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Nach zahlreichen Kämpfen um Leben und Tod, nach Monaten, in denen er sich in nahezu jeder Sekunde seines Lebens einer Bedrohung erwehren musste, scheint im gehetzten Leben des Henry Bins endlich Ruhe einzutreten. Als ersten Schritt plant er die Hochzeit mit seiner großen Liebe. Doch sein Leben ist nicht geschaffen für Romatik, sondern für Kugeln und Blut. Der Tag der Hochzeit naht. Was könnte schon schiefgehen? Alles!
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Veröffentlichungsjahr: 2022
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Übersetzung aus dem Amerikanischen von Alexander Wagner
© Nick Pirog 2016
Titel der englischen Originalausgabe:
3:46 A. M.
© Piper Verlag GmbH, München 2022
Published in agreement with the author, c/o Baror International, Inc., Armonk, New York, U. S. A.
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Covergestaltung: zero-media.net, München
Coverabbildung: Finepic®, München
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Cover & Impressum
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Anmerkung des Autors
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Ich stemme mich im Bett hoch und schaue auf den Wecker auf der Kommode.
3:01 Uhr.
Freitag, 26. Februar.
Minus drei Grad.
Größtenteils bewölkt.
Irgendwas stimmt mit dem Wecker nicht. Er steht in einem seltsamen Winkel. Und viel näher am Rand als üblich.
Ich brauche eine weitere Sekunde, um zu erkennen, warum.
Direkt hinter dem Wecker, mit einer winzigen, halb ausgestreckten Pfote, sitzt das neueste Mitglied der Bins-Familie.
Archie.
Das orange und lohfarben gestreifte Kätzchen schaut mich aus großen Augen an und streckt dann seine Pfote in Richtung Wecker.
»Tu das nicht!«, rufe ich.
In den drei kurzen Wochen, seit Archie in unser Leben getreten ist, hat er drei Weingläser, zwei Bilderrahmen, Ingrids Lieblingskaffeebecher und ein Samsung Galaxy S6 ruiniert.
Er blickt mich ein paar Sekunden lang an, dann streckt er seine Pfote aus.
Der Wecker schwankt am Rand der Kommode.
»Archie, nicht.«
Ein weiterer Blick.
Ein weiterer Schubs.
»Im Ernst, Archie, nicht noch einmal schubsen.«
Er stößt erneut dagegen.
Der Wecker kracht zu Boden.
»Verdammt, Archie!«
Ich springe aus dem Bett und hebe den Wecker wieder auf.
Der LCD-Bildschirm ist zerbrochen.
Ich stelle den Wecker zurück und hebe das drei Monate alte Kätzchen von der Kommode. Ich kann es immer noch in einer Hand halten. Es hat zwar dieselben grünen Augen wie seine gestromte Mutter, aber das Ich schwöre, ich führe nichts Gutes im Schilde-Funkeln darin stammt sicher von seinem Vater.
Ich sage: »Alter, du musst aufhören, Sachen kaputt zu machen.«
Er schaut zu mir hoch. Die Augen sind riesig. Sein kleines rosafarbenes Näschen legt sich in Falten.
»Das zieht bei mir nicht.«
Sein kleines Mäulchen öffnet sich, und er leckt mir den Daumen.
Er ist so süß, dass es mir fast das Herz bricht.
»Es sei dir alles vergeben, es sei denn, du zerbrichst noch einmal eine von Ingrids Tassen«, sage ich ihm. »Dann wirst du auf der Straße leben müssen, Kumpel.«
Das ist natürlich nur ein Bluff. Wenn Archie mich um den kleinen Finger gewickelt hat, dann hat er Ingrid um die ganze Pfote gewickelt. In der ersten Woche, in der er bei uns war, habe ich fast jede meiner sechzig wachen Minuten damit verbracht, Bilder und Videos anzuschauen, die Ingrid am Vortag von ihm gemacht hat.
Schau dir das hier an, wie er auf der Couch schläft.
Schau dir das hier an, wie er mit meinen Schlüsseln spielt.
Schau dir das hier an, wie er auf den Teppich pinkelt.
Die nächste Minute verbringe ich damit, mit ihm auf dem Boden zu ringen und ihn auf allen vieren zu verfolgen. Er versteckt sich unter dem Bett, ich ziehe ihn heraus und setze ihn auf meine Brust. Ich kraule sein Köpfchen und erhebe mich dann mit ihm in der Armbeuge.
»Na gut, du kleiner Krawallmacher, gehen wir deinen Vater suchen, um ihn auf seine elterliche Aufsichtspflicht hinzuweisen.«
Wir verlassen mein Kinderzimmer – und mit Kindheit meine ich, dass ich dort bis zu meinem 27. Lebensjahr gelebt habe – und spazieren den Flur hinunter zum Zimmer meines Vaters.
Mein Vater ist nicht da, daher liegt Murdock – der gigantische englische Mastiff meines Vaters – schräg über das Bett ausgebreitet, wobei sein siebzig Kilo schwerer Körper fast die Hälfte der Matratze einnimmt. Lassie liegt zusammengerollt an Murdocks Bauch. Zweifellos war der junge Archibald in dieses Knäuel eingekuschelt, bevor er aufwachte und sich auf seine Vernichtungsmission begab.
»Hey, ihr Knallköpfe«, sage ich.
Beide rühren sich.
Lassie streckt seine Vorderbeine aus, dann robbt er an die Bettkante.
Murdock sieht Archie in meinen Armen und winselt.
»Okay, beruhige dich.« Ich setze Archie auf das Bett, wo er schnell zu Onkel Murdock läuft.
Murdock leckt ihn ein paarmal mit seiner riesigen Zunge, dann birgt er Archie schützend an seinem Körper.
»Archie hat meinen Wecker von der Kommode gestoßen«, sage ich zu Lassie.
Miau.
»Wie viele Stöße? Keine Ahnung, drei.«
Miau.
»Was, er braucht nur mehr Übung?«
Miau.
»Ich bin nicht sauer, weil er drei Versuche gebraucht hat, um den Wecker von der Kommode zu schubsen. Ich bin wütend, weil er den Wecker von der Kommode gestoßen hat.«
Miau.
»Weil er kaputtging, als er auf den Boden gekracht ist, du Dumpfbacke.«
Miau.
»Keine Ahnung, wie viel er gekostet hat. Mein Dad hat ihn mir vor zehn Jahren gekauft. Er zeigt die Temperatur und das Wetter an.«
Miau.
»Ob er von Woolworth war? Keine Ahnung, vielleicht.«
Miau.
»Gut, ich werde ihn fragen.«
Miau.
»Nein, ich werde ihn nicht sofort suchen und ihn fragen.« Ich schließe meine Augen und winke mit der Hand. »Hör zu, ich will nur sagen, während du geschlafen hast, ist der Mini-Rowdy da drüben Amok gelaufen. Du musst ihn strenger erziehen.«
Ich will den Kleinen nicht erziehen. Ich will der coole Onkel Henry sein.
Lassie schaut zu Archie, dann wieder zu mir.
Miau.
»Ihm seine PlayStation für eine Woche wegnehmen? Wir besitzen nicht mal eine PlayStation.«
Miau.
»Du willst ihm eine PlayStation kaufen, nur damit wir sie ihm wegnehmen können?« Ich schüttele den Kopf. »Und das hat nichts mit dem Ausraster an Weihnachten zu tun, als der Weihnachtsmann dir keine PS4 gebracht hat?«
Miau.
»Nein, du warst nicht das ganze Jahr brav. Ehrlich gesagt, du warst unausstehlich.«
Miau.
»Äh, zum einen hast du etwa fünf Häschen in meine Wohnung geschleppt, und Gott weiß, was du mit ihnen angestellt hast. Ganz zu schweigen davon, dass du den kleinen Shih Tzu am Ende des Flurs dermaßen terrorisiert hast, dass sie eine einstweilige Verfügung gegen uns erwirkt haben.«
Miau.
»Ja, ich verstehe, dass sie förmlich darum gebettelt haben, als sie ihn Captain Pancake nannten.«
Miau.
»Was noch? Du, Murdock und diese dämlichen Ziegen, ihr habt das Haus eines Mannes verwüstet, und du hast seine Perserkatze geschwängert.«
Er blickt Archie an, dann wieder zu mir. Seine Schnurrhaare zucken, und ich weiß, was er denkt.
Ich seufze. »Ja, ich weiß, wenn du das nicht getan hättest, dann hätten wir Archie nicht.«
Der Gedanke ist unerträglich. Von mir aus kann das kleine Kätzchen für den Rest seines Lebens jeden Tag etwas zerbrechen.
Ich setze mich auf das Bett, Lassie und ich schließen uns Murdock an, und wir drei kuscheln uns um unseren kleinen Archie.
Er beißt Murdock ins Ohr und schlägt dann mit der Pfote dagegen.
Es ist zum Totlachen.
Ein paar Minuten später mache ich mich auf den Weg nach unten.
Es ist 3:08 Uhr.
In den verbleibenden zweiundfünfzig Minuten habe ich noch eine Menge zu tun.
Morgen werde ich heiraten.
::::
Auf halbem Weg die Treppe hinab halte ich inne.
Was gestern noch das Wohnzimmer meines Vaters war, wird gerade zu einer provisorischen Hochzeitskapelle umfunktioniert. Alle Möbel sind ausgeräumt, und ein weißer Torbogen befindet sich dort, wo einen Tag zuvor der Flachbildfernseher stand. Weiße Holzklappstühle sind gestapelt und an die Wände gelehnt.
Wahrscheinlich war ich naiv zu glauben, es wäre einfacher, eine Hochzeit zu planen, die nur eine Stunde dauern würde.
Ich hätte nicht falscher liegen können.
Da wir nur sechzig Minuten haben, muss alles wie am Schnürchen klappen. Wenn die Trauung zu lange dauert, bleibt vielleicht keine Zeit mehr für den Vater-Tochter-Tanz. Wenn wir uns mit dem Fotografieren zu viel Zeit lassen, haben wir vielleicht keine Zeit zum Essen. Wenn es länger dauert als erwartet, die Torte anzuschneiden, bleibt vielleicht keine Zeit für den Champagner-Toast.
Ich brachte mich bei allen Entscheidungen so gut es ging ein – diese Blumen oder jene Blumen, diese oder jene Torte –, aber die meiste Arbeit blieb an Ingrid und meinem Vater hängen.
Wie auch immer, ich setze meinen Weg die Treppe hinunter fort und betrete die Küche, wo sich mein Vater über eine Pfanne beugt.
»Hey, Sonnyboy«, sagt er mit einem breiten Lächeln.
Er trägt einen Pyjama aus Flanell und rote Hausschuhe. Seine Brille ist ihm bis auf die Nasenspitze heruntergerutscht.
»Hey, Pops«, sage ich und nicke dann in Richtung Wohnzimmer. »Sieht aus, als würde es da drin gut vorangehen.«
»Ja«, meint er und wendet mit einer eleganten Bewegung einen der Pfannkuchen. »Es wird richtig toll aussehen, wenn alles erledigt ist.«
»Um wie viel Uhr ist Ingrid gegangen?«
»Gegen 8:30 Uhr. Sie und ihre Eltern waren etwa drei Stunden lang hier und haben beim Aufbau geholfen.« Er hält inne und fügt dann hinzu: »Ihrer Mutter scheint es wieder ziemlich gut zu gehen.«
Ingrids Mutter hatte im vergangenen Juli einen Schlaganfall. Sie hatte einige Tage lang im Koma gelegen, und als sie wieder zu sich gekommen war, hatte sie ihre Sprachfähigkeit fast vollständig verloren. Sie war in den letzten acht Monaten zur Sprachtherapie gegangen und hatte große Fortschritte erzielt.
Ich bin Ingrids Eltern drei Tage zuvor zum ersten Mal begegnet, als sie mit dem Flieger aus Atlanta ankamen.
Während wir ein paar von Isabels erstaunlichen Enchiladas verzehrten, sagte Ingrids Mutter: »Es ist v-v-vierzig Jahre her, dass ich so spät noch w-w-wach war.«
Das brachte uns alle zum Lachen.
Ihr Vater stellte ein paar Fragen zu meinem merkwürdigen Zustand – als pensionierter Investmentmakler war er besonders daran interessiert, wie ich es geschafft hatte, online mit Aktien zu handeln und dabei ein kleines Vermögen anzuhäufen, doch den Großteil meines einstündigen Tages ließen sie mich in Ruhe.
Ich wusste, dass Ingrid sie über meine Situation und meine Geschichte informiert hatte, obwohl ich nicht sicher war, ob dies auch die Wahl einschloss.
Ich hatte sie acht Monate zuvor getroffen.
Ich hätte mich einer Elektroschocktherapie des Gehirns unterziehen und so viele Stunden am Tag wach bleiben können, wie ich wollte. Mit einer Einschränkung. Mein Gedächtnis wäre dabei ausgelöscht worden. Ein wenig wie bei Ingrids Mutter, nur hätte ich beim Aufwachen nicht mehr sprechen oder laufen können, hätte keinerlei Erinnerung mehr an meine Vergangenheit gehabt. Alles wäre für immer gelöscht gewesen – mein Vater, der mir Mathe beigebracht hatte, mein Vater, der um drei Uhr morgens einen Abschlussball für mich organisiert hatte, der Tag, an dem ich Lassie gefunden hatte, der Tag, an dem ich mit Lassie in die Notaufnahme gerast war, weil ihn ein Waschbär verprügelt hatte, meine erste Begegnung mit Ingrid. Ich wäre wie ein neugeborenes Baby gewesen.
Die Alternative war, so zu bleiben, wie ich bin.
Den Rest meiner Tage mit Henry Bins zu verbringen.
Eine einstündige Existenz.
Wenn ich achtzig Jahre alt würde, wäre das immerhin ein Unterschied zwischen fünfzehntausend oder zweihundertfünfzigtausend Stunden Wachzeit.
Ich wählte die fünfzehntausend.
Und ich bereue es keinen Augenblick.
Ich habe gar keine Zeit dafür.
»Deine letzte Mahlzeit als Junggeselle«, sagt mein Vater und unterbricht meine Tagträume. Er führt mich an den Küchentisch und stellt mir einen großen Stapel Pfannkuchen vor die Nase. Rasch fügt er einen Teller Rühreier, etwas Speck und ein großes Glas Orangensaft hinzu.
Mein Vater gießt heißen Sirup über meine Pfannkuchen und sagt: »Oh, Ingrid meinte, sie will nicht, dass du anrufst. Sie meinte, sie sieht dich ja dann morgen, und sie liebt dich.«
Ich schlucke einen großen Bissen Pfannkuchen. »Sie möchte wahrscheinlich eine letzte Nacht mit erholsamem Schlaf.«
»Stimmt vermutlich«, sagt er.
Ich nehme noch einen Bissen.
Mein Vater klopft mir auf die Schulter und sagt: »Ich kann nicht glauben, dass mein Junge morgen heiraten wird.«
Ich lache und lege meine Hand auf seine.
Acht Monate zuvor erfuhr ich, dass der Mann, der hinter mir steht, der Mann, dessen Augen feucht werden, wenn er daran denkt, dass ich morgen heiraten werde, nicht mein biologischer Vater ist.
Mein richtiger Vater ist Sidney Ewen, ein verrückter Wissenschaftler, der für die Schaffung eines illegalen CIA-Folterprogramms verantwortlich war, bei dem an Tausenden von ahnungslosen amerikanischen Bürgern experimentiert wurde. Einer von ihnen bin ich. Es mag Ewens DNA sein, die ich teile, aber es ist der Mann hinter mir, der mich zu dem gemacht hat, was ich bin. Dieser Mann, der sich mit seinem Flanellhemd die Augen abwischt, ist mein richtiger Vater.
»Ja«, erwidere ich. »Ich kann es selbst kaum fassen.«
»Nun, du hättest keine Bessere finden können. Diese Ingrid, ich halte große Stücke auf sie.«
»Und sie hält große Stücke auf dich.«
Ich fühle, wie er hinter mir lächelt, dann sagt er: »Oh, ich habe dir den endgültigen Zeitplan für morgen per E-Mail geschickt.«
Ingrid hatte meinen Vater zu unserem Zeitverwalter bestimmt. Er soll dafür sorgen, dass wir den Zeitplan einhalten.
Ich versichere ihm, dass ich den Ablauf durchgehen werde.
»Und noch etwas«, sagt er. »Es soll in den nächsten Tagen schneien.«
»Wirklich?«
»Ja, sie haben zehn bis fünfzehn Zentimeter vorhergesagt. Es soll heute gegen Mitternacht anfangen.«
»Glaubst du, dass das ein Problem sein könnte?«
»Eigentlich nicht. Alle, die mit dem Flugzeug anreisen wollten, sind schon da, und ihr Hotel liegt nur wenige Kilometer entfernt. Und Robert wohnt ganz in der Nähe.«
Robert Yoully ist ein alter Bekannter meines Vaters und zufällig auch ein ordinierter Geistlicher. Er wird die Trauung vollziehen.
»Was ist mit Isabel?«, frage ich.
»Ihr Mann hat einen großen Truck. Sie werden es schon schaffen.«
Zum Hochzeitsdinner servieren wir Isabels Lasagne. Dies natürlich auf Ingrids ausdrücklichen Wunsch.
»Na gut«, sagt mein Vater und klopft mir noch einmal auf die Schulter. »Ich gehe jetzt ins Bett. Morgen ist ein großer Tag.«
Er gibt mir einen Kuss auf den Hinterkopf und steigt dann die Treppe hinauf.
Zum hundertsten Mal in den letzten Monaten überlege ich, ob ich ihn nicht wieder zu mir rufen und ihn nach seiner Vergangenheit fragen soll. Warum Ermittler der US-Armee bei Isabel aufgetaucht sind und sich nach einer Haarprobe meines Vaters erkundigt haben, die ich Isabel an ein DNA-Testlabor hatte schicken lassen. Ich möchte wissen, warum seine DNA-Probe eine Warnmeldung ausgelöst hat, obwohl er meines Wissens nie beim Militär war.
Zum Glück ist Isabel flink im Kopf, und sie hatte den Ermittlern erzählt, dass die Haarprobe einem ihrer Onkel gehören würde, der nach Mexiko zurückgekehrt sei. Dennoch wäre es für die Ermittler sicher ein Leichtes gewesen, diese Lüge aufzudecken, eine Verbindung zwischen ihr und mir und schließlich zu Richard Bins herzustellen.
Doch als einen Monat lang nichts passierte und dann zwei, vergaß ich es. Ich beschloss, dass es eine Art Verwechslung gewesen sein musste. Schließlich begann die Hochzeitsplanung, und das Ganze verschwand langsam aus meinem Bewusstsein, verdrängt durch Fragen der Farbgestaltung, des Blumendekors und der Weinauswahl.
Apropos, ich öffne meinen Laptop und finde den Terminplan, den mir mein Vater per E-Mail geschickt hat.
3:00 Uhr–3:03 Uhr – Smoking anziehen/Zähne putzen/Haare kämmen
Nur drei Minuten?
Was ist, wenn ich auf die Toilette muss?
3:03 Uhr–3:08 Uhr – Small Talk mit Gästen
3:08 Uhr–3:17 Uhr – Zeremonie
3:17 Uhr–3:20 Uhr – Fotos
3:20 Uhr–3:23 Uhr – Champagner-Toast
3:23 Uhr–3:31 Uhr – Abendessen
3:31 Uhr–3:34 Uhr – Tortenzeremonie
3:34 Uhr–3:39 Uhr – Erster Tanz (»All of Me«/John Legend)
3:39 Uhr–3:44 Uhr – Vater-Tochter-Tanz (»Isn’t She Lovely«/Stevie Wonder)
3:44 Uhr–3:58 Uhr – Freier Tanz (*siehe Ingrids Playlist)
3:58 Uhr–4:00 Uhr – Zeit für Braut und Bräutigam
Zeit für Braut und Bräutigam?
Zwei Minuten?
Ich lache.
Ich frage mich, ob das Ingrids Zeitvorgabe oder die meines Vaters ist.
Als Nächstes überprüfe ich die Webcam, um sicherzustellen, dass sie funktioniert, öffne das Videoprogramm, das ich heruntergeladen habe, und versetze dann den Laptop in den Schlafmodus.
Es ist 3:42 Uhr.
Ich höre ein Getrappel auf der Treppe und drehe mich um.
Es sind LAM.
Lassie, Archie und Murdock.
Die drei kommen zum Tisch und setzen sich auf ihre Hinterbeine. Archie muss das noch lernen und kippt nach hinten um.
Ich lache und frage dann neckend: »Was wollt ihr denn hier?«
Sie schauen alle nach oben.
Es ist, als könnten sie auf Kommando die Größe ihrer Augen vervierfachen.
»Gut.«
Die Hälfte meiner »Henkersmahlzeit« ist noch übrig, also gehe ich Schüsseln holen und verteile sie.
Alle drei verschlingen ihr Essen.
Mir fällt auf, dass Lassie ein halbes Stück Speck in seiner Schüssel zurücklässt. Er stupst Archie an und nickt in Richtung Speck. Archie verschlingt ihn, und Lassie springt auf meinen Schoß.
»Das war nett von dir.«
Miau.
»Du hast Archie dein letztes Stück Speck gegeben.«
Miau.
»Knochig? Er ist ein Kätzchen. Kätzchen sollen dürr sein.«
Wir drehen uns beide um und schauen Archie zu. Murdock liegt auf der Seite, und Archie spielt mit seinem Schwanz. Er trainiert Schattenboxen damit.
»Hast du dir eine Strafe überlegt?«, frage ich Lassie. »Dafür, dass er meinen Wecker kaputt gemacht hat?«
Miau.
»Er darf zwei Tage lang keinen Justin Timberlake hören? Das scheint mir nicht sehr hart zu sein.«
Miau.
»Das wäre dein schlimmster Albtraum? Noch schlimmer als dein wiederkehrender Albtraum, dass du mit Nicolas Cage auf einem Karnevalskreuzfahrtschiff festsitzt?«
Miau.
»Ich weiß, er ist dein Voldemort.«
Miau.
»Entschuldigung, dein Er-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf.«
Ein paar Sekunden vergehen, dann schaut er auf.
Er legt seine beiden Vorderpfoten auf meine Brust und verengt seine orangefarbenen Augen über seiner Nase. Ich habe ihn noch nie so ernst gesehen.
Miau.
»Du meinst, ich sollte die Hochzeit abblasen?«
Miau.
»Ja, mir ist schon klar, dass Ingrid, wenn ich sie morgen heirate, die einzige Frau ist, mit der ich für den Rest meines Lebens Sex haben werde.«
Miau.
»Das liegt daran, dass du noch nie verliebt warst.«
Miau.
»Brenda?«
Miau.
»Ein Igel? Was meinst du damit?«
Miau.
»Ein kleines nachtaktives Säugetier mit stacheligem Fell und kurzen Beinen, das sich zur Verteidigung zu einem Ball rollen kann?«
Miau.
»Je dorniger, desto besser?«
Miau.
»Die eine, die dir entgangen ist?«, sage ich mit einem Lachen. »Vielleicht findest du eines Tages deine Brenda, und dann wirst du es verstehen.«
Mein Handy-Alarm ertönt.
Um 3:50 Uhr.
»Wir müssen die Diskussion später fortsetzen, Kumpel.«
Ich befördere ihn auf den Boden, gehe dann nach oben und verbringe die nächsten fünf Minuten mit Duschen und Rasieren.
Ich öffne den Schrank und vergewissere mich, dass mein Smoking bereit hängt.
Um 3:58 Uhr lege ich mich hin.
Archie und Lassie springen beide auf das Bett und rollen sich auf meiner Brust zusammen.
Sie wissen, dass heute eine besondere Nacht ist.
Meine letzte Nacht als Junggeselle.
Zum ersten Mal seit langer Zeit erwache ich eine Minute früher.
2:59 Uhr.
Ich werte das als gutes Zeichen.
Ich setze mich auf und schaue aus dem Fenster. Es liegen ein paar Zentimeter Schnee, dichte Flocken fallen in spitzem Winkel vom Himmel. Vor dem Haus meines Vaters parken fünf oder sechs Autos, darunter ein großer Ford-Truck, der mit ziemlicher Sicherheit Isabels Mann gehört.
Ich lächle.
Ich brauche drei Minuten, um meinen Smoking, meine Schuhe und meine schwarze Fliege anzuziehen.
Ich laufe ins Badezimmer, putze mir die Zähne – Ingrid könnte die Hochzeit abblasen, wenn ich mit dreiundzwanzig Stunden altem Morgenatem auftauche – und verlasse dann das Badezimmer.
Vom oberen Treppenabsatz aus spähe ich nach unten.
Das Wohnzimmer ist völlig verwandelt. Eine erstaunliche Reihe von Lichterketten wurde gespannt, die etliche Sträuße von Gerbera, Ingrids Lieblingsblumen, beleuchten. Es gibt zwei hohe Tische; der eine ist mit Horsd’oeuvres bedeckt, der andere mit einer zweistöckigen Hochzeitstorte. Ein mit einem burgunderroten Teppich ausgelegter Gang teilt zwölf weiße Stühle und verläuft von der untersten Treppe zu dem Torbogen, der nun mit grünen Efeuranken verziert ist. In der hinteren Ecke befinden sich ein Keyboard sowie ein Stativ und eine Videokamera.
Ich betrachte die Handvoll Menschen – die meisten halten ein Glas Wein in der Hand – und steige dann die Treppe hinunter. Alle Köpfe schwenken in meine Richtung, als ich die unterste Stufe erreiche.
Ein paar Leute klatschen.
Mein Vater, der so nobel aussieht, wie es mit einem zwanzig Jahre alten Smoking möglich ist, eilt auf mich zu und sagt: »Fünf Minuten Small Talk. Los!«
»Na gut«, sage ich mit einem Lachen. »Wo ist Ingrid?«
»Sie ist in meinem Schlafzimmer.«
»Richtig, ich darf sie nicht sehen.«
Mein Vater nickt und schiebt mich dann in Richtung von Ingrids Eltern und Schwester.
Ihr Vater hat die Statur eines Linebackers, der allerdings in den letzten drei Jahrzehnten ein bisschen viel Fett angesetzt hat. Im Gegensatz zu meinem Vater hat er volles, hellbraunes Haar, obwohl er es vermutlich färbt. Er streckt seine Hand aus und sagt: »Bist du bereit dafür?«
Ich zucke mit den Achseln und sage: »Eigentlich nicht, aber da alle extra mitten in der Nacht aufgetaucht sind, können wir es genauso gut durchziehen.«
Zum Glück findet er das lustig.
Dann stellt er mir Ingrids große Schwester vor. Sie ist ihre Halbschwester aus Dons erster Ehe und zwölf Jahre älter als Ingrid. Sie umarmt mich und erzählt mir, wie viel sie schon über mich gehört hat. Ich erwidere, dass ich auch schon viel von ihr gehört habe, obwohl Ingrid sie in Wahrheit vorher nur einmal erwähnt hatte. Hätte ich mehr Zeit zur Verfügung gehabt, hätte ich wohl mehr über sie erfahren, aber Ingrid ist ziemlich gut in dem, was sie das »Strukturieren deiner Zeit« nennt.
Ich umarme ihre Mutter und mache ihr ein Kompliment, wie schön sie in ihrem eleganten lavendelblauen Kleid aussieht, dann setze ich meine Runde fort.
Isabel ist die Nächste.
Sie ist zierlich, selbst mit fünf Zentimeter hohen Absätzen immer noch einen Kopf kleiner als ich, und sie trägt ein hellbraunes Kleid. Ich beuge mich hinunter und gebe meiner Haushälterin/Köchin/Assistentin der Geschäftsführung/zeitsparenden guten Fee einen Kuss und danke ihr, dass sie ihre Lasagne mitgebracht hat. Sie verkündet mir, dass sie vier volle Tabletts herbeigeschleppt hat, die für dreißig Personen ausreichen, dann stellt sie mir den Mann mit dem Schnurrbart neben sich vor.
Jorge.
Er umarmt mich lange und dankt mir dann herzlich für das Weihnachtsgeschenk, das ich ihnen gemacht habe: eine Reise für ihre ganze kleine Familie – sie haben zwei niños – nach Disney World.
»Donde Archie?«, unterbricht uns Isabel.
Wegen meiner einen Stunde und Ingrids verrücktem Dienstplan als Detective der Mordkommission hat Isabel mehr Zeit mit Archie verbracht als irgendjemand sonst, und sie ist absolut vernarrt in ihn.
Ende der Leseprobe
