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Glückstadt feiert 2017 das 400jährige Stadtjubiläum. Anlass genug, die Geschichte der Stadt in Schlaglichtern zu beleuchten, auch wenn Glückstadt im Vergleich zu den mittelalterlichen Stadtgründungen von Itzehoe, Krempe und Wilster nicht besonders alt ist. Aber die Stadt an der Elbe hat eine besondere Gründungs-, Funktions- und Baugeschichte. So wurde Glückstadt als Planstadt mitten in die unbebauten Wildnisse gesetzt, weil der dänische König Christian IV. (1577-1648) einen Hafen mit Zugang zur Nordsee benötigte, denn der königliche Anteil der Herzogtümer Schleswig und Holstein besaß keinen für Seeschiffe geeigneten Nordseehafen. Auch sollte Glückstadt helfen, die Interessen gegen Hamburg zu wahren und es war gleichzeitig als gesicherter Elbübergang für die Ambitionen Christians IV. im Niedersächsischen Kreis wie auch als Rückzugspunkt im Falle militärischer Rückschläge gedacht. Daher war die Stadt von einem modernen Festungsgürtel umgeben. Zugleich wurde mit der Anlage eines repräsentativen Wohn- und Regierungssitzes, nämlich des Schlosses Glücksburg (1629-1631), auch für die Präsenz des Monarchen selbst gesorgt. Im Schloss und am Schloss selbst wirkten bedeutende Künstler, die der mächtige dänische König in seine Residenz holte. Leider überdauerte diese ihren Bauherrn nur 60 Jahre. Als Rest der Anlage blieb der ehemalige Wirtschaftshof direkt am Hafen, auf dessen Gelände heute das Provianthaus steht. Als Toleranzstadt bot Glückstadt vielen Glaubensflüchtlingen ab 1619 als religiöse Freistatt eine neue Heimat. Der Jüdische Friedhof, der zu den bedeutendsten des Landes gehört, erinnert uns an diese Zeit. Zahlreiche Künstler wirkten in Glückstadt im Laufe der Jahrhunderte und es lohnt sich, sich mit ihnen zu beschäftigen. Mit dem Detlefsengymnasium verfügt die Stadt über eine der ältesten Schulen in Schleswig-Holstein und die Primanervereinigung mit den jährlich erscheinenden Primanerberichten stellt in Deutschland eine Besonderheit dar. Glückstadt ist mit seiner historischen Altstadt und der besonderen Stadtanlage, seinem Museum und den erhaltenen Adelspalais ein touristischer Hotspot in den holsteinischen Elbmarschen.
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Seitenzahl: 577
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Dieses Buch ist allen Heimatforscherinnen und Heimatforschern in Schleswig-Holstein gewidmet.
Das Erscheinen dieses Bandes wurde ermöglicht durch die finanzielle Förderung unserer Sponsoren:
Dr. Hans-Georg Helm
Stadt Glückstadt
Sparkasse Westholstein
Lions Club Glückstadt / Elbe
Medienagentur Worm, Glückstadt
Vorwort
Christian Boldt
Georg Günther Kröll und die Festung Glückstadt – Eine Spurensuche
Ernst-Adolf Meinert †
König Christian IV. (1588-1658) und die Elbmarschen
Merten Kröncke
Die Glückstädter Stadtplanung und Christian IV. – Neue Deutungen
Joachim G. Jacobs
Der Jüdische Friedhof von Glückstadt
Jan-Uwe Schadendorf
Der Schleier ist gelüftet – zur holsteinischen Herkunft der Wiebeke Kruse
Denny Krietzsch
Die Magdeburger Bildhauerschule in Glückstadt – Leben und Wirken Georg Kriebels, Hofbildhauer Christians IV (1583–1645)
Gerhard Köhn †
Das Glückstädter Schloß Glücksburg – Sein Verfall und sein Abbruch um 1700
Sven Wiegmann
Das Provianthaus der Festung Glückstadt
Holger Reimers, Susanne Kreth
Das Provianthaus in Glückstadt. 1705 bis 2013
Gerhard Köhn †
Der Ingenieurmajor Christian Gottfried von Dilleben in der Festung Glückstadt im 18. Jahrhundert
Ulrich Euent
Die Glückstädter Werkstatt des Orgelbauers Johann Matthias Schreiber (1716–1771)
Kay Blohm
Von Glückstadt nach Christiansborg / Ghana
Jan Ocker
Das Herzogtum Holstein in den Jahren 1848–1851. Eine Spurensuche zum Verhältnis von dänischer zu schleswig-holsteinischer Gesinnung im heutigen Kreis Steinburg
Fritz Treichel †
Bedeutende, heute unbekannte Glückstädter
Joachim Stüben
August Twesten (1789–1876), ein lutherischer Theologe und Schleiermacher-Schüler aus Glückstadt
H.-Peter Widderich
Bildende Künstler in und um Glückstadt
H.-Peter Widderich
Der Tiermaler August Schenck (1821–1900) – Ein Glückstädter in Frankreich – Hommage á Geerd Spanjer (1905–1992)
Norbert Meinert
Zur Geschichte der „Vereinigung ehemaliger Primaner“
Reimer Möller
Die Polizeiverwaltung der Stadt Glückstadt in der NS-Zeit
Mareke Habakuck
Es führt ein Weg aus Glückstadt!?
Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt †
Detlefsen-Gesellschaft Glückstadt e.V.
Autoren
Liebe Freundinnen und Freunde der Detlefsen-Gesellschaft,
Glückstadt feierte in diesem Jahr das 400jährige Stadtjubiläum und die Detlefsen-Gesellschaft sieht es als ihre Verpflichtung an, einen Beitrag zu diesem besonderen Stadtgeburtstag zu leisten. Aus diesem Grund erschien bereits im April 2017 die Sonderpublikation „Festung Glückstadt“ mit über 200 Seiten in Farbe zur Festungsgeschichte der Stadt. Nun wird mit diesem Band die zweite Sonderpublikation dem geneigten Leser vorgelegt. Die 400jährige Geschichte der Stadt wird in Schlaglichtern anhand ausgewählter Aufsätze aus den letzten Jahren beleuchtet. Viele dieser Arbeiten wurden in bereits vergriffenen Vortragsheften der Detlefsen-Gesellschaft oder den Steinburger Jahrbüchern in den letzten Jahren veröffentlicht, sollen an dieser Stelle aber den Geschichtsinteressierten Bewohnern Glückstadts und der Elbmarschen erneut angeboten werden. Um die Authenzität zu wahren, wurde bei älteren Beiträgen darauf verzichtet, die alte an die neue Rechtschreibung anzupassen.
Das Interesse an der eigenen Geschichte war von jeher in Glückstadt groß, bedingt durch das Wirken Prof. Dr. Detlef Detlefsens und dem von ihm als eines der ältesten Museen in Schleswig-Holstein gegründeten Detlefsen-Museums. Auch die im Sinne ihres Namensgebers wirkende Detlefsen-Gesellschaft hat daran einen großen Anteil, erforscht sie doch seit nun mehr 96 Jahren die Geschichte Glückstadts und der Elbmarschen und trägt mit ihren Publikationen dazu bei, das Wissen um die Geschichte der Region zu bewahren. Immerhin ist es für eine Stadt in der Größe Glückstadts eher ungewöhnlich, sich mit einer qualitätsvollen periodischen Publikation wie den jährlich erscheinenden Vorträgen der Detlefsen-Gesellschaft und den Sonderpublikationen zu präsentieren.
Ich danke allen direkt und indirekt Beteiligten für ihr Engagement für die Geschichte unserer Region und deren Vermittlung in interessierte Mitbürger und Mitbürgerinnen.
Borsfleth im Oktober 2017 Christian Boldt M.A.
In allen Epochen der Menschheitsgeschichte hat es eine mehr oder weniger entwickelte Wehrbautechnik gegeben. Durch bauliche Maßnahmen sollten passiver Schutz und aktive Abwehr gewährleistet werden. Es kann hier nicht auf die ganze geschichtliche Entwicklung dieser Verteidigungstechnik eingegangen werden, doch soll ein kurzer Blick in die Epoche vor Daniel Specklin und Georg Günther Kröll den fundamentalen Wandel im Festungsbau zu ihrer Zeit sichtbar machen.
Die mittelalterliche Befestigung bestand hauptsächlich aus einer möglichst dicken und hohen Mauer, die dem Feind den nötigen Widerstand gegen Durchbruch und das Erklettern bot. Oft wurde zudem direkt vor der Mauer ein Graben angelegt, der den Angreifern das Anstürmen erschweren sollte. Die Ecken der Ringmauer und besonders lange Mauerabschnitte waren mit eckig oder halbrund vorspringenden Türmen besetzt, um eine Verteidigung der Mauer durch Bestreichen mit Geschossen zu erreichen.1 Besondere Sorgfalt beim Befestigungsbau erfuhren die Stadttore, die durch Vorwerke gesichert wurden, aber auch Anlass zu repräsentativer Selbstdarstellung gaben: Eine aufwendige Architektur und reicher heraldischer Schmuck zeugten von der Macht und dem Stolz der Stadt.2
Belagerung einer Burg im Mittelalter. Quelle: K.A. Mayer, Geschichte in Bildern, Band I, Stuttgart o.J., S. 45.
Angriff auf die Burg. Quellen: K.A. Mayer, Geschichte in Bildern, Band I, Stuttgart o.J., S. 45.
Über welche Mittel verfügte der Angreifer? Der Angriff beruhte im Wesentlichen auf dem Einsatz von mechanischem Kriegsgerät, das seine Vorbilder in der römischen Antike hatte. Mit den Steinschleudern, die Steinkugeln von 50 bis 70 Pfund schleudern konnten, sollten die Mauern zum Einsturz gebracht werden, was jedoch nur bei schwachen Mauern möglich war. Die Stadtumwallung mit ihren Mauern und Türmen war zur Verteidigung gut geeignet und bot der Bevölkerung den nötigen Schutz. Lange Belagerungen und Aushungern der Besatzung waren die oft erfolgreicheren Mittel zur Eroberung.
Das Aufkommen der Feuerwaffen verursachte eine tiefe Zäsur in der Geschichte der Wehrbautechnik. Immer wirkungsvollere, schnellere Geschütze machten seit der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert die Anpassung der mittelalterlichen Wehrbauten an die neue Waffentechnik zwingend erforderlich. Burgen und Stadtbefestigungen des ausgehenden Mittelalters waren den neuen Zerstörungskräften nicht mehr gewachsen. So wurde 1453 die mächtigste Stadt Europas, Konstantinopel, mithilfe von Geschützen durch die Türken eingenommen. Mohammed II. zerschmetterte mit 800 Pfund schweren Geschossen seiner riesigen Geschütze die Mauern. Die Zerstörungskraft der gewaltigen Geschütze verbreitete seitdem Angst und Schrecken im christlichen Abendland.3 Das Geschehen machte die verheerende Wirkung der Kugeln auf die mittelalterlichen Stadtmauern mit ihren hohen Wehrtürmen deutlich. Durch die Gewalt des Schusses wurden riesige Breschen in die dicken und hohen Mauern geschlagen.
41 Jahre später beschrieb Niccoló Machiavelli die zerstörerische Wirkung der Feuerwaffen. Eindrucksvoll schilderte er mit folgenden Worten seine Erlebnisse im Jahre 1494 bei den Kriegszügen Karl VIII. in Oberitalien: „Nichts desto weniger flogen durch die Gewalt des Salpeters, woraus das Pulver gemacht wird, bei der Entzündung die Kugeln mit so erschrecklichem Donner und erstaunenswürdiger Kraft durch die Luft, dass man, noch ehe dieses neue Kriegswerkzeug zu größerer Vollkommenheit gebracht wurde, über alle Werkzeuge lächeln musste, deren sich die Alten […] bei der Belagerung der Städte bedient hatten.“4 Anschaulich beschreibt Machiavelli die vorher nicht bekannten Sinneseindrücke. Rauch und Donner trieben die Kanonenkugeln auf nicht wahrnehmbarer Flugbahn in rasanter Geschwindigkeit gegen ihr Ziel. Nahezu unsichtbar flogen die Kugeln heran und hinterließen Zerstörungen unbegreiflichen Ausmaßes.
Abschnitt der rekonstruierten Stadtmauer von Istanbul (Konstantinopel). Foto: C. Boldt.
Die Bewältigung des von diesen neuen Waffen ausgelösten Angstphänomens konnte nur gelingen, indem der Versuch unternommen wurde, die scheinbar unerklärlichen Vorgänge wissenschaftlich zu ergründen.5 Ein begreifliches, auf Vernunft basierendes System von Angriff und Verteidigung sollte helfen, die wütende Zerstörungskraft in geordnete Bahnen zu lenken. Die mathematischen Wissenschaften gewannen in diesem Zusammenhang zunehmend an Bedeutung, auch und gerade für die Entwicklung eines neuen Verteidigungssystems, das dem modernen Kriegswerkzeug stand zu halten vermochte. Genaue ballistische Berechnungen und die rasant fortschreitende Entwicklung der Vermessungskunst ermöglichten es zu Beginn des 16. Jahrhunderts, die Kugelflugbahn zu bestimmen und als Schusslinie auf Papier zu bringen. Dieses „Kartieren“ sich kreuzender Schusslinien wurde von Künstlern und Ingenieuren wie Leonardo da Vinci, Baldassare Peruzzi, Giuliano da Sangallo und Francesco de Marchi genutzt, um ein neues Verteidigungssystem zu entwickeln. Ziel war es, den für die Verteidigung effektivsten Grundriss zu entwerfen, der eine Flankierung aller Bauteile und die Beseitigung des „toten Winkels“, des nicht einsehbaren und deshalb nicht bestreichbaren Mauerabschnitts, ermöglichte.6 Ausgangspunkt dieses Systems war das Prinzip des Bestreichens oder auch Flankierens: Die Schüsse der Verteidiger mussten an den Mauerlinien aller Befestigungswerke entlang streichen, um das Eindringen des Feindes zu verhindern.Fast alle bedeutenden Militärschriftsteller des 16. Jahrhunderts sahen in der Beseitigung dieses „toten Winkels“ die Triebfeder der Entwicklung neuer Befestigungsformen. Die Schusslinie der Kanone und der Sehstrahl des anvisierenden Auges gaben als auf das Blatt projizierte Linien dem einzelnen Befestigungswerk und dem gesamten Verteidigungssystem ihre Grundform.7 Die daraus entwickelte geometrische Form wurde zum entscheidenden Kriterium der Wehrhaftigkeit. So schreibt Niccoló Tartaglia 1554 in seinen „Quesiti e inventione diverse“, dass nicht die Masse (Substanz), sondern die Form der Mauern ihre Qualität bestimme.8
Ausgehend von geometrischen Grundfiguren wie Quadrat, Dreieck und Polygon entstand nicht nur auf dem Papier ein kompliziertes Sternmuster, das die Stadtanlage wie ein Leuchtkranz umgab. Im Kreis sahen die Festungsbaumeister den unausweichlichen Ausgangspunkt für jeden guten Festungsentwurf, womit sie einer Symbolik verhaftet blieben, die im Kreis die Harmonie des Weltkreises repräsentiert sah. Daniel Specklin benennt in seinem Traktat ausdrücklich diese Bedeutungsebene, wenn er schreibt: „Es kann nichts gebawet werden / es muß sein maß und Proportion haben / und dieselbig kann durch anders nicht / dann durch Circkel zu Wegen gebracht werden / durch welches Hülff ein jedes Ding in sein gewiß corpus gefaßt wird. Denn secht an den Himmel vnnd alles daran gehet oder laufft / ist alles von Gott dem Allmächtigen / inn ein Circkelrunde gefasst / deßgleichen Sonn und Monn / und das Erdrich hat alles ein Circkelrundes Corpus.“9
Zeichnung von Daniel Specklin. Quelle: Daniel Specklin, Architectura von Vestungen, in: The Printed Sources of Western Art 5, ed. by Th. Besterman, Portland 1972, S. 57/58.
Zeichnung von Daniel Specklin. Quelle: Daniel Specklin, Architectura von Vestungen, in: The Printed Sources of Western Art 5, ed. by Th. Besterman, Portland 1972, S. 99/100.
Die mathematisch berechnete kristalline Struktur der Festungssterne war Ausdruck absoluter Gewissheit. Einem kunstvoll geschliffenen Diamanten gleich waren polygonale Festungssterne der Inbegriff von Festigkeit, mathematischer Perfektion und ästhetischer Vollkommenheit.10
Jedoch tat man sich mit der Umsetzung schwer. In den letzten Jahrzehnten des 16. und den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts trieben die europäischen Herrscherhäuser zwar zahlreiche symmetrisch und regelmäßig konzipierte Neuplanungen der großen Städte voran. Dazu zählen u.a. die königlichen Plätze in Paris durch Heinrich IV. (1604–1606) und die Plaza mayor von Madrid (1617). Jedoch blieben große Entwürfe für ganze Stadtorganismen wie die Pläne für Göteborg (1620), Kopenhagen (1629) und Stockholm (1640) entweder auf dem Papier oder wurden nur allmählich umgesetzt.11
In diesem Zusammenhang stellt die Gründung Glückstadts (1617) eine Besonderheit dar. Hier wurde eine Stadt nach einem idealen Plan in eine unbebaute Landschaft gesetzt und dieser Plan nur leicht an die geografischen Gegebenheiten angepasst. Glückstadt wurde zwar im kleinen Maßstab geplant, ist jedoch schnell zur drittgrößten Stadt des dänischen Gesamtstaates nach Kopenhagen und Flensburg herangewachsen (gemessen an der Bevölkerung). Der Glückstädter Stadtgründer Christian IV. (1577–1648) war ein gebildetes Staatsoberhaupt mit einem ausgesprochenen Interesse für Architektur. Für ihn war die Stadt ein wichtiges Glied in der staatlichen Organisation. Mit ihren Häfen und den Kanälen sah Christian IV. Glückstadt als Element des neuen Merkantilismus, begriff die Stadt aber auch als soziales Gefüge, in dem jede Bevölkerungsschicht ihren ordentlichen Platz hatte, die Korporationen, die Bürger, die Seeleute, die Soldaten und die Armen. Christian IV. sah die Stadt als Gesamtkunstwerk, die so „auf verschiedene Weise der Idealstadt der Renaissance sehr nahekam“.12
Leider sind die Pläne bis heute verschollen. Es wäre möglich, dass der Architekt, Maler, Offizier und Kartograph Georg Günther Kröll der Urheber dieser Pläne war.
Zu seiner Biographie gibt es bisher in der Glückstadt-Literatur leider nur sehr wenig. Gerhard Eimer vermutet zwar eine Beteiligung Krölls am Entwurf Glückstadts und Kersten Krüger mutmaßt auch, dass Kröll entscheidend am Stadtplan Glückstadts mitgewirkt hat, aber beweisen lässt sich das bisher nicht.13 Ich habe dies zum Anlass genommen, mich näher mit der Person Georg Günther Kröll zu beschäftigen, und hoffe im Laufe meiner Forschungen den Urheber der Glückstadt-Pläne ausfindig machen zu können.
Kröll tritt für uns 1617 in das Licht der Geschichte. Utrecht, den 8. August 1617, sind die Widmungsbriefe datiert, die „Georg Ginther Kröll von Bemberg“ bzw. „Georgius Ginther Kröl von Bemberch“ an den dänischen König Christian IV. sowie den dänischen Feldmarschall und Statthalter im Fürstentum Schleswig-Holstein Gerd Rantzau richtet und die er in seinem 1618 in Arnhem in den Niederlanden gedruckten dreibändigen Werk „Tractatus Geometricus et Fortificationis ...“ vorausschickt. Er erklärt in dieser Widmung, dass er im Dienst des dänischen Königs und Statthalters gestanden und die große, von letzterem empfangene Guttat nicht vergessen habe. Anschließend an den hier umschriebenen dänischen Dienst hat er offenbar in den Niederlanden studiert. Er hat das ausführliche und mit zahlreichen Kupferstichen versehene Werk zur Geometrie und Architektur in seiner „Hochteutschen Muttersprach“ geschrieben, um „so vil in meinem Vermogen stehet, den Teutschen Namen helfen zu furdern“.15
Georg Günther Kraill von Bemeberg, Selbstporträt mit Hund von 1624. Quelle: Sammlung Schloss Skokloster in Schweden.
Nach seiner Zeit in dänischen Diensten trat Kröll 1620 als Kapitän und Fortifikationsingenieur in schwedische Dienste und machte dort rasch Karriere. Das war nicht ungewöhnlich, denn Gustav Adolf II. von Schweden hatte bereits 1611 seinen Ingenieur Monickhoven nach Holland geschickt, um niederländische Ingenieure anzuwerben, die damals als führend auf ihrem Gebiet galten. Er sah in Moritz von Oranien seinen Lehrmeister in der Kriegs- und Befestigungskunst und stand in brieflichem Kontakt mit dessen Theoretiker Simon Stevin, der die Ausbildung der Ingenieure an der Universität Leiden beachtlich vorangebracht hatte. Auch erkannte Kröll die Bedeutung der Niederländer für die Stadtplanung seines Konkurrenten Christian IV., dessen neue Stadtanlagen in den an Schweden grenzenden Provinzen Schonen, Halland und Blekinge den Anstoß für die schwedische Stadtplanung gegeben hatte. Im Jahre 1613 setzte der König ein Ingenieurkorps aus überwiegend ausländischen Technikern ein, die die Grundlagen für die schwedische Militärkartographie legten.
In diesem Zusammenhang steht das erfolgreiche Wirken Georg Günther Krölls in schwedischen Diensten. Er nahm 1621 an der Belagerung von Riga teil, stieg 1622 zum Feldquartiermeister in Preußen auf, 1628 zum Generalquartiermeister in Pommern, 1630 zum militärischen Kommissar auf Rügen, 1635 zum Oberst und Generalquartiermeister (übrigens laut einer schwedischen Quelle zum ersten überhaupt in der schwedischen Geschichte) und wurde 1636 pensioniert.16
Titel des dritten Teiles von Georgius Ginther Kröl von Bemberch, Tractatus Geometricus et Fortificationis, Arnheim 1618.
Kröll machte sich nicht nur als Offizier und Ingenieur, sondern auch als Kartograph, Kupferstecher und Porträtmaler einen Namen. 1621 fertigte er eine Karte zur Belagerung von Riga an. 1634 wurde er in den schwedischen Ritter- und Adelsstand erhoben. Nach seiner ersten Ehe mit Dorothea Brackel, der Tochter des Kommandanten von Gent Jobst Eberhard Brackel und Witwe des schwedischen Statthalters von Kalmar, Henrik Camhus, schloss er um 1624 eine zweite Ehe mit Christine von Massenbach, der Tochter des Statthalters des Schlosses in Stockholm Hans von Massenbach aus der preußischen Linie des schwäbisch-fränkischen Geschlechts. Diese brachte ihm das Gut Ökna (heute Herrökna) in Södermanland ein. Kröll starb dort am 1. Januar 1641 und wurde in der benachbarten Kirche von Gryt begraben. Seine dort noch erhaltene steinerne Grabplatte ziert das Doppelwappen Kräill-Massenbach und eine Inschrift, in der er als „den edle och welborne Herre Herr Georg Günter Kräll von Benenberg, Herre till Ockna och Mora“ bezeichnet wird.
Seine Herkunft war in Schweden immer bekannt. Es war kein Geheimnis, dass Georg Günther Kräill von Bemeberg aus Süddeutschland stammte. Seine genauere Herkunft blieb jedoch im Dunkeln. Seit G. Anrep, „Svenska Adelns Ättar-Taflor“ von 1858, finden sich zwar in schwedischen historiographischen Werken Angaben über seine angeblichen Eltern und Großeltern (sein Vater sei Jacob Crail/Krail von Bamberg/ Bemebergh, Oberst zu Fuß und Kommandant in Ulm, gewesen, seine Mutter Magdalena von Neippberg, sein Großvater ein Georg Crail/Krail von Bamberg/Bemebergh), aber es gelang weder diese Personen zu identifizieren noch überhaupt ein solches Geschlecht zu finden oder auch nur den mysteriösen Ort Bemberg/Bemebergh aufzuspüren.
Im Zusammenhang der Recherchen zu Georg Günther Kröll bin ich dann auf eine Untersuchung zu den Kröll von Grimmenstein im „Jahrbuch des Historischen Vereins für Württembergisch Franken“ von 1985 gestoßen, die Walther Ludwig durchgeführt hatte. Er beschäftigte sich darin mit dem Geschlecht der Kröll – eben diesem Geschlecht der Kröll, dem auch der Verfasser des Werkes „Tractatus Geometricus et Fortificationis“ angehört. Sein Vater und Großvater hießen nicht wie in Schweden angenommen Jakob und Georg, sondern Eberhard und Johann Jakob Kröll. Nur der Name seiner Mutter Magdalena von Neippberg hat sich bestätigt. Von seinem Vater ist nicht bekannt, dass er Kommandant und Oberst in Ulm gewesen wäre, wohl aber war sein Bruder, Johann Reinhard Kröll, 1631 Oberst der Ulmer Garnison.17
Keiner von all diesen Kröll nannte sich je Kröll von Bemberg, auch wenn sein Vater Eberhard für kurze Zeit das Hofgut Bemberg bei Gerabronn besaß. Hiermit sind nun die wahren Vorfahren von Georg Günther Kräill (so wird er in Schweden genannt) gefunden. Auch „Bemberg“ ist aufgetaucht. Beachtenswert ist, dass sich in seinem 1618 gedruckten Werk noch die Namensform Kröll findet. Auf den richtigen Weg führt dann die Erkenntnis, dass das Wappen der deutschen Kröll und der schwedischen Kräill formal identisch ist. Im Schild befinden sich jeweils zwei gekreuzte zweizinkige Geräte, sogenannte Kröle, auf einem Dreiberg. Kröl oder Kräuel nannte man früher ein Gerät, das an einer Stange mehrere im rechten Winkel abstehende spitze Zinken hatte und das man unter anderem dazu verwenden konnte, Fleisch oder Wurst aus einem siedenden Kessel zu holen. Die Helmzier zeigt entweder ein zweischwänziges Fischweib oder eine bekleidete Frau, die je einen Fisch in ihren Händen hält. Hier ist es eine Frau. Dieses Wappen ist seit 1392 in der Familie bezeugt. Seine Farben sind seit dem 16. Jahrhundert bekannt: Schwarze Kröle stehen in weißem Schild auf einem gelben Dreiberg (siehe auch Abbildung Seite Seite →). Georg Günthers Wappen weicht davon nur durch einen grünen Dreiberg ab.
Stadtkirche Waldenburg, Totenschild des Amtmanns Christoph Kröll. Foto: B. Peter.
Zum Beinamen „von Bemberg“ ist Georg Ginther Kröll vermutlich über das bereits erwähnte Gut Bemberg gekommen, das sein Vater 1591–1597 besaß. Stammsitz des Geschlechts ist Bemberg keineswegs und vor Georg Günther hat sich auch kein Kröll nach Bemberg benannt. Es scheint, dass er, als er in dänische Dienste trat, das Bedürfnis gehabt hat, seine adlige Herkunft zu dokumentieren. Da die Krölls keinen Stammsitz besaßen, griff er zu dem Namen des Gutes, das sein Vater kurze Zeit besessen hatte. 1636 benutzte er sogar die Formel „erbgesessen zu Bemeberg“. Die Erfindung diente sicherlich der Stützung seines adligen Status in Schweden.18
1 Zum Wehrbau im Mittelalter ist besonders das Standardwerk der Burgenkunde zu empfehlen: Bodo Ebhardt, Der Wehrbau Europas im Mittelalter, Würzburg 1998[Reprint].
2 Vgl.: Marion Hilliges, Das Stadt-und Festungstor, Berlin 2011, S. 23.
3 Zur Belagerung Konstantinopels siehe Dudley Pope, Feuerwaffen. Entwicklung und Geschichte, Wiesbaden 1971, S. 36ff.
4 Niccolò Machiavelli: Sämtliche Werke in 8 Bänden, aus dem italienischen übersetzt von Johann Ziegler, Bd. 3, Karlsruhe 1833, S.311f.
5 Zur Bewältigung der Angst vgl. den Einführungsvortrag von Prof. U. Reinisch Angst, Sublimierung und Kulturierung auf der Tagung „Festung im Fokus – Mathematische Methoden in der ‚architectura militaris‘ des 16. und 17. Jahrhunderts und ihre Sublimierung in der ‚architectura civilis‘“, 3.10.2008-5.10.2008 in Dresden.
6 Christof Baier/Marion Hilliges: Festungsbau als mathematische Kunst, in Maß, Zahl und Gewicht, Berlin 2008, S. 108.
7 Christof Baier/Ulrich Reinisch: Schußlinie, Sehstrahl und Augenlust: zur Herrschaftskultur des Blickens in den Festungen und Gärten des 16. bis 18. Jahrhunderts, in: Visuelle Argumentationen: die Mysterien der Repräsentation und die Berechenbarkeit der Welt, hg. Von Horst Bredekamp, München 2006, S. 35-59.
8 »[…]per la forma delle sue mura, & non per la materia […]«. Machiavelli zitiert nach Wolfgang Schäffner, Diagramme der Macht, in: Politische Räume. Stadt und Land in der Frühneuzeit, Berlin 2003, S. 135.
9 Daniel Specklin, Architectura von Vestungen, in: The Printed Sources of Western Art 5, ed. by Th. Besterman, Portland 1972, Vorrede zum Inhalt, Capitel II.
10 Baier/Hilliges 2008, S. 110.
11 Zu Göteborg: Henning Langenbach, Festungsbau in Göteborg. Bauruine und Rekordprojekt: 1619-1660, Hamburg 2004 (Beiträge zur deutschen und europäischen Geschichte, Band 32).
12 Gerhard Eimer, Die Stadtplanung im schwedischen Ostseereich 1600-1715, Stockholm 1961, S. 153.
13 Ebenda, S. 156 f.; Kersten Krüger, Albrecht Dürer, Daniel Speckle und die Anfänge frühmoderner Stadtplanung in Deutschland, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg, 67 (1980), S. 94.
14 Vgl., dazu den Thesaurus-Eintrag zu Kröl von Bemberg, Georgius Ginther auf http:// thesaurus.cerl. org/record/cnp00951473.
15 Tractatus Geometricus et Fortificationis, Arnheim 1618.
16 Walther Ludwig, Georg Günther Kröll und der Hof Bemberg bei Gerabronn, in: Jahrbuch des Vereins für Württembergisch Franken 69 (1985), S. 267-281.
17 Walther Ludwig, Georg Günther Kröll und der Hof Bemberg bei Gerabronn, in: Jahrbuch des Vereins für Württembergisch Franken 69 (1985), S. 267-281.
18 Ebda.
Christian IV. ist der volkstümlichste dänische König, trotz seiner Niederlagen. Das romantische Lied „Kong Christian stod ved ho/jen mast...“ ist eine bekannte Hymne. In Glückstadt ist seit 1980, als ein Gedenkstein an der Kirche eingeweiht wurde, geradezu ein Christian-Fieber ausgebrochen: ein Lokal am Markt, ein Sportverein und eine Schule erhielten seinen Namen.
Er wurde am 12. April 1577 auf Schloss Frederiksborg geboren. Sein Vater war König Friedrich II., seine Mutter Sophie von Mecklenburg-Güstrow. Nach dem Tode seines Vaters 1588, Christian war minderjährig, wurde zunächst eine Vormundschaftsregierung unter seiner Mutter und Mitgliedern des Reichsrates eingesetzt. 1593 übernahm er in Schleswig und Holstein, 1596 in Dänemark und Norwegen die Herrschaft als siebenter Oldenburger. Er gilt als der erste richtige Däne auf dem Thron. Neben Dänisch und Deutsch sprach er noch Latein, Französisch und Italienisch. 1597 heiratete er Anna Katharine, die Tochter des Hohenzollern Joachim Friedrich, damals Administrator des Erzbistums Magdeburg, 1598–1608 Kurfürst von Brandenburg. Nach dem Tode seiner Frau heiratete er Kirstine Munck zur linken Hand. Die letzten 20 Lebensjahre begleitete ihn die Bauerntochter Wiebeke Kruse aus Föhrden-Barl. Christians vier Schwestern wurden politisch klug verheiratet und verschafften ihm weitreichende Familienverbindungen. Die älteste war mit Herzog Heinrich Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel vermählt, die zweite heiratete König Jakob von England, den Sohn der Maria Stuart, die dritte den Herzog Johann Adolf von Schleswig-Holstein-Gottorf, die vierte den Kurfürsten Christian II. von Sachsen.
Büste Christian IV. Foto: Norbert Meinert, 2014.
Zu seinem Herrschaftsgebiet gehörte Dänemark mit seinen heute schwedischen Gebieten Halland, Schonen und Blekinge. Auch die Ostseeinseln Ösel, Gotland, Öland und Bornholm gehörten dazu. Christian war auch König von Norwegen mit seinen umfangreichen Nebenländern Island, Grönland und den Färöern. Von Schleswig und Holstein gehörte ihm der königliche Anteil, den gemeinschaftlichen regierte er in jährlichem Wechsel mit Gottorf. Insgesamt beherrschte er eine riesige Fläche, aber nur knapp eine Million Menschen. Die Wirtschaftskraft war halb so groß wie die des kleinen Herzogtums Württemberg. Haupteinnahmequelle war der Sundzoll, den König Erich von Pommern 1426 eingeführt hatte.
Seine Ostseepolitik wurde beeinflußt durch die Erinnerungen an die Kalmarer Union, als Dänemark die drei nordischen Reiche dominierte. Schweden unter dem Hause Wasa war ausgeschert, jetzt gab es Spannungen zwischen der evangelischen Linie in Schweden und Finnland und der katholischen, die in Polen regierte. Nachdem 1611 der schwedische König Karl IX. gestorben war, griff Christian ein. Er wandte sich gegen Gustav Adolf, den jungen Nachfolger. Der Streit ging um den Titel „König der Lappen“ den beide Häuser beanspruchten. Christian führte den sogenannten „Kalmarkrieg“ (1611–1613) vorwiegend mit deutschen Söldnern, die Herzog Georg von Braunschweig-Lüneburg und Herzog Ernst-Ludwig von Sachsen-Lauenburg angeworben hatten. Im Mai 1612 wurde die Elfsborg am Götaelv, einziger Zugang Schwedens zum Kattegatt, im August Kalmar erobert. Jetzt mischten sich die Seemächte England und die Niederlande ein und vermittelten den Frieden von Knäred. Elfsborg blieb bis 1619 in dänischer Hand, bis Schweden die ausgemachten 1 Millionen Rtlr. bezahlt hatte. Dies Ergebnis war enttäuschend. Eine Entscheidung war nicht gefallen. Lediglich die dänisch-schwedische Feindschaft war vertieft worden.
Christian wandte sich nun den Problemen an der Südgrenze seines Reiches zu. Da war zunächst die Stellung zu Hamburg. Die Stadt beherrschte den Elbhandel, besonders den mit Getreide. Hier war die Stadt Krempe tangiert. Seit 1598 wurde die Stadt als Festung erneuert, doch der König kam zu der Einsicht, daß Krempe als Basis gegen Hamburg ungeeignet war. Ein Versuch mit Itzehoe brachte auch nicht viel. 1609 mußten die Bauern auf dem Broock an der Stör eine Sandwurt auffahren zum Bau einer Schiffswerft. Hier wurde die „Makellos“ auf Kiel gelegt, ausgebaut und ausgerüstet. Doch die Fahrt zur Elbe geriet zum Fiasko. Bei Schloß Heiligenstedten kam das Kriegsschiff auf Grund, kenterte, als die Ebbe fortschritt, und lief voll Wasser, als die Flut einsetzte (5. August 1612). Man brauchte zwei Jahre, um es wiederaufzurichten. Den König wird kaum getröstet haben, dass das schwedische Kriegsschiff „Wasa“ in Stockholm nach nur 800 m Fahrt kenterte und versank. Nach diesen Misserfolgen richtete der Dänenkönig den Blick auf die Rhinmündung, den südlichsten Punkt seines Herrschaftsgebietes an der Elbe, denn auf der anderen Rhinseite hatte der Schauenburger Graf mit Stammlanden an der Weser zu sagen. Er beschloss, hier eine Stadt, eine Festung und einen Kriegshafen zu bauen. Dazu musste das Gebiet eingedeicht werden. Über Anlage und Befestigung der Stadt berichtete der erste Stadtschreiber Wulber Gabel. Die Nachricht fand sich im Knopfe des 1648 abgewehten Glückstädter Kirchturms: „1616 ist diese Stadt Glückstadt abgestochen, 1618 ist die Kirche zu bauen angefangen. 1619 auf Allerheiligen, da ist die erste Predigt in der Kirche geschehen. 1620 ist der Wall hinter der Kirche angefangen und den Sommer 10 Compagnien dänische Soldaten daran gearbeitet und ist auch der Haffen gemacht worden. 1621 ist das Fleth in der Stadt verfertiget. 1620, den 3. Februar haben nebst dem ersten Bürger-Meister Weichbolt von Ancken und Wülber Gabel20, Stadtschreiber, und 70 Einwohner ihren bürgerlichen Eyd geleistet.“
Alle diese Maßnahmen waren gegen Hamburg und dessen Anspruch auf Selbständigkeit gerichtet. Die Stadt klagte vor dem Reichskammergericht in Speyer. Dessen Spruch vom 6. August 1618 erkannte Hamburgs Reichsunmittelbarkeit an. Dagegen setzte Christian Gewalt. Er zog Truppen zusammen, errichtete bei Fuhlsbüttel ein befestigtes Lager und blockierte die Stadt. Hamburg mußte nachgeben. 1621 kam der Steinburger Vertrag zustande. Er sah die Erbhuldigung und eine erhebliche Geldentschädigung vor. Christian hatte gesiegt, wenn auch um den Preis der Hamburger Gegnerschaft. Mit großen Städten hatte er kein Glück. 1605 und noch einmal 1615 eilte er seinem Schwager Herzog Heinrich Joachim von Braunschweig-Wolfenbüttel zur Hilfe, als dieser versuchte, Braunschweig zu erobern – in beiden Fällen vergebens. Die Gründung Glückstadts richtete sich nicht nur gegen Hamburg, sie war auch nützlich in der Bistumspolitik. Seit der Reformation diente der Landbesitz der Bischöfe zur Versorgung nachgeborener Fürstensöhne. So wurde der jüngste Bruder Christians, Herzog Ulrich, Bischof von Schleswig und residierte in Schwabstedt. Als er 1624 starb, zog Christian den Landbesitz kurzerhand ein und machte daraus das Amt Schwabstedt. Die Gottorfer Herzöge beanspruchten das Bistum Lübeck mit Eutin, dazu das Erzbistum Bremen mit Bremervörde und Stade. Herzog Johann Friedrich war 1596–1634 Bremer Erzbischof. Die Welfen besaßen die Bistümer Verden und Osnabrück. Das waren lediglich Gewohnheitsrechte, hier konnte ein unternehmungslustiger Fürst einhaken. So betrieb Christian seit 1617 den Plan, seinen damals achtjährigen zweiten Sohn Friedrich als Nachfolger aufzubauen: als Koadjutor, als Gehilfe des Bischofs mit Nachfolgerecht. 1618 wurde Friedrich im Dom zu Verden als Koadjutor gewählt, 1621 zum Koadjutor in Bremen, 1624 in derselben Funktion in Halberstadt. 1622 Bischof in Verden. Für den Anfang waren das gute Erfolge, aber der Preis war hoch, denn die Gottorfer und die Weifen sahen ihre Versorgungsmöglichkeiten schwinden und reagierten feindlich. In diese Zeit fällt der Ausbruch des großen Krieges in Deutschland, des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648). Das Konzil zu Trient (1545–1563) hatte die katholische Kirche gegenüber den Reformationskirchen gestärkt. Diese waren in sich zerstritten: Lutheraner standen gegen Calvinisten, diese hatten sich wieder gespalten. Gegen die vordringende katholische Macht, getragen von den Jesuiten, schlossen sich die Protestanten zur Union zusammen. Oberhaupt wurde der reformierte Kurfürst Friedrich IV. von der Pfalz (1608). Dagegen formierten sich die katholischen Mächte in der Liga unter Herzog Maximilian von Bayern; beide stammten aus dem Hause Wittelsbach. Kurfürst Friedrich war der Schwiegersohn König Jakobs I. von England, er hatte damit eine Nichte König Christian IV. geheiratet. Der große Krieg begann in Böhmen. Kaiser Rudolf hatte im Majestätsbrief 1609 den böhmischen Ständen volle Religionsfreiheit gewährt. Sein streng katholisch erzogener Nachfolger Ferdinand II. wollte den Majestätsbrief kassieren. Dagegen opponierten die böhmischen Adligen unter Führung des Grafen Matthias von Thum. Die kaiserlichen Statthalter wurden aus den Fenstern der Prager Burg gestürzt, Ferdinand als böhmischer König abgesetzt und der Führer der Union, Kurfürst Friedrich von der Pfalz, zum böhmischen König gewählt. Die katholische Liga ließ ihr Heer unter Tilly nach Böhmen einmarschieren. Die Truppen Friedrichs wurden am 8. November 1620 in der Schlacht am Weißen Berge geschlagen. Friedrich mußte fliehen, die Union löste sich auf. In Böhmen wurde ein furchtbares Strafgericht gehalten. Kurfürst Friedrich, der Winterkönig, wurde geächtet, verlor die Pfalz mit der Kurwürde an Bayern. Der Krieg gegen die Parteigänger des Winterkönigs zog sich nach Norden, nach Westfalen und an die Weser. Damit waren auch die Interessen des Niedersächsischen Reichskreises berührt. Seit der Reichsreform des Jahres 1521 war das Reich in Verteidigungskreise unter einem Kreisobristen eingeteilt. Zum Niedersächsischen Kreis gehörten Holstein, Mecklenburg, Sachsen-Lauenburg, Braunschweig-Lüneburg, Braunschweig-Wolfenbüttel, Holstein-Pinneberg, die Erzbistümer Magdeburg und Bremen, die Bistümer Halberstadt, Hildesheim, Lübeck, Ratzeburg und Schwerin und die Hansestadt Lübeck. Die Leitung hatten bisher im Wechsel die Erzbischöfe von Magdeburg und Bremen. Doch der Kreistag zu Lüneburg wählte König Christian IV. als Herzog von Holstein zum Kreisobristen. Damit wurde das Signal auf Krieg gestellt, denn Christian war entschlossen, gegen die Armee der Liga vorzugehen. Dazu schloß er Bündnisse mit England und den Niederlanden, obwohl die Unterstützung von dort gering bleiben mußte, weil beide Mächte im Krieg mit Spanien waren. Von Frankreich war wenig Hilfe zu erwarten. Lediglich einige Söldnerkontingente wurden zugesagt. Auch die Unterstützung durch die Norddeutschen hielt sich in Grenzen. Die Hansestädte blieben neutral, von dort kamen weder Geld noch Truppen. Gottorf und das Erzbistum Bremen waren feindlich gesinnt, Braunschweig-Lüneburg und Sachsen-Lauenburg hielten zum Kaiser. Die Mecklenburger waren willig, aber schwach, Magdeburg und Braunschweig-Wolfenbüttel mußten als schwer zu verteidigende Außenposten gelten. Schweden führte Krieg in Polen. Trotz dieser trüben Bilanz: König Christian IV. wollte losschlagen. Christians Armee zählte 18000 Mann, zumeist Deutsche. Er musterte sie auf der Nordoer Heide, dazu wohnte er auf der Steinburg. Die Artillerie zählte 46 Geschütze. Die dänische Flotte kreuzte in der Nordsee. Tilly stand in Ostwestfalen, Mansfeld am Niederrhein. Die dänische Armee querte die Elbe von Haseldorf nach Stade. Von dort ging der Vormarsch weiter über Bremervörde nach Rotenburg und weiter nach Verden. Die Kreishilfe, 7000 Mann, wurde auf der Loccumer Heide gemustert. Weiter ging es nach Hameln. Hier hatte der König Unglück: Beim Ritt über die Wälle der Stadt stürzte er mit dem Pferd in eine Grube und verletzte sich schwer. Das führte zu monatelangem Stillstand der Bewegungen, weil die Stellvertretung nicht geregelt war. Für den Winter zog sich die Armee auf die Weser-Elbe-Linie zurück, das Hauptquartier war Rotenburg. Inzwischen erhielt der deutsche Kaiser eine eigene Armee: Wallenstein stellte im Egerland ein Heer auf. Für ihn warb der Herzog von Braunschweig-Lüneburg Truppen an. König Christian war darüber empört. Wahrscheinlich gehört das berühmte Löwendenkmal, früher vor dem Glückstädter Schloß am Hafen, heute im Park von Rosenborg in Kopenhagen, in diesen Zusammenhang.
Ernst von Mansfeld verlegte seine Truppen nach Lauenburg, bei ihm war auch Christians Lieblingsneffe, der tolle Christian von Braunschweig-Wolfenbüttel. Wallenstein konnte im Dezember 1625 einen ersten Erfolg erringen: Er eroberte die Dessauer Elbbrücke. Mansfeld rückte elbaufwärts vor bis in die Mark Brandenburg, der tolle Christian drang nach Hessen vor, mußte sich aber vor den Truppen der Liga zurückziehen. Auf dem Rückmarsch starb er, erst 26 Jahre alt – für Christian ein herber Verlust. Ein Angriff zur Rückeroberung der Dessauer Elbbrücke im April 1626 scheiterte. Im Juni zog Mansfeld, verstärkt von 10000 Mann unter Johann Ernst von Weimar, nach Schlesien und von dort über den Jablunka-Paß in die Slowakei. Er wollte den Fürsten von Siebenbürgen, Gabriel Bethlen, gegen den Kaiser unterstützen. Wallensteins Heer zog ihm nach. Aber Bethlen verglich sich mit dem Kaiser; Mansfelds Zug war vergebens. Er wandte sich nach Venedig. Auf dem Wege dorthin starb er in Sarajewo, sein Heer löste sich auf.
Das Löwendenkmal im Park von Schloß Rosenburg in Kopenhagen. Fotos: C. Boldt, 2012.
Inzwischen drang Tilly nach Norden vor und belagerte Göttingen. Christians Entsatzversuch kam zu spät. Die Stadt kapitulierte am 1. August 1626. Christian zog sich nach Norden in Richtung auf Wolfenbüttel zurück, von Tilly energisch verfolgt. Bei Lutter am Barenberge stellte er sich. Jede Seite zählte etwa 20000 Kämpfer. Nach hartem Ringen wurde Christian geschlagen und erlitt schwere Verluste. Er selbst entging nur knapp der Gefangennahme. 22 Geschütze und 73 Fahnen fielen Tilly in die Hände. Mit den Resten der Armee querte Christian die Elbe bei Schnakenburg. Tilly folgte nicht, sondern eroberte Hoya, Verden und Rotenburg. Die Elbe von Dömitz bis Glückstadt trennte zunächst die Gegner. Von Blankenese aus besetzte Christian erneut Buxtehude und Stade. England schickte 3000 Mann unter Oberst Morgan, Frankreich einiges Geld, die Niederlande 1,3 Millionen Gulden, die für die Ausrüstung der unfertigen Festung Glückstadt verwandt wurden. Jetzt begannen auch die Niedersächsischen Reichsstände von Christian abzufallen. Den Anfang machten der Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel und der Erzbischof von Bremen; die Mecklenburger Herzöge wollten Frieden vermitteln, die Hansestädte blieben abweisend. Dänemark rüstete neu, eine Kriegssteuer wurde beschlossen und im Ausland geworben. Franzosen, Schotten und Engländer kamen ins Land. Neue Führer waren Georg Friedrich von Baden und Graf Matthias von Thum. Inzwischen rückte Wallenstein aus Schlesien an, Tilly forcierte die Elbe, am 28. Juli wurde bei Bleckede eine Brücke geschlagen. Graf Thum räumte Lauenburg, der Markgraf von Baden ging auf Wismar und die Insel Poel zurück. Der kaiserliche Einbruch in Holstein erfolgte in drei Kolonnen: links Tilly, in der Mitte Wallenstein, rechts Graf Schlick. Ihre Truppenstärke belief sich auf etwa 30000 bis 40000 Mann. Wallenstein verfügte nur über 6 Geschütze, seine Leute waren durch die langen Märsche ermüdet. König Christian hielt sich zunächst in Glückstadt auf. Am 13. September reiste er zu Schiff nach Diekhusen ab, zu Lande weiter nach Tönning und Flensburg. Der Widerstand im Lande brach zusammen. Wer konnte, flüchtete nach Hamburg. Die festen Plätze wurden eingeschlossen. Vor Pinneberg wurde Tilly verwundet und mußte das Kommando an Wallenstein abgeben. Rendsburg fiel am 7. Oktober. Das Erzbistum Bremen ging verloren, in Stade hielt sich Oberst Morgan. Jütland geriet bis nach Skagen hin in Feindeshand.
Das stark befestigte Schloß Breitenburg, dessen Besitzer Gerd Rantzau war, wurde von einigen Kompanien schottischer Söldner unter Major Dunbar verteidigt. Viele Landbewohner hatten dort Zuflucht gesucht. Anfang September wurde Breitenburg eingeschlossen. Den Angriff leitete Wallenstein persönlich. Die Überflutung des Vorfeldes war wenig wirksam. Ein erster Angriff am 7. September scheiterte. Daraufhin wurden Laufgräben gebaut. Am 28. September wurde das Rondeel im Krautgarten erstürmt, ging aber wieder verloren. Auch ein neuer Sturm am 29. September blieb erfolglos. Jetzt wurden Geschütze in den Krautgarten vorgezogen und damit Zwinger und Mauern zerschossen. Nachdem der Graben mit Faschinen gefüllt worden war, konnten die Wallensteiner eindringen. Major Dunbar fiel durch Kopfschuß, damit brach der Widerstand zusammen. Die Besatzung wurde getötet und das Schloß geplündert. Die wertvolle Büchersammlung Heinrich Rantzaus wurde vernichtet, einen kleinen Teil, darunter die Urkunden des Chorherrenstiftes Segeberg, ließ Wallenstein zu Schiff elbaufwärts nach Prag schaffen als Geschenk für die Jesuiten. Mitte Oktober übergab Wallenstein das Kommando an Graf Schlick und reiste nach Wien zum Kaiser.
Weihnachten 1627 wehte die dänische Flagge nur noch über den Festungen Krempe und Glückstadt. Anfang September 1627 hatte der Feind das Vorfeld der beiden Festungen besetzt. Krempes Werke waren in gutem Zustand. Die Wälle waren hoch und breit, hatten 4 Tore, 4 volle Bastionen an den Ecken, in der Mitte je eine halbe Bastion. 60 Geschütze standen zur Verfügung, Pulver und Proviant waren genug da. Glückstadt war weniger gut versehen. Die Wälle waren niedrig, die Gräben ungefestigt, 32 Geschütze reichten nicht aus, dazu waren Pulver und Proviant knapp. Die Besatzung zählte 3800 Mann, 2600 deutsche, 600 Franzosen, 600 Schotten. Kommandant war bis April 1628 der französische Oberst Durant. Er wurde wegen Korruption abgesetzt und durch Marquard Rantzau ersetzt. Rantzau war im Kalmarkrieg Kompanieführer gewesen, hatte 1625 als Oberstleutnant in Schlesien gedient und Troppau verteidigt. Von Mai 1628 bis 1630 war er Kommandant von Glückstadt. In Krempe war Jürgen von Ahlefeldt seit dem 4. September 1627 Befehlshaber. Die Flotte auf der Elbe befehligte Kapitän Vind; sie umfaßte 6 Schiffe und sicherte die Herrschaft über den Strom. Niederländische Hilfe in bar und durch Proviantlieferungen kamen in erster Linie Glückstadt zugute.
Die Belagerungstruppen bestanden im Spätherbst 1628 aus 17 kaiserlichen Regimentern mit zusammen etwa 10000 bis 12000 Mann. Gegen Krempe führte der Feldmarschall-Leutnant Torquato Conti mit dem Hauptquartier Borsfleth, gegen Glückstadt Oberst von Aldringen. Erst im Mai 1628, neun Monate nach Erscheinen des Feindes, wurden ernsthafte Angriffsversuche gemacht. Ein Handstreich auf Glückstadt, den Aldringen am 10. Mai unternahm, wurde von Marquard Rantzau abgewiesen. Daraufhin bauten die Kaiserlichen Schanzen bei Ivenfleth und entlang des Altendeiches. Beim früheren „Schwarzen Bären“ wurde ein starkes Fort aufgeworfen und damit die Verbindung zwischen Glückstadt und Krempe unterbrochen. Rantzau verstärkte die Glückstädter Anlagen, besonders zur Rethövelseite hin.
Seit März 1628 belagerte Tilly Stade. Die Schwinge wurde gesperrt. Ein Durchbruchsversuch dänischer Schiffe scheiterte. Am 5. Mai kapitulierte Morgan, damit ging der letzte Posten des Königs südlich der Elbe verloren. Rantzau baute von Glückstadt aus eine Schanze auf der Elbinsel Krautsand, scheiterte jedoch am Einspruch der Seemächte Holland und England; die Schanze mußte aufgegeben werden. Am 13. Juli konnte Kapitän Vind einen Erfolg verbuchen, seine Schiffe kaperten vor Nienstedten zwei kaiserliche Versorgungsschiffe, die von Magdeburg kamen. Sie wurden im Triumph nach Glückstadt geschleppt. In Absprache mit Krempe sollte das Fort beim „Schwarzen Bären“ ausgeschaltet werden. Der Doppelangriff war auf den 15. Juli festgesetzt. Glückstadt gab den vereinbarten Signalschuß ab, Krempe antwortete prompt. Rantzau griff mit 2000 Mann entlang der Chaussee an, einige kleinere Verschanzungen wurden genommen, nicht jedoch das Fort, weil die Kremper Besatzung nicht ausgerückt war. So mußten sich die Glückstädter zurückziehen. Die Verbindung blieb unterbrochen.
Am 25. August im Morgengrauen griff Marquard Rantzau das kaiserliche Lager hinter dem Herrenfeldsdeich an, und zwar mit durchschlagendem Erfolg. Das Lager wurde überrannt, die Hütten hinter dem Deich verbrannt und viele Gefangene gemacht. Der wichtigste war der Generalwachtmeister Graf Schaumburg. Anfang September zogen sich die Kaiserlichen aus der Nähe von Glückstadt zurück. In diesem Monat erstellte in Tillys Auftrag der kaiserliche General Pappenheim ein Gutachten über die Festung Glückstadt. Die Werke kamen dabei schlecht weg, auch der Hafen könnte durch Geschützfeuer „verderbt“ werden. Vorteilhaft sei allerdings die Lage an der Elbe, die von der dänischen Flotte beherrscht würde, und da stünde das Kräfteverhältnis immer 20:1. Viel stärker als Glückstadt schätzte Pappenheim die Festungswerke von Krempe ein. In der zweiten Novemberwoche war Wallenstein persönlich vor Krempe, um sich ein Bild zu machen. Bisher hatten die Kaiserlichen nur einen mißglückten Angriff versucht. Krempes Schwierigkeiten waren anderer Art. Beim Einrücken der Kaiserlichen waren viele Marschbauern mit ihrem Vieh in die Festung geflüchtet. Vieles war unnütz geschlachtet worden, die Kadaver verwesten in der Sonne, Seuchen brachen aus. Als Wallenstein nun ein sehr gutes Übergabeangebot machte, kapitulierte von Ahlefeldt am 14. November. Die Besatzung, 1500 Mann, zog mit klingendem Spiel nach Glückstadt ab. 60 Geschütze, 400 Zentner Pulver und Ausrüstung für 6000 Mann im Arsenal fielen Wallenstein in die Hände. Von Ahlefeldt hätte nur noch drei Tage länger aushalten müssen, denn die Allerheiligenflut setzte die ganze Marsch unter Wasser, so daß die Kaiserlichen auf die Geest flüchteten. Auch die Glückstädter Werke wurden schwer beschädigt, das Batardeau ganz weggerissen, Bastionen und Wälle angenagt.
Im Frühjahr 1628 verlieh der Kaiser Wallenstein den Titel „General des ozeanischen und baltischen Meeres“ er erhielt Mecklenburg zu Lehen, aber der Krieg versandete. Seit Mitte Januar 1629 wurde in Lübeck verhandelt. Im Februar trafen sich Christian IV. und der Schwedenkönig Gustav Adolf in Ulfsbäk, doch Christian lehnte schwedische Hilfe ab, weil er auf eigene Kräfte hoffte. Am 10. April schickte er Oberst Morgan mit 6 Regimentern von Glückstadt aus mit Schiffen zu den nordfriesischen Inseln. Sylt, Föhr und Nordstrand wurden genommen, und dann ging es auf das Festland: Dagebüll, Tondern und Bredstedt fielen. Im Mai landete König Christian von Fünen aus in Angeln und belagerte Schloß Gottorf. Wismar und Travemünde wurden von der dänischen Flotte blockiert. Jetzt reagierte Wallenstein. Nach einem Treffen mit Tilly auf Schloß Güstrow stimmte er dem Frieden mit Dänemark zu. Die Bedingungen lauteten: Jütland, Schleswig und Holstein wurden von den Kaiserlichen geräumt, alle Gefangenen kamen frei. König Christian mußte auf die niedersächsischen Bistümer verzichten. Am 17. Mai unterzeichnete der König auf Taasinge das Lübecker Traktat, am 31. Mai wurde der Friede ausgeblasen. Bis Ende Juni hatten die Kaiserlichen das Land verlassen.
Die Marschen hatten in den letzten Jahren schwer gelitten. In Krempe waren 223 Häuser zerstört worden, Kollmar, Neuendorf und Herzhorn waren im Frühjahr 1628 im Feuer aufgegangen. Der Kollmarer Pastor Frisius schreibt: „Nach geschlossenem Frieden haben sich die Leute allgemach wieder ins Land versammelt, welches wüste und öde gewesen, gestalt alle Straßen mit allem Grase und die Hofstede mit Nesseln und Unkraut so bewachsen gewesen, daß einer kaum das Seine kennen können, und hat jeder anfangs ein kleines Hüttgen von Wicheln-Strauch und Reth-Blatt (in sehr theurer Zeit, da ein Himpten Roggen 15 Mk. gegolten) wieder zu bauen angefangen. In dieser Theurung haben die Leute allgemach so gar häufig die Hecht und Barsche aus den Graben im Felde gefangen, daß sie für das Geld, welches sie in Hamburg und Glückstadt für die Fische bekommen, ihr täglich Brod kaufen können - Gott weiß, wie sauer es einem jeden geworden ist.“
Der Kaiserliche Krieg, wie man ihn nannte, blieb in den Marschen noch lange in grausigem Angedenken; er diente als Hauptzeitpunkt, nach dem man die Ereignisse bestimmte; es war der erste schwere Krieg, der über die Marsch dahinging, und kein folgender ist mit gleichen Schrecken verbunden gewesen, schreibt Detlefsen in seiner „Geschichte der holsteinischen Elbmarschen“.
Die Hansestadt hatte die Notlage des Königs während des Kaiserlichen Krieges benutzt und sich von Kaiser Ferdinand II. am 3. Juni 1628 ein Privileg ausstellen lassen, dass Hamburg die Hoheitsrechte auf der Unterelbe sicherte. Ohne Hamburgs Erlaubnis durften an der Niederelbe keine Befestigungen an den Elbufern und auf den Elbinseln angelegt werden. Das galt auch für die Flussstrecke 5 Meilen oberhalb der Stadt. Niemand durfte Elbzoll erheben oder Kriegsschiffe auf dem Strom stationieren. Hamburg durfte nach Belieben Seezeichen auslegen und unterhalten. König Christians Bemühungen um ein kaiserliches Zollprivileg hatte der Kaiser abgelehnt. Trotz der Absage begann Christian ab Dezember 1628, von den Glückstadt passierenden Schiffen Zoll zu erheben. Hamburg beachtete dies nicht, sondern ließ seine Kauffahrer im Konvoi bis zur Elbmündung geleiten. Im Gegenzug erhob es seit 1627 Zoll und Akzise auf holsteinische Handelsgüter, die nach Hamburg eingeführt wurden. Auch verweigerte es König Christian den Majestätstitel in der Anrede; er wurde nur mit „Eure fürstliche Gnaden“ tituliert, weil er für die Hamburger nur Herzog von Holstein war, wie die Begründung lautete. Das war ausgesprochen kleinkariert. Wegen des Elbzolls erhob die Stadt Beschwerde beim Kaiser und bei König Christian - in beiden Fällen ohne Resultat. Deshalb griff diese zur Gewalt. In der Nacht vom 27. zum 28. April 1630 erschienen unvermutet Hamburger Kriegsschiffe vor Glückstadt und nahmen im Handstreich die dänischen Schiffe, die zur Sicherung des Elbzolls vor Glückstadt auf Reede lagen. Die Prisen wurden nach Hamburg gebracht. Als besonderer Schimpf ließen sie die dänische Kriegsflagge im Wasser nachschleppen. Im Morgengrauen landeten die Hamburger Truppen und versuchten, die Glückstädter Elbschanzen im Handstreich zu nehmen. Das mißlang. König Christian und sein achtzehnjähriger Sohn Ulrich, die sich gerade in der Festung aufhielten, wurden auf einem Erkundungsritt beschossen. Dabei ging eine Kugel dem Prinzen Ulrich durch den Hut. Nach dem mißglückten Angriff auf die Elbschanzen wurden die Landungstruppen wieder an Bord genommen. Einige Hamburger Schiffe blockierten den Hafen, die anderen segelten mit der Flut wieder nach Hamburg. Sie wurden jubelnd empfangen. Das Volk setzte durch, daß ein Hut mit des Königs Farben am Rathaus angesteckt wurde. König Christian war durch das Hamburger Vorgehen höchlichst empört. Er eilte nach Kopenhagen, um einen Vergeltungsschlag vorzubereiten. Aber des Reichsrat wollte keinen neuen Krieg, nachdem man im Lübecker Frieden 1629 wie durch ein Wunder noch einmal davongekommen war. Er verweigerte das Geld für Heer und Flotte – aber vergebens.
Christian wollte mit Hamburg abrechnen. Zunächst ließ er alles hamburgische Eigentum im Königreiche beschlagnahmen, dann rüstete er in Kopenhagen eine starke Flotte aus. Sie umfaßte insgesamt 38 Schiffe und war in vier Geschwader gegliedert. Flottenchef wurde der Generaladmiral Klaus Daa. Auch der König nahm teil, als die Flotte am 6. August Anker lichtete. Aber schwere Stürme im Kattegat und in der Nordsee verzögerten den Marsch, so daß sie erst am 3. September vor der Elbmündung ankam.
Auch die Hamburger hatten sich vorbereitet. Ihre Flotte unter dem Bürgermeister Albrecht von Eitzen zählte 49 Schiffe, allein sie waren kleiner und schlechter bewaffnet als die Dänen. Die Mehrzahl waren nur bewaffnete Handelsschiffe. Sie erwarteten die Dänen in der Elbmündung bei Scharhörn. Hier begannen am 4. September die Kämpfe. Nach einem mehrstündigen Artilleriekampf zogen sich die Hamburger nach Cuxhaven zurück. Am 5. September griffen die Dänen wieder an und drängten die Hamburger Schiffe bis zur Ostemündung zurück. Das Spiel wiederholte sich am folgenden Tag. In der Nacht zum 7. September ankerten die Hamburger in der Wischhafener Süderelbe hinter Krautsand. Dieser Elbarm war damals anders als heute über 2 km breit. Klaus Daa wollte in der Nacht an den Hamburgern im Wischhafener Fahrwasser vorbeisegeln, aber diese bemerkten das Vorhaben, kappten ihre Ankertaue und konnten mit genauer Not das Hauptfahrwasser erreichen. Am 7. September selbst kam es bei Kollmar noch einmal zu einem Artilleriegefecht, in das auch zwei Geschütze eingriffen, die von Glückstadt dorthin geschafft worden waren. Der Kollmarer Pastor Frisius - wohl Augenzeuge -schreibt darüber: „Ihro K[önigliche] M[ajestät] aber haben ihnen nachgesandt 3 schwere Orlogs-Schiffe, welche Trompeter bey sich gehabt, so statlich geblasen, und zu Lande hat er ihnen nachgesandt den Hoch und Wol Edlen H[errn] Christianum Pentz, Rittern und Gubernatorem in der Glückstadt mit 1 Kompanie Fußvolk und 2 halbe Cartaunen, welche nicht weit von der Colmer Schluse unter dem Teich gepflanzet waren, mit selbigen scharff auf die Hamburger Schiffe zu schießen lassen, welche wohl etwas mit ihren Schiffstucken geantwortet, haben aber immer über den Teich weg geschossen und nichtes verrichtet. Die 2 halben Königlichen Cartaunen aber haben offt so auf die Hamburger Schiffe getroffen, daß viel durchlöchrig geworden und die Leute jemmerlich darinnen geschreiet; die Hamburger aber haben ihre Schiffe mit Evern wegbuxieren lassen, weil ihnen die volle Flucht gemangelt, bis sie an das Stader Sandt gekommen, und also almehlig wieder nach Hamburg geschienten. Die 3 Königlichen Schiffe aber sind ihnen bis zu Neiensteden gefolgt, Salve geschossen und Triumph geblasen, die Companei Soldaten sind darauff mit ihren 2 halbe Cartaunen wider in Glückstadt eingerücket. Haben also die Hamburger ihren Krieg zu Wasser beschlossen und sich zu Hohn den Glückstädter Zoll aufgebürdet.“ Soweit Pastor Frisius aus Kollmar. An diese Ereignisse erinnert noch ein Beutestück: an der Turmwand der Glückstädter Kirche hängt noch heute der Anker des Hamburger Admiralschiffes, den man aufgefischt und den Pfeffersäcken zum Tort dort aufgehängt hat.
Der erbeutete Anker an der Stadtkirche, Foto: Norbert Meinert, 2014.
Davon abgesehen, war der Ertrag des Seekrieges auf der Unterelbe mager. Beide Seiten hatten einige Schäden davongetragen, aber kein Schiff war verlorengegangen. Die Dänen hatten 57 Tote und Verwundete zu beklagen, die Hamburger sollen mehr verloren haben. Der Elbzoll blieb.
Am 13. Juli 1633 bewilligte ihn der Kaiser für vier Jahre, denn durch das Eingreifen der Schweden in den Deutschen Krieg hatte sich die Lage der katholischen Mächte dramatisch verschlechtert. Die Dänen mußten durch Zugeständnisse daran gehindert werden, wieder einzugreifen. Hamburg zahlte die Zeche. Am 18. August 1633 ließ Christian anläßlich eines Feuerwerkes in Glückstadt das kaiserliche Privileg von 1628 symbolisch verbrennen. Der Elbzoll erbrachte ungefähr 80000 Rtlr. pro Jahr brutto. Davon gingen die Kosten für die Eintreibung ab. Der Ertrag blieb zur Hauptsache in Glückstadt und wurde für den Ausbau der Stadt verwendet. Inzwischen ging der große Krieg weiter. Gustav Adolf fiel 1632 bei Lützen, 1634 wurde Wallenstein ermordet, Frankreich und Spanien mischten mit. Im August 1638 und noch einmal im Frühjahr 1639 verhandelten kaiserliche Gesandte in Glückstadt mit Christian. Das letzte Angebot lautete: das Erzbistum Bremen, 60 Jahre Elbzoll, freie Hand gegen Hamburg, Lübeck und Bremen. Doch Christian wartete ab. Im September 1641 und noch einmal im Februar 1642 bezog der König ein Kriegslager bei Fuhlsbüttel und drohte Hamburg mit Blockade und Belagerung. Jetzt mußte die Stadt klein beigeben. Am 25. Mai 1643 erschienen städtische Unterhändler in Glückstadt. Sie mußten Abbitte tun für den Anschlag von 1630, die Oberhoheit des Königs anerkennen wie im Steinburger Vertrag von 1621, den Elbzoll zu zahlen versprechen, auf die Elbhoheit Verzicht leisten, die 1630 geraubten dänischen Schiffe herausgeben und mit 280000 Rtlr. - zahlbar in vier Jahresraten – die Gunst des Königs zurückkaufen. Es sah so aus, als ob König Christian auf der ganzen Linie gesiegt hätte.
Der Kaiserliche Krieg hatte die Elbmarschen schwer mitgenommen. Auch Glückstadt hatte gewaltig gelitten. Viele Ansiedler, besonders die Portugiesen, waren wieder abgezogen. Der König half mit neuen Versprechen, mit Steuer- und Religionsfreiheit. Am 19. Juni 1630 wurde den Portugiesen ihr Privileg erneuert, am 17. Oktober 1631 der niederländischen Nation. 1630 begann er mit dem Bau eines Schlosses am Hafen, der Glücksburg. 1631 wurde mitten auf dem Markt ein Soot oder eine Pumpe erbaut, 50 Fuß tief; 1632 eine Buchdruckerei privilegiert; 1633 die acht Ämter der Bäcker, Schuster, Schneider, Schnittger (Tischler), Zimmerleute, Kleinschmiede (Schlosser), Böttcher und Mauerleute eingerichtet. Auch außenpolitisch hatte Christian Erfolg. Nach dem Tode des Gottorfer Erzbischofs von Bremen 1634 konnte der König durchsetzen, daß der Koadjutor Friedrich, sein zweiter Sohn, Nachfolger wurde. Am 31. Mai 1634 huldigte das Erzstift in Stade. Jetzt waren beide Elbufer unter der Kontrolle des Hauses Oldenburg. 1634 wurde auch die Straße zwischen Glückstadt und Krempe dauerhaft befestigt: der Steindamm wurde mit unendlichen Steinfuhren von der Geest gebaut. Was schimpften die fronenden Bauern! Beim Springhirsch wurde in die Kremperau eine Schleuse gelegt. Damit war Krempe zwar die Flutsorgen los, aber die Au begann zu verschlucken. 1639 starb Detlev Rantzau, der Amtmann von Steinburg; sein Nachfolger wurde Graf Christian Pentz, der Kommandant von Steinburg und Schwiegersohn des Königs. Von der Mitgift seiner Frau Elisabeth ließ er sich am Fleth ein stattliches Palais bauen, das heutige Brockdorff-Palais. Dafür wurde sogar das Bauschema der Stadt durchbrochen: der Kleine Schwibbogen endete vor Pentz‘ Garten, ebenso die kleine Danneddelstraße. Die Steinburg am Oberlauf der Kremperau schenkte der König auf Abbruch Christian Rantzau, damit er sich aus den Steinen 1642 ein Palais am Rethövel erbaue. Hier am Rethövel sollte ein ganz neuer Stadtteil entstehen, größer als die bisher geplante Stadt. Der Plan bei Danckwerth verdeutlicht die projektierte Anlage und zeigt auch das verspielte Banketthaus, das der König hier bauen ließ. Zur Sicherung des Hafens entstand an der Südermole das Kastell, ein fester Artillerieturm, dessen Geschütze das Fahrwasser der Elbe beherrschten.1640 starb mit Graf Otto VI. das schauenburgische Haus an der Weser aus. Der Kaiser wollte die Grafschaft als erledigtes Reichslehen einziehen und an Herzog Albrecht von Sachsen-Lauenburg verleihen. Aber Christian hatte vorher zugegriffen und die Grafschaft Holstein-Pinneberg besetzt. Dabei blieb es. Der König und der Gottorfer Herzog Friedrich teilten sich das Land im Verhältnis 2:3 gegen Übernahme der gräflichen Schulden. Gottorf erhielt das Amt Barmstedt, der König den Rest mit Altona, Pinneberg und Uetersen. Herzog Friedrich verkaufte 1649 seinen Anteil an Christian Rantzau, der daraus mit Zustimmung Kaiser Ferdinand III. eine Reichsgrafschaft machte. Der Machtbereich des Königs reichte nun bis Altona und damit bis an das Hamburger Stadtgebiet. Hier ließ er an der Elbe ein Blockhaus bauen. Dadurch war Hamburg zur Unterwerfung von 1643 gezwungen. Auch in Glückstadt spürte man die Veränderung der Lage durch den Erwerb Altonas. Der Ort lag auf der Geest direkt am Strom, der Übergang über den Fluß von Blankenese oder Wedel nach Buxtehude oder Stade war viel einfacher und zu jeder Jahreszeit möglich. Glückstadt erhielt noch ein prächtiges Rathaus im Stile holländischer Renaissance, wie der König es liebte, und auf der Glücksburg wurde am 27. Oktober 1643 prunkvoll die Hochzeit des Erzbischofs von Bremen Friedrich mit Sophie Amalie von Braunschweig-Lüneburg gefeiert - aber das war schon der Höhepunkt dänischer Machtentfaltung an der Unterelbe,denn drei Tage vor der Prunkhochzeit, am 24. Oktober 1643, beschloß der schwedische Reichsrat Krieg gegen Dänemark, weil es selbst Bremen und Verden beanspruchte. Schweden hatte die Stifter schon einmal besetzt, war aber durch die Niederlage bei Nördlingen 1634 genötigt worden, dem Prinzen Friedrich die Gebiete zu überlassen. Jetzt lagen die Dinge anders. General Lennart Torstenson, der mit seiner Armee in Schlesien stand, erhielt Befehl, Dänemark anzugreifen, und marschierte sofort ab. Erst in Havelberg eröffnete er seinen Truppen das Ziel. Im Dezember 1643 rückte er in Holstein ein, und in 18 Tagen war das Land bis auf Krempe, Steinburg, Glückstadt und Rendsburg besetzt.
Mit Torstensons Einfall in Holstein begann ein Krieg, der für Dänemark verhängnisvoll werden sollte. Christians Politik hatte das schwedische Mißtrauen geschürt. Dazu gehörten Verhandlungen mit Rußland, Schwedens Erzfeind an der finnischen Grenze, mit dem Kaiser und mit Spanien. Der Sundzoll und seine Handhabung boten ein unerschöpfliches Streitthema. Auch die Stifter Bremen und Verden spielten, wie gesagt, eine Rolle. Jetzt sollte ein Gewaltstreich gegen Dänemark die Schweden voranbringen. Nach den Anfangserfolgen in Holstein im Dezember 1643 ging es weiter: Ende Januar 1644 war ganz Jütland besetzt, Dänemark war nahezu wehrlos. Sogar die Holländer schlössen sich den Schweden an, um den lästigen Sundzoll zu brechen. Hilfe kam nur vom Kaiser. Der Schwedeneinfall verursachte Panik unter der Bevölkerung. Zu frisch waren die Erinnerungen an den Kaiserlichen Krieg. Wer konnte, flüchtete mit seiner besten Habe in die Festungen Glückstadt und Krempe.
Kommandant von Glückstadt war Christians Schwiegersohn, Reichsgraf Christian Pentz. Er ergriff die nötigen Maßnahmen: Für Krempe ernannte er den Kapitän Jürgen Rohwedder zum Kommandanten. Dieser ließ sogleich die Festungswerke verstärken. In Glückstadt wurde die Bürgerschaft bewaffnet und in vier Kompanien einexerziert. Doch die Schweden waren zu schwach, um ernsthaft gegen die Festung vorzugehen. Sie besetzten Itzehoe und die Breitenburg. Der schwedische Kommandierende, Obrist Georg Dörfflinger oder Derfflinger, quartierte sich im Gasthof „Stadt Hamburg“ in der Itzehoer Neustadt ein. Die Stör um die Neustadt herum war zugefroren, die Bürger mußten eine 4 m breite Rinne aufeisen und eisfrei halten. Gegen Itzehoe führten die Dänen einen ersten Schlag. Generalmajor Bauer und Oberstleutnant Heinrich von Buchwaldt brachen in der Nacht vom 19. zum 20. Januar mit 800 Mann Fußvolk und Dragonern unter Jürgen Rohwedder von Krempe aus auf, überrumpelten die schwedischen Vorposten am Hohenweg und erschienen gegen 2 Uhr nachts vor Itzehoe. An vier Stellen zugleich wurde mit Leitern und Brettern die Rinne in der Störmitte überbrückt und die Neustadt angegriffen. Etwa 60 Schweden wurden niedergeschossen, die übrigen gerieten in Gefangenschaft. Oberst Derfflinger und sein Stellvertreter konnten, nur mit einem Schafpelz bekleidet, fliehen und über das Eis zur Breitenburg entkommen. Die Beute in Itzehoe war beträchtlich: sechs schwarze Standarten, viele Offiziere, etwa 250 Mann und 1200 Pferde wurden am 20. Januar dem Grafen Pentz in Glückstadt vorgeführt.
Der König ernannte den Erzbischof Friedrich von Bremen, seinen Sohn, zum Generalissimus der Landesverteidigung in den Herzogtümern. Als solcher kam er im Frühjahr 1644 auch nach Glückstadt und beteiligte sich an einzelnen Unternehmungen des hiesigen Kleinkrieges. Mitte Juli erhielten die Dänen kaiserliche Hilfe. Graf Gallas kam von Böhmen aus herangezogen und vereinigte sich in Neumünster mit den Dänen. Dadurch wurde Torstenson genötigt, das Land zu verlassen. Aber im September war Oberst Holm Wrangel mit 2500 Mann wieder da, überfiel die dänischen Belagerungstruppen des Schlosses Pinneberg und brannte in Elmshorn, Hohenfelde und Kellinghusen, konnte sich aber nicht halten und zog sich auf Fuhlsbüttel zurück.
Die schwedische Ostseeflotte unter Admiral Fleming hatte inzwischen die dänischen Ostseeinseln erobert. Eine in Holland ausgerüstete Flotte unter Admiral Tigssen erschien auf der Elbe, beschoß Brunsbüttel und die Schanze bei Brokdorf, segelte aber ab, als die Nachricht kam, daß König Christian mit einer dänischen Flotte sich näherte. Er griff Tigssen vor dem Lister Tief an, drängte ihn in den Lister Königshafen, konnte aber nicht verhindern, daß Tigssen ausbrach und nach Holland entkam. Christian segelte nun in die Ostsee und konnte die schwedischen Schiffe am 1. Juli in der Hohwachter Bucht stellen. In zehnstündigem Kampf drängten die Dänen die schwedischen Schiffe in den Kieler Hafen zurück. In dem Gefecht wurde auch der König verwundet und verlor die Sehkraft seines rechten Auges. Das dänische Nationallied „Kong Christian stod ved hojen mast i rog og damp...“ besingt dies Ereignis.
Die Seesiege im Lister Tief und auf der Kolberger Heide entschieden nichts. Die blockierte schwedische Flotte konnte in der Nacht zum 2. August ausbrechen und sich mit der aus Holland kommenden Flotte Tigssens vereinigen. Am 13. Oktober schlug die vereinigte Flotte die Dänen bei Laaland, ohne den Sieg auszunutzen.
Ölbild von Vilhelm Nikolai Marstrand aus dem Jahr 1866. In der Seeschlacht auf der Kolberger Heide verlor Dänemarks König Christian IV. ein Auge, hielt aber den Schweden stand. Online unter: http://www.navalhistory.dk/english/history/navybefore1801.htm.
Inzwischen waren Bremen und Verden in schwedischer Hand, erobert von Graf Königsmark. Stade mußte im Februar 1644 kapitulieren, der Erzbischof Friedrich konnte nicht helfen. Er hatte einen Zug nach Norden unternommen, um Schloß Riberhus zu gewinnen. Bei der Erstürmung fiel Jürgen Rohwedder. Er wurde in einer eigens erbauten Grabkapelle an der Kremper Kirche beigesetzt. Die Lage der Dänen in den Herzogtümern war schlecht, nur die festen Plätze Glückstadt, Krempe und Rendsburg waren noch in ihrer Hand. Als auch noch die Ostseeinsel Bornholm in schwedische Hand gefallen war, legten sich die Niederlande und Frankreich ins Mittel; sie wollten verhindern, daß Schweden zu mächtig wurde. Anfang Februar 1645 begannen in Brömsebro an der Grenze von Blekinge und Smaaland die Friedensverhandlungen. Sie zogen sich bis September hin, erst am 7. des Monats wurde unterschrieben. Diesmal rettete kein Wunder wie 1629 in Lübeck die Dänen. Christian mußte die norwegischen Landschaften Jämtland und Härgedalen an Schweden abtreten, ebenso die Ostseeinseln Gotland, Ösel und Öland. Halland mußte auf 30 Jahre an Schweden verpfändet werden. Die norddeutschen Bistümer Bremen und Verden blieben bei Schweden, der Sundzoll für Schweden fiel ebenso wie der Glückstädter Elbzoll, der auch für Frankreich, die Niederlande und England aufgehoben wurde. Da hatten es die Hansestädte - voran Hamburg - nicht schwer, sich anzuschließen. Am 17. September 1645 versprach Christian die Beseitigung des Zolls. Hamburg bekam die Strompolizei, das Lotswesen, die Seezeichen sowie das feste Haus auf Neuwerk zugesprochen. Damit endete der Glückstädter Elbzoll, die Dänen schafften es nicht, ihn unter günstigeren Bedingungen zu erneuern.
Brömsebro bedeutete das Ende der dänischen Ostseeherrschaft und das Ende der Bistumspolitik südlich der Elbe. Die Staatsfinanzen waren ruiniert, Jütland und die Herzogtümer völlig ausgesogen, die materiellen Schäden unvergleichlich viel höher als im Kaiserlichen Krieg, der bisher als Gipfel des Schreckens angesehen wurde.
