33. Recklinghäuser Autorennacht 2020 -  - E-Book

33. Recklinghäuser Autorennacht 2020 E-Book

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Beschreibung

Im Autorenreader der jährlich durchgeführten "Recklinghäuser Autorennacht" werden die von der Jury für den Endscheid ausgewählten Texte der Autorinnen und Autoren aus dem Ruhrgebiet veröffentlicht.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 67

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Die 33. Recklinghäuser Autorennacht

Liebe Leserin, lieber Leser,

hiermit halten Sie die zehn Beiträge in Händen, die es beim Schreibwettbewerb zur 33. Vestischen Literatur-Eule, dem »Autorennacht-Preis der Sparkasse Vest Recklinghausen« 2020 in die Endrunde geschafft haben. Wir gratulieren an dieser Stelle schon einmal sehr herzlich zu diesem Erfolg!

Auch in diesem Jahr haben wir den Wettbewerb für Autorinnen und Autoren aus dem gesamten Ruhrgebiet geöffnet.

Zum Zeitpunkt der Drucklegung dieses Textbandes standen nur diejenigen Kurzgeschichten und Gedichte fest, die für die Abschlussveranstaltung ausgewählt wurden, nicht aber, welche Autorin bzw. welcher Autor am Ende den Jurypreis, den »Autorenacht-Preis der Sparkasse Vest«, erhalten wird.

Die geplante Veranstaltung konnte wegen der aktuellen Pandemie nicht im November 2020 durchgeführt werden. Eine analoge Veranstaltung mit allen ausgewählten Autorinnen und Autoren wird zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt, am geplanten Veranstaltungstag fand jedoch eine digitale Veranstaltung mit den Erstplatzierten statt.

Wir möchten folgenden Personen und Institutionen ganz herzlich für ihre Arbeit und Unterstützung danken:

den Jurymitgliedern der 33. Recklinghäuser Autorennacht:

Gudrun Güth, Natascha Eschweiler

und

Claudia Kociucki

(als Siegerin des Vorjahres).

der

Sparkasse Vest Recklinghausen

für ihre finanzielle Unterstützung,

Jaana Redflower

für das Bild »Blaue Stadt«, das neben dem Wort Weiter als Schreibimpuls diente,

allen Mitwirkenden der

Neuen Literarischen Gesellschaft Recklinghausen

und der

Altstadtschmiede

Recklinghausen für ihren organisatorischen Einsatz

und nicht zuletzt den Autorinnen und Autoren, die ihre Texte eingereicht haben und somit die Autorennacht überhaupt erst möglich machen!

Herzliche Grüße,

Stephan Schröder (1. Vorsitzender der NLGR)

Übersicht

Oliver Bruskolini

Chantal Duman

Michael Edelbrock

Celina Farken

Kaelo Janßen

Markus Jöhring

Malte Küppers

Hellmuth Lilienthal

Franziska von der Gathen

Malvina Witzki

Die Autorinnen und Autoren

Oliver Bruskolini Gedichte

street art

als sie kamen, bebten die straßen,

die häuser, als wüssten

sie vom bevorstehenden übel.

gepanzerte wagen, besetzte wannen,

computergenies und akten voller

erlasse und dekrete.

die einst bunte stadt

blauuniformiert,

die farbe getilgt durch

gleichschaltende überwachung.

sie kamen, sie sahen, sie raubten

das leben und die liebe.

doch während sie die straßen

in ihre farben tauchen,

halte ich dagegen und die

dose fest im griff.

getrieben

neonreklame, sirenen,

blaugrauer dunst über den

deckeln der kanalisation.

lärm dringt aus den ritzen

im beton. reizüberflutung!

ich hetzte weiter,

durch das bläuliche licht. getrieben

wie die massen, WEITER doch

nicht vom profit, WEITER nicht

von der selbstoptimierung, WEITER sondern

auf der suche nach einer

grünen oase.

sündenpfuhl

surreal biegen sich

die häuser der blauen

stadt unter dem gewicht

der alltäglichen sünden.

in diesem pfuhl

irre ich umher und

versuche, meinen

weißen schimmer vor der

absorption zu schützen.

Chantal Duman Ruhrpottherz

»Dat is mein Schrebergarten. Schon immer, na klar«, sagte Hermann mit einer Spur von Stolz und Trotz in seiner Stimme. »Hier in meiner Heimat.«

Und dann fügte er leiser hinzu: »Gelsenkirchen … meine Heimat.«

Er stand auf und verließ die Laube durch die schwere Holztür. Ich folgte ihm still nach draußen. »Da hinten«, sprach er weiter und zeigte in die Ferne. »Dat is der Rhein-Herne-Kanal. Bah, wat war dat schön da. Wir brauchten kein Freibad.« Heftig schüttelte er den Kopf. »Nee, und auch kein Mallorca.«

Durch die vielen Hochhäuser hindurch versuchte ich das Wasser auszumachen, wohl wissend, dass ich sowieso nichts erkennen würde. Zu hoch und zu dicht war diese Wand aus Glas und Stein.

Einige Schritte ging Hermann weiter und setzte sich auf seine Gartenbank. Die Farbe war an mehreren Stellen abgeblättert. Sie war deutlich in die Jahre gekommen, genau wie er, dachte ich.

Ich wartete nicht auf eine Aufforderung und setzte mich neben ihn. Der Duft von Flieder stieg mir in die Nase und ich beobachtete einen Moment die Schmetterlinge, die auf den üppigen Dolden landeten.

Der alte Mann musterte mich aus seinen hellen wachsamen Augen. Angestrengt versuchte ich ihn mir vorzustellen, wie er lachend, in Badehosen, ins Wasser rannte, übermütig und frei. Es gelang mir nicht.

»Und, wo wohnen Sie?«, fragte ich und suchte gleichzeitig in meinen Unterlagen nach der Antwort.

»Umme Ecke wohn ich. Hab gezz ʹne Bude anne Ebertstraße. Dat Haus vonne Zeche hab ich verkauft, damals als die Lotte starb. Wat sollt ich mit der Riesenhütte? Hab doch den Garten, dat reicht mir.«

Ich nickte und schluckte schwer.

»Am Abend geh ich immer erst heim. Wartet ja niemand auf mich.« Er lachte auf. Es war ein trostloses Lachen. »Früher, da war dat anders. Bei uns war immer wat los. Tauben hab ich gehabt, ʹne Menge Tauben. Die ham ganz schön Palaver gemacht.« Erneut lachte er, diesmal spürte ich seine Freude und sah, dass seine Augen glänzten.

»Haben Sie die Tauben abgegeben?« Ich räusperte mich. Warum ließ ich mich auf dieses Gespräch mit ihm ein? Vermutlich war es seine liebenswerte Art, die mich berührte und mir meine Aufgabe gleichzeitig sehr schwer machte.

»Jau, in ʹner Mietwohnung wär dat ʹne ganz schöne Sauerei. Und die Nachbarn würd et auch stören. Die stört ja allet. Da kannste dir nich ma ʹne Tasse Zucker leihen, oder ʹn Ei borgen. So wat kenn die nich. Is schon traurich, irgendwie.«

Ich spürte seine Verärgerung und wurde unruhig. Schließlich kam ich zu dem Entschluss, das Gespräch endlich in die richtige Richtung zu lenken.

»Herr Kaczmarek, Sie wissen, warum ich hier bin.« Ich holte einen weiteren Schwung Papier aus meiner Aktentasche. »Wir brauchen dringend Ihre Unterschrift. Ich weiß, …«

»Nix, weißte, ker!« Energisch machte er eine abwiegelnde Handbewegung. Dann sah er traurig auf den Boden. »Wat mach ich denn ohne mein Garten?«

»Vielleicht suchen Sie sich ein Hobby?« Während ich das sagte, fühlte ich mich auch schon mies. Dieser Mann hatte den 2. Weltkrieg erlebt und vor allem auch überlebt. Was bildete ich mir ein, ihm etwas über Hobbys zu erzählen? Hatte er doch bereits seine Tauben aufgeben müssen. Schnell versuchte ich die Situation zu retten. »Oder Sie treffen sich mit Freunden. In der Ebertstraße gibt es doch bestimmt nette Kneipen.«

»Da kenn ich doch niemanden mehr. Früher, da ham wir uns oft zum Frühschoppen getroffen, sonntachs. Ach, wat war dat toll, dat sach ich dir. Aber gezz? Da trau ich mich nich mehr rein. Nachts laufen da Gestalten rum, da krichste die Pimpernellen, dat kannste mir glauben.« Ich konnte es mir vorstellen. Die Stadt hatte sich verändert. Alles war größtenteils anonym, die Menschen kannten sich nicht mehr. Auch ich ging nachts nur ungern allein durch die Straßen. Ich verstand den alten Mann und doch hatte ich hier einen Job zu erledigen: Es war meine Aufgabe, diesem Mann, der beinahe nichts mehr hatte, noch das Letzte zu nehmen.

»Die Unterschrift«, begann ich vorsichtig.

Hermann sah mich lange an. Irgendwann stand er auf und ging herüber zu einem beeindruckendem Gemüsebeet. Die kleinen Pflänzchen standen alle ordentlich Reihe für Reihe da und würden dem fleißigen Gärtner garantiert eine reiche Ernte bescheren. Eine letzte Ernte, kam es mir in den Sinn, und ich fragte mich, ob ihm dies bewusst war.

Hermann hockte sich derweil hin und begann an einer der Pflanzen zu ziehen. Zum Vorschein kam ein rot-pinkes dickes Radieschen. Behutsam putzte er ein wenig Erde von der rundlichen Knolle, dann reichte er sie mir. »Oh, danke«, war das Einzige, was ich mühsam hervorpresste.

»Lass et dir schmecken, Jung.«

Ich zögerte einen Augenblick, dann biss ich hinein. Das Gemüse schmeckte scharf, aber lecker. Es war hundertprozentig bio, da war ich mir sicher. Schon bald musste Hermann seine