7 Jahre Schneeregen - Anke-Larissa Ahlgrimm - E-Book

7 Jahre Schneeregen E-Book

Anke-Larissa Ahlgrimm

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Beschreibung

"7 Jahre, das sind 364 Wochen, 2.556 Tage und 61.344 Minuten. 7 Jahre war mein Leben ein Schneeregen. Weder Schneefall noch Regenschauer. Weder gut noch schlecht. 7 Jahre habe ich gebraucht, um herauszufinden, was du mir bedeutest." Rubie und Haven. Haven und Rubie. Seit sie denken kann, wohnt Rubie neben dem Haus der Smiths. Haven ist ihr allerbester Freund. Er hilft ihr, als ihr Vater verschwand und bleibt an ihrer Seite, obwohl ihre Mutter ihn nicht ausstehen kann. Nicht mal ihr siebenjähriger Altersunterschied könnte sie jemals trennen. Sie würden für immer zusammen bleiben – zumindest dachte das Rubie. Alles scheint sich gegen die zwei zu wenden. Erst beginnt sich Haven anders zu verhalten als sonst und dann schickt Rubies Mutter sie auf einen anderen Kontinent. Die zwei Freunde entfernen sich voneinander … doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Schicksal sie erneut zusammenführt.

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Seitenzahl: 432

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Anke-Larissa Ahlgrimm

7 Jahre Schneeregen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Teil 1

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

Teil 2

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

XXI

XXII

XXIII

Teil 3

XXV

XXVI

XXVII

XXVIII

XXIX

XXX

XXXI

XXXII

XXXIII

XXXIV

XXXV

XXXVI

XXXVII

XXXVIII

Danksagung

Impressum neobooks

Teil 1

And pretty soon you‘ll be floating away

And I‘ll hold on to the words you spoke of

Anchored down in my throat

- Ed Sheeran

I

Havens Sicht

[10. August, 2002]

„Versuche dich zu beeilen“, rief Mum mir nach, als ich bereits die Treppen vor unserem Haus runterlief. In meinen Händen hielt ich ein Tablett mit kleinen Muffins, die wir gerade erst aus dem Ofen geholt hatten. Wie immer war es meine Aufgabe, das Gebäck bei der Bäckerei vorbeizubringen. „Und grüße Barbara von mir!“

„Mach ich!“ Meine Stimme war wahrscheinlich so laut, dass die ganze Straße mich hören konnte, aber ich kannte jeden hier und ich war mir sicher, ich würde niemanden stören. Zumindest nicht, wenn ich einmal am Tag laut schrie.

Der Weg zur Bäckerei dauerte nur zehn Minuten und da ich ihn öfter ging, war es auch nicht sonderlich aufregend. Es war Hochsommer, die meisten Stadtbewohner – oder zumindest, die, die Kinder hatten – waren buchstäblich ausgeflogen und sonnten sich nun in der Sonne Italiens. Mum, meine Schwester Jada und ich blieben wie immer hier, da wir das Geld, das wir für einen Urlaub ausgeben würden, lieber für andere Sachen ausgaben und dann im Herbst vielleicht für ein Wochenende wegfuhren. Das machten wir schon so, seit dem ich denken konnte und ich hatte nie ein Problem damit.

„Haven! Wie schön dich zu sehen“, begrüßte mich die ältere Dame hinter der Theke, kaum hatte ich die Bäckerei betreten. Wie immer trug sie ihre rote Schürze und ihr freundlichstes Lächeln.

„Hallo, Barbara“, grinste ich und stellte das Tablett auf der Glastheke ab. Während Barbara noch die Muffins begutachtete, nahm ich mir einen davon und entfernte das Papier vorsichtig. „Ich soll dich noch von Mum grüßen.“

„Gruß zurück, aber ihr müsst das wirklich nicht dauernd machen. Wir sind eine Bäckerei, wir können gut selber Muffins backen“, sagte Barbara in einem strengen Ton und zog ihre Augenbrauen hoch. Amüsiert, da sie es nicht wirklich ernst meinte, rollte ich mit den Augen und biss in den Muffin.

„Aber dann könntet ihr sie nicht verschenken.“

„Sprich nicht mit vollem Mund“, lachte sie kopfschüttelnd und beugte sich über die Theke, um mir einen Krümel von den Mundwinkeln zu wischen. Schmunzelnd kaute ich weiter auf dem Gebäck. „Und was hat mein Lieblingsjunge heute noch vor?“

„Lesen“, antwortete ich ehrlich und verlagerte mein Gewicht von einem Bein auf das andere. Die grauhaarige Frau stieß ein leises Lachen aus. Wenn sie lachte, sah sie viel jünger und entspannter aus. Ich liebte es Menschen zum Lachen zu bringen und bei Barbara liebte ich es fast noch mehr.

„Ich sehe, du bist ein vielbeschäftigter Mann.“ Barbara löste die Schleife ihrer Schürze, um sie danach etwas fester zu binden. Dann richtete sie das Tablett auf der gläsernen Theke und stellte dann ein kleines Papierschild daneben, das die Kunden höflich aufforderte sich einen Muffin zu nehmen. Das Schild hatten Jada und ich vor ein paar Monaten gebastelt und die Bäckerei hatte es nun behalten, da Barbara wusste, wir würden nicht aufhören für sie zu backen. „Dann überlasse ich dich mal wieder deiner Lektüre.“

„Danke, Babs. Schönen Tag noch!“ Lächelnd winkte ich ihr und ihren Kolleginnen zu und verließ dann das kleine Geschäft. Ich konnte es kaum erwarten, nach Hause zu kommen und mein Buch weiter zu lesen. Mum hatte mir letztens erst Harry Potter und der Stein der Weisen geschenkt und seit dem war ich gerade zu gefangen in der Welt der Zauberer.

Ich war schon fast Zuhause und gerade in unsere Straße eingebogen, als ich jemanden entdeckte. Dieser Jemand war ein kleines Mädchen, das mitten auf dem Bürgersteig saß und sich mit großen Augen umsah. Verdutzt blieb ich stehen. Ich hatte sie noch nie hier gesehen, weshalb ich nicht wusste, ob irgendwer ein Auge auf sie hatte. Also ging ich vor sie in die Hocke, damit wir etwas mehr auf Augenhöhe waren.

„Hallo, ich bin Haven und du?“ Das Mädchen mit den hellblonden Haaren sah mich neugierig an, während sie weiterhin auf ihren Fingernägeln kaute.

„Maman m’appelle chérie“, nuschelte sie. Meine Augenbrauen schossen sofort in die Höhe. Fremdsprachen waren nicht sonderlich meine Stärke, aber wenn ich mich nicht täuschte, handelte es sich hierbei um Französisch. Eine Sprache, die ich weder sprechen konnte noch lernte

„Cherry?“, hakte ich deswegen unsicher nach. „Ist dein Name Cherry?“ Ein ziemlich großer Stein fiel mir vorm Herzen, als die Kleine nickte. Zumindest wusste ich ihren Namen. „ Wohnst du hier in der Straße?“

„Paris“, antwortete Cherry kopfschüttelnd. „Chez Mamie.“

„Du wohnst in Paris?“ Das würde die französische Sprache erklären. „Aber ist deine Mutter nicht hier in der Nähe?“

Cherry zuckte mit den Schultern und murmelte etwas auf Französisch. Nachdenklich sah ich in ihre blauen Augen. Ich konnte sie ja schlecht hier auf dem Boden sitzen lassen und dazu ganz alleine.

„Weißt du was? Wir werden deine Mum schon finden. Na komm“, sagte ich lächelnd und stellte mich wieder aufrecht hin. Ich erwartete, dass Cherry aufstand und mir folgte, doch sie blieb stumm sitzen und streckte ihre Arme nach mir aus. Schmunzelnd hob ich sie hoch und setzte sie auf meine Hüfte. „ Wo hast du Mummy zuletzt gesehen?“

„Là-bas.“ Mit ihrem kleinen Finger deutete sie die Straße entlang, wo ein großer Anhänger parkte. Als wir näher kamen, bemerkte ich, dass der Wagen vor unserem Haus stand. Wie hatte ich ihn davor nicht bemerken können? Auch Cherry betrachtete das Fahrzeug mit gekräuselter Stirn. Es schien so als würde sie seinen Anblick nicht mögen. Plötzlich trat eine Frau aus unserem Nachbarhaus. Sie trug einen Karton in den Händen, jedoch fiel ihr das aufgrund ihres Schwangerschaftsbauches etwas schwer.

„Wie hätte ich denn ahnen sollen, dass du auch Sachen deiner Mutter in Kartons gepackt hast?“, rief sie ins Haus. Ihre Stimme war von einem dicken französischen Akzent geprägt, weswegen ich keine Zweifel hatte, dass sie zu Cherry gehörte. Vor allem merkte ich es aber daran, dass Cherry zu strahlen begann und ich sie absetzen musste, damit sie nicht aus meinen Armen sprang. Also stellte ich sie wieder auf ihre eigenen Füße, damit sie zu der brünetten Frau rennen konnte. Diese sah sie erst überrascht an und nahm sie dann auf den Arm.

„Chérie, qu’est-ce que tu as fait?Oú étais-tu? Je me suis fait du souci!“ Ich hörte noch eine Weile zu, wie die Frau – die Cherrys Mutter zu sein schien – zu dem Mädchen auf französisch sprach. Für mich klang es sehr wie eine Standpauke, jedoch verstand ich wirklich kein Wort. Erst als ein Mann dazu trat, wandte ich meinen Blick von den Beiden ab, um ihn zu beobachten. Ich war mir ziemlich sicher, dass er Cherrys Vater war. Sein blondes Haar und die hellen Augen ähnelten denen von Cherry sehr und auch seine Gesichtszüge glichen ihren. Er war auch derjenige, der mich endlich bemerkte.

„Hi, Kleiner“, sagte er lächelnd und trat einige Schritte auf mich zu. Ich wollte ihm sagen, dass er mich nicht ‚Kleiner‘ nennen sollte, jedoch hielt ich das nicht für die beste Idee. „Hast du Rubie gefunden und sie hergebracht?“

Verwirrt nickte ich. „Ihr Name ist Rubie?“

„Genau und ich heiße Thatcher, Thatcher Carpenter. Wir ziehen gerade hier ein, falls dir das noch nicht aufgefallen ist.“ Grinsend deutete Thatcher auf das Haus hinter sich. Für einen Moment wollte ich erzählen, dass ich dachte seine Tochter hieße Cherry. Doch dann fiel mein Blick auf Rubie, welche nun in den Armen ihrer Mutter lag und ihr Gesicht in ihrer Schulter vergrub. Vielleicht wäre dieses Missverständnis irgendwann eine lustige Anekdote, die ich ihr erzählen konnte, wenn sie älter war.

„Wir wohnen gleich hier“, sagte ich lächelnd und deutete auf unser Reihenhaus gleich neben dem der Carpenters. Um ehrlich zu sein, hatte ich gar nicht bemerkt, dass irgendwer neben uns einzog. Allerdings bekam man so einiges nicht mit, wenn man in seinem Zimmer blieb und ein Buch nach dem anderen verschlang. „Ich sollte auch wieder zu Mum.“

„Das wäre wohl besser, sonst macht sie sich noch Sorgen, wie Lucie“, scherzte Thatcher und zwinkerte mir zu, woraufhin seine Frau ihm irgendwas Französisches an den Kopf warf. „ Wir sehen uns dann …“

„Haven“, antwortete ich schmunzelnd. „Mein Name ist Haven.“ Thatcher warf mir ein breites Lächeln zu und ich wollte gerade die Treppen zu unserer Haustür erklimmen, als Rubie nach mir rief. Überrascht drehte ich mich um und sah zu dem kleinen Mädchen, das mir hinterher rannte.

„Au revoir, ‘Arry“, flötete sie und winkte mir mit beiden Händen, bevor sie auf dem Absatz umkehrte und zu ihren Eltern zurück lief. Mit einem glücklichen Lächeln auf den Lippen, betrat ich unser Haus. Ich würde sie definitiv wiedersehen.

Ich hatte wirklich nicht geahnt Rubie so schnell wiederzusehen. Als ich jedoch kurz nach Mittag die Treppen runter ging und in das Wohnzimmer trat, wurde ich mit einem kleinen Mädchen auf unserem Teppich konfrontiert. Sofort fiel mein Blick auf die offene Terrassentür und den Garten, den wir uns mit den Carpenters teilten. So war sie also ins Haus gekommen.

„Warum sitzt du immer auf dem Boden, wenn ich dich antreffe?“, fragte ich amüsiert und kniete mich vor ihr auf unseren weichen Teppich. Das breite Grinsen, das sich auf Rubies Lippen ausbreitete, ließ ihre Augen erstrahlen.

„Weiß nicht“, antwortete sie und zuckte ahnungslos mit den Achseln.

Lachend hob ich eine Augenbraue. „Ach, Madame spricht Englisch? Wie kommt’s?“

„Daddy sagt, du verstehst nicht.“

„Da hat er vielleicht Recht, französisch ist nicht gerade eine meiner Stärken“, murmelte ich schmunzelnd und strich mir eine Locke aus der Stirn. „ Wie lange sitzt du schon hier?“

Erneut zuckte Rubie mit ihren Achseln. Lachend erhob ich mich und hielt ihr eine Hand hin, damit sie sich hochziehen konnte. Dieses Mal ergriff Rubie sie.

„Wie wäre es, wenn ich dir unser Haus zeige? Hättest du Lust darauf?“

„Ja!“ Rubies Augen strahlten, wie die hellsten Sterne im Nachthimmel, als sie meine Hand in ihre nahm und aufgeregt auf und ab sprang. „Los, los!“

„Immer langsam mit den jungen Pferden, Cherry“, sagte ich amüsiert. Mein Blick schweifte bereits durch den Raum, während ich mir Gedanken machte, was ich ihr alles zeigen konnte.

„Rubie“, verbesserte sie mich leise.

Grinsend tippte ich ihr auf die Nasenspitze. „Zu spät, jetzt heißt du schon Cherry.“ Ich machte eine weit ausholende Geste und stellte sicher, dass Rubies Augen auf mir lagen. „Dies ist unser Wohnzimmer. Da ist unser Fernseher auf dem wir Filme schauen und das Sofa ist so bequem, es könnte auch ein zweites Bett sein. Wo soll’s jetzt hin?“

„Küche“, sagte Rubie bestimmend und zog mich in den Flur, als wüsste sie wohin sie gehen musste. Mit gehobenen Augenbrauen folgte ich ihr. Im Flur blieb sie dann etwas hilflos stehen und sah mich auffordernd an. Ich musste mir ein belustigtes Kopfschütteln verkneifen und führte sie stattdessen in unsere kleine Küche.

„Das ist unsere Küche. Nichts Besonderes. Ich glaube, man sagt dazu klein, aber fein.“ Ich blickte mich in unserer Küche um, als stünde ich zum ersten Mal hier. Ich betrachtete die beigen Schränke, den brummenden Kühlschrank und den Obstkorb, den ich nur anrührte, wenn Mum Bananen gekauft hatte.

Danach zeigte ich Rubie jeden noch so kleinen Raum im Erdgeschoss – mit Ausnahme von dem Schlafzimmer meiner Mum -, bevor ich Rubie lachend die Treppen auf dem Rücken hoch trug. Ihr glockenhelles Lachen schallte durch das ganze Haus und ich fragte mich, warum ich mich zuvor nie viel mit kleinen Kindern abgegeben hatte. Sie waren zauberhaft und fast schon engelsgleich – zumindest in Rubies Fall.

„Okay, hier drüben ist mein Zimmer, das ist ein ehemaliges Büro und dort ist das zweite Bad“, erklärte ich, während ich auf die verschiedenen Türen deutete. Rubie sah sich mit weiten Augen um als würde ich sie gerade durch ein antikes Schloss führen und wir wären gerade im Schlafgemahl des Königs gewesen.

„Und das?“ Neugierig betrachtete sie die weiß gestrichene Tür, auf der die Buchstaben JADA draufgeklebt wurden. Sie stand einen klitzekleinen Spalt offen, wahrscheinlich damit meine Schwester nicht komplett erstickte in ihrem Loch.

„Das ist das Zimmer von meiner Schwester Jada, also Sperrgebiet, wenn du nicht gerade aufgefressen werden willst.“ Kaum hatte ich dies ausgesprochen, lugte ein brünetter Haarschopf durch den Spalt und ein paar braune Augen starrten mich grimmig an. Spöttisch lächelte ich meine Schwester an. „Da ist ja das kleine Monster.“

„Ich bin älter und größer, Haven“, sagte sie bestimmend. Dann fiel ihr Blick auf Rubie neben mir. Sofort verließ sie ihre kleine Höhle und stellte sich zu uns in den Flur. „Und wer bist du?“

„Rubie“, antwortete das kleine Mädchen lächelnd und hielt Jada ihre Hand hin. Grinsend wurde sie ergriffen und geschüttelt.

„Von nebenan“, fügte ich hinzu. „Ich zeige ihr gerade unser Haus.“ Um meine Aussage zu unterstützen, nickte Rubie eilig und schenkte Jada ihr breitestes Grinsen. Jada erwiderte dies und kniff unserer neuen Nachbarin in die Wange.

„Willst du mein Zimmer auch sehen?“ Erneut nickte Rubie, dieses Mal eindeutig begeistert und stürmte fast schon an Jada vorbei in das kleine Zimmer. Ich folgte den Mädchen und lehnte mich schließlich an den Türrahmen. Die Wände in Jadas Zimmer waren in einem Pastelblau gestrichen, nicht mehr wie früher in einem grellen Pink. Jedoch schlief sie immer noch in derselben Disney Bettwäsche wie früher – auch noch mit 14 Jahren. „Okay, das sind meine *NSYNC Poster, aber sprich mich bitte nicht darauf an, ich bin noch traumatisiert. In der Kiste sind meine alten Puppen, also wenn du möchtest, kannst du gerne ein paar haben. Oh, und das ist O’Malley, mein Kater.“ Kaum hatte Rubie den orangen Kater auf Jadas Sessel entdeckt, flitzte sie zu ihm. Es war ein Glück, dass O’Malley bereits schon einige Jahre auf dem Buckel hatte und deswegen nicht Reißaus nahm. Rubie schien ihre Hände gar nicht mehr von dem Kater nehmen zu wollen.

„Ich habe auch eine Katze“, sagte ich schließlich – zugegeben auch um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. „Sie heißt Nox und ist bestimmt in meinem Zimmer.“ Rubies Augen wurden so groß wie Teller, weswegen Jada und ich einen wissenden Blick austauschten. Vermutlich hatten wir uns für das Mädchen gerade ungewollt unentbehrlich gemacht.

II

Havens Sicht

[21. Juni, 2003]

An einem Samstagmorgen schlief ich gerne aus. Vor allem, weil ich innerhalb der Woche früh aufstehen und zur Schule fahren musste, hatte ich meinen Schlaf wohl verdient – eigentlich. Ich wusste nicht, wie spät es war, als meine Zimmertür knarzend aufgeschoben wurde. Mein Gefühl sagte mir, es war früher als ich es mir wünschen würde, jedoch wagte ich es nicht auf die Uhr zu sehen. Die leisen Schritte im Zimmer verstummten und ich spürte, wie jemand auf mein Bett kletterte.

„Guten Morgen, Cherry“, murmelte ich, noch schlaftrunken, bevor ich mein Gesicht weiter ins Kissen kuschelte. Für einen Moment herrschte Stille und ich wäre beinahe wieder eingeschlafen, wenn nicht ein paar kalte Hände ihren Weg zu meinen Armen gefunden hätten.

„Woher weißt du, dass ich es bin?“, fragte sie und ich musste nicht mal die Augen öffnen, um ihr Schmollen zu sehen.

„Weil Jada 15 ist und nicht mehr morgens in mein Bett kriecht.“ Um ehrlich zu sein, war dies nur die halbe Wahrheit. Wenn Mum über Nacht nicht da war, teilten meine Schwester und ich oft mal ein Bett. Allerdings kroch sie morgens nicht in mein Bett und sie war schon gar nicht so leicht, dass sie auf mir sitzen durfte. „Ist deine Mum arbeiten?“ Rubie, die sich mittlerweile zu mir unter die Decke gekuschelt hatte, nickte gegen meine Schulter. Seufzend rieb ich mir meine Augen. An Schlafen brauchte ich jetzt gar nicht mehr zu denken.

„Mrs Walsh passt auf Max und Yves auf“, murmelte sie leise. Lori Walsh war eine Frau aus unserer Nachbarschaft. Wenn Rubies Mutter auf der Arbeit war und ihr Vater für seinen Job als Architekt verreisen musste, spielte sie den Babysitter für Rubie und ihre Brüder. „Sie glaubt, ich schlafe noch.“ Ja, das klang auch vollkommen nach ihr. Auch mit ihren fünf Jahren war das Mädchen schon der festen Überzeugung, sie würde lieber ihre Zeit mit mir verbringen statt mit Mrs Walsh. Schließlich hatten wir auch Schokolade im Haus.

„Hat Mum dich reingelassen?“

„Ja, ‘s gibt Frühstück“, antwortete Rubie grinsend und ich setzte mich grummelnd auf. Ich hatte gehofft, dass Mum noch schlafen würde und Rubie durch die Terrassentür herein gekommen war, jedoch passierte dies nur in meinen kühnsten Träumen. „Na dann, komm.“

„Allez hop.“ Kichernd hüpfte Rubie von meinem Bett und ließ sich von mir beobachten, wie sie eine Rolle auf dem Teppich machte. Ich wusste nicht, wie sie es geschafft hatte, dass ich sie tief in mein Herz geschlossen hatte. An einem Tag hatte ich noch meine Zeit mit Schule und Lesen totgeschlagen und nun hatte ich einen kleinen Sonnenschein, der mir täglich ein Lächeln auf die Lippen zauberte.

„Brich dir bitte nichts, deine Mutter würde mich umbringen“, lachte ich, als ich Rubie die Treppen runter folgte. Wie immer versuchte sie zwei Treppenstufen auf einmal runter zu springen. Bis jetzt hatte sie sich nie wehgetan, doch ich konnte es schon vor mir sehen. Grinsend blickte die Blondine mich an, bevor sie in die Küche rannte.

„Da ist ja wieder mein Lieblingsmädchen“, ertönte die Stimme meiner Mutter. Als ich ebenfalls die kleine Küche betrat, hatte Mum das Mädchen bereits auf einen Hocker gesetzt und ihr einen Teller mit Rührei hingeschoben.

„Manchmal frage ich mich, warum ich hier überhaupt noch freiwillig lebe“, sagte Jada, die längst neben Rubie saß und in ihrem Frühstück stocherte. Ihr Ton triefte nur so von Sarkasmus, weswegen ich mich ihr grinsend gegenüber hinsetzte. „Grins nicht so, Mistkerl, du bist an allem Schuld.“

„Ich bin gar nicht -“, protestierte ich amüsiert, doch Mum unterbrach mich sanft mit einer Hand auf meiner Schulter.

„Darling, ich habe gehört dein Dad kommt heute aus Amerika zurück“, wandte sie sich an Rubie, welche dabei war sich ihr Frühstück in den Mund zu stopfen. Sofort hörte das Mädchen auf, Rührei auf ihre Gabeln zu schieben, und nickte aufgeregt.

„Oui“, sagte sie noch mit vollem Mund und wischte sich dann mit ihrem Handrücken über die Lippen. „Er bringt mir eine Puppe mit.“ Ich konnte ihr ansehen, dass sie sich sehr über die Rückkehr ihres Vaters freute. Außerdem lag sie mir deshalb schon seit Tagen in den Ohren. Ich kannte die Carpenters nun erst seit knapp einem Jahr, jedoch wusste ich, dass Thatcher etwa 180 von 365 Tagen im Jahr nicht zu Hause war. Er war immer auf Geschäftsreisen, immer auf der Suche nach neuen Kunden, immer auf der Arbeit. Rubie litt sehr darunter. Sie liebte ihren Vater sehr und niemand kannte das Gefühl ohne Vater aufzuwachsen besser als ich. Aber sie hatte noch einen Vater – die Hälfte des Jahres.

Ich sah meinen Dad höchstens an Feiertagen, wenn er sich in unser Haus traute und dann nur, um mir und meiner Schwester Geschenke zu übergeben.

„Und was habt ihr drei heute vor?“ Mum sah uns neugierig an, während sie an ihrer Teetasse nippte. Jada war die Erste, die ihre Stimme erhob.

„Ich fahre nachher noch zu Tessa. Sie redet dauernd von dem Pool ihrer Nachbarn, also werden wir den ausfindig machen“, sagte sie grinsend und schob sich den letzten Rest ihres Frühstücks in den Mund. Mum hob skeptisch eine Augenbraue.

„Ich werde dich nicht vom Polizeirevier abholen, Jaye“, warnte sie meine Schwester, welche nur genervt nickte. Ich kannte Jada gut genug, um zu wissen, dass sie sich nie bei so etwas erwischen lassen würde. Deswegen dachte der Großteil unserer Nachbarschaft auch, dass sie ein braves und perfektes Mädchen war. Das würde ihr wahrscheinlich noch so einige Türen öffnen.

„Wir haben noch gar nichts vor“, antwortete ich schließlich für Rubie und mich. „Vielleicht schauen wir einen Film oder wir bauen eine Höhle in meinem Zimmer?“ Ich warf dem schmatzenden Mädchen einen fragenden Blick zu und erntete ein begeistertes Grinsen. Im Gegensatz zu mir hatte Rubie bereits alles auf ihrem Teller verdrückt, weswegen sie nun enthusiastisch auf ihrem Hocker wippte und mich aufforderte schneller zu essen. Ich kannte dies schon von ihr, weswegen ich mir genügend Zeit nahm, um mein Essen zu genießen. Die ungeduldigen Blicke von der Blondine ignorierte ich gekonnt.

Es war Mittagszeit, als es plötzlich an der Tür klingelte. Jada war bereits zu ihrer besten Freundin abgehauen und Mum war auf der Arbeit, weswegen nur noch ich und Rubie in unserer riesigen Höhle aus Decken und Kissen übrig geblieben waren. Ich hatte schon eine Vorahnung, wer vor der Haustür stand, jedoch hielt ich Rubie nicht auf, als sie sich freiwillig meldete die Tür zu öffnen. Ich folgte ihr lediglich schweigend.

„Rubie“, ertönte Mrs Walshs erleichterte Stimme, sobald sie das Mädchen hinter der großen Tür entdeckte. Rubie rümpfte seufzend ihre Nase. Wir beide wussten schon, was jetzt kommen würde. „Ich habe mir ja solche Sorgen gemacht, als ich dich nicht in deinem Bett gesehen habe. Deine Mutter kommt doch bald wieder nach Hause.“ Sie log. Mrs Walsh hatte nicht erst jetzt in Rubies Zimmer geblickt und sie hatte auch gewusst, dass Rubie hier bei mir war – wie immer eigentlich. Der einzige Grund, warum sie erst jetzt kam, war Lucie Carpenter, welche von der Arbeit kommen würde und ihre Tochter nicht vorfinden würde. Schon viel zu oft hatte ich dieses Schauspiel mitbekommen. Lori Walsh war einfach eine verlogene Schlange, die wusste, wie man sich gut präsentieren konnte.

Erst als die blonde Frau sich vorbeugte, um Rubies Wangen zu tätscheln, entdeckte ich das Mädchen hinter ihr. Es handelte sich um Bethany Ava Walsh, die Tochter von Lori, von welcher sie jedem ausführlich erzählte – ob es denjenigen interessierte oder nicht. Bethany war – zu ihrem eigenen Unglück – Everybody’s Darling und das, obgleich sie zwei Jahre jünger war als ich. Jedes Mal, wenn ich sie in der Stadt sah, war sie in Begleitung ihrer perfektionistischen Eltern und niemals falsch gekleidet – wirklich niemals. Auch jetzt schien ihr Sommerkleid als wäre es ihr auf den Leib geschneidert worden, ihre blonden Haare steckten in einer kunstvollen Flechtfrisur und ich konnte wetten, Puder auf ihren Wangen schimmern zu sehen.

Ich schenkte ihr ein mitfühlendes Lächeln und als unsere Augen sich trafen, sah ich sie zum ersten Mal heute strahlen. Ich konnte nicht wirklich nachvollziehen, wie es war, wenn man von den Eltern ständig unter Druck gesetzt wurde, jedoch hieß das nicht, dass ich kein Mitleid empfinden konnte.

„Na komm, Sweetheart. Wir wollen ja nicht deine Mutter verärgern.“ Und mit diesem Satz nahm Mrs Walsh den Arm von Rubie und zog sie aus dem Haus. Rubie protestierte nicht, sie wusste es besser. Sie wusste, Mrs Walsh würde nur unverschämter werden. Also stolperte sie den Gehweg entlang, am linken Fuß eine grüne Socke, am rechten eine blaue. Nun war es Bethany die mit ihren Lippen ein ‚Es tut mir Leid‘ formte und ihrer Mutter folgte. Seufzend sah ich mich im Flur um, bevor ich mir Rubies Schuhe schnappte und alles andere, was sie hier vergessen hatte. Nachdem ich unsere Haustür hinter uns zugesperrt hatte, rannte ich zum Haus der Carpenters. Die Tür stand einen winzige Spalt offen und ich war mir sicher, dass Bethany gewusst hatte, ich würde noch zu ihnen stoßen.

Im Gegensatz zu der angenehmen Ruhe in unserem Haus, war es hier deutlich lauter. Ich konnte Rubies kleinen Bruder Maxime hören, wie er im Wohnzimmer mit seinen Spielzeugautos spielte, und ich hörte Rubie, wie sie sich im ersten Stock über Mrs Walshs kalte Hände beschwerte. Ich wollte gerade die Treppe hoch gehen, als etwas an meinem Hosenbein zupfte. Mit einem Lächeln auf den Lippen betrachtete ich den kleinen Jungen, der vor mir auf dem Fußboden saß und seine Arme nach mir ausstreckte.

„Du weißt, ich werde nicht für immer da sein, um dich zu tragen, Yves“, sagte ich lachend und setzte das Baby auf meine Hüfte. Breit grinste mich der Kleine an und klammerte sich an mich. Ich konnte es kaum erwarten, dass er anfing zu sprechen und Rubie und ich ihm unsinnige Sachen beibringen konnten. „ Gut, dann suchen wir mal deine Schwester, ja?“

Wir fanden Rubie zur Hälfte in ihrem Schlafanzug auf dem Boden ihres eigenen Zimmers. „Ich will nicht“, maulte sie und schlug die Hand von Mrs Walsh weg.

„Du brauchst deinen Mittagsschlaf“, antwortete die Frau streng und stülpte Rubie ihr Schafoberteil über. Als Rubie anfing mit französischen Wörtern um sich zu hauen, schritt ich endlich ein.

„Ich mach das schon, Lori.“ Sanft drückte ich Mrs Walsh das Baby in den Arm und setzte mich neben Rubie auf den Boden. Augenblicklich beruhigte sich Rubie und hörte auf mit ihren Beinen zu treten. „Na komm, Cherry. Ich les dir auch etwas vor.“ Ich zwinkerte dem Mädchen zu.

„Okay.“ Leise seufzte Rubie und stand auf. Ich half ihr ins Bett zu klettern, setzte mich auf die Bettkante und griff nach dem Buch auf dem Nachttisch.

Es dauerte eine halbe Stunde, bis Rubies Atem regelmäßiger wurde und sie tief eingeschlafen war. Ohne laute Geräusche zu machen, räumte ich das Buch weg und verließ das Zimmer. Rubie würde frühestens in einer Stunde wieder aufwachen, weswegen ich noch Zeit hatte zu mir nach Hause zu gehen. Wenn sie wach wurde, konnte sie immer noch zu mir kommen.

Ich hatte gerade den Fuß der Treppe erreicht und wollte das Haus verlassen, als ich hörte, wie mein Name genannt wurde.

„Lucie, wir haben doch schon oft genug darüber gesprochen“, ertönte die Stimme von Thatcher. Er und seine Frau standen sich im Wohnzimmer gegenüber und warfen sich böse Blicke zu. „Rubie kann sich anfreunden mit wem sie möchte.“

„Ich sag ja nur, dass es noch nicht zu spät ist Haven aus dem Haus zu kriegen. Wir müssen Rubie nur klar machen, dass sie ihn nicht braucht“, antwortete Lucie bestimmend und verschränkte ihre Arme vor der Brust. Verwirrt runzelte ich meine Stirn. Normalerweise war ich echt nicht der Typ Mensch, der gerne lauschte, aber nun konnte ich nicht anders.

„Dir ist bewusst, wie verrückt das klingt, oder?“

„Sie ist meine Tochter, Thatcher. Und Haven ist definitiv nicht die Gesellschaft, dich ich mir für sie wünsche“, erwiderte Rubies Mutter und ich musste mir die Hand vor den Mund halten, um nicht laut zu schnauben. „Er ist sieben Jahre älter als sie und Rubie ist leicht zu beeindrucken. Er wird sie gänzlich um seinen kleinen Finger wickeln und dann kann er mit ihr anstellen, was er möchte. Außerdem habe ich gelesen, dass Minderjährige eher dem Alkoholkonsum verfallen, wenn sie ältere Freunde haben.“

„Lucie, Darling.“ Thatcher stieß ein tiefes Seufzen aus. „Haven ist doch kein schlechter Umgang. Im Gegenteil, er ist doch ziemlich gut erzogen. Ich könnte mir nur so einen Sohn wünschen und ich denke, dass sehen einige so.“ Ich hatte gar nicht gemerkt, wann ich angefangen hatte zu lächeln, jedoch taten mir jetzt bereits die Wangen davon weh. Ich hatte Thatcher schon immer gemocht, allerdings tat ich dies nun etwas mehr.

„Du hast selber zwei tolle Söhne“, schnauzte seine Frau ihn sofort an und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, sie wäre eifersüchtig. „Wie wäre es, wenn du mal mit dem zufrieden bist, was du hast.“

„Das bin ich doch, Liebling. Aber Maxime ist drei Jahre und Yves erst neun Monate alt. Man kann sie noch gar nicht mit Haven vergleichen.“

„Ich finde trotzdem, wir sollten Haven und Rubie voneinander trennen. Letztens habe ich sie erwischt, wie beide auf der Fensterbank in ihrem Zimmer saßen. Im ersten Stock, Thatcher. Sie saßen mehrere Meter über dem Boden auf einer Fensterbank und haben ihre Beine baumeln lassen. Rubie hätte runterfallen können. Sie hätte sich verletzen können.“ An diesen Vorfall konnte ich mich noch genau erinnern, schließlich war es erst vor einer Woche gewesen. Ein Regenbogen hatte sich über den Himmel gezogen und ich wollte Rubie eine bessere Aussicht bieten. Ich hatte ja nie geahnt, dass es Lucie so sehr stören würde. Es war ja nichts passiert.

„Haven ist alt genug, um Gefahren richtig einzuschätzen. Außerdem liegt ihm auch viel an unserer Tochter. Er würde nicht zulassen, dass ihr etwas geschieht.“ Langsam wurde Thatchers Ton etwas schroffer und ich überlegte, ob es vielleicht nicht doch besser wäre, wenn ich verschwand. „Wir können dieses Gespräch gerne nochmal in fünf Jahren führen, aber momentan macht es keinen Sinn. Rubie ist glücklich, warum kannst du das nicht akzeptieren?“ Die genervte Antwort von Rubies Mutter hörte ich schon gar nicht mehr, da ich das Haus verließ. Es war mir egal, ob sie hörten, wie ich die Tür hinter mir zuschmiss. Ich brauchte einen Moment Ruhe und der beste Platz dafür war mein Bett.

Ich wusste, Lucie würde es nicht akzeptieren. Sie würde weiterhin versuchen uns auseinander zu bringen. Und egal wie einfach es sein würde, Rubie alleine zu lassen, ich würde es nicht tun.

Ich würde sie nicht alleine lassen. Komme, was wolle.

III

Rubies Sicht

[10. September, 2004]

Lächelnd bettete ich meinen Kopf auf meine verschränkten Arme, welche auf der Fensterbank ruhten, und starrte hinaus. Ich hatte mich auf einen kleinen Hocker stellen müssen, um aus dem Fenster sehen zu können, doch dies störte mich nun kaum mehr. Mit einem Mal hörte ich nicht mehr den Lärm der Baustelle, die gerade in meinem Stockwerk herrschte, und ich konzentrierte mich lediglich auf die sonnenbeschienenen Hausdächer unserer Stadt. Es war später Nachmittag und ich war erst vor wenigen Stunden aus der Schule nach Hause gekehrt. Bis jetzt konnte ich den Fragen meiner Mutter ausweichen, die sie mir seit einiger Zeit täglich stellte. Wie war dein Tag? Hast du jemand Nettes kennengelernt? Oder sogar neue Freunde gefunden?

Meine Antworten waren ebenfalls immer die Gleichen. Der Tag war schön, ich habe niemanden neuen gefunden und keiner meiner Schulfreunde war so toll wie Haven. Bei dem letzten Satz rümpfte meine Mutter immer unscheinbar ihre Nase. Ich hatte noch nicht wirklich herausgefunden, warum Mama so auf meinen besten Freund reagierte. Sie müsste ihn eigentlich lieben. Schließlich war er so nett und freundlich und immer für mich da.

Vielleicht bildete ich mir ihr Verhalten auch lediglich ein. Schließich war sie immer fürsorglich gewesen und hatte immer ein Auge auf meine Freunde gehabt – auch in Paris.

„Was zum Teufel stellen diese Leute mit den Zimmern deiner Brüder an?“ Havens Stimme erschreckte mich zu tiefst, weswegen ich beinahe von dem kleinen Hocker fiel, auf dem ich stand. Nachdem ich jedoch begriffen hatte, dass es sich nur um meinen besten Freund handelte, drehte ich mich begeistert um.

„Haven!“ rief ich lachend aus und lief über die Matratzen auf dem Zimmerboden auf den großen Jungen zu. Meine Arme umschlangen seine Hüfte und ich vergrub mein Gesicht in seinen Bauch. „Sie bauen bei den Jungs einen Anbau hin.“ Meine Stimme wurde von Havens Pulli gedämpft, doch er würde es schon trotzdem verstehen. Keine Sekunde später löste sich Haven aus meiner Umarmung und warf mir einen verwirrten Blick zu.

Ich ließ mich ruckartig auf einer der Matratzen nieder und klopfte auf den Platz daneben, um Haven anzudeuten, er solle sich neben mich setzen.

„ Wieso braucht ihr denn einen Anbau? Ich dachte, das Baby kriegt das Büro von deinem Vater?“, fragte Haven. Auf meine Lippen huschte ein breites Lächeln, wie immer wenn ich an die Schwangerschaft meiner Mutter dachte. Auch wenn Geschwister meistens ziemlich nervig waren, freute ich mich trotzdem auf noch mehr kleine Füße auf dem Parkettboden.

„Das ist ein Geheimnis“, grinste ich schelmisch und verknotete meine Beine zu einem Schneidersitz. Ich war ziemlich stolz auf mich, dass ich noch nicht geplappert hatte. Ich trug dieses Geheimnis nun schon mehrere Monate mit mir herum und das war für meine Verhältnisse ein ziemlicher Rekord.

„Ein Geheimnis? Aber ich bin doch dein bester Freund?“ Schmollend schob Haven seine Unterlippe vor und riss seine grünen Augen auf. Er wusste, dass ich so nicht lange standhalten konnte. „Na komm, ich werde schließlich auch auf das Baby aufpassen müssen.“ Da hatte er allerdings Recht. Immer wenn Mrs Walsh nicht konnte, durfte Haven sich um mich und meine Brüder kümmern.

„Babys“, verbesserte ich ihn schließlich seufzend. Sofort wurden Havens Augen noch größer als zuvor.

„Was? Es werden Zwillinge?“

Kichernd beugte ich mich zu ihm vor, um ihm ins Ohr zu flüstern. „Drillinge, aber das darfst du niemandem verraten.“

„Warum nicht?“

Ich zuckte ahnungslos mit den Achseln. „ Weiß nicht, Maman will, glaube ich, die Leute überraschen. Sie will auch nicht wissen, ob es Jungs oder Mädchen werden.“

„Und wann ist der Geburtstermin? War das nicht Januar?“, hakte Haven neugierig nach und ich nickte. Ich wusste gar nicht, wie wir es geschafft hatten monatelang nicht über die Babys zu reden. Zu manchen Zeiten war es mein liebstes Thema und meine Mutter musste mir wortwörtlich den Mund stopfen, damit ich überhaupt mal aufhörte zu reden.

„Aber die Ärztin hat gesagt, dass Mehrlinge oft früher kommen, also könnte es auch Dezember werden.“ Mit einem Lächeln auf den Lippen, erinnerte ich mich an den Arzttermin vor einer Woche, bei dem ich dabei sein durfte. Ich hatte neben meiner Mutter auf einem kleinen Hocker gesessen, hatte meine Geschwisterchen auf dem Ultraschall gesehen und ihrem schnellen Herzschlag gelauscht. Abends wenn wir alle nach dem Abendessen auf dem Sofa saßen, legte ich gerne meinen Kopf auf dem Bauch meiner Mutter ab. Einige Male schon hatte mir jemand an den Kopf getreten, als wäre er ein Fußball – weswegen ich auch befürchtete, es würde mindestens ein Bruder für mich dabei sein. Ich liebte ja meine Brüder, aber eine Schwester wäre zur Abwechslung auch mal nett.

Plötzlich verzog ich mein Gesicht erschrocken und schlug mir eine Hand vor den Mund. Haven hob bloß fragend eine Augenbraue.

„Du darfst Maman nicht sagen, dass du es weißt. Die macht Pariser Steak aus mir“, sagte ich beunruhigt und senkte beim letzten Satz meine Stimme, sodass nur noch ein Flüstern meine Lippen verließ. Havens süffisanten Blick ignorierte ich gekonnt, während ich mir ausmalte wie meine Mutter reagieren würde. Ce n’est pas bon, ce n’est pas bon.

„Ich werde schon nichts verraten, Cherry“, beruhigte mich Haven und legte mir eine Hand auf die Schulter. Seufzend nickte ich und lehnte mich an seine Schulter. „Wie wäre es, wenn wir einen Film sehen?“

[12. September, 2004]

Mit einem leisen Gähnen setzte ich mich in meinem Bett auf. Die Digitaluhr auf meinem Nachttisch sagte mir, dass es gerade einmal kurz nach sieben Uhr war, weswegen ich erst mal ein tiefes Seufzen ausstieß. Ich wollte eigentlich noch lange nicht aufstehen, allerdings hatte ich Durst und vielleicht würde ein Glas Milch mich ja wieder schläfrig machen. Deshalb schwang ich also meine Beine über die Bettkante und stellte mich auf den kühlen Teppichboden. Um zu der Zimmertür zu gelangen, musste ich um die Matratzen auf dem Boden schleichen, da dort meine Brüder schliefen, bis ihre Zimmer wieder bewohnbar waren. Maxime und Yves schliefen jedoch fröhlich weiter, sogar als ich aus Versehen gegen eine Kommode lief und es laut schepperte.

„Mon dieu“, flüsterte ich leise, sobald ich endlich die Treppen erreicht hatte und in Ruhe in die Küche gehen konnte. Auf dem Weg dorthin stockte ich jedoch. Ich konnte mich noch genau erinnern, wie mein Vater am Abend zuvor seine Schuhe unordentlich im Flur liegen gelassen hatte, nachdem er von der Arbeit nach Hause kam – doch der Flur war ordentlicher als je zuvor. Auch kam es mir so vor, als wäre der Kleiderständer nicht so vollbepackt wie sonst.

Kopfschüttelnd betrat ich die Küche. Es war einfach viel zu früh.

Als ich jedoch den Kühlschrank öffnete, musste ich erneut stutzen. Normalerweise war das erste, das meine Aufmerksamkeit erhaschte, die Zettel, die mein Vater auf seinen Pudding klebte, mit der Aufschrift ‚Meins‘. Nirgendwo war ein Zettel zu sehen, im Gegensatz zu dem Pudding, welcher wie immer in der Mitte des Kühlschranks thronte.

Ein Schauer lief mir über den Rücken, als mir ein schrecklicher Gedanke kam. Vielleicht war Dad weg? Nein, er war bestimmt nur unerwartet auf Geschäftsreise gefahren und sein Pudding würde sonst schlecht werden.

Doch diese optimistischen Gedanken schafften es nicht meine Angst zu übertönen, weshalb ich schnellen Schrittes ins Wohnzimmer ging. Ohne darüber nachzudenken, trugen meine Beine mich zu der Kommode, auf der unsere Familienfotos standen. Mein Blick fiel auf die Wand dahinter, an der einmal das Hochzeitsfoto meiner Eltern gehangen hatte. Anstelle dessen hing dort nun ein Foto von mir, das an meiner Einschulung gemacht worden war.

Dieses Mal irrte ich mich nicht. Ich wusste doch wohl, welche Fotos in unserem Haus hingen. Maman war oft vor dem Hochzeitsfoto gestanden und hatte es lächelnd angesehen. Sie hatte mir immer erzählt, wie sie ihr Hochzeitskleid selbst genäht hatte und wie Dad beinahe in ihre Hochzeitstorte gefallen war. Irgendwas war hier faul.

Ich verbrachte bestimmt die nächste viertel Stunde damit nach Anzeichen meines Vaters zu suchen. Doch ich fand nichts. Keine Actionfilme am Fernseher, keine alten Literaturschätze neben dem Sofa, keine Hausschuhe auf der Treppe und keine Bleistifte, die sonst wirklich überall zu finden waren.

Nur nach einem traute ich mich nicht zu suchen. Nach meinem Vater selbst im Bett meiner Eltern. Ich wusste, eigentlich müsste er dort neben meiner Mutter liegen und noch tief schlafen. Er war wie ich ein Langschläfer und nichts – außer meiner Mutter – konnte ihn früh aus den Federn zerren. Allerdings war das Bett meiner Eltern auch der einzige Ort, wo ich Antworten auf meine Fragen finden konnte.

Nie war ich so langsam die Treppe hochgeschlichen, wie ich es jetzt tat. Mir kam es so vor, als wären meine Beine aus Wackelpudding und würden jeden Moment einknicken. Ich holte tief Luft, sobald ich vor der Tür des großen Schlafzimmers stand. Ich würde das schaffen. Ich musste nur die Tür öffnen und mein Vater würde dort schlafen. Ich brauchte vor gar nichts Angst zu haben.

Tränen stiegen mir in die Augen, als ich die leere linke Bettseite entdeckte. Auf der großen Matratze lagen lediglich ein Kopfkissen und eine Bettdecke, in die meine Mutter noch eingewickelt war. Meine Augen huschten zu der Schranktür, die noch offen stand und mir die leeren Fächer dahinter preisgab.

Ein Schluchzen verließ unbeabsichtigt meine Lippen und ich presste mir sofort meine Hände vor den Mund, doch es war zu spät, denn meine Mutter war bereits aufgeschreckt.

„Rubie?“, fragte sie verschlafen und musterte mich mit müden Augen. Unter ihren braunen Augen konnte ich Augenringe ausmachen, die sonst nur mein Vater hatte. Bei dem Gedanken an meinen Vater, schluchzte ich erneut auf. „Hast du schlecht geschlafen?“

Ich schüttelte wild meinen Kopf. „Wo ist Dad?“ Meine Stimme war tränenerstickt und es war ein Wunder, dass meine Mutter mich überhaupt noch verstand. „Und warum hat er alle seine Sachen mitgenommen?“ Mamans Gesichtszüge waren nun etwas sanfter geworden, bevor sie schmerzverzerrt ihr Gesicht verzog. Stumm hob sie die Ecke ihrer Bettdecke an, was wie immer eine Einladung für mich war, um zu ihr ins Bett zu kriechen. Eilig kam ich der Einladung nach und versuchte sogar meine kalten Hände von ihrer nackten Haut fernzuhalten, da sie sich immer darüber beschwerte. Ich bettete meinen Kopf auf ihrer Brust und atmete ihren beruhigenden Duft ein.

Maman sprach nicht und beantwortete schon gar nicht meine Fragen. Jedoch tat es gut, eine Schulter zu haben, an der ich mich ausheulen konnte. Während meine Mutter sanft mit ihrer Hand über meinen Rücken strich, ließ ich meine Tränen in ihrem Nachthemd versiegen und lauschte konzentriert ihrem Herzschlag. Ich spürte sofort, wie es mich beruhigte und langsam wieder in den Schlaf wiegte. Maman half schon immer besser bei Schlaflosigkeit, als es irgendein Glas Milch konnte.

Ich war schon beinahe eingeschlafen, als ich die leise Stimme meiner Mutter vernahm. „ Wir brauchen keinen Mann, um glücklich zu sein, chérie.“

Das zweite Mal erwachte ich ein paar Stunden später. Meine Mutter hatte anscheinend das Fenster geöffnet, bevor sie das Zimmer verlassen hatte, da nun eine leichte Brise über meine nackte Haut wehte. Ich rümpfte meine Nase. Wollte Maman etwa, dass ich mich erkältete? Erst als ich das leere Bett genauer betrachtete, fielen mir wieder meine Erkenntnisse des Morgens ein. Dad war weg. Vermutlich für eine sehr lange Zeit. Für einen Moment überlegte ich, ob ich nach unten zu meiner Mutter wollte, die bestimmt schon Frühstück gemacht hatte. Jedoch würde ich es nicht ertragen können, wenn sie mich mit einem besorgten Blick bedenken und mir mein Haar streicheln würde. Nein, lieber würde ich Haven davon erzählen. Schließlich lebte sein Vater auch nicht mehr bei ihnen, weswegen er mich bestimmt besser verstand.

Und so schlich ich zum zweiten Mal am Tag die Treppen runter, nur um dieses Mal durch die Glastür in den Garten zu verschwinden. Das noch vom Tau feuchte Gras an meinen nackten Füßen jagte mir einen Schauer über den Rücken, doch so schnell wie ich im Garten war, war ich auch im Haus der Smiths. Ich hörte, wie Marie in der Küche herum hantierte, entschied mich aber zuerst bei Haven vorbeizuschauen.

Mein bester Freund war zum Glück bereits wach, als ich durch die offene Tür schlüpfte. Er lag bäuchlings auf seinem Bett mit einem dicken Buch in der Hand und schien vollkommen vertieft in die Welt der Charaktere.

Ich brauchte nicht mal etwas zu sagen, als ich mich neben ihn aufs Bett legte. „Guten Morgen, Cherry“, begrüßte mich seine fröhliche Stimme, ohne dass er seinen Blick von seiner Lektüre nahm. Ich blieb jedoch stumm, weswegen er doch irgendwann aufsah. Sobald er meine noch verquollenen Augen entdeckte, legte er sein Buch beiseite und zog mich näher an sich. „Was ist los?“

„Dad ist nicht da“, flüsterte ich leise und ließ meine Finger über den Saum seines Kopfkissens wandern.

Haven runzelte verwirrt seine Stirn. „Ist er wieder mit der Arbeit weg?“ Ich schüttelte meinen Kopf, doch als ich meinen Mund aufmachen wollte, um die Situation zu erklären, fehlten mir die Worte. Es fühlte sich an, als hätte jemand ein Brett in meinen Kopf gesteckt und meine Zunge verknotet. Englisch kam mir vor wie eine Fremdsprache und auf einmal fehlte mir jegliches Vokabular. Haven schien zu merken, wie ich mit mir selbst kämpfte. „Hey, ganz ruhig. Vielleicht sagst du es erst auf Französisch? Dann fallen dir bestimmt wieder die englischen Wörter ein.“ Aufmunternd strich Haven über meine Schulter, während ich versuchte meine Gedanken zu ordnen.

„Il est allé et il a pris toutes ses choses.” Die Worte sprudelten geradezu aus mir heraus und Haven neben mir nickte brav, als würde er auch nur irgendwas verstehen. „Ich finde nichts mehr von Dad im Haus und Maman will mir nichts sagen.“

„Oh.“ Ja, oh. Havens Blick sagte mir, dass er dies nicht erwartet hatte und nun selbst nach den richtigen Worten suchte.

„Was, wenn ich Dad nie wieder sehe?“ Ich spürte, wie meine Augen sich erneut mit Tränen füllten und schloss sie deshalb eilig. „Ich hab ihn doch so lieb.“

„Ich kann dir nicht versprechen, dass du deinen Vater wiedersiehst“, sagte Haven schließlich nach einer Minute Schweigen. „Aber ich kann dir versprechen, dass ich bei dir bleibe.“

Erleichtert lächelte ich den Lockenkopf an. „Für immer?“

„Für immer und ewig, bis wir alt und grau sind.“

IV

[5. Januar, 2008]

„Cherry, ich hab da etwas in der Zeitung entdeckt“, hörte ich Havens Stimme, bevor ich ihn überhaupt sehen konnte. Momentan eilte er die Treppen zu meinem Zimmer hoch, bevor er keuchend herein gestürzt kam. In der Hand hielt er einen Zeitungsausschnitt, den er wahrscheinlich aus der Tageszeitung seiner Mutter geschnitten hatte. Ich schnappte ihm den Zettel aus der Hand und studierte ihn gründlich. Es handelte sich um eine Anzeige, die ankündigte, dass sich das jährliche Volksfest gerade wieder in der Nähe von London befand.

Ich stieß ein tiefes Seufzen aus. „Und jetzt zeigst du es mir, um mir wieder unter die Nase zu reiben, dass ich dort nicht hin kann? Merci beaucoup.“ Havens genervtes Stöhnen ignorierte ich gekonnt und fuhr fort meine frisch gebügelte Wäsche auf meinem Bett zu falten.

„Nein, natürlich nicht. Du wirst mitkommen“, sagte Haven und erntete bloß eine gehobene Augenbraue meinerseits. „Wir haben schon ein Gruppenticket für die Zugfahrt gekauft und für dich ist noch ein Platz frei. Bitte, Cherry.“

Ich verkniff mir ein weiteres Seufzen. „Haven, du weißt, dass meine Mutter das nicht so lustig fände. Ich muss auf meine Brüder aufpassen“, erklärte ich sachlich und räumte einen Stapel Shirts in meine Kleiderkommode. Haven beobachtete mich nachdenklich.

„Und warum ist dann Bethany unten und sorgt dafür, dass deine Brüder beschäftigt sind?“

Weil Bethany doof ist und meine Mutter ihr mehr zutraut als mir. „Weil sie nun mal unser Babysitter ist. Sie würde mich auch nicht gehen lassen.“

„Falsch“, kam es von Haven, wie aus der Pistole geschossen und als hätte er bereits erwartet, dass ich dies sagte. „Ich habe aus ihr bereits eine Erlaubnis gekitzelt. Außerdem wird sie deiner Mutter nichts verraten.“ Während Haven mich nun mit einem triumphierenden Blick bedachte, erlaubte ich mir zum ersten Mal auszumalen, wie es wäre, wenn ich mit Haven nach London fahren würde. Ich war schon ewig nicht mehr auf diesem Volksfest gewesen. Nicht mehr, seit mein Vater uns im Stich gelassen hatte. Und mit dem ganzen Stress von der Schule und meiner Mutter, hatte ich einen lustigen Tag wirklich verdient.

Haven schien bereits zu wissen, dass er mich weich gemacht hatte. „Los, zieh dich an und pack etwas Geld ein. Ich werde dir nicht alles bezahlen.“ Grinsend griff ich nach meinem Geldbeutel, der auf meinem Nachttisch lag. Das hieß zumindest, er würde etwas für mich bezahlen. Im Eiltempo zog ich mir meinen dicken Mantel an und schlüpfte in meine Winterstiefel. Es war schließlich immer noch Januar.

„Wer kommt jetzt noch mit?“, fragte ich, als wir bereits beinahe am Bahnhof angekommen waren. Ich hatte das Haus ohne ein Wort verlassen, da ich nicht wollte, dass meine Brüder mitbekamen, wohin wir fahren würden.

„Alicia, Julie und Scott.“ Die vier waren beste Freunde und gingen auf die gleiche Schule. Nächstes Jahr würden sie gemeinsam ihren Abschluss machen und dann würde Haven vermutlich Fotografie studieren. Ich vermied es, an diese Zeit zu denken, da Haven vermutlich wegziehen würde und ich ihn so selten sehen würde. „Oh, da sind sie ja schon.“ Mein Blick, der bis gerade eben noch auf den dreckigen Spitzen meiner Schuhe gehaftet hatte, richtete sich nun auf die drei Jugendlichen. Auch aus der Ferne konnte ich entdecken, wer von den Personen wer war, da Julie und Scott seit einigen Monaten nun schon ein Paar waren. Deswegen war es nur logisch, dass es sich bei den beiden Figuren, die an der Wand lehnten und sich küssten, um die beiden handelte. Ich war zwar aus dem Alter raus, indem ich küssen absolut ekelhaft fand, allerdings wollte ich mir diesen Anblick, der mir gerade geboten wurde, auch nicht wirklich antun. Haven ging es wohl ähnlich, da er leicht sein Gesicht verzog und dann ein lautes Pfeifen ausstieß, kaum waren wir in Hörweite. Julie erschreckte sich fürchterlich und stieß Scott von sich. Lachend beobachtete ich, wie Julie sich eine Hand auf ihr Herz legte und Scott sie irritiert anblickte, bevor er zu Haven sah.

„Jo, Haven, man kann auch sanfter auf sich aufmerksam machen“, sagte Scott genervt. „Mein Mädchen hat fast einen Herzinfarkt bekommen.“

„Man kann es auch lassen, seiner Freundin in der Öffentlichkeit die Zunge in den Hals zu stecken“, erwiderte Haven belustigt und umarmte Alicia zur Begrüßung. Das blonde Mädchen küsste meinen besten Freund auf die Wange, bevor sie auch mich in eine feste Umarmung zog.

„Hey, kleine Maus. Schön dich wiederzusehen“, sagte sie lächelnd. Von allen Freunden von Haven hatte ich sie am liebsten. Oft hatte ich gedacht, dass Haven vielleicht in sie verliebt sei, aber beide stritten dies immer ab. Man muss nicht mit jemandem zusammen sein, um ihn zu lieben. Manchmal ist es besser einen guten Freund zu haben als alles anderes, hatte Alicia mal gesagt. Seit dem trug ich dieses Zitat immer mit mir herum.

Die Zugfahrt nach London dauerte etwa vier Stunden und mit jeder Stunde, die verging, bemerkte ich, dass nicht nur ich verdammt aufgeregt war. Es war nicht ganz klar, wie sich vier 17-jährige so auf ein Volksfest freuen konnten, doch sie taten es. Alicia hörte gar nicht auf von ihren hohen Erwartungen und den vergangen Malen, die sie dort war, zu erzählen, während Julie davon schwärmte, dass Scott ihr einen Teddybären schießen würde. Haven dagegen nervte mich damit, mir aufzuzählen, was er alles mit mir machen wollte.

„Ich fahre kein doofes Kettenkarussell mit dir“, jammerte ich noch, als wir bereits aus dem Zug ausstiegen. Meine Hand war mit seiner verflochten, damit wir uns in den Massen am Londoner Bahnhof nicht verloren. „Ich mag die nicht. Die drehen sich viel zu schnell im Kreis.“

„Bist du nicht letztes Jahr im Disneyland mit der Loopingbahn gefahren?“, hakte Haven amüsiert nach und steuerte die Gruppe zu dem Platz, auf dem das Volksfest stattfand. „Das finde ja sogar ich bescheuert.“

Ich rollte mit den Augen. „Loopingbahnen fahren nicht immer die gleiche Bewegung. Es ist nur natürlich, dass man einen Drehwurm kriegt, wenn man sich dauernd im Kreis dreht.“

„Du bist komisch“, murmelte Haven noch, bevor meine Aufmerksamkeit von dem Volksfest beansprucht wurde. Sprachlos blieb ich am Eingang stehen und betrachtete, was sich vor mir erstreckte.

Dies war nicht nur irgendein Volksfest, das es auch im Sommer gab. Nein, es fand stets im Winter statt und es ähnelte eigentlich einem Weihnachtsmarkt. Nur drehte sich nicht alles um Weihnachten. Es gab Fahrgeschäfte, Schießbuden, eine Eisfläche zum Schlittschuhfahren und dutzende Stände, an denen man Süßigkeiten, Getränke, Kerze und vieles mehr kaufen konnte. Für mich – die den Winter vergötterte – war es das Paradies.

„Rubie, komm!“ rief Alicia begeistert aus und zog mich zu dem nächstbesten Fahrgeschäft. Bevor ich es überhaupt realisiert hatte, hatte sie für uns beide bezahlt und schob mich zu einem Wagen. Als ich darin saß und ein Mann unsere Bügel schloss, fiel mein Blick auf Haven, welcher noch neben der Kasse stand und mich breit angrinste. Ich winkte ihm noch einmal zu und dann fuhr unser Wagen auch schon los.

„Es war Havens Idee“, sagte Alicia, als wir noch langsam vor uns her tuckerten. „Ich meine, mit dir hierhin zu fahren. Er hat gesagt, du würdest mal wieder einen spaßigen Tag verdienen.“

„Echt?“ Ich drehte meinen Kopf, sodass mein Haven, der sich gerade mit den anderen Zweien unterhielt, wieder in meinem Blickfeld war.

„Wir haben alle etwas Geld beiseitegelegt, damit wir dich auch ein bisschen einladen können“, fügte sie lächelnd hinzu. Mir schoss das Blut in die Wangen und alles in mir kribbelte. Ich konnte nicht in Worte fassen, wie überwältigt ich gerade war. Es war einer dieser Momente, in denen ich vor Glück weinen könnte. In den letzten Wochen hatte ich oft unter Druck gestanden, da meine Mutter mit meinen Noten nicht gerade zufrieden war und wollte, dass ich auf eine anständige Middle School gehen würde ab nächsten Herbst.

Als jedoch unser Wagen immer schneller wurde und Alicia laut anfing zu kreischen, konnte ich nicht anders, als meine Sorgen wegzulachen. Das half immer noch am besten.

„So jetzt wo Ally sich ausgekreischt hat, können wir doch auch etwas essen, oder?“, fragte Scott schmunzelnd, als wir wenige Minuten später wieder aus dem Fahrgeschäft ausgestiegen waren. Alicia steckte dem Dunkelhaarigen bloß die Zunge heraus und hakte sich bei ihrer Freundin unter.

„Von mir aus gerne“, antwortete Haven, der schon Ausschau nach dem nächsten Stand hielt. Schnell war einer gefunden und Haven wurde der Ausgewählte, der bestellen und das Essen schleppen durfte. Da ich eine gute Freundin war, stellte ich mich zu ihm in die Schlange. „Was möchtest du essen?“

„Pommes“, sagte ich, ohne überhaupt auf die Speisekarte zu blicken. „Mit Mayonnaise, bitte.“

„Soll ich mir eine Portion mit dir teilen? Oder schaffst du das alleine?“