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Henry Bins hat ein Problem. Er kann täglich nur eine Stunde wach sein – von drei bis vier Uhr morgens. In diesen 60 Minuten muss er sein Leben meistern. Und er hat Probleme, eine Menge Probleme. Als seine Mutter, die er zuletzt vor 30 Jahren gesehen hat, tot im Potomac River gefunden wird, gerät Henrys Welt ins Wanken. Denn Sally Bins war eine Spionin ... und sie hinterlässt ihrem Sohn ein blutiges Erbe!
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Veröffentlichungsjahr: 2022
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Übersetzung aus dem Amerikanischen von Alexander Wagner
© Nick Pirog 2016
Titel der englischen Originalausgabe:
3:10 A. M.
© Piper Verlag GmbH, München 2022
Published in agreement with the author, c/o Baror International, Inc., Armonk, New York, U. S. A.
Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)
Covergestaltung: zero-media.net, München
Coverabbildung: Finepic®, München
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Cover & Impressum
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Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
»Raus aus den Federn.«
Lassie öffnet ein Auge. Er hat etwas Schmiere im Augenwinkel direkt neben seiner Nase, und ich wische sie mit meinem Daumen weg. Er schüttelt den Kopf, dann legt er ihn wieder auf meine Brust.
»Komm schon, Kumpel, wir haben etwas zu erledigen.«
Miau.
»Noch zehn Minuten? Wir haben dreiundzwanzig Stunden geschlafen.« Also, ich jedenfalls. Für Lassie kann ich nicht sprechen; obwohl ich mir fast sicher bin, dass er die ganze Zeit auf meiner Brust zusammengerollt lag. Ich schiebe den Kater von mir runter und stehe auf. Der Wecker auf der Kommode schreit mich an, dass bereits eine Minute meines Tages verstrichen ist.
Ich schnappe mir mein Handy vom Nachttisch und lese Ingrids SMS. Sie kann nicht vorbeikommen. Sie hat gerade eine Mord-Selbstmord-Ermittlung abgeschlossen und muss etwas Schlaf nachholen. Aber sie wird mich morgen ganz sicher treffen. Smiley-Gesicht.
Morgen ist der 7. Oktober, Ingrid und ich feiern sechsmonatiges Jubiläum.
Obwohl ich sie zwei Tage zuvor gesehen habe, kommt es mir vor, als wäre es Wochen her. Ich spiele mit dem Gedanken, sie zu bitten, bei mir einzuziehen. Ich habe ihr vor ein paar Monaten einen Schlüssel nachmachen lassen – eines der wenigen Dinge, die um drei Uhr morgens möglich sind –, und sie benutzt ihn, wenn sie ein- oder zweimal pro Woche zu Besuch kommt.
Aber zwei Stunden pro Woche reichen nicht aus. Ich will alle sieben.
Ich schlurfe in die Küche und hole mir die Schüssel mit den Cornflakes, die Isabel für mich vorbereitet hat. Ich ziehe die Frischhaltefolie ab und gieße das abgemessene Glas Milch hinein. Isabel kocht und putzt nicht nur, sie findet auch kleine Möglichkeiten, mir Zeit zu sparen: Auf meiner Zahnbürste ist bereits Zahnpasta, die Mikrowelle ist auf drei Minuten und dreißig Sekunden eingestellt (genau die Zeit, die nötig ist, um ihre legendären Enchiladas zu erhitzen), Lassies Futterschüssel steht gefüllt und zugedeckt im Kühlschrank, Kopfhörer und Laufschuhe liegen neben der Tür bereit, die NASDAQ- und DOW-Abschlusszahlen stehen auf einem Zettel neben dem Computer. Die Sekunden, die sie mir so verschafft, würden dem Durchschnittsmenschen nichts bedeuten, aber für mich ist jede Sekunde die Mona Lisa.
Ich verschlinge die Cornflakes, eine Banane, kippe einen Erdnussbutter-Proteinshake und schaue mir vier Minuten Game of Thrones an. Mein Dad hat mich acht Monate zuvor auf die Serie aufmerksam gemacht, und inzwischen bin ich bei Folge vier der zweiten Staffel angelangt.
Um 3:07 Uhr überprüfe ich meine Aktien auf E-Trade. Ich stoße ein paar Tausend Aktien eines angeschlagenen Pharmakonzerns ab und kaufe die gleiche Menge an Mais-Futures – was hoch gepokert ist, aber großes Kurspotenzial hat.
Es ertönt ein leises Glockenspiel, und ich beantworte den Anruf meines Vaters auf Skype.
Der Look meines alten Herrn ist so nachlässig wie eh und je. Eine große Brille rutscht seinen Nasenrücken herunter. Seine grauen Haare fliehen rasant von seiner hohen, glänzenden Stirn. Ein weißer Rollkragenpullover, möglicherweise der letzte seiner Art, stützt einen hängenden Adamsapfel.
»Hey, Sonnyboy«, murmelt er.
»Hey, Pops. Wie gehtʼs deinem Rücken?«
»Tut verdammt weh. Ich glaube, ich muss heute bei unserer Pokerrunde aussetzen.«
Der Rücken meines Vaters hat in den letzten Wochen ziemlich verrücktgespielt, und wir waren gezwungen, unsere wöchentliche Pokerpartie online zu spielen. Letzten Mittwoch hat er mich ausgeplündert, und ich habe mich eigentlich auf eine kleine Revanche gefreut.
»Nimm einfach ein paar Aspirin, alter Mann.«
»Das ist es ja gerade. Das rezeptfreie Zeug hilft nichts, und wenn ich die vom Arzt verschriebenen Pillen nehme, penne ich nach fünf Minuten ein.«
An seiner Grimasse kann ich ablesen, dass er wirklich Schmerzen hat. Ich kann nicht anders, als mich mitverantwortlich zu fühlen. Meinem Vater ging es gut, bis er vor ein paar Jahren versuchte, mich aus seinem Auto in meine Wohnung im dritten Stock zu tragen. Lange Rede, kurzer Sinn: Er hatte zwei Bandscheibenvorfälle, und mein Nachbar hatte die Polizei gerufen, weil er dachte, mein Dad würde meine Leiche mit sich herumschleppen.
»Geh und nimm diese Pillen, dann plaudern wir noch ein oder zwei Minuten.«
Er nickt und verschwindet vom Bildschirm.
Ein großer brauner Kopf nimmt seinen Platz ein. Er gehört dem siebzig Kilo schweren englischen Mastiff meines Vaters.
»Hey, Murdo …«
Lassie sitzt auf meinem Schoß, bevor ich die zweite Silbe über die Lippen bringen kann. Es ist drei Wochen her, seit die beiden sich zuletzt gesehen haben, und der große dumme Murdock versteht nicht, dass Lassie nicht wirklich auf dem Tisch im Haus meines Vaters liegt. Er donnert seine Riesenpfote gegen den Computer, und die Verbindung bricht ab. Kurz darauf ruft mein Dad auf meinem Handy an und erzählt mir, dass Murdock seinen Laptop zertrümmert hat und er jetzt ins Bett geht.
Es ist 3:09 Uhr.
Ich hatte den Rest meines Tages für das Kartenspiel eingeplant und überlege, was ich mit meinen verbleibenden einundfünfzig Minuten anfangen soll. Mittwoch ist der einzige Tag, an dem ich nicht trainiere, und ich überlege, ob ich nicht trotzdem einen kurzen Lauf machen soll. Ich hebe den Vorhang und starre auf den glitzernden Asphalt. Der Oktober in Alexandria war bisher ziemlich regnerisch, und der Asphalt schimmert feucht unter der Straßenlaterne. Ich schaue auf das Haus gegenüber. Es ist schon über sechs Monate her, dass ich Jessie Kallomatixʼ Schrei gehört habe, was ursächlich dazu führte, dass einem Mann ein Mord angehängt wurde und ein anderer eine Kugel zwischen die Augen bekam.
Letzterer, Jessies Vater, starb wie die meisten Leute, denen ins Gesicht geschossen wird. Ersterer, nun ja, er kehrte in seinen alten Job zurück, als mächtigster Mann der freien Welt.
Fast zwei Monate nachdem Connor Sullivan vom Mord an Jessie entlastet worden war, klingelte mein Telefon. Es war 3:33 Uhr. Am Apparat war Präsident Sullivan. Er konnte nicht schlafen und brauchte jemanden, mit dem er reden konnte. Ich war die einzige Person, von der er sicher wusste, dass sie um diese Zeit wach sein würde. Zehn Minuten lang machten wir Small Talk über das Wetter, seine geliebten Redskins und wie viel Zeit ich mir für meine Sitzungen auf dem Topf gönne. Einen Monat später rief er wieder an. Und zwei Wochen danach tauchte er mit einem Sixpack auf meiner Türschwelle auf. Er wusste, dass ich jeden Mittwoch mit meinem Vater Poker spiele, und wollte wissen, ob er in unsere Runde einsteigen könne.
Und so kam es, dass mein Vater, ich, der Präsident und Red (der Leiter des Sicherheitsdienstes des Präsidenten) neunundvierzig Minuten lang pokerten.
Danach hörte ich drei Monate nichts mehr von ihm.
Verfluchte Ukraine.
Ich beschließe, mir noch fünfzehn Minuten Game of Thrones anzusehen und dann mit Lassie einen kurzen Spaziergang zu machen.
Ich will gerade den Play-Knopf drücken, als ein Signalton mich darauf hinweist, dass ich eine neue E-Mail habe.
Es ist 3:10 Uhr.
Über [email protected] kommen nicht allzu viele Nachrichten, die meisten von Amazon oder dem Online-Trading-Podcast, den ich abonniert habe, und ich erhalte üblicherweise nur eine Handvoll E-Mails, wenn ich wach bin.
Diese Mail ist von AST. Advanced Surveillance and Tracking.
Sie besteht aus vier Wörtern.
Wir haben sie gefunden.
Ich atme tief durch.
Sie haben meine Mutter gefunden.
Die letzte Erinnerung an meine Mutter stammt von meinem sechsten Geburtstag. Ich weiß noch, dass ich ziemlich aufgeregt war, weil sie die beiden vorherigen verpasst hatte. In dem Moment, als ich aufwachte, suchte ich das Zimmer nach ihr ab, aber da stand nur mein Vater über mich gebeugt.
»Wo ist Mama?«
»Sie ist …«
Dieser Satz endete üblicherweise immer gleich.
»… arbeiten.«
Meine Mutter hatte den langweiligsten Job der Welt. Zumindest dachte ich, als ich klein war, Geologin sei der langweiligste Job der Welt. Aber das lag daran, dass ich ihren Job – die Analyse von Gestein – als Konkurrenten betrachtete. Warum war Sandstein wichtiger als ich? Was hatte Quarzit, was ich nicht hatte? Erst als ich größer wurde und erfuhr, dass meine Mutter ihre dreiwöchigen bis dreimonatigen Phasen der Abwesenheit nicht mit Gesteinssuche verbrachte, begriff ich. Sie suchte nach Öl. Die Firmen bezahlten ihr dafür viel Geld, was es meinem Vater mit seinem bescheidenen Einkommen als technischer Autor erlaubte, zu Hause zu bleiben und sich um mich zu kümmern.
»… gleich da«, beendete er den Satz.
Meine Mutter trat mit einer Geburtstagstorte ins Zimmer. Auf dem Kuchen war ein Bild von Snoopy und eine große blaue Kerze in Form einer Sechs.
Ich sehe noch immer den Gesichtsausdruck meiner Mutter vor mir. Ihre scharfen, kantigen Züge – so ziemlich das Gegenteil von denen meines Vaters –, die von ihrer tschechischen Herkunft zeugten. Sie hatte stechend grüne Augen – kleine Jadesplitter, wie sie es nannte –, aus denen man Stimmungsringe hätte machen können.
An diesem Tag blickten sie düster.
Ich frage mich, ob sie damals schon wusste, dass sie irgendwann gehen würde. Dass sie uns verlassen würde.
Nachdem ich die Kerzen ausgeblasen und fast die Hälfte des Kuchens gegessen hatte, brachten meine Eltern mein Geburtstagsgeschenk herein. Oder besser gesagt, sie rollten es herein.
Ein leuchtend rotes Kinderfahrrad.
Ich hätte nicht glücklicher sein können.
»Dad, kannst du es mir jetzt gleich beibringen?«
Ich ging wie selbstverständlich davon aus, dass mein Dad mir das Fahrradfahren beibringen würde. Er war derjenige, der zwanzig Minuten am Tag damit verbrachte, mir aus Geschichtsbüchern vorzulesen, mich über die Rechtschreibung auszufragen, mich dazu zu bringen, meine Schreibschrift oder Rechenaufgaben zu üben, dann noch einmal zwanzig Minuten, in denen er mir beibrachte, wie man einen Baseball wirft, einen Golfschläger schwingt, einen Handstand macht, ein Omelett zubereitet, Gin Rommé spielt und viele andere Lektionen des Lebens.
»Weißt du, deine Mom ist die Fahrradexpertin in der Familie. Vielleicht bringt sie es dir bei.«
Mein Vater muss es gewusst haben.
Falls sie sich nicht mit ihm hingesetzt und ihm erklärt hatte: »Richard, ich schaffe das nicht mehr. Ich ertrage es nicht mehr, meinen Sohn nur eine Stunde am Tag wach zu sehen. Das ist nicht das, was ich mir gewünscht habe. Ich gehe«, hatte er es mit Sicherheit in ihren Jade-Augen gelesen.
»Ich fahre einen rasanten Stil«, sagte meine Mutter mit einem Lächeln.
Die nächsten dreißig Minuten verbrachte meine Mutter damit, mir das Fahrradfahren unter den Straßenlaternen der kleinen Sackgasse beizubringen, wo mein Vater noch heute wohnt.
Ich habe es damals nicht kapiert, aber als meine Mutter den Sattel meines roten Kinderrädchens losließ, mich ganz alleine balancieren ließ, war es nicht nur das Fahrrad, das sie losließ.
Als ich alleine eine Runde gedreht hatte, war es nicht meine Mutter, sondern mein Vater, der auf mich wartete.
»Wo ist Mama?«
»Sie musste einen Anruf entgegennehmen.«
Ich würde meine Mutter nie wiedersehen.
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Im Laufe der Jahre fragte ich meinen Dad ab und zu nach meiner Mutter, aber es kam nie was dabei heraus.
»Sie ist weg. Verschwende deine Zeit nicht damit, an sie zu denken«, war alles, was er je sagte. Und er hatte recht, denn wenn ich anfangen würde, an sie zu denken, würde ich mich in einem schwarzen Loch verlieren, nur um irgendwann wieder aufzuschrecken, und mein Tag, meine Stunde, wäre verflogen. Wenn ich normal wäre, hätte ich Stunden, Tage, Monate, sogar Jahre damit verbringen können, darüber nachzugrübeln, warum meine Mutter uns verlassen hatte. Aber ich war nicht normal. Ich hatte sechzig Minuten am Tag und ließ mir nicht vorschreiben, wie ich sie zu verbringen hatte. Also errichtete ich eine Mauer. Eine Mauer, die die Berliner Mauer armselig erscheinen ließ. Eine Mauer, die meine Mutter niemals überwinden würde.
So dachte ich jedenfalls.
Vor fünf Jahren handelte ich online an der Börse. Ich wollte ein paar Öltermingeschäfte machen und stieß auf eine Aktie.
GGU.
Wann immer ich meine Mutter gefragt hatte, für wen sie arbeitete, hatte sie erwidert: Global Geologist Unlimited. Ich stellte ein paar Routinenachforschungen über das Unternehmen an. Es war 1987 gegründet worden.
Meine Mutter hatte uns 1984 verlassen.
Nachdem ich bei Global Geologist angerufen und eine E-Mail an sie geschickt hatte, fand ich heraus, dass dort niemals eine Sally Bins gearbeitet hatte.
Als Nächstes kontaktierte ich die George Mason University, die meine Mutter unter ihrem Mädchennamen Sally Petrikova besucht und an der sie ihren Abschluss in Geowissenschaften gemacht hatte.
Dort existierten keinerlei Unterlagen über sie.
Der Vater meiner Mutter war bereits verstorben, aber ihre Mutter lebte noch in Tschechien. Es gab dort zwei Deniza Petrikovas. Aber keine von beiden hatte eine Tochter.
Damals nahm ich zum ersten Mal Kontakt mit AST auf und begann, monatlich fünftausend Dollar für die Suche nach Sally Bins hinzublättern.
Ihr erster Bericht, in dem sie die Finanzen meines Vaters und meiner Mutter, ihre Heirat, die Geburtsurkunden und die Kreditauskünfte unter die Lupe genommen hatten, schlug ein wie eine Bombe.
Sally Bins hatte nie existiert.
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