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2027. Vor sieben Jahren errichteten die 0,1% der Ultra-Reichen (Zeros) eine Schreckensherrschaft über die Welt und ihre Exklaven, vernichteten jene, die ihnen entbehrlich erschienen, trieben die anderen in die "Unterwelt", in die Bäuche der Städte. Ihr Vorteil: das lebende Schutzschild aus Prozento-Kindern und Versklavten. Doch mittlerweile haben sich die 99,9 % weltweit vernetzt, organisiert und solidarisiert, entwickelten eine neue Methode des Kämpfens und eine neue Technologie. Was nach einem Patt aussieht, ändert sich mit der Kunde von der bevorstehenden Zero-Hochzeit. Sofort wird klar: die Zeit ist gekommen. Die Entscheidungsschlacht steht bevor. Der Hotspot ist das Schloss Schönbrunn in Wien. Am Himmelfahrtstag soll ausgerechnet die Anti-Heldin "Sieben" mit ihren Leuten die Bluthochzeit ausrichten.
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Seitenzahl: 330
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Jozi Salzberg
99,9 % - Buch 2
Der lange Atem der Macht
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Was bisher geschah
2027
Trügerisch
Macht
Die Information
Absichten
Böse
Benek
Reinen Herzens
Planung
Schönbrunn
Geschützte Spezies
Feinschliff
Sabotage
Erst recht
Höllen auf Erden
Versteckspiel
verraten
Beneks Chance
Der Tag
Kurz vor Zwölf
Himmelfahrt
Schlag auf Schlag
Macht?
Unbelehrbar
Rache
vorausschauend
hoher Preis
was zählt
Freude
Für alle
Impressum neobooks
2027. Längst schon haben die Gierigen die Welt ins Chaos gestürzt, denn sie kannten kein Maßhalten in ihrer Profitsucht, keine Rücksicht, keine Solidarität, agierten aber lange Zeit aus dem Hintergrund über ihre LobbyistInnen und gekaufte PolitikerInnen. Unerkannt warfen sie ihre Netze aus.
Dann kam es, wie es kommen musste: ohne Skrupel vergifteten die weltweit wütenden Mega-Konzerne mit ihren angeblich notwendigen Pflanzen-Spritzmitteln bedenkenlos die Felder und Gewässer, bis alles Getier darin zu verenden begann oder nicht lebensfähig geboren wurde. Die Skrupellosen holzten Wälder ab, ohne einen Gedanken an das Aufforsten zu verschwenden, denn Großaktionäre haben keinen Bezug zu Land und Leuten und den einheimischen Tieren. Sogar die Pflanzen, die angeblich durch die teuren Giftspritzen vor Schädlingen und Pilzbefall geschützt werden sollten, wurden deformiert und vernichtet. Glyphosat wie es im „Round Up“ des Konzerns Monsanto vorkommt, wurde längst als krebserrengender Stoff von der WHO angeprangert - jeder Mensch konnte den Bericht (nicht zum ersten Mal im Fernsehen) beispielsweise in „heute konkret“ um 18 Uhr 30 auf ORF 2 am Dienstag dem 3.11.2015 hören und sehen. Dennoch fiel 2015 die EU-Kommission ihrer eigenen Bevölkerung mit TTIP und anderen Beschlüssen in den Rücken (ihr sind die Konzerne buchstäblich näher, denn die Lobbyisten sitzen Tür an Tür mit den MandatarInnen in Brüssel). Die EU-Kommission erlaubte für weitere 10 Jahre den Einsatz des Giftes. Nierenkrebs, Lymphdrüsenkrebs und andere schwerwiegende Krankheiten wurden in Kauf genommen, damit die Konzerne ihren Profit machen könnten. Ein anderes Beispiel bot der Weinbau 2015 durch das Bayer-Mittel „Moon Privilege“, ein Mittel, das nachweislich Beeren und Blätter deformierte (nachzulesen bei Schmider 2015 in der Zürchsee-Zeitung). Sind die Betrogenen unzufrieden, ist ein Großkonzern „zu Zugeständnissen bereit“, um die Gemüter zu beruhigen, damit die Kunden weiterhin unnötige Spritzmittel kaufen mögen. Das Interesse der Konzerne gilt allein dem Vermehren des Kapitals – die Politik, die ihre Menschen schützen sollte, versagte vollkommen. PolitikerInnen agierten nicht mehr für die Menschen sondern für „die Wirtschaft“. Sie fragten sich nicht, wer „die Wirtschaft“ denn eigentlich war.
Die mächtigsten Konzerne sind durch ihre weltweit gehandelten Aktien zwar Weltkonzerne. Doch vor allem jene mit Hauptsitz in den USA übten entgegen aller Demokratievorstellungen ab den 1980er Jahren immer stärkeren Druck auf demokratisch gewählte Regierungen aus - auch zunehmend in Europa, korrumpierten und erpressten, bis diese ihre Bevölkerung als letzte Ressource der Ausbeutung preisgaben und über Jahrzehnte erkämpfte Sozialsysteme Stück für Stück abbauten. Über schlicht undemokratisch (also großteils im Geheimen) verhandelte Abkommen (beispielsweise TTIP) eigneten sie sich einstmals demokratische Rechte an, weil die PolitikerInnen entweder unfähig waren, die Gefahren zu erkennen oder bereits korrumpiert und auf dem demokratischen Auge blind geworden waren. Immer mehr Menschen demonstrierten oder führten Unterschriften-Aktionen durch, doch einige besonders lautstark in den Medien auftretende PolitikerInnen verunglimpften oder ignorierten sie. Die Kluft zwischen der Zivilgesellschaft und der Polit-Kaste wurde immer größer.
Fakt ist: Der gesamte Reichtum wurde in wenigen Händen gebündelt. 99,9 % der Bevölkerung besaß nichts als das nackte Leben und nicht mehr als die Arbeitskraft. Die Proteste der Occupy-Bewegung gegen die Profitgier der mächtigen Konzerne und sogenannten „Finanzmärkte“ mit Slogans wie „Wir sind die 99 Prozent“ konnten gegen die vereinte Macht der Konzerne mit der Politkaste nichts mehr ausrichten. Es war zu spät.
Aus der Sicht der arbeitenden Massen war die Arbeitskraft der einzige Reichtum, mit dem man etwas aufbauen konnte. Ohne Arbeit geschieht gar nichts, wird kein einziges Produkt geschaffen, kein Erz abgebaut, kein Korn angebaut oder geerntet. Die wenigen Kapitalbesitzer sahen das anders. Und sie setzten ihre Sicht der Dinge durch, weil sie die Politkaste auf ihre Seite ziehen konnten. Die einen PolitikerInnen waren schlicht unfähig, die Absichten zu durchschauen. Die anderen sahen die Vorteile für sich selbst, wenn sie dem Kapital dienten und waren durchaus willfährig.
2020 geschah das Unfassbare. Die Söldner-Armee der EU griff die europäische Bevölkerung an: Die mittlerweile nur 0,1 % der Ultra-Reichsten der Welt (mit der Selbstbezeichnung „Zeros“) – allgemeines Schimpfwort für sie wurde „verdammte Nullen“ hatten das Söldner-Heer offiziell der EU zur Verfügung gestellt. Inoffiziell hatte das Heer einen speziellen Zweck. Die Mega-Reichen begehrten offen nicht nur Reichtum, sondern die umfassende Macht und Herrschaft über die 99,9-Prozent der Besitzlosen, die sie abfällig „Prozentos“ nennen. Unter ihrem Anführer Mun Dong (oder Mun-Dong) errichteten die Gierschlunde eine Schreckensherrschaft auf der Erde, auf dem Erdtrabanten Mond, sowie auf der Mars-Basis. Unterstützt werden sie von sogenannten Freistaaten. Diese beliefern die Nullen mit Söldnern. Das sind Menschen, die auf diese Weise dem Joch der rechtsextremen Anführer, Populisten und Sektenführer in den Freistaaten entkommen können. Seitdem jagen die Nullen-Söldner die UntergrundkämpferInnen. Gräuel wurden von ihnen ohne Zahl begangen, zumeist auf Befehl der verdammten Nullen. Die Nullen selbst zogen hohe Mauern um ihre Enklaven. In Wien gehört ihnen das Schloss Schönbrunn und die Palais des ersten Bezirks. Nicht genug – um sich vor dem Hass der Prozentos zu schützen, setzen die Größenwahnsinnigen die entführten Prozento-Kinder als Schutzschild ein.
Die 99,9 % wehren sich verbissen. Sie operieren aus dem Untergrund. In den Eingeweiden aller Städte organisieren sie ihr Leben. Die jungen Leute werden unter Einsatz des Lebens von den Älteren geschützt. Das heißt, dass nur jene am aktiven Kampf gegen die Zero-Söldner teilnehmen, deren (Adoptiv)Kinder das Erwachsenenalter erreichten. Diese Art der Kriegführung ist gerecht. Die heute Älteren haben nichts gegen die wachsende Macht der weltweit wie Heuschrecken agierenden Weltkonzerne unternommen. 2020 kämpften noch alle, doch bald wurde klar, dass man die Jüngeren schützen musste. Zuerst wurden die Kinder und Jugendlichen in Kleingruppen gesammelt und von ihren Familien und von älteren KämpferInnen verteidigt. Dann wurden die noch nicht erwachsenen jungen Leute und Eltern mit Kindern zu der „Geschützten Spezies“ deklariert. Wer sonst sollte eines Tages eine gute Gesellschaft aufbauen, wenn nicht die Jungen? Die meisten KämpferInnen (vollkommen gleichgültig welchen Geschlechts) sind nach der Kindererziehung zumeist über vierzig Jahre alt, die Mehrheit der Guerillas hat die Fünfzig weit überschritten. Wegen ihres ergrauenden Haars werden sie „SilberlöwInnen“ genannt. Vor allem die über 60-Jährigen fühlen die Last der Verantwortung, denn in den 1980ern begann der Niedergang der solidarisch organisierten europäischen Gemeinschaften. Stattdessen wurde alles bisher politisch erreichte de-reguliert und der Gier der weltweit wütenden Konzerne Tür und Tor geöffnet. „Hätten wir nur damals...“, hört man oft im Bauch von Wien und anderswo die Älteren seufzen. Hätten sie die von den Konzernen propagierten Einsatz von Giften, die rücksichtslose Erdölförderung in sensiblen Ökosystemen, die Ausrottung von Tieren, die Verseuchung von Feldern und Gewässern, die Beseitigung der Krebsgeschwüre LobbyistInnen an den politischen Entscheidungsquellen und mit ihnen einhergehende Unterminierung der Demokartien verhindert... Ja – hätten sie nur!
Heute ist die einzige Bedingung für die Teilnahme am aktiven Kampf gegen die einstigen Gierschlunde und heutigen Machtgierigen, dass alle körperlich und geistig fit sind und an den (für alle Altersklassen) täglich stattfindenden Kampfübungen teilnehmen. Wer das nicht schafft, übernimmt interne Aufgaben. Jeder Mensch wird als ungemein wichtig und wertvoll angesehen. Wer sonst nichts tun kann, erzählt, wie etwas getan werden kann, welche Erfahrungen er oder sie gemacht hat. Oder ein Grüppchen von körperlich sehr Schwachen, Alten oder Verletzten erzählt den Kindern Märchen und Sagen, und man ahnt es nicht, wie die Kranken über diese Aufgabe an Lebenswillen und Lebensfreude gewinnen. Auch das ist wertvoll für soziale Wesen, wie Menschen es sind. Andere erzählen, wie alles gekommen ist, damit es nicht vergessen werde.
Die Tunnelsysteme in den Bäuchen der Stadt gleichen Eingeweiden. Sie sind der Lebensraum der 99,9 %, in dem das Überleben am ehesten gewährleistet ist. An der Oberfläche patrouillieren die Zero-Söldner, über manchen Gegenden wurden „schmutzige“ Bomben abgeworfen. Die Tunnel unter den Städten sind davon nicht betroffen, weil in fast jeder Stadt der Welt Zeros ihre Besitztümer haben und sie „sauber“ halten. Die Tunnel sind mit Fallen für die Zero-Söldner gespickt, teilweise getarnt und schier uneinnehmbar. Daher versuchen die Nullen mit ihren Söldnern nunmehr im siebten Jahr vergeblich, die 99,9 % vollends zu versklaven oder aber jene zu vernichten, derer sie nicht habhaft werden können.
Den Nullen leisten die 99,9 % verbissen Widerstand. Nicht nur das. Sie kämpfen auch offensiv, bedienen sich aus den Lagerhäusern der Nullen, stehlen deren Vorräte und Produkte, stehen zumindest in vielen Fällen mit den Entführten und Zwangsverpflichteten in sporadischer Verbindung. Das genügt allerdings nicht, um die Zeros auszuschalten. Diese haben das wirksamste Schild, das es geben kann, um sich errichtet – die entführten Kinder der 99,9-Prozent. Sowohl die Kindersklaven als auch erwachsene ZwangsarbeiterInnen in den Arbeitslagern und Luxus-Domizilen der Zeros verhindern, dass die 99,9 % ihrerseits Bomben über die Zero-Enklaven abwerfen oder deren Wasser und Nahrung vergiften.
Die KämpferInnen und WissenschaftlerInnen der 99,9 % sind weltweit vernetzt und selbst höchst erfinderisch. Die erzwungenen Dienste der WissenschaftlerInnen in den Nullen-Domizilen sind nichts dagegen. Das Kollektiv wird niemals aufgeben. Damit hatten die größenwahnsinnigen Nullen 2020 nicht gerechnet.
Im siebten Jahr des weltumfassenden Untergrundkampfes der 99,9 Prozent gegen die 0,1 % der reichen Nullen (so genannt wegen „Null-komma-eins-Prozent“) gelangt die Widerstandskämpferin Sieben in Wien an eine Information, die das Blatt zugunsten der unbesiegten Weltgemeinschaft wenden könnte. Unverhofft lastet auf Siebens Schultern, der gewählten Anführerin von 'Meidling' und 'Schönbrunn' und ihren SilberlöwInnen die Hoffnung des weltweiten Widerstands. Doch nur gemeinsam könnte das Kollektiv siegreich sein. Dazu bedarf es umfangreicher Vorbereitungen. Wird die Zeit reichen? Wird der Zugriff gelingen?
2027. Wien. Großgruppe Meidling und Schönbrunn. Auf dem Weg durch den Speisesaal der Meidlinger Gruppe der Wiener 99,9 % (in der einstigen Tiefgarage) fällt Sieben ein neues Gesicht auf. Ein Kind? Sieben war noch nie schüchtern, also geht sie schnurstracks zum Tisch der Familie von „Bufo“, der Goldkröte (Bufo periglenes) und deren Mann Toni, den Sieben noch gar nicht zurück vermutet hat, nachdem er noch vorhin an den Söldnern Schießübungen veranstaltet hatte.
„Bienchen“ heiße das neue Familienmitglied, stellt Toni freudestrahlend sein neues Familienmitglied vor. Wie ausgewechselt ist er, der oft so zornige, in seinem Unglück verzweifelte Silberlöwe. Man sieht ihm an, dass an diesem Kind sein Herz hängt, dass das pure Glück in sein Leben zurück gekehrt ist. In Sieben wallt eine tiefe warme Freude auf. Toni hat das Familienglück endlich gefunden.
Kluge blaue Augen taxieren Sieben, bis das zarte Wesen den Blick senkt, als wäre es ein bisschen schüchtern, was ihr Sieben nicht ganz abnimmt. Aus der Nähe schätzt Sieben die junge Frau auf dreißig Jahre. Wegen der zierlichen Gestalt und der zarten, bleichen, unglaublich reinen Haut wirkt sie aber wie ein Kind. „Wo bleiben die unzähligen Sommersprossen, die sonst bei Rothaarigen die Nase zieren?“ geht es Sieben durch den Kopf. Sie hat sie wohl in den „guten Jahren“ in einer der unzähligen Schönheitspraxen weg „lasern“ lassen. Geziert reicht die Junge der Älteren eine gepflegte Hand mit perfekt manikürten Nägeln. Kokett wirft sie ihr langes, gepflegtes, karottenrotes Haar zurück. Ein wenig verwundert es Sieben, dass jemand im Untergrund die Muße hat, so langes, offenes Haar zu pflegen und sich trotz der verschiedenen Arbeitseinsätze so zarte Hände zu bewahren. Das schöne Kind wird halt ein wenig eitel sein, was nicht weiter stört. Ein junger Mann wird eine Freude an ihr haben. Die Gemeinschaft auch, denn Kinder sind höchst willkommen.
Der sonst wortkarge Toni erzählt eifrig, wie er das verletzte Bienchen an der Grenze zwischen dem sechsten und dem ersten Bezirk entdeckt hat. Sie lag da, angeschossen, liegen gelassen zum Verbluten, nachdem sie ihrem Sklavenhalter, dem steinalten australo-asiatischen Bin Mun Dong und seiner blutjungen afro-europäischen Frau Ruby davongelaufen war. Mitleid wallt in Sieben auf. Härte und Brutalität wird insbesondere mit Mun-Dong (wie er landläufig genannt wird), dem Medienmogul, in Verbindung gebracht. Mit eiserner Hand hat er sein Familien-Imperium aufgebaut, das ist bekannt.
Aber „Gott sei Dank“ seufzt Toni erleichtert auf, es sei bei Bienchen nur ein Streifschuss gewesen. Sieben überlegt, dass Bin und Ruby zu der jungen Frau nicht brutal gewesen sein können, sie sieht weder verhärmt noch unterernährt aus, vielmehr wiff, taff und sehr gepflegt. An eine fleißiges Honigbiene erinnert das schöne Kind eigentlich nicht, vielmehr an andere Hexapodae, an den winzigen, haarigen, orangen Springschwanz vielleicht. Sieben beschließt insgeheim, den Neuzugang nach der Überklasse der Sechsfüßer einfach „kleine Hex'“ zu nennen – das ist keineswegs böse gemeint, höchstens belustigt es sie ein wenig.
Toni berichtet, er hätte die Ohnmächtige zunächst mit einem Kind verwechselt. Im ersten Moment dachte er, dass seine kleine Enkelin doch irgendwie überlebt haben könnte und nun vor ihm liege. Schließlich trug man ihn selbst damals schwer verletzt vom Unglücksort, sodass er es nicht einmal bemerkt hätte, falls jemand seine innigst geliebte Enkelin gerettet hätte. Beim Begräbnis seiner Kleinen war er nicht dabei, damals lag er noch im künstlichen Tiefschlaf. Kein Wunder, dass ihn der Zweifel übermannte, als er die kleine Elfe sah, die seiner Kleinen so ähnlich sah. So sehr verwirrte ihn das rote Haar. Dasselbe Haar hatte seine Enkeltochter. Sieben freut sich ungeheuer für Toni und grinst breit. Da fällt ihr Blick auf Bufo, die bisher kein Wort gesagt hat. In Bufos Augen schwimmen Tränen. Doch Toni bemerkt sie nicht. Die Familie wird noch einiges klären müssen, wird es Sieben klar. Peinlich berührt verabschiedet sie sich hastig von den Freunden und Kampfgefährten, nickt dem neuen Mitglied der Familie kurz zu und verlässt das Grüppchen. Bufo weint nicht leicht, der Tod der ihrigen ließ sie zu einer Kampfmaschine abstumpfen, meinen manche. Aber Sieben kennt die Freundin besser. Beide denken sie ähnlich. Bufo meinte einmal resigniert, ja todtraurig, Geschehenes könne sie nicht Ungeschehen machen, nur neuerliche Tode der jungen Leute würde sie mit allen Mitteln verhindern. Das ist tatsächlich ihre „Spezialität“. Meistens lässt sich sich zum Schutz der „Jungen Spezies“ in den äußeren Bereichen des Untergrunds einteilen. Ihr Werk vollbringt sie gern im Stillen – ganz anders als ihr Ehemann Toni, der buchstäblich das explosive Getöse liebt. Wird eine Gruppe angegriffen, geht Bufo kalt, brutal, pragmatisch vor. Sie würde eher sterben, als zuzulassen, ein junges Leben an die Zeros zu verlieren. Für diese Fähigkeit und für diese Bereitschaft wird Bufo von ihrer Gemeinschaft hoch geachtet und geliebt. Darin findet sie Trost. Die alte Kampfgefährtin ist unverbrüchlich treu und hundertprozentig zuverlässig, und sie hat stets Augenmaß bewiesen – ganz anders als ihr cholerischer Ehemann, dessen Wüten sie mehr als einmal eingedämmt hat. Sieben fängt zu grübeln an. Ihr erster Gedanke war vielleicht kurzsichtig. Könnte Bufo wirklich fürchten, Toni würde das Andenken der getöteten kleinen Enkelin gegen die lebende Adoptivtochter eintauschen? Diese Eifersucht traut sie bei näherem Augenschein der Freundin nicht zu. Was hat Bufos Tränen aber dann ausgelöst? Nun ja, es ist nicht Siebens Sache, ruft sie sich zur Ordnung. Sie würde auch nicht in die Freundin dringen, mit ihr ihre Sorgen zu besprechen. Nein, das liegt ihr fern. Die Freundin würde sprechen, falls und sobald die Zeit reif wäre. Sieben muss sich anderen Aufgaben zuwenden. Es wird ohnehin langsam Zeit, sich in den Versammlungsraum zu begeben.
Sieben schlendert durch den Saal und grüßt im Vorbeigehen die Mitglieder ihrer Großfamilie. Auf einmal tippt ihr jemand auf die Schulter. Sieben dreht sich um und blickt in die blauen Augen ihrer langjährigen, innig geliebten Freundin Gina. Nun erkennt Sieben den Grund für das Strahlen. Arm in Arm steht die Freundin mit einem schwarzhaarigen Mann mit ebenso blauen Augen wie die eigenen – als wären Geschwister vor sie getreten, staunt Sieben. Ginas schwarze Locken tanzen, während sie ihren neuen Freund Merino vorstellt. Sieben ist hoch erfreut, ja entzückt, denn die Freundin hatte bisher kein Glück mit den Männern. Allein hat sie ihren Sohn großgezogen, hatte keine Hilfe vom Kindesvater gehabt, auch nicht von ihrer Ursprungsfamilie, im Gegenteil. Aber Gina ist eine Kämpferin. Sie hat es auch so geschafft. Für diese Leistung bewundert Sieben die Freundin und schenkt ihr das uneingeschränkte Vertrauen. Ja, Gina ist eine enge Vertraute, eine Schwester.
In den vielen Jahren im Bauch von Wien half die Untergrundfamilie der Alleinerzieherin, wenn es nötig war. Das ist klar. Doch der Sohn ist nun fast erwachsen. Und kein Mensch will allein durchs Leben gehen. Diesmal hofft Sieben, es möge der „Richtige“ sein für diese herzensgute und mutige Frau. Sie hat ein wenig Glück verdient – was heißt ein wenig?! Unmengen davon hätte sie verdient, korrigiert sich die Freundin begeistert. Sie umarmt diese beiden „Kelten“ - die sich bücken müssen (denn sie sind überragen Sieben um Haupteslänge) und wünscht ihnen Glück, so viel Glück, wie sie benötigen würden – meint sie schmunzelnd. Nein, Merino stamme aus Griechenland, er könne kein Kelte sein, meint Gina lächelnd. „Egal! Hauptsache viel Glück! Aber wenn man Euch so anschaut, sind gute Wünsche nicht mehr nötig - Ihr habt das Glück schon eingefangen“, neckt sie die Verliebten. Leider wird Gina die Großfamilie mit diesem Mann verlassen. Merino möchte zu seiner Kleinfamilie im Norden Wiens zurückkehren. Er hätte noch seine Eltern und Geschwister dort. Und schließlich, erklärt die Freundin, hätte sie nur ihren Sohn und würde eine ganze Familie dazu gewinnen. Die Frauen verstummen. Sie verstanden einander immer auch ohne Worte, obwohl sie stundenlang reden konnten, ohne das ihnen der Gesprächsstoff ausging. Sie sind ein eingespieltes Team gewesen - sie werden einander ganz unglaublich vermissen - sie werden aber an ihrer Freundschaft ewig festhalten. Während sie einander in die Augen blicken, besiegeln sie dieses stumme Versprechen. Merino hat inzwischen seinen Blick über die Menge schweifen lassen. Nun ja, meint er, es hätte ihm hier gefallen können, wenn seine Familie nicht wäre... „Schon gut“, beschwichtigt Sieben den Mann und findet seine Worte sehr freundlich. „Es ist gut so. Punkt!“ Zum Abschied fallen die Freundinnen einander in die Arme. In Zeiten wie diesen könnte jede Umarmung die letzte gewesen sein. Doch Sieben fühlt, dass sie sich eines Tages wieder sehen werden. Sie blickt dem verliebten Paar lächelnd nach. Merino hat wieder den Arm um Ginas Schulter gelegt und hält sie eng an sich gedrückt. Gina schmiegt sich an ihn. Im Gleichschritt schlängelt sich das Paar zwischen den Tischen durch. Sieben will sich wieder auf den Weg machen. Eine halbe Wendung und sie hält inne – Merino dreht den Kopf nach der „kleinen Hex'“, die - seine Bewunderung genießend - den Mann mit ihrem Blick herausfordert. Gina hat nichts davon mitbekommen, davon ist Sieben überzeugt, denn Merino hielt sie unverändert an sich gedrückt, Ginas Haar berührt Merinos Kinn, ihr Ohr lauscht seinem Herzschlag an der rechten Seite seiner Brust. Falls sich der Herzschlag beschleunigt haben sollte, würde die Freundin diese Reaktion auf ihre eigene Nähe und Wirkung auf den geliebten Menschen beziehen. Sieben lässt sich auf den nächstbesten Stuhl fallen und duckt sich, weil eine Woge der Verzweiflung über sie hinweg flutet. Sie sieht sich außerstande, die Freundin zu warnen. Was sollte sie ihr sagen? Und wann? In dieser Nacht verlässt sie doch die Großfamilie mit Merino und mit ihrem Sohn. Sieben könnte ihr natürlich per E-Mail eine Botschaft senden, aber welche? Sieben fühlt sich plötzlich als Verräterin an der Freundin. So kann es nicht bleiben. Gina und sie sind durch dick und dünn gegangen und haben einander in jeder Not beigestanden. Das ließe sie sich nicht von einem daher gelaufenen Schürzenjäger kaputt machen. Sie will ihre Freundin warnen, mehr tun kann sie nicht. Vor der kommenden Enttäuschung schützen könnte sie sie natürlich nicht. Sieben weiß, sie muss meditieren, muss ihre Gedanken ordnen, analytisch vorgehen, muss eine Lösung suchen, muss Worte finden, die ihre Freundin nicht verletzen. Schwerfällig hievt sie sich vom Stuhl und schleppt sich zur Senatssitzung, als hätte sie Bleisohlen unter den schweren Schuhen. So nah liegen Hoffnung und Enttäuschung beieinander...
Die zweiflügelige, wandhohe Tür öffnet sich automatisch vor der Dreiergruppe. Man hätte sie als Ortsunkundiger glatt übersehen, weil sie mit derselben golddurchwirkten Stofftapete bespannt ist, wie der restliche, luxuriös eingerichtete Raum. Hier passt alles zusammen, dachte schon so mancher Besucher und so manche unfreiwillige Besucherin. Die Miene und Haltung der perfekt gestylten gold-blonden Frau in ihrer cremefarbenen Schluppen-Bluse hinter dem aufgeräumten Schreibtisch mit Messing-Brieföffner und all den golden schimmernden Büro-Utensilien auf dem glatt-polierten Tisch wirkt professionell neutral. Sie blickt auf und stutzt. Zwei Augenpaare prallen aufeinander, für einen kurzen Augenblick nur verharrt die gepflegte Hand über der Sprechanlage. Hastig senkt die Sekretärin den Blick, ihre Hand und drückt wortlos auf eine Taste. Eine weitere Tür öffnet sich. Der „Besucher“ erhascht im vorbeigehen den Namen der Sekretärin, der auf einem Schildchen im Messingrahmen steht: „Miss Ljerka“. Im Weitergehen wendet er sich ihr zu, und sie hebt fragend ihre blonde Augenbraue. Da weiß er, dass sie ihn trotz ihres gesenkten Blicks aus dem Augenwinkel beobachtet hat. Seine Brust bläht sich erfreut, bis ihm einfällt, dass sie seine Musterung wahrscheinlich als aufdringlich empfindet und senkt ein klein wenig schuldbewusst den Blick. Wie gesagt, nur ein wenig. Seine KollegInnen sind kein so feiner Anblick, da wird er doch noch schauen dürfen! Nach wenigen Schritten ist die Dreiergruppe in den nächsten Raum getreten, sodass Miss Ljerkas gepflegte Erscheinung nicht mehr zu bewundern ist.
Der Blick des verwahrlost aussehenden Eskortierten fällt auf einen wuchtigen, dunklen Schreibtisch, der die Mitte des geräumigen Raumes einnimmt. In seiner polierten Fläche spiegelt sich das Licht des prächtigen Lusters, der darüber hängt. Der schwarzlederne Schreibtischsessel hinter dem Tisch ist leer. Die weinroten, bodenlangen Vorhänge bedecken die gesamte Fensterfront, obwohl draußen die Sonne scheint. Die beiden dunkel uniformierten Ankömmlinge bleiben vor dem Perser-Teppich stehen, wenige Schritte vor dem Schreibtisch. Benek erkannte schon bei seinem ersten Rapport den "Mantes-Teppich aus dem Louvre. Sein weinroter Grund und die Tier- und Jagdszenen aus dem 16. Jahrhundert passen sehr gut in diesen Raum. Dass der Besitzer des Palais an das gute Stück gekommen ist, muss niemanden wundern. Die Zeros kaufen alles, wonach ihnen der Sinn steht, empört sich der Besucher insgeheim. Der rechte Begleiter legt die Hand auf den Arm des Sklaven der Neuzeit neben ihm, zeigt ihm damit an, ebenfalls stehen zu bleiben. Der blickt sich neugierig um, Vielleicht entdeckt er weitere Museumsstücke, die man sich inzwischen einverleibt hat. Für solche Freveltaten könnte er die verdammten Zeros dann noch mehr hassen, obwohl er sich jetzt schon sehr beherrschen muss, um diese Regungen nicht nach Außen dringen zu lassen. Er ist gezwungen, sich zumindest äußerlich zu fügen, verflucht!
Rechts der Tür sind die Bücherregale bis zur hohen Decke mit Büchern voll gestopft. Mit alten Büchern, die eine Museumsathmosphäre erzeugen und auch ein wenig modrig riechen – Benek vermutet, dass sie tatsächlich aus einem Museum stammen. Davor lädt eine dunkelgrüne Ledergarnitur im englischen Landhausstil zum Verweilen ein – sie ist ebenfalls leer. Die linke Seite des Raumes wird von einem steinernen Kamin beherrscht, in dem - man glaubt es nicht, mitten im Sommer armdicke Scheite glosen. Nachdem es im Raum angenehm kühl ist, muss man davon ausgehen, dass die Klimaanlage arbeitet – was für eine Verschwendung! Vor dem Kamin liegt das Fell eines Eisbären mit präpariertem Kopf. Über dem Kaminsims hängt ein ausladendes Ölbild, auf dem eine Jagdszene dargestellt ist. Es ist zu sehen, wie ein schlanker Mann mit graumelierten Schläfen auf einen Eisbären anlegt, wobei nur wenige Schritte die Kontrahenten trennen. Das Eisbären-Fell zeugt vom Ausgang des Kampfes. So scheint es.
Aus dem wuchtigen, goldenen Fauteuille seitlich des Kamins erhebt sich der Mann „vom Bild“, nur dass er um einiges älter aussieht und seit der letzten Sitzung für den oder die MalerIn erheblich geschrumpft ist. Wortlos bindet er seinen weinroten, seidenen Morgenmantel, schlurft zu seinem Schreibtischsessel, lässt sich darauf fallen und drückt (wie die Sekretärin vorhin) auf einen der unzähligen Knöpfe, die sich auf der linken Seite des Schreibtischs auf dem Dispatcher-Terminal befinden. Inzwischen tauchen hinter dem leeren, goldenen Fauteuil zwei leicht bekleidete Frauen auf, mit gesenkten Köpfen raffen sie ihre Kleidungsstücke zusammen und verschwinden hinter einem weinroten, bodenlangen Vorhang im Eck der Fensterfront. Der Informatiker vor dem Schreibtisch bedauert die Frauen. Sicherlich mussten sie ihren Ekel vor dem Alten ebenso sorgfältig unterdrücken wie jetzt er auch.
Kurz darauf betritt ein Kinder-Lakai den Raum. Er serviert auf einem Silbertablett den Tee für eine Person – 'Earl Grey' muss es sein, denn der Duft des Bergamotte-Öls erfüllt den Raum. Dieser Duft wird aus der Frucht der Menarde gewonnen, fällt es plötzlich unnötigerweise dem durstigen Mann in der schmuddeligen Kluft ein. Solche Gedankensprünge kann er eigentlich gar nicht brauchen, schüttelt er unwillig den Kopf. Klüger ist, sich auf das Kommende zu konzentrieren.
Ähnlich den Frauen hält der kleine Lakai den Blick gesenkt. Er arbeitet still – so, wie es ihm eingebläut worden ist, hebt nur kurz fragend den Kopf in seines „Meisters“ Richtung. Der Eskortierte keucht beim Anblick des Knaben auf. Auf diese Reaktion scheint der dürre Alte gewartet zu haben. Er verscheucht den kindlichen Diener mit einem unsanften Klaps und richtet schnarrend das Wort an den jüngeren Mann: „Herrrr Benek, Sie sehen, Ihrem Sohn geht es gut, sehr gut. Ihrem kleinen Töchterchen auch, das kann ich Ihnen versichern, ja versichern. Aber nehmen sie doch Platz.“, befiehlt er. Der andere zieht es vor, vor dem Kommandanten der Söldner stehen zu bleiben, rührt sich nicht vom Fleck. Die Wachleute stoßen ihn in die richtige Richtung, drücken ihn auf einen Schemel neben dem Schreibtisch.
„Benek, Benek!“, tadelt der Handlanger Mun-Dongs. „Ihre Tochter habe ich bei meiner Schwester untergebracht, da ist sie in guten Händen, in den besten. Und ihren Sohn behalte ich selbst im Auge, ja, ich selbst.“ Das kam einer Drohung nahe und war mit Sicherheit so gemeint. Alles Joviale fällt vom Kommandanten ab, als er fordert: „Ergebnisse, Herrr Benek, Ergebnisse!“ Bei ihm musste man sich daran gewöhnen, alles doppelt gesagt zu bekommen. Diese Anleihe nimmt er bei seinem Vorgesetzten. Dabei schnarrt er in einer unverwechselbaren Art und Weise – schließlich will er sich sogar von seinem Idol der Macht in gewisser Weise abheben – er ist schließlich dessen rechte Hand – so will er meinen! So mancher Bedauernswerte wird feststellen, dass zum Ausgleich für die Wortverschwendung des Geiers dessen Zwillingsschwester stumm erscheint. Und bösartig. Umso schlimmer für das kleine, mutterlose Mädchen, das seit zwei Jahren auch noch ohne Vater aufwachsen muss. Das arme Kind ist der Sklavenhalterin ausgeliefert, muss erraten, was die Stumme wünscht, bekommt wahrscheinlich als Antwort auf ängstliche Fragen nur Schläge. Benek schrumpft in sich zusammen, fühlt sich plötzlich so hilflos und klein wie sein Töchterchen. In seiner Brust brennt der Schmerz so heiß. Und heiß wallt Hass in ihm auf. So dringend wünscht er, seine Fäuste in diese verhasste Fratze vor ihm zu versenken! Immer wieder und wieder! „Ts, ts, ts!“, tadelt der Kommandant, der die Körperhaltung Beneks zu lesen weiß. Benek erkennt die Gefahr. Es kostet ihn keine große Kraft, die Fäuste zu öffnen, soblad ihm die Gefahr für seine Kinder bewusst wird. Seine eigene Befindlichkeit tritt in den Hintergrund. Er konzentriert sich, muss wachsam bleiben.
Der „weltbeste“ Computerfachmann Benek – so wurde er seinerzeit in den Medien bejubelt, er würde alles tun, damit seinen Kindern nicht noch Schlimmeres geschieht, er würde sein Leben geben. Für den widerwillig zum Leiter der Nullen-Serverabteilung in Wien avancierten Mann käme fast alles in Frage, schränkt er in Gedanken ein. Der Verrat an der Untergrundbewegung gehört nicht dazu. Also liefert er regelmäßig irgendwelche Ergebnisse, wenn auch nicht die vom Kommandanten gewünschten. Seine Subversivität muss er geschickt tarnen. Das ist ihm klar.
Benek arbeitet in der Zentrale der Zeros seit die Familie vor zwei Jahren auf der Flucht in den nördlich von Wien gelegenen „Freistaat Benes“ aufgegriffen worden ist, wohin der Vater mit den Kindern gelangen wollte, weil er gehört hatte, dass man dort Computer-Fachleute suchte und weil ihm außerdem der Name des Sekten-Staates gefällt. Das Wortspiel wandte er den Kindern gegenüber gerne an und sie lachten jedes Mal: „Die Beneks gehen nach Benes.“ Seine Aufgabe hier bei den Zeros, diesen verfluchten Nullen, lautet, die Kommunikation der 99,9% zu verfolgen, die Codes zu knacken, deren Server zu finden. Doch was immer er in dieser Angelegenheit unternimmt, es widerstrebt ihm. Er, der Freigeist, muss sich überwinden, damit seine Kinder überleben.
Längst hat der Fachmann herausgefunden, dass die Untergrundbewegung wechselweise über das Standard-Netz und über Satelliten in Verbindung steht. Das nahm man in der Zero-Zentrale ohnehin an. Der Kommandant war mit dem mageren Ergebnis sehr unzufrieden gewesen, forderte nützlichere Informationen vom verzweifelten Vater, erzählte ihm von dem „überaus strengen“ Ausbildner im Lakaien-Schulungsort Bratislava, wohin er, der Kommandant den jungen Benek zu schicken gedachte. Vorerst wollte er den Buben „zum Eingewöhnen“ in der Wiener Anstalt unterbringen. Damit hatte der Alte dem Vater eine Rute ins Fenster gestellt. Benek senior arbeitete danach Tag und Nacht. Das ist kein Problem für ihn. Ohnehin raubt ihm die Sorge um seine Kinder den Schlaf. Außerdem kennt er das Informatiker-Problem „Nachtschicht“ seit frühester Jugend: man übersieht am Computer die Zeit. Im Gegensatz zu früher spielt er keine Computerspiele oder surft zum Vergnügen. Wenn er beim Rasieren in den Spiegel blickt, sieht er einem vorzeitig ergrauten Mann in das ansonsten glatte Gesicht. Monate später fand er über die IP-Adressen den Standort von einem Bonner Server und einem Pekinger Server heraus, verriet aber dem Kommandanten notgedrungen nur einen Standort. Dafür durfte sein Sohn in Wien bleiben. Jetzt fordert der Adlatus des mächtigsten Medienmoguls der Welt neue Resultate. Alle paar Wochen muss der Informatiker „liefern“.
Nach einundeinhalb Jahren bei den Zeros überzeugte Benek den Kommandanten, dass das Aufgreifen der Computer-Leute der Prozentos kontraproduktiv für seine Arbeit ist. Denn wie soll er die Server finden, wenn die Leute ständig gewarnt werden und sie nicht regelmäßig nutzen. Seitdem lässt man die Prozentos fast schon in Ruhe. Das war ein kleiner Sieg für Benek.
Der Vater ist zwar gezwungen, etwas von seinem Wissen preis zu geben, doch er hatte sich geschworen, den Alten nach Möglichkeit mit Brosamen zu füttern. Er weiß, dass seine Arbeit und die seiner MitarbeiterInnen überwacht wird, denn die Kameras hängen offen von der Decke. Alle Erkenntnisse für sich zu behalten ist daher schlicht unmöglich.
Die MitarbeiterInnen selbst sind allesamt Koryphäen in ihrem Fach. Sie alle sind erpressbar wie Benek, doch auch sie liefern nur das Notwendigste an den „Geier“, wie sie den Kommandanten unter sich nennen. Leider ist es den InformatikerInnen und TechnikerInnen unmöglich, sich zu verbünden. Misstrauen ist alltäglich, denn „Maulwürfe“ schleichen sich immer wieder ein. Erst vor drei Monaten hat „Miss Orange“ einem der Forscher schöne Augen gemacht - wunderschöne, kornblumen-blaue, das muss der Neid ihr lassen - da sind sich alle Männer in der Abteilung einig. Die Damen warnten ihre Kollegen vergeblich vor der „Venusfliegenfalle“, so nannten sie die Neue. Aber die Männer himmelten sie unverdrossen an. Und, wie könnte es anders sein, die Frau hat das Vertrauen ihres Auserwählten rasch gewonnen. Tja, betonten später die Informatikerinnen, sie hätten die Kollegen doch gewarnt. Der Mann, der sich mit Datenanalyse beschäftigt hat sowie mit der rechnerorientierten Statistik, verschwand vor rund zwei Monaten spurlos. Miss Orange kehrte danach nicht wieder an ihre Arbeitsstätte im Computer-Zentrum zurück. Da dachte man sich das Richtige: Der Mann hat sich mit seinem tiefen Hass gegen die Zeros der Rothaarigen anvertraut und wurde verraten. Ohne Zweifel wurde er wegen vorgegaukelter Subordination von seinem Posten eliminiert. Dieser verliebte Narr!
Benek hat nicht vor, dem „Geier“ alles zu erzählen, was er weiß, seit er weiß, dass der Alte über Computer nichts weiß. Dem vierzigjährigen Mann mit den rehbraunen Augen und den grau-melierten Schläfen ist das eine Genugtuung. Daher wirft er ihm hin und wieder etwas vor, was der Andere nicht als totalen Blödsinn entlarven kann und was fachmännisch klingt. So will er es auch heute handhaben, verlangt jedoch vorher, seine Tochter zu sehen. „Nächstes Mal, jaja“, gesteht ihm der Alte widerwillig zu, während er ungeduldig auf die Gegenleistung wartet – schließlich hält er, diplomatisch wie es nun einmal seine Natur ist, seine Leute bei Laune, ja ja. Jeder kennt seine Regel „Gibst Du mir, so geb' ich Dir“.
Benek erklärt, dass er herausgefunden habe, dass die Prozentos „möglicherweise“ nach dem circular-permutation-system das Netz nutzen. Der „Geier“ nickt anerkennend, klingt gut. Er greift zum Hörer und stellt von seinem Domizil im Palais Lobkowitz eine Direktverbindung zu seinem Brotgeber her, der sich seit Wochen im Palais Ferstel aufhält. Er will ihm die gute Nachricht brühwarm servieren. Doch eigentlich nutzt er jeden Vorwand, um mit seinem Vorgesetzten so oft wie möglich in Kontakt zu treten, sich Liebkind zu machen. Schließlich ist er mit den Seinen vom Wohlwollen seines Mentors abhängig (der ebenso wenig ein „Computermensch“ ist wie der Kommandant – das gehört nicht zu ihrem Metier, und zumindest einer von ihnen gesteht sich ein, darin ein Vorgestriger zu sein.) Mit einer fortscheuchenden Handbewegung entlässt der Geier indes den Arbeitssklaven. Der weiß genau, dass sich der Kommandant von anderen Personen aufklären lassen wird, was eine Permutation ist. Schon bald wird er weitere Fragen an Benek haben. Leider.
Nur zwei Kilometer Luftlinie entfernt von Benek, im Südwesten von Wien, sitzt Sieben bei einer Besprechung im kalten, spärlich erhellten „Versammlungsraum“, der in Wirklichkeit ein intakter Teil eines ehemaligen Parkdecks ist. Sein Vorteil ist immerhin die Abhör-Sicherheit.
Die Späherin berichtet zunächst dem vierköpfigen Wiener Senat von ihrem Indizien-Verdacht, die Nullen müssten einen „klugen Kopf“ beschäftigen, der möglicherweise „ihre“ Server im Auge haben könnte. Eine Warnung aus dem Munde einer Silberlöwin und gewählten Anführerin wird unverzüglich ernst genommen. Der Beschluss wird nach kurzer Beratung einstimmig gefasst. Alle sollen nach der Auflösung der Sitzung gewarnt werden. Eine Adaptierung ist notwendig – dieser Auftrag wird anschließend an die sogenannte „Computer-Freak-Abteilung“ ergehen, alles InformatikerInnen, manche von ihnen haben in früheren Zeiten Informatik an der HTL gelernt, andere an der Universität studiert, jüngere gingen bei ersteren im Untergrund in die Lehre. Der gemeinsame Ansprechpartner (LeiterInnen verweigern sich diese Freigeister ganz generell) ist derzeit Onca – wie die Mutter sehr wohl weiß. Zwei eifert ihm darin stark nach und verbringt viel Zeit mit dem ältesten Bruder, erst recht, seit der zweitälteste, der Sohn Cox mit Mosquito liiert ist. Die Mutter ist froh, dass sich die Kinder so gut verstehen, ein warmes Lächeln huscht über ihre Züge, bevor sie sich wieder auf ihre Aufgabe konzentriert.
Sieben gibt den Auftrag des Senats weiter. Alle außer einem Untergrund-Server (der im Notfall als einziger geopfert wird) sollen unbenutzt-, nur die Fremd-Server sollen im Einsatz bleiben. Ohne Wissen der Nullen nutzen die 99,9 % sämtliche Server der Zero-kontrollierten Institutionen ORF, der privaten Tierkliniken, der Wetterstationen, der Filmindustrie und der privaten Zero-Domizile. Die Hacker der 99,9 %, also die „Computer-Freaks“ haben kein Problem damit.
Punkt zwei von Siebens Bericht versetzt die gewählten SenatorInnen in helle Aufregung. Es herrscht Einigkeit, dass man mit der Nachrichten-Weitergabe nicht solange warten sollte, bis ein neuer Server in Anspruch genommen werden kann. Punkt 2 hat ab sofort Vorrang.
Der Senator „Schöberl“ verlässt kurzfristig den Raum, um per „Piepser“ den Auftrag an die – durch die ganze Stadt „herumgeisternden“ Computer-Freaks abzugeben. Man brauche sofort einen geeigneten Server, um eine Nachricht zu versenden. Nach seiner Rückkehr erwartet ihn schon die Antwort auf seinem Roll-Top. Für Sieben bedeutet dies, dass sie für ihre nachfolgende E-Mail einen Wechsel der Lokalität in Kauf nehmen muss. Niemals wird zweimal hintereinander vom selben Raum am selben Tag über das Internet kommuniziert. Der Senator gibt den Roll-Top mit der Nachricht an Sieben weiter. Es ist üblich bei den 99,9 %, dass wichtige Nachrichten immer vom Informanten selbst beziehungsweise von der Informantin weiter gegeben werden. Die Empfänger erkennen einander am Identifikationscode (ID) oder im Falle der Satellitenübertragung am persönlichen Kennzeichen und können sich ein Bild über die Seriosität des Gegenüber machen. Die Sitzung wird mit dem Auftrag an Sieben beendet, sie solle neben ihrer Info auch die dazugehörende Abstimmungsfrage übermitteln, deren Beantwortung in einer Woche erwartet wird, um die selbe Zeit, zu der die heutige Nachricht empfangen wird. Auf diese Weise erspart man sich die Angabe beziehungsweise die Berechnung von unterschiedlichen Zeitzonen. So wissen alle selbst, wann es soweit ist.
Sieben eilt durch den Speisesaal und weiter durch den unterirdischen Gang und durch verschiedene Kellerräume bis zum Souterrain eines nahe gelegenen Jahrhundertwende-Hauses. Den stoffig-weichen, zu einer Röhre eingerollten Roll-Top hat sie sich unter das Hemd gesteckt. Es hat selbsthaftende Partikel eingebaut, sodass es im Falle des Kampfes nicht zu Boden fallen könnte. Außerdem würde es sich beim ersten Schlag selbsttätig entrollen und die Außenseite würde sich automatisch verhärten. KämpferInnen hätten auf diese Weise zusätzlich ein Schutzschild. Dasselbe gilt für die „Computer-Freaks“, falls sie nicht lieber mit ihren umgehängten „Festcomputern“ durch die Gegend laufen.
Sieben nutzt ihre Taschenlampe und kommt ohne Schramme im Keller des Altbaus an. Aus dem Souterrain kann sie entweder funken oder ins Internet gehen. Es haben unlängst „Gründler“ (ihre Untergrundleute) hier einen Anschluss für das Internet installiert. Sieben will heute lieber nicht über den Satelliten funken. Sie hat doch schon beschlossen, das Netz zu nutzen. Sie entrollt den Roll-Top, der in der Finsternis bläuliches Licht verströmt und die Tastatur lesbar macht.
Sieben blickt nervös auf ihre alte billige 'Hofer'-Uhr, bittet die Frau, von der die Uhr in Bangladesh erzeugt worden ist, im Geiste um Verzeihung. Sie ahnt, dass diese Frau (falls sie noch am Leben ist) der gemeinsamen Bewegung angehört und genauso wie die anderen 99,9 % die Brisanz der folgenden Nachricht erkennen wird. Es ist soweit. Sieben tippt die Url des „Unternehmers ein, dessen Firmen-Server ohne dessen Wissen von den 99,9 % gerade benutzt wird, gibt nach dem Slash das Service ein und setzt ihre Nachricht ab:
“Wien: Hochzeit im Mun-Dong-Clan. Schönbrunner Schloss. Mittwoch. 15. August 2027 (christlicher Feiertag: Maria Himmelfahrt, islamischer Feiertag: Mawlid an-Nabi). Sonntag. Trauung in der Schlosskapelle. 12 Uhr Mittags.
Weltgemeinschaft-Abstimmungsfrage: Zugriff?
Antwort in genau einer Woche erbeten - unter dem Code Polyneikes mit Ja oder Nein erbeten.“
Dem Polyneikes wurde sein Recht verwehrt, sich die Herrschaft in Theben mit seinem Bruder Eteokles in Theben zu teilen. „Doch möge das Ende der Beiden uns erspart bleiben“, betet Sieben (nachzulesen bei Herodot: Historien. 4. 147).
Anschließend sendet Sieben die verschlüsselte und signierte E-Mail ab. Sie atmet nach getaner Arbeit erleichtert auf. Diese Aufgabe ist ohne Zwischenfall erledigt worden. Keine Ahnung warum, aber eine Last fällt von ihren Schultern. Jetzt erst wird sie sich der Bedeutung dieser Information bewusst. Und mit Wucht senkt sich wieder die Last auf ihre Schultern. Die Hochzeit in Schönbrunn bedeutet, dass sie und ihre Leute für alles Weitere verantwortlich sein werden. Sie muss sich zurückziehen und in Ruhe nachdenken. Grübelnd macht sie sich auf den Weg. Ginas Problem steht auch an. Eins nach dem anderen, beschließt sie. Sieben arbeitet gerne systematisch an Sachlösungen. Das ist ein „Handwerk“, das sie erlernt hat...
Kurz denkt sie noch an den „klugen Kopf“ dort irgendwo bei den Zeros und hofft, dass er die Nachricht nicht aufgefangen hat, beziehungsweise, wenn doch, dass er sie nicht entschlüsseln konnte.
Das hat er wohl, und das konnte er doch. Aber Sieben kann fast beruhigt sein, denn der Mann schwört gerade freiwillig alle heiligen Eide „Peter Beneksenior
