit unterschiedlichen Sichtweisen und Standpunkten, geprägt vom eigenen Verstehen und Erleben. Zeitzeugen erinnern sich an zwei deutsche Staaten Eine Anthologie der ZeitZeugenBörse Hamburg
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Seitenzahl: 179
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Vorwort
I. 1949–1961: Deutschland wird geteilt
Lore Bünger:
Die Gründung der Bundesrepublik Deutschland
Gisela Jacobs:
„Und ab jetzt wird gearbeitet“ – Lehrjahre in der DDR
Ingrid Willers:
Traurige Familienverhältnisse
Fritz Schukat:
Mit dem Fahrrad von Berlin nach Sylt
Manfred Krause:
Erinnerungen an den 17. Juni 1953 in Berlin
Gisela Stephan:
Der 17. Juni 1953 aus persönlicher Sicht
Edeltraud Jensen:
Volksaufstand in Halle an der Saale
Manfred Köhne:
Ein Besuch auf dem Hanstein
Manfred Krause:
Politischer Flüchtling aus der DDR
Claus Günther:
Herr Hallstein und die „Tüttelchen“
Edeltraud Jensen:
Bahnfahrten zur Zeit der deutschen Teilung
Jürgen Waldow:
Meine Isetta und der freundliche Vopo
Lore Bünger:
Berlin-Reise durch die DDR
Petra Müller:
Erinnerungen an die deutsche Teilung
Karl-August Scholtz:
DDR als Ausland empfunden?
II. 1961–1989: Mauer und Transit
13. August 1961: der Tag, der den Frieden sicherte – Die Sicht eines SED-Genossen
Carsten Stern:
13. August 1961
Zeitzeugenbörse Hamburg, 2011:
Was war da noch, 1961?
Claus Günther:
Die Mauer, der Wolf und ich
Karl-Heinz Büchner:
„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“
Renate Rubach:
Reisen in die „Ostzone“
Claus Günther:
Nachdenkliches über Gerhard Löwenthal
Carsten Stern:
Datschen, Schrebergarten und Einmachen
Ingetraud Lippmann:
Päckchen packen und Markenbewusstsein
Carsten Stern:
Deutschstunde
Carsten Stern:
Literatur aus dem Osten
Carsten Stern:
Restaurantbesuch
Peter Bigos:
Auf der Transitstrecke F5 bzw. B5
Carsten Stern:
„Ausländer (BRD) sind hier nicht erlaubt!“
Richard Hensel:
Goldene Hochzeit 1982 in Eberswalde
Wilhelm Simonsohn:
Verfahren
Maritta Henke:
Unsere Ausreisezeit
Richard Hensel:
Fisch von Aldi
Angelika Weber:
Urlaubs-Fluch über Schönefeld
Evelin Bergknecht:
Wiedersehen nach dreißig Jahren
Carsten Stern:
Eine friedliche Revolution
Andrea Koehn:
Flucht über Ungarn
III. Wiedervereinigung: Wächst zusammen, „was zusammengehört“?
Richard Hensel:
20 Jahre Wiedervereinigung
Claus Günther:
Zonen
Carsten Stern:
Mauerfall
Renate Rubach:
9. November 1989 – Der Mauerfall
Hartmut Kennhöfer:
Wiedervereinigung mit „Lokomotive Schwerin“
Ingetraud Lippmann:
Eine kurze Ost-West-Freundschaft
Carsten Stern:
Wo liegt eigentlich Ostdeutschland?
Walter Schmidt:
Mein einziger Besuch im „Osten“
Lore Bünger:
Wanderung von West nach Ost
Anhang
Glossar
Die Autorinnen und Autoren
Abbildungsnachweis
Die Medien wissen es besser – und die meisten Älteren unter uns werden sich erinnern: Vor 25 Jahren, am 9. November 1989, fiel jene Mauer, die am 13. August 1961 von den einstigen Machthabern der DDR errichtet worden war und die Teilung Deutschlands mehr als 28 Jahre lang besiegelt hatte.
Wie aber kam es einst zum Mauerbau, was waren die Folgen, politisch, wirtschaftlich, persönlich? Wer war davon berührt oder betroffen?
Wir Zeitzeugen der ZeitZeugenBörse Hamburg haben nachgefragt, bei uns selbst in unserer Gruppe, aber auch bei anderen älteren Menschen im Freundes- und Bekanntenkreis. So entstand dies Buch.
Schnell wurde uns klar, dass wir zurückgreifen mussten (und wollten) in die Zeit „davor“ und die Zeit „danach“, und so haben wir beschrieben, wie zwischen 1949 und 1953 zwei deutsche Staaten entstanden sind, wie der Aufstand in der DDR am 17. Juni 1953, wie Flucht und Ausreisen erlebt wurden sowie der Transitverkehr und die Wiedervereinigung – bis in die Zeit nach 1989.
Entstanden sind ganz persönliche Zeugnisse im Sinne von „Oral History“, vorrangig basierend auf Erlebnissen, ergänzt durch Ansichten und Meinungen unterschiedlichster Art. Es ist sozusagen ein Buch aus der Reihe „Geschichte von unten“ und enthält durchaus unterschiedliche Sichtweisen und Standpunkte, geprägt vom eigenen Verstehen und Erleben.
Also gut, ja: Wir hatten 2 Deutschlands. Erst die Bizone, dann die Trizone, das war also die dreifach vereinigte Westzone, und drüben – da drüben war die Ostzone, die Sowjetzone oder einfach nur: die Zone. Wir hier, also „der Westen“, wir waren die BRD, die Bundesrepublik Deutschland, und die da drüben, in Mitteldeutschland, das waren die Bewohner der DDR, der Deutschen Demokratischen Republik. Ich hatte, wie die meisten hier, weder Verwandte dort, noch geschäftliche Verbindungen.
Also gut, ja? Wirklich?
Natürlich nicht. Es waren halt die Gegebenheiten, wie sie sich entwickelt haben in Deutschland nach dem Krieg, gesteuert von den Großmächten – allen voran die USA und die UdSSR. Während aber die Sowjets die Zone quasi ausbluten ließen, indem sie nahezu alles demontierten und abtransportierten, was nicht niet- und nagelfest war, sind wir hier im Westen vergleichsweise ungeschoren davongekommen. Glück gehabt, und wie!
Unsere Brüder und Schwestern in der DDR haben es schwerer gehabt, das war mir auch in jungen Jahren klar. Was mir hingegen bis heute unbegreiflich geblieben ist: Wie konnten die Menschen das aushalten, dass eine Diktatur sozusagen übergangslos die nächste ablöste? Dass die Nachkommen der Kriegsgeneration wiederum, wie einst ihre Mütter und Väter bei der Hitlerjugend, als Kinder eine Uniform tragen, Mitglied der „Jungen Pioniere“ werden und später in die FDJ überwechseln mussten? Dass sie die Litanei von der ruhmreichen Sowjetunion nachbeten und „dem großen, ruhmreichen Führer“ Stalin zu huldigen hatten wie früher dem Hitler?
Sicher war die DDR, war jene Republik alles andere als demokratisch, sondern vielmehr diktatorisch mit ihrem Schnüffler- und Denunziantentum seitens der Stasi. Dass aber, abgesehen vom aus wirtschaftlichen Gründen ausgelösten Volksaufstand vom 17. Juni 1953, das ganze Volk oder doch zumindest große Teile davon, diesen Staat so lange mitgetragen hat, erschien mir unbegreiflich nach allem, was Deutschland unter Hitler hat ertragen müssen.
Ich habe all die Menschen, die diese Unterdrückung gezwungenermaßen jahrzehntelang ausgehalten haben, immer bewundert. Wie viele Familien mag es gegeben haben, für die neben dem – verglichen mit unserem – großenteils schlechteren Lebensstandard die Bitternis der Unterdrückung und des Schweigenmüssens in politischer Hinsicht das größere Übel war. Das ausgehalten zu haben, verdient meines Erachtens großen Respekt.
Was wir Älteren im Westen nicht im Blick haben ist die „Dritte Generation Ostdeutschland“, über die Johannes Staemmler (geb. 1982 in Dresden) am 11.08.2011 in der ZEIT schreibt: „(…) Da gibt es ein paar verblasste Erinnerungen an die ersten Pioniernachmittage. Einige von uns haben, blind vertrauend auf die Eltern und Lehrer, an Jahrestagen Nelken getragen. Andere fühlten die Lähmung, als der elterliche Ausreiseantrag abgelehnt wurde. Scham und Stolz, vorher und nachher, liegen dicht beieinander.“
Aber, so Staemmler an anderer Stelle: „Mit der DDR brachen alle bisher gültigen Orientierungen zusammen. Auf einmal war nicht nur das Begrenzende, sondern auch das Schützende der Mauer weg. Und mit ihr ein Land, das nicht viele geliebt, aber in dem sich fast alle eingerichtet hatten. Egal, wie man zu diesem System stand, auf einmal musste jeder sein eigenes Schicksal in die Hand nehmen. Von einem Tag auf den anderen mussten unsere Eltern Probleme lösen, die sie nicht kannten. Sie mussten aufholen und sich zurechtfinden in einem System, das anders war, als sie es sich erträumt hatten. So konnte ein lapidarer Brief von einem Anwalt oder einer Versicherung existenzielle Ängste verursachen, weil niemand wusste, was er eigentlich bedeutete. (…)
Plötzlich zählten die Lebensentwürfe unserer Eltern nichts mehr. Plötzlich schien das, was sie gelebt hatten, falsch. Plötzlich waren unsere Eltern schwach. Wir haben mit ihnen erlebt, wie alle Wahrheiten abhanden kamen. Wir waren mit sieben oder zehn genauso unerfahren wie sie, die uns erziehen sollten. (…) Dabei war es egal, ob man das Kind eines Arbeiters, Pfarrers oder Funktionärs war. Alle hatten keine Ahnung, alle waren überfordert.
Diese erfahrene Unsicherheit, in den Familien, aber auch im Großen, verbindet uns, die dritte Generation Ostdeutschland. Unsere Großeltern, die erste Generation, haben noch den Krieg erlebt. Sie haben maßgeblich dazu beigetragen, die DDR aufzubauen und neue Leben zu beginnen. Unsere Eltern wurden in den fünfziger und sechziger Jahren geboren und kannten nichts anderes als dieses Land.“
Staemmler verweist schließlich auf „ein selektives Gedächtnis in Bezug auf die DDR. Unsere Eltern verkriechen sich in schablonenhaften Erinnerungen. Sie berichten wenig und meist nur das, was ihnen heute kein Unbehagen bereitet.“
Hier drängen sich auf bestürzende Weise Parallelen zur Generation meiner Eltern (Mutter 1897 geb., Vater 1901) und ihrem Umgang mit der Nazizeit auf! Staemmler weiter: „(…) Erinnerungen werden nur bruchstückhaft wiedergegeben, verdrängt, vielleicht sogar vergessen. Wir vermissen, dass sie [die Eltern] mit uns einen differenzierten Blick auf eine Zeit werfen, die nicht widerspruchsfrei zu interpretieren ist – weder heute noch damals. (…)“
Das Verdrängen seiner (Staemmlers) und meiner Elterngeneration (ich war bei Kriegsende 14) im Umgang mit ihrer Vergangenheit mündete in meinem Fall in Vaters Satz: „Ach sei doch ruhig! Davon will doch keiner mehr was hören!“
Freilich: Das Maß der Unfreiheit und des Unrechts im „Dritten Reich“ Hitlers war ungleich größer als in der DDR – die beiden deutschen Systeme sind insofern nur differenziert vergleichbar. Doch es gibt eine Gemeinsamkeit der Erfahrungen von Menschen, die ihre Eltern fragten: „Warum war das so?“ Die, die darin gelebt haben, wollen nicht alles von dem preisgeben, wie sie gelebt haben, warum sie sich nicht gewehrt haben, warum sie alles geduldet haben – oder auch, warum sie sich wohlgefühlt haben. Die Ansprüche, welche die Außenwelt Jahrzehnte später daran stellt, wie sie bitte gelebt haben sollten und wie sie doch bitte nicht gelebt haben sollten in der Zeit der NS- resp. DDR-Zeit, diese Ansprüche sind die gleichen, im heutigen Deutschland. Und sie kommen für die NS-Zeit wie für die DDR-Zeit gleichermaßen von Menschen, die als Erwachsene nicht in dem System gelebt haben (mussten). Damals haben die Menschen aber alle so gelebt, wie sie gelebt haben, und wie es ihnen selbst damals – damals! – entsprach. Und viele haben ein glückliches Leben geführt –, weil sie sich dem Staat entziehen konnten, oder weil sie mitgemacht haben. Und vielleicht konnten diese Vielen auch nur ihr Leben leben, weil sie sich dem Staat entzogen haben oder weil sie mitgemacht haben.
Nun verkörpern wir Hamburger Zeitzeugen in der Mehrzahl jene Seite der Zeugen, die den Osten vom Westen aus gesehen haben. Und diejenigen von „unseren“ Zeitzeugen, die aus dem Osten kamen, sind jene, die es dort eben gerade nicht ausgehalten haben und sich nicht „irgendwie“ eingerichtet hatten. Und doch zeigen wir West-Zeugen alle einen großen Unterschied zur NS-Zeit: Damals, von 1933–1945, gab es keine Deutschen von einem anderen deutschen Staat, und es gab keine Fernsehsendungen aus einem anderen deutschen Staat, die den Bürgern einen anderen Lebensentwurf darstellten und vorlebten. Dieser alternative Lebensentwurf, das zeigt Staemmler, war aber auch nur ein kleiner Ausschnitt des West-Lebens, er war auch gerade nicht das Leben selbst mit seiner ganz anderen Einstellung zur Eigenverantwortung an Stelle von „Bevormundet-und-Bekümmert-werden“.
Diese Einstellung fiel uns im Westen als unsere Eigenart gar nicht mehr auf, und die andersartige im Osten merkten wir gar nicht so. Wir merkten nicht, dass im Westen und im Osten die Einstellung zum tagtäglichen Leben und wie man sich darin zurechtfindet ganz unterschiedlich war. Das blitzt manchmal auf in den Beiträgen – aber haben wir im Westen das wirklich wahrgenommen, so, wie es heute eine dritte Generation der Ostdeutschen wahrnimmt?
Und so ist auch dies Buch und so sind auch die Beiträge, die wir schreiben, die Sicht des Westens auf den Osten, unabhängig davon, ob man in den Osten Kontakte hatte oder nicht. Die Schreiber sind Menschen, die „dem Osten“ und seinem System kritisch gegenüberstanden und gegenüberstehen. Das Buch ist deshalb eine Zeitzeugengeschichte West. Die Zeitzeugengeschichte Ost müssen andere schreiben. Und vielleicht wäre es einmal eine ganz andere Sicht, wie „man“ als DDR-Bürger „den Westen“ gesehen hat, sehnsuchtsvoll oder ablehnend. Unsere Sicht ist notwendigerweise die von West nach Ost – und nur manchmal, von den 1950er Jahren bis kurz vor dem Mauerfall, auch ein bisschen von Ost nach West.
Da die Mehrzahl der Beiträge von Teilnehmern der ZeitZeugenBörse Hamburg stammt, abschließend noch ein Wort zu deren Arbeit.
Die Zeitzeugen der ZeitZeugenBörse Hamburg, Menschen zwischen Ende 60 bis Mitte 90, engagieren sich seit 1997 wie folgt: Auf Anforderung wurden bislang weit mehr als 200 Schulklassen in und um Hamburg besucht.
Dreimal jährlich bringt die Gruppe das Mitteilungsblatt ZEITZEUGEN heraus; ferner wurde ein Buch „Zeitzeugen schreiben Geschichte(n) 1932 bis 1952“ publiziert, sowie eine Broschüre und eine DVD „Erinnern statt Verdrängen – 10 Jahre ZeitZeugenBörse Hamburg.“
Im Aufbau ist darüber hinaus eine Datenbank; eine Vernetzung mit anderen Medien ist im Gespräch. Im Übrigen liegen viele Berichte im Internet vor:
www.zeitzeugen-hamburg.de
Link: ZeitZeugenBörse
Für die Redaktion: Ulrich Kluge
23. Mai 1949
Der Gründung der Bundesrepublik Deutschland am 23. Mai 1949, die ja in der Geschichte unseres Landes eine bedeutende Rolle spielt, haben viele Frauen – auch ich – damals keine besonders große Beachtung geschenkt.
Im Beruf „rauschten wir ran“. Wir waren bestrebt, gemeinsam die Wirtschaft wieder in Gang zu kriegen, alte In- und Auslandsbeziehungen neu zu knüpfen und das nötige Geld zu verdienen, um uns auch privat wieder hochzurappeln aus dem Dilemma, das uns der Krieg und die ersten drei Nachkriegsjahre beschert hatten.
Viele Frauen meines Alters (geb. 1923) gründeten mit aus dem Krieg zurückgekehrten Männern eine Familie. Sie waren oft doppelt- und dreifachen Belastungen ausgesetzt: Kinder aufziehen, Haushalt versorgen und evtl. noch nebenher eine Berufstätigkeit ausüben, weil e i n Lohn oder Gehalt nicht reichte, um das Nötige zum Leben zu beschaffen.
Daher stehen nun viele von uns grau gewordenen Zeitzeugen ratlos da, wenn wir nach unseren politischen Ansichten oder gar Gefühlen gefragt werden, die uns bei der Gründung der Bundesrepublik Deutschland bewegten.
Uns bewegte damals der Aufbau, das Auferstehen aus der Asche – in Hamburg im wahrsten Sinne des Wortes!
1950–1953
Am 23. Juli 1950 bestehe ich die Abschlussprüfung der 8. Klasse mit der Note „gut“. Fleiß, Aufmerksamkeit und Gewissenhaftigkeit werden mir im Zeugnis bescheinigt. Meine Heimatstadt ist Magdeburg im damals ostdeutschen Gebiet des Arbeiter- und Bauernstaates, der DDR.
Aber – leider – bin ich kein Arbeiterkind und stamme auch nicht aus einer Bauernfamilie. Mein Vater ist Berufssoldat und nach seiner Dienstzeit beim Militär Beamter auf Lebenszeit. Hinzu kommt der Makel der Parteizugehörigkeit im Dritten Reich, die mein Vater mit drei Jahren Verschleppung in ein ehemaliges deutsches KZ unter sowjetischer Herrschaft gebüßt hat. Das sind keine guten Vorzeichen für mich. Kinder „solcher Eltern“ sind nicht förderungswürdig im sozialistischen Sinne. Also, runter von der Schule, raus ins „feindliche“ Leben. Aber wie?
Meine Eltern meinen, ich solle eine Lehre bei der Deutschen Reichsbahn oder bei der Post beginnen. Aber da mir das Beamtentum nun schon zum Verhängnis wurde, will ich nicht in diese Einrichtungen. Ich überlege, welche Tätigkeiten ich besonders gerne mache und komme zu dem Schluss, ich zeichne gerne. In der sozialistischen Planwirtschaft gibt es schon so etwas wie Berufsberatung, um die Ausbildung des Nachwuchses für den Aufbau des Sozialismus zu steuern. Also gehe ich zur Berufsberatung; 14-jährig, ohne jede Ahnung vom Berufsleben.
Puppen und schöne Kleider mag ich sehr, also möchte ich Schneiderin und Modezeichnerin werden. Der Kaderleiter sieht mich mitleidig an und sagt: „Nee, Jugendfreundin, so was brauchen wir nicht für den Aufbau des Sozialismus.“ Wie wär’s denn mit einer Facharbeiterausbildung als technische Zeichnerin. Junge Menschen in der Industrie sind unsere Zukunft. Na, dann mache ich eben das, war meine praktische Entscheidung. Ich weiß ja sowieso nicht, was mich im Arbeitsleben erwartet.
Am 1. September 1950 beginne ich meine Lehre im Schwermaschinenbau „Ernst Thälmann“, vormals Krupp-Gruson, als technische Zeichnerin. Wir sind 21 Mädchen im Alter zwischen 14 und 16 Jahren. Ich stehe zum ersten Mal am Reißbrett und lerne Striche ziehen, mit Bleistift und schwarzer Tusche. Ich lerne Normschrift, Zahlen, Buchstaben.
Und nach vier Wochen Probe geht’s ab in die Werkstätten. In die Schlosserwerkstatt an den Schraubstock, meißeln, feilen, bohren. Meine Hände können das Werkzeug kaum festhalten, aber ich halte durch. Blutige Blasen an meinen Händen veranlassen den Lehrmeister nur zu der Bemerkung: „Geh zum Sani, lass dich verbinden, und dann komm wieder her.“
Nach drei Monaten geht’s ab in die Graugussgießerei. Wir Mädchen beschicken den Kupolofen mit Gusseisen und Schrott, schmelzen, stechen die flüssige, glühende Masse ab.
Mit Modellen formen wir Lagerschalen in Formsand, gießen die Formen aus. In der Gießerei gibt es jeden Tag eine Sonderzuteilung. Jeder bekommt einen halben Liter Milch. Dazu gibt’s eine Holzkiste mit Harzer Käse, den essen wir aus der Hand. Wir sitzen in Dreck und Staub und sind dabei auch noch fröhlich. Wir sind produktiv und das macht uns stolz.
Weiter geht’s in die kleinmechanische Bearbeitung. Wir arbeiten an der Drehbank, der Fräs- und Bohrmaschine und stellen schon Kleinteile für die Produktion her. In der großmechanischen Bearbeitung an Karussell-Drehbänken macht das Arbeiten noch mehr Spaß.
Ein Jahr vergeht mit der praktischen Ausbildung. Dann geht’s zurück ans Reißbrett. Jetzt kann ich auch verstehen, was ich da zeichnerisch zu Papier bringen soll, damit die Zeichnung in der Werkstatt gelesen und umgesetzt werden kann.
Meine Lehre ist für mich ein Riesenfortschritt in meiner persönlichen Entwicklung. Ich bin etwas wert, ich habe Fähigkeiten, mit denen ich mich selbst ernähren kann, ich bin selbstständig, unabhängig, kann mitreden, bin erwachsen.
Nach zweieinhalb Jahren, ich bin gerade 17 geworden, darf ich meine Lehrausbildung aufgrund guter Leistungen vorzeitig beenden. Meine Prüfungsnote wieder „gut“ und zum internationalen Frauentag am 8. März 1953 werde ich als „Bestarbeiterin“ mit einer Urkunde geehrt. Ich denke, es wird verständlich, dass ich auch auf diesen Erfolg sehr stolz bin. Die vermeintlichen Härten, die ich „als großes Kind“ erfahren habe, haben mich gestärkt. Inzwischen habe ich 45 Berufsjahre hinter mich gebracht, und es war eine gute Zeit.
1949 bis 1964
Als Günter und ich 1960 heirateten, hatte mein Mann, der aus dem Erzgebirge stammt, ein bewegtes Schicksal hinter sich.
Gegen Ende des Krieges entkam er dem Kessel von Kurland (Lettland); gemeinsam mit Kameraden flog er in Richtung Westen und geriet in amerikanische Gefangenschaft, aus der er 1946 entlassen wurde. Da seine Mutter ihm geschrieben hatte, sein Vater sei von den Russen verschleppt worden, fuhr er zu ihr in das Erzgebirge, um ihr und seinem zehn Jahre jüngeren Bruder zu helfen.
Im Uranbergbau bei der SAG (Sowjetische Aktiengesellschaft) Wismut fand Günter Arbeit und verdiente gutes Geld. 1949 lud er anlässlich der Obsternte eine Tante ein, ohne zu ahnen, dass diese briefliche Kontakte zu Westdeutschen hatte. Wenig später wurde die Tante verhaftet; ihr wurde „sowjetfeindliches Verhalten“ vorgeworfen. Sie kam ins berüchtigte Frauengefängnis Hoheneck, wo sie bald darauf verstarb.
Bei dieser Tante aber fand man die Einladung von Günter. Der sowjetische Geheimdienst vermutete in dem Brief eine verschlüsselte Nachricht und legte das als Spionage gegen die UdSSR aus. Daraufhin wurde auch Günter verhaftet und zu zehn Jahren Zwangsarbeit in mehreren Zuchthäusern verurteilt. Nach fünfeinhalb Jahren wurde er begnadigt und in die DDR entlassen.
Sein Entschluss stand fest: Er wollte in die Bundesrepublik, und so verabschiedete er sich von Mutter und Bruder und flüchtete bei Nacht und Nebel über die „Grüne Grenze“.
Von nun an galt er als Republikflüchtling. Kontakte waren nur brieflich möglich, viele Pakete gingen „nach drüben“, aber eine persönliche Begegnung erfolgte erst Jahre später (1960) in Berlin, wobei Günter mit der PanAm fliegen musste, da er an der DDR-Grenze verhaftet worden wäre und zumindest seine viereinhalbjährige Reststrafe hätte absitzen müssen.
Ein Jahr später erfolgte der Mauerbau, und der persönliche Kontakt riss abermals ab. Erst als ab 1964 Rentner über 65 Jahre Verwandte in der Bundesrepublik besuchen durften, gab es ein freudiges Wiedersehen – und beim Abschied traurige Gesichter, denn auf die nächste Besuchserlaubnis musste man in der DDR ein Jahr lang warten.
1952
Ich wohnte in der Nachkriegszeit bei meinen Großeltern in Berlin und ging dort auch zur Schule. In den frühen 1950er Jahren konnte man zwar an vielen Stellen als Fußgänger oder Radfahrer meist noch unkontrolliert in den „Ostsektor“ oder in die „Zone“ gehen bzw. fahren, aber es war schon recht schwierig. „Drüben“ zu übernachten, das ging nicht mal mehr bei Verwandten.
Damals war „drüben“ eben doch schon eine ganz andere Welt und uns wurde ja auch dauernd eingeredet, dass Westberlin zum Westen gehört, also zum „guten Teil“ dieser Welt. Deshalb zog es uns dann auch nicht unbedingt in den Osten, und Ferien wollten wir dort schon gar nicht machen. Das war uns alles schon zu sehr staatlich organisiert.
In den großen Ferien 1952 beschlossen deshalb meine drei Freunde und ich, mit unseren Fahrrädern nach Sylt zu fahren. Wir waren damals alle so um die 16–17 Jahre alt und hatten zur Vorbereitung dieser Fahrt lange zusammengesessen, die Fahrroute auf Landkarten ausgeguckt und nachgerechnet, ob und wo wir die nächste Jugendherberge finden konnten. Das war natürlich keine Sonntagstour, wie man sie heute mal fix mit dem Auto machen kann.
In der Bundesrepublik konnte man schon längst wieder ohne Schwierigkeiten reisen, aber diese Freizügigkeit galt eben nie für Westberliner, wenn sie auf dem Landweg durch die DDR „nach Westdeutschland“ fahren wollten.
