34. Recklinghäuser Autorennacht 2021 -  - E-Book

34. Recklinghäuser Autorennacht 2021 E-Book

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Beschreibung

Texte der Recklinghäuser Autorennacht 2021 der zehn Teilnehmer*innen der Abschlussveranstaltung.

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Seitenzahl: 83

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Die 34. Recklinghäuser Autorennacht

Liebe Leserin, lieber Leser,

hiermit halten Sie die zehn Beiträge in Händen, die es beim Schreibwettbewerb zur 34. Vestischen Literatur-Eule, dem »Autorennacht-Preis der Sparkasse Vest Recklinghausen« 2021 in die Endrunde geschafft haben. Wir gratulieren an dieser Stelle schon einmal sehr herzlich zu diesem Erfolg!

In diesem Jahr haben wir den Wettbewerb für Autorinnen und Autoren aus dem Bundesland Nordrhein-Westfalen geöffnet.

Zum Zeitpunkt der Drucklegung dieses Textbandes standen nur diejenigen Kurzgeschichten und Gedichte fest, die für die Abschlussveranstaltung ausgewählt wurden, nicht aber, welche Autorin bzw. welcher Autor am Ende den Jurypreis, den »Autorenacht-Preis der Sparkasse Vest«, erhalten wird.

Wir möchten folgenden Personen und Institutionen ganz herzlich für ihre Arbeit und Unterstützung danken:

den Jurymitgliedern der 34. Recklinghäuser Autorennacht:

Martina Bialas

,

Gudrun Güth, Gerda-Marie Winkelmann, Monika Wischnowski

und

Malte Küppers

(als Sieger des Vor jahres).

der

Sparkasse Vest Recklinghausen

für ihre finanzielle Unterstützung,

Christian Herrler

für das Eulenbild,

allen Mitwirkenden der

Neuen Literarischen Gesellschaft Recklinghausen

und der

Altstadtschmiede

Recklinghausen für ihren organisatorischen Einsatz

und nicht zuletzt den Autorinnen und Autoren, die ihre Texte eingereicht haben und somit die Autorennacht überhaupt erst möglich machen!

Herzliche Grüße,

Stephan Schröder (1. Vorsitzender der NLGR)

Die Texte der 34. Recklinghäuser Autorennacht 2021

Inhalt

Anja Böker

Fabian Brüninghoff

Philine Galka

Britt Glaser

Antje Haupt

Uta Heinig

Markus Jöhring

Michael Schumacher

Volker Stahlschmidt

Stef

Franziska von der Gathen

Die Autorinnen und Autoren

Anja Böker

Ein halbes Leben

Ich habe mein halbes Leben in einem Keller verbracht.

Exakt 2.617.488.314 Sekunden.

Als meine Kindheit starb, war ich acht Jahre alt.

Unser Mehrfamilienhaus, in der Arbeitersiedlung direkt zwischen dem Güterbahnhof und der Industrieanlage, wurde früh das Ziel von Luftangriffen.

Erschreckte uns der Alarm, liefen Mutter und ich zum Luftschutzbunker. Der lag rund 940 Kinderschritte entfernt. Bald wurde auch der Keller unseres Hauses luftschutzgerecht umgebaut und wenn es schnell gehen musste, stiegen wir nun 91 Treppenstufen hinab. Zählen hilft.

Den ersten richtigen Treffer in unser Haus erzielten sie mit Stabbomben. Die schlugen in das Dach ein und der Dachboden brannte. Unserer Hausgemeinschaft gelang es, den Brand zu löschen, bevor er auf die Wohnungen übergreifen konnte. Die Bombenreste habe ich mir nachher noch einmal genau angesehen. Es waren sechseckige Stäbe aus Aluminium.

Die zweite Bombe war eine Phosphorbombe. Während Mutter und ich gemeinsam mit den Nachbarinnen und deren Kindern im Keller ausharrten, ging diese Bombe mitten durch unser Schlafzimmer und explodierte eine Etage tiefer. Nach der Entwarnung haben wir alle gemeinsam sofort angefangen den Brand zu löschen. Dazu benutzten wir Sand – Phosphorbrände lassen sich nicht mit Wasser bekämpfen.

Zum Schluss hatten wir ein Loch in der Schlafzimmerdecke, ein Loch im Schlafzimmerboden und Phosphorflüssigkeit an den Wänden. Wenn man etwas fester über die Wände strich, entzündete sich das Phosphorgemisch erneut. Der Effekt ähnelte dem Anzünden von Streichhölzern. Mutter und ich haben das Phosphorzeug tagelang ganz vorsichtig von den Wänden gekratzt. Später stopften wir mit Holzleisten und Mörtel auch noch die Löcher in Decke und Boden. Geschlafen haben wir unterdessen in der Küche.

In dieser Zeit litt ich unter heftigen Bauchschmerzen, musste mich ständig übergeben und manchmal fiel mir selbst das Atmen schwer. Das Entsetzlichste aber war das Aufwachen. Jeden Morgen aufs Neue kroch die Angst aus dem wärmenden Schlaf heraus in mir hoch. »Etwas stimmt nicht«, dem noch schlaftrunkenen Gefühl folgte ein schlagartiges Erinnern »Es ist Krieg.« Und mein Magen drehte sich um. Diese Todeserwartung in jeder wachen Sekunde schmerzte zutiefst. Es war die Art von Schmerz, die bei dir bleibt, ein Leben lang.

Der dritte Bombenangriff war das Ereignis, das meinen Horizont endgültig krümmte. Es geschah an einem Nachmittag, ich war allein in unserer Wohnung. Vater im Krieg an der Westfront. Mutter zwangsverpflichtet, musste im Gemeindehaus Uniformen nähen.

»Maikäfer, flieg. Der Vater ist im Krieg. Die Mutter ist in Pommerland, Pommerland ist abgebrannt. Maikäfer, flieg.«

Als der Alarm losging, stieg ich in den Keller hinab und blieb allein. Unter herumliegenden Wolldecken versuchte ich zu verschwinden und flehte: »Bitte, bitte nicht unser Haus, nicht unser Haus!«

Dann ein dumpfer Knall, gefolgt von einer Druckwelle. Ich dachte: »Jetzt ist es vorbei, jetzt stirbst du!« Und begann zu zählen: … 21 . 22 … genau wie mein Vater es mir aufgetragen hatte … 21 . 22 …

Bevor Vater gezwungen wurde, in seinen zweiten Krieg zu ziehen, nahm er mich zur Seite, holte eine Weltkarte heraus und zeigte mir all die anderen Länder, mit denen unser Land bereits im Krieg lag. Er erklärte: »Siehst du, wie viele Länder das sind? Wir werden diesen Krieg verlieren. Wir können nur hoffen, dass es schnell geht. So, und jetzt musst du mir sehr genau zuhören: Alles was du eine Sekunde lang ertragen kannst, das kannst du auch noch eine weitere Sekunde ertragen – schließlich hast du es ja eine Sekunde bereits geschafft, warum solltest du die nächste nicht auch noch schaffen.

Also, wenn dir etwas unerträglich erscheint, dann zählst du: … 21 . 22 … Nicht denken – nur immer weiter zählen!«

Er wusste, wovon er sprach, denn als 16-jähriger Junge zog er in seinen ersten Krieg. Er überlebte eine Schlacht, in der am Ende über 1,2 Millionen Menschen starben. Drei Länder schickten ihre Soldaten auf dieses Schlachtfeld.

Der Tod fegte über die Kämpfenden aller Nationen hinweg.

Für meinen Vater endet der Stellungskampf mithilfe eines Granatsplitters, der ihm die rechte Gesäßhälfte zerfetzte. Er konnte sich nicht wegbewegen. Lag hilflos in Matsch und in Blut. Lag zwischen den Toten und den Verwundeten, einige davon, nicht viel mehr als lebende Leichen. Gerade eben hatte der Mann neben ihm noch gewimmert – dann war er still und mein Vater war entsetzlich froh darüber.

Eine beklemmende Ruhe machte sich breit. Er konnte so nicht weiter bestehen, aber er konnte auch nicht weg. Da durchschlug ihn ein Gedanke: Wenn ich diese Sekunde ertragen kann, dann halte ich auch noch die nächste aus und die nächste und die nächste … Er begann mit dem Zählen: … 21 . 22 … Er zählte immer bis 100 und begann dann wieder von vorne … 21. 22 … 100 … 21 . 22 … Feindliche Soldaten kamen, hoben ihn auf eine Trage und brachten ihn ins Lazarett.

Seitdem widerte ihn alles Gewalttätige an.

Als ich fünf Jahre alt war, spielte ich mit den Zinnsoldaten des Nachbarskindes. Voller Freude stellte ich alle Soldaten exakt in Reih und Glied auf. Ich gab mir sehr viel Mühe, um alle so genau wie möglich anzuordnen. Es war schwer, immer wieder kippten mir Figuren um. Als ich endlich mit meinem Werk zufrieden war, rief ich voller Stolz meinen Vater. Er kam – ich erwartete freudig sein Lob – er sah mich an, zog seinen rechten Hausschuh aus und sagte: »Sehr schön, und weißt du, was mit den ganzen Soldaten passiert, wenn da eine Bombe einschlägt?« Dann holte er aus und warf den Schlappen mitten in meine Zinnsoldaten. Das Ergebnis war verheerend. Alles was ich in mühevoller Kleinarbeit aufgebaut hatte, lag wild durcheinander auf dem Boden. Damals habe ich wütend geweint. Mein Rotz tropfte auf den guten Teppich.

Drei Jahre später, im Keller, so ganz allein, da verstand ich, was kein Kind jemals wahrhaftig begreifen sollte … 21 . 22 … bis 100 und wieder von vorne.

Eine Ewigkeit später, voll langsamer Vorsicht, schälte ich mich aus dem Deckenstapel heraus. Ich wagte aber nicht, den Keller durch die Tür zum Hausflur zu verlassen, da die Druckwelle von der rechten Seite, also aus der Richtung des Hausflures, gekommen war. In unserem luftschutzgerechten Keller gab es einen viereckigen, nur mit einer dünnen Mauer zugemachten Durchlass zum Keller des linken Nachbarhauses, daneben lag ein dicker Hammer. Den Hammer festgekrallt in meinen beiden Kinderhänden schlug ich verzweifelt auf den Durchlass ein. Irgendwann beruhigte mich ein Echo von der anderen Seite. Da waren Menschen! Die Mauer gab nach. Ich kroch rüber. Frauenhände nahmen mich entgegen. Drei Frauen, fünf andere Kinder und ein alter Mann schauten mich an. Wir teilten Wahrheit ohne Worte.

In Stille harrten wir noch etwas aus, bis wir vorsichtig die Kellertreppe hochstiegen, raus auf die Straße. Ein gebeugt schleichender Tross. Als ich mich traute, meinen Kopf zu heben, schaute ich auf unser Haus:

Eine Luftmine hatte die rechte Seite getroffen. Das obere Stockwerk existierte nicht mehr, von der ganzen rechten Seite des Hauses stand nur noch das Erdgeschoss in Gänze. Von unserer Wohnung in der dritten Etage war lediglich die Wand der linken Seite erhalten und an ihr klebte ein kleiner Rest des Fußbodens. Da, an dieser Wand, hing noch die Wanduhr – hing an einer Wand in einem Zimmer, das keinen richtigen Boden mehr hatte. Die Zeit war stehen geblieben.

Die Feuerwehr kam. Zwischen den Trümmern aufgeregte Menschen. Ich machte mich auf den Weg zum Gemeindehaus. Auf der Suche nach Mutter.

Ein überirdischer Bunker nur für Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene war direkt neben der Fabrik gebaut worden. Als ich daran vorbeiging, sah ich, dass alle Menschen aus dem Bunker tot waren. Mittlerweile weiß ich, deren Lungen sind durch die Druckwelle einer der Luftminen geplatzt. Der Bunker stand noch fest, aber seine Betondecke war eingedrückt. Ich beobachtete, wie die Männer der Werksfeuerwehr die Toten hinaustrugen und erst einmal auf den Boden legten. Exakt in Reih und Glied.

Viele Straßen waren wegen der Blindgänger gesperrt. Ich musste am Abwasserkanal entlang gehen, und auch dort lagen Tote einfach so am Ufer, sahen aus wie Lumpenpuppen.

Als ich zur Mutter kam, wurden wir eine endlose Sekunde lang eins.

Jahre später, im zweiten Sommer nach diesem Krieg, saßen wir Kinder am Abend zusammen am Bahndamm auf der Mauer, teilten kostbare Schokolade und redeten. Wir kamen überein, dass es auf der ganzen Welt nun nie wieder Krieg geben werde, jetzt da alle wissen, wie entsetzlich er ist. Damals, als Kinder, waren wir fest überzeugt: Dies war der letzte Krieg! … 21 . 22. 23 …