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Dieser Titel ist Programm. Kleine Kostprobe gefällig? Ein Sauerteig löst Staatskrisen aus. In einem Altersheim ist die Zeit kaputt. Eine christliche Schülerband plant nach dreißig Jahren ihr großes Comeback. Ein unsichtbarer Schauspieler macht Karriere. Fassbinder sieht Fack ju Goehte im Kino. Ein Wolfsmädchen wird It-Girl. Eine chinesische Reisegruppe irrlichtert durch Europa. Der Schädel von Hitler wird bei eBay versteigert. Ein Mann verspeist sich selbst. Na ... Unglaublich genug? Eine rasante Achterbahnfahrt durch die Höhen und Tiefen menschlicher Existenzen. Pechschwarzer Humor. Gnadenlos absurd. Unterhaltsam. Lustig. Seltsam. Abgründig. Skurril.
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Seitenzahl: 259
Veröffentlichungsjahr: 2026
© 2026 WOKASOMA | Florian Schröder
www.wokasoma.com | [email protected]
Illustrationen: Martin Fengel
Autorenfoto: Jens Kramer
Lektorat & Korrektorat: Katharina Schröder
Satz & Layout: Katharina Schröder
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Zufrieden betrachtet sich Herr Kowatsch im Spiegel. Schwarzer Anzug, schwarze Fliege, weißes Hemd. Kowatsch hat an nichts gespart. Alles maßgeschneidert und alles nur vom Allerfeinsten. In einer guten Stunde ist es endlich so weit: Premierenabend! Der Stardirigent Jean-Remy de La Fayette wird in der Frankfurter Oper »Tosca« dirigieren. Laut Feuilleton ist die Deutsche Grammophon-Gesellschaft schon seit Tagen damit beschäftigt, hochsensible Mikrofone im Opernhaus auszurichten, um die Aufführung mitzuschneiden. 3sat und Deutschlandfunk Kultur übertragen das Spektakel live. Schon jetzt spricht man von dem Opernevent des Jahres.
Egal ob Callas oder Caruso, Wagner oder Verdi: Kowatsch vergöttert sie alle. Seit seiner frühesten Jugend. Wenn es der elter-liche Betrieb zeitlich zulässt, ist Kowatsch zu Hause in den großen Opernhäusern der Welt: in der Mailänder Scala, der Arena di Verona, der Metropolitan Opera in New York.
Kurz nach seinem fünfzigsten Geburtstag war Kowatsch sogar in der altehrwürdigen Oper von Palermo und hatte dieselbe Loge gebucht, in der Al Pacino als Michael Corleone im dritten Teil von »Der Pate« sitzt.
Das hat selbstverständlich eine ordentliche Stange Geld gekostet, war aber auch ein unvergessliches Erlebnis. »Ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte«, schwärmt Kowatsch jedes Mal mit scherz-haft heiserer Stimme, wenn er davon erzählt. Trotz jahrelangen
Die Opernpremiere
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Gesangsunterrichts war es ihm nie vergönnt, selbst einmal auf einer Opernbühne zu stehen. Zu mehr als zwei Statistenrollen hat es nicht gereicht. Mal übergab er einem Ritter sein Schwert, mal führte er einen Pappesel auf Rollen über die Bühne. Ehrgeiz: ja. Talent: nein. Das muss man irgendwann einsehen. Doch Kowatsch trägt es mit Fassung. Schließlich hat er doch noch eine Methode gefunden, sich irgendwie im Opern-Olymp zu verewigen.
Als Kenner der Materie weiß Kowatsch genau, wann in der Oper die sogenannte Generalpause stattfindet. Das ist der Moment, in dem Orchester und Sänger völlig überraschend für einige Augen-blicke verstummen. Die Generalpause gilt als kompositorisches Mittel, um die Dramaturgie auf den Höhepunkt zu treiben. Und genau an dieser Stelle kommt der Einsatz von Herrn Kowatsch. Er hustet.
Auf diese Weise hat sich Herr Kowatsch in unzähligen Jahr-hundertaufnahmen verewigt. Jeder, der in den letzten zwanzig Jahren einen Opernmitschnitt bis zum Ende durchgehört hat, hat mit großer Wahrscheinlichkeit auch Herrn Kowatsch gehört. Mal, wie er sich räuspert, mal, wie er sich schnäuzt, oder wie er niest.
Ding Dong! Das Taxi steht vor der Tür. Kowatsch zupft ein letztes Mal an seiner Fliege, dann klopft er mit der Faust dreimal auf Holz und murmelt leise: »Toi, toi, toi.« So nervös war er schon lange nicht mehr. Heute Abend, im dritten Akt, direkt nach dem Erschießungsbefehl, wird es so weit sein: große Premiere für den Doppelhuster in forte mit zeitverzögertem Stakkato-Schnäuzer. Unsterblichkeit, here I come.
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Berlin-Charlottenburg. Hochkonzentriert und sehr vorsichtig, als handle es sich um einen superempfindlichen Sprengstoff, füllt die siebenjährige Helga Karajan das abgewogene Weizenmehl in ein leeres Marmeladenglas. Dann gibt sie ein halbes Päckchen Trockenhefe, einen Esslöffel Zucker und eine Tasse lauwarmes Wasser dazu. Mit sakraler Miene rührt das Mädchen sämtliche Zutaten zu einem flüssigen Teig und schraubt anschließend den rot-weiß karierten Deckel auf das Glas. Puh! Ausatmen. Das war’s. Der Hermann ist fertig.
Ab jetzt ruht der Teig zwei Tage bei Zimmertemperatur auf dem Fensterbrett, danach beginnt die sogenannte Pflegezeit. Diese ist in dem Kettenbrief, welcher unter den Kindern der John-F.-Kennedy-Grundschule kursiert, kinderhandschriftlich auf einem karierten Blatt Papier bis ins kleinste Detail beschrieben.
Heute in zwölf Tagen, pünktlich zum Geburtstag von Karla Tiefenbach, Anführerin der angesagtesten Mädchenclique der Klassenstufe zwei, wird Helga einen ersten Ableger ihres Hermann-Teigs verschenken können und so um das Wohlwollen der elitären Eisprinzessin buhlen. Mit etwas Glück wird Helga aufsteigen im sozialen Gefüge der John-F.-Kennedy-Grundschule und VIEL-LEICHT (!) sogar zur Geburtstagsparty eingeladen werden. Ten-denziell stehen die Chancen zwar bei nahezu null, doch wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Träumen wird man ja wohl noch dürfen.
Tag Eins. »Dein Hermann mag es gerne kühl und hat viel
Der Hermann
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Hunger.« Das Wort Hunger ist zweimal dick unterstrichen. Helga füttert den Sauerteig laut Gebrauchsanweisung mit Mehl, Zucker und Milch, dann stellt sie das Glas in den Kühlschrank.
Tag Zwei bis Vier. »Dein Hermann braucht jetzt viel Bewegung und möchte täglich umgerührt werden.« Kein Problem! Helga rührt und rührt und rührt.
Im Hause Karajan wird seit Tagen über nichts anderes mehr gesprochen als über den Hermann. Um seine Tochter zu beein-drucken, hat sich der Vater im Internet gefährliches Halbwissen angelesen und hält einen Vortrag über Gärprozesse und Essigsäure-bakterien. Die Mutter erzählt, wie sie selbst einmal einen Hermann geschenkt bekommen hat. In den Achtzigerjahren. Helga kann sich nicht einmal vorstellen, wie lange das her ist.
Tag Fünf. »Dein Hermann ist schon wieder hungrig. Füttere ihn!«
»Der frisst uns ja noch die Haare vom Kopf!«, schmunzelt die Mutter, als Helga pflichtbewusst Mehl, Zucker und Milch in die hellbraune Masse rührt.
Darüber, was in der Nacht des 18. Oktobers im Kühlschrank der Kohlrauschstraße 8 passiert, wird im Verlauf der Menschheits-geschichte noch viel spekuliert werden.
Als der Vater von Helga am frühen Morgen vom Geräusch splitternden Glases geweckt wird, steht er bis zu den Knien im Sauerteig. Unter Lebensgefahr kämpft sich der Mann durch die anschwellende Teigmasse, bringt Frau und Kind in Sicherheit.
Dann klingelt er die anderen Bewohner des Hauses aus den Betten. Um sich Zeit für unnötige Erklärungen zu sparen, täuscht er geistesgegenwärtig vor, es handle sich um einen Wohnungsbrand.
Als sich die Bewohner in Bademänteln und Schlafanzügen auf der Straße zusammenfinden, trifft die Feuerwehr ein. Diese wird Zeuge, wie eine zähflüssige Masse im Schein der zuckenden
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Blaulichter aus den Fenstern des vierstöckigen Mietshauses quillt.
Frau Sasse (87), verwitwet und fast taub, bekommt von der Evakuierung nichts mit. Sie erstickt im Schlaf unter den Massen des kalten Teigs.
Tag Sechs. Der Hermann wächst und wächst und wächst. Problemlos überwindet er die errichtete Sperre aus Sandsäcken. Versuche des Technischen Hilfswerks, den Teig chemisch aufzu-lösen oder abzupumpen, scheitern.
Die ersten Bilder des haushohen Teigs landen in den sozialen Netzwerken, werden aber anfangs für billige Scherzmeldungen gehalten. Ein Großaufgebot der Polizei räumt gegen Abend die umliegenden Wohnhäuser. Der Hermann breitet sich weiter aus.
Tag Sieben bis Acht. Am nächsten Nachmittag sind mehrere Häuserblöcke unter Tonnen von Sauerteig verschwunden.
Eine deutsche Boulevardzeitung titelt: »TERROR, TEIG UND TODESANGST!« Auf mehreren, großzügig bebilderten Seiten kommen die ehemaligen Bewohner der Kohlrauschstraße 8 zu Wort.
Hunderte Gaffer mit Handys wandern mit dem sich immer weiter ausbreitenden Hermann durch die Straßen Berlins. Der Teig generiert Klicks, Likes und Reichweite.
Ganz Deutschland spricht über nichts anderes mehr. Hermann! Hermann! Hermann!
Tag Neun. Auf geleakten Bildern eines Militärsatelliten ist zu er-kennen, dass bereits große Teile Charlottenburgs unter meterhohen Schichten Sauerteigs begraben liegen. Szenen wie aus Pompeji.
In Absprache mit Militär und NATO-Verbündeten ruft die Regierung den Notstand aus. Nun greift auch die internationale Presse das Thema auf. The Sun spricht von »Herman the German«, die New York Times von einem deutschen 9/11. Eine Zeitung aus Japan erklärt anhand einer maßstabsgetreuen Skizze, wie klein selbst das fiktive Riesenmonster Godzilla im Vergleich zum Hermann
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wäre. Markus Lanz hat den Zentralverband des Deutschen Bäcker-handwerks zu Gast in seiner Sendung.
Tag Zehn bis Zwölf. Filmaufnahmen, auf denen das symbol-trächtige Brandenburger Tor von gigantischen Teigmassen ver-schluckt wird, gehen um die Welt. Live sieht die halbe Welt dabei zu, wie der preußische Adler auf dem Zepter der Quadriga in den Fluten des Hermanns verschwindet.
In Ramstein stationierte Kampfhubschrauber der US-Armee werfen Napalmbomben ab. Doch alle Versuche, den gigantischen Teig auszubacken, scheitern.
Die Zahl der Vermissten, Verletzten und Toten geht bereits in die Zehntausende. Ein übernächtigter Pressesprecher des zu-ständigen Krisenstabs gibt versehentlich zu, dass der Kampf um Schöneberg, Friedrichshain und Wedding bereits als verloren gilt. Die Immobilienpreise fallen ins Bodenlose. Der Quadratmeterpreis in bester Innenstadtlage wird teilweise unter 20 Cent gehandelt.
Das Bild einer verzweifelten, über und über mit Teig ver-schmierten Frau wird zum meistgedruckten Foto des Jahres.
Tag Dreizehn bis Vierzehn. Apokalyptische Bilder. Flüchtende Menschen. Verstopfte Straßen. Chaos pur. Plünderungen und Gewalttaten prägen das schwindende Stadtbild. Panik bricht aus.
Als die Spitze des Fernsehturms nur noch einen knappen Meter aus dem Teig herausragt, erklären die NATO-Partner das Bundes-land Berlin offiziell für gefallen.
Tag Vierzehn bis Tag X. Der Hermann breitet sich weiter aus. Er wächst und wächst und wächst. Unaufhaltsam.
Drei Monate später versinken Magdeburg, Halle und Leipzig unter gigantischen Teigmassen. Das Ausbaggern von Gräben ist nicht mehr als ein Spiel auf Zeit. Die Situation eskaliert weiter. Polen, Tschechien und ein großer Teil Dänemarks sind unter den Teigfluten versunken. Flüchtlingsströme und Völkerwanderungen
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sind die Folge. An europäischen Grenzen wird wieder scharf ge-schossen. Eine Hyperinflation lässt die Märkte kollabieren. Ein Staatsstreich jagt den nächsten.
Selbst die gigantischen Wassermassen des Atlantischen Ozeans sind für die zähe, gräuliche Masse kein Hindernis. Als der Teig die Vereinigten Staaten erreicht, stellen Experten Berechnungen auf, wann die gesamten USA restlos unter Sauerteig versunken sein werden. Die Zeit läuft.
Auch das Militär steht der Situation hilflos gegenüber. Weder Bomben noch Raketen noch modernste Waffentechnik können die todbringende Teigmasse stoppen. Sie wächst weiter und weiter.
»Der Teig denkt nicht. Der Teig fühlt nicht. Der Teig kennt weder Mitleid noch Gnade«, schreibt die New York Times in ihrer letzten Ausgabe.
Die Geschichte der menschlichen Zivilisation findet ihr letztes Kapitel. Die Selbstmordrate steigt ins Unermessliche.
Der Glaube an eine übergeordnete Macht ist alles, was bleibt. Zu Hunderttausenden pilgern die Menschen in die verbliebenen Kirchen, Tempel und Moscheen. Sekten und religiöse Splitter-gruppen schießen wie Pilze aus dem Boden. Die einen erkennen im Hermann die gerechte Strafe Gottes. Die anderen sehen in der stetig wachsenden Teigmasse selbst eine Gottheit – Herrscher, Ernährer und Vernichter zugleich.
Mitglieder des Hermanniter-Ordens stellen täglich drei Schüs-seln mit Mehl, Zucker und Milch auf ihre Türschwellen. Auf diese Weise soll der Teig gnädig gestimmt werden. Ob es je geholfen hat, weiß niemand. Bei fundamentaleren Gruppierungen ist immer öfter von Menschenopfern die Rede.
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11. August 1974. Ein gewaltiger Platzregen hat den Dreck von den Straßen der Bronx gespült. Für einen kurzen Augenblick kommt die Metropole zur Ruhe. Atmet einmal tief durch unter der Dunst-glocke aus Abgasen und Adrenalin. Dann geht es weiter. So, wie es immer wieder weitergeht. New York, New York, big city of dreams.
In der Sedgwick Avenue liegen die Vorbereitungen für Cindy Campbells Blockparty in den letzten Zügen. Ihre Mutter hat kleine Stärkungen auf Tabletts vorbereitet, und ihr Vater bugsiert fluchend die letzten Getränkekisten durch die enge Tür. Ihr Bruder Clive sortiert noch einmal gewissenhaft seine Schallplattensammlung. Gleich geht es los. Ein bisschen nervös ist er, schließlich legt er heute zum ersten Mal vor Publikum auf. Seine Schwester hat die halbe Nachbarschaft eingeladen. Cindy selbst steht auf einer Leiter und klebt Preislisten an die Wände. Umsonst ist schließlich nur der Tod, und die Bronx ist ein Haifischbecken. In diesem gottverdammten Moloch muss jeder selber sehen, wo er bleibt.
Deshalb: Eintritt für Mädchen 25 Cent, für Jungs das Doppel-te. Mädchen sind einfach die besseren Gäste. Sie machen keinen Ärger, sorgen für Umsatz und lassen sich von den Jungs Drinks ausgeben, bis sie nicht mehr stehen können.
Die Jungs in Cindys Alter sind fast alle in einer Gang. Und wenn der Alkoholpegel simultan zum Testosteronspiegel steigt, ziehen die meisten ein Messer – oder Schlimmeres. Cindy überlegt, ob sie den Eintritt für Jungs dreimal so teuer machen soll, lässt es dann aber.
Der Auftragsrapper
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Die Party beginnt. Irgendwann zwischen 21 und 4 Uhr ereignet sich in der Sedgwick Avenue 1520 ein kulturhistorischer Urknall, der selbst Jahrzehnte später noch nachhallen wird.
Aus dem akustischen Urschlamm händisch vor- und zurück-gedrehter Funkplatten entsteigt der Hip-Hop. Materialisiert sich aus dem Reimen von Coke La Rock, welcher seine Verse ins Pub-likum feuert, als ginge es um sein Leben. Den Partygästen stockt der Atem. Alle wissen es instinktiv: DAS ist es! Der Hip-Hop ist gekommen, um zu bleiben.
Kurze Zeit später rappt, deejayt, breakt und sprayt die ganze Stadt. Die Bewegung ist nicht mehr aufzuhalten. In Form von Rapmusik schwappt der Hip-Hop weit über den Big Apple hinaus und erobert das ganze Land. Die Sugarhill Gang, Grandmaster Flash und Kurtis Blow schalten in den nächsten Gang. Es folgt Hit auf Hit auf Hit.
Zehn Jahre später emanzipiert sich der Rap vom Rest der Kultur. Die nächste Generation erfindet das Genre in Teilen neu. N.W.A. verkaufen ihr Gangster-Rap-Album Straight Outta Compton über drei Millionen Mal.
So wird auch Anfang der Neunzigerjahre in Deutschland ge-rappt. Zuerst auf Englisch, dann auf Deutsch. Die Fantastischen Vier erobern mit »Die da!?« sowohl die Charts als auch die Herzen der Bundesrepublik. Es folgen Bands wie das Rödelheim Hartreim Projekt, die Absoluten Beginner, Massive Töne, Freundeskreis oder Blumentopf. Kurz nach der Jahrtausendwende wird der Ton auch in Deutschland schärfer. Knallharte Gangster-Rapper mit arabischem Großfamilien-Background treten auf den Plan und verbreiten in ihren Songs Angst und Schrecken. Verkaufen kiloweise Heroin aus dem AMG-Mercedes oder ficken gegenseitig ihre Mütter.
Sind »Mütter« im Spiel, hält ganz Rap-Deutschland den Atem an. Denn dann wird es ernst. Dann ist Schluss mit lustig. Dann
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gibt es Tote. Doch meist wendet ein kurzes Telefonat, heimlich mitgeschnitten und später ins Internet gestellt, die angedrohte Blutrache ab. Anschließend vertragen sich die Heißsporne wieder, und schnell werden aus Todfeinden Blutsbrüder. Augenküsse. Ge-meinsames Album. Ewige Treueschwüre. Das geht dann zumindest so lange gut, bis wieder einer die Mutter des anderen fickt. Alles eine Frage der Ehre.
Die Umsatzzahlen können sich sehen lassen. Nach 22 Num-mer-eins-Hits verkauft ein Capital Bra durch bloße Erwähnung seines Namens Tiefkühlpizzen und Pfirsich-Eistee im zweistelligen Millionenbereich. Kurzum: Aus der Jugendkultur von einst ist eine Multimilliarden-Dollar-Industrie geworden. Streamingzahlen, Marketingstrategien und Lizenzrechte spülen sowohl Künstlern als auch Großkonzernen unvorstellbare Summen in die Kassen.
Selbst im schwäbischen Gomadingen wird inzwischen mit Rap Geld verdient, wenn auch nicht ganz so lukrativ wie im oben genannten Beispiel. Der gelernte Industriemechaniker Mario W. hat sich nach zwei Jahren ausbeuterischer Zeitarbeitsknechtschaft selbstständig gemacht. Die regionale Sparkasse hat ein Existenz-gründerdarlehen bewilligt, das Heimstudio im Keller des elterlichen Wohnhauses ist eingerichtet.
Seine Geschäftsidee ist so simpel wie erfolgversprechend: Mario W. ist der erste offizielle Auftragsrapper Deutschlands. Egal ob digitale Glückwunschkarten, Radiojingles, Präsentationen von Unternehmen, Werbung für Produkte oder Dienstleistungen … Mario W. hat für alles und jede Gelegenheit den maßgeschneiderten Rap. Ganz am Anfang hat er sogar schon einmal rappend für jemanden Schluss gemacht:
Erst eine Königin macht ein Königreich komplett,
doch manchmal liegt neben dem König eine Schlange im Bett.
Ich hab für alles gezahlt und für alles geblecht,
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der Diamant für deine Hand, er war absolut echt.
Jeden Samstag sind wir in die Clubs gecruist,
als ich bankrott war, war Madame nicht mehr amused.
Du triffst eine Freundin? So, so … Jedenfalls
ist von ihr dann auch der Knutschfleck an deinem Hals?
Letzte Woche Shisha-Lounge, wer war der Hund?
Gibt dir Wodka auf Eis aus und das ohne Grund?
Ich hab das Herz eines Löwen … Wallah, ich trotze
dem Sturm, und ich sag jetzt: Verpiss dich, du Fotze.
12 Zeilen. 250 Euro. Alles gesagt. Inzwischen kann sich Mario W. vor Aufträgen kaum retten. Wer ihn nur rappen hört, käme niemals auf die Idee, dass sich hinter dieser außergewöhnlich wandlungs-fähigen Stimme ein leicht adipöser Schwabe mit rahmenloser Gleit-sichtbrille, mehrfarbig kariertem Hemd und rötlichem Haarkranz versteckt. Privat hat Mario mit dem klassischen Hip-Hop-Lifestyle wenig am Hut. Am liebsten hört er Jon Bon Jovi oder Hubert von Goisern. »Rappen zu können« ist Mario W. in den Schoß gefallen. Einfach so. Wie eine Superkraft, um die er nicht gebeten hat. Jetzt macht er einfach das Beste draus.
Aktuell beschäftigt der Gomadinger Medienunternehmer zwei Auszubildende. Den Rahmen des rein akustischen Mediums hat er längst gesprengt. Seine Rap-Seminare, buchbar ab 12 Teilnehmern, erfreuen sich besonders bei regionalen Mittelstandsunternehmen und öffentlichen Einrichtungen größter Beliebtheit.
Im Tagungsraum eines nahegelegenen Vier-Sterne-Hotels am Albtrauf erklärt Mario W. die Unterschiede zwischen »tight« und »wack«. Spielerisch werden Grundkenntnisse des Hip-Hop-Tanzes vermittelt. Im Sinne des Teambuildings werden Rap-Flows geübt und dope Texte geschrieben. Gesagt werden soll und darf alles, was dem seelischen Reinigungsprozess dient und somit auch dem
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Arbeitsklima zugutekommt. Lediglich das Thema »Mütter« ist tabu.
Am Abend wird das Erlernte dann in die Tat umgesetzt. Wenn sich die Mitarbeiter des Münsinger Finanzamts im Carl-Laemmle-Konferenzraum zum Rap-Battle gegenüberstehen, werden Crews für die Ewigkeit geschmiedet. Manch graue Maus wird dann zur Queen Latifah, manch verklemmter Verwaltungsfachangestellter zu Notorious B.I.G.
Nicht selten stellen die Mitarbeiter nach dem Seminar, durch-flutet vom wahren Geist des Hip-Hops (und dem einen oder anderen Marillengeist), in der Hotelbar ihre Breakdance-Künste zur Schau.
Einen Tag später steht Mario W. wieder einmal selbst vor der Kamera. Im Reutlinger Industriegebiet dreht er mit seinem Team ein Recruiting-Video für einen Automobilzulieferer, welcher hände-ringend nach Auszubildenden fürs kommende Lehrjahr sucht.
Mario W. hat sich als lässiger Lehrling verkleidet und etwas Motorenöl ins Gesicht geschmiert. Es folgt eine Kamerafahrt auf Schienen durch die Fertigungshalle:
Schule fertig? Geil! Aber nur bedingt.
Fragst du dich manchmal, was dir die Zukunft bringt?
Die Guten geh’n studieren, die Besten machen Lehre,
CNC-Fräser sind Männer mit Ehre.
Tritt ein und lerne von den Bestgeschult’sten,
Zerspanungsmechaniker sind die Allercoolsten.
Es geht steil nach oben, so wie mit der Cessna,
du hast Aufstiegschancen so wie Reinhold Messner.
Wer wird den Highscore des Jahresbesten knacken?
Azubi-E-Bikes gehen auf unseren Nacken.
Work und Life halten sich hier die Balance.
Werkzeugbau Zeifang, so heißt deine Chance.
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Es wird Zeit, Bro – schmiede deinen Masterplan,
unser Meister hier, er sucht dich als Padawan.
Die Kamera schwenkt. Auf Zurufen der Regie tritt ein Mann Mitte/Ende fünfzig hinter einer Fräsmaschine hervor. Sichtlich von Lampenfieber geplagt, zieht er eine Neonröhre aus seinem Arbeitskittel. In der Postproduktion wird daraus später ein rot leuchtendes Jedi-Schwert. Inklusive Soundeffekt.
»CUT!«, ruft der Kameramann. »Die war’s! Gut. Danke. Feierabend.« Mario W. nickt.
Das mit dem Laserschwert war nicht seine Idee. Aber wenn der Inhaber von Werkzeugbau Zeifang mal irgendwo aufgeschnappt hat, dass Star Wars jetzt angesagt sei bei der Jugend … na ja … was soll’s. Mario W. hat weder Zeit noch Muse, sich über so etwas Ge-danken zu machen. Der Kunde ist König. Deshalb: Maul halten, Rechnung schreiben und weiter geht’s. Die Auftragsbücher der schwäbischen Rapschmiede in Gomadingen platzen aus allen Näh-ten. Bis Ende der Woche stehen eine Fahrschule, ein Heiratsantrag, eine Beerdigung und ein Wahlwerbespot für die CDU-Landtags-fraktion auf seiner To-do-Liste. Davon hätte am 11. August 1974 niemand zu träumen gewagt.
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Alle zehn Jahre, immer in der ersten Vollmondnacht des Sommers, öffnet sich in einem Hinterhof der Münchner Türkenstraße eine unscheinbare Tür, und heraus tritt: Rainer Werner Fassbinder. An sich keine große Sache – wäre es nicht das Jahr 2013, und der Enfant terrible des neuen deutschen Films seit über 30 Jahren tot.
Niemand nimmt Notiz davon. Zum einen wissen die meisten mangels Allgemeinbildung nicht, wer der Jahrhundertregisseur überhaupt ist, zum anderen ist in München jeder mit sich selbst beschäftigt.
Fassbinder klopft sich den Staub der Unendlichkeit von der schwarzen Lederjacke und schiebt sich eine HB in den Mund-winkel. Gut sieht er aus. Frisch. Erholt. Ausgeschlafen. Nicht wie im Juni ’82, als er es mit dem bolivianischen Marschierpulver ein bisschen übertrieben hat.
Doch im Jenseits, oder wo auch immer er jetzt ist, war man gnä-dig. Obwohl er kein Leben geführt hat, für das ihn die katholische Kirche mit der Ehrennadel für Enthaltsamkeit ausgezeichnet hätte, darf er alle zehn Jahre ins Kino. Nicht in die Deutsche Eiche, nicht ins Petit Café und nicht in den Saunaclub in der Müllerstraße. Nur ins Kino. Auch Umwege sind nicht erlaubt. Aber immerhin. Fair enough. Die anderen dürfen gar nichts.
Fassbinder macht sich auf den Weg in Richtung Münchner Freiheit. Er schlendert über die Türkenstraße in Richtung Aka-demie. Am Siegestor überquert er die Leopoldstraße. Früher ist
Die Spätvorstellung
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er alles im Stechschritt gelaufen, obwohl ihm dafür die Kondition gefehlt hat. 13 Jahre lang! Immer unter Strom ist er gestanden, immer alles hopplahopp.
Des Wahnsinns fette Beute waren 40 Filme, zwei Fernsehserien und 25 Theaterstücke. Die sind jetzt irgendwo da draußen. Das nimmt ihm keiner mehr. Aber jetzt, wo es keinen neuen Film mehr zu machen gibt und ein Großteil seiner Mannschaft ebenfalls unter der Erde liegt, lässt er sich Zeit.
Selbstverständlich ist 37 kein Alter zum Sterben. Andererseits stirbt jeder irgendwann. Und wenn er ein langweiliges Spießerleben geführt hätte wie jeder x-beliebige Otto Normalverbraucher, dann wäre er heute 68 – und trotzdem am Arsch. Wenigstens ist er fried-lich eingeschlafen. Das ist beim Sterben ja schon die halbe Miete.
Wie es wohl dem Raab, der Hanna, dem Lommel, der Irm und all den anderen so geht? Ob wohl jemand geweint hat an seinem Grab? Und ob da wohl jemand vorbeigekommen ist in einer stillen Stunde und ein Blumensträußchen dagelassen hat?
Fassbinder stellt sich gerne vor, wie jemand einen seiner Filme zum ersten Mal sieht. Vielleicht passiert das ja gerade eben. Genau in diesem Moment. Vielleicht in einem der umliegenden Häuser?
Ein bisschen mehr hätte er bestimmt noch rausholen können … mit etwas mehr Zeit natürlich. 20 oder 30 Filme vielleicht. Und das Koksen hätte er besser bleiben lassen. Aber ohne Koks keine Power, und ohne Power keine Geschwindigkeit.
Fassbinder hat keinen blassen Schimmer, was sich so alles ge-tan hat in der Bundesrepublik. Wer nur alle zehn Jahre auf Gottes grüner Erde wandelt, kriegt wenig mit. Die großen Themen sind an ihm vorbeigezogen.
Der Fall der Berliner Mauer, Tschernobyl, der 11. September, das Internet. In Deutschland regiert jetzt eine Frau, der amerika-nische Präsident ist schwarz. In einem Zeitungskasten auf Höhe
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Giselastraße liest er, dass im Kleinhesseloher See eine Schnapp-schildkröte gesichtet wurde.
Fassbinder erinnert sich an seinen ersten Atemzug auf amerika-nischem Boden. Damals war er gerade aus dem Flieger gestiegen. Die Luft in New York roch anders als in Deutschland. Das war etwas völlig Neues.
Gerade geht es ihm wieder so. Doch dieses Mal mitten auf der Leopoldstraße. Ein paar Häuser aus der guten alten Zeit stehen noch. Die Nachkriegspatina der Sechziger und Siebziger ist ver-schwunden. Alles ist auf Hochglanz poliert. Steril. Die Leo wirkt wie eine Kulissenstraße in der Bavaria.
Am ehemaligen Hertie biegt Fassbinder in die Feilitzschstraße ein. An der Kinokasse ist ein Ticket für ihn hinterlegt. Wie heißt der Film … Fack ju Göhte? Klingt ja wie »Fuck you«, lacht Fassbinder. Wahrscheinlich ein dänischer Film im Original. Hoffentlich mit Untertiteln.
Trotz der sommerlichen Temperaturen ist die Vorstellung gut besucht. Das Logo der Constantin Film erscheint auf der Leinwand. Sehr interessant! Mal sehen, wie sich der Eichinger neuerdings so schlägt, denkt Fassbinder.
Erste Einstellung nach einem quietschbunten Graffiti-Vorspann: vergitterte Gefängnisfenster. Innenansicht. Knastklassenzimmer. Eine Lehrerin überreicht einer Handvoll Männer die in der Haft nachgeholten Hauptschulabschlüsse. Nahaufnahme Elyas M’Barek.
Fassbinders Pupillen weiten sich. Für junge, knackige Gast-arbeiter hatte er schon immer eine Schwäche. Diese unwider-stehliche Mischung aus gebrochenem Stolz und Heimweh, un-kontrollierbaren Temperamentsausbrüchen und tiefer Traurigkeit. 50 % Vaterersatz war er ihnen und 50 % Raubtierdompteur. Geil. Geiler. Gastarbeiter. Aber im Vergleich zu diesem Prachtexemplar da auf der Leinwand stehen der Kaufmann und El Hedi ben Salem
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nicht mal mehr auf dem Spielfeld. Dass es so einen Menschen überhaupt gibt, hätte sich Fassbinder nicht einmal träumen lassen. Mit dem da hätte ich jede Hauptrolle besetzt, denkt er. Jede! Dass M’Barek perfektes Deutsch spricht, schmälert den Enthusiasmus des Regisseurs ein wenig. Ein unterwürfiges Holterdiepolter-Deutsch wie bei ben Salem hätte er wesentlich attraktiver gefunden.
Bevor Zeki Müller (so der Rollenname von M’Barek) im Knast war, hat er eine Bank ausgeraubt. Es stellt sich heraus, dass seine Komplizin – Rollenname: einfältige Nutte? – die Beute versehent-lich auf einer Baustelle vergraben hat. Dummerweise wurde aus dieser während seiner Zeit im Knast eine Schulturnhalle. Tja, da hilft wohl alles nichts. Zeki Müller schmuggelt sich als Aushilfslehrer ins Kollegium der Schule und gräbt nachts heimlich nach der Beute.
Anfangs hat Fassbinder Schwierigkeiten, den Dialogen zu folgen. Die Schauspieler sprechen alle wahnsinnig schnell und machen groteske Grimassen dazu, sodass es selbst einem Louis de Funès schwindlig dabei geworden wäre. Entweder ist das so eine neue Sache aus Amerika, oder der Film läuft in der falschen Geschwindigkeit?
Ein Mädchen und ein Junge streiten sich lautstark auf dem Flur der Gesamtschule. »Mädchen, verpiss dich«, sagt der Junge. »Ja … fick deine Mutter, Mann!«, antwortet das Mädchen. »Was fick deine Mutter? Bist du behindert? Fick DEINE Mutter!«
Hoppala, denkt Fassbinder und schmunzelt. Hier geht’s ja richtig ans Eingemachte. Chapeau! Hier wird der ungefilterte Sound der bildungsfernen Unterschicht präzise auf den Punkt gebracht. Roh, ehrlich und direkt. Sehr gut! Der deutsche Film traut sich wieder was. Ficken im Film zu sagen? … Junge, Junge … da wäre aber was losgewesen bei ihm damals. Als die hysterische, mit Tinte bespritzte Altlehrerin auf der Leinwand zu sehen ist, tobt der Kinosaal. Gespielt wird die selbstmordgefährdete Kratzbürste
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von der unbestrittenen Grande Dame deutscher Qualitätsunter-haltung: Uschi Glas! Was für ein Geniestreich! Und das auf meh-reren Metaebenen!
Wie jeder ernst zu nehmende Cineast ist auch Fassbinder ein glühender Verehrer der Filmserie »Die Lümmel von der ersten Bank«. Die zwischen 1967 und 1972 gedrehten Meisterwerke waren regelrechte Lehrstücke für das Genrefach Komödie. Schon damals hat die 23-jährige Uschi Glas im Ensemble um den kongenialen Hansi Kraus gezeigt, was für eine schauspielerische Urgewalt in ihr steckt.
45 Jahre später ist sie nun also ins andere Lager gewechselt. Von Team Streichespieler ins Team Pädagogenspießer. Klar, das Alter hat sie ja inzwischen. Wenn jetzt noch ein Schimpanse mitspielt, breche ich zusammen, denkt Fassbinder. So wie 1970 bei »Wir hau’n die Pauker in die Pfanne«.
Zwischen dem lässigen Kleinganoven Zeki Müller und der spleenigen Lehrerin Frau Schnabelstedt funkt es. Verstohlene Bli-cke. Fast-Küsse beim gemeinsamen Bücken. Fassbinder hält sich den Bauch vor Lachen. Frau Schnabelstedt hat zum Fahrradfahren einen Helm aufgesetzt. Wer bitte ist denn auf diese Idee gekommen? Frau fährt Fahrrad mit Helm. Das ist ja noch besser als ein Affe.
Von Szene zu Szene wird der kleinkriminelle Zeki system-konformer. Und je regeltreuer er wird, desto mehr Liebe erfährt er von seinem Umfeld. Quasi raus aus dem Halbdunkel der Unterwelt, rein ins Scheinwerferlicht der Bürgerlichkeit.
»Warum bin ich nie auf so eine Idee gekommen?«, ärgert sich Fassbinder. Im Geiste besetzt er für seine Version des Films die Hauptrollen mit Gottfried John und Margit Carstensen. Oder doch lieber wieder die Schygulla? Die Nutte muss auf jeden Fall die Sukowa spielen. Wie beim Alexanderplatz. Oder in Lola. Und das Ganze spielt im Nachkriegsdeutschland. Am liebsten würde er
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gleich das Drehbuch schreiben. Eine Kamera aufstellen. Den Raab anschreien. Und ab ginge die Post. Wie in den guten, alten Zeiten.
Auf der Leinwand jagt eine Pointe die nächste. Fassbinder hat vom Lachen schon Tränen in den Augen. Je mieser Zeki Müller diese gestörten Rotzgören behandelt, desto mehr mögen sie ihn. Zuerst ein väterlicher Ratschlag, dann ein kleiner Verbrüderungs-gedanke, gefolgt von einer Messerspitze exklusiver Freundschaft, abgeschreckt mit einer ordentlichen Portion Nichtbeachtung. Zuckerbrot und Peitsche. Handwerklich 1A, denkt Fassbinder.
Genau so hat er es damals auch gemacht mit seiner Gurken-truppe. Und siehe da … herausgekommen sind 40 Filme, zwei Fernsehserien und 25 Theaterstücke. Der ehemalige Bankräuber Zeki ist nach 111 Minuten vollständig resozialisiert und führt Frau Schnabelstedt zum Abschlussball aus. Allerdings erst, nachdem sie ihre Verwandlung vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan vollzogen hat. Denn alte Filmregel: Ein Happy End gibt es nur für schöne Menschen.
Als auf dem Abschlussball ein besoffener Schüler in die Aula kotzt, ist der Film zu Ende. Der Abspann läuft. Das Licht geht an. Der Kinosessel, in dem eben noch Rainer Werner Fassbinder gesessen hat, ist leer.
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Als beim Kindergeburtstag der siebenjährigen Madeline Verstecken gespielt wird, gibt auch ihr gleichaltriger Cousin Anthony alles, um möglichst unauffindbar in der Wohnung der McKenzies unterzutauchen.
»3 … 2 … 1 … Ich komme!«, ruft es aus dem Wohnzimmer. Dann durchforstet der Sucher, in diesem Fall das Geburtstagskind höchstpersönlich, sämtliche Zimmer, Schränke und Zwischen-räume. Hinter dem Sofa. Unter dem Bett. In der Badewanne. Die Runde ist für Madeline ein Heimspiel.
Bereits nach kürzester Zeit hat sie alle anderen Kinder auf-gestöbert, nur ihren Cousin Anthony nicht. Als er auch nach einer lautstark ausgerufenen Kapitulationserklärung nicht aus seinem Versteck kommt, beschließen die Kinder, Anthony gemeinsam ausfindig zu machen. Als auch das keine Früchte trägt, werden die Eltern eingeschaltet. Um die Suche nach Anthony etwas auf-regender zu gestalten, und weil am Erwachsenentisch ohnehin nur Backrezepte ausgetauscht werden, macht es Madelins Vater besonders spannend.
Aus einem Lüftungsschacht, keine dreißig Zentimeter im Durchmesser, kommen leise Geräusche. Nicht ungewöhnlich, die Heizung des Hauses ist alt. Mit gespielt gewissenhafter Miene zieht der Vater das lose aufgesteckte Plastikgitter aus der Halterung. Dann leuchtet er mit einer Taschenlampe ins tiefdunkle Schwarz des schmalen Metallschachts. Was Madelines Vater jetzt sieht,
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erschüttert die Säulen seines Weltbildes nachhaltig. »Heilige Mut-ter Gottes!«, entfährt es dem gläubigen Christen, dessen Herz vor Schreck fast stehen bleibt. Im beklemmend engen Metallschacht steckt tatsächlich Anthony. Festgeklemmt wie ein hart gekochtes Ei, welches für ein Physikexperiment mithilfe eines Vakuums in den Hals einer Flasche gesaugt wurde. Ein Auge des deformierten Kopfes blinzelt frech in Richtung der Öffnung. Der Lichtkegel der Taschenlampe blendet Anthony. Mist! Gefunden!
»Wie um alles in der Welt kann denn so etwas möglich sein?«, denkt sich Madelines Vater. Zumal dieser gefräßige Rotzlöffel eindeutig nach seiner Mutter kommt und doppelt so breit ist wie jedes andere Kind auf der Party.
Im Krankenhaus wird Anthony auf Herz und Nieren unter-sucht. Normalerweise hätte jeder Knochen im Leib des Jungen gebrochen sein müssen. Mehrfach! Doch außer ein paar Hautab-schürfungen findet der Arzt nichts. Dass der pausbäckige Junge in einem Lüftungsschacht gesteckt haben soll, hält der Arzt zunächst für einen Scherz. Doch die Mutter besteht darauf.
Zwei Wochen später bringt eine Blutprobe Gewissheit. Man habe eine sehr außergewöhnliche Veränderung in Anthonys Erbgut festgestellt, erklärt der Arzt. Dann spricht er von Benzoldicarbon-säure, Dibutylphthalat und Benzylbutylphthalat. Als er merkt, dass Anthonys Mutter kein Wort versteht und er sie mit seinem Fachchinesisch nur verunsichert, übersetzt er ihr die Diagnose ins Verständliche: »Das Erbgut Ihres Sohnes wurde nachhaltig von künstlichen Weichmachern geschädigt. Wir haben Ähnliches schon gesehen … allerdings noch nie in einem solchen Ausmaß. Meist haben die Eltern der Patienten jahrelang aus Plastikflaschen getrunken oder sich von Lebensmitteln ernährt, die entweder in Folie verschweißt oder anderweitig mit Kunststoff in Kontakt waren. Kunststoffe haben die Eigenschaft, dass sie sich ab Tag eins wieder
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in ihre Bestandteile zersetzen. Wir merken davon nichts, weil es sehr langsam passiert. Aber die Weichmacher landen zwangsläufig in unserem Essen und somit auch in unserem Körper.«
»Und was bedeutet das jetzt für Anthony … also im Klartext?«, fragt die Mutter unter Tränen.
»Ihr Sohn leidet an einer sehr aggressiven Variante der so-genannten Gummiknochenkrankheit. Haut, Knochen, Muskeln und Gewebe werden mit zunehmendem Alter immer dehnbarer … tatsächlich genau wie Gummi. Daher der Name.«
Um ganz sicherzugehen, dass die Mutter ihn verstanden hat, nimmt der Arzt den Arm des Jungen und dreht ihn ganz vorsichtig um die eigene Achse. Anthony lässt es geschehen, zeigt keine Re-aktion. Als der Arzt den Arm wieder loslässt, schnellt dieser blitz-schnell in seine Ausgangsposition zurück. PFITZ! Tatsächlich! Als wäre der Junge aus Gummi. Sogar Anthonys Kopf lässt sich problemlos um 360 Grad drehen.
»Diese verfluchten Teufel!«, zischt die Mutter. Um Firmen wie Nestlé oder Coca-Cola zu verklagen, fehlt der Familie das Geld. Ihr Mann und ihr Schwiegervater verdienen in der Reifenfabrik gerade so viel, dass es zum Leben reicht.
»Wir werden das Beste daraus machen müssen«, seufzt der Vater. »Im Prinzip ist das ja erst mal nichts Schlechtes. Er ist ein-fach elastischer als andere. Das kann auch ein Vorteil sein!« Und tatsächlich, so kommt es.
Als Anthony eingeschult wird, ist er schon bald der Star auf dem Pausenhof. Für zehn Cent biegt er seinen Zeigefinger auf den Handrücken, für zwanzig macht er den Trick mit dem verdrehten Bein, für fünfzig Cent darf man ihn an den Ohren ziehen und für einen Dollar sogar an der Nase. Jedes Mal, wenn die jeweiligen Körperteile mit
