2,99 €
Projekt Sandmann: Ein Experiment der CIA, in das höchste Regierungskreise verwickelt sind. Bis hin zum Präsidenten der USA. Projekt Sandmann: Ein Experiment, das außer Kontrolle geraten ist. Und Henry Bins scheint eines seiner Opfer zu sein. Im verzweifelten Kampf gegen seine Schlafkrankheit, die ihm einen Großteil seines Lebens nimmt, kommt Bins den Hintermännern des menschenverachtenden Projekts auf die Spur. Un die müssen ihn zum Schweigen bringen ... unverzüglich und gnadenlos!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2022
Mehr über unsere Autorinnen, Autoren und Bücher:
www.Piper.de
Übersetzung aus dem Amerikanischen von Alexander Wagner
© Nick Pirog 2016
Titel der englischen Originalausgabe:
3:34 A. M.
© Piper Verlag GmbH, München 2022
Published in agreement with the author, c/o Baror International, Inc., Armonk, New York, U. S. A.
Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)
Covergestaltung: zero-media.net, München
Coverabbildung: Finepic®, München
Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.
In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich der Piper Verlag die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.
Cover & Impressum
:00
:01
:02
:03
:04
:05
:06
:07
:08
:09
:10
:11
:12
:13
:14
:15
:16
:17
:18
:19
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Ich befinde mich im Weißen Raum. Meine Mutter starrt aus grünen Augen auf mich herab. Sie streift ihr vorwiegend graues Haar zurück und bindet es zu einem Pferdeschwanz. Dann hebt sie ihre rechte Hand. Sie hält einen Hammer. Der Stiel ist scharlachrot, oder zumindest wirkt er scharlachrot, infolge des ganzen getrockneten Blutes. Der Stiel ist möglicherweise aus Holz oder Metall. Schwer zu erkennen. Der verchromte Hammerkopf, gereinigt und perfekt poliert, reflektiert den Glanz des hellen Deckenlichts und schimmert weißgolden. Ich zerre mit den Armen an den Klettverschlüssen, aber sie geben nicht nach.
Der Hammer trifft meine linke Hand.
Meine Knöchel brechen. Ich habe keine Ahnung, wie viele.
Der Hammer saust ein zweites Mal herab.
Dann ein drittes Mal.
Sie macht weiter, bis meine linke Hand nur noch Brei ist. Bis jeder einzelne Knochen gebrochen ist.
Der Schmerz ist unbeschreiblich. Unvorstellbar. Ein Schmerz, von dem man nicht glaubt, sich nicht wünscht, dass er in dieser Welt existiert.
Meine Mutter geht um den Tisch herum, bis sie auf der gegenüberliegenden Seite steht. Sosehr sie es auch zu vermeiden versucht hat, sie ist mit meinem Blut befleckt. Spritzer überall auf ihrem Laborkittel, auf ihrem Hals und Kinn. Kleine Sommersprossen, die Spuren von Schmerz und Zerstörung.
»Ich frage dich jetzt ein letztes Mal«, sagt sie fast emotionslos. »Wo ist der USB-Stick?«
Ich schüttele den Kopf. Ich habe keine Ahnung. Wie oft soll ich es ihr denn noch sagen? Der Präsident hat mir keinen USB-Stick gegeben. Das stimmt wirklich. Ich schwöre es.
Sie hebt den Hammer.
Lässt ihn herabdonnern.
Ich erwache keuchend.
Ich brauche zwanzig Sekunden, um zu begreifen, dass ich nicht mit meiner Mutter im Weißen Raum bin. Dass ich seit über zwei Wochen nicht mehr dort bin.
Ich stemme mich hoch und schaue auf die Uhr mit Wetteranzeige auf dem Nachttisch.
3:01 Uhr.
7. Juli.
26 Grad.
Ich liege in meinem Bett aus Jugendzeiten, in dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin.
Mein Apartment ist immer noch unbewohnbar. Es wurde bei der Suche nach dem USB-Stick auf den Kopf gestellt und komplett ruiniert. Ich habe es nicht persönlich gesehen, aber Ingrid hat mir auf ihrem Handy Bilder davon gezeigt. Jeder Schrank wurde in seine Einzelteile zerlegt, jeder Lebensmittelbehälter ausgekippt, jedes Kissen zerfetzt, jede Wand systematisch niedergerissen, jeder Zentimeter der Verkleidung herausgerissen. Jeder Winkel, jede Ritze: aufgebrochen, durchsucht und dann mutwillig zerstört.
Die Handlanger meiner Mutter hatten genügend Zeit, mein Apartment zu durchsuchen. Und zwar von vier Uhr morgens am 18. Juni – dem Zeitpunkt, an dem Lassie, Ingrid und ich das Flugzeug nach Fairbanks, Alaska, bestiegen hatten – bis zweiundzwanzig Uhr desselben Tages, als Ingrid und Lassie schließlich ihre Betäubung abschüttelten und Ingrid die Polizei verständigte. Achtzehn Stunden, um den Stick zu finden, den ich angeblich dort verborgen hielt.
Während Ingrid und Lassie betäubt und im Auto verstaut worden waren, hatte man mich an einen unbekannten Ort geschafft – in den Weißen Raum –, wo meine Mutter mir etwas verabreicht hatte, das ich nur als einen synthetischen Albtraum beschreiben kann. In den nächsten dreiundzwanzig Stunden, die sich für mich wie dreiundzwanzig Tage anfühlten, hatte ich dann versucht, in der Wildnis Alaskas zu überleben.
Selbst einen halben Monat später fällt es mir immer noch schwer zu glauben, dass die ganzen Ereignisse nur eingebildet gewesen waren: das Erdbeben, der Fluss, die Wildnis, Opik, Lassie, all das nur eine Täuschung des Nervensystems. Mein eigenes Gehirn hatte mich ausgetrickst – stimuliert durch ein Präparat, das in meinen Blutkreislauf injiziert worden war, entwickelt für ein Projekt, das meine Mutter das Schlafkontrollprogramm nannte.
Wenn ich meine Augen schließe, kann ich Opik immer noch auf der Sandbank liegen sehen. Sein Atem geht stockend, die klaffende Wunde an seiner Seite blutet stark und wird ihm den Tod bringen. In Zeitlupe kann ich die Bilder vor meinem inneren Auge ablaufen lassen, wie Lassie in dem Kanu davongetrieben wird, auf Nimmerwiedersehen.
Ich schaue nach links, wo der schwarzbraune Kater neben meiner Hüfte eingerollt liegt.
Ich reibe sanft eines seiner Ohren zwischen Daumen und Zeigefinger. Gott, hätte ich ihn vermisst.
Wie auch immer, nachdem Lassie und Ingrid im Auto aufgewacht waren, hatte sie die Polizei gerufen, und sie waren zu dem Privatflugplatz gerast. Das Flugzeug war nicht mehr da, und nach stundenlangen Ermittlungen hatte sich herausgestellt, dass es vollständig vom Radar verschwunden war.
Und mit ihm ein gewisser Henry Bins.
Erst als Ingrid zu unserer Wohnung zurückgefahren war, hatte sie die Verwüstung entdeckt.
Aber die Wohnung war nicht ihre größte Sorge gewesen.
Ich war verschwunden.
Sie hatte sämtliche ausstehenden Gefallen bei der Polizei von Alexandria, der Polizei von DC und sogar beim FBI eingefordert. Vierundzwanzig Stunden nach meinem Verschwinden hatten alle Behörden in einem Umkreis von zweihundert Kilometern nach mir gefahndet.
Die Suche sollte nicht lange dauern.
Am nächsten Tag – am Morgen des 20. Juni um 8:30 Uhr – fand mich ein Bauer. Ich schlief in seinem Tomatengarten.
In Michigan.
Als ich aufwachte, befand ich mich in einem Krankenhaus in Lansing. Ich war in meinem Leben schon oft in Krankenhäusern aufgewacht – mit Gehirnerschütterungen, genähten Wunden, einer ausgekugelten Schulter, einem zerrissenen Trommelfell –, doch diesmal konnte ich nicht aufhören zu schreien.
Ich dachte, ich wäre immer noch im Weißen Raum.
Das Letzte vor dem Aufwachen, an das ich mich erinnerte, war, dass meine Mutter mich nach dem USB-Stick gefragt und ein Mann in einem blauen Kittel eine mit rosa Flüssigkeit gefüllte Spritze hochgehalten hatte. Ich hatte erwartet, auf eine weitere dreiundzwanzigtägige Albtraumreise geschickt zu werden, eine weitere Folterrunde – Entschuldigung, ich meine natürlich ein verschärftes Verhör –, in der Hoffnung, ich würde irgendwann zusammenbrechen und ihnen preisgeben, was sie wissen wollten.
Aber offenbar hatte meine Mutter mir irgendwann Glauben geschenkt, oder vielleicht hatte sie sogar einen Anflug von Mitleid mit ihrem Sohn empfunden, vielleicht eine Spur von Reue, dass sie ihr eigenes Fleisch und Blut schon im Säuglingsalter für Experimente missbraucht hatte. Möglicherweise hatte sie endlich einmal etwas Mitgefühl gezeigt, weil sie seinen Zustand verschuldet hatte, seine Eine-Stunde-pro-Tag-Existenz.
Wesentlich wahrscheinlicher war jedoch, dass ihr klar geworden war, dass ich mich, sobald sie mich gehen lassen würde, sofort auf die Suche nach diesem USB-Stick machen und sie direkt zu ihm führen würde.
Also hatte sie mich gehen lassen.
Sie hatte mich im Tomatengarten irgendeines Typen abgeladen.
Zum Glück waren Ingrid, mein Vater und Lassie im Krankenhauszimmer, als ich aufwachte. Trotzdem dauerte es zehn Minuten, bis meine Herzfrequenz unter hundertachtzig gesunken war.
Die nächsten Tage verstrichen wie hinter einer Nebelwand.
Nachdem bekannt wurdeworden war, was mir zugestoßen war, dass ich von einer der berühmtesten Folterspezialistinnen der CIA entführt worden war, die auch eine der meistgesuchten Flüchtigen der Welt war, wollten alle mit mir sprechen.
Ingrid setzte sich für mich ein, und so musste ich mich lediglich drei Stunden – immerhin drei Tage – vor eine Videokamera hocken, um von ihr, dem neuen Direktor der CIA und Red, dem Leiter des Secret Service des Präsidenten, befragt zu werden.
Der neue Direktor der CIA zeigte sich besonders an dem interessiert, was meine Mutter als das Schlafkontrollprogramm der CIA bezeichnet hatte.
Sofern es überhaupt existierte, hatte er nie davon gehört, ebenso wenig wie seine Kollegen.
Ich beschrieb ihnen den Weißen Raum, aber das brachte sie nicht wirklich weiter. Da ich in Michigan aufgefunden worden war, konzentrierte sich die Suche der CIA auf diese Region, obwohl der Weiße Raum natürlich überall im Radius von vier Stunden Flugzeit, also in einem Gebiet von etwa dreitausend Quadratkilometern hätte liegen können.
Als die Videokamera ausgeschaltet und der Direktor der CIA gegangen war, vertraute ich Ingrid und Red an, dass meine Mutter nicht nur nach einem USB-Stick gesucht hatte; sie hatte nach einem USB-Stick gesucht, den mir der Präsident der Vereinigten Staaten anvertraut hatte. Red, der Connor Sullivan seit dem College kannte, bestätigte, dass der Präsident mir niemals einen USB-Stick gegeben hatte. Und in einem kurzen persönlichen Telefongespräch mit Sullivan bekräftigte der Präsident dies.
Alle anderen Hinweise – die Beschreibung des Raums, der Arzt im blauen Kittel, meine Mutter, das Schlafkontrollprogramm der CIA, meine eigene Rolle als Versuchskaninchen in den frühen Phasen der Experimente und der Forschungsarbeit sowie alles Weitere, worüber ich berichten konnte – wurden dokumentiert und an diverse Regierungsbehörden weitergeleitet.
Die CIA wollte meine Mutter finden.
Das Heimatschutzministerium wollte meine Mutter finden.
Das FBI wollte meine Mutter aufspüren.
Aber keine dieser Behörden wollte sie so dringend aufspüren wie ich selbst.
Sie war verantwortlich für meinen Zustand. Und ich hoffte, wenn ich sie finden würde, könnte sie ihn vielleicht rückgängig machen.
Es gab nur eine Möglichkeit, sie zu finden. Ich musste den Stick vor ihr auftreiben.
Dann würde sie ganz von allein zu mir kommen.
»Hey, Dumpfbacke!«
Lassie blinzelt ein paarmal mit seinen orangefarbenen Augen, dann streckt er eine Kralle nach mir aus. Ich puste ihm ins Gesicht, was er hasst, woraufhin er den Kopf schüttelt und seine Schnurrhaare auf und ab wippen.
»Zeit zum Aufstehen.«
Miau.
»Du hattest einen Albtraum? Worum ging es?«
Miau.
»Justin Timberlake war tot. Das war dein Albtraum?«
Miau.
»Oh, sorry. Er war also nicht tot. Er war nur gelähmt, sodass er nicht mehr tanzen konnte. Ja, das ist erschreckend. Dagegen wirkt mein Albtraum von meiner Mutter, die mir die Hand mit einem Hammer zermalmt, richtiggehend harmlos.«
Miau.
»Ja, ich nehme an, ich könnte trotz der Hand noch tanzen.«
Ich drehe ihn um und kitzle ihn. Wir ringen eine Minute lang miteinander, bis er aufgibt.
Ich schaue auf die Uhr. 3:04 Uhr.
Vier Minuten sind vergangen.
Ich werfe die Decke ab und stehe auf.
Mein Jugendzimmer hat sich in den zehn Jahren, die ich weg war, nicht wesentlich verändert. Es fehlen die üblichen Poster, Trophäen oder Videospielkonsolen, die man in so einem Zimmer erwarten würde. Ich hatte keine Zeit für solche Dinge, allerdings gibt es ein einziges Poster von Prince, dem ich mein minimales Budget für Schwärmerei widmete. Es gibt ein riesiges Whiteboard, das ich benutzte, als ich mit dem Online-Handel begann. Ich notierte darauf die Aktien, die ich zu kaufen beabsichtigte, und stellte ihre Entwicklung grafisch dar. Doch abgesehen von diesen beiden Absonderlichkeiten sind die Wände kahl.
Es gibt eine kleine Kommode, ein Bett und einen Nachttisch. Neben dem Schrank liegen zwei Zehn-Kilo-Gewichte und ein Bauchmuskelrad.
Der Raum fühlt sich beengend an.
Ich kann es kaum erwarten, in meine Wohnung nach Alexandria zurückzukehren.
Nach Angaben der Firma, die den Umbau durchführt, dauert es noch zwei Wochen, bis Ingrid und ich wieder einziehen können.
Ich zähle die Sekunden.
Aber eigentlich zähle ich ja immer die Sekunden.
Ich schnappe mir Lassie und verlasse das Zimmer. Das Zimmer meines Vaters befindet sich gleich links, und ich stecke den Kopf hinein. Er schläft tief und fest auf der rechten Seite des Bettes. Auf der linken Hälfte liegt Murdock, sein siebzig Kilo schweres Schoßhündchen, und wirkt dabei fast menschlich. Der englische Mastiff hat seinen Kopf auf das Kissen gebettet und ist über die gesamte Länge des Bettes ausgestreckt.
Ein Ventilator wirbelt die stickige Sommerluft Virginias durch den Raum.
Ein weiterer Grund, warum ich es nicht erwarten kann, in meine Wohnung in Alexandria zurückzukehren – die Klimaanlage.
Lassie springt mir aus den Armen, hüpft auf das Bett und kuschelt sich an Murdocks Seite. Murdock öffnet ein großes bernsteinfarbenes Auge, hebt dann langsam eine seiner riesigen Pfoten, schlingt sie um Lassie und zieht ihn fest an sich.
Ich schiebe die Tür zu drei Vierteln zu und steige dann die Treppe hinunter.
Wenn ich in der ersten Woche meines Aufenthalts hier aufgewacht war, hatte mein Vater bereits am Küchentisch gesessen und eine Tasse Kaffee getrunken.
»Wie geht’s, Sonnyboy?«, hatte er dann gefragt. »Du hast dich die ganze Nacht herumgewälzt«, hatte er hinzugefügt.
Das ist das Problem, wenn man Henry Bins hat. Wenn dich ein Albtraum quält, kannst du nicht daraus erwachen.
Bald war es mir zu viel geworden, sein tägliches Verhör, wie ich mit all dem fertigwürde. Bis ich meinem Vater versichert hatte, dass jede Nacht leichter würde, mir meine Mutter in der Nacht keinen einzigen Fingernagel ausgerissen habe und ich kein einziges Mal einem Waterboarding unterzogen worden sei, war immer ein Drittel meines Tages vorüber gewesen.
Zum Glück hat er in den letzten Tagen meine Stunde verschlafen und mir so meinen Freiraum gelassen.
Was Ingrid betrifft, so konnten wir nach einem tränenreichen Wiedersehen im Krankenhaus und nach drei zermürbenden Tagen der Befragung endlich wieder die Nächte zusammen verbringen. Als ich in der ersten Nacht neben ihr aufwachte und sie beim Schlafen betrachtete, konnte ich nicht umhin, an den Albtraum zurückzudenken; ich erinnerte mich an den Moment, als sie mir eröffnete, sie sei schwanger.
Die Vorstellung, ein Teilzeit-Dad zu sein und ein Kind aufzuziehen, obwohl ich täglich nur eine Stunde Zeit habe, hatte mich damals wütend gemacht.
»Ich bin nur eine Stunde am Tag wach!«, hatte ich sie angeschrien. »Was verstehst du daran nicht? Sechzig Minuten ist alles, was ich kriege, und jetzt soll ich mich um ein Baby kümmern?«
Sicher, das war nicht die Realität gewesen, sondern eine durch Chemikalien und veränderte Neuronen simulierte Welt, aber vermutlich hätte ich ziemlich genau so reagiert.
Dann war da noch das Erdbeben.
Und Opik.
Ich hatte niemandem von Opik erzählt. Es war zu schmerzhaft. Außerdem wusste ich nicht, wie er in meinen Albtraum passte. Wie hatte sich ein kleiner Eskimojunge in mein Unterbewusstsein schleichen können? Warum hatte ich mich für den Namen Opik entschieden? Da gab es so viele Fragen.
Trotzdem hatte mich der kleine Junge, ein Hirngespinst meiner Fantasie, offenbar nachhaltig beeindruckt.
Wenn es eine Gewissheit gibt, die aus meinem Albtraum erwachsen ist, dann die, dass ich Vater werden möchte.
Ich fühle mich schrecklich, weil ich das für mich behalte und es nicht mit der Frau teile, die ich liebe, mit der ich zusammenlebe. Aber bevor ich ihr sagen kann, wie ich empfinde, brauche ich Antworten.
Antworten über meine Mutter.
Und über meinen eigenen Vater.
::::
Isabel war alle paar Tage bei meinem Vater vorbeigekommen, was ihn zunächst sehr irritiert hatte. Verständlicherweise. Für ihn musste ihre Anwesenheit wie ein Hinweis darauf wirken, dass er sich nicht ausreichend um seinen Jungen kümmern konnte, was er doch siebenundzwanzig Jahre lang hervorragend getan hatte. Aber nachdem mein Vater drei Bissen von Isabels legendären Enchiladas gekostet und beim Aufwachen sein Haus tipptopp sauber vorgefunden hatte, änderte er seine Meinung und war nun ihr größter Fan.
Ich öffne den Kühlschrank und nehme eines von Isabels legendären Reuben-Sandwiches heraus – dünn geschnittene Pastrami, extra Sauerkraut, extra Senf, auf geröstetem Roggenbrot –, begebe mich dann zum Küchentisch und klappe meinen Laptop auf.
Während ich die Hälfte des Sandwichs verspeise, schaue ich nach meinen Aktien. Alles sieht gut aus, und ich behalte meine Algorithmen bei. Die nächsten fünf Minuten verbringe ich damit, mir die erste Episode der dritten Staffel von Game of Thrones anzusehen und dazu die zweite Hälfte des Sandwichs zu verschlingen.
Um 3:17 Uhr öffne ich meine E-Mails und finde einen Thread von AST, Advanced Surveillance and Tracking.
Die letzte E-Mail, die ich von AST erhielt, stammt vom vergangenen Oktober. Es war eine Rechnung des Firmeninhabers Mike Lang, den ich in den letzten drei Jahren für die Suche nach meiner Mutter bezahlt hatte.
Was er auch getan hatte.
Nur war die Frau, die er für meine Mutter gehalten hatte, in Wirklichkeit gar nicht sie.
Ich habe Mike nie erzählt, was wirklich geschehen war: Obwohl die Fingerabdrücke der Unbekannten, die aus dem Potomac-Fluss gezogen worden war, mit denen meiner Mutter übereinstimmten, war das alles ein ausgeklügeltes Manöver von Präsident Sullivan gewesen, um den Standort der Black Sites der CIA auszuräuchern, die hier in den Vereinigten Staaten illegal operierten.
Diesmal ist es jedoch nicht meine Mutter, wegen der ich Mike kontaktiert habe.
Sondern wegen meines Vaters.
Ich komme nämlich nicht umhin, mich zu fragen, wo mein Vater gewesen war, als meine Mutter angeblich als Kleinkind an mir experimentierte. Was hatte er während dieser Zeit getan? Hatte er seinen Kopf so tief in den Sand gesteckt, dass er nicht mitbekommen hatte, wie meine Mutter mich als ihr persönliches Versuchskaninchen missbraucht hatte? Wie hatte er das einfach ignorieren können?
Außerdem fällt es mir schwer, ihm diese ewige Geschichte abzukaufen, der zufolge er und meine Mutter mich am Tag meiner Geburt aus dem Krankenhaus nach Hause gebracht hätten, um dann am nächsten Tag, als ich nur eine Stunde wach war, festzustellen, dass etwas mit mir nicht stimmte. Das würde nämlich bedeuten, ich wäre mit diesem Zustand geboren worden, was jedoch laut John LeHigh, dem Ex-Direktor der CIA, und meiner Mutter nicht zutraf.
Irgendetwas war da faul.
Ich drücke auf »Antwort« und tippe:
Hey Mike,
ich habe ein neues Projekt für Sie, falls Sie Zeit haben. Ich stelle gerade für meinen Vater ein Scrapbook zusammen und möchte nicht, dass er davon erfährt. Ich habe mich gefragt, ob Sie seine Geburtsurkunde für mich ausgraben können. Und wenn Sie schon dabei sind, meine gleich auch. (Ich kann sie nirgendwo finden.) Und wenn Sie etwas über meine Großeltern finden, könnten Sie das bitte ebenfalls mitschicken?
Der Name meines Vaters ist Richard William Bins. Geboren am 1.8.1950 in Des Moines, Iowa, glaube ich. Nennen Sie mir Ihren Preis, und melden Sie sich bei mir.
Henry
Ich drücke auf »Senden«.
Dann mache ich mich wieder auf den Weg nach oben. Zurück in meinem Zimmer knie ich mich hin, hebe die Matratze vom Lattenrost (hier versteckte ich in meiner Jugend einen Playboy – ich hatte immer nur einen, Dezember 1995, Samantha Torres) und ziehe die rote Aktenmappe hervor.
Ich war ziemlich überrascht, als Ingrid mir erzählte, dass die Mappe noch im Safe gelegen hatte, als sie in die Wohnung zurückgekehrt war. Gewissermaßen eine Oase der Ordnung inmitten einer Wüste des Chaos, der Tresor stand offen, die rote Mappe lag friedlich im mittleren Fach.
Die einzigen anderen Dinge, die sich noch im Safe befunden hatten, waren zwei von Lassies begehrten Jingle-Bällen gewesen, und einer dieser Schwachköpfe, die die Wohnung verwüstet hatten, hatte sie offenbar mitgenommen.
Zu behaupten, Lassie sei über diese Tatsache bestürzt, wäre eine Untertreibung. Ich wusste nicht einmal, dass Katzen weinen können.
Ich gehe wieder nach unten, hole mir einen Erdnussbutter-Smoothie aus dem Kühlschrank und lasse mich in den ledernen Sessel meines Dads fallen.
Lassie tappt die Treppe hinunter und springt mir auf den Schoß.
»Hey, Kumpel.« Ich kraule ihn hinter den Ohren. »Als ich dich das letzte Mal gesehen habe, schienst du ein gemütliches Plätzchen gefunden zu haben.«
Miau.
»Murdock hat ständig gefurzt?«
Miau.
»Mein Vater auch?«
Miau.
»Ja, das muss vom Sauerkraut gewesen sein.«
Miau.
»Murdock hat sieben Reubens verschlungen? Wow, ja, das grenzt natürlich an eine Gefahr für die nationale Sicherheit.«
Ich halte ihm einen Löffel mit Erdnussbutter-Smoothie hin, und er schleckt ihn auf. Die nächsten fünf Minuten verbringen wir damit, uns den Smoothie zu teilen, dann rollt er sich auf meinem Schoß zusammen und schläft ein.
Ich stelle das leere Glas auf dem kleinen Beistelltisch ab und nehme mir die rote Aktenmappe vor. In der vergangenen Woche hatte ich jeden Tag zehn Minuten damit verbracht, die Seiten zu studieren.
Die erste Seite besteht aus einem großformatigen Foto meiner Mutter. Die Landschaft hinter ihr ist grün und üppig. Meine Mutter steht vor sechs Männern, die alle offenbar südamerikanischer Abstammung sind. Sie sind dreckverschmiert, und drei von ihnen haben kein Hemd an. Meine Mutter hält eine Waffe auf sie gerichtet. Sie trägt Bluejeans und ein hellbraunes Hemd. Ihr Kopf ist der Kamera zugewandt, ihr kastanienbraunes Haar fällt über ihre Schultern, und ihre smaragdgrünen Augen schimmern in der Nachmittagssonne. Hohe Wangenknochen und ein kantiger Kiefer zeugen von ihrer osteuropäischen Abstammung. Ich schätze, dass sie auf dem Bild Ende dreißig ist.
Der Akte entnehme ich, dass das Foto zwischen 1985 und 1988 in Honduras aufgenommen wurde, also in den Jahren, in denen meine Mutter den honduranischen Behörden beigebracht hatte, wie man am besten Gefangene verhört.
Ich blättere zur nächsten Seite.
Meine Mutter wurde am 23. April 1948 als Elena Janev im ehemaligen Jugoslawien geboren – in dem Teil, der heute Mazedonien ist.
Im Alter von elf Jahren bestieg sie ein Schiff, reiste in die Vereinigten Staaten und weiter zu einem kleinen Ort in Vermont. Dort hatte sie einen Onkel, der ihr half, ihr lückenhaftes Englisch zu perfektionieren. Sie war die Klassenbeste in der Highschool und erhielt ein Vollstipendium für das MIT, wo sie Chemie mit Nebenfach Psychologie studierte. Sie schloss ihr Studium 1970 ab – also gegen Ende des Vietnamkrieges –, und aufgrund ihrer osteuropäischen Herkunft und ihres unkonventionellen Intellekts gab es zahlreiche Interessenten, darunter die Central Intelligence Agency der Vereinigten Staaten. 1971 begann sie ein CIA-Training in Langley, Virginia.
Nach Abschluss der Ausbildung wurde sie für das sogenannte »Extraordinary Rendition Program« der CIA rekrutiert, ein beschönigender Name für die Gefangennahme und Verhöre feindlicher Kämpfer sowie die Anwendung verschärfter Verhörmethoden, auch bekannt als Folter, um Informationen aus ihnen herauszuholen.
Die Jahre 1973 bis 1981 sind zensiert – riesige Blöcke mit geschwärzten Texten –, doch ich kann das Fehlende ansatzweise aus dem ergänzen, was ich durch den Ex-Direktor der CIA und meine Mutter am eigenen Leib erfahren habe.
Meine Mutter wurde Teil einer geheimen Operation, um die besten und effektivsten Strategien für verschärfte Verhöre zu entwickeln – eines illegalen Projekts, das sie als das Schlafkontrollprogramm bezeichnete.
Zur gleichen Zeit richtete die CIA im In- und Ausland Black Sites ein – geheime unterirdische Folterkammern –, was meiner Mutter und ihrem Team reichlich Gelegenheit gab, ihre neuen Techniken zu testen.
Dann, so mein Vater, begegnete er meiner Mutter im November 1976 in einem Café.
Er lernte sie unter dem Namen Sally Petracova kennen.
Ein Jahr später wurde sie Sally Bins.
Ich wurde am 12. Dezember 1978 geboren.
Meinem Vater zufolge kam ich mit meiner Krankheit auf die Welt, aber sowohl LeHigh als auch meine Mutter behaupteten, ich sei eines ihrer ersten Experimente gewesen, daher kann ich nur spekulieren, was damals tatsächlich passiert ist.
Das nächste Datum, das in der Akte nicht geschwärzt ist, ist der 15. April 1981, als sie nach Afghanistan reiste. In dieser Zeit wütete der sowjetisch-afghanische Krieg, und meine Mutter blieb sechs Wochen lang dort. Sie war oft länger weg, aber sechs Wochen waren schon eine sehr lange Zeit, um von ihrem dreijährigen Kind getrennt zu sein, und ich erinnere mich vage an ihre Abwesenheit. (Natürlich dachte ich, meine Mutter würde für eine Firma namens Global Geologist Unlimited arbeiten, die Ölvorkommen in verschiedenen Teilen der Welt erkundete. Ich hatte keine Ahnung, dass sie in Wahrheit mithilfe von Waterboarding Geheimnisse aus feindlichen Kämpfern herausholte.)
Die nächsten vier Jahre sind geschwärzt, bis zum Januar 1985, als sie nach Honduras reiste, wo sie drei Jahre lang blieb.
Dies passt zu meiner persönlichen Zeitachse, denn ich sah sie zuletzt an meinem sechsten Geburtstag, im Dezember 1984.
Die Zeitspanne von 1988 bis 2001 ist wiederum zensiert.
Im November 2001, zwei Monate nach dem Fall der Zwillingstürme, wurde meine Mutter dann in den Nahen Osten geschickt, zweifellos um ihre Fähigkeiten bei den Bemühungen einzusetzen, al-Qaida und Osama bin Laden auszuschalten.
Fünfzehn Monate später kehrte sie in die Staaten zurück.
Der nächste Eintrag in ihrer Akte ist der 19. August 2007.
In Übereinstimmung mit dem, was LeHigh mir erzählte, folterte meine Mutter einen jungen Mann zu Tode, nur um Tage später herauszufinden, dass er völlig unschuldig war.
Am nächsten Tag verschwand sie.
Niemand hat sie seither gesehen.
Niemand außer mir.
::::
Um 3:58 Uhr schnappe ich mir Lassie und kehre in mein Schlafzimmer zurück. Als ich am Zimmer meines Vaters vorbeikomme, stecke ich meinen Kopf hinein, und meine Augen beginnen sofort zu brennen.
Die Luft ist vergiftet durch die Dämpfe von Murdock und meinem Vater. Ich halte mit zwei Fingern Lassies Nase zu, und er lacht.
Wir legen uns ins Bett, und ich schreibe Ingrid eine SMS, dass ich sie morgen sehen möchte.
Mein Herz beginnt zu rasen, als die Sekunden gegen vier Uhr morgens ticken. Ich will nicht einschlafen. Ich weiß, dass ich die nächsten dreiundzwanzig Stunden auf der Flucht sein werde.
Ich renne vor meiner Mutter weg.
Zum ersten Mal seit über einem Jahr wache ich vorzeitig auf.
2:57 Uhr.
Drei zusätzliche Minuten.
In der Vergangenheit wäre ich ekstatisch gewesen und hätte die Minuten wie einen Geschenkgutschein für einen Einkaufsbummel genutzt. Dreißig zusätzliche Sekunden unter der Dusche. Eine zusätzliche Minute beim Training. Zwanzig Sekunden mehr für Zahnseide (die ich laut dem Zahnarzt, der zweimal im Jahr einen Hausbesuch zur Zahnreinigung macht, DRINGEND benötige). Aber nicht heute. Bis ich den Albtraum verarbeitet und meinen Atem wieder beruhigt habe, sind die zusätzlichen Minuten verflogen.
In meinem Traum hat mir meine Mutter einen weiteren dreiundzwanzigtägigen Albtraum gespritzt.
Ich war auf dem Meer ausgesetzt.
In einem kleinen Boot.
Mit einem Tiger.
Ja, es war seltsamerweise ähnlich wie in Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger, das ich mit zwanzig las (vier Minuten pro Tag im Laufe von zweihundertvier Tagen). Allerdings mit einem großen Unterschied: Der Tiger in meinem Traum war kein Tiger, sondern eine sehr, sehr große Version von Lassie.
Da wir gerade von ihm sprechen – als ich mich im Bett umschaue, ist er nirgendwo zu entdecken.
Während mein Albtraum sich langsam verflüchtigt und meine Atmung sich wieder normalisiert, bemerke ich ein leichtes Brennen an meinen Armen und im Gesicht.
Ich schalte das Licht ein und mustere meine Arme.
Sie sind mit leuchtend roten Kratzern bedeckt.
Ich springe aus dem Bett, rase in das kleine, angebaute Bad und schaue in den Spiegel. Gesicht, Hals, Ohren, Arme, jeder Zentimeter entblößter Haut ist mit roten, entzündeten Striemen bedeckt. Ich sehe aus wie ein Monster.
»LASSIE!«
Ich brauche ein paar Minuten, um ihn zu finden. Er versteckt sich in der Waschküche im Wäschekorb. Er versucht, in der Schmutzwäsche bis hinunter zum Boden zu tauchen, aber ich packe ihn am Hals und hebe ihn hoch.
Miau.
»Ich bin verrückt? Ich bin also verrückt?«, höhne ich. »Alter, du hast mich total zerkratzt.«
Miau.
»Ich habe dich angegriffen? Wovon sprichst du?«
Miau.
»Ich habe nicht geschrien: ›Ich werde dich fressen‹, und dir dann ins Ohr gebissen.«
Er zeigt es mir. Er hat getrocknete Blutspuren an einem Ohr.
Und dann fällt mir alles wieder ein.
Der Albtraum. Wie ich nach zwei Wochen ohne Nahrung beschloss, den Tiger alias Big Lassie zu essen. Ich packte ihn und biss ein großes Stück aus ihm heraus, aber dann zerfetzte er mich mit seinen Krallen und fraß mich auf.
»O mein Gott!«
Ich erkläre ihm, was passiert ist. Mein Albtraum. Dass ich ihn im Schlaf ausgelebt haben musste.
»Tut mir leid, dass ich dich auffressen wollte.«
Er verzeiht mir.
Ich gebe ihm einen Slim Jim Beef Jerky Stick, den ich für besondere Gelegenheiten aufgehoben habe, dann suche ich etwas Heilsalbe und verteile sie auf den Kratzern in einer Gesamtlänge von über zehn Metern.
Um 3:07 Uhr setze ich mich zum Frühstück.
Eine Minute später öffnet sich die Haustür, und Ingrid kommt herein. Sie trägt eine Jeans und ein blaues Tanktop. Ihr rotbraunes Haar ist zurückgebunden zu einem »Arbeitspferdeschwanz«, wie sie es gerne nennt. Sie hält eine mittelgroße Pappschachtel in der Hand. Ihre normalerweise kastanienbraunen Augen sind rot und geschwollen.
Ich springe auf.
»Hey, was ist los?«
Sie stellt die Schachtel auf die Anrichte und hängt sich an mich.
Sie schnieft und sagt: »Meine Mutter hatte einen Schlaganfall.«
»Das tut mir so leid.«
»Ja, ich habe gerade mit meinem Vater telefoniert. Sie ist aufgestanden, um sich ein Glas Wasser zu holen, da hörte mein Vater ein lautes Krachen.«
Sie schiebt mich ein paar Zentimeter weg, blickt mich an und fragt dann: »Was zum Teufel ist mit deinem Gesicht passiert?«
»Lassie und ich hatten eine kleine Meinungsverschiedenheit.«
»Weswegen?«
»Weil er mich in meinem Albtraum aufzufressen versucht hat. Lange Geschichte.« Ich lenke das Thema zurück auf ihre Mutter. »Wo ist sie jetzt?«
»In der Notaufnahme, in der Innenstadt von Atlanta.«
Ende der Leseprobe
