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In der Woche vom 25. August bis zum 1. September 2019 umfasste diese Vortragsreihe einen Friedensgottesdienst und fünf Vorträge in der Pauluskirche der Kirchengemeinde Bochum und schloss mit einer Kanzelrede in der Melanchthonkirche der Kirchengemeinde Wiemelhausen im Rahmen des dort jährlich begangenen "Tag des Friedens" am 1. September. Sie widmete sich nicht dem gesamten Zweiten Weltkrieg, sondern konzentrierte sich auf den Beginn des Krieges, untersuchte die genauen historischen Umstände, die ihn herbeigeführt haben, die Vorbereitungen zu diesem von Deutschland bereits seit 1933 gewollten Krieg, die NS-Polen-Politik mit dem Überfall auf Polen und den Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion, die beide von Anfang an als Vernichtungskriege geführt wurden. Die Reihe fragte nach der Mitverantwortung der Kirche und der Rolle der Wehrmachtseelsorge im Krieg und untersuchte, wie die Kirche nach dem Krieg mit ihrer Schuld umgegangen ist. Im letzten Vortrag warf sie den Blick auf den langen Schatten des Krieges über dessen Ende hinaus bis zu den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen im Jahr 1990. Zusätzlich haben wir zwei Beiträge aufgenommen: In einem Gottesdienst am 31. August 2019 feierte die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, stellvertretende Vorsitzende und Beauftragte für die deutsch-polnischen Beziehungen des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Dr. h.c. Annette Kurschus, gemeinsam mit dem Präsidenten des Polnischen Ökumenischen Rates, Bischof Jerzy Samiec, in der Warschauer Trinitatiskirche einen ökumenischen Gottesdienst zum Gedenken an den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Dass es nach einem jahrzehntelangen Prozess der Friedens- und Versöhnungsarbeit zwischen Deutschland und Polen 80 Jahre danach endlich möglich war, dieses Gedenken in einem Gottesdienst gemeinsam zu begehen, kann als Zeichen der Aussöhnung über Grenzen hinweg nicht hoch genug bewertet werden. Einen Tag später, am 1. September, hielt Präses Kurschus in der Bochumer Christuskirche ihre Rede in Deutschland: "Wenn dein Kind dich morgen fragt": Zur Kraft der Erinnerung. Ihre Rede haben wir hier den Vorträgen vorangestellt. Ebenfalls zusätzlich aufgenommen haben wir einen Vortrag von Dr. Norbert Friedrich über die Rolle der kirchlichen Diakonie im Zweiten Weltkrieg. Die Predigt von Pfarrer Arno Lohmann aus dem Friedensgottesdienst zum Beginn der Reihe am 25. August über die Jahreslosung 2019, "Suche Frieden und jage ihm nach" (Ps. 34,15) ist den Beiträgen nachgestellt.
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Seitenzahl: 230
Veröffentlichungsjahr: 2020
Evangelische Perspektiven
Schriftenreihe der Evangelischen Kirche in Bochum
in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Stadtakademie Bochum
In der Schriftenreihe sind bisher 15 Hefte erschienen.
Weitere Informationen im Internet unter
www.stadtakademie.de/publikationen/ev-perspektiven.html
Heft 15:
80 Jahre Beginn des Zweiten Weltkriegs
Dokumentation einer Vortragsreihe der Evangelischen Stadtakademie Bochum
vom 31. August – 1. September 2019
Herausgegeben von Arno Lohmann
ISBN 9783751906616
Evangelische Kirche in Bochum
Westring 26a, D -44787 Bochum
Telefon 0234 - 962 904-0
http://www.kirchenkreis-bochum.de
Das vorliegende Heft ist zu beziehen bei:
Evangelische Stadtakademie Bochum
Westring 26a, D -44787 Bochum
Telefon 0234 - 962904-661
http://www.stadtakademie.de
Arno Lohmann: Vorwort
Annette Kurschus: „Wenn dein Kind dich morgen fragt …“: Zur Kraft der Erinnerung
Bernd Faulenbach: Etappen und Ziele deutscher Hegemonial- und Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkrieg
Günter Brakelmann Rezitation: Jürgen Larys: Die Evangelische Kirche in den Kriegsjahren 1939 bis 1941
Dieter Beese: Kirche im Krieg.Die evangelische Wehrmachtseelsorge im Zweiten Weltkrieg
Norbert Friedrich: Verbandsprotestantismus und Zweiter Weltkrieg
Traugott Jähnichen: Schuldverstrickungen.Zum Umgang mit Schuld im deutschen Protestantismus nach 1945
Hans Misselwitz: Der Friedensschluss von 1990 und die langen Schatten des Zweiten Weltkriegs
Günter Brakelmann und Ludwig Kaiser: Der „Frieden“ – ein nie erledigtes Thema
Arno Lohmann: „ Suche Frieden und jage ihm nach“ Predigt über Psalm 34,15
Die Autoren
Der große Zuspruch zu der Veranstaltungsreihe, mit der 2014 die Evangelische Stadtakademie an zwölf Abenden hintereinander an den Ersten Weltkrieg vor 100 Jahren erinnerte1, hat uns ermutigt, im Jahr 2019 mit einem ähnlich kompakten Veranstaltungsformat an den Beginn des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren zu erinnern. In der Woche vom 25. August bis zum 1. September 2019 umfasste diese neue Reihe einen Friedensgottesdienst und fünf Vorträge in der Pauluskirche der Kirchengemeinde Bochum und schloss mit einer Kanzelrede in der Melanchthonkirche der Kirchengemeinde Wiemelhausen im Rahmen des dort jährlich begangenen „Tag des Friedens“ am 1. September.
Die Reihe widmete sich nicht dem gesamten Zweiten Weltkrieg – wie könnte sie auch –, sondern konzentrierte sich auf den Beginn des Krieges, untersuchte die genauen historischen Umstände, die ihn herbeigeführt haben, die Vorbereitungen zu diesem von Deutschland bereits seit 1933 gewollten Krieg, die NS-Polen-Politik mit dem Überfall auf Polen und den Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion, die beide von Anfang an als Vernichtungskriege geführt wurden. Die Reihe fragte nach der Mitverantwortung der Kirche und der Rolle der Wehrmachtseelsorge im Krieg und untersuchte, wie die Kirche nach dem Krieg mit ihrer Schuld umgegangen ist. Im letzten Vortrag warf sie den Blick auf den langen Schatten des Krieges über dessen Ende hinaus bis zu den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen im Jahr 1990.
Diese Reihe wird hier als Band 15 der Schriftenreihe Evangelische Perspektiven dokumentiert.
Zusätzlich haben wir zwei Beiträge aufgenommen:
In einem Gottesdienst am 31. August 2019 feierte die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, stellvertretende Vorsitzende und Beauftragte für die deutsch-polnischen Beziehungen des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Dr. h.c. Annette Kurschus, gemeinsam mit dem Präsidenten des Polnischen Ökumenischen Rates, Bischof Jerzy Samiec, in der Warschauer Trinitatiskirche einen ökumenischen Gottesdienst zum Gedenken an den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Dass es nach einem jahrzehntelangen Prozess der Friedens- und Versöhnungsarbeit zwischen Deutschland und Polen 80 Jahre danach endlich möglich war, dieses Gedenken in einem Gottesdienst gemeinsam zu begehen, kann als Zeichen der Aussöhnung über Grenzen hinweg nicht hoch genug bewertet werden. Einen Tag später, am 1. September, hielt Präses Kurschus in der Bochumer Christuskirche ihre Rede in Deutschland: „Wenn dein Kind dich morgen fragt …“: Zur Kraft der Erinnerung. Ihre Rede haben wir hier den Vorträgen vorangestellt.
Ebenfalls zusätzlich aufgenommen haben wir einen Vortrag von Dr. Norbert Friedrich über die Rolle der kirchlichen Diakonie im Zweiten Weltkrieg.
Den Auftakt bildet ein Vortrag des Bochumer Zeithistorikers Professor Bernd Faulenbach, Etappen und Ziele deutscher Hegemonial- und Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkrieg. Hier wird der politische Prozess analysiert, der zum Zweiten Weltkrieg führte. Es wird deutlich, dass es dem nationalsozialistischen Deutschland von Beginn an und nicht erst mit dem Überfall auf Polen um weit mehr als um die Revision des Systems von Versailles ging. Vieles spricht dafür, dass sich die Hauptziele der NS-Politik insbesondere in der Eroberungs-, Besatzungs- und Vernichtungspolitik im Osten zeigten.
Der Nationalsozialismus hat damit sein eigentliches Wesen im Zweiten Weltkrieg herausgebildet, dem Krieg, der Deutschland, Europa und die Welt in unvergleichlicher Weise verändert hat und bis heute – zusammen mit den während des Krieges verübten Verbrechen – den wohl wichtigsten negativen Bezugsrahmen unseres politischen Denkens bildet.
Auf diese grundlegende Analyse folgt der Blick auf das Verhalten der evangelischen Kirche vor 80 Jahren. In den Jahren von 1939 bis 1941 hat der deutsche Protestantismus durch seine offizielle Reichskirche, durch seine verschiedenen Verbände und durch die Bekennende Kirche in verschiedenen Verlautbarungen theologische und politische Stellung zum Krieg bezogen. Es ergibt sich im Ganzen ein widersprüchliches Bild. Neben einer vorbehaltlosen Zustimmung zur Kriegspolitik Adolf Hitlers hat es differenzierende Stellungnahmen von kirchlichen Gruppen und von einzelnen Theologen gegeben. Von einmaliger Klarheit waren die Vorträge des jungen Pfarrers Günther Jacob, die aus der Fülle der nationalprotestantischen Identifizierungen mit den Zielen der nationalsozialistischen Kriegsinterpretation herausragen. Die weit überwiegenden Kirchlichen Äußerungen in den Kriegsjahren 1939 bis 1941, die Professor Günter Brakelmann in seinem ersten Beitrag in dieser Reihe zusammengestellt hat, sind aus heutiger Sicht von unvorstellbarer Verblendung gekennzeichnet. Sie wurden am Vortragsabend durch die Rezitation des Schauspielers Jürgen Larys, vom Bochumer artENSEMBLE THEATER, eindrücklich unterstrichen. Sie sind kursiv abgedruckt.
Professor Dieter Beese fokussiert die Frage der Mitverantwortung der Kirche auf den Bereich der Wehrmachtseelsorge: Kirche im Krieg. Die evangelische Wehrmachtseelsorge im Zweiten Weltkrieg. Die evangelische Kirche war (wie die römisch-katholische) mit ihrer Wehrmachtseelsorge tief in die militärischen und ideologischen Kämpfe des Zweiten Weltkriegs einbezogen. Wie in einem Brennglas werden im Bereich der Wehrmachtseelsorge die Probleme sichtbar, mit denen eine Kirche im Krieg konfrontiert ist. Der Vortrag gibt Einblicke in die strukturelle und mentale Einbindung der Seelsorge in Staat, Armee und Zivilkirche und vermittelt einen Einblick in Ausstattung, Tätigkeit und Gewissenskonflikte der Kriegspfarrer. Er fragt darüber hinaus, wie die Kirche nach dem Krieg mit ihrer Schuld umgegangen ist.
Wie oben erwähnt, folgt hier der Beitrag von Dr. Norbert Friedrich, Verbandsprotestantismus und Zweiter Weltkrieg, der ursprünglich nicht Teil der Vortragsreihe war. Friedrich untersucht die Rolle der kirchlichen Diakonie, des größten kirchlichen Betätigungsfeldes im Krieg. Trotz anfänglicher Zurücksetzung gegenüber den NS-Einrichtungen führten der Krieg, die Kriegserfolge der ersten Jahre und dann die gemeinsamen Erfahrungen des Bombenkriegs zu einem engen Zusammenrücken des Volkes und einer Akzeptanz diakonischer Einrichtungen. Die einzelnen Einrichtungen konnten in der Regel den Kern der Arbeit und ihren eigenen Bestand sichern, nicht zuletzt durch eine kirchenpolitische Abstinenz ihrer Führungsfiguren. Friedrich belegt, wie eine durchgängige Orientierung der meisten diakonischen Einrichtungen an der Obrigkeit mit theologischen Kriterien begründet wurde.
In einem weiteren Schwerpunkt fragte die Reihe nach den Folgen des Krieges. Der Vortrag von Professor Traugott Jähnichen, Schuldverstrickungen – Zum Umgang mit Schuld im deutschen Protestantismus nach 1945, erläutert, welche Schwierigkeiten die Kirche hatte, die in der NS-Zeit und insbesondere im Zweiten Weltkrieg von Deutschen und im Namen Deutschlands begangene Schuld nach 1945 öffentlich zu thematisieren und zu bekennen.
Diese Frage war in der Kirche heftig umstritten. In Deutschland hat allerdings nur die Evangelische Kirche – unter dem „sanften Druck“ von Vertretern der Ökumene – ein Schuldbekenntnis abgelegt, wenngleich in einer recht allgemeinen Form. Während viele im Protestantismus damit das Thema für erledigt hielten, hat eine Minderheit von Theologen und engagierten Laien versucht, die Frage der Bewältigung der Schuld im kirchlichen und im öffentlichen Bewusstsein wach zu halten. Dieses komplexe Feld des kirchlichen Umgangs mit den Schuldverstrickungen in der NS-Zeit wird rekonstruiert und in der Bedeutung für die weitere Entwicklung der evangelischen Kirchen diskutiert.
Auf der politischen Ebene hat der Zweite Weltkrieg die deutsche und europäische Politik maßgeblich und nachhaltig bestimmt und zementierte ein politisches Denken in Machtblöcken. Dieser lange Schatten des Krieges existierte mindestens bis hin zum Frieden von 1990 nach dem sog. „Zwei-plus-Vier-Vertrag“. In seinem Vortrag Der Friedens schluss von 1990 und die langen Schatten des Zweiten Weltkriegs erläutert Dr. Hans Misselwitz, der Leiter der Delegation der DDR bei den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen, der zum Abschluss unserer Vortragsreihe gewonnen werden konnte, wie sehr die deutsche Wiedervereinigung nur im Kontext der Politik der Siegermächte möglich war.
Als mit dem Fall der Mauer die „deutsche Frage“ wieder auf die Tages ordnung kam, hielten die Alliierten des Zweiten Weltkriegs noch immer die Schlüssel zur Lösung in der Hand. Der Kalte Krieg hatte die Frage eingefroren, ob es wieder ein großes Deutschland geben sollte, dessen Wirken sich für Europa so verhängnisvoll erwiesen hatte. Dass sich diese Frage 1990 als ein Aspekt des demokratischen Aufbruchs im Osten Europas stellte, eröffnete die Chance, als Antwort auf die deutsche Vereinigung, die europäische Einigung zu sehen. Heute erleben wir neue Spaltungen in Europa. Vor diesem Hintergrund taucht auch die Frage nach der deutschen Verantwortung immer wieder auf.
Ohne ihre historischen Verbindungen können weder die deutschen noch die europäischen Aufgaben der Gegenwart und Zukunft verstanden und erst recht nicht gelöst werden.
Der „Frieden“ – (bleibt) ein nie erledigtes Thema. Mit dieser programmatischen Kanzelrede von Professor Brakelmann am 1. September in der Melanchthonkirche schloss unsere Veranstaltungsreihe. Musik von Johann Sebastian Bach und Olivier Messiaen, auf der Orgel vorgetragen von Kantor Ludwig Kaiser, schaffte im Überschreiten konkreter politischer Überlegungen einen Raum zum Innehalten, verlieh dem eigenen Erleben und dem Protest gegen Krieg und Gewalt Ausdruck.
Die Predigt von Pfarrer Arno Lohmann aus dem Friedensgottesdienst zum Beginn der Reihe am 25. August über die Jahreslosung 2019, „Suche Frieden und jage ihm nach“ (Ps. 34,15) ist hier den Beiträgen nachgestellt.
Fazit: Aufgabe von Christen und Kirche ist es, sich in den Dienst des Abbaus von Kriegsursachen zu stellen und sich für zwischenstaatliche und internationale Vereinbarungen zur Friedenssicherung einzusetzen. Sie wissen um die Bereitschaft von Machtmenschen und Machtkollektiven zur innen- und außenpolitischen Herrschaft über Menschen und Völker wie zu ihrer Unterdrückung und Ausbeutung. – Wie sich diese Tendenzen aber definitiv eingrenzen lassen, auch wenn sie nicht endgültig überwunden werden können, wie man mit ihnen und zugleich gegen sie leben kann und muss – ist die bleibende Friedensverantwortung einzelner, für Politik und Kirche.
Präses Dr. h.c. Annette Kurschus und allen Autoren gehört unser herzlicher Dank für ihre Vorträge und Redemanuskripte. Ich danke Prof. Günter Brakelmann und Prof. Dieter Beese für die Initiative und Planung dieser Reihe und für die wie immer produktive Zusammenarbeit. Mein Dank gehört allen Mitwirkenden bei den Veranstaltungen, den Kirchengemeinden Bochum und Bochum-Wiemelhausen für ihre Gastfreundschaft in der Pauluskirche und der Melanchthonkirche sowie dem Kirchenkreis Bochum, namentlich Superintendent Dr. Gerald Hagmann für die Förderung dieses Bandes.
Bochum, im März 2020
Arno Lohmann
1 Arno Lohmann (Hg.), Die Illusion vom Krieg. Der Erste Weltkrieg als kulturgeschichtlicher Umbruch. Mit Beiträgen von Hans-Jürgen Benedict, Günter Brakelmann, Bernd Faulenbach, Horst Friedrichsmeier, Ludger Joseph Heid, Traugott Jähnichen, Gerd Krumeich, Harro Müller-Michaels, Hartmut Schröter und Rudolf Tschirbs, Ev. Persp. Heft 7, 188 S., Bochum 2016.
Als die Menschen am Morgen des 1. September 1939 erwachten, meine sehr verehrten Damen und Herren, war nichts mehr wie zuvor. Buchstäblich über Nacht. Für Polen und für Deutschland, für Europa und wenig später für die ganze Welt. Genau achtzig Jahre ist es her. Als polnische Freischärler getarnt überfällt eine Truppe deutscher Offiziere in einem nächtlichen Manöver den Radiosender Gleiwitz. Die „Schleswig-Holstein“ liegt in Danzig vor Anker – auf Besuch, wie es heißt – und eröffnet das Feuer. Ein Angriff ohne jede Vorwarnung. Die Stadt Wielun fällt im Hagel deutscher Bomben, während alles schläft. „Ab jetzt wird zurückgeschossen!“ Eine erste infame Lüge, die eigene Kriegsschuld ins Gegenteil verkehrt. Sechs Jahre später sind 60 Millionen Menschen tot, in Kellern verbrannt, in Schützengräben gefallen, in Konzentrationslagern ermordet. Von unserem Land ging dieses Grauen aus. Es brachte unsägliches Leid über Europa und die Weltgemeinschaft und traf nicht zuletzt auch die eigene Bevölkerung. Kaum ein Menschenleben liegt das alles zurück. Es wirkt bis heute, träufelt sein Gift in einzelne Seelen und in internationale Beziehungen. Die Nachwirkungen und Nebenwirkungen sind immens. Im Bewusstsein. Und viel stärker noch im Unterbewussten und Vergessenen, im Verdrängten oder Geleugneten.
Wir erinnern uns an das, was war.
Sich erinnern ist keine leichte Übung. Es rührt an empfindliche Wunden, es reißt an notdürftig verheilten Narben. Angesichts von Schuld und Scham, die ein Leben lang nicht verjähren; angesichts des Schweigens, das noch die Nachgeborenen lähmt.
Erschreckend laut melden sich derzeit wieder die Stimmen, die sich dem Erinnern verweigern und nach einem Schlussstrich rufen. Zu einem „Fliegenschiss der Geschichte“ wird das Unfassbare weggelogen. Dumpfer Nationalstolz feiert neue Urstände. Ein gefährlicher Hohn ist das auf die acht Jahrzehnte sorgsamer Politik und hartnäckiger Diplomatie, die Kirche und Gesellschaft zwischen Deutschland und Polen inmitten eines zusammen-wachsenden Europa Schritt für Schritt befestigt haben. Schon vor bald zwanzig Jahren warnte der Schriftsteller und Shoa-Überlebende Elie Wiesel vor dem Deutschen Bundestag: „Wer sich dazu herbeilässt, die Erinnerung an die Opfer zu verdunkeln, der tötet sie ein zweites Mal.“ Sein Wort in unser aller Ohr.
Was aber, wenn sich immer weniger Menschen erinnern können? Die meisten, die heute Verantwortung tragen, haben keine eigenen Erinnerungen an die Ängste und Abscheulichkeiten, an die Verführungen und Entbehrungen des Krieges. Ich selbst gehöre zu einer Generation, die bisher keinen Krieg am eigenen Leibe erfahren musste. Gott sei Dank! Wie kann ich, wie können wir uns erinnern – an einem Tag wie dem heutigen? Wie kann ich, wie können wir der Versuchung widerstehen, zu bewerten, zu verurteilen, es besser wissen zu wollen als die, die damals Verantwortung trugen?
Noch haben wir die Chance zu fragen.
Noch haben wir die Chance, Menschen zu fragen. Einige von ihnen leben noch. Menschen, denen der Krieg in den eigenen Gliedern steckt. Menschen, für die sich mit den gigantischen Zahlen der Geschichtsbücher eigene Geschichten verbinden; die in den Millionenangaben der Opfer einzelne Gesichter erkennen, unverwechselbare Schicksale.
Noch haben wir die Chance, Menschen beim Erzählen von damals zuzuhören. Wenn dich heute oder morgen dein Sohn (oder deine Tochter) fragen wird: „Was bedeutet das?“, dann sollst du ihnen erzählen: So heißt es an einigen Stellen im Alten Testament der Bibel (vgl. Ex 13,14 und Dtn 6,20).
Auf diese Weise – durch Fragen und Erzählen und Erinnern – haben die Menschen des auserwählten Gottesvolks Israel seit mehr als zwei Jahrtausenden ihren Glauben an den einen HERRN weitergegeben, der auch unser christlicher Gott ist. Auf diese Weise ist in allem Schrecken Hoffnung lebendig geblieben. Bis heute.
Fragen, erzählen, erinnern.
Ich habe gefragt. Als Tochter meine Eltern; als Enkelin meine Großeltern; als Schülerin die Lehrerinnen und Lehrer; als Pastorin die Menschen, denen ich in der Gemeinde begegnete. Und alle haben erzählt.
Viele alte Männer von ihren Erlebnissen während des Zweiten Weltkriegs an der Front – und später in Gefangenschaft. Wie die Kameraden neben ihnen in Stücke zerfetzt wurden oder jämmerlich dahinsiechten – nicht als Helden! Die meisten von ihnen mit dem gequälten Schrei nach der Mutter auf den Lippen – oder nach der Ehefrau, oder nach Gott.
Meinen Großmüttern habe ich besonders oft und intensiv zugehört.
Schon früh entstand bei mir aus diesen Erzählungen eine Ahnung, wie das damals für die Frauen und Mütter war: Ganz auf sich gestellt, mit einer ungeheuren Last an Verantwortung.
Im südlichen Westfalen erlebte die eine den Krieg. Mit drei kleinen Kindern; in täglicher Sorge um das Nötigste zu essen; in dauernder Angst vor Fliegeralarm und Bombenangriffen; dazu die nagende Ungewissheit: „Was ist mit dem Ehemann und Familienvater? Wird er einigermaßen unversehrt zurückkehren? Werden wir uns überhaupt je wiedersehen?“ In Ostpreußen, in Königsberg, lebte die andere Großmutter. Der älteste ihrer drei Söhne musste mit 17 Jahren als Soldat an die Front. Ein halbes Kind noch. Sie hat ihn nie wiedergesehen. In einem russischen Lager ist er vermutlich verhungert. Dann die Flucht und mehrere Jahre Flüchtlingslager in Dänemark. Dort musste mein Vater als 15-Jähriger Särge zimmern; Särge für Kinder, die im Lager durch Hunger und Krankheit ums Leben kamen.
Viele von Ihnen wissen vermutlich ähnliche Familiengeschichten zu erzählen. Fragen und Erzählen ergeben sich durchaus nicht einfach so. Fragen und Erzählen müssen wir regelrecht üben. Manche der Jüngeren mögen nicht fragen, weil sie befürchten, geschönte Heldengeschichten zu hören. Manche der Älteren mögen nicht erzählen, weil sie befürchten, verurteilt zu werden: „Wie konntet ihr damals nur?“
So breitet sich hier und da ein Schweigen zwischen den Generationen aus; ein Schweigen, das uns nicht gut tut. Nur sehr vorsichtig und behutsam kann es durchbrochen werden. Weil Angst im Spiel ist – und Schmerz. Weil es mit Scham zu tun hat – und mit tiefer Verletzlichkeit.
Noch können wir fragen. Doch was, wenn sich niemand mehr erinnern kann? Was, wenn die Generationen unserer Eltern und Großeltern nicht mehr da sind? Dann wird es an uns sein, die Erinnerung wach zu halten und weiterzugeben. An uns, die wir den Krieg nur vom Hörensagen kennen.
Wenn dich heute oder morgen dein Sohn (oder deine Tochter) fragen wird: „Was bedeutet das?“, dann sollst du ihnen erzählen:
Als Christen fragen und erzählen wir nicht einfach um des Fragens und Erzählens willen – und weil man angeblich aus den Fehlern der Vergangenheit für die Zukunft lernt. Als Christen fragen und erzählen wir vielmehr im Licht einer großen Verheißung: Gott selbst erinnert sich. Der die Erde schuf und uns alle ins Leben rief, der wird zu einem guten Ziel führen, was er begonnen hat. Auch durch das massenhafte sinnlose Sterben von Millionen von Menschen hindurch.
Gott selbst erinnert sich. „Was ist der Mensch, dass du, Gott, seiner gedenkst?“ (Psalm 8,5): So ruft der Psalmbeter aus. Und es ist, als ob er staunend fragte: Wie kann es sein, Gott, dass du in deiner Größe und Erhabenheit des Menschen gedenkst – trotz seiner furchtbaren Abgründe und Niederträchtigkeiten, trotz seiner Schuld und seines Versagens. Wie kann es sein, Gott, dass du an uns denkst, uns anschaust, nach uns siehst und uns nachsiehst? „Was ist der Mensch, dass du, Gott, seiner gedenkst?“.
Erinnern beginnt nicht mit uns, es hat in Gott seinen Ursprung. Von ihm empfängt es seine heilsame Kraft. Wo Gott gedenkt, lässt er sich ein auf den Menschen und seine Geschichte. Wo Gott gedenkt, wendet er sich zu, schreitet helfend und heilend ein. In dieses heilsame Erinnerungsgeschehen ruft Gott uns Menschen hinein: Auf dass wir unser Leben und Handeln daran ausrichten und uns in die Pflicht nehmen lassen. So trägt die Erinnerung eine schöpferische Kraft in sich. Eine Kraft, die zurechtweist und zurechtrückt, die unser Handeln korrigiert und orientiert.
Gestern haben wir in Polen, in der Warschauer Trinitatiskirche, einen offiziellen, von EKD und Polnischem Ökumenischem Rat gemeinsam verantworteten Gedenk- und Friedensgottesdienst gefeiert. 1939 war die Kirche von einer deutschen Fliegerbombe zerstört und nach Kriegsende wiederaufgebaut worden. Noch vor einem Jahr schien es höchst ungewiss, wie und wo ein gemeinsames Gedenken möglich sein würde – und ob überhaupt. Die Debatten im Deutsch-Polnischen Kontaktausschuss, dem ich seitens der EKD vorsitze, waren anfänglich schleppend und mühsam. Die Bedenken insbesondere auf polnischer Seite öffneten mir in mancher Hinsicht die Augen: Zu unterschiedlich die Erinnerungskulturen in unseren beiden Ländern, bekamen wir zu hören; zu heikel momentan die politische Situation; zu wund bei vielen noch immer die Narben der Geschichte. Wenn wir, so hörte ich bei unseren kirchlichen Partnern als Hauptbefürchtung heraus, in einem öffentlichen Gottesdienst das Erinnern und die daraus wachsende Verantwortung so stark machen, spielen wir den Rechtsnationalisten in unserm Land in die Hände und schüren deren Reparationsforderungen.
Dass es dann doch zu einem gemeinsamen Gottesdienst kam, war die Frucht ehrlichen und mutigen gemeinsamen Ringens, feinfühliger Achtung voreinander, aufmerksamen Hinhörens und Zuhörens. Im Gottes dienst haben Menschen aus ihren Familiengeschichten erzählt. In ihrer deutschen oder polnischen Muttersprache. Von den allerersten, zaghaften und doch unbeugsamen Schritten der Versöhnung war die Rede, denen unsere Kirchen durch zahlreiche Initiativen und Projekte entscheidend den Weg be-reitet haben. Die so genannte „Ostdenkschrift“ der EKD war ein Meilenstein auf diesem Weg. Jugendliche erzählten, wie sie sich heute für Versöhnung einsetzen in den unterschiedlichen Austauschprogrammen. Mich hat es tief bewegt, das gestern in seiner Dichte zu erleben. Da war sie unmittelbar zu spüren, jene schöpferische Kraft der Erinnerung.
„Was ist der Mensch, dass du, Gott, seiner gedenkst?“ Erinnerung kann tatsächlich auf geheimnisvolle Weise verwandeln. Kein Stacheldraht hält sie im Zaum. Keine Mauer versperrt ihr den Weg. Keine Grenze schüchtert sie ein. Im Gegenteil. Wo man sie hindern will, sucht sie neue Wege, Brücken und Schlupfwinkel. Wo man sie einsperrt, nagt sie sich frei. Wo man sie klein hält, wächst sie über sich hinaus. Die Geschichte der Versöhnung nach den Schrecken des Nazi-Terrors, den unser Land schuldhaft über die Völker der Welt gebracht hat, gibt jener Kraft der Erinnerung ein schönes, ein europäisches Gesicht.
Die Trinitatiskirche in Warschau ist – wie so viele Gedächtnisorte – kraft der Erinnerung zu einem Symbol geworden, zu einer Art Fingerzeig der Geschichte. Ähnliches gilt für die Christuskirche hier am Platz des Europäischen Versprechens in Bochum, was im Volksmund auch „Klein-Warschau“ hieß. Bochum hat in der Geschichte der Polen in Deutschland bereits seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert eine bedeutende Rolle gespielt. Eine große polnische Community, die der Nazi- Terror seit 1939 mit aller Härte traf, war hier zu Hause. Wie zwei ungleiche Geschwister erzählen „Trinitatis“ in Warschau und „Christus“ in Bochum die Geschichte eines Jahrhunderts auf unterschiedliche Weise.
Zwischen den Weltkriegen wurde der Eingang im Turm der Christuskirche als Gedenkhalle gestaltet. 1358 Namen von Kriegstoten aus 27 europäischen Staaten sind dort zu lesen. Liest man die Namen, erklingt halb Europa: Deutsch, russisch, französisch. Jeder dritte Name polnisch. Noch so ein Fingerzeig. Die Christuskirche wurde im Zweiten Weltkrieg komplett zerstört. Nur der Turm blieb stehen.
Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst? Beinahe 15.000 weitere Namen sind auf dem Vorplatz eingelassen. Sie gehören zu Menschen, die mit ihrem Namen und ihren Lebensgeschichten für Europa einstehen: Für seine Idee, für seinen Frieden, für seine Zukunft.
Auch darin lässt sie sich spüren, jene Kraft der Erinnerung. Zwischen „Trinitatis“ und „Christus“, zwischen „Groß-“ und „Klein-Warschau“. Eine verwandelnde Kraft, die auf Zukunft aus ist.
Wenn dich heute oder morgen dein Sohn (oder deine Tochter) fragen wird: Was wirst du sagen?
Achtzig Jahre nach dem Überfall und dreißig Jahre nach der Wende ist die Geschichte noch längst nicht zu Ende erzählt. Erinnern kennt nur einen Anfang. Sie braucht Menschen, die sie weitererzählen und mit eigener erlebter Erinnerung fortführen. Sie braucht uns.
Was, wenn dein Kind dich morgen fragt:
„Wie kann es sein, dass nach all den so sorgsam dokumentierten Verbrechen, nach all den kostbaren Errungenschaften im Versöhnungsprozess die Forderung laut wird nach einer ‚erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad‘“?
„Wie kann es sein, dass eine unverhohlen rechtsradikale Partei mit ihrer Hetze gegen Geflüchtete und Andersgläubige wieder salonfähig ist, ja sogar erschreckend breiten Rückhalt in der Gesellschaft hat?“
„Wie steht es um die Versöhnungsarbeit zwischen Ost- und Westdeutschland, wenn die Slogans der Freiheitsbewegung als Wahlparolen einer reaktionären Politik dienen?“
Wenn unsere Kinder heute oder morgen so fragen – und ich hoffe, sie tun es! –, dann müssen wir diese Fragen sehr ernst nehmen. Vermutlich – auch das hoffe ich! – werden uns keine leicht fertigen und darin leichtfertigen Antworten auf der Zunge liegen.
Wir erleben in diesen Tagen eine Jugendbewegung, die beharrlich und mit Nachdruck die Frage nach der Zukunft stellt. Es reicht nicht, sie für ihre Fragen zu loben. Wir sind nach unserer eigenen Verantwortung gefragt.
Der die Erde schuf und uns alle ins Leben rief, der wird zu einem guten Ziel führen, was er begonnen hat.
Gott erinnert sich und gedenkt unser. Gott erinnert uns an seinen guten Willen. Geben wir also der Erinnerung Raum, liebe Brüder und Schwestern. Auf dass wir unser Heute besser verstehen lernen und Mut gewinnen, unser Morgen gemeinsam zu gestalten. Gott will uns und braucht uns für sein Friedensprojekt. In Deutschland und Polen, für Europa und die eine Welt.
2 Rede anlässlich des 80. Jahrestages des deutschen Überfalls auf Polen 1939 am 1. September 2019 im Bochumer Rathaus am Platz des Europäischen Versprechens
Es sind runde historische Jahreszahlen, die die öffentliche Auseinandersetzung mit Geschichte zu steuern scheinen: im Jahre 2019 standen bisher die Ereignisse vor 100 Jahren im Vordergrund: 100 Jahre Revolution und Demokratiegründung (nach dem Ersten Weltkrieg) in Deutschland und in anderen Ländern, 100 Jahre Pariser Vorortverträge (Versailles usw.), jetzt aber auch der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren, was die Frage des Verhältnisses zum Ersten Weltkrieg zu implizieren scheint – nur 20 Jahre nach Beendigung des Ersten Weltkriegs brach der in der Folgezeit an Opferzahlen und schrecklichen Geschehnissen den Ersten Weltkrieg weit übertreffende neue Weltkrieg aus. – Übrigens wird erinnerungskulturell schon in wenigen Monaten das Ende des Zweiten Weltkriegs in der öffentlichen Diskussion eine Rolle spielen – dann wird sein Ende (jedenfalls was die Kampfhandlungen angeht) 75 Jahre zurückliegen.
Ich möchte hier nicht über die problematischen Aspekte von Geschichtsbetrachtungen reden, die von runden Jahreszahlen ausgehen, zumal die historische Bedeutung des Zweiten Weltkriegs außer Zweifel steht. Allerdings ist darauf hinzuweisen: Wenn man „Zeitgeschichte“ mit Hans Rothfels als die Geschichte der heute lebenden Generationen auffasst, dann muss man feststellen, dass dieser Zweite Weltkrieg inzwischen an den Rand der Zeitgeschichte zu rücken scheint. Nur noch eine vergleichsweise kleine Zahl von Menschen hat noch eine eigene Anschauung von den Kriegsereignissen. Als Angehöriger der ersten Nachkriegsgeneration darf ich jedoch sagen: auch für viele von uns behält der Zweite Weltkrieg eine lebenslange Bedeutung. Im Krieg geboren (und z.T. unterbewusst auch von diesem beeinflusst) wuchsen wir im Schatten der Trümmer auf und die Erwachsenen, die wir als Kinder erlebten, waren vielfach tief durch den Krieg geprägt. Die Nachwirkungen des Krieges waren jahrzehntelang lebendige Realität.
Die Nachkriegsgeschichte lässt sich geradezu in Perspektive auf die Folgen des Krieges und auf die Auseinandersetzung mit dem Krieg schreiben. Dabei wird sichtbar, dass sich das Bild des Krieges mit der Zeit verändert hat, das eigene Erleben und Erleiden des Krieges stand in Deutschland (wie übrigens in anderen Ländern auch) lange im Vordergrund, im Laufe der Jahre weitete sich der Blick, insbesondere trat der Holocaust in den Vordergrund, während die großen militärischen Auseinandersetzungen, das Geschehen an der Front, weniger der Bombenkrieg allmählich zu verblassen begannen – wobei in bestimmten Abständen die historischen Geschehnisse wieder in das grelle Licht des retrospektiven Interesses gerieten (manchmal evoziert durch mediale Impulse).
Natürlich wissen wir als Historiker über den vielschichtigen jahrelangen auf verschiedenen Schauplätzen ablaufenden Krieg inzwischen mehr als die Zeitgenossen wussten. Dennoch gibt es eine Reihe von Fragen, denen nachzugehen lohnend erscheint, da sie nach wie vor mehr oder weniger offen sind. Lassen Sie mich einige nennen:
Inwieweit waren die Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs und der Kriegsausbruch durch die Auseinandersetzung um die Revision des Versailler Vertrages bestimmt?
Welche Ziele verfolgten Hitler und NS-Deutschland während des Krieges (anders als im Ersten Weltkrieg gab es diesmal keine Kriegszieldiskussion) und inwieweit wandelten sich während des Krieges die Ziele?
Wie lange bestimmten Hitler und die deutsche Politik das Kriegsgeschehen, seit wann reagierten sie auf einen Prozess mit zunehmender Eigendynamik?
In welchem Verhältnis standen Krieg, Kriegsverlauf und Holocaust?
Inwieweit war der Eroberungs- und Vernichtungskrieg der Krieg Hitlers und der NS-Führungsgruppen, inwieweit der Krieg der Deutschen in ihrer Mehrheit?
Zweifellos große Fragen, die z.T. nur gestreift werden können. Lassen Sie mich die Etappen der NS-Hegemonial- und Vernichtungspolitik in groben Schritten chronologisch beleuchten.
Zunächst ist der zum Kriegsausbruch führende Prozess unter der Frage zu behandeln, inwieweit die NS-Politik von Anfang an auf den Krieg hinarbeitete,
näher zu untersuchen ist dann der Charakter des Polenfeldzuges, inwieweit wurden hier Ziele der NS-Politik im Osten realisiert,
