7 Monate Herbstgefühle - Anke-Larissa Ahlgrimm - E-Book

7 Monate Herbstgefühle E-Book

Anke-Larissa Ahlgrimm

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Beschreibung

"Der Herbst ist eine hinterlistige Jahreszeit. Überall wird man geblendet von warmen Farben und bekommt das Gefühl von Geborgenheit und doch wird es um einen herum immer kälter. Wenn man an den Herbst denkt, denkt man an die Farben, nicht die Kälte. Und so fühle ich mich gerade. Noch bin ich in Sicherheit, aber wer weiß, wann die Kälte zuschnappt und mich mit sich zieht." Rubie und Haven können endlich glücklich sein. Zumindest denken sie das. Niemand ahnt, dass ihr neugefundenes Glück auf die Probe gestellt werden soll. Es folgt ein Chaos aus neuen Wohnungen, Kindern und ungebetenen Familienmitgliedern.

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Seitenzahl: 483

Veröffentlichungsjahr: 2018

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7 Monate

Herbstgefühle

Anke –Larissa Ahlgrimm

I

[20. August, 2016]

Es hatte alles mit drei Wörtern angefangen. Drei Wörter, die mich so sehr überraschten, dass mein Herz aufhörte zu schlagen und mein Atem in meiner Lunge stecken blieb.

Drei Wörter, die Havens Lippen verließen, als wäre es nichts – als würde er sie täglich sagen.

Jedes einzelne Wort so bedeutungslos und doch ergaben sie zusammen einen so kraftvollen Satz, obwohl es nicht die drei berühmtesten Wörter waren. Nein, ein ‚Ich liebe dich‘ hätte mich nicht so sehr überrascht, denn verdammt ich liebte ihn wirklich – sogar zu der Zeit.

Aber nein, es waren drei komplett andere Wörter.

Lass uns zusammenziehen.

Er sagte diese Worte während meiner Mittagspause. Soweit ich mich erinnerte, war es Mittwoch gewesen und wir hatten uns, wie so oft schon, im La vie quotidienne getroffen. Ein Monat war vergangen seit er aus London zurückgekommen war – also einen Monat, den wir zusammen gewesen waren. Ein Monat den wir miteinander verbracht hatten, ohne einen Tag ohne den anderen. Jedoch erklärte dies immer noch nicht, warum er mit mir zusammenziehen wollte.

„Ein Monat ist nicht genug Zeit, um zu wissen, dass du mit mir zusammenleben willst“, sagte ich kopfschüttelnd und rührte mit meinem Löffel in meinem Pfefferminztee. Ich konnte es einfach nicht glauben. Ich konnte mich nicht erinnern, dass Haven je so spontan gewesen war.

„Ich weiß, aber wenn man es genau nimmt, kenne ich dich seit 14 Jahren und das ist genug Zeit“, erwiderte er nonchalant. Auf seinen Lippen breitete sich ein wissendes Lächeln aus. Er wusste, er hatte Recht. Er wusste, es würde mich nerven.

„Nein, wenn man es genau nimmt, haben wir uns die Hälfte dieser 14 Jahre nicht gesehen und uns gegenseitig gehasst.“

„Ich habe dich nie gehasst.“

„Ich aber dich“, grinste ich, obgleich es nicht die ganze Wahrheit war. Die meiste Zeit war ich nur verwirrt über meine Gefühle gewesen. „Und ich weiß, dass sogar sieben Jahre genug Zeit wären, aber ganz ehrlich, ich war damals ein Kind.“

„Wer sagt, du bist es nicht immer noch?“ Haven hob seine Augenbrauen, wissend, dass dies mich ein bisschen mehr aufregen würde. Ich rollte nur meine Augen, da es ja wohl offensichtlich war, wer von uns beiden das Kind war. „Rubie, ich liebe dich und ich kenne dich gut genug. Gib es zu.“

„Du kennst vielleicht meine Gefühle, aber du kennst nicht meine komischen Macken“, sagte ich, bevor ich einen Schluck von meinem Tee nahm. „Und davon habe ich viele, Haven.“

Haven stöhnte leise auf. „Ich weiß, dass du deine Socken nach der Arbeit ausziehst und irgendwo hinwirfst. Ich weiß, du singst Weihnachtslieder unter der Dusche, egal welche Jahreszeit ist. Ich weiß, du bürstest dir deine Haare mit der linken Hand, ohne wirklich darauf zu achten. Und ich weiß, dass du dein Kissen umarmst, wenn du alleine schläfst, weil du es vermisst, jemanden im Schlaf zu halten. Ich kenne dich, Rubie. Ich weiß nicht alles, aber ich freue mich darauf, mehr über deine kleinen Macken zu erfahren. Bitte, Love, lass es uns versuchen.“ Überrascht blickte ich Haven an, die Hälfte der Dinge, die er genannt hatte, waren mir selbst nicht bewusst gewesen.

„Ich glaube immer noch nicht, dass wir zusammenziehen sollten“, sagte ich schließlich. „Ich zahle noch nicht mal für die Wohnung in der ich lebe und ich bezweifle stark, dass mein Vater – zu dem ich nicht mal Kontakt habe – eine größere Wohnung mit einem extra Zimmer für Lilac bezahlen würde.“

„Mit deinem und meinem Einkommen zusammen, können wir uns leicht etwas leisten, Roo“, erwiderte Haven, während er meine Hand sanft streichelte. „Ich weiß, du möchtest nicht wenigerbezahlen als ich, aber wenn wir ehrlich sind, verdiene ich nun mal viel mehr. Ich muss mehr Miete zahlen, vor allem da Lilac mein Kind ist. Außerdem würde es ihr nichts ausmachen, wenn ihr Zimmer etwas kleiner wäre.“

„À propos dein Kind“, schnitt ich ihm das Wort ab, bevor er weitersprechen konnte. „Würde sie es überhaupt in Ordnung finden, wenn wir zusammenleben würden?“

„Ja, denn ich habe sie gefragt. Sie sagte, sie würde es lieben, da sie Tante Jada vermissen wird. Die – bevor du überhaupt fragst – seit drei Jahren gerne mit ihrem Freund zusammenziehen würde. Er lebt in Boston und entweder Jada würde zu ihm ziehen oder er zu ihr.“

Ich seufzte. Ich wollte nicht, dass er mich überzeugte, weil wir meiner Meinung nach einiges überstürzten. Man lebte nach einem Monat nicht mit seinem Freund zusammen. Wir sollten uns mehr Zeit nehmen. Wir sollten ein bisschen mehr Spaß haben. Das sollten wir wirklich.

Jetzt – nochmal einen Monat später – stand ich in einem Labyrinth aus gepackten Kisten und nicht aufgebauten Möbelstücken in einer Wohnung, die ich nun meine nennen konnte – naja unsere.

„Baby, ich fände es wirklich toll, wenn du mir einen dieser Kartons abnehmen könntest“, ertönte Havens Stimme aus dem Wohnungsflur. Ich fand ihn hinter drei großen Kartons, welche er alle versuchte gleichzeitig durch eine Tür zu bekommen.

Lachend schüttelte ich meinen Kopf. „Hättest du nur früher den Mund aufgemacht, würdest du nicht so schwer schleppen“, erinnerte ich ihn und stellte mich auf die Zehenspitzen, um ihm die oberste Kiste mit der Aufschrift ‚Küche‘ abzunehmen. Jetzt, wo ich auch Havens Gesicht vor mir hatte, drückte ich ihm einen Kuss auf die Wange.

„Ich will ja nichts sagen, aber ihr steht ein bisschen im Weg“, sagte Lennox keuchend. Überrascht drehte ich meinen Kopf, nur um zu entdecken, dass Havens Freund gerade dabei war Teile einer Kommode zu tragen. Ich gab Haven einen letzten Kuss, bevor ich in die Küche abbog und Lennox den Weg freimachte. Nala und ihr Freund Cameron würden erst morgen vorbeischauen und helfen die Kartons auszupacken. Heute waren Havens Freunde dran. Lennox, der eigentlich bei einer Security Firma arbeitete, wenn er nicht gerade Schränke schleppte, hatte sich freiwillig gemeldet uns beim Tragen und Aufbauen unserer Möbel beizustehen. Mit seinen breiten Schultern, seinen kurz geschorenen Haaren und seinem eisernen Blick würde er mir wahnsinnige Angst einjagen, wenn ich nicht wüsste, dass er den Charakter eines Kätzchens besaß – außerhalb seiner Arbeit natürlich. Er war wirklich eine große Hilfe, da selbst Haven nicht alles alleine hochhieven konnte. Havens Arbeitskollege Zeke war da eher mentale Unterstützung. Er hatte sich zwar ebenfalls freiwillig gemeldet, aber nur um mit Lilac ihre Wände anzustreichen. Haven sagte, es würde sich lohnen und Zeke würde seiner Tochter damit einen Traum erfüllen, weswegen ich nicht protestierte. Ab und zu kamen Zeke und Lilac mit blauer Farbe an den Händen aus ihrem zukünftigen Zimmer und verlangten Nahrung. Das Kunstwerk selbst durfte niemand sehen – zumindest nicht, bis es vollendet war.

Mit einem schweren Seufzen stellte ich den Karton auf die Küchentheke, die bereits aufgebaut war. Die Küche war der erste Raum gewesen, der fertig möbliert war und dafür war ich schon sehr dankbar. Die meisten Dinge bekamen wir glücklicherweise noch vom Vormieter und so musste ich Haven nicht dabei zusehen, wie er versuchte irgendwelche Geräte anzuschließen. Vermutlich würde er dabei draufgehen.

À propos drauf gehen …

„Rubie, kannst du mir helfen? Ich glaube, ich hab was fallen gelassen.“

„Du hast ganz schön viele Wollpullover“, kommentierte Pam, als sie gerade ein dunkelblaues Exemplar in meinen neuen Schrank räumte. Haven und Lennox hatten diesen Schrank relativ schnell aufgebaut und da ich weder beim Möbel zusammenschrauben, noch beim Anmalen von Lilacs Zimmer eine große Hilfe war, befüllte ich schon mal das Mobiliar – soweit dies ging. Pam, die Freundin von Zeke, welche eigentlich nur gekommen war, um uns Essen zu bringen, half mir dabei.

Ich zuckte gleichgültig mit den Achseln. „Ich hab die Hälfte meiner Kindheit in Kanada verbracht und dort wird es ziemlich kalt“, erklärte ich und sorgte dafür, dass ein weiterer Stapel mit Pullovern in das unterste Regal passte. Harrys und Lilacs Katze Sienna, die es sich bereits im Schrank bequem gemacht hatte, beobachtete mich dabei neugierig. „Außerdem räumen wir gerade einen Karton mit der Aufschrift ‚Winterkleidung‘ aus. Es sollte dich also nicht wundern.“ Grinsend blickte ich zu der Blondine rüber, welche nur amüsiert mit den Augen rollte.

„Ich bin in Florida aufgewachsen. Ich wusste nicht mal, dass Schnee existiert, bevor ich nach New York gezogen bin“, sagte sie lachend und faltete den nun leeren Karton zusammen. Schmunzelnd zog ich den nächsten Karton zu mir, der mit meinem Namen beschriftet war. Ich hatte mich schon längst auf den Boden gesetzt, da der Umzug bis jetzt extrem anstrengend gewesen war – auch wenn ich selten etwas aufbaute. Ich war nur froh, dass es bald zu Ende sein würde und ich anfangen konnte in dieser Wohnung zu leben.

Ich öffnete gerade den neuen Karton, als Haven im Türrahmen erschien.

„Hi“, grinste er und ging neben mir in die Hocke, damit wir auf Augenhöhe waren. Ich beugte mich vor, um ihm einen Kuss auf die Wange zu drücken, bevor ich mich wieder meiner Aufgabe zuwandte. „Ich wollte nur schauen, ob ihr beiden klarkommt.“

Ich wechselte einen Blick mit Pam aus. „Ja, danke Haven. Wir Mädels kommen auch mal ohne die großen, starken Jungs aus.“ Ich zwinkerte meinem Freund zu. Lachend sah er mir zu, wie ich die Kleidungsstücke aus dem Karton neu faltete und dann in den Schrank räumte.

„Gut. Sag mal, ist das nicht meiner?“ Verdutzt hielt ich inne und sah dann zu dem Pullover, der noch in meinen Händen lag. Ich faltete ihn auseinander und schmunzelte dann, als ich das verwaschene Motiv betrachtete. „Ich dachte, ich hätte ihn irgendwo verloren.“

„Du hast ihn mir ausgeliehen und ich habe ihn mit nach Kanada genommen“, sagte ich leise und stich über den Stoff des Pullovers. Wie oft hatte ich ihn übergezogen, wenn mir kalt war oder ich mich nach meinem Zuhause, nach Haven sehnte. Das Kleidungsstück war mir viel zu groß – wie alles aus Havens Schrank –, jedoch war es genau das, was es so gemütlich machte.

Lächelnd drückte Haven seine Lippen an meine Schläfe. „Behalte ihn. Bestimmt passt er mir nicht mehr.“ Ich wusste, dass dies eine Lüge war. Haven war in meiner Abwesenheit nicht wirklich größer geworden, jedoch hätte ich den Pullover sowieso nicht zurückgegeben. Er gehörte nun mir, ganz allein.

„Zeke sagt, Lilacs Zimmer ist bald fertig.“

„Ach, der Herr hat also seine Höhle verlassen?“, hakte Pam nach, die bereits den Karton mit meinen Hosen gefunden hatte und diese nun einordnete. „Ich liebe Zeke ja wirklich, aber wenn er in seiner Kunstwelt ist, kann ich ihn nicht ausstehen.“

„Ich weiß, was du meinst“, erwiderte ich und verknotete meine Beine zum Schneidersitz. „Wenn Haven seine Kamera in der Hand hat, entwickelt er diesen Tunnel-Blick und alles außer seinem Motiv ist ihm egal. Letzte Woche wäre Ly beinahe in einen Teich gefallen, aber Haven hat sich nur für diese Blume interessiert.“

„Es war eine schöne Blume“, protestierte Haven, doch ich schüttelte bloß lachend meinen Kopf. Er würde es wohl nie schaffen, mich für die Fotografie zu begeistern. Klar war es toll, hin und wieder ein Foto von schönen Momenten zu machen. Aber mehr auch nicht. „Ich sehe, diese Konversation wendet sich gegen mich, also gehe ich lieber.“ Haven machte Anstalten sich aufrecht hinzustellen, doch bevor er dies tun konnte, tippte ich auf meine rechte Wange. Lachend küsste mein Freund die Stelle und verließ dann den Raum. Dass Pam mich lächelnd betrachtete, bemerkte ich erst wenige Sekunden später, als ich bereits wieder meine Kleidung zusammenfaltete.

„Was ist?“

Pam schmunzelte. „Man kann gar nicht glauben, dass ihr erst zwei Monate zusammen seid. Ihr seid so … vertraut. Zeke und ich waren zu der Zeit dauernd nervös und haben uns gegenseitig aus Versehen getreten.“ Ein Lachen entwich meiner Kehle, als ich versuchte mir diese Szenarien vorzustellen. Zeke und nervös? Er war zwar eher ein ruhiger Mensch, soweit ich das mitbekam, aber er war weder schüchtern, noch unsicher.

„Pam, ich kenne Haven seit ich vier Jahre alt war. Ich weiß, dass mir bei ihm nichts peinlich sein muss … naja fast.“ Grinsend schüttelte ich meinen Kopf. Haven und ich hatten nur wenige Tage gebraucht, um die ganze ‚Beziehungs-Kiste‘ ins Rollen zu bringen. Es wurde natürlich, ihm einen Abschiedskuss zu geben oder nach seiner Hand zu greifen. Es wurde auch natürlich, Lilac die Haare zu flechten und Haven beim Kochen zu helfen. Es wurde natürlich, Haven zu lieben.

II

[21. August, 2016]

Nala stieß einen leisen Pfiff aus, nachdem sie sich staunend umgesehen hatte. Ich konnte es ihr nicht verdenken, schließlich war dies auch meine erste Reaktion gewesen.

„Das ist … schön“, sagte sie schließlich und steckte ihre Hände in ihre Hosentaschen. „Ich mag die Farben und die schwimmenden Einhörner sind auch ziemlich toll.“ Zeke hatte Lilacs Zimmer in eine Unterwasserwelt verwandelt. Man kam sich vor wie im tiefsten Meer und um einen herum schwammen jegliche Meereskreaturen, die man sich vorstellen konnte. Delfine, Fische, Wale, Kraken und sogar das Loch Ness Monster hatte seinen Platz gleich am Türrahmen.

„Das sind keine Einhörner“, protestierte Lilac sofort, die bis gerade eben ihre Kuscheltiere geordnet hatte, während ich meiner besten Freundin Zekes Malerei zeigte. „Das sind Hippocampi aus der griechischen Mythologie. Vorne Pferd, hinten Fisch und kein Horn.“ Lilac bedachte Nala mit einem strengen Blick und ich musste mir ein Lachen verkneifen, da es schon sehr amüsant war, wie Nala dann genervt mit den Augen rollte.

„Das Kind hat Fantasie“, murmelte sie beim Verlassen des Zimmers. „Meerjungpferde und was kommt als nächstes? Werpferde oder Vampferde?“

Dieses Mal konnte ich mein Lachen nicht zurückhalten. „Wie wäre es mit Pferdefeen? TinkerBell, verstehst du? Da gibt es doch diese Rasse -“

„Jetzt ist es nicht mehr lustig, Roo“, sagte Nala kopfschüttelnd und ging zurück ins Wohnzimmer, wo Haven und Cam bereits Kisten auspackten. Ein Seufzen entwich meiner Kehle. Mir kam es vor, als hätte ich in den letzten Stunden nichts anderes gemacht, als Kisten auszupacken – was ja auch die Wahrheit war. Ich konnte wetten, jemand hatte über Nacht weitere 20 Kisten dazu gestellt. Ich würde wohl für den Rest meines Lebens Kartons auspacken.

„Erde an Rubie?“, riss mich Haven aus meinen Gedanken und ich sah ihn ertappt mit gehobenen Augenbrauen an. Schmunzelnd strich der Braunhaarige über meine Wange, bevor er sich zu mir herunterbeugte und seine Lippen auf meine legte. Auch wenn seine Küsse Gewohnheit für mich wurden, hieß das nicht, dass ich nicht jedes Mal zu einem schmelzenden Marshmallow mutierte. Ich war so in meinen Glücksgefühlen versunken, dass ich gar nicht bemerkte, wie Haven seine Lippen von meinen löste. „Na komm, sonst frisst uns Nala noch auf.“

„Das tue ich wirklich“, stimmte Nala ihm nickend zu und deutete auf jede Person im Raum. „Seht euch vor.“ Cam, welcher direkt hinter ihr stand, rollte nur lächelnd mit den Augen. Er hob den Karton vor sich hoch und warf Haven und mir einen fragenden Blick zu.

„Wo sollen die Handtücher hin?“

„Blauer Schrank im Bad“, antworteten wir unisono und tauschten daraufhin einen belustigten Blick aus. Cam verschwand mit unseren Handtüchern, während Nala ebenfalls Gefallen an ihrem eigenen Karton fand. Schnell wurde mir auch bewusst warum. Sie hatte die Kiste mit den ganzen Fotoalben abbekommen.

„Haven als Baby, seht euch das mal an“, stieß sie verzückt aus und setzte sich mit dem geöffneten Buch auf unser Sofa, das heute Morgen erst geliefert wurde. Mein Freund seufzte tief, doch ich hatte mich bereits neben Nala fallen lassen.

„Oh, wie süß“, lachte ich. Einige der Fotos hatte ich bereits gesehen – Marie, Havens Mutter, liebte es Haven in Verlegenheit zu bringen. Und dies gelang ihr am besten, indem sie seinen Freunden Fotos zeigte, auf denen er als Dalmatiner verkleidet war.

„Damals noch mit Pausbäckchen, Stupsnase und fehlenden Zähnen.“ Grinsend nahm meine beste Freundin eines der Fotos in ihre Hand und hielt es dann neben Havens Gesicht. „Und jetzt? Jetzt besteht er nur noch aus einem umwerfenden Kieferknochen, Grübchen, Locken und diesen Augen.“ Amüsiert beobachtete ich wie meine Freundin ihr Gesicht verzog, als Cam genau in diesem Moment den Raum betrat.

„Ich habe nichts gehört“, sagte der Blondhaarige, während Haven und ich uns ein Lachen verkneifen mussten. Havens Grübchen bohrten sich in seine Wangen und ich konnte nicht aufhören darüber nachzudenken, wie glücklich ich war. Ich saß hier mitten in unserem Wohnzimmer mit Nala an meiner Seite und Haven. Haven, der durch seine grünen Augen mit mir sprach und mir zeigte, dass er auch so fühlte wie ich. „Leute, ich werde nicht allein eure Sachen auspacken.“ Kaum hatte Cam dies ausgesprochen, setzten wir uns alle wieder in Bewegung und öffneten Kartons. Lilac kam nur selten aus ihrem Zimmer. Sie wollte ihr Zimmer ganz allein gestalten und Haven gab ihr die Chance dazu.

„Ich bin so neidisch“, flüsterte mir meine beste Freundin zu, als wir gerade Bücher in ein Regal einräumten, Picasso streifte uns dabei um die Beine. Der schneeweiße Kater hatte sich bereits prima in der Wohnung eingelebt und liebte es, sich in offenen Kartons zu verstecken. Fragend sah ich zu Nala, welche in Richtung Flur blickte. „Ich lebe in dieser Mini-WG, wo jeder auf jedem sitzt und du … Haven hat sogar ein Büro.“

„Das ist aber auch wirklich winzig“, verteidigte ich unsere Wohnung lachend und nahm einen Stapel Nicolas Sparks Bücher aus dem Karton. „Außerdem musste ich nach New Jersey ziehen, nach New Jersey, Nala.“

„Du hast Recht.“ Nalas schadenfrohes Grinsen wurde immer breiter. Ich seufzte und rollte belustigt mit den Augen. Ich hatte es zwar geliebt in New York City zu leben – vor allem, da mein Vater ja die Miete bezahlt hatte. Allerdings war New Jersey wirklich nicht so schlimm. Es war nicht ganz so laut und es kam einem viel entspannter vor. Jedoch konnte nichts mit meiner Heimatstadt mithalten, wo jeder jeden kannte und man keine Geheimnisse haben konnte. „Aber du bist glücklich, oder?“ Nalas besorgte Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Sofort lächelte ich sie beruhigend an.

„Ja, sehr sogar.“

[24. August, 2016]

Erschöpft lehnte ich meine Stirn an das kalte Metall des Spindes und schloss seufzend meine Augen. Ich konnte meinen Herzschlag in meinem Ohr pochen hören und doch kam mir alles so still vor.

Es war Debbie, meine Kollegin, die diese Stille unterbrach. „Nicht einschlafen, Rubie“, kicherte sie und stupste mir gegen die Rippen. Ich stieß ein leises Lachen aus, löste meine Stirn von dem Spind und schüttelte meinen Kopf. Im Gegensatz zu mir, befand sich die Rothaarige noch in ihrer rosa Arbeitskleidung, aus der sie sich jedoch nun schälte. „Bekommst du etwa zu wenig Schlaf?“

Ich ignorierte gekonnt, dass meine Freundin mit ihren Augenbrauen wackelte. „Normalerweise schlafe ich an meinen freien Tagen, damit ich die Woche überstehe“, sagte ich seufzend und fuhr mit meiner Haarbürste durch meine blonde Mähne. „Aber dieses Wochenende habe ich genauso wenig geschlafen wie sonst auch.“

Debbie warf mir einen mitleidigen Blick zu, allerdings wusste ich, dass sie damit nur ihre Schadenfreude überspielte. „Habt ihr euch denn schon eingelebt?“

Ich zuckte mit den Achseln. „Ein bisschen“, sagte ich und nahm meine Handtasche aus dem Spind. Ich hatte noch Zeit, bis ich wirklich losmusste, also konnte ich in der Zeit auch noch auf Debbie warten. „Welcher Tag ist heute? Mittwoch, richtig? Wir leben erst seit ein paar Tagen in der Wohnung. Alle Sachen, alle Möbel haben wir ja. Es fehlen nur noch die Erinnerungen, die wir erschaffen werden.“

„Du hast Recht. Lädst du mich bald mal ein?“ Debbie war nun fertig mit dem Umziehen und bereit zu gehen. Zusammen verließen wir die Umkleiden der Krankenschwestern. Schmunzelnd legte ich einen Arm um Debbies Schulter.

„Vielleicht“, antwortete ich schließlich grinsend. „Wenn du der Kleinen Süßigkeiten mitbringst.“ Wir stiegen in einen der Aufzüge, während Debbie euphorisch den Inhalt ihres Süßigkeiten-Schranks aufzählte. Ich fand heraus, dass Debbie seit kurzem keine Schokolade mehr mochte – „Das ändert sich zur Weihnachtszeit bestimmt wieder“ – und dass sie nun ihre Liebe für saure Gummibärchen wiederentdeckt hatte.

Vor den Türen des Krankenhauses mussten wir uns allerdings bereits verabschieden. Debbie hatte es nicht weit bis nach Hause, da sie lediglich einen viertelstündigen Spaziergang vor sich hatte. Ich hingegen musste seit dem Umzug mehr als eine Stunde in den öffentlichen Verkehrsmitteln verbringen. Einer der wenigen Nachteile des Zusammenlebens mit Haven. Ich überlegte wirklich schon, ob ich mir ein neues Hobby zulegen sollte, welches ich dann innerhalb dieser Stunde ausübte. Vielleicht stricken? Oder ich könnte anfangen Freundschaftsarmbänder zu knüpfen.

Eine Stunde später hatte ich es endlich zu unserem Wohnkomplex geschafft und schleppte mich in den Aufzug. Ich hatte Haven beinahe vor Freude erdrückt, als ich entdeckt hatte, dass wir einen Fahrstuhl besaßen. Nie wieder Treppen laufen nach einer langen Nachtschicht – naja zumindest für eine lange Zeit hoffentlich.

Gähnend schloss ich die Wohnungstür auf und betrat unsere Wohnung. Ich hatte gerade mal meine Jacke ausgezogen, als schon das Donnern von Kinderfüßen ertönte.

„Rubie, Rubie, Rubie“, kreischte Lilac und ließ mich zusammenzucken. Ehe ich mich über ihre Lautstärke zu dieser Uhrzeit beschweren konnte, war sie bereits in meine Arme gesprungen und schlang ihre kleinen Beine um meine Hüfte. Überrascht taumelte ich ein paar Schritte zurück. „Guten Morgen, Rubie. Wie war deine Nacht?“

„Anstrengend“, lächelte ich erschöpft und drückte dem kleinen Mädchen einen Kuss auf die Schläfe. Dann schlüpfte ich erst mal aus meinen Schuhen und stellte meine Handtasche ab. „Wie hast du geschlafen, minette?“

„Super, Daddy macht gerade Frühstück“, antwortete die Blondine und wippte in meinen Armen auf und ab. Lilacs Finger fanden ihren Weg in mein zerzaustes Haar und fingen an eine kleine Strähne zu flechten. Während sie also noch mit meinen Haaren beschäftigt war, ging ich in die Küche, wo Haven gerade dabei war ein Omelett zu zaubern. Genau wie Lilac war auch er noch im Schlafanzug.

Als er mich entdeckte, schenkte er mir ein breites Lächeln, welches ich nur zu gerne erwiderte. Ich setzte Lilac auf einen Stuhl am Esstisch und fuhr ihr dann durch das Haar.

Kichernd sah sie zu mir hoch. „Frühstückst du noch mit uns?“

Ich zögerte. Eigentlich wollte ich nur noch ins Bett und schlafen, schlafen, schlafen. Schon im Zug hatte ich mich nach Havens und meinem Bett gesehnt und musste mich zusammenreißen nicht einzuschlafen. Allerdings bedachte Lilac mich mit ihrem Hundeblick und ich hatte sie gestern nicht ins Bett bringen können und … „Klar, doch.“ Ich ließ mich neben Lilac auf einen Stuhl nieder und stützte meinen Kopf auf meiner Handfläche ab. Sofort begann Lilac mir von ihrem gestrigen Tag zu erzählen, von allem, dass sie mir gestern nicht mehr erzählen konnte. Ich gab zu, dass ich zwischendurch öfter abdriftete und auf Havens Hinterkopf starrte. Lilac merkte das zum Glück nicht, dafür aber ihr Vater.

„Darling, wie wäre es, wenn du dich schon mal anziehst? Dann ist das Frühstück auch schon fertig“, unterbrach Haven seine Tochter sanft. Lilac unterbrach ihren Worte-Wasserfall sofort, nickte euphorisch und sprang vom Stuhl. Ehe ich mich versah, war es leise in der Küche und Haven stellte zwei Teller auf den Esstisch. Jeden Morgen zauberte Haven etwas anderes Frisches und Gesundes zum Frühstück und ich hatte wahnsinnigen Respekt davor. Ich selbst könnte das wahrscheinlich nicht. Jeden Morgen und auch fast jeden Abend warm kochen? Dafür hatte ich weder Zeit noch Lust. Aber Haven meisterte es, so wie er es die Jahre zuvor auch gemeistert hatte.

Mein Freund beugte sich zu mir runter und küsste meine Stirn. „Ab ins Bett, Bee.“ Ich seufzte. Haven nannte mich nun schon seit einigen Wochen Bee. Er sagte, es würde toll zu meinem eigentlichen Spitznamen Roo passen, den Nala mir ja als Kind bereits gegeben hatte. Ich wollte nicht wissen, wie oft Haven ‚Roo & Bee‘ vor sich hingemurmelt und dann gelacht hatte – einmal hatte ich es jedenfalls mitbekommen.

„Aber, Lilac -“

„Baby, du schläfst mir gleich am Esstisch ein“, lachte Haven und zog mich an meinem Arm hoch. Stumm ließ ich mich von ihm in unser Schlafzimmer geleiten.

„Haven“, murmelte ich, nachdem ich aus meinen Kleidern geschlüpft war und meine Schlafsachen angezogen hatte. Schmunzelnd strich mir Haven eine Haarsträhne aus dem Gesicht und drückte mir einen Kuss auf die Lippen. „Legst du dich zu mir?“

„Du weißt, ich kann nicht“, seufzte der Lockenkopf und schlug die Bettdecke zur Seite, damit ich mich hinlegen konnte. „Ich muss Lilac zur Ferienbetreuung bringen und dann auf Arbeit.“

Eine Antwort von mir bekam er nicht mehr, da ich bereits meine Augen geschlossen und mein Gesicht im Kissen vergraben hatte. Es dauerte nicht lange, bis ich in Traumland überging. Das Letzte, was ich noch bemerkte, war Havens Kuss, den er auf meinen Kopf pflanzte.

Und wenn ich im Tiefschlaf auf Havens Seite rollte, um seinen Geruch um mich zu haben, dann musste das niemand erfahren.

III

[26. August, 2016]

„Es ist Frischlingsaison“, sagte Kate laut, um unsere Aufmerksamkeit zu erlangen. Wir - das waren so ziemlich alle Krankenpfleger der Pädiatriestation. Und Kate, unsere Ausbilderin, hielt uns gerade eine Motivationsrede. Sonst gab es die immer am Anfang einer Woche, jedoch war Kate wohl der Meinung, dass wir diese auch mal an einem Freitag vertragen konnten. „Ich weiß, wir haben uns das jetzt schon einige Tage angetan, aber ich sage es nochmal für alle: Lasst euch nicht herumkommandieren von diesen Anfängern.“

„Aber von ihr schon, oder was?“, flüsterte Rae neben mir in mein Ohr und rollte genervt mit ihren Augen. Ich musste mir meine Hand vor den Mund halten, um mir ein Lachen zu verkneifen. Rae hatte Recht. Kate verhielt sich oft wie die Chefin der Chirurgie. Andererseits war sie eben auch unsere Ausbilderin.

„Diese jungen Frauen und Männer dürfen nun zum ersten Mal Doktor spielen und genau deswegen spielen ihre Hormone verrückt. Ihr behandelt die Patienten so, wie ihr es immer getan habt. Es sei denn, der Patient schwebt in Lebensgefahr“, beendete Kate ihre Rede. Sie warf uns allen noch einen strengen Blick zu, bevor sie uns aufforderte an die Arbeit zu gehen. Seufzend beobachtete ich, wie jeder seinen Weg ging und ich als Letzte noch am Empfang der Pädiatrie stand. Normalerweise begann ich meine Frühschichten damit, bei Bo vorbeizuschauen, einem Mädchen, die mit einer schweren Kopfverletzung eingeliefert worden war. Die letzten Wochen hatte sie mir immer ein Lächeln auf die Lippen zaubern können, was man in einem Krankenhaus manchmal gut gebrauchen konnte. Ich liebte die Pädiatrie, das tat ich wirklich. Unsere kleinen Patienten waren immer so voller Hoffnung und ihr Lachen konnte einem das Herz erwärmen, jedoch war es dann umso trauriger, wenn sie starben. Bo war nicht gestorben, glücklicherweise, sie war lediglich endlich entlassen worden. Ich freute mich für sie, doch der egoistische Teil von mir war auch traurig.

Ich bemerkte erst, dass ich träumend herumgestanden hatte, als jemand in mich hinein krachte und mich mehr oder weniger gegen den Tresen schubste.

„Hey“, rief ich genervt aus und griff nach dem weißen Kittel, da dessen Träger sonst vermutlich noch mehr Leute umgehauen hätte. Der brünette Mann blieb stehen und bedachte mich erst mit einem gestressten Blick, bevor sich irgendein Schalter in seinem Kopf umlegte und er mir sein breitestes Zahnpasta-Lächeln zeigte. „Ich weiß, das Krankenhaus ist ein stressiger Ort, wo man auch mal rennt. Aber dann entschuldigt man sich auch, wenn man jemanden anrempelt.“ Ich verschränkte meine Arme vor der Brust. Obgleich ich meinen strengsten Blick aufsetzte, fingen die blauen Augen des jungen Mannes nur mehr zu strahlen.

„Ich wusste nicht, dass so wunderschöne Frauen hier arbeiten“, sagte er und zwinkerte mir auf eine Weise zu, die wohl charmant sein sollte. Ich unterdrückte ein schweres Seufzen und presste nur meine Lippen aufeinander.

„Und ich wusste nicht, dass sie bereits jeden Idioten als Assistenzarzt einstellen.“ Der junge Arzt legte sich eine Hand auf die Brust, als wäre er angeschossen worden und machte japsende Geräusche. Ich hob eine Augenbraue. Er war also ein Charmeur und ein Scherzbold. Das war ja eine super Kombination. „Ich bin mir sicher, du hast gerade etwas anderes zu tun, als hier herumzustehen, …“ Verwirrt suchte ich nach dem Namensschild, das eigentlich an der Brusttasche seiner hellblauen Arbeitskleidung hängen sollte.

„Leo“, grinste er und zwinkerte mir erneut zu. „Dr. Leo Turner, hier zu ihren Diensten, Miss …“

„Mein Name ist Rubie“, sagte ich. Ich wollte ihm nicht die Genugtuung geben meinen Nachnamen zu wissen. Das musste er sich schon irgendwie verdienen. „Und ich empfehle dir, Leo, dass du dein Namensschild trägst. Das hat etwas mit Professionalität zu tun.“

„Jaja, Baby.“ Leo stützte sich mit seinen Armen am Tresen des Empfangs ab und kesselte mich somit ein. Er war mir viel näher als es mir lieb war, allerdings wollte ich noch nichts sagen. Er war nur ein dummer Junge, der spielen wollte.

„Leo, wie alt bist du eigentlich?“, fragte ich nonchalant. Der Braunhaarige schien zu denken, ich wäre an ihm interessiert, da sein Grinsen noch schleimiger wurde.

„Ich bin 26 Jahre alt.“ Er streckte stolz seine Brust vor und hob sein Kinn an. „Bin einer der jüngsten im ersten Jahr.“

„Und für wie alt schätzt du mich?

„20? 21?“ Er zuckte mit den Achseln. Ich konnte nur staunen. Wenn jeder mich so alt schätzen würde, dann würde ich vielleicht etwas mehr Alkohol bekommen.

„Ich bin 18, Leo. Such dir jemand anderen zum Spielen.“ Ich entfloh Leos Armen und machte mich auf den Weg zu meinen kleinen Patienten. Ich wusste, dass Leo mir folgte. Er schien mir nicht der Typ, der so schnell aufgab – leider.

„Ach, was machen schon acht Jahre?“ Die Wahrheit war, dass es mir nichts ausmachen würde. Schließlich war Haven nur ein Jahr jünger als Leo und ihn liebte ich nichtsdestotrotz.

„Ich habe einen Freund“, sagte ich seufzend und überprüfte die Werte eines schlafenden Kindes. Leo sah mir stumm dabei zu. Ich wusste nicht, warum er lieber mir folgte anstatt eines Oberarztes, der eine längere Ausbildung hinter sich hatte als ich. Doch, ich wusste es. Er dachte nicht mit seinem Kopf. Das sollte man von einem Arzt eigentlich erwarten können – mit dem Kopf denken, meinte ich.

„Das sagen sie alle.“ Ich war froh, dass zu dieser frühen Stunde die meisten Kinder noch schliefen. Dann mussten sie sich zumindest nicht die Konversation von mir und Leo antun. Ich litt bereits genug darunter.

„Ich meine es Ernst, Leo.“ Ich blieb stehen, um ihm fest in die blauen Augen zu schauen. Ich wollte, dass er das Folgende nicht missverstand. „Ich habe einen Freund. Er heißt Haven und ist größer als wir beide. Fass mich an und du fliegst in hohem Bogen hier raus – und ein blaues Auge kriegst du gratis dazu.“ Gut, dass Leo meinen Freund wirklich nicht kannte. Haven konnte keiner Fliege etwas zuleide tun. Deswegen war es von Vorteil, dass Havens Statur nicht darauf schließen ließ. Bei einem Duell mit Leo würde ich wahrscheinlich für Haven einspringen müssen. Aber das würde der junge Arzt nie erfahren.

„Reg dich ab“, sagte dieser nämlich und steckte seine Hände demonstrativ in seine Kitteltaschen. „Ich habe auch meine Prioritäten.“

„Er hat mich die ganze Schicht lang genervt. Es war schrecklich“, jammerte ich, als ich mich zu Lilacs Teller herüber beugte, um ihr zu helfen ihre Spaghetti klein zu schneiden. Sie hatte darauf bestanden am Kopfende des Tisches zu sitzen und zwar auf der Seite neben mir und Nala.

„Arme Rubie. Den ganzen Tag wurde sie von einem attraktiven Mann gejagt.“ Gespielt mitleidig schob Nala ihre Unterlippe vor und sah mich über den Rand ihrer Brille an.

„Das ist es ja nicht“, lachte ich und würde ich neben ihr sitzen, hätte ich sie längst sanft geschlagen. „Normalerweise freue ich mich doch über die Aufmerksamkeit von attraktiven Männern, aber Leo … er ist besonders.“

„Na das hört man doch gerne“, ertönte Havens Stimme neben mir und schlagartig wurde mir seine Anwesenheit wieder bewusst. Ich verzog mein Gesicht und beugte mich sofort zu Haven, um ihm einen Kuss auf die Wange zu geben.

„So meine ich das doch gar nicht, chouchou“, seufzte ich und lehnte meine Nase an seinen Wangenknochen. Lange dauerte es nicht, bis Haven wieder lächelte und ich schmunzelnd meine Lippen auf seine presste. „Leo ist eine Nervensäge, ein Kind. Was will ich mit ihm, wenn ich dich habe?“

„Gute Antwort, Rubie, gute Antwort“, sagte Havens Schwester, die gleich neben Nala saß und mich breit angrinste. Jada war wirklich zu ihrem Freund nach Boston gezogen, so wie Haven es vorausgesagt hatte. Ich merkte Haven an, wie sehr er Jada vermisste, schließlich hatten sie sich die letzten 25 Jahre fast durchgängig gesehen.

„Also, Jada. Du wohnst jetzt in Boston?“, fragte Nala neugierig und griff nach ihrem Glas. Ich war froh, dass Nala und Jada so gut miteinander auskamen. Sie waren sich verdammt ähnlich, weswegen ich schon eine Freundschaft vorhersah. „Wie ist es denn so da oben?“

„Fantastisch“, grinste Jada. „Ich weiß nicht, ob Rubie es dir erzählt hat, aber ich bin ja schon vor drei Wochen zu Adam gezogen. Ich bin immer noch dabei mich an die andere Stadt zu gewöhnen, aber so langsam kenne ich mich aus. Wenn ich sonst Adam besucht hatte, musste ich ja nie viel durch die Stadt, weswegen ich davor wirklich keinen Plan von irgendwas hatte. Und ich sage euch: Mit Adam zusammenzuleben ist so … einfach. Mir war nie bewusst, wie gut unsere Morgenroutinen zusammenpassen oder wie gut uns diese Zweisamkeit tut. Nichts gegen dich Haven, ich liebe dich und Lilac wirklich sehr, aber … Ich bin jetzt bald 28 Jahre alt, es wird Zeit, dass ich mich niederlasse. Und nicht in der Wohnung meines Bruders.“ Ich sah zu meinem Freund, welcher wissend lächelte. Wir beide hatten bereits ein Gespräch über dieses Thema gehabt, in welchem Haven erwähnt hatte, dass er dankbar war, für alle Jahre die Jada bei ihm geblieben war. Und ich war es auch. Jemand hatte ja auf Haven aufpassen und ihm, wenn notwendig, einen Klapps auf den Hinterkopf geben müssen.

„Ich freue mich für dich“, sagte der Lockenkopf ehrlich und beugte sich leicht über den Tisch, um Jadas Schulter zu streichen. Mit meinen Fingern tätschelte ich ebenfalls Havens Bein, um ihm zu zeigen, dass ich bei ihm war. Er sollte wissen, dass er nicht alleine war ohne Jada. Er hatte mich, er hatte Lilac und noch viele Freunde, die ich nicht mal alle kannte.

„Ich mich doch auch für dich.“ Jada deutete erst auf Haven und mich und dann warf sie noch Lilac einen langen Blick zu. Das Mädchen war vollkommen auf ihr Essen konzentriert. Man könnte meinen, sie bekam bei uns sonst nichts. „Ihr könnt euch endlich ein Zuhause erschaffen. So wie ihr es schon immer wolltet. Das habt ihr verdient.“

Ich spürte, wie mir die Hitze in die Wangen stieg und senkte verlegen den Blick. Die Worte schon immer hallten in meinem Kopf nach. Ja, vielleicht wollte ich schon immer mit Haven ein Leben führen. Allerdings hatte ich als Kind ganz andere Gründe dafür gehabt. Das ließ sich nicht mit heute vergleichen – eigentlich.

„Wo wir schon davon reden“, setzte Nala plötzlich an. In ihren Augen erkannte ich das freche Funkeln, dass sie schon in der Schule bekam, bevor sie irgendetwas vorschlug. Normalerweise hatte dieses irgendetwas uns in Schwierigkeiten gebracht, weswegen ich nun etwas skeptisch war. „Wann hattet ihr beide eigentlich das letzte Mal einen Abend zu zweit?“

Ich atmete erleichtert aus. Es war kein Diebstahl geplant und Nala wollte auch nicht auf das Empire State Building klettern. Vielleicht würde sie ja doch langsam erwachsen werden. Vielleicht aber auch nicht.

„Ich weiß nicht“, antwortete ich letztlich achselzuckend. „Aber ich glaube, wir haben das auch gar nicht so nötig.“ Ich sah fragend zu meinem Freund, welcher zustimmend nickte. Es stimmte schon das wir selten ein Date gehabt hatten, bei dem Lilac nicht dabei gewesen war. Allerdings mochte ich den kleinen Sonnenschein und ihre Anwesenheit störte mich nicht.

„Oh doch“, unterbrach Nala meinen Gedankengang. Ihr strenger Blick konnte wohl eine ganze Horde Kinder still kriegen. „Ihr beide braucht das. Wie wäre es, wenn ich Lilac nächste Woche von der Schule abhole und sie dann bei uns übernachtet?“

„Ich weiß nicht“, sagte Haven zögernd und wir sahen zu seiner Tochter, welche immer noch nur Augen für ihre Spaghetti zu haben schien. Dass man mittlerweile über sie sprach, schien ihr egal zu sein.

Nala stupste Lilac an die Schulter. „Wie fändest du das, Lilac? Eine Übernachtungsparty bei mir und meiner Mitbewohnerin?“

Lilac schien für einige Sekunden zu überlegen, bevor sie enthusiastisch nickte und meiner besten Freundin ein breites Lächeln schenkte. „Schauen wir auch Disney Filme?“

„So viele du willst.“

„Auch König der Löwen? Da heißt ein Löwe wie du.“ Schmunzelnd beobachtete ich, wie Lilacs blaue Augen noch größer wurden, als Nala daraufhin nickte. Plötzlich war ihr Essen gar nicht mehr so interessant und sie wandte sich an ihren Vater. „Darf ich, Daddy? Bitte?“

Lilac schob schmollend ihre Unterlippe vor und blinzelte Haven lieb an. Haven stieß ein tiefes Seufzen aus. Er wusste, er konnte nicht nein sagen.

IV

[5. September, 2016]

Mit einem leisen Klirren ließ ich meine Schlüssel in die grüne Keramikschale auf der Kommode im Flur fallen. Es war still in der Wohnung, was mich nicht sonderlich überraschte. Haven war noch auf Arbeit und Lilac verbrachte die Zeit nach der Schule bei ihrer Freundin, bis Haven sie abholte, weswegen ich noch ein bisschen Zeit für mich hatte. Es war gerade einmal später Nachmittag – ich hatte etwas früher gehen können –, deshalb entschied ich mich für eine Dusche. Manchmal duschte ich schon im Krankenhaus, allerdings waren die Duschen dort so klein und eng, dass selbst ich Klaustrophobie bekam.

Ich stellte also meine Tasche ab und begab mich ins Badezimmer. Ich schlüpfte aus meiner Kleidung, welche ich gleich in den Wäschekorb warf, legte mir ein Handtuch hin, schaltete die Dusche ein und stieg unter das prasselnde Wasser. Es dauerte einen Moment, bevor es die gewünschte Temperatur erreicht hatte, allerdings machte es mir nichts aus, auch mal unter dem kalten Wasser zu stehen. Während mir der Duft von meinem Aprikosen-Shampoo in die Nase stieg, summte ich leise ‚Jingle Bells‘ vor mich hin. Heute war kein zu stressiger Tag gewesen und doch fühlte ich mich trotzdem viel entspannter, als ich einige Minuten später aus der Dusche stieg. Ich trocknete meine Haare spärlich mit dem Handtuch, bevor ich es um meinen Körper wickelte und das Bad verließ.

„Hey, Rubie.“ Ich erschreckte mich so sehr vor Lilac, die plötzlich vor mir stand, dass ich beinahe mein Handtuch fallen ließ. Keuchend krallte ich meine Finger in den Stoff und starrte das kleine Mädchen.

„Mon Dieu, Ly, hast du mich erschreckt“, sagte ich, nachdem ich einen tiefen Atemzug genommen hatte. Mittlerweile umfasste ich mein Handtuch nicht mehr so fest, nur noch so, dass es nicht runterrutschen konnte.

„‘Tschuldigung, Rubie.“ Lächelnd fuhr ich durch Lilacs Haar und tätschelte ihre Wange. „Daddy hat mich früher abgeholt.“

„Habe ich mir schon gedacht“, lachte ich, drückte der Blondine einen Kuss auf den Haarschopf und machte mich wieder auf den Weg ins Schlafzimmer. Dass Haven dort bereits vor seinem Kleiderschrank stand, erschreckte mich nun nicht mehr.

„Hey, Bee“, lächelte er mich sanft an, während er versuchte eine Krawatte zu binden. Er trug selten eine Krawatte zu seinem Anzug, wenn dann hatte er Fliegen lieber. Ich drückte ihm einen Kuss auf die Lippen.

„Deine Tochter hat mich gerade so sehr erschreckt, dass mir fast mein Handtuch runtergerutscht ist.“ Lachend drehte ich mich zu meinem eigenen Kleiderschrank und suchte mir neue Unterwäsche raus. Haven stieß hinter mir ein leises Schnauben aus.

„Das hätte ihr weniger ausgemacht als dir, vermute ich“, sprach er meine Gedanken aus. Ich nickte schmunzelnd. Lilac war schließlich ein Kind. „Mir hätte es im Übrigen auch nichts ausgemacht.“ Ich sah über meine Schulter zu ihm, nur um ein Zwinkern von ihm zu erhaschen. Ein Kichern verließ meine Lippen. Mittlerweile hatte ich die Unterwäsche angezogen und wühlte nach einem bequemen Shirt zum Tragen. Ich erschreckte mich nicht, als Haven plötzlich hinter mir stand und meine nackte Schulter küsste. Auf meinen Armen breitete sich eine Gänsehaut aus und ich drehte mich zu ihm, um meine Arme an seinem Nacken zu verschränken.

„Ich muss gleich nochmal los zu einem Kunden“, seufzte er und ich konnte in seinem traurigen Blick erkennen, wie gerne er bei mir und Lilac bleiben würde. Ich lächelte ihn aufmunternd an und fuhr durch die strubbeligen Haare an seinem Hinterkopf. „Kannst du Lilac etwas zum Abendessen machen?“

„Klar“, antwortete ich sofort, damit sich Haven keine weiteren Sorgen machte. „Ich bringe sie dann auch ins Bett, wenn du noch nicht da bist.“

„Okay.“ Haven nickte langsam, löste sich von mir und griff nach seinem Sakko, der auf dem Bett lag. Überraschenderweise war der Sakko schlicht weiß und hatte kein riskantes Muster. Haven war der Meister der Muster. Neben seinen schlichten weißen und schwarzen Shirts lagen im Schrank auch Grüne, Gelbe, Pinke mit Mustern, die man vorher noch nie gesehen hatte. Mein Liebling war ein Shirt mit demselben Muster eines Hawaii-Hemdes. Es war so grässlich, dass es an Haven einfach fantastisch aussah. Ich wusste nicht, wie er das schaffte.

„Was möchtest du essen, minette?“, fragte ich eine viertel Stunde später, kurz nachdem Haven die Wohnung verlassen hatte. Lilac, die mit ihrem Kopf auf den Handflächen gestützt am Esstisch saß und mich beobachtete, zuckte mit den Achseln. „Nudeln?“

„Makkaroni mit Käse?“, fragte das Mädchen zurück und ich verzog nachdenklich mein Gesicht. Da ich mich eher im Backbereich auskannte, war ich mir nicht sicher, ob ich wusste, wie man das Gericht machte. „Ich weiß, wie’s geht.“

„Gut.“ Lachend winkte ich Havens Tochter zu mir und ließ sie auf die Küchenanrichte klettern. Ich holte alle nötigen Zutaten heraus, wobei ich dabei noch keine Hilfe brauchte. Erst danach diktierte mir Lilac das Rezept und sah mir penibel auf die Finger. Innerhalb einer halben Stunde hatte ich uns ein Abendessen gezaubert und es musste nur noch von Lilac abgeschmeckt werden.

„Pusten“, befahl sie kichernd und ich beugte mich vor, um auf den Löffel zu pusten. Sobald es Lilac lange genug war, nahm sie mir das Besteck aus der Hand und steckte es sich in den Mund. Gespielt ängstlich betrachtete ich Lilac, während sie kaute, und stieß bei ihrem bösen Blick ein leises Wimmern aus.

„Und?“ Die Hoffnung konnte ich nicht aus meiner Stimme verbannen. Auf Lilacs Gesicht breitete sich ein breites Lächeln aus und sie beugte sich vor, um mir einen Kuss auf die Wange zu drücken. „Besser als Havens?“

Lachend schüttelte sie ihren Kopf. „Daddy kocht am besten, aber du bist ganz knapp auf dem zweiten Platz mit Granny.“

Schmunzelnd küsste ich Lilacs Schläfe und tat uns jeweils eine Portion in zwei Schalen. „Das genügt mir.“

[6. September, 2016]

Viele Patienten beschwerten sich über das Essen im Krankenhaus. Und wenn ich viele sagte, meinte ich fast alle. Das Amüsante war, dass dies nur für das Essen galt, das an die Betten gebracht wurde. In der Cafeteria schmeckte es wundervoll. Deswegen holte ich mir in meinen Pausen auch immer dort etwas– oder am Automaten, wenn es schnell gehen musste.

Ich hatte mir gerade ein Schinken-Käse-Sandwich gekauft und war dabei es im Gehen zu verzehren, als sich ein Idiot im Arztkittel in meinen Weg stellte.

„Rubie.“ Sein Tonfall war harsch und wenn ich heute nicht so tiefenentspannt wäre, hätte ich mich bestimmt gewundert. Stattdessen biss ich herzhaft in mein Mittagessen.

„Leo?“, fragte ich schließlich, nachdem ich auch die letzten Reste heruntergeschluckt hatte. Der Braunhaarige verschränkte seine Arme vor der Brust und sah mich mit zusammengekniffenen Augen an.

„Ist Marina Summer deine Patientin?“

Ich runzelte verwirrt meine Stirn. „Das ist sie, ja.“

„Falsch“, erwiderte Leo wie aus der Pistole geschossen. „Sie ist meine Patientin.“

„Du bist Anfänger. Darfst du die Patienten überhaupt schon anfassen?“ Spottend zog ich eine Augenbraue hoch und verschränkte ebenfalls meine Arme vor meiner Brust, wobei ich immer noch auf mein Sandwich achten musste.

„Natürlich, du -“, setzte Leo wütend an, riss sich dann aber zusammen und fing von neuem an. „Dr. Williamson hat mich für sie verantwortlich gemacht und was sehe ich, als ich gerade ihre Werte gecheckt habe?“

„Dass sie putzmunter ist und bestimmt bald operiert werden kann?“, schlug ich vor, doch Leos Blick war eigentlich Antwort genug. Er hatte seine Augen wieder zusammengekniffen, auf seiner Stirn bildeten sich winzige Falten und im Großen und Ganzen sah er aus, wie ein wütender Chihuahua – also nicht sehr angsteinflößend.

„Du hast die Dosis ihrer Schmerzmittel erhöht, Cooper!“

„Das ist zwar nicht mein Nachname, aber du hast Recht.“

Leo hielt für einen Moment inne, bevor er langsam weitersprach. „Und warum zum Teufel?“

„Vielleicht weil sie Schmerzen hatte?“, antwortete ich sachlich und warf Leo einen Blick zu, als ob er ein Irrer war. Warum machte er so einen Aufstand? Dann hatte ich eben Marina ein bisschen mehr Schmerzmittel als sonst gegeben. Ihre Operation war noch nicht geplant, also war das kein Problem. „Was machen diese paar Milligramm denn aus?“

Leo knirschte leise mit den Zähnen. Er wusste, ich hatte Recht – zumindest hoffte ich dies.

„Hör zu, ich verstehe, es hat deinen Stolz angeknackst. Das nächste Mal, wenn du jemanden in der Pädiatrie behandelst, sage ich dir Bescheid“, sagte ich, nachdem Leo für eine weitere Minute geschwiegen und mich böse angestarrt hatte. Ich hatte mich damit irgendwie ergeben, allerdings war mir das ziemlich egal. Leo wirkte nicht so, als würde ihn die Pädiatrie sehr interessieren, weswegen wir uns hoffentlich nicht so oft über den Weg laufen würden.

„Gut“, murmelte Leo und für einen Moment sah er aus wie ein kleiner Schuljunge, so wie er auf seine Schuhe starrte. Dann blickte er allerdings wieder auf mit einem triumphalen Lächeln auf den Lippen. „Ich bin sowieso viel besser als du.“

„In was?“, hakte ich belustigt nach. Wollte er mich jetzt etwa in seine Spiele einbinden? „Im Arztspielen? Da hast du Recht, mir fehlt das Medizinstudium. Aber zumindest weiß ich, wo sich die Radiologie befindet.“ Mit diesen Worten und einem breiten Grinsen im Gesicht ging ich an Leo vorbei und schmiss die Verpackung meines Sandwiches weg. Leo folgte mir fassungslos.

„Das war einmal und ich wollte ganz sicher nicht in der Pädiatrie enden“, beschwerte er sich. Ich sah ihn mit gehobener Augenbraue an. Vielleicht hasste ich diesen Anfänger doch nicht so sehr? Er amüsierte mich. Und mein Vater hatte mal gesagt, dass man die Personen, die einen bespaßten, bei sich behalten sollte – oder so ähnlich.

„Bist du dir da sicher, Dr. …“ Mein Blick huschte wie bei unserem ersten Treffen zu seinem Namensschild. Dieses Mal trug er es, weswegen ich nicht warten musste, bis er mir bei seinem Nachnamen auf die Sprünge half. „Leondre? Ich dachte, du heißt Leo?“

„Ist eine Abkürzung“, sagte der Blauäugige geistesabwesend und sah auf seinen Pieper, der an seinem Hosenbund befestigt war. Seine Lippen waren zu seiner Linie zusammengepresst und auf einmal war er weder wütend noch triumphiert, sondern fast schon traurig oder zumindest bedrückt. „Ich muss los, die Arbeit ruft.“ Und schon war er verschwunden.

Verwirrt runzelte ich meine Stirn. Hatte ich irgendetwas Falsches gesagt? Schließlich hatte ich ihn nur nach seinem Namen gefragt. Klar konnte ich nicht sagen, dass ich den Namen Leondre je zuvor gehört hatte, aber das war ja nicht sonderlich schlimm, richtig?

Als Rae plötzlich vor mir stand und mich fragend ansah, befand ich mich immer noch mitten im Gang und kaute auf meiner Unterlippe.

„Alles okay?“ Rae musterte mich besorgt und legte eine Hand auf meine Schulter. Ich nickte vorsichtig. „Ist irgendetwas passiert?“

„Nein“, seufzte ich und fuhr mir einmal übers Gesicht. Dann straffte ich meine Schultern, stellte mich gerade hin und setzte ein Lächeln auf. „Nur Leo.“

„Ich habe ihn schon wieder verpasst?“, fragte die Brünette schmollend und folgte mir zu dem Empfang der Pädiatrie. Sie und Debbie fragten mich auf Arbeit dauernd über den Assistenzarzt aus. Schließlich hatten sie keinen Möchtegern-Arzt, der ihnen auf die Nerven ging.

„Ja, aber dieses Mal war er irgendwie komisch“, murmelte ich nachdenklich und sah durch die Akten, die sich auf dem Tresen stapelten. „Ich kann’s nicht beschreiben, aber eventuell habe ich irgendeine Linie überschritten.“

Rae verzog kurz ihr Gesicht, bevor sie ihren Kopf schüttelte. „So bist du nicht. Es war bestimmt nur ein Missverständnis und bald flirtet er dich wieder an.“ Grinsend zwinkerte sie mir zu und ließ ihre blauen Augen funkeln. Ich stieß ein übertriebenes Seufzen aus und tat so, als würde ich sie mit einer Akte schlagen.

Ich war froh sie und Debbie zu haben, egal wie nervig sie auch manchmal waren.

V

[9. September, 2016]

Mit einem leisen Knall ließ Rae ihr Tablett auf den Tisch fallen und schmiss sich selbst auf den Stuhl davor. Ihre Miene sagte mir schon, dass sie heute keinen guten Tag hatte. Ich warf ihr einen mitleidigen Blick zu, den sie mit einem Grummeln beantwortete.

„Rubie, ich bin ja so aufgeregt“, grinste Debbie und ließ sich neben uns nieder. Heute hatte sie ihre roten Haare zu einem kunstvollen Zopf geflochten und ich war mal wieder neidisch. Ich hatte so lange Haare und doch konnte ich sie einfach nicht flechte. Ich hatte irgendwie nicht die Geduld und meine Arme schmerzten so sehr davon. „Bist du nicht aufgeregt?“

„Wieso sollte ich?“, fragte ich verwirrt. Debbie stieß ein hohes Kichern aus, was Rae dazu brachte ihren Kopf auf den Tisch fallen zu lassen – dort wo kein Essen lag. Schmunzelnd strich ich der Braunhaarigen über den Kopf, wandte meinen Blick jedoch zu Debbie.

„Na, heute ist doch dein freier Abend mit Haven.“ Grinsend wackelte sie mit den Augenbrauen und schob sich eine Gurkenscheibe in den Mund. Lächelnd nickte ich. Um ehrlich zu sein, hatte ich das heute schon einige Male vergessen, da war es nur zu gut, dass ich einen menschlichen Kalender als Freundin hatte.

„Du hast recht, ich freue mich echt“, erwiderte ich und lächelte meine zwei Freundinnen an. Wenn ich an heute dachte, kribbelte schon alles. Nichts konnte Haven und mir noch im Weg stehen. Naja, außer meiner Arbeit. Aber wie hoch war die Wahrscheinlichkeit, dass es heute einen Notfall gab?

„Hast du frische Unterwäsche an?“, hakte Rae nach und bedachte mich mit einem strengen Blick. Lachend nickte ich.

„Natürlich, was erwartest du von mir? Ich bin nur gespannt, was es zum Abendessen gibt.“

„Immer gefräßig, dieses Kind“, lachte Debbie und stocherte in ihrem Salat herum. Ich führte meinen Löffel zu meinen Lippen und pustete in die Suppe darauf. Ich wusste nicht wirklich, was ich darauf antworten sollte, außer einer kindischen Geste, also beschäftigte ich mich lieber mit meinem Mittagessen. „Meinst du, ihr werdet jetzt öfters mal einen Abend zu zweit haben?“

„Ich hoffe es“, lächelte ich, nachdem ich meine Suppe runtergeschluckt hatte. Ich hatte keine Ahnung, wer auf die Idee gekommen war Curry und Kokos in eine Suppe zu werfen, aber es schmeckte fabelhaft. „Vielleicht kann das ja zu einer Tradition werden. Einmal im Monat können wir uns bestimmt frei schaufeln.“

„Ist es eigentlich anstrengend mit einem Kind zusammenzuwohnen?“ Neugierig sah Rae mich an, nachdem sie sich eine Tomate aus Debbies Salat geklaut hatte. Die Rothaarige beschwerte sich schon lange nicht mehr.

Nachdenklich legte ich meinen Kopf schief, bevor ich ihn schüttelte. „Nicht wirklich. Es ist fast genauso wie früher, als ich noch mit meinen Brüdern in einem Haus war. Dieses Mal habe ich nur etwas mehr Verantwortung, schätze ich“, sagte ich schließlich. Lilac war ein anständiges Kind. Im Gegensatz zu meinen Brüdern brachte sie sich nicht in Schwierigkeiten und hörte auch fast immer auf das, was Haven ihr sagte – oder ich.

„Ich glaube, ich könnte das nicht.“ Die brünette Krankenschwester runzelte ihre Stirn. Ich konnte es ihr nicht verdenken. Sie war ein Einzelkind und Kinder in ihrer Umgebung nicht wirklich gewohnt. Naja, abgesehen von ihrem Job. Aber Kinder auf Arbeit und Kinder zu Hause zu haben war auch ein Unterschied. „Dieses ganze Geschrei und man kann sie nie alleine lassen. Zumindest kann ich dem am Ende des Tages entfliehen.“

Ich lachte leise. „Rae, ich bin in einem lauten Haus aufgewachsen und ich finde, dass das Leben ist. Laute Häuser, Kindergeschrei, was will man mehr?“

„Gehaltserhöhung, keine kranken Kinder, kostenlose Schokolade“, zählte Rae auf und sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. Ich grinste. Wie ich sie doch liebte.

Debbie schien ebenso Gefallen daran zu finden, mich zu veräppeln. „Nagellack, der wirklich auf den Nägeln bleibt, Taschen, die sich von alleine tragen, haarlose Beine, die man dann nicht rasieren muss.“ Nun mussten meine Freundinnen so sehr lachen, dass ich fürchtete, sie würden sich an ihrem Essen verschlucken. Das hielt jedoch nur kurz an, da mir plötzlich etwas klar wurde.

„Merde!“, stieß ich aus und ließ beinahe meinen Löffel in die Suppe fallen. Überrascht sahen Debbie und Rae zu mir und unterbrachen ihr Gegacker. „Ich muss noch meine Beine rasieren. Ich wollte doch in der Mittagspause duschen.“

„Du hast noch eine halbe Stunde, Rubie“, sagte Debbie ruhig, nachdem sie auf ihre Armbanduhr gesehen hatte. „Kein Grund zur Panik. Iss noch schnell ein bisschen Suppe und dann gehst du duschen, okay?“ Ich nickte eilig, antwortete jedoch nicht mehr, da ich mir bereits meine Suppe in den Mund schaufelte. Es war mir egal, dass ich mir meine Zunge verbrannte. Ich stand unter Zeitdruck und war kurz davor durchzudrehen. Mein Unterbewusstsein redete mir Mut ein und ich versuchte verzweifelt, so ruhig wie möglich zu bleiben. Eine halbe Stunde war genug Zeit. Ich würde das schaffen.

Ein paar Minuten später war mein Teller halbwegs leer und auch Debbie hatte sich beeilt mit ihrem Salat, sodass sie mir jetzt zu den Duschen folgen konnte.

„Ich kann mich alleine duschen, Debs“, lachte ich und hielt sie davon ab mit in das kleine Bad zu gehen, das nur für Ärzte und Krankenschwester gedacht war. Die Rothaarige rollte lächelnd mit den Augen und setzte sich auf ein Sofa in dem Gemeinschaftsraum, der an das Bad angrenzte.

„Ich bin nur hier, falls es einen Notfall gibt.“ Schmunzelnd nickte ich ihr zu und schloss die Tür hinter mir. Eilig schaltete ich schon mal die Dusche an, damit das Wasser warm wurde und schlüpfte dann aus meiner Kleidung. Es waren gerade mal fünf Minuten vergangen, als Debbie wie verrückt gegen die Tür klopfte.

Es gab wirklich einen Notfall. Nur nicht im Badezimmer, sondern stattdessen in der Notaufnahme.

Merde.

Mit geschlossenen Augen lehnte ich mich an die Wand des Aufzugs in unserem Wohnkomplex. Ich fühlte mich einfach nur ausgelaugt. Es kam mir vor, als ob mir jemand meine ganze Energie abgezapft hätte. Ich öffnete meine Augen, um mich im Spiegel, der eine Wand des Fahrstuhls ausmachte, zu betrachten. Mein blondes Haar war, nachdem ich mehr oder weniger aus der Dusche gerissen worden war, an der Luft getrocknet und in einem unordentlichen Zopf zusammengebunden. Hoffentlich würde ich morgen früh die Knoten aus den Strähnen kämmen können. Das blaue Kleid, das ich trug, sah nicht mehr so fabelhaft aus, wie sonst. Vielleicht lag das aber auch an meinem erschöpften Gesichtsausdruck.

Es war ein Öl-Laster in einen Schulbus gekracht und dann explodiert. Nicht nur die Kinder im Bus waren schwer verletzt worden, auch die umstehenden Autos hatten Schaden davon getragen. In der Notaufnahme war die Hölle los gewesen. Alle Patienten, die davor dort gewesen waren, mussten woanders hingebracht werden, damit wir mehr Platz hatten. Eigentlich hatte ich mit Rae und Debbie ausgemacht, dass ich zwei Stunden früher meine Schicht beendete, um nach Hause zu fahren. Daraus wurde nichts, stattdessen blieb ich sogar noch eine Stunde länger als meine Schicht gehen würde. Ich konnte einfach nicht gehen. Die Eltern der Kinder konnten nicht alle sofort kommen und die Kleinen hatten große Angst. Also blieb ich bei ihnen, versuchte ihnen die Schmerzen so gut es ging zu nehmen und lenkte sie ab. Viele fragten nach ihren Klassenkameraden, die es viel schlimmer erwischt hatte und die mehrere Operationen vor sich hatten. Die meiste Zeit wechselte ich das Thema. Ich wusste, dass einige Kinder ihr Leben verloren hatten und ich wollte nicht, dass sie das es von mir erfuhren.

In der Wohnung war es still, als ich die Tür aufschloss und eintrat. Die Lichter waren zwar an, jedoch konnte ich nicht hören, wo sich Haven wohlmöglich befand. Mit einem Seufzen schlüpfe ich aus meinen Schuhen. Ich wollte nicht daran denken, was gleich auf mich zukommen würde. Ich würde Haven beibringen müssen, dass ich ganz sicher nicht mehr mit ihm essen konnte. Ich wollte einfach nur noch unter die Bettdecke kriechen und schlafen.

„Haven?“, rief ich leise, sobald ich in die Küche trat. Der Anblick vom Küchentisch schmerzte in meiner Brust. Er war wunderschön gedeckt, mit roten Tischdecken, einer Blumenvase und Kerzen. Und darauf würde ich mehr oder weniger verzichten müssen.

„Hey Bee.“ Mein Blick wandte sich zu Haven, welcher gerade hinter mir auftauchte. Seine Locken standen ihm wild vom Kopf ab und seine Augen sahen unwahrscheinlich müde aus.

„Tut mir leid, dass es so spät geworden ist“, sagte ich leise und stellte mich auf die Zehenspitzen, um Haven zu umarmen. „Ich hab dir eine Nachricht geschrieben, aber –“

Haven verzog sein Gesicht und küsste meine Stirn. „Ich hab nicht drauf geschaut, Entschuldigung.“ Für einen Moment blieben wir in unserer Umarmung stehen und sahen uns nachdenklich an. Vermutlich war dies der Zeitpunkt, wo ich ihm sagte, dass ich hundemüde war.

„Haven, ich schaff das heute nicht mehr.“

„Ich bin echt fertig, Bee.“

Haven und ich hatten gleichzeitig angefangen zu reden und ich konnte mir daraufhin ein Lächeln nicht verkneifen. Ich deutete ihm mit einer Handgeste an, dass er zuerst reden durfte.

„Mein Tag war einfach nur stressig. Erst hat mich mein Boss durch die Stadt gejagt, nur damit wir einen Kunden nicht verlieren und dann hat Lilacs Schule angerufen, weil sie sich übergeben hat. Also hab ich sie abgeholt und nach Hause gebracht. Als ich sie dann aber später zu Nala bringen wollte, hat sie sich gewehrt. Sie hat geschrien und geweint und mich angefleht, dass ich bei ihr bleibe.“ Bei der Erinnerung stieß Haven ein Seufzen aus und fuhr sich über das Gesicht. „Aber wir haben uns ja so über diesen Abend gefreut und ich wusste, dass sie bei Nala gut aufgehoben ist. Kaum war Lilac also bei deiner Freundin, hat mein Boss wieder angerufen und … um ehrlich zu sein, habe ich noch nicht mal was gekocht, sondern nur den Tisch gedeckt.“ Ein kleines Lächeln umspielte Havens Lippen und ich musste über seine letzten Worte lachen. Das sah meinem Freund irgendwie ähnlich.