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Das Wetter in Deutschland und in ganz Europa hat sich verändert. Extremwetter sind nun an der Tagesordnung und suchen alle Teile Deutschlands heim. Vier Familien aus unterschiedlichen Gegenden werden von solchen Wetterunbilden heimgesucht und verlieren größtenteils ihr Heim. Durch Zufall und ihre Liebe zu Hunden finden sie allerdings zueinander und schließen sich zu einer eingeschworenen Gemeinschaft zusammen. In einem kleinen Tal in den Bergen finden sie Sicherheit und Schutz. Allerdings sind auch andere auf einer solchen Suche und deren Methoden sind nicht sehr friedlich. Dies spüren die Familien schon sehr bald.
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Seitenzahl: 252
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Meiner verstorbenen Hündin und langjährigen Begleiterin und treuen Freundin Gypsi
PROLOG
Der Norden
In der Mitte Deutschlands
Dresden im Osten
Im Süden bei München
Die Hundeprüfung
Die Prüfungen
Der Ausbau
Nahrung und Wasser
Das Leben im Tal
Vorkehrungen
Sicherungsvorkehrungen
Junge Liebe
Entführung
Die Suche
Die Organisation
Die Befreiung
Gefahr
Gefahr im Verzug
Der Sturm
Mal wieder Regen
Das Wetter in den vierziger Jahren des zweiundzwanzigsten Jahrhunderts hatte sich sehr stark verändert gegenüber dem Wetter früherer Jahre. Die Erderwärmung war trotz der Warnungen der Wissenschaft weiter fortgeschritten. Die Anstrengungen der Menschheit, hier entgegenzuwirken, kamen zu spät und nicht konsequent genug. Die Kurve der Erderwärmung konnte durch die Anstrengungen vieler Staaten zwar etwas abgeflacht werden, aber dennoch stieg die durchschnittliche Erdtemperatur immer weiter an. Letztendlich waren es einige wenige Staaten, deren Bemühungen einfach zu gering waren, um diesen Prozess positiv zu beeinflussen. Deren Verschmutzungspotential war letztendlich zu groß im Verhältnis zu den Verbesserungen. Insgesamt hatte man viel zu spät begonnen, der menschen-gemachten Erwärmung entgegenzuwirken. Zudem fehlte es da, wo man noch etwas bewirken konnte, an der notwendigen Konsequenz. Jeder einzelne hätte mehr tun können, um so auch die größten Verschmutzer Staaten davon zu überzeugen, dass wirtschaftlicher Erfolg bald nur noch möglich sein wird, wenn die Umwelt auch geachtet wird.
So stieg der Meeresspiegel deutlich schneller an, als es die Wissenschaft angenommen hatte. Viele Meeresbewohner verschwanden für immer und extreme Wetterbedingungen wurden nun auf der ganzen Welt zu einer Normalität. Angeheizt durch die Übersüßung der Meere durch das viele Schmelzwasser der Eisflächen der beiden Pole, schwächten sich die Meeresströmungen stark ab und so bildeten sich immer häufiger Extremstürme über dem Meer aber neuerdings auch über Land. Der deutlich gestiegene Wasserspiegel nahm fast einer Milliarde Menschen den Lebensraum und auch die landwirtschaftlichen Anbauflächen verringerten sich dadurch um gut zehn Prozent. Staaten wie beispielsweise die Malediven oder in der Südsee oder die Inseln der Halligen im Norden Deutschlands waren nun völlig verschwunden. Die allgemeine Folge war, dass Nahrungsmittel in manchen Regionen der Erde noch rarer geworden waren und Hungersnöte immer häufiger und drastischer wurden und noch mehr Menschen nach Europa und aufs Festland drängten.
Doch auch hier in Europa änderte sich das Wetter dramatisch. Starkregen, Wirbelstürme, Sturmfluten an den Küsten, Hagelstürme sowie Gewitterstürme und lange Dürreperioden, sorgten dort, wo diese auftraten, für eine maximale Zerstörung. Vor allem aber Dürren gehörten nun seit den 30er Jahren zum Alltag in Europa und auch in Deutschland. Die Menschen versuchten sich, so gut es eben ging, darauf einzustellen, aber gegen die Wucht der Elemente konnte man nur sehr wenig tun. Einzig ein stark verbessertes Frühwarnsystem gegen extreme Wetter machte etwas Hoffnung.
Deutschland begann zu Beginn der 40er Jahre mit dem Bau von Meerwasserentsalzungsanlagen entlang der deutschen Meeresküsten sowie von riesigen Pipelines quer durch Deutschland, um das dringend benötigte Nass überallhin transportieren zu können.
Das Energieproblem hatte Deutschland in den Griff bekommen, denn riesige Photovoltaikfelder in Nordafrika produzierten genügend Strom und transportierten diesen über Kabel quer durch das Mittelmeer nach Europa. Zudem gab es viele große Windradparks, die allerdings sehr wartungsintensiv waren, da Stürme immer wieder auch hier große Schäden anrichteten.
Der Norden
»Schnell Susi bring den letzten Karton noch hoch auf den Speicher, das Wasser steht schon fast bis zum ersten Stock und neben dem Sturm regnet es jetzt auch noch stark. So wie es aussieht ist irgendwo in der Nähe ein Deich gebrochen, denn das Wasser steigt viel zu schnell. Helga und Tom sind schon oben. Ich hole nur noch schnell unsere Matratzen, damit wir wenigstens trocken liegen können.»
An diesem Nachmittag war eine gewaltige Sturmfront aufgezogen und hatte das Meer über sämtliche Deiche in das norddeutsche Küstengebiet gedrückt und einen Streifen von durchschnittlich neun bis zehn Kilometer ins Landinnere überschwemmt. Die Städte Bremen und Hamburg wurden komplett verwüstet und überschwemmt. Die Familie Simons aus Hamburg hatte es wie fast alle Hamburger bereits das dritte Mal in den letzten vier Jahren erwischt. Jedes Mal wurde fast der komplette Hausstand zerstört. Versicherungen hatten bereits vor Jahren schon ihre Verträge von deren Seite aus gekündigt und waren damit vor Gericht erfolgreich gewesen. Die Zeche zahlten also die Betroffenen selbst.
«Helga, hilf mir mal und zieh bitte die Matratze nach oben, dann haben wir alles. Danke dir. Ist das Körbchen von Tom schon oben?» Helga (45) die Mutter von Susanne, auch Suzi genannt, zog die letzte Matratze auf den Dachboden und rief durch die Bodenluke nach unten:
«Ja es ist alles oben. Stell bitte noch das Telefon auf den Schrank. Dann können wir vielleicht noch telefonieren, wenn die Handynetze so wie letztes Jahr zusammengebrochen sind.» Und das Wasser stieg immer höher und dieses Mal auf eine neue Rekordmarke. Für die Familie Simons bedeutete dies, dass der erste Stock bis hin zu einem kompletten Meter unter Wasser stand.
«Christian, was sollen wir noch machen. Jetzt ist wieder der größte Teil unserer Einrichtung für den Müll und abgesehen von der Arbeit, wer soll das alles bezahlen? Eine Wiederbeschaffung können wir uns nicht mehr leisten.» Christian (50) sah seine Frau, der Tränen in den Augen standen, an, runzelte seine Stirn und antwortete:
«Das werden wir schon irgendwie schaffen und zur Not verkaufe ich das Haus doch noch an diesen Wohnungsbaukonzern, der nochmals letzte Woche nachgefragt hatte. Dann wird das Haus platt gemacht und dies wollte ich eigentlich nicht. Aber andererseits werden wir wohl keine Wahl haben, denn ich befürchte, dass auf Dauer das Mauerwerk Schaden nehmen könnte, und eine solche Sanierung können wir sicher nicht mehr stemmen.»
«Papa, das könnt ihr nicht machen, das Haus zu verkaufen, denn wo sollen wir dann wohnen? Ich habe hier alle meine Freundinnen und was ist dann mit Tom, der braucht doch seinen Garten?» maulte die sechzehnjährige Suzi und vergrub ihr Gesicht im Fell des Familienhundes Tom, einem jungen Hovawart Rüden.
«Noch ist gar nichts entschieden. Allerdings müssen wir uns tatsächlich überlegen, wie es weitergehen soll. Hier in Hamburg macht das Leben keinen Spaß mehr und wird immer schwieriger.» Tom der Haushund der Familie hatte den Kopf gehoben, als sein Name gefallen war und sah traurig seine Familie an. So saßen nun die Simons alle auf ihren Matratzen auf dem Dachboden und hofften, dass der Sturm nachlassen und das Wasser wieder zurückweichen würde.
»Was haben eigentlich die von der Wohnungsbaufirma geboten für den Grund und das schwer beschädigte Haus?« wollte auf einmal Helga wissen.
Christian hob seinen Kopf und sah seine Frau an. In ihrem Gesicht konnte er große Sorgen erkennen und in ihren Augen spiegelten sich Tränen. Dennoch antwortete er wahrheitsgemäß:
»Knapp einhunderttausend, also nur etwa ein Drittel des Preises, den wir damals bezahlt haben, als wir das Haus komplett saniert hatten.«
»Nur so wenig! Christian, was sollen wir nur tun?«
»Eines erscheint für mich immer wahrscheinlicher. Zuerst muss ich mir eine neue Arbeitsstelle suchen, die weiter weg im Landesinneren liegt und vom Meer nicht mehr erreichbar ist. Danach und in Abhängigkeit von der Gegend dort, sehen wir weiter.«
Den letzten Satz von Christian brachte Suzi erneut auf den Plan:
»Das könnt ihr doch nicht machen. Hier habe ich alle meine Freundinnen und letztendlich ist hier auch meine Schule.« maulte sie aufgebracht.
Christian sah zuerst nochmals seine Frau an, über deren Wange nun Tränen liefen und danach zu seiner Tochter, die die Unterlippe zu einem Schmollmund vorschob und mit verschränkten Armen trotzig dasaß.
In den folgenden Stunden wurde kaum etwas gesprochen und alle hörten dem Sturm zu, der um das Haus tobte. Nur einmal versuchte Suzi ihren Vater von der Idee eines Wegzuges abzubringen, gab dies aber auf, da dieser aktuell nicht diskussionsbereit war.
So verging dieser Nachmittag und irgendwann schliefen alle auf dem Matratzenlager ein und erwachten erst, als Tom ein Bedürfnis hatte und Suzi anstupste. Diese weckte danach ihre Eltern und Christian begutachtete als erstes den Wasserstand im ersten Stock. Dort war das Wasser bereits abgelaufen, denn der Sturm hatte aufgehört und wie als Hohn schien nun die Morgensonne.
Christian trug Tom die enge schmale Treppe hinunter in den ersten Stock. Dort herrschte das blanke Chaos, denn der gesamte Hausrat lag in einem furchtbaren durcheinander herum und das meiste war wohl unbrauchbar. Zwei Fenster waren durch die Wassermassen trotz heruntergelassene Rollläden eingedrückt worden und ermöglichte so den Wassermassen einfach durch das Haus zu fließen. Dadurch sah Christian sofort, dass einige Gegenstände wohl nicht dem eigenen Hausstand zugehörig und angeschwemmt waren. Tom, zuerst sehr verunsichert, erledigte aber sein kleines Geschäft nach Aufforderung durch Christian im ehemaligen Schlafzimmer der Simons direkt auf den durchnässten Teppichboden.
In den nächsten Wochen war Auf- und vor allem Ausräumen angesagt. Die Simons untersuchten jedes Teil genau, ob sie es nicht doch noch verwenden könnten, aber das meiste flog auf den Abfallhaufen direkt an der Straße. Dort türmten sich solche Haufen vor jedem Haus, sodass das Ganze wie nach einem Bombenangriff anmutete. Im Garten der Simons war ebenfalls Chaos, einige Gartenmöbel waren verschwunden, aber dafür hatten sie nun Teile eines Plantschbeckens.
Es dauerte Wochen, bis die Gemeinde es tatsächlich schaffte, die Müllberge am Straßenrand zu beseitigen. Überall waren die Menschen in der Gegend, in der die Simons wohnten, beschäftigt, die Schäden aus eigener Kraft zu beseitigen, denn nur sehr wenige konnten es sich leisten Handwerker für solche Arbeiten zu beauftragen.
Die Simons hatte ihr Haus ausgeräumt, Christian hatte zudem die kaputten vier Fenster im Erdgeschoss und zwei im ersten Stock komplett ausgebaut. Da es Sommer war, hoffte er, indem er alle Fenster und Türen offenhielt, dass diese das Haus und den Keller komplett austrocknen würde. Trocknungsgeräte waren in der Gegend keine mehr verfügbar und zudem unerschwinglich teuer. Er hatte lediglich Glück bei der Bestellung der neuen Fenster gehabt, dass diese noch rechtzeitig vor dem nächsten Herbst geliefert werden würden. Mehr lies das Budget der Familie allerdings nicht zu.
Mit diesen begrenzten Mitteln machte es sich die Familie auf dem Dachboden gemütlich, soweit es eben ging. Gekocht wurde auf einem 2-Plattenkocher und Christian hatte mit einigen Latten und kleineren Balken die kaum dreißig Quadratmeter unter den Schrägen in drei Räume verwandelt. Zwei sehr kleine als Schlafräume für Suzi sowie für sich und Helga. Im dritten Raum standen ein winziger Tisch und ein kleines Sideboard, welche sich bereits auf dem Dachboden befunden hatten und demnach noch trocken war. Als Stühle verwendeten sie drei Campingstühle, die noch in der Garage waren und deren Kunststoff schnell in der Sonne trocken geworden war. Christians Auto wurde für viel Geld, welches er sich von seinem Arbeitgeber leihen konnte, wieder instandgesetzt, sodass er wenigstens zur Arbeit fahren oder die notwendigen Erledigungen machen konnte. Zwei Tage später wurde dann auch wieder die Post ausgetragen und damit kehrte wieder ein Stück Normalität in ihr Leben ein. Im Schein einer einzigen Glühbirne, die in einer Lampenfassung von der Decke hing, sah Christian die Post durch. Das meiste war Werbung und es gab zwei Absagen bezüglich Kreditanfragen, die er gestellt hatte, aber diese hatte er so erwartet. Dann aber hielt er plötzlich einen Brief vom deutschen Hovawart Verband in seinen Händen, öffnete ihn und las. »Wir sind eingeladen worden zu einer Champions Prüfung in der Jugendklasse bei der Tom letztes Jahr eine Siegermedaille gewonnen hatte. Tom, was meinst du, willst du da wieder antreten und da wir dort günstig übernachten könnten, würde uns das ebenfalls guttun. Warme Duschen, eine saubere Umgebung sowie nette Leute und ein wenig Spaß sollten uns auch gefallen. Suzi hatte gar nicht richtig zugehört, denn sie war gerade ganz mit ihrem Smartphone beschäftigt, als sie plötzlich ausrief:
»Edith, meine Freundin aus Mettmann hat gerade geschrieben. Ihre Familie hat ebenfalls gerade ihr Haus bei einem Sturm verloren, aber sind zu einer Hovawart Prüfung nach Würzburg eingeladen und fahren dort hin. Bitte lasst uns auch hinfahren, bitte!«
Jetzt war es Helga, die auflachte und sagte: »Hättest du deinem Vater zugehört, dann hättest du mitbekommen, dass er gerade ebenfalls diese Einladung nach Würzburg vorgelesen hat und mit Tom bereits ausgemacht hat, dass wir ebenfalls fahren werden. Also ja, wir sind auch dabei.«
Suzi jubelte auf und rief glücklich: »Das schreibe ich gleich Edith.«
Damit war an diesem Abend gute Stimmung auf dem Dachboden der Simons und Christian stellte dies erstaunt fest: »Also diese Einladung kam wohl zum absolut besten Zeitpunkt und hat uns aus unserer Lethargie gerissen. Das finde ich toll.«
Familie Steiger räumt fieberhaft alles Lose aus dem Garten in die Garage, schließt die Fensterläden und begibt sich in den Hobbyraum im Keller in den sie bereits einige Vorräte, sowie Decken und Liegen gebracht hatte. Vater Kurt (48) überprüft nochmals alle Fenster und Türen. Mutter Siglinde genannt Sigi (46) hat noch den letzten Waschkorb voll edler Gläser in der Hand. Tochter Edith (15) sitzt bereits auf ihrer Liege und tippt etwas auf ihrem Smartphone. Der Familienhund Maja, eine junge Hovawart-Dame liegt zu ihren Füßen. Kaum hat Kurt die Türe geschlossen, hören alle bereits den Sturm und erste Hagelkörner fallen. Der Sturm mit Hagel und gewaltigen Böen dauerte danach lediglich fünfundzwanzig Minuten. In dieser Zeit hören alle, wie Hagelkörner wie Geschosse Dachziegel, Fenster und vieles mehr zertrümmern. Der Hagelsturm hinterließ eine Spur der Verwüstung. Dieses Mal hatte Familie Steiger nicht so viel Glück, wie die letzten Male, als Stürme ihre Gegend gewütet hatten. Dieses Mal hat es ihr Haus voll erwischt. Das Dach wurde komplett zertrümmert und fortgerissen, der erste Stock besteht nach diesem Hagelsturm nur noch aus Trümmern und das Erdgeschoß sieht aus wie nach einem Bombenangriff. Der Boden sowie der Garten ist übersät mit Trümmerteilen und faustgroßen Hagelkörnern. Lediglich der Keller blieb verschont wie auch die Familie selbst. Die Garage, sehr solide gebaut, hat diesen Sturm ebenso gut überstanden. Damit ist das Familienauto auch noch intakt.
Die Familie Steiger steht in ihrem Garten und sieht ihr zerstörtes Heim.
»Oh mein Gott, Kurt. Bekommst du das alles wieder gerichtet? Eine Versicherung haben wir nicht mehr, die hat uns doch nach der Abwicklung des letzten Schadens gekündigt.«
Kurt Steiger steht wie angewurzelt da und schüttelt den Kopf. Er braucht etwas, um seine Sprache wiederzufinden und antwortet dann:
»Zuerst werde ich versuchen, wieder Strom herzustellen, damit wir das Erdgeschoss austrocknen und vielleicht etwas noch retten können. Den ersten Stock werden wir komplett neu machen müssen wie auch das Dach selbst. Ich glaube, dazu wird unser Erspartes nicht reichen. Hier solltest du mit unserer Bank sprechen und um einen Kredit ersuchen. Die Höhe der zum Wiederaufbau benötigten Mittel kann ich derzeit noch nicht abschätzen.«
Edith schaut ebenfalls konsterniert und entdeckt plötzlich neben einem zerfetzten ehemaligen Birnbaum eine Hülle einer Musik-CD und rief erschrocken aus:
»Das ist ja meine CD beziehungsweise die Hülle davon und dort drüben scheint ja noch mehr zu liegen. Das ist alles kaputt!«
Edith stürmt von einer Ecke des Gartens zur nächsten und sammelt alles ein, was sie finden kann. Die Familienhündin Maja folgt ihr und es sieht fast so aus, als ob die junge Hovawart Dame mitsuchen würde.
Hier in Mettmann in der Nähe von Düsseldorf hat es aber noch sehr viele Menschen getroffen. Einige davon können ihr Eigenheim gar nicht mehr bewohnen und da es meist keine Versicherungen mehr gibt, müssen viele ihr Eigentum aufgeben und suchen sich fortan eine provisorische Unterkunft und fristen dort ihr Dasein.
Nach Wochen des Aufräumens kam erstmals wieder die Post in die Gegend und mit ihr ein Brief der Hausbank der Familie Steiger. Sigi nahm den Stapel mit der Post entgegen, setzte sich an den notdürftig reparierten Gartentisch und sah die Post durch.
Als sie dann einen Brief ihrer Hausbank in den Händen hielt, öffnete sie diesen sofort und nach dem Lesen entfuhr es ihr:
»Diese Idioten! Erst sagen sie mir den Kredit zu und behaupten, dass die noch ausstehende Prüfung in der Zentrale nur eine Formsache sei und dann die Absage. Kurt was machen wir jetzt?«
Kurt, der sich gerade neben sie gesetzt hatte, sah mit leerem Blick in die Ferne und konnte erst einmal nichts sagen. Nach einiger Zeit antwortete er aber doch:
»Woher soll ich jetzt das Geld für Material nehmen? Wir können damit nur nach und nach das Haus in Eigenleistung wieder herrichten. Damit kann ich das Dach nur noch direkt auf das Erdgeschoss setzen und nach und nach ausbauen. Das wird aber dauern, denn ich muss erst Geld verdienen, um es wieder ausgeben zu können. Damit werden wir wohl noch länger im Keller hausen. Der Strom geht übrigens wieder. Die Stadtwerke haben diesen heute wieder zugeschaltet.«
In den nächsten Tagen zimmerte Kurt am Abgang zum Keller eine stabile Tür und eine Überdachung. Die Überdachung schützte mit einer Plane vor einem eventuellen Regen. Im Keller selbst machte Kurt aus den beiden Hobbyräumen einen Wohn- und zwei Schlafräume und in der Waschküche installierte er eine Dusche, mit der man sich zwar nur kalt, aber immerhin duschen konnte. Dies alles hob die Stimmung ein wenig und Sigi blickte fortan wieder etwas fröhlicher drein und man sah wieder ab und an ein Lächeln über ihr Gesicht huschen. Maja gefiel dieses improvisierte Leben sehr, da sie nun ihre Familie immer eng um sich hatte. Edit maulte zwar die erste Zeit wegen der kalten Dusche sowie dem Stahlwaschtisch, aber auch sie gewöhnte sich bald daran.
Nachdem auch die Steigers keinerlei staatliche oder Hilfen von Versicherungen erhielten, war die Stimmung auf einem Nullpunkt, als Sigi eines Abends die Post sortierte und ihr ein Brief vom Hovawart Verband in die Hände fiel. Nachdem sie ihre Familie in Kenntnis gesetzt hatte, dass sie und vor allem Maja eingeladen war, zu einer Prüfung für junge Champions nach Würzburg zu kommen. Sigi hielt noch das Schreiben in der Hand, als ihr Blick erst zu Kurt, danach über Edith bis schließlich zu Maja wanderte: »Maja, du bist eingeladen dein Können zu zeigen und vielleicht ist so ein Treffen auch für uns gar nicht schlecht. Die schreiben, dass es ganz in der Nähe eine Jugendherberge gibt, in der wir zu Sonderkonditionen übernachten können. Mal wieder eine warme Dusche, das täte uns auch mal wieder gut. Ich denke also, dass wir hinfahren sollten und uns von Freitag bis Sonntag ein paar schöne Tage gönnen sollten. Kurt, was meinst du?«
Der Angesprochene sah ebenfalls auf Edith, lächelte und antwortete: »Ich denke Edith und Maja sind ebenfalls dafür und wie kann ich mich dann da noch gegen drei Frauen stellen. Also ja, wir fahren hin, aber wir sparen, wo es geht, abgemacht?«
Alle nickten kräftig und sogar Maja wedelte heftig mit ihrem Schwanz, was jeder ebenfalls als Zustimmung wertete.
»Und dort treffe ich bestimmt wieder Suzi. Seit dem Treffen vom letzten Jahr sind wir befreundet und schreiben uns oft auf diversen Portalen. Der schreibe ich gleich und erzähle ihr davon, dass wir kommen, denn denen geht es gerade genauso wie uns.«
»Wie das denn?« wollte nun Kurt wissen und Edith erzählte seinen Eltern, dass auch die Familie Simons ihr Haus eben erst vor einer guten Woche nahe Hamburg bei einem großen Sturm verloren hat und nun im Dachboden hausen.
»Ja, von dem Sturm hatte ich aus den Nachrichten erfahren und da schon gedacht, wie schwer es die Leute dort wohl haben und dass es uns hoffentlich nicht treffen wird. Aber wie wir jetzt wissen, war die Hoffnung vergebens.« sinnierte Kurt leise und Sigi nickte nur zustimmend.
Zwei Wochen nach den Ereignissen in Mettmann zogen dunkle Wolken auf und brauten sich bald zu einem Wirbel zusammen, der alsbald zu einem Tornado mutierte, als sein Rüssel den Boden berührte und über das ausgedörrte Land in der Nähe von Dresden fegte. Viele hatten kaum mehr Zeit, um ihre Häuser und ihr Hab und Gut sturmfest wegzuräumen oder zu verstauen. Die Familie Wagner wohnhaft in einem Vorort von Dresden konnten gerade noch die Fensterläden schließen, als der Tornado über ihr Anwesen fegte. Die Wagners eilten danach schnell in den Keller und kamen dort gerade noch rechtzeitig an, als bereits große Teile des Daches weggerissen wurden. Das Getöse von reißendem Holz war trotz des Lärmes des Sturmes deutlich herauszuhören. Im Laufe des Sturmes hörten alle im Keller in einer Ecke kauernd noch so manches Geräusch. Einige waren dabei, die niemand zuordnen konnte. So verging der Sturm wieder und die Nacht brach herein. Helmut (47) entschied daraufhin: »Wir sollten alle hierbleiben und versuchen zu schlafen, denn oben ist es dunkel und niemand weiß, welche Gefahren da auf uns lauern.
Morgen bei Tageslicht sehen wir dann weiter.« Elli (46) stand die Angst deutlich im Gesicht geschrieben, hielt sich die Hände vor das Gesicht, in der Hoffnung damit sicher zu sein und man hörte durch die Finger hindurch: »Ja, bleibt bitte alle da, sonst passiert noch mehr.« Thorben (18) lachte ein wenig über die letzte Bemerkung seiner Mutter und meinte nur kurz.
»Wir bleiben alle da, bis wir wieder etwas sehen, denn das Licht oben ist schon lange ausgegangen. Aber Mutter, deine Hände vor dem Gesicht werden dir im Notfall auch nicht helfen.« Lea die junge Hovawart Hündin sah von Helmut über Elli wieder zu Thorben und schmiegte sich danach wieder an ihn. So angsterfüllt verbrachte die Familie Wagner den Rest des Tages sowie die Nacht im Keller ihres Hauses und die Angst mündete in Müdigkeit und irgendwann schliefen sie auf der alten Coach sowie den beiden Matratzen, die sie dort schnell hingelegt hatten, ein.
Ein dünner Lichtschein drang von der kleinen Kelleroberlichte in den Kellerraum und traf genau Helmuts Gesicht, sodass dieser als erster wach wurde. Als er sich bewegte, hob Lea sofort ihren Kopf und schwänzelte. Da sie mit ihrem Schwanz Mutter Elli traf und dadurch ebenso weckte, dauerte es danach auch nicht mehr lange und Thorben war auch wach.
»Geht es euch allen gut? Ist niemand verletzt? Wie geht es Lea?« erkundigte sich Elli sofort besorgt. Nachdem jeder bekundete, dass es ihm gut gehe und Lea aufsprang und freudig mit dem Schwanz wedelte, sagte Helmut bestimmt: »Thorben, wir beiden sehen zu, dass wir hoch und nach draußen kommen. Elli du und Lea ihr bleibt einstweilen noch hier. Wir holen euch hinterher.«
»Seid aber bitte vorsichtig damit euch nichts passiert!«
»Schon gut Mutter, wir passen auf.«
Damit zogen Helmut und Thorben los, raus aus diesem Kellerraum in einen kleinen Gang, der zu weiteren Kellerräumen führte, hin zur Treppe, die mit Schutt halb zugeschüttet war. Mit einem Besen aus dem Abstellkeller fegte Helmut den Dreck grob beiseite und Thorben entfernte die größeren Teile. So arbeiteten sie sich langsam nach oben. Die Innentüre zum Erdgeschoss hing nur noch halb in den Angeln und Tageslicht schien durch die Ritzen.
»Oh, oh, das sieht gar nicht gut aus, denn der Flur war mir immer zu dunkel, aber so hell wie jetzt sollte er eigentlich nicht sein.«
Danach drückte er vorsichtig gegen das Türblatt. Da sich dieses aber nicht bewegte, half Thorben ebenfalls und beide schafften es mit letzter Kraft den Gegenstand, der die Tür blockierte mitsamt der Tür einen Spalt zu verschieben. Dieser war groß genug, damit beide nach draußen kriechen konnten.
Kurz darauf hatten sie sich hinausgezwängt und standen nun in der ehemaligen Diele. Über ihnen sahen sie einen strahlend blauen Himmel.
»Wo ist die Decke, der erste Stock und wo ist das Dach?« stammelte Thorben komplett fassungslos.
Helmut konnte in diesem Moment nichts sagen ob der totalen Zerstörung ihres gemeinsamen Heimes.
Kurz darauf standen er und Thorben dann zwischen Trümmern im ehemaligen Garten. Helmut bemerkte gleich, dass die meisten Trümmer nicht von seinem Haus stammten. Sein Haus? Nein nun nur noch seine Ruine. Das Dach war komplett weg, der erste Stock bestand nur noch in Teilen aus der Rückwand. Der Boden zum Dach war ganz verschwunden wie auch fast alle Innenwände des ersten Stocks. Vom Erdgeschoss war allerdings auch nicht mehr sehr viel zu sehen. Fenster gab es keine mehr und als Raum war nur noch die Speisekammer, die kein Fenster besaß zu erkennen. Das Mobiliar war ganz verschwunden. Dafür erkannte er mit Grauen, dass Fremdmobiliar oder zumindest Teile eines Schrankes, dessen Farbe er nicht kannte nun in seinem Flur lagen und genau diese Teile hatten es ihnen so schwer gemacht, nach draußen zu gelangen.
Nachdem beide mühsam einen Weg aus dem Keller freigeräumt hatten, holten sie Elli und Lea nach oben. Elli stand danach im Garten mit ihren Händen vorm Gesicht und weinte beim Anblick, der sich ihr bot.
In den nächsten Wochen hieß es Aufräumen und retten was noch zu retten war. Und dies war nur sehr wenig. Die Familie Wagner machte den Keller so gut es eben ging etwas wohnlich, denn Geld für ein Hotel hatten sie nicht und auch die Nachbarn hausten fortan, wie sie selbst in dem was ihnen geblieben war.
Helmut baute ein kleines Dach über dem ehemaligen Gang im Erdgeschoss und installierte dort zwei Türen sowie setzte die Kellertüre wieder instand. Damit sollte sichergestellt sein, dass sie bei Regen wenigstens trocken blieben.
In der ehemaligen Waschküche installierte er mit Hilfe von Thorben eine Duschwanne und einen Durchlauferhitzer, sodass dort wenigstens sogar warm geduscht werden konnte. Aus den restlichen Möbeln, die ihnen geblieben waren, bastelten sie sich so etwas wie ein wenig Gemütlichkeit zusammen.
Genau zwei Wochen nach dem Tornado gab es erneut eine Sturmwarnung, aber dieses Mal zog ein weiterer Tornado knapp an Dresden vorbei und verwüstete wieder mehrere Orte auf seinem Weg.
»Bei uns gibt es auch kaum mehr etwas, was man zerstören könnte.« knurrte Helmut bitter, als er im Radio die dementsprechende Meldung gehört hatte. Elli sortierte einstweilen die Post, welche mit vierzehntägiger Verspätung am heutigen Tag gekommen war. Darunter waren natürlich einige Rechnungen, aber auch eine Nachzahlung, die Elli sofort verkündete und damit die Stimmung steigen ließ. »Wenigstens haben wir vom Finanzamt die Abrechnung erhalten und bekommen fast sechshundert Euro zurückerstattet. Das ist doch eine gute Nachricht.« Später dann fiel ihr ein Brief vom deutschen Hovawart Verband in die Hände. Sie öffnete diesen, las ihn und erklärte danach: »Wir, beziehungsweise Lea sind eingeladen nach Würzburg zu einem Jugendmeisterwettbewerb. Dort sollen die Hunde einzeln ihre Meister finden, aber es soll auch das Rudelverhalten getestet werden, wie sie hier schreiben. Wie sie das allerdings bewerkstelligen wollen, ist mir nicht klar und wird auch nicht erläutert. Helmut, Thorben was meint ihr, können wir uns so etwas leisten?«
Helmut sah Elli eindringlich an und lächelte nach kurzer Zeit und antwortete: »Du hast uns doch gerade den Brief vom Finanzamt vorgelesen und uns über das gute Ergebnis vom letzten Jahr informiert. Schreiben die etwas über Kosten und Unterkunftsmöglichkeiten?«
»Ja, die schreiben von einer guten und günstigen Jugendherberge ganz in der Nähe des Austragungsortes und die Teilnahme ist kostenfrei.«
»Gut, dann ist es doch klar. Wir fahren hin und genießen dieses Wochenende. Wir werden sparsam sein, aber auch Spaß haben und Lea hatte das letzte Mal sehr gut abgeschnitten und wird uns auch dieses Mal wieder Freude machen. Da die Pokale von ihr, die sie bereits gewonnen hat, verschwunden sind, erreicht sie vielleicht dafür einen neuen.«
»Vater, das ist Klasse. Da es hier außer Dreck und Schutt kaum mehr etwas anderes gibt und die Schule auch erst nächste Woche wieder öffnen soll in improvisierten Räumen, bin ich froh, mal wieder junge und hoffentlich fröhliche Gesichter zu treffen. Letztes Jahr hatten sie am ersten Abend eine Disco organisiert und die war super, soweit ich mich erinnern kann. Klasse ich freue mich und wenn ich Lea so anschaue, dann freut die sich auch wieder, andere junge Hovawarte zu treffen und zu toben.«
Dunkle Wolken ziehen in der Ferne bereits auf, als Thomas Meierhofer (48), leitender Angestellter bei BMW mit seinem Geländewagen in die Einfahrt seines Hauses in Freising einbiegt.
Thomas Nachbar bringt gerade noch Teile seiner Terrassengarnitur in die Garage und ruft Thomas zu:
»Da braut sich etwas zusammen, du solltest schnell noch alles dicht machen!«
»Danke dir Josef mache ich, aber ich denke das hat Andrea bereits gemacht. Aber danke für den Hinweis.«
Thomas fährt sein Auto in die Garage, nachdem er diese mit der Fernbedienung geöffnet hat. Drinnen steigt er aus, schließt das Tor und kommt seitlich aus einer Tür wieder zum Vorschein. Danach begibt er sich direkt ins Haus, einem großen Bungalow. Von außen sah man gleich, dass dieses Anwesen nicht von armen Menschen bewohnt wurde.
Kaum hatte Thomas die Türe geöffnet, wurde er sofort von seiner Frau Andrea mit einem Kuss begrüßt. Direkt danach stupste ihm Ben der junge Hovawart Rüde an, damit auch er ihn begrüßen solle. Thomas löste sich daraufhin von seiner Frau und begrüßte ausgiebig Ben.
»Andrea, hast du die Fenster alle verschlossen? Es zieht ein großer Sturm auf und im Radio haben sie gerade eine Sturmwarnung herausgegeben. Beim Heimfahren habe ich auch schon dicke schwarze Wolken von der Wetterseite her heranziehen sehen.«
»Ja mein Schatz. Ich habe alles erledigt und Sven hat gerade angerufen, dass er ebenfalls gerade auf dem Heimweg ist. Der sollte auch gleich da sein.«
»Sehr gut, dann sind wir ja gerüstet. Hoffentlich wird es nicht so schlimm.«
Wenig später hören Thomas und Andrea, die sich gerade noch in der Küche bei einer Tasse Kaffee unterhalten, wie die Haustür geht. Ben stürmt sofort dorthin und Sven ruft:
»Bin wieder da und patsch nass. So ein Sauwetter. Es hat gerade begonnen zu schütten!«
Fast im Chor riefen Andrea und Thomas:
»Schön, dass du noch rechtzeitig da bist, bevor es richtig losgeht.«
Beide hatten den Satz kaum fertig ausgesprochen, als Sven um die Ecke in die Küche bog, gefolgt von Ben. Als Andrea ihren Sohn sah, lachte sie auf und bemerkte trocken:
»Also das duschen kannst du dir heute sparen, denn draußen gab es das Wasser gratis.«
»Ha ha, wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen heißt es doch. Bei so einem Sauwetter macht Radfahren nun wirklich keinen Spaß. Es wird langsam Zeit für ein Auto.«
»Aber dazu brauchst du einen Führerschein und um den zu bekommen, sollte man die Theorieprüfung bestehen und wiederum hierfür sollte man lernen.« meinte Thomas trocken und lächelte seinen Sohn an.
Kurz darauf regnete es nicht nur heftig, sondern der Regen stürzte regelrecht zu Boden. Vom Fenster aus konnte man kaum zwei Meter weit sehen und der Garten stand im Nu komplett unter Wasser. Als Thomas das sah, bemerkte er: »Gut, dass ich ohne Keller und das Haus auf ein Streifenfundament etwas erhöht gebaut habe. Hoffentlich steigt das Wasser nicht über einen Meter hoch, denn sonst bekommen wir nasse Füße.«
