Beschreibung

Gute Fotografen haben ihre Einstellungen im Griff. Großartige Fotografen wissen ihre Bilder zu komponieren. Die besten Fotografen finden ihren eigenen Weg, den wahren Charakter ihres Motivs zu enthüllen. Dieses Buch handelt von diesen Wegen und wie Sie Ihren finden. Wenn Sie gerne fotografieren und unbedingt verstehen möchten, wieso einige Fotografen aus den Übrigen hervorstechen, sollten Sie nach diesem Buch greifen. Hier werden die Werke von mehr als zwanzig Fotografen – neben denen von Freeman selbst – präsentiert. Damit erhalten Sie einen umfassenden Blick u.a. auf die frühen surrealistischen Streetfotos von Eugene Atget über die bahnbrechenden Fashion-Bilder von Guy Bourdin und Art Kane bis hin zu den Fine-Art-Dokumentationen von Alec Soth sowie die bemerkenswerten Stadtlichter von Trent Parke. Jedes Foto repräsentiert einen der 50 Wege zur kreativen Fotografie und wird von Michael Freeman umfassend erläutert. Ob »Bisoziieren«, »Das ikonische Detail«, »Hommage« oder »Rätsel & Mysterien« – die kreativen Ansätze sind so vielfältig wie nachvollziehbar. Dies ist garantiert kein Buch zu Kameratechnik oder Blendenzahlen. Erfolgreiche Fotografen können ihr Handy, hochwertigste Spiegelreflexkameras oder sogar Film einsetzen. Was sie brauchen und was dieses Buch offenlegt, sind Wege, um den entscheidenden Funken Kreativität zu finden und ihn vollkommen zu entflammen. Das ist etwas, das jeder lernen kann: »Von Plato bis Kant«, schreibt Freeman, »gibt es traditionell die Auffassung, dass Kreativität nicht erlernbar und dem Genie vorbehalten sei. Du hast sie oder du hast sie nicht. Ende der Geschichte. Ich sehe das anders.« Die Wege zur Kreativität existieren für jeden. Sie müssen nur wissen, wo Sie sie finden. Hiermit erfahren Sie es. Inklusive der Arbeiten von: Guy Bourdin Art Kane Trent Parke Ernst Haas Paul Strand Robert Golden Jacob Aue Sobol Bruce Gilden Richard Avedon Richard Kalvar Siegfried Hansen Alan Brooking Gueorgui Pinkhassov Alex Webb Stuart Franklin Harry Gruyaert Eugene Atget Natalie Dybisz Frans Lanting Alec Soth Fu Yongiun Dennis Stock Pablo Inirio

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Seitenzahl: 209

Sammlungen



Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

ISBN 978-3-95845-801-7

1. Auflage 2017

www.mitp.de

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Übersetzung der englischen Originalausgabe:

Michael Freeman: Fifty Paths to Creative Photography

First published in The United Kingdom in 2016 by ILEX, a division of Octopus Publishing Group Ltd

Carmelite House, 50 Victoria Embankment, London EC4Y ODZ

Design, layout and text copyright © Octopus Publishing Group Ltd 2016

Michael Freeman asserts the moral right to be identified as the author of this work

All rights reserved.

Übersetzung: Claudia Koch

Lektorat: Katja Völpel

Sprachkorrektorat: Petra Heubach-Erdmann

Covergestaltung: Christian Kalkert

Satz: III-Satz, Husby

Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck

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INHALT

1  Keine Regeln

2  Arbeiten studieren

3  Eine Idee einbetten

4  Bisoziieren

5  Ein Schritt weiter

6  Erfahrungen misstrauen

7  Zen & Fotografie

8  Das ikonische Detail

9  Volles Eintauchen

10  Seele & Meinung

11  Neugierig sein

12  Das Übersehene

13  Ihr eigenes Leben, Ihre eigene Welt

14  Crossover

15  Inspiration über kulturelle Grenzen hinweg

16  Hommage

17  Schock

18  Bekanntes Motiv, andere Sichtweise

19  Gegenüberstellen

20  Dinge geschehen lassen

21  Unmaskierter Ausdruck

22  Fehl am Platz

23  Zufall

24  Comedy

25  Der unerwartete Gast

26  Die Enthüllung

27  Ornamentale Handlung

28  Passen Sie es an Ihre Geometrie an

29  Ausrichtung

30  Ausbrechen

31  Die Komposition verstärken

32  Reduzieren

33  Ausführlicher sein

34  Nicht alles zeigen

35  Unsicherheit

36  Rätsel & Mysterien

37  Das Repertoire ausnutzen

38  Das Beiläufige kultivieren

39  Surrealismus & Das Gefundene

40  Fotoillustration

41  Verliebt in ein Objektiv

42  Das Licht nutzen

43  Extremes Licht

44  Licht als Motiv

45  Farbe als Motiv

46  Das ganze Werk

47  Eine Typologie ausprobieren

48  Variationen

49  Der dritte Effekt

50  Kreative Bildbearbeitung

Zum Weiterlesen

Bildnachweise

EINFÜHRUNG

Kann Fotografie wirklich kreativ sein? Oder zeichnet sie nur das Vorhandene auf? Nicht jeder ist davon überzeugt. Platon sagte: »Können wir von einem Maler sagen, dass er etwas schafft? Natürlich nicht – er imitiert nur.« Die Fotografie hätte er vermutlich genauso gesehen. Allerdings lag er falsch. Kreativität mit der Kamera ist ein Balanceakt. Das bedeutet, sich mit dem Leben zu beschäftigen und sich auf Unvorhersehbares einlassen. Momente festhalten. Es hat aber auch mit persönlichem Flair zu tun. Mit Ihrer eigenen Denk- und Sichtweise.

Sie nehmen den Betrachter bei der Hand und zeigen ihm genau, wo Sie zu diesem bestimmten Moment gewesen sind, der sich so nie wiederholt.

Sie sagen: »Ich zeige Dir, was ich gesehen habe. Nur meine Sicht, nicht die eines anderen …«

Sie zeigen etwas Wertvolles, was Ihre Fantasie angeregt und Ihre Gefühle berührt hat.

Etwas, das sich mit uns allen zu teilen lohnt.

Und es gibt Wege, die Kreativität zu entfachen, ans Licht zu holen. Praktische Wege, die auch Sie gehen können.

Wege …

50 Wege.

 1.KEINE REGELN

Dies hier ist kein Techniktraining. Hier gibt es kein Richtig oder Falsch, und Sie können sicher sein, dass Ihre Bilder von vornherein langweilig aussehen, wenn Sie sich an alle Regeln halten. Wenn es jedoch etwas Schlimmeres gibt, als sich stur an alle Regeln zu halten, dann ist es, die Regeln unter allen Umständen zu brechen. Doppeltes Desaster.

Warum sollte es Regeln für eine rein kreative Tätigkeit geben? Durch Regeln werden Dinge akkurat, vorhersagbar und wiederholbar, also genau das, was ein interessantes, überraschendes Foto nicht sein soll. Nun fragen Sie sich vielleicht, woher unpassende Regeln für kreative Tätigkeiten überhaupt kommen. Leute, die selbst nicht kreativ sind, denken sie sich aus, um eine einfache, logische Formel zu haben … um vielleicht doch noch kreativ zu sein.

Nehmen wir den Ursprung einer der besser bekannten Regeln, der Drittelregel. Der Name wurde 1797 von John Thomas Smith erfunden, einem Graveur und Zeichner. Smiths Regel basierte auf einer Fehlinterpretation des Künstlers Sir Joshua Reynolds, der einmal geäußert hatte, dass bei zwei Bildbereichen unterschiedlicher Helligkeit einer dominieren und der andere nicht gleich groß sein sollte. Smith schrieb: »Analog zu dieser Drittelregel (wenn ich sie so nennen darf), erlaube ich mir …« Leider hat ihm niemand entgegnet: »Nein, darfst du nicht!«

Seitdem halten sich mittelmäßige Künstler und Fotografen mit begrenzter Fantasie manisch an diese merkwürdige Anleitung, ein Bild in Drittel zu unterteilen. Dabei ist doch offensichtlich, dass Fotos zwangsläufig langweilig wären, würden alle anhand derselben Regeln erstellt. Denken Sie nur an die Fotos, die Sie wirklich inspirieren. Wie viele sind in Drittel unterteilt? Die eigentliche Frage ist doch: Warum wird die Regel so oft wiederholt, und nie mit lohnenswerten Ergebnissen?

Allerdings gibt es durchaus einige visuelle und psychologische Effekte, aber hier liegt der Fall anders. Das menschliche Sehen ist darauf trainiert, Vorhersagen anhand dessen zu treffen, was das Auge wahrnimmt. Es ist darauf trainiert, zu erkennen, sich etwas vorzustellen und zu extrapolieren.

Charles Jourdan, Frühling 1978Dieses Bild, höchst stilisiert und aufs Wesentliche reduziert, gehört zu einer Serie von Werbeaufnahmen von Guy Bourdin für den französischen Schuhfabrikanten Charles Jourdan.

EINIGE LAHME ALTE »REGELN«

▶ Drittelregel

▶ Nicht gegen die Sonne fotografieren

▶ Nichts in der Bildmitte platzieren

▶ Keine Köpfe beschneiden

▶ Überbelichtungen vermeiden

▶ Zugelaufene Schatten vermeiden

Guy Bourdin 1928–1991

Unter dem Einfluss des Surrealismus und der modernen Arbeiten von Helmut Newton durfte Bourdin bei Vogue und von seinem Kunden Charles Jourdan nichts Geringeres tun, als die Modefotografie auf den Kopf zu stellen. Wie zufällig platzierte er das Produkt in unerwarteten und merkwürdig wirkenden Bildkompositionen, mit denen er ungewöhnliche Geschichten erzählte.

»Ich habe die Regeln nicht gemacht, warum soll ich mich also daran halten?«

W. EUGENE SMITH

Die Dreiecksstruktur bringt Ordnung in diese Szene aus einem Flussdelta in Vietnam, denn so funktioniert das Auge. Sie ist aber lediglich ein Werkzeug und sollte nicht als kompositorische Regel angesehen werden.

WAS DAS AUGE ANZIEHT

▶ Augen

▶ Gesichter

▶ Text (in jeder Sprache)

▶ Scharfe Kanten

▶ Kontrast

Zum Beispiel stellt es gern Verbindungen her. In der Flussszene aus Vietnam auf den Bild gegenüber erkennen die meisten sofort das Dreieck. Es fällt sofort als eine Struktur auf, die dem Bild Stabilität verleiht. Tatsächlich gibt es hier zwei sich überlagernde Dreiecke, eines davon der Hut auf dem Kopf der Frau. Aber das sind genau die Details, die einem Fotografen auffallen.

Ein weiteres Beispiel: Das menschliche Auge wird automatisch von bestimmten Dingen in einem Bild angezogen, als da wären das Gesicht eines Menschen, vor allem die Augen, und Schrift (in welcher Sprache auch immer). Wenn Sie sich auskennen, welche Anordnungen und Gegenstände die meiste Aufmerksamkeit erregen, können Sie die Auswahl des Bildausschnitts und die Komposition für Ihre Zwecke einrichten. So können Sie sich einigermaßen sicher sein, dass der Blick des Betrachters zum Gesicht und den Augen wandern wird, also können sie ruhig klein sein, wenn Sie wollen. In der Aufnahme von der Cocteleria (da gibt es Austern-Cocktails, keine Martinis) erregt das Schild natürlich am meisten Aufmerksamkeit. Und obwohl das Gesicht einen weit kleineren Bildbereich einnimmt, erkennt das Auge irgendwann das Gesicht und die Augen, denn der Fotograf hat das Mädchen mit einem Seitenblick aufgenommen, der das Weiß in den Augen erkennen lässt.

Wie erwähnt, das sind keine Regeln, sondern Effekte. Sie können sie einsetzen, wenn Sie wollen, aber keiner dieser Effekte allein wird ein Bild besser oder interessanter machen.

Ein weiterer Effekt funktioniert gut, sollte aber nicht als Regel stilisiert werden: Manche Dinge ziehen das Auge eher an als andere, darunter das menschliche Gesicht, vor allem die Augen. Dieses Bild aus Cartagena, Kolumbien, nutzt diesen Effekt bewusst. Beim Blick zur Seite wird das Weiß in den Augen des Mädchens deutlich und garantiert die Aufmerksamkeit des Betrachters, obwohl das Gesicht nur ca. 1/400 der Bildfläche einnimmt.

 2.ARBEITEN STUDIEREN

Um in der Welt der Fotografie erfolgreich zu sein, gehört es einfach dazu, zu wissen, was bereits erreicht wurde und von wem. Sie sollen nicht kopieren, sondern es verstehen. Studieren Sie die Arbeiten anderer, sowohl bekannter als auch moderner Künstler. Entscheiden Sie, welche Arbeiten Ihnen gefallen, und überlegen Sie, warum das so ist. Bemühen Sie sich, die zugrundeliegenden Ideen zu verstehen, die Sie auch selbst einsetzen können. Die meisten Fotografen investieren viel Aufwand in ihre Aufnahmen, davon können Sie profitieren.

Manche nähern sich ihren Motiven lieber unvoreingenommen. Das mag durchaus berechtigt sein, dennoch kommen Sie damit vermutlich nicht weit. Nehmen wir das Äquivalent in der Malerei: Naive Kunst wie die Streichholzmännchen von L. S. Lowry funktioniert, weil sie kindhaft ist und die Arbeiten anderer komplett ignoriert. Aber sie funktioniert nur in kleinen Dosen. Die fotografische Version verwendet Spielzeugkameras – je mehr Plastikobjektiv, desto besser. Für uns, die wir unseren Platz in der Welt der echten Fotografie finden wollen, ist es ein guter Anfang, sich in dieser Welt etwas auszukennen. Oder anders ausgedrückt: Entdecken Sie die Meisterwerke in dieser Welt. Schauen Sie sich an, was bereits geschaffen wurde und was gerade los ist – nicht einmal unbedingt zur Inspiration (obwohl das ein netter Nebeneffekt ist), sondern um zu wissen, was gute Fotografie ist. Zumindest werden Sie nun nicht weiter extrem zufrieden mit sich sein, weil Sie glauben, eine neue Art des Fotografierens erfunden zu haben – das hat bestimmt schon jemand vor Ihnen so gemacht. Darum verwenden Philosophen die Begriffe H-Kreativität (historische) und P-Kreativität (psychologische). H-Kreativität bedeutet, niemand hat das vor Ihnen so gemacht und Sie sind der Erste. P-Kreativität heißt, die Person glaubt, etwas neu erfunden zu haben,weil sie nicht weiß, was vorher passierte.

Allerdings ist es gar nicht unbedingt nötig, etwas neu zu erfinden. Das wird klar überbewertet, denn wie der Werbeguru John Hegarty es in seinem Buch Hegarty on Creativity: There are no Rules formulierte: Im Grunde hängt es von der Genauigkeit Ihrer Quellen ab. So wird das Wort »einzigartig« ebenso zu oft, zu häufig und ungerechtfertigt verwendet wie »original«. Was ist denn wirklich »original«, wurde also wirklich niemals vorher getan? Nun könnten Sie behaupten, jeder Moment in der Fotografie ist einzigartig, aber das ist Haarspalterei. Nehmen Sie irgendein Bild, das völlig neuartig zu sein scheint, und wenn Sie lange genug suchen, werden Sie feststellen, dass es durch ein bereits dagewesenes inspiriert wurde. Das kommt in allen kreativen Medien vor und ist völlig in Ordnung. So ist Kunst, sie baut auf Vorhandenes auf.

Ebenso ist es hilfreich zu wissen, dass jede kreative Branche – von Malerei über Film bis zu Theater und Fotografie – im Geschmack verschiedene Moden durchläuft. Selbst die kreativste Arbeit ist nur dann erfolgreich, wenn sie jemand anderem gefällt – Sie müssen nur lange genug darauf warten. Nach einer Vorlesung an der Universität von Hangzhou fragte mich ein chinesischer Student: »Und was, wenn meine Arbeit niemandem gefällt?« Schwere Frage, und auch die Antwort ist nicht einfach. Vielleicht liegt es daran, dass Sie Ihrer Zeit voraus sind und ganz am Rande der Kreativität arbeiten. Oder Ihre Arbeiten sind nicht so gut, wie Sie glauben. Zeigen Sie sie einem vertrauten Fotografen oder lassen Sie Ihr Portfolio von einem Profi bewerten, dessen Arbeiten Ihnen gefallen. Wenn er Ihnen grünes Licht gibt, behalten Sie Ihren Stil bei, auch wenn Sie eine Weile auf Ihren Durchbruch warten müssen.

Ingrid Bergman und Anthony Quinn, 1964In dieser bemerkenswerten und starken Komposition kommt ein Weitwinkelobjektiv zum Einsatz. In diesem Porträt scheinen die beiden Schauspieler auf den ersten Blick hinter die Bildkomposition zurückzutreten, denn Ingrid Bergman wirkt an den oberen Bildrand gequetscht und Anthony Quinn ist nur als umgekehrte Reflexion in einer Ecke zu sehen. Tatsächlich sorgen jedoch die enge Symmetrie und die starke Bildunterteilung dafür, dass sie umso sichtbarer sind – ebenso das dritte und völlig unerwartete Motiv, der Spielzeug-Gepard auf dem Beifahrersitz. Durch Innovationen wie diese hatte Kane zumindest auf eine Generation von Fotografen großen Einfluss.

Art Kane 1925–1995

Von den 1950er bis in die frühen 90er Jahre berühmter Modefotograf, der Portätaufnahmen vieler Musiker angefertigt hat, darunter Bob Dylan, Sonny & Cher, Aretha Franklin, Jim Morrison, Janis Joplin, The Rolling Stones u.v.m.

DIE 1970ER: AUSBRUCH DER FOTOGRAFIE

In den 1970ern gab es auf beiden Seiten des Atlantiks einen Boom bei Farbzeitschriften, damit einen riesigen Bedarf an fantasievoller Farbfotografie für die Zeitschriften an sich und die damit verkaufte Werbung. Die Grenzen zwischen redaktioneller und Werbefotografie verblassten und Fotografen wie unter anderem Art Kane und Guy Bourdin wurden die neuen Stars.

»Je mehr Bilder Sie sehen, desto besser sind Sie als Fotograf.«

ROBERT MAPPLETHORPE

Australien, Sydney, George Street. 2006Ein Großteil der Arbeiten des Magnum-Fotografen Trent Parke sind lichtgesteuert und äußerst charakteristisch. Er ist besonders fasziniert von tiefstehendem, klaren Sonnenlicht, das sich in Geschäftshäusern der Stadt spiegelt. Diese Ansicht der George Street, einer von Parkes Lieblings-Locations, ist ein gutes Beispiel für die Interaktion von Reflexionen.

Trent Parke 1971–

Die frühen Arbeiten des australischen Magnum-Fotografen drehten sich vor allem um ungewöhnliche Lichter der Stadt als augenfällige Motive. In seinem fast fanatischen Einsatz natürlicher Lichteffekte schuf er äußerst typische Arbeiten. Fast nichts überlässt er dem Zufall. Parke betreibt ständige Forschungen und riesigen Aufwand, um exakte Ergebnisse zu erzielen.

Ernst Haas 1921–1986

Im Gegensatz zu den Planungen bei Parke basieren die Arbeiten des Schweizers Haas auf zufälligen Farbeffekten in seinen Arbeiten. Er gilt als Farbpionier von Kodachrome und war in den 1960er und 1970er Jahren der Star der New Yorker Werbe- und Foto-Szene. Zwar überwarf er sich mit der Kunstwelt (während der MoMA-geführten Umbrüche der 1970er, in denen er als zu kommerziell verschrien war), doch wurden seine stark farbgesättigten Arbeiten kürzlich rehabilitiert.

Street Crossing c. 1980Trent Parkes Arbeiten, so genial sie sein mögen, kommen nicht von ungefähr und bauen auf anderen auf. Ernst Haas hatte großen Einfluss in der redaktionellen und Werbefotografie der 1960er und 70er Jahre und untersuchte auch die Dramatik starken Sonnenlichts und Schatten in Manhattan mit besonderem Gewicht auf klaren und deutlich abgegrenzten Farben.

 3.EINE IDEE EINBETTEN

Ein Bild ist stärker und funktioniert besser, wenn es nicht einfach nur gut aussieht, sondern eine Idee dahintersteckt. Es muss nicht unbedingt ein großartiges Konzept sein, aber wenn Sie beim Herstellen des Bildes einen Zweck im Sinn hatten, wirkt es automatisch interessanter. Lassen Sie sich von dieser Aufgabe nicht einschüchtern. Fotografen, die sich wenigstens ein bisschen dafür interessieren, was sie aufnehmen, denken immer ein wenig über die Bedeutung ihrer Bilder nach und haben eine Vorstellung davon, was sie visuell erreichen wollen.

Die Idee dieses Künstlerporträts scheint recht einfach zu sein, fast schon offensichtlich. Der Maler, Yue Minjun, hat durch die Verwendung der grotesk grinsenden, pinkfarbenen Gesichter einen beachtlichen Ruf in China erworben, »eine selbstironische Antwort auf das spirituelle Vakuum und die Narrheit des modernen China« zu liefern, wie die Saatchi-Galerie es formuliert. Diese Kultfiguren mit ihren glatt rasierten Köpfen weisen eine gewisse Ähnlichkeit mit Yue selbst auf – abgesehen von den irren Gesichtsausdrücken. Tatsächlich stellen sie verzerrte Versionen eines Selbstporträts dar. Ihre Größe und grafische Stärke machen seine Gemälde zu einem natürlichen Hintergrund für alle Fotoporträts; wir haben fast ohne nachzudenken so begonnen, bevor uns klar wurde, dass man eine Verbindung herstellen könnte. Yue ist von Natur aus ernsthaft, sodass der Kontrast zwischen ihm und seinen gemalten Versionen seine Arbeit auf den Punkt bringt. Wir mussten nur noch ein Gemälde finden, das sich als Hintergrund eignete – eine Lücke zwischen zwei großen grinsenden Köpfen, die groß genug für den Künstler wäre. Ich platzierte ihn dicht genug davor, dass alles im Fokus war, und ließ ihn ernst in die Kamera schauen. Dieses absichtlich einfache Vorgehen führte auf logische und überaus zufriedenstellende Weise zum fertigen Bild.

Yue Minjun in seinem Atelier, Peking. 2007 Eine einfache, ja offensichtliche Idee für ein Porträt des chinesischen Künstlers Yue Minjun bestand darin, die Verbindung zwischen sich und seinen Parodieversionen von sich selbst einen Schritt weiter zu treiben – indem sein normalerweise seriöser Gesichtsausdruck dem manischen Grinsen in den Gemälden gegenübergestellt wird. Da die riesige Leinwand das Bild praktisch ausfüllt, wirkt sie auch nicht wie ein Objekt im Atelier, sondern bildet selbst die Szene.

»Du kannst dich nicht auf deine Augen verlassen, wenn deine Einbildungskraft unscharf ist.«

MARK TWAIN

Hell’s Gate-Wanderweg, Qimen. 2015Nach der beschriebenen Aufnahme wurde das Bild im Stil eines Berg-Wasser-Rollenbildes bearbeitet, also zuerst nach Schwarz-Weiß gewandelt, dann wurden im oberen Teil die Helligkeit verstärkt und der Kontrast verringert, sodass es wie hellere, verwaschene Pinselstriche wirkt. Das 3:2-Format wurde aus denselben stilistischen Gründen zu einem schmalen Hochformat beschnitten.

Eine klassische Variante des Berg-Wasser-Rollbildes (es gibt viele) verwendet Pinsel und Tusche, um mit möglichst wenig Strichen eine aufsteigende Landschaft auszudrücken; die Dichte der Striche verdeutlicht die Entfernung. Wasserfälle dienen als verbindende Strukturen und oft gibt es eine kleine Figur, die verdeutlicht, wie unbedeutend der Mensch im Vergleich zur Natur ist – ein wiederkehrendes taoistisches Thema.

Etwas weniger offensichtlich in seiner Idee ist dieses Bild eines Wasserfalls mit einer kleinen Gruppe Frauen, die an der Seite herunterklettern. Dies war eine Auftragsarbeit für ein Buch über Tee. Wir sind hier tief in den Bergen der chinesischen Provinz Anhui. Unsere Gastgeber, die Teeproduzenten, zeigten uns diesen schönen, aber schwierigen Weg; der beste Tee wächst hoch in den Bergen. Der Blick an dieser Stelle war beeindruckend, jedoch gab es hier keine Menschen. Als Landschaftsbild war es halbwegs in Ordnung, allerdings wies mein Freund und Koordinator mich auf eine vertikale Anordnung hin, die das Zeug zu einem typisch chinesischen »Berg-Wasser«-Rollbild hatte. Ein solches Bild hat eine ganz bestimmte Form, die unter anderem Grafiken umfasst, die den Blick aufwärts lenken sollen, winzige Figuren und eine vertikale Anordnung, bei der entferntere obere Ebenen auf den unteren zu sitzen scheinen. Die winzige Größe der Figuren ist wichtig: Der Taoismus lehrt, dass der Mensch zwar eins mit der Natur, ihr aber dennoch untergeordnet ist.

Damit ich Menschen in die Komposition intergrieren konnte, mussten unsere Gastgeber einige Mühen auf sich nehmen. Handys funktionierten dort nicht. Deshalb musste jemand noch viel höher klettern, um herauszufinden, wann die Pflücker aus dem oberen Teegarten zurückkehrten, damit ich die Aufnahme vorbereiten konnte. Alles an dieser Aufnahme – Timing, Aufbau (und später Beschnitt), Brennweite und einige Feinheiten der Bearbeitung – richtete sich nach dieser Idee eines traditionellen »Berg-Wasser«-Gemäldes.

 4.BISOZIIEREN

Unerwartete Verbindungen herzustellen ist ein entscheidendes Element der Kreativität. Arthur Koestler vertritt in seinem Buch Der göttliche Funke den Gedanken, dass die Kreativität ihren Ursprung in zwei unterschiedlichen Referenzsystemen – unterschiedlichen Kontexten, die einander überschneiden – hat und dass dies die eigentliche Faszination für das Publikum auslöst. Denken Sie an Witze: Sie spielen in einer bestimmten Situation, die Pointe hingegen kommt aus einer ganz anderen Richtung. Dieses Modell funktioniert auch für die Kreativität und wenigstens eine Softwarelösung für die sogenannte »Creative Information Exploration« (CIE) basiert darauf.

Ja, das kann für die Fotografie auch gehen. Koestler nannte seinen Ansatz »Bisoziierung«, um ihn von der gebräuchlicheren »Assoziierung« zu unterscheiden. Bei der Assoziierung – die jeder, auch Fotografen, regelmäßig benutzt – erzeugt man Verknüpfungen anhand der Ähnlichkeit oder aufgrund des Wissens, was bisher passiert ist. Das Ganze findet innerhalb der von Koestler so bezeichneten »Matrix« aus Gedanken statt, womit er eine Fertigkeit, Fähigkeit oder Gewohnheit meint, die von einer Art Code gesteuert wird. Die normale Art und Weise, wie Sie Aufnahmen gestalten, wäre also eine Matrix. Sie wissen, dass Ihr Vorgehen funktioniert, weil Sie es schon einmal gemacht und darüber nachgedacht haben. Sie platzieren das Motiv abseits der Mitte, damit es eine Beziehung zum Hintergrund eingeht, die bei einer zentralen Platzierung nicht so deutlich wäre – solche Sachen. Im Prinzip geht es um Vertrautheit. Man könnte diese Matrix als Wissensbasis bezeichnen. Bisoziierung dagegen bedeutet, dass man gleichzeitig in zwei Matrizen denkt, zwei Referenzsysteme benutzt. Es geht darum, Denk- oder im Fall der Fotografie Sehmethoden zu verbinden, die in keiner Beziehung zueinander stehen und einander möglicherweise sogar widersprechen.

La Matuna, Cartagena, Kolumbien. 2015 Als die Verbindung zwischen Augen und Spiegeln erkannt war, musste der richtige Standpunkt gefunden werden, um visuell das meiste herauszuholen. Eine längere Brennweite glich die Proportionen der Spiegel und des Weiß aus den Augen aneinander an, während durch eine kleine Blende eine Schärfentiefe erreicht wurde, die beides scharf hielt. Ein hoher Kontrast bei der Verarbeitung betonte die beiden Paare.

»Kreativität ist die Überwindung der Gewohnheit durch Originalität.«

ARTHUR KOESTLER

Um die Bisoziierung in der Fotografie einzusetzen, muss man anerkennen, dass die Fotografie direkt mit dem Realen verbunden ist – das ist das Besondere an ihr. Außer bei speziell manipulierten Bildern geht man davon aus, dass das wirkliche Leben gezeigt wird. Die Realität bildet daher fast immer die erste Matrix. Bei wirklich erfolgreichen Bildern gibt es jedoch immer ein zweites Referenzsystem, eine zweite Matrix. Je weniger offensichtlich diese verbunden ist, umso faszinierender ist wahrscheinlich die Idee hinter dem Bild.

In der Straßenszene auf den vorangegangenen Seiten gibt es eine Bisoziierung zwischen zwei unterschiedlichen Referenzsystemen. Eines ist die Realität der Straße: ein geparktes Motorrad und ein Wandbild. Das zweite ist reine Grafik: zwei Paar scharfer, weißer Ovale. Im ersten Referenzsystem gibt es keine Verbindung zwischen den Spiegeln und den Augen, im zweiten dagegen ganz offensichtlich schon. Legen Sie das zweite über das erste, und die Verbindung wird ein unerwarteter Zufall. (Mehr davon später in Weg 23 auf Seite 102.)

Auf dem eigenartigen Luftbild rechts, das nicht gleich als solches zu erkennen ist, ergibt sich die unerwartet farbige und grafische Anordnung von Wald, Wasser und Sandbank aus der Überschneidung zweier sehr unterschiedlicher Matrizen. Eine ist die Luftbildfotografie, die vertraut ist, auch wenn sich durch den weniger vertrauten Standpunkt überraschende Muster ergeben können. Die andere ist ein technischer Prozess – Falschfarbeninfrarotfilm. Kodak entwickelte diesen Prozess im Zweiten Weltkrieg zur Entdeckung von Tarnvorrichtungen. Statt der üblichen Farben für die drei Schichten von Film (Rot, Grün, Blau) erscheint auf diesem Diafilm Infrarot als Rot, Rot als Grün und Grün als Blau, wenn man einen Gelbfilter benutzt, um das blaue Licht zu blockieren, auf das alle Schichten empfindlich sind. Er war nicht zum Aufnehmen unterhaltsamer Bilder gedacht, aber natürlich kann man das machen. Da ist Kreativität am Werk.

Sandbank in Infrarot, Oberer Mazaruni-Fluss, Guyana. 1972Belichtet mit einem gelben Wratten-12-Filter, auch »Minus Blue« genannt, sieht dieser südamerikanische Regenwald erstaunlich rot aus. Das Wasser, dessen blaue Reflexionen durch den Filter entfernt werden, wirkt schwarz und bildet dadurch einen starken Kontrast zur weißen Sandbank. Der Blick von oben und die Filmtechnik ergeben ein faszinierendes, surreales Bild.

 5.EIN SCHRITT WEITER

Es gibt viele Wege zur Kreativität, von denen einige weniger bedrohlich sind als andere. Zu den einfacheren (vorsichtig ausgedrückt) gehört stetige Verbesserung. Der Schlüssel besteht darin, zu gehen und nicht zu springen. Anstatt Ihr ganzes Vorgehen zu einem kreativen Problem zu machen, nehmen Sie nur ein Element der Aufnahme und überlegen, wie Sie dies verbessern können. Das funktioniert nicht in jeder Situation, ist aber überraschend flexibel.

Im Prinzip hängt es davon ab, dass man eine Aufnahme in Komponenten zerlegen kann. Es gibt dafür keine Liste, die für alle Bilder gilt, Sie müssen sich also schon selbst überlegen, welche Elemente in die Bildsituation einfließen, die Sie vorfinden. Mit welchen wichtigen Dingen können Sie arbeiten? Nehmen Sie das wichtigste und versuchen Sie, dieses zu verbessern. In den zwei hier gezeigten Beispielen waren die wichtigsten Elemente das Setting bzw. das Licht und die Farbe.