60 Minuten – Die Uhr tickt - Nick Pirog - E-Book

60 Minuten – Die Uhr tickt E-Book

Nick Pirog

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Beschreibung

Schlägt Henrys letzte Stunde? Das streng geheime Experiment der CIA »Projekt Sandmann«, in das höchste Regierungskreise und sogar der Präsident der USA verwickelt sind, ist außer Kontrolle geraten. Henry Bins' merkwürdige Schlafkrankheit, die ihm nur eine wache Stunde pro Tag lässt, scheint eine Folge des menschenverachtenden Projekts zu sein. Er kommt den verantwortlichen Hintermännern auf die Spur. Diese wollen ihn um jeden Preis zum Schweigen bringen. Kann Henry der ständigen Bedrohung und dem Kampf um Leben und Tod entkommen? Oder reicht eine Stunde nur zum Sterben?

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Alexander Wagner

© Nick Pirog 2016

Titel der englischen Originalausgaben:

3:34 A. M., 3:46 A.M

© Piper Verlag GmbH, München 2023

Published in agreement with the author, c/o Baror International, Inc., Armonk, New York, U. S. A.

Redaktion: Thomas Brill

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: zero-media.net, München

Coverabbildung: Finepic®, München

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich der Piper Verlag die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Opfer

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Jagd

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Anmerkung des Autors

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Opfer

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Ich befinde mich im Weißen Raum. Meine Mutter starrt aus grünen Augen auf mich herab. Sie streift ihr vorwiegend graues Haar zurück und bindet es zu einem Pferdeschwanz. Dann hebt sie ihre rechte Hand. Sie hält einen Hammer. Der Stiel ist scharlachrot, oder zumindest wirkt er scharlachrot, infolge des ganzen getrockneten Blutes. Der Stiel ist möglicherweise aus Holz oder Metall. Schwer zu erkennen. Der verchromte Hammerkopf, gereinigt und perfekt poliert, reflektiert den Glanz des hellen Deckenlichts und schimmert weißgolden. Ich zerre mit den Armen an den Klettverschlüssen, aber sie geben nicht nach.

Der Hammer trifft meine linke Hand.

Meine Knöchel brechen. Ich habe keine Ahnung, wie viele.

Der Hammer saust ein zweites Mal herab.

Dann ein drittes Mal.

Sie macht weiter, bis meine linke Hand nur noch Brei ist. Bis jeder einzelne Knochen gebrochen ist.

Der Schmerz ist unbeschreiblich. Unvorstellbar. Ein Schmerz, von dem man nicht glaubt, sich nicht wünscht, dass er in dieser Welt existiert.

Meine Mutter geht um den Tisch herum, bis sie auf der gegenüberliegenden Seite steht. Sosehr sie es auch zu vermeiden versucht hat, sie ist mit meinem Blut befleckt. Spritzer überall auf ihrem Laborkittel, auf ihrem Hals und Kinn. Kleine Sommersprossen, die Spuren von Schmerz und Zerstörung.

»Ich frage dich jetzt ein letztes Mal«, sagt sie fast emotionslos. »Wo ist der USB-Stick?«

Ich schüttele den Kopf. Ich habe keine Ahnung. Wie oft soll ich es ihr denn noch sagen? Der Präsident hat mir keinen USB-Stick gegeben. Das stimmt wirklich. Ich schwöre es.

Sie hebt den Hammer.

Lässt ihn herabdonnern.

Ich erwache keuchend.

Ich brauche zwanzig Sekunden, um zu begreifen, dass ich nicht mit meiner Mutter im Weißen Raum bin. Dass ich seit über zwei Wochen nicht mehr dort bin.

Ich stemme mich hoch und schaue auf die Uhr mit Wetteranzeige auf dem Nachttisch.

3:01 Uhr.

7. Juli.

26 Grad.

Ich liege in meinem Bett aus Jugendzeiten, in dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin.

Mein Apartment ist immer noch unbewohnbar. Es wurde bei der Suche nach dem USB-Stick auf den Kopf gestellt und komplett ruiniert. Ich habe es nicht persönlich gesehen, aber Ingrid hat mir auf ihrem Handy Bilder davon gezeigt. Jeder Schrank wurde in seine Einzelteile zerlegt, jeder Lebensmittelbehälter ausgekippt, jedes Kissen zerfetzt, jede Wand systematisch niedergerissen, jeder Zentimeter der Verkleidung herausgerissen. Jeder Winkel, jede Ritze: aufgebrochen, durchsucht und dann mutwillig zerstört.

Die Handlanger meiner Mutter hatten genügend Zeit, mein Apartment zu durchsuchen. Und zwar von 4 Uhr morgens am 18. Juni – dem Zeitpunkt, an dem Lassie, Ingrid und ich das Flugzeug nach Fairbanks, Alaska, bestiegen hatten – bis 22 Uhr desselben Tages, als Ingrid und Lassie schließlich ihre Betäubung abschüttelten und Ingrid die Polizei verständigte. Achtzehn Stunden, um den Stick zu finden, den ich angeblich dort verborgen hielt.

Während Ingrid und Lassie betäubt und im Auto verstaut worden waren, hatte man mich an einen unbekannten Ort geschafft – in den Weißen Raum –, wo meine Mutter mir etwas verabreicht hatte, das ich nur als einen synthetischen Albtraum beschreiben kann. In den nächsten dreiundzwanzig Stunden, die sich für mich wie dreiundzwanzig Tage anfühlten, hatte ich dann versucht, in der Wildnis Alaskas zu überleben.

Selbst einen halben Monat später fällt es mir immer noch schwer zu glauben, dass die ganzen Ereignisse nur eingebildet gewesen waren: das Erdbeben, der Fluss, die Wildnis, Opik, Lassie, all das nur eine Täuschung des Nervensystems. Mein eigenes Gehirn hatte mich ausgetrickst – stimuliert durch ein Präparat, das in meinen Blutkreislauf injiziert worden war, entwickelt für ein Projekt, das meine Mutter das Schlafkontrollprogramm nannte.

Wenn ich meine Augen schließe, kann ich Opik immer noch auf der Sandbank liegen sehen. Sein Atem geht stockend, die klaffende Wunde an seiner Seite blutet stark und wird ihm den Tod bringen. In Zeitlupe kann ich die Bilder vor meinem inneren Auge ablaufen lassen, wie Lassie in dem Kanu davongetrieben wird, auf Nimmerwiedersehen.

Ich schaue nach links, wo der schwarzbraune Kater neben meiner Hüfte eingerollt liegt.

Ich reibe sanft eines seiner Ohren zwischen Daumen und Zeigefinger. Gott, hatte ich ihn vermisst!

Wie auch immer, nachdem Lassie und Ingrid im Auto aufgewacht waren, hatte sie die Polizei gerufen, und sie waren zu dem Privatflugplatz gerast. Das Flugzeug war nicht mehr da, und nach stundenlangen Ermittlungen hatte sich herausgestellt, dass es vollständig vom Radar verschwunden war.

Und mit ihm ein gewisser Henry Bins.

Erst als Ingrid zu unserer Wohnung zurückgefahren war, hatte sie die Verwüstung entdeckt.

Aber die Wohnung war nicht ihre größte Sorge gewesen.

Ich war verschwunden.

Sie hatte sämtliche ausstehenden Gefallen bei der Polizei von Alexandria, der Polizei von D. C. und sogar beim FBI eingefordert. Vierundzwanzig Stunden nach meinem Verschwinden hatten alle Behörden in einem Umkreis von zweihundert Kilometern nach mir gefahndet.

Die Suche sollte nicht lange dauern.

Am nächsten Tag – am Morgen des 20. Juni um 8:30 Uhr – fand mich ein Bauer. Ich schlief in seinem Tomatengarten.

In Michigan.

Als ich aufwachte, befand ich mich in einem Krankenhaus in Lansing. Ich war in meinem Leben schon oft in Krankenhäusern aufgewacht – mit Gehirnerschütterungen, genähten Wunden, einer ausgekugelten Schulter, einem zerrissenen Trommelfell –, doch diesmal konnte ich nicht aufhören zu schreien.

Ich dachte, ich wäre immer noch im Weißen Raum.

Das Letzte vor dem Aufwachen, an das ich mich erinnerte, war, dass meine Mutter mich nach dem USB-Stick gefragt und ein Mann in einem blauen Kittel eine mit rosa Flüssigkeit gefüllte Spritze hochgehalten hatte. Ich hatte erwartet, auf eine weitere dreiundzwanzigtägige Albtraumreise geschickt zu werden, eine weitere Folterrunde – Entschuldigung, ich meine natürlich ein verschärftes Verhör –, in der Hoffnung, ich würde irgendwann zusammenbrechen und ihnen preisgeben, was sie wissen wollten.

Aber offenbar hatte meine Mutter mir irgendwann Glauben geschenkt, oder vielleicht hatte sie sogar einen Anflug von Mitleid mit ihrem Sohn empfunden, vielleicht eine Spur von Reue, dass sie ihr eigenes Fleisch und Blut schon im Säuglingsalter für Experimente missbraucht hatte. Möglicherweise hatte sie endlich einmal etwas Mitgefühl gezeigt, weil sie seinen Zustand verschuldet hatte, seine Eine-Stunde-pro-Tag-Existenz.

Wesentlich wahrscheinlicher war jedoch, dass ihr klar geworden war, dass ich mich, sobald sie mich gehen lassen würde, sofort auf die Suche nach diesem USB-Stick machen und sie direkt zu ihm führen würde.

Also hatte sie mich gehen lassen.

Sie hatte mich im Tomatengarten irgendeines Typen abgeladen.

Zum Glück waren Ingrid, mein Vater und Lassie im Krankenhauszimmer, als ich aufwachte. Trotzdem dauerte es zehn Minuten, bis meine Herzfrequenz unter hundertachtzig gesunken war.

Die nächsten Tage verstrichen wie hinter einer Nebelwand.

Nachdem bekannt wurde, was mir zugestoßen war, dass ich von einer der berühmtesten Folterspezialistinnen der CIA entführt worden war, die auch eine der meistgesuchten Flüchtigen der Welt war, wollten alle mit mir sprechen.

Ingrid setzte sich für mich ein, und so musste ich mich lediglich drei Stunden – immerhin drei Tage – vor eine Videokamera hocken, um von ihr, dem neuen Direktor der CIA und Red, dem Leiter des Secret Service des Präsidenten, befragt zu werden.

Der neue Direktor der CIA zeigte sich besonders an dem interessiert, was meine Mutter als das Schlafkontrollprogramm der CIA bezeichnet hatte.

Sofern es überhaupt existierte, hatte er nie davon gehört, ebenso wenig wie seine Kollegen.

Ich beschrieb ihnen den Weißen Raum, aber das brachte sie nicht wirklich weiter. Da ich in Michigan aufgefunden worden war, konzentrierte sich die Suche der CIA auf diese Region, obwohl der Weiße Raum natürlich überall im Radius von vier Stunden Flugzeit, also in einem Gebiet von etwa dreitausend Quadratkilometern, hätte liegen können.

Als die Videokamera ausgeschaltet und der Direktor der CIA gegangen war, vertraute ich Ingrid und Red an, dass meine Mutter nicht nur nach einem USB-Stick gesucht hatte; sie hatte nach einem USB-Stick gesucht, den mir der Präsident der Vereinigten Staaten anvertraut hatte. Red, der Connor Sullivan seit dem College kannte, bestätigte, dass der Präsident mir niemals einen USB-Stick gegeben hatte. Und in einem kurzen persönlichen Telefongespräch mit Sullivan bekräftigte der Präsident dies.

Alle anderen Hinweise – die Beschreibung des Raums, der Arzt im blauen Kittel, meine Mutter, das Schlafkontrollprogramm der CIA, meine eigene Rolle als Versuchskaninchen in den frühen Phasen der Experimente und der Forschungsarbeit sowie alles Weitere, worüber ich berichten konnte – wurden dokumentiert und an diverse Regierungsbehörden weitergeleitet.

Die CIA wollte meine Mutter finden.

Das Heimatschutzministerium wollte meine Mutter finden.

Das FBI wollte meine Mutter finden.

Aber keine dieser Behörden wollte sie so dringend aufspüren wie ich selbst.

Sie war verantwortlich für meinen Zustand. Und ich hoffte, wenn ich sie finden würde, könnte sie ihn vielleicht rückgängig machen.

Es gab nur eine Möglichkeit, sie zu finden: Ich musste den Stick vor ihr auftreiben.

Dann würde sie ganz von allein zu mir kommen.

:01

»Hey, Dumpfbacke!«

Lassie blinzelt ein paarmal mit seinen orangefarbenen Augen, dann streckt er eine Kralle nach mir aus. Ich puste ihm ins Gesicht, was er hasst, woraufhin er den Kopf schüttelt und seine Schnurrhaare auf und ab wippen.

»Zeit zum Aufstehen.«

Miau.

»Du hattest einen Albtraum? Worum ging es?«

Miau.

»Justin Timberlake war tot. Das war dein Albtraum?«

Miau.

»Oh, sorry. Er war also nicht tot. Er war nur gelähmt, sodass er nicht mehr tanzen konnte. Ja, das ist erschreckend. Dagegen wirkt mein Albtraum von meiner Mutter, die mir die Hand mit einem Hammer zermalmt, richtiggehend harmlos.«

Miau.

»Ja, ich nehme an, ich könnte trotz der Hand noch tanzen.«

Ich drehe ihn um und kitzle ihn. Wir ringen eine Minute lang miteinander, bis er aufgibt.

Ich schaue auf die Uhr. 3:04 Uhr.

Vier Minuten sind vergangen.

Ich werfe die Decke ab und stehe auf.

Mein Jugendzimmer hat sich in den zehn Jahren, die ich weg war, nicht wesentlich verändert. Es fehlen die üblichen Poster, Trophäen oder Videospielkonsolen, die man in so einem Zimmer erwarten würde. Ich hatte keine Zeit für solche Dinge, allerdings gibt es ein einziges Poster von Prince, dem ich mein minimales Budget für Schwärmerei widmete. Es gibt ein riesiges Whiteboard, das ich benutzte, als ich mit dem Online-Handel begann. Ich notierte darauf die Aktien, die ich zu kaufen beabsichtigte, und stellte ihre Entwicklung grafisch dar. Doch abgesehen von diesen beiden Absonderlichkeiten sind die Wände kahl.

Es gibt eine kleine Kommode, ein Bett und einen Nachttisch. Neben dem Schrank liegen zwei Zehn-Kilo-Gewichte und ein Bauchmuskelrad.

Der Raum fühlt sich beengend an.

Ich kann es kaum erwarten, in meine Wohnung nach Alexandria zurückzukehren.

Nach Angaben der Firma, die den Umbau durchführt, dauert es noch zwei Wochen, bis Ingrid und ich wieder einziehen können.

Ich zähle die Sekunden.

Aber eigentlich zähle ich ja immer die Sekunden.

Ich schnappe mir Lassie und verlasse das Zimmer. Das Zimmer meines Vaters befindet sich gleich links, und ich stecke den Kopf hinein. Er schläft tief und fest auf der rechten Seite des Bettes. Auf der linken Hälfte liegt Murdock, sein siebzig Kilo schweres Schoßhündchen, und wirkt dabei fast menschlich. Der englische Mastiff hat seinen Kopf auf das Kissen gebettet und ist über die gesamte Länge des Bettes ausgestreckt.

Ein Ventilator wirbelt die stickige Sommerluft Virginias durch den Raum.

Ein weiterer Grund, warum ich es nicht erwarten kann, in meine Wohnung in Alexandria zurückzukehren – die Klimaanlage.

Lassie springt mir aus den Armen, hüpft auf das Bett und kuschelt sich an Murdocks Seite. Murdock öffnet ein großes bernsteinfarbenes Auge, hebt dann langsam eine seiner riesigen Pfoten, schlingt sie um Lassie und zieht ihn fest an sich.

Ich schiebe die Tür zu drei Vierteln zu und steige dann die Treppe hinunter.

Wenn ich in der ersten Woche meines Aufenthalts hier aufgewacht war, hatte mein Vater bereits am Küchentisch gesessen und eine Tasse Kaffee getrunken.

»Wie geht’s, Sonnyboy?«, hatte er dann gefragt. »Du hast dich die ganze Nacht herumgewälzt«, hatte er hinzugefügt.

Das ist das Problem, wenn man Henry Bins hat. Wenn dich ein Albtraum quält, kannst du nicht daraus erwachen.

Bald war es mir zu viel geworden, sein tägliches Verhör, wie ich mit all dem fertigwürde. Bis ich meinem Vater versichert hatte, dass jede Nacht leichter würde, mir meine Mutter in der Nacht keinen einzigen Fingernagel ausgerissen habe und ich kein einziges Mal einem Waterboarding unterzogen worden sei, war immer ein Drittel meines Tages vorüber gewesen.

Zum Glück hat er in den letzten Tagen meine Stunde verschlafen und mir so meinen Freiraum gelassen.

Was Ingrid betrifft, so konnten wir nach einem tränenreichen Wiedersehen im Krankenhaus und nach drei zermürbenden Tagen der Befragung endlich wieder die Nächte zusammen verbringen. Als ich in der ersten Nacht neben ihr aufwachte und sie beim Schlafen betrachtete, konnte ich nicht umhin, an den Albtraum zurückzudenken; ich erinnerte mich an den Moment, als sie mir eröffnete, sie sei schwanger.

Die Vorstellung, ein Teilzeit-Dad zu sein und ein Kind aufzuziehen, obwohl ich täglich nur eine Stunde Zeit habe, hatte mich damals wütend gemacht.

»Ich bin nur eine Stunde am Tag wach!«, hatte ich sie angeschrien. »Was verstehst du daran nicht? Sechzig Minuten ist alles, was ich kriege, und jetzt soll ich mich um ein Baby kümmern?«

Sicher, das war nicht die Realität gewesen, sondern eine durch Chemikalien und veränderte Neuronen simulierte Welt, aber vermutlich hätte ich ziemlich genau so reagiert.

Dann war da noch das Erdbeben.

Und Opik.

Ich hatte niemandem von Opik erzählt. Es war zu schmerzhaft. Außerdem wusste ich nicht, wie er in meinen Albtraum passte. Wie hatte sich ein kleiner Eskimojunge in mein Unterbewusstsein schleichen können? Warum hatte ich mich für den Namen Opik entschieden? Da gab es so viele Fragen.

Trotzdem hatte mich der kleine Junge, ein Hirngespinst meiner Fantasie, offenbar nachhaltig beeindruckt.

Wenn es eine Gewissheit gibt, die aus meinem Albtraum erwachsen ist, dann die, dass ich Vater werden möchte.

Ich fühle mich schrecklich, weil ich das für mich behalte und es nicht mit der Frau teile, die ich liebe, mit der ich zusammenlebe. Aber bevor ich ihr sagen kann, wie ich empfinde, brauche ich Antworten.

Antworten über meine Mutter.

Und über meinen eigenen Vater.

Isabel war alle paar Tage bei meinem Vater vorbeigekommen, was ihn zunächst sehr irritiert hatte. Verständlicherweise. Für ihn musste ihre Anwesenheit wie ein Hinweis darauf wirken, dass er sich nicht ausreichend um seinen Jungen kümmern konnte, was er doch siebenundzwanzig Jahre lang hervorragend getan hatte. Aber nachdem mein Vater drei Bissen von Isabels legendären Enchiladas gekostet und beim Aufwachen sein Haus tipptopp sauber vorgefunden hatte, änderte er seine Meinung und war nun ihr größter Fan.

Ich öffne den Kühlschrank und nehme eines von Isabels legendären Reuben-Sandwiches heraus – dünn geschnittene Pastrami, extra Sauerkraut, extra Senf, auf geröstetem Roggenbrot –, begebe mich dann zum Küchentisch und klappe meinen Laptop auf.

Während ich die Hälfte des Sandwichs verspeise, schaue ich nach meinen Aktien. Alles sieht gut aus, und ich behalte meine Algorithmen bei. Die nächsten fünf Minuten verbringe ich damit, mir die erste Episode der dritten Staffel von Game of Thrones anzusehen – in erhöhter Geschwindigkeit, ich habe ja nicht so viel Zeit – und dazu die zweite Hälfte des Sandwichs zu verschlingen.

Um 3:17 Uhr öffne ich meine E-Mails und finde einen Thread von AST, Advanced Surveillance and Tracking.

Die letzte E-Mail, die ich von AST erhielt, stammt vom vergangenen Oktober. Es war eine Rechnung des Firmeninhabers Mike Lang, den ich in den letzten drei Jahren für die Suche nach meiner Mutter bezahlt hatte.

Was er auch getan hatte.

Nur war die Frau, die er für meine Mutter gehalten hatte, in Wirklichkeit gar nicht sie.

Ich habe Mike nie erzählt, was wirklich geschehen war: Obwohl die Fingerabdrücke der Unbekannten, die aus dem Potomac-Fluss gezogen worden war, mit denen meiner Mutter übereinstimmten, war das alles ein ausgeklügeltes Manöver von Präsident Sullivan gewesen, um den Standort der Black Sites der CIA auszuräuchern, die hier in den Vereinigten Staaten illegal operierten.

Diesmal ist es jedoch nicht meine Mutter, wegen der ich Mike kontaktiert habe.

Sondern wegen meines Vaters.

Ich komme nämlich nicht umhin, mich zu fragen, wo mein Vater war, als meine Mutter angeblich an mir als Kleinkind experimentierte. Was hatte er während dieser Zeit getan? Hatte er seinen Kopf so tief in den Sand gesteckt, dass er nicht mitbekommen hatte, wie meine Mutter mich als ihr persönliches Versuchskaninchen missbraucht hatte? Wie hatte er das einfach ignorieren können?

Außerdem fällt es mir schwer, ihm diese ewige Geschichte abzukaufen, der zufolge er und meine Mutter mich am Tag meiner Geburt aus dem Krankenhaus nach Hause gebracht hätten, um dann am nächsten Tag, als ich nur eine Stunde wach war, festzustellen, dass etwas mit mir nicht stimmte. Das würde nämlich bedeuten, ich wäre mit diesem Zustand geboren worden, was jedoch laut John LeHigh, dem Ex-Direktor der CIA, und meiner Mutter nicht zutraf.

Irgendetwas war da faul.

Ich drücke auf »Antwort« und tippe:

Hey Mike,

ich habe ein neues Projekt für Sie, falls Sie Zeit haben. Ich stelle gerade für meinen Vater ein Scrapbook zusammen und möchte nicht, dass er davon erfährt. Ich habe mich gefragt, ob Sie seine Geburtsurkunde für mich ausgraben können. Und wenn Sie schon dabei sind, meine gleich auch. (Ich kann sie nirgendwo finden.) Und wenn Sie etwas über meine Großeltern finden, könnten Sie das bitte ebenfalls mitschicken?

Der Name meines Vaters ist Richard William Bins. Geboren am 1.8.1950 in Des Moines, Iowa, glaube ich. Nennen Sie mir Ihren Preis, und melden Sie sich bei mir.

Henry

Ich drücke auf »Senden«.

Dann mache ich mich wieder auf den Weg nach oben. Zurück in meinem Zimmer knie ich mich hin, hebe die Matratze vom Lattenrost (hier versteckte ich in meiner Jugend einen Playboy – ich hatte immer nur einen, Dezember 1995, Samantha Torres) und ziehe die rote Aktenmappe hervor.

Ich war ziemlich überrascht, als Ingrid mir erzählte, dass die Mappe noch im Safe gelegen hatte, als sie in die Wohnung zurückgekehrt war. Gewissermaßen eine Oase der Ordnung inmitten einer Wüste des Chaos, der Tresor stand offen, die rote Mappe lag friedlich im mittleren Fach.

Die einzigen anderen Dinge, die sich noch im Safe befunden hatten, waren zwei von Lassies begehrten Jingle-Bällen gewesen, und einer dieser Schwachköpfe, die die Wohnung verwüstet hatten, hatte sie offenbar mitgenommen.

Zu behaupten, Lassie sei über diese Tatsache bestürzt, wäre eine Untertreibung. Ich wusste nicht einmal, dass Katzen weinen können.

Ich gehe wieder nach unten, hole mir einen Erdnussbutter-Smoothie aus dem Kühlschrank und lasse mich in den ledernen Sessel meines Dads fallen.

Lassie tappt die Treppe hinunter und springt mir auf den Schoß.

»Hey, Kumpel.« Ich kraule ihn hinter den Ohren. »Als ich dich das letzte Mal gesehen habe, schienst du ein gemütliches Plätzchen gefunden zu haben.«

Miau.

»Murdock hat ständig gefurzt?«

Miau.

»Mein Vater auch?«

Miau.

»Ja, das muss vom Sauerkraut gewesen sein.«

Miau.

»Murdock hat sieben Reubens verschlungen? Wow, ja, das grenzt natürlich an eine Gefahr für die nationale Sicherheit.«

Ich halte ihm einen Löffel mit Erdnussbutter-Smoothie hin, und er schleckt ihn auf. Die nächsten fünf Minuten verbringen wir damit, uns den Smoothie zu teilen, dann rollt er sich auf meinem Schoß zusammen und schläft ein.

Ich stelle das leere Glas auf dem kleinen Beistelltisch ab und nehme mir die rote Aktenmappe vor. In der vergangenen Woche hatte ich jeden Tag zehn Minuten damit verbracht, die Seiten zu studieren.

Die erste Seite besteht aus einem großformatigen Foto meiner Mutter. Die Landschaft hinter ihr ist grün und üppig. Meine Mutter steht vor sechs Männern, die alle offenbar südamerikanischer Abstammung sind. Sie sind dreckverschmiert, und drei von ihnen haben kein Hemd an. Meine Mutter hält eine Waffe auf sie gerichtet. Sie trägt Bluejeans und ein hellbraunes Hemd. Ihr Kopf ist der Kamera zugewandt, ihr kastanienbraunes Haar fällt über ihre Schultern, und ihre smaragdgrünen Augen schimmern in der Nachmittagssonne. Hohe Wangenknochen und ein kantiger Kiefer zeugen von ihrer osteuropäischen Abstammung. Ich schätze, dass sie auf dem Bild Ende dreißig ist.

Der Akte entnehme ich, dass das Foto zwischen 1985 und 1988 in Honduras aufgenommen wurde, also in den Jahren, in denen meine Mutter den honduranischen Behörden beigebracht hatte, wie man am besten Gefangene verhört.

Ich blättere zur nächsten Seite.

Meine Mutter wurde am 23. April 1948 als Elena Janev im ehemaligen Jugoslawien geboren – in dem Teil, der heute Mazedonien ist.

Im Alter von elf Jahren bestieg sie ein Schiff, reiste in die Vereinigten Staaten und weiter zu einem kleinen Ort in Vermont. Dort hatte sie einen Onkel, der ihr half, ihr lückenhaftes Englisch zu perfektionieren. Sie war die Klassenbeste in der Highschool und erhielt ein Vollstipendium für das MIT, wo sie Chemie mit Nebenfach Psychologie studierte. Sie schloss ihr Studium 1970 ab – also gegen Ende des Vietnamkrieges –, und aufgrund ihrer osteuropäischen Herkunft und ihres unkonventionellen Intellekts gab es zahlreiche Interessenten, darunter die Central Intelligence Agency der Vereinigten Staaten. 1971 begann sie ein CIA-Training in Langley, Virginia.

Nach Abschluss der Ausbildung wurde sie für das sogenannte »Extraordinary Rendition Program« der CIA rekrutiert, ein beschönigender Name für die Gefangennahme und Verhöre feindlicher Kämpfer sowie die Anwendung verschärfter Verhörmethoden, auch bekannt als Folter, um Informationen aus ihnen herauszuholen.

Die Jahre 1973 bis 1981 sind zensiert – riesige Blöcke mit geschwärzten Texten –, doch ich kann das Fehlende ansatzweise aus dem ergänzen, was ich durch den Ex-Direktor der CIA und meine Mutter am eigenen Leib erfahren habe.

Meine Mutter wurde Teil einer geheimen Operation, um die besten und effektivsten Strategien für verschärfte Verhöre zu entwickeln – ein illegales Projekt, das sie als das Schlafkontrollprogramm bezeichnete.

Zur gleichen Zeit richtete die CIA im In- und Ausland Black Sites ein – geheime unterirdische Folterkammern –, was meiner Mutter und ihrem Team reichlich Gelegenheit gab, ihre neuen Techniken zu testen.

Dann, so mein Vater, begegnete er meiner Mutter im November 1976 in einem Café.

Er lernte sie unter dem Namen Sally Petracova kennen.

Ein Jahr später wurde sie Sally Bins.

Ich wurde am 12. Dezember 1978 geboren.

Meinem Vater zufolge kam ich mit meiner Krankheit auf die Welt, aber sowohl LeHigh als auch meine Mutter behaupteten, ich sei eines ihrer ersten Experimente gewesen, daher kann ich nur spekulieren, was damals tatsächlich passiert ist.

Das nächste Datum, das in der Akte nicht geschwärzt ist, ist der 15. April 1981, als sie nach Afghanistan reiste. In dieser Zeit wütete der sowjetisch-afghanische Krieg, und meine Mutter blieb sechs Wochen lang dort. Sie war oft länger weg, aber sechs Wochen waren schon eine sehr lange Zeit, um von ihrem dreijährigen Kind getrennt zu sein, und ich erinnere mich vage an ihre Abwesenheit. (Natürlich dachte ich, meine Mutter würde für eine Firma namens Global Geologist Unlimited arbeiten, die Ölvorkommen in verschiedenen Teilen der Welt erkundete. Ich hatte keine Ahnung, dass sie in Wahrheit mithilfe von Waterboarding Geheimnisse aus feindlichen Kämpfern herausholte.)

Die nächsten vier Jahre sind geschwärzt, bis zum Januar 1985, als sie nach Honduras reiste, wo sie drei Jahre lang blieb.

Dies passt zu meiner persönlichen Zeitachse, denn ich sah sie zuletzt an meinem sechsten Geburtstag, im Dezember 1984.

Die Zeitspanne von 1988 bis 2001 ist wiederum zensiert.

Im November 2001, zwei Monate nach dem Fall der Zwillingstürme, wurde meine Mutter dann in den Nahen Osten geschickt, zweifellos um ihre Fähigkeiten bei den Bemühungen einzusetzen, al-Qaida und Osama bin Laden auszuschalten.

Fünfzehn Monate später kehrte sie in die Staaten zurück.

Der nächste Eintrag in ihrer Akte ist der 19. August 2007.

In Übereinstimmung mit dem, was LeHigh mir erzählte, folterte meine Mutter einen jungen Mann zu Tode, nur um Tage später herauszufinden, dass er völlig unschuldig war.

Am nächsten Tag verschwand sie.

Niemand hat sie seither gesehen.

Niemand außer mir.

Um 3:58 Uhr schnappe ich mir Lassie und kehre in mein Schlafzimmer zurück. Als ich am Zimmer meines Vaters vorbeikomme, stecke ich meinen Kopf hinein, und meine Augen beginnen sofort zu brennen.

Die Luft ist vergiftet durch die Dämpfe von Murdock und meinem Vater. Ich halte mit zwei Fingern Lassies Nase zu, und er lacht.

Wir legen uns ins Bett, und ich schreibe Ingrid eine SMS, dass ich sie morgen sehen möchte.

Mein Herz beginnt zu rasen, als die Sekunden gegen 4 Uhr morgens ticken. Ich will nicht einschlafen. Ich weiß, dass ich die nächsten dreiundzwanzig Stunden auf der Flucht sein werde.

Ich renne vor meiner Mutter weg.

:02

Zum ersten Mal seit über einem Jahr wache ich vorzeitig auf.

2:57 Uhr.

Drei zusätzliche Minuten.

In der Vergangenheit wäre ich ekstatisch gewesen und hätte die Minuten wie einen Geschenkgutschein für einen Einkaufsbummel genutzt. Dreißig zusätzliche Sekunden unter der Dusche. Eine zusätzliche Minute beim Training. Zwanzig Sekunden mehr für Zahnseide (die ich laut dem Zahnarzt, der zweimal im Jahr einen Hausbesuch zur Zahnreinigung macht, DRINGEND benötige). Aber nicht heute. Bis ich den Albtraum verarbeitet und meinen Atem wieder beruhigt habe, sind die zusätzlichen Minuten verflogen.

In meinem Traum hat mir meine Mutter einen weiteren dreiundzwanzigtägigen Albtraum gespritzt.

Ich war auf dem Meer ausgesetzt.

In einem kleinen Boot.

Mit einem Tiger.

Ja, es war seltsamerweise ähnlich wie in Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger, das ich mit zwanzig las (vier Minuten pro Tag im Laufe von zweihundertvier Tagen). Allerdings mit einem großen Unterschied: Der Tiger in meinem Traum war kein Tiger, sondern eine sehr, sehr große Version von Lassie.

Da wir gerade von ihm sprechen – als ich mich im Bett umschaue, ist er nirgendwo zu entdecken.

Während mein Albtraum sich langsam verflüchtigt und meine Atmung sich wieder normalisiert, bemerke ich ein leichtes Brennen an meinen Armen und im Gesicht.

Ich schalte das Licht ein und mustere meine Arme.

Sie sind mit leuchtend roten Kratzern bedeckt.

Ich springe aus dem Bett, rase in das kleine, angebaute Bad und schaue in den Spiegel. Gesicht, Hals, Ohren, Arme, jeder Zentimeter entblößter Haut ist mit roten, entzündeten Striemen bedeckt. Ich sehe aus wie ein Monster.

»LASSIE!«

Ich brauche ein paar Minuten, um ihn zu finden. Er versteckt sich in der Waschküche im Wäschekorb. Er versucht, in der Schmutzwäsche bis hinunter zum Boden zu tauchen, aber ich packe ihn am Hals und hebe ihn hoch.

Miau.

»Ich bin verrückt? Ich bin also verrückt?«, höhne ich. »Alter, du hast mich total zerkratzt.«

Miau.

»Ich habe dich angegriffen? Wovon sprichst du?«

Miau.

»Ich habe nicht geschrien: ›Ich werde dich fressen‹, und dir dann ins Ohr gebissen.«

Er zeigt es mir. Er hat getrocknete Blutspuren an einem Ohr.

Und dann fällt mir alles wieder ein.

Der Albtraum. Wie ich nach zwei Wochen ohne Nahrung beschloss, den Tiger alias Big Lassie zu essen. Ich packte ihn und biss ein großes Stück aus ihm heraus, aber dann zerfetzte er mich mit seinen Krallen und fraß mich auf.

»O mein Gott!«

Ich erkläre ihm, was passiert ist. Mein Albtraum. Dass ich ihn im Schlaf ausgelebt haben musste.

»Tut mir leid, dass ich dich auffressen wollte.«

Er verzeiht mir.

Ich gebe ihm einen Slim-Jim-Beef-Jerky-Stick, den ich für besondere Gelegenheiten aufgehoben habe, dann suche ich etwas Heilsalbe und verteile sie auf den Kratzern in einer Gesamtlänge von über zehn Metern.

Um 3:07 Uhr setze ich mich zum Frühstück.

Eine Minute später öffnet sich die Haustür, und Ingrid kommt herein. Sie trägt eine Jeans und ein blaues Tanktop. Ihr rotbraunes Haar ist zurückgebunden zu einem »Arbeitspferdeschwanz«, wie sie es gerne nennt. Sie hält eine mittelgroße Pappschachtel in der Hand. Ihre normalerweise kastanienbraunen Augen sind rot und geschwollen.

Ich springe auf.

»Hey, was ist los?«

Sie stellt die Schachtel auf die Anrichte und hängt sich an mich. Sie schnieft und sagt: »Meine Mutter hatte einen Schlaganfall.«

»Das tut mir so leid.«

»Ja, ich habe gerade mit meinem Vater telefoniert. Sie ist aufgestanden, um sich ein Glas Wasser zu holen, da hörte mein Vater ein lautes Krachen.«

Sie schiebt mich ein paar Zentimeter weg, blickt mich an und fragt dann: »Was zum Teufel ist mit deinem Gesicht passiert?«

»Lassie und ich hatten eine kleine Meinungsverschiedenheit.«

»Weswegen?«

»Weil er mich in meinem Albtraum aufzufressen versucht hat. Lange Geschichte.« Ich lenke das Thema zurück auf ihre Mutter. »Wo ist sie jetzt?«

»In der Notaufnahme, in der Innenstadt von Atlanta.«

»Was ist los?«, fragt mein Vater, der die Treppe heruntergestolpert kommt und sich seinen blauen Bademantel um den stetig wachsenden Leibesumfang schlingt.

»Ihre Mutter hatte einen Schlaganfall«, erkläre ich ihm.

»Oh, meine Süße«, sagt er.

Ingrid macht sich von mir los und fällt ihm in die Arme.

»Es wird alles gut«, tröstet sie mein Vater leise. »Sie haben einige der besten Ärzte des Landes da unten in Atlanta. Sie werden sich wirklich gut um sie kümmern.«

Er reibt Ingrid mit einer Hand den Rücken und fragt mich: »Und was ist mit dir passiert?«

»Lassie hat mein Gesicht als seinen neuen Kratzbaum benutzt.«

Es gibt einen lauten Knall, dann galoppiert Murdock in den Raum, wobei sein Gesicht nicht in der Lage ist, die Millionen Watt Energie, die durch ihn hindurchwirbeln, unter Kontrolle zu halten. Beim Anblick von Ingrid, die in den Armen meines Vaters weint, fällt sein Gesicht in sich zusammen. Was ist passiert? Warum sind alle so traurig? Was geht hier vor? Was, was, was, was …

Er läuft zu Ingrid und schmiegt seinen Kopf an ihre Hüfte.

Sie geht in die Knie und lässt ihn die Tränen von ihrem Gesicht lecken.

»Danke, großer Kerl«, sagt sie, halb lachend, halb weinend.

Ich schiebe Ingrid einen Stuhl an den Küchentisch, und Lassie springt ihr auf den Schoß.

»Und, wissen die Ärzte schon etwas?«, frage ich sie.

»Nicht viel. Sie machen gerade Tests. Mein Vater sagt, sie haben ihren Zustand als kritisch eingestuft.«

»Wie geht Hal damit um?«, fragt mein Vater.

Ein paar Monate zuvor hatten mein Dad und Ingrids Vater begonnen, hin und wieder miteinander zu telefonieren. Es kam mir merkwürdig vor, dass mein Vater mit dem Vater meiner Freundin befreundet war – einem Mann, mit dem ich bisher kein einziges Wort gewechselt hatte.

»Es geht ihm gut. Meine Tante Rita, seine Schwester, wohnt in derselben Straße, und sie versucht, ihn zu beruhigen.«

»Du solltest jetzt wahrscheinlich auch dort unten sein«, sage ich.

Sie nickt. Sie sieht meinen Vater an und sagt: »Ich wollte eigentlich den Flug um 5 Uhr morgens nehmen und habe mich gefragt, ob du mich vielleicht zum Flughafen bringen könntest.«

»Natürlich, meine Süße.«

»Der Flug geht von Dulles aus«, sagt sie, also eine vierzigminütige Autofahrt in Richtung Westen, fast eine halbe Stunde weiter als Reagan International, der knapp sechs Kilometer entfernt direkt im Norden liegt.

»Keine große Sache«, sagt er und nickt. »Aber wir sollten uns wahrscheinlich beeilen.«

Ich schaue auf die Uhr.

3:23 Uhr.

Mein Vater kehrt in sein Zimmer zurück, um sich etwas anzuziehen.

»Was für ein beschissener Tag«, sagt Ingrid, steht dann auf und gibt mir einen schönen langen Kuss.

Wir lösen uns wieder voneinander, und sie erzählt mir, dass – zusätzlich zum Schlaganfall ihrer Mutter – ihr Captain sie auch noch von all ihren Fällen abgezogen und gezwungen hat, einen dreißig Jahre alten ungelösten Fall zu untersuchen. »Ich habe fünf Stunden damit verbracht, Papierkram zu erledigen und die Detectives einzuarbeiten, die jetzt meine offenen Fälle übernehmen.«

»Hätte Billy das nicht übernehmen können?«

Billy ist ihr Partner, ein Neuling im zweiten Jahr, den ich schon ein paarmal getroffen habe. Er ist ein sarkastischer kleiner Punk. Ich mag ihn.

»Ich habe es dir noch nicht erzählt. Billy wurde für zwei Wochen suspendiert, weil er einen Verdächtigen ins Gesicht geschlagen hat.«

»Hat der Typ es verdient?«

»Es war eine junge Frau.«

»Es war eine Frau?«

»Ja, und sie hatte es tatsächlich verdient. Sie hat ihm in die Eier getreten, ihn geohrfeigt und ihm dann ins Gesicht gespuckt. Und Billy hat die Frau nicht geschlagen, er schubste sie mehr oder weniger von sich weg und traf sie dabei versehentlich im Gesicht. Aber die Frau behauptete, er habe sie geschlagen, und ihre beiden Freundinnen bekräftigten ihre Aussage, sodass sie ihn suspendierten.«

»Mist!«

»Und ich schätze, ich war die geeignete Kandidatin, um diesen ungelösten Fall zu untersuchen, da ich in den nächsten Wochen ohnehin allein arbeiten würde.«

»Also los«, ruft mein Vater, der jetzt in Shorts, Socken, Sandalen und einem Rollkragenpullover gekleidet ist. »Satteln wir die Hühner.«

Ich gebe Ingrid einen langen Kuss, sage ihr, dass ich sie liebe, und sehe dann zu, wie sie und mein Vater durch die Haustür eilen.

Ich schaue auf die Uhr.

3:29 Uhr.

Murdock und Lassie starren mich an.

»Sieht so aus, als hätten wir das Haus für uns allein, Jungs«, sage ich und fange an, sie zu jagen.

Nach drei Minuten Rauferei mit den beiden Witzbolden mache ich einen kurzen Abstecher ins Schlafzimmer meines Vaters. Ich finde, was ich suche, stecke es in einen Umschlag und lege es draußen unter einen Busch im Vorgarten. Dann schreibe ich Isabel eine SMS, um ihr entsprechende Anweisungen zu geben, und frage sie, ob es ihr wohl zu viel Mühe machen würde, uns etwas von ihrer legendären Lasagne zuzubereiten.

Um 3:40 Uhr mache ich mich auf den Weg nach unten.

Der Keller befindet sich in einem so chaotischen Zustand wie eh und je. Das jüngste Vorhaben meines Vaters besteht darin, all seine Hobbys zu ordnen – was er als »Keller-Organisations-Extravaganza« bezeichnet. Doch wenn er dabei ein System hat, kann ich es nicht erkennen, es sei denn, es besteht darin, systematisch zusammengehörige Gegenstände so weit wie möglich voneinander entfernt zu platzieren.

Zwei Meter hohe Berge von Krimskrams türmen sich in alle Richtungen. Ein dreißig Zentimeter breiter Pfad verläuft dazwischen, schlängelt sich durch den neunzig Quadratmeter großen Raum, und ich taste mich vorsichtig darauf entlang.

Das letzte Mal war ich vor sieben Monaten hier unten, als ich versuchte, ein paar Typen zu entkommen, die mich verfolgten. Ich brauchte eine Plane, um das Auto meines Vaters abzudecken, während ich darin schlief, und hier unten wurde ich fündig. Unter der Plane befanden sich zwei Pappkartons. Die Kartons waren so ordentlich zugeklebt, dass es mir schwerfiel zu glauben, dass sie meinem Vater gehörten.

Seit ich bei meinem Vater wohne, habe ich vor, im Keller nach den Kartons zu suchen, aber ich möchte nicht, dass mein Vater davon erfährt. Ich dachte in den letzten Tagen daran, nach unten zu gehen, während er schlief, doch ich traute mir nicht zu, mich lautlos durch dieses Labyrinth zu bewegen. Und wie aufs Stichwort rammt meine Hüfte in dem Moment einen Tisch, woraufhin eine Kiste voller Bolzen und Nägel zu Boden scheppert.

Ein Stockwerk über mir fängt Murdock an zu bellen.

Als er seinen Monolog beendet hat, habe ich das andere Ende des Kellers erreicht. Ich beuge mich nach unten und fahre mit den Händen über die beiden makellos sauberen Quadrate auf dem staubigen Betonboden.

Die Kisten sind weg.

Ich verbringe meine verbleibende Zeit damit, den Keller nach den beiden Kisten zu durchforsten, aber sie sind nicht auffindbar.

Um 3:59 Uhr ertönt der Alarm auf meinem Handy. Ich habe kaum genug Zeit, mich zur Treppe zurückzuschlängeln, in die Küche zu rennen und mir einen Energieriegel zu schnappen, den ich in zwei Bissen hinunterschlinge, während ich die Treppe zu meinem Zimmer hinaufsprinte und mich dort auf mein Bett werfe.

Während die restlichen Sekunden verstreichen, frage ich mich, was mit den Kisten passiert ist.

Wurden sie entfernt?

Oder sind sie irgendwo versteckt?

:03

»Was machst du da?«, frage ich meinen Dad.

Er sitzt am Küchentisch, eine Flut von Papieren vor sich ausgebreitet.

»Guten Morgen, Sonnyboy«, sagt er und schiebt seine Brille auf dem Nasenrücken nach oben. »Wie hast du geschlafen?«

»Ziemlich gut.« Was keine Lüge ist. Falls ich irgendwelche Albträume hatte, sind sie mir nicht in Erinnerung geblieben. Und laut Lassie habe ich ihn in der Nacht kein einziges Mal angegriffen.

»Ich habe noch eine Ladung Heilsalbe auf deine Kratzer gerieben, nachdem ich Ingrid am Flughafen abgesetzt hatte.«

Kein Wunder, dass die Kratzer so schnell verheilen.

»Danke!«

»Ich will nicht, dass dir Narben zurückbleiben.«

Ich lächle und frage dann: »Was machst du da? Hast du eine große Abschlussprüfung, von der du mir nichts erzählt hast?«

»Oh, das«, sagt er, breitet die Hände über dem Tisch aus und lacht. »Das ist ein ungeklärter Fall, an dem Ingrid arbeitet. Sie hat mir während der Fahrt davon erzählt, und ich habe sie gefragt, ob ich ihn mir ansehen kann, während sie weg ist.«

Ich nicke.

Das nächste Hobby meines Vaters.

Ermittler für ungelöste Kriminalfälle.

»Okay, aber achte darauf, dass du alles in Ordnung hältst. Du hast ein wenig die Tendenz, na ja, das nicht zu tun.«

Bei der Gelegenheit fällt mir die Suche im Keller vom Vortag wieder ein.

Die Kisten.

Verschwunden.

Ich bin versucht, meinen Vater danach zu fragen, aber er unterbricht mich, bevor ich die Gelegenheit dazu habe. »Isabel hat eine erstaunliche Lasagne vorbeigebracht«, sagt er und deutet in Richtung Kühlschrank. »Und danach komm und setz dich für ein paar Minuten zu mir. Ich möchte dir hiervon erzählen.«

Ich habe meinen Vater nicht mehr so aufgeregt erlebt, seit er mir geholfen hat, meinen beiden Verfolgern zu entkommen.

Ich öffne den Kühlschrank, nehme mir ein großes Stück Lasagne heraus und schiebe es in die Mikrowelle.

Während die Lasagne heiß wird, simse ich Isabel ein Dankeschön und frage sie, ob sie das andere getan hat, worum ich sie gebeten habe.

Sie schreibt sofort zurück und bejaht.

Als Nächstes lese ich die fünf Nachrichten von Ingrid. Sie ist in Atlanta angekommen. Ihre Mutter ist immer noch in einem kritischen Zustand. Ihr Vater ist völlig fertig. Es ist viel zu schwül da unten. Sie liebt mich.

Ich schreibe ihr zurück, dass ich sie liebe und sie mich auf dem Laufenden halten soll.

Lassie und Murdock betreten die Arena, vermutlich durch den Geruch der Lasagne geweckt. Ich hole ein zusätzliches Stück heraus, schnappe mir zwei Teller und verteile die Lasagne so, wie ich es für richtig halte.

Lassie schaut auf seine Portion hinunter, dann fixiert er mich.

Miau.

»Warum dein Stück kleiner ist? Nun, vielleicht weil du ein kleines Eichhörnchen bist und Murdock ein Gigant.«

Miau.

»Aber du bist ein kleines Eichhörnchen. Tatsächlich bist du kleiner als die meisten Eichhörnchen.«

Miau.

»Ja, meine Kratzer fangen gerade an zu heilen. Worauf willst du hinaus?«

Miau.

»Das würdest du nicht tun.«

Miau.

»Indianerehrenwort?«

Ich hebe meine Hand, er seine Pfote zum Schwur, bevor ich ein weiteres Stück Lasagne von meinem Teller auf seinen schaufele.

»Wenn ich auch nur mit einem winzigen Kratzer aufwache, verfüttere ich dich an Mayweather.« Mayweather ist ein großer Waschbär, der gerne Lassie ärgert.

Miau.

»Versuch es nur.«

Ich gieße mir ein großes Glas Milch ein und setze mich zu meinem Vater an den Tisch.

Es ist 3:06 Uhr.

»Okay, du hast fünf Minuten, alter Mann.«

Mein Vater lächelt, dann legt er los.

Jennifer Nubers wurde am 11. Januar 1985 von ihrem Vater als vermisst gemeldet. Einen Tag später wurde ihre Leiche in einem Park gefunden. Sie war gerade sechzehn Jahre alt.

Jennifer war Schülerin der Theodore Roosevelt Highschool im Stadtteil Columbia Heights in Washington, D. C., und zuletzt wurde sie am Mittwoch, dem 10. Januar, von Megan Nubers, ihrer besten Freundin und Cousine, beim Verlassen des Schulgeländes gesehen.

Jennifers Eltern hatten sich vor Kurzem scheiden lassen, und sie und ihr kleiner Bruder teilten sich die Woche zwischen Mutter und Vater auf. Ihre jeweiligen Wohnorte lagen weniger als fünf Kilometer auseinander, und es wurde vereinbart, dass beide Kinder von Sonntag bis Mittwoch bei ihrer Mutter und von Donnerstag bis Samstag bei ihrem Vater wohnen würden.

Als Jennifer an diesem Abend nicht zu ihrer Mutter nach Hause kam, nahm die Mutter einfach an, sie würde bei ihrem Vater übernachten, was sie öfters tat. Die Mutter griff nicht zum Telefon. Sie vergewisserte sich nicht, ob ihre Tochter wohlbehalten dort eingetroffen war.

Daher vergingen noch volle vierundzwanzig Stunden, bis der Vater anrief, um Jennifer als vermisst zu melden.

Es dauerte nicht lange, bis die D. C.-Detectives ein Motiv für den Mord an Jennifer herausfanden. Laut ihrer Cousine Megan war Jennifer im vergangenen Jahr in etwas extrem Gefährliches verwickelt gewesen, obwohl Megan sie mehrfach gebeten, ja sogar angefleht hatte, damit aufzuhören.

Es hatte harmlos genug begonnen. Jennifer, eine begeisterte Hobbyfotografin, war durch die Innenstadt von D. C. spaziert – einer ihrer Lieblingsplätze zum Fotografieren – und hatte Schnappschüsse von einem Brunnen vor einem Bürogebäude gemacht, als sie einen Mann und eine Frau bemerkt hatte.

Da Jennifer ihre eigene Mutter bei einer Affäre mit einem anderen Mann erwischt hatte, kannte sie die verräterischen Anzeichen eines heimlichen Stelldicheins.

Sie war dem Paar zu einem Motel einen halben Kilometer entfernt gefolgt und hatte ein Dutzend Fotos von den beiden geschossen, wie sie ein Motelzimmer betreten und es wieder verlassen hatten. Zwei Tage später hatte sie erneut den Bürokomplex beobachtet und geduldig darauf gewartet, bis der Mann das Gebäude verließ. Als er herausgekommen war, war Jennifer auf ihn zugegangen und hatte gesagt: »Schöner Ehering.«

Er hatte abwesend genickt und gesagt: »Ja, danke.«

»Mir ist aufgefallen, dass die Frau, mit der Sie vor zwei Tagen zusammen waren, keinen Ehering trug.«

»Welche Frau?«

»Diese Frau«, hatte sie erwidert und ihm einen braunen Umschlag in die Hand gedrückt.

Nachdem er einen Blick auf die Bilder geworfen hatte, hatte er tief eingeatmet und gefragt: »Was willst du?«

»Zweihundert Dollar.«

Es war eine so geringe Summe gewesen, dass der Mann nicht gezögert hatte, zu einem nahe gelegenen Geldautomaten zu gehen und den Betrag abzuheben.

»Woher weiß ich, dass du nicht wiederkommst und mehr Geld verlangst?«, hatte der Mann vor der Zahlung wissen wollen.

»Das werde ich nicht«, hatte sie einfach erwidert, den Mann stehen lassen und sich davongemacht.

Danach hatte sich Jennifers Erpressungshobby schnell zu einem blühenden Unternehmen entwickelt.

Sie hielt ständig Ausschau nach möglichen Seitensprüngen, und ihr Geschäftsmodell war solide: 1) Sie verlangte nur kleine Beträge, 2) sie zapfte nie zweimal dieselbe Quelle an, und wenn man 3) die Zahlung verweigerte, ließ sie die Sache auf sich beruhen und ging zum nächsten Opfer über.

Laut Megan hatte Jennifer im Laufe des Jahres mehr als viertausend Dollar verdient.

»Hast du denn keine Angst, dass dir jemand etwas antun könnte?«, hatte Megan sie wiederholt gefragt.

Die zierliche Brünette hatte daraufhin ihr übliches schüchternes Lächeln gezeigt und gesagt: »Wer sollte mir schon etwas antun?«

Doch jemand hatte ihr etwas angetan. Etwas ziemlich Schlimmes. Die Todesursache war eine stumpfe Gewalteinwirkung auf die Schädelbasis.

»Die Zeit ist um«, sage ich und hebe meine Hand.

Mein Vater legt die Akte weg. Er atmet schwer. Er grinst von einem Ohr zum anderen.

»Ich bin froh, dass der Mord an dieser jungen Frau dir so viel Befriedigung verschafft.«

Er schüttelt den Kopf, sein Lächeln verschwindet.

»Nein, nein, es ist schrecklich, was ihr zugestoßen ist«, sagt er. »Aber ein sechzehnjähriges Mädchen, das einen Haufen fremdgehender Geschäftsleute erpresst – ich meine, das ist schon ein Ding.«

»Richtig, aber irgendwie hat sie das auch ihr Leben gekostet.«

Mir ist klar, dass die Aussicht, den Täter zu finden, der dieses Mädchen vor all den Jahren getötet hatte, und ihn dann vor Gericht zu bringen, nur die Hälfte seiner Aufregung ausmacht. Es ist die Vorstellung, dass die Antworten auf ein jahrzehntelanges Rätsel direkt vor ihm in einer Kiste auf dem Tisch liegen könnten.

Die Kiste und das Rätsel erinnern mich an den Fall der mysteriösen fehlenden Pappkartons.

»Also, Pops«, sage ich, immer noch unsicher über die geeignete Wortwahl. »Weißt du noch, wie ich damals versuchte, den Typen zu entkommen, die dein Haus überwachten?«

»Natürlich weiß ich das noch. Das verfluchte Feuerwerk und Murdock, der auf der vorderen Stoßstange des Autos hockte. Es war unglaublich.« Er erzählt weiter, wie er in meinen Klamotten auf meine Vespa gesprungen war, wie er davongerast war und die Schlägertypen auf eine wilde Verfolgungsjagd gelockt hatte.

Ich unterbreche ihn: »Schon gut, aber als ich unten war und mir die blaue Plane schnappte, bemerkte ich darunter zwei Pappkartons. Das waren die einzigen beiden Kartons da unten.«

Er nickt.

»Ich war gestern Abend unten, um mir den Fortgang deiner Kellerumorganisation oder was auch immer zu Gemüte zu führen, und ich konnte nicht umhin zu bemerken, dass die Kartons weg sind.«

»Kartons, Kartons«, murmelt er, während sich seine buschigen Raupen-Augenbrauen über der Nasenwurzel zusammenziehen. »Kartons …«

Ich mustere ihn. Ich pokere inzwischen seit über zwanzig Jahren mit meinem Vater, und ich kenne seine Tricks und Bluffs in- und auswendig. Ich warte darauf, dass er sich an der Nase kratzt. Oder dass er mit den Fingern auf den Tisch trommelt.

Er tut beides nicht.

»Oh, richtig, die Kartons«, ruft er aus. »Ich habe sie entsorgt.«

»Sie entsorgt?«

»Ja, sie waren im Weg.«

Ich bin kurz davor, ihn zu fragen, wie sie ihm möglicherweise im Weg gestanden haben könnten; sie waren das Einzige im ganzen Keller, das nicht im Weg war.

Ich unterlasse es.

»Wohin?«, hake ich nach.

»Wohin?«

»Wo hast du sie hingebracht?«

»Oh«, sagt er mit einem Lachen. »Ich habe sie in den Schuppen gebracht.«

Richtig, der Schuppen.

»Ja, zu den restlichen Sachen deiner Mutter.«

:04

»Was?«, schreie ich so laut, dass Murdock seinen Kopf vom Linoleumboden der Küche hebt.

»Ich habe die Kartons in den Schuppen gestellt, zusammen mit dem Rest der Sachen deiner Mutter«, wiederholt er.

»Ja, ich habe dich gehört. Aber was ich nicht verstehe, ist, warum du mir das erst jetzt erzählst. Du weißt, dass ich nach Mutter suche, du weißt, dass ich sie seit der ganzen Sache mit den Black Sites verzweifelt aufzustöbern versuche. Wie konntest du mir das verschweigen?«

»Ich habe nicht gedacht …«

»Was? Hast du gedacht, ich würde nichts von einem Schuppen voller Sachen meiner Mutter wissen wollen? Was war, als ich letztes Jahr zu dir kam und nach ihr fragte? Wie konnte dir da ein ganzer Schuppen voll mit ihren Sachen entfallen?«

Er erhebt sich vom Tisch, sein Gesicht wird rot.

»Ich wollte dich nicht wieder damit belasten. Du hast nicht genug Zeit in deinem Leben, um auf deine Mutter wütend zu sein.«

»Du hast nicht zu entscheiden, wofür ich meine Zeit einsetze, okay? Wenn ich für den Rest meines verdammten Lebens alle sechzig Minuten meines Tages damit verbringen will, auf meine Mutter sauer zu sein, dann ist das mein gutes Recht.«

Ich atme tief durch.

Lassie ist herübergekommen und blinzelt mich an.

Miau.

Nein, ich will mich nicht beruhigen.

»Weißt du, was diese Frau mir angetan hat? Sie hat meinen Zustand verursacht. Sie hat verdammt noch mal an mir herumexperimentiert.«

Ich bin zu wütend, um fortzufahren.

»Hol mir eine Taschenlampe.«

Die Augen meines Vaters sind feucht. Das ist mir jetzt egal.

»Hol mir eine Taschenlampe«, kommandiere ich.

Er schüttelt den Kopf, offensichtlich tief erschüttert, öffnet dann ein paar Schubladen, bis er eine Taschenlampe findet.

Er gibt sie mir und sagt: »Ich wollte einfach …«

Ich schüttele den Kopf, und er bleibt stehen.

Ich nehme Lassie hoch und knipse die Taschenlampe an, dann öffne ich die Glasschiebetür, die in den hinteren Garten führt.

Lassie klettert auf meine Schulter und leckt an meinem Ohr. Irgendwie beruhigt mich das, und als ich auf halbem Weg zu dem Schindelschuppen in der hinteren Ecke des Gartens bin, habe ich nicht länger das Gefühl, dass meine Schläfen gleich implodieren werden.

Es gibt kein Schloss, also ziehe ich die Tür auf.

Sie knarrt. Muffige, abgestandene Luft schlägt mir entgegen.

Mein Vater muss die Kisten vor Wochen, wenn nicht gar vor Monaten umgestellt haben.

Ich huste, dann mache ich zwei Schritte in den drei mal fünf Meter großen Raum und schwenke die Taschenlampe über den Inhalt. Rasenmäher, Unkrauthacke, Heckenschere und verschiedene andere Geräte für die Gartenarbeit, die sich längst aus dem aktiven Dienst zurückgezogen haben.

Etwas huscht über den Boden und durch die Tür des Schuppens.

Miau.

»Nein, ich glaube nicht, dass es ein Opossum war.«

Miau.

Ende der Leseprobe