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Wohin führen all die (realen) Krisen diese Welt? Das Buch eröffnet ein unschönes Szenario, aber nichtsdestotrotz ein realistisches. Immer dabei: Liebe und Tod, Abenteuer, ganz neue Art von KämpferInnen und Technologien, eine Neuordnung der Gemeinschaft in der Unterwelt von Wien.
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Seitenzahl: 384
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Inhaltsverzeichnis
Langfristig 1%
2027. Sieben und was bisher geschah
Eine von 99,9 %
Er
eh noch gut
tausend Tode
Tarnung
Freiheit für wen?
Occupy – die 99 %
Gottesanbeterin
Familie
Jackpot
ausspioniert und unterwandert
Toni
Das Große Sterben
hinterhältig
Tag der Wahrheit - 2020
Zuhause
Es wird Zeit
Anmerkungen
Hinweis:
Über alle im Buch vorkommenden historischen Personen, Ereignisse, Statistiken und Fakten gibt das Internet reichlich Auskunft. Alle anderen Personen und Situationen sind frei erfunden. In diesen Fällen sind Ähnlichkeiten mit Lebenden und Verstorbenen sowie mit realen Ereignissen reiner Zufall.
1953, 7. Januar. Washington, D. C., Oval Office. Präsident Dwight D. Eisenhower initiierte auf Betreiben seiner Geschäftsleute-Regierung eine wirtschaftspolitische Arbeitsgruppe. Treibende Kraft : der General-Motors-Chief Charles E. Wilson. Das Ziel war die Adaptierung F. D. Roosevelts „New Deal“ (in Englisch bedeutet das „die Neuverteilung der Karten“). Die Karten sollten jetzt wieder neu verteilt werden – diesmal zugunsten der Investoren und Wirtschaftstreibenden. So war es vor dem New Deal gewesen und so sollte es wieder sein, eben „normale“ Zustände mit Reichtum für die 10 % der sogenannten „Oberen Zehntausend“. Die hohe Politik koalierte wie selbstverständlich mit den Reichsten der Reichen – eine „unselige“ Koalition? Unselig für wen? Beide beteiligte Seiten würden davon profitieren, die einen mehr, die anderen weniger.
Man kam überein, dass baldmöglichst ein Treffen stattfinden sollte, an dem die mächtigsten Clans die Zukunft der Welt beschließen würden.Heute schon bestätigten alle Versammelten im Oval Office, dass Wilson recht habe: Roosevelts Wirtschafts- und Sozialreformen hätten lange genug gewirkt.“It's nothing for the long run?“, wie ein anwesender Oligarch lapidar bemerkte und mit wegwerfender Handbewegung schon mal hinter sich ließ. Langfristig könnte das so nicht bleiben, damit wäre man nicht einverstanden. Das wäre schon genug Wohlstand für die ArbeitnehmerInnen gewesen. Die US-Wirtschaft wäre gestärkt worden, die Geldpolitik reformiert und die Finanzmärkte reguliert. So weit, so gut. Die Wirtschaftsleute, die wahren Herrscher der USA beanspruchten den Profit wieder allein für sich, die Oligarchie (Oligarchie ist die Herrschaft der wenigen), ohne ihre Forderung begründen zu können. Aber das mussten sie auch nicht. Sie hatten die Macht, das Ruder zu ihren Gunsten herumzureißen, also nahmen sie ihr „Recht“ in Anspruch. Offiziell wurde Roosevelts Politik ohne besondere Erklärungen für beendet erklärt. Der Reichtum sollte nicht zersplittert werden. Den musste man zusammenhalten. Oder treffender formuliert: man wollte ihn zusammenhalten. Und man konnte ihn zusammenhalten.
Inoffiziell hatten nur wenige Personen eine Ahnung von den Gründen für die Beendigung des New Deal. Öffentliche Diskussionen wurden unterdrückt. Die Besitzenden, die mächtigen Familienclans hatten Roosevelts sozial angehauchte Politik eine weile zugelassen, denn damit hatte man gleich „viele Fliegen mit einer Klatsche erledigt“. Erstens hatte man Unruhen und Aufstände während der Krise vermeiden können, weil man die Unzufriedenen durch die Ermöglichung des Massenkonsums ruhig gestellt hatte. Zweitens hatte man durch die Massenproduktion und den Massenkonsum das Wachstum der Wirtschaft ermöglicht. Drittens konnte man ganz nebenbei wegen des wachsenden Wohlstands die Gewerkschaften sowie die Kommunisten schwächen (wer brauchte die dann noch?). Viertens hatte der „New Deal“ einen unschätzbaren psychologischen Effekt gehabt: Im Gedächtnis des Volkes würde sein bescheidener Wohlstand für alle Zeiten als Bestätigung dafür verankert bleiben, dass sich Leistung lohne. Nun sollte es aber genug sein. Zukünftige Leistung sollte allein jenen zufallen, die die Produktionshallen bauten und das Produktionsmaterial bereit stellten. Mag ja sein, dass Hallen allein keinen Profit brächten. Mag ja sein, dass erst duch die den Einsatz von Arbeitskräften ein neu erzeugtes Produkt entsteht, das mehr wert wäre als die einzelnen Materialien vorher. Aber die Früchte der Wertschöpfung durfte man doch nicht wie die sprichwörtlichen „Perlen den Säuen“ vorwerfen. Es wurde Zeit, dass wieder unmissverständlich jene zum Zug kamen, welche das Kapital und damit die wahre Macht besaßen. Und weil sie das Sagen tatsächlich hatten, konnten sie diese verdammte Umverteilerei an die Arbeiter beenden. Reziprok hieß das: wer hat, der schafft. Wie sagte schon der alte Kinsey vom Kinsey-Clan zu seinem Stammhalter treffend: „Du kannst kein Geld vermehren, indem Du darauf brütest. Du kannst aber etwas ausbrüten, wie Du andere dazu bringst, den Wert Deines Geldes zu vermehren. Tun sie es nicht freiwillig, gib ihnen Zuckerbrot. Vergiss aber die Peitsche nicht. Mache es wie ein Cowboy, DU treibst die Herde, DU lenkst das Vieh.“
Wass viele Amerikaner und Amerikanerinnen nicht wussten: Es wurden zwei Pläne von zwei verschiedenen Gruppen ausgearbeitet. Die eine war offiziell eingesetzt worden, die andere nicht. Der offizielle Plan wurde regierungsintern diskutiert, der inoffizielle nicht.
Die Hintermänner des zweiten Plans hatten selbstredend nicht vor, außerhalb ihres Kreises - „des Kreises“ - stehende Personen an den Zukunftsplänen mitarbeiten zu lassen, weder die Arbeitnehmer-Vertreter noch die unbedeutenden Farmer und Rancher (deren Land man sich ohnehin nach und nach einverleiben würde). Sollte ihr Strategie-Arbeitskreis verraten werden (die lauschenden Ohren der Dienstboten konnte man nicht vermeiden, wollte man nicht auf die gewohnten Bequemlichkeiten verzichten) und sollte der Plan öffentlich in die Schlagzeilen geraten, so würde man den Gewerkschaftsführer Hoffa & Kumpane, die sich idealerweise unlauterer, ja verbrecherischer, um nicht zu sagen terroristischer Aktionen befleißigten als Sündenböcke hochstilisieren und vom gänzlichen Ausschluss der Arbeitnehmerseite an den Gesprächen ablenken. Das wäre kein Problem, weil man die benötigten Medien (Zeitungen, Fernsehen und Radio) besaß.
Von vorne herein gab es keinen Zweifel am Begehr der Besitzenden und der mit ihnen eng verbündeten, verwandten und verschwägerten Politiker, sich die Macht und den Reichtum zu teilen – diese „US-Player“ würden von nun an auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen sein, sollte die Idee von sogenannten demokratischen Entscheidungsverfahren nicht völlig unkontrolliert aus dem Ruder laufen. „Demokratie“ sollte in Hinkunft vielmehr etwas sein, dass zwar offiziell den WählerInnen die Macht gab, jemanden ihr genehmen zu wählen - so wären die Amerikaner und Amerikanerinnen zufriedengestellt. Jeder gewählte Polit-Newcomer hätte aber inoffiziell gleich nebenan – quasi Tür an Tür - die Interessenvertreter des „Kreises“ sitzen. Diese Leute sollten die Überzeugungsarbeit leisten – und sie würden die nötigen Mittel dafür haben, um die Macht des „Kreises“ zu sichern. Später sollte dies nach Möglichkeit auf allen Kontinenten so sein. Zu diesem Zweck würde man sich insbesondere Europa „warm halten“ - eine Leichtigkeit, weil die Menschen des zerstörten Kontinents für die Wiederaufbauhilfen dankbar sein würden.
Die auf Wunsch der Konzern-Eigner beziehungsweise der Großaktionäre vor der Öffentlichkeit geheim gehaltene erste Zusammenkunft der Clan-Patriarchen fand an einem Samstag Ende Februar zur mitternächtlichen Stunde auf dem Gelände einer abgelegenen Farm statt. Mit dabei waren hochrangige Regierungsvertreter, Mitglieder des Senats und des Repräsentantenhauses. Die Öffentlichkeit würde ihre Namen niemals erfahren. Der Plan wurde einstimmig angenommen. Bei der ersten passenden Gelegenheit sollten die Initiativen sukzessive gesetzt werden.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs (1945) war aus der Sicht aller Clan-Chefs klar, dass der richtige Zeitpunkt gekommen war, um die minutiös ausgetüftelte Strategie für die Errichtung einer neuen Welt-Ordnung festzulegen, welche die Vormachtstellung der USA festigen sollte. Das hieß natürlich nichts anderes, als dass die neuen Spiel-Regeln die wirtschaftliche und politische Macht der Anwesenden garantieren würde. Es musste klug vorgegangen werden, damit das Positive dieser Ordnung hervorgestrichen würde. Aber am besten, man überließ die ersten Schritte den offiziellen US-Regierungsvertretern. Sie würden diplomatisch vorgehen und die breite Masse der europäischen Bevölkerung gewinnen. Nicht, dass diese Leutchen ihre alten Kaiser und Könige hervorholten, oder noch schlimmer, kommunistisch würden! Den guten Onkel würde Amerika spielen, großzügig sein. Damit konnte der „Kreis“ leben, das war OK. Dann wäre das Spiel schon halb gewonnen. Wen man nicht überzeugen musste, dass waren die bedeutenden europäischen Firmen(Besitzer) beziehungsweise Großaktionäre. Sie waren schon vor dem Krieg mit den amerikanischen eng verbunden gewesen, man besaß gegenseitig Aktienpakete – also, auf den Punkt gebracht, bedeutete das: half man ihnen, dann half man sich selbst. Schließlich gehörten ausgewählte Europäer ebenso zum „Kreis“, wie die bedeutendsten Personen anderer Kontinente.
Auf schriftliche Aufzeichnungen verzichteten die Männer des „Kreises“ auch diesmal. Nur der neue Code für das nächste Treffen wurde verteilt. Er befand sich auf Halsketten, die den Kennmarken der Soldaten glichen, nur dass das Material unauffällig edel war. Bei Tagesanbruch hob man die Gläser. Die Karten waren neu verteilt.
Eigentlich war schon Eile geboten, denn die Europäer schlossen ihrerseits Abkommen. Schon verhandelten sie. Doch als sie am 18. April 1951 die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl beschlossen, war Europa schon für die USA gewonnen. Die Europäer waren wirtschaftlich schneller auf die Beine gekommen als gedacht. Aber sie würden den US-Konzernen nicht gefährlich werden.
1957. 25. März. Messina. Sechs europäische Staaten gründeten die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und Euratom, später EG genannt, dem Vorläufer der EU. Gemeinsam wollten die europäischen Staaten eine stärkere Wirtschaftsmacht sein, auch wegen der Stärke der USA. So müssten sie sich nicht alles diktieren lassen.
1969. London. Der 38-jährige Australier Mun-Dong, größter Medienunternehmer des Landes, expandierte nach Europa. Hier stieß er auf (ihm) unerklärlich umfangreiche Regelungen zugunsten der ArbeitnehmerInnen, so ein verdammter Sozialismus, schimpfte er. „Wohlfahrtsstaat“ nannten sich viele reiche Staaten selbstgefällig. Das Lachen würde denen schon noch vergehen. Eigentlich sollten die Mächtigen (für ihn waren das selbstredend die Reichen) klüger sein. Wie lange wollten die europäischen Kollegen denn noch dem Umverteilungstreiben zusehen? Ihm missviel das. Es machte ihm das Leben schwer. Er begann einen zähen Kampf, streckte seine Fühler aus. In der britischen (Geld)Aristokratie wurde er fündig, und zu seiner Genugtuung saßen hier die politischen Macher mit ausgezeichneten Verbindungen nach „Übersee“, zu Leuten, die ihm lieb und teuer waren. Aber diese Europäische Gemeinschaft war ein Ärgernis für Leute, die etwas auf die Beine stellen wollten, fand Mun-Dong. Zu seinem Verdruss kochte die EG ihr eigenes Süppchen, irgendwie entzogen sich zu viele Politiker der wahren Macht. Er verstand das nicht. Wieso gab es hier so viele Widerspenstige? Der „Kontinent“ war eine Nuss, die zu knacken viel Fingerspitzengefühl erforderte, mehr als Mun Dong aufzubringen bereit war. Er setzte lieber auf den Duft seines Geldes. Damit setzte er erstens auf den steten Tropfen, der den Stein höhlt. Zweitens stellte er (Mun Dong) Metternichs Spitzelwesen in den Schatten. Er rieb sich voller Vorfreude die Hände. Jahre später hatte er viele Politiker „überzeugt“, aber längst nicht alle. Diese Europäer waren wegen der vielen Nationalstaaten schwierig steuerbar, mutmaßte er.Oder waren sie nur sturer, als gedacht? Womit könnte er sie ködern? Ihn veranlassten solche Hindernisse zu Tobsuchtsanfällen. Das blieb nicht verborgen. Seine antieuropäische Haltung wurde ruchbar. Er konnte es nicht verhindern, weil die Medien in Europa auf zu viele Hände verteilt waren. Ihm schwammen schon die Felle davon. Viele seiner Polit-Connections verliefen daraufhin im Sande. Vorerst musste er das schlucken. Nun, immerhin ließ er sich nicht gehen, wenn es um die Pflege der Verbindungen zu den Reichsten und Mächtigsten Europas ging. Da riss er sich zusammen. Im Geiste klopfte er sich auf die Schulter. Man ist ohnehin gerne unter sich, nickte er selbstverliebt. Alle diese Leute seines Schlages taten dasselbe wie er, kauften sich gegenseitig überall dort im großen Stil ein, wo gute Profite winkten. Also kannte man sich. Mun Dongs Vision ging aber viel weiter. Ihm schwebte eine Vernetzung der Mächtigen und Reichen unter seiner Führung vor. Daran arbeitete er. Derzeit hatten die Amerikaner die Nase vorn. Noch. Er fände schon Mittel und Wege. An der Schwächung der aufmüpfigen europäischen Politiker arbeitete er unverdrossen weiter, heulte aber diesmal mit den Wölfen. Frontal wie bisher ging nichts weiter, also tarnte er sich vielmehr mit Wohltätigkeitsevents und solch einem Nonsens. Gleichzeitig startete er in seinen Medien eine sukzessiv e Lächerlichmachung der sogenannten „Gutmenschen“.
1971. 15. August. USA. US-Präsident Richard Nixon verkündete das offizielle Ende des „Bretton-Woods-Abkommens“. Von nun an war das Geld nicht mehr durch Gold gedeckt. Jeder Staat konnte Geld drucken, als wäre es Klopapier. Alles sollte mehr und mehr liberalisiert werden. So wären die reichen wirklich frei, zu tun, was sie wollten. Nun ja, angeblich wären alle frei, zu tun, was sie wollten. Aber Scherz beiseite, narürlich kann sich ein Büromensch keine Jacht kaufen oder zwei flotte Flitzer auf einmal. Die braucht er auch nicht. Er hätte doch nie die notwendige Zeit, um die Welt zu umrunden, so wie er gerade. Er musste schließlich seine Firmen rund um die Welt kontrollieren. Ab und zu ein Abstecher in eine Gegend, die ihm Erholung schenkte, musste dabei drinnen sein. Für die anderen, für die Büromenschen und ihresgleichen genügte die Mittagspause zum Regenerieren vollauf, nicht wahr. Mit flottem Tempo schritt er über den Gehsteig der belebten 'Kärntner Straße' in Wien zum Casino. Der Büromensch gehörte ins Büro, nicht wahr! „Ins Büro!“, bekräftigte er seinen Gedanken für sich. Wie hieß das auf wienerisch? Er lernte ja gerne immer wieder etwas dazu: „An die Schreibmaschine!“, befahl er versehentlich laut. In seiner Umgebung lächelte man ihn wohlwollend an, denn die guten Leutchen (die höchstwahrscheinlich ihre Mittagspause gerade genossen) dachten, er treibe sich selbst an, um an seinen Arbeitsplatz zurückzukehren. Seine Züge verdüsterten sich. Er hob sich doch deutlich von der Masse ab, wie er meinte! Ja, das sollte man meinen! Diese Narren! Denen würde er es noch zeigen!
1977. Herbst. Mitternacht. Spezielle Männer und Frauen erhielten spezielle Einladungen per Kurier zugestellt. Auf Goldplättchen erkannten sie den nur ihnen bekannten Code. Weiters folgten die eingestanzten Koordinaten 4°41'S, 55°29'O sowie 15. August. Das Kuvert, in dem sich das jeweilige Goldplättchen befand, war mit den Insignien Mun Dongs versiegelt, einer Lanze, die sich mit einem Schwert kreuzt.
1978. 15. August.Madagaskar. Alle Geladenen folgen dem Ruf. Auf dem Programm stand die Lagebesprechung betreffend der politischen Einflussnahme – insbesondere in Europa. Gleichzeitig saht es Mun Dong angeraten, sich mit „seinem“ Netzwerk (den handverlesenen Reichsten der Welt) wegen der neuen Möglichkeiten auszutauschen, die sich mit dem sogenannten Informationszeitalter eröffnen. Da war einiges drinnen! Gut fürs Geschäft. Gut für Manipulationen! Gut fürs Ausspionieren! Das war endlich ein Bereich, der den Politikern entzogen war, und so sollte es auch bleiben – dafür wollte man sorgen. Und wieder erhielten am Ende der Konferenz die TeilnehmerInnen ein unscheinbares Schmuckstück mit einem eingraviertem Code – diesmal überreicht von Mun-Dong.
1979. London. Im Mai übernahm Margaret Hilda Thatcher, Baroness Thatcher of Kesteven das Amt der Premierministerin des United Kingdom. Ihr Ziel war die wirtschaftliche Deregulierung und Rückzug des Staates. Der Zweck war die totale Liberalisierung des Marktes und dadurch Förderung des Wettbewerbs. Endlich – frohlockte Mun-Dong mit seinen Mitstreitern. Erhofft wurde offiziell das Anlocken von Investoren wie Seinesgleichen, wodurch Arbeitsplätze geschaffen werden sollten. No, das war ihm herzlich egal, war ja nicht sein Problem. Tatsächlich erreichte die Arbeitslosenquote mit drei Millionen (12,5%) im Jahre 1983 einen Spitzenwert (und sollte erst ab Mitte der 1990er Jahre sinken).
1985. New York. Mun Dong hat es geschafft, zum vordersten Kreis des Zirkels der Macht vorzustoßen. Er wurde der größte und erfolgreichste Medienunternehmer der Welt und nebenbei Amerikaner. Sein Konzern-Netz wurde auch in Amerika immer erfolgreicher, was ihm seitens des US-Gesetzgebers leicht gemacht wurde. Nun ja, mittlerweile war er auch mit den EU-Politikern zufriedener, die nicht mehr so verbissen auf „Demokratie“ machten, weil – „Hahaaa, mea culpa“ frohlockt wiederum Mun-Dong - die angeblichen „Sachzwänge“ der globalisierten, undurchschaubaren Wirtschafts- und Finanzärkte berücksichtigt werden mussten. Das würde noch viel dicker kommen, nahm sich Mun-Dong vor. Tatsache ist, dass alle ihm bekannten Konzerne jetzt schon ausgezeichnete Profite machten.
1992. 7.Februar. Maastricht. Die Europäische Gemeinschaft wird gegründet. Es ist dies primär eine Währungs- und Wirtschaftsunion. Solidarität ist darin ein Fremdwort. Mit der europäischen Sozialpolitik ging nicht viel weiter, weil bis 1997 Großbritannien auf der Bremse stand. (Mun-Dong und seine Leute wussten, warum.) Erst am 1. Mai 1999 trat der neue Vertrag (von Amsterdam) in Kraft. Ein Reformvertrag wurde am 13. Dezember 2007 in Lissabon von den mittlerweile 27 Mitgliedern unterzeichnet. Aber nicht die Staaten regierten, die „Sachwänge“ regierten sie, grinste Mun-Dong und hob keck die linke, fein in Form gezupfte Augenbraue.
2013 trat der achtundzwanzigste Staat der EU bei: Kroatien. Von den Küsten konnten sich die Kroaten langsam verabschieden – viele ahnten es und trafen Vorkehrungen gegen den Ausverkauf des Landes. Mun-Dong zuckte mit den Achseln, er saß am längeren Ast. Er konnte ein wenig zuwarten. Bald schon wäre das Land total verarmt - wofür er und die Seinen schon sorgen würden, allein durch das Nichtstun, durch Nicht-Investieren gelänge es. Aber es konnte die Sache beschleunigen und die Leutchen demoralisieren, wenn man einige Politiker schmierte und sie danach auffliegen ließe. Danach wäre die Frucht reif zum Pflücken. Ja, rieb sich Mun-Dong die Hände, es gab schon schöne Küstengegenden, die er im Auge hatte.
2015 wurde das „Büro“ installiert. Es ist dies die Regierung der EU. Sie ist mit Vollmachten ausgestattet, die früher die Kommission nicht hatte. Sie erhielt diese (zugegeben) nicht demokratisch zustande gekommenen Rechte, um rasch auf Probleme reagieren zu können. „Flexibilität“ wurde als das Allheilmittel gepriesen, in der Regierung, am Arbeitsmarkt, wo immer man hinblickte, der Mensch musste sich anpassen, sich nach der Decke strecken oder untergehen. In Südchorea, in Japan, in China und anderswo sprangen die verarmten, hungernden, kranken und alten Menschen seit Jahren täglich von den Brücken in den Tod. Waren es früher rund 50 Lebensmüde pro Tag gewesen, so zählte sie heute niemand mehr. Niemand schien sich an die Zeiten erinnern zu können, als Menschen ihre Gesellschaften, die Ordnung, die Regeln, nach denen sie leben wollten, selbst schufen.
2016. Dem Büro wird eine Armee an die Seite gestellt.
2020. Der Boden unter Ginas Füßen bebt, sie lässt die Milchpackung erschrocken fallen, streckt – als hätte sie es eingeübt - balancierend beide Arme aus, die Beine leicht gegrätscht, geht sie etwas in die Knie, um den Schwerpunkt in die Nähe des Bodens zu bringen. Ihr Sohn, der am Tisch sitzt, spring mit einem Afschrei auf „Mama!?“. Gina reagiert instinktiv : „Unter die Tür!“, übertönt sie den Lärm, dessen Quelle ihr unbekannt ist, was vor allem sie beunruhigt, denn sie kann ihn nicht mit dem vereinbaren, was sie von Erdbeben weiß. Silvio rührt sich nicht. „Sofort!“, legt die Mutter panisch nach. Sie meinte ja den Türstock mit der „Tür“, aber das Kind hat sie auch so verstanden. Der unbewusste Überlebenswille überwindet seine Lähmung in hundertstel Sekunden, er sprintet die wenigen Meter zur Tür, duckt sich und blickt ängtlich zur Mutter zurück. Das Beben wird von einem unglaublichen Krachen irgendwo links von den Beiden begleitet. Es scheint fast, als wiederholte es sich. Boden und Wände bewegen sich, die Weingläser im Schrank klirren beunruhigend, befremdlich. Die blauen Augen der schwarzhaarigen Frau sind panisch aufgerissen, was soll sie tun, wohin sich wenden? Sie fasst nach dem erstbesten Gegenstand, der ihr stabil erscheint, und das ist die Tür des hohen Kühlschranks, vor dem sie gerade steht. Der unglaubliche Krach von draußen vermittelt ihr die Ahnung, dass sie lieber in der Wohnung bleiben sollten. Andererseits verspürt sie den Drang, nachzusehen, was da vor sich geht. In diesem Wohnhaus kennt sie sich nicht aus. Sie fühlt sich ohnmächtig. Sie muss ihr Kind in Sicherheit bringen, wenn das Beben nicht bald aufhört. Aber wohin? Sie ist sozusagen hier in der Wohnung ihrer Freundin untergeschlüpft, und die ist vorhin zum Einkaufen „runter“ gegangen. Wenigstens werden wir nicht unter Tonnen von Schutt begraben, falls das Haus einstürzt, schießt es Gina wenig hilfreich durch den Kopf. Da wird die Tür aufgerissen. Silvio taumelt gegen Anna, die Freundin seiner Mutter. „Los, los, kommt!“, winkt die atemlos und hektisch, schon am Sprung. „Was ist los?“, wollen ihre Gäste wissen, während sie verstört hinter der zierlichen Frau die Stufen die vier Stockwerke hinunter hasten, Gina noch in den Hauspatschen, Silvio in Flipflops, sodass es bei jedem Schritt laut klatscht. Man hört es deutlich, weil sich das Getöse von vorhin gelegt hat. „Später!“, ruft Anna, ihr blondes Haar ist von Dreck und Staub bedeckt, bemerkt Gina jetzt. Sie verstummt, das ist ja beängstigend! Vor dem Haustor mehrere Häuser links von ihnen, dräut eine dichte Staubwolke Über den Gebäuden und füllt die Straße. Man hört Geschrei und lautes Gebrüll. Seltsam. Leute voller Staub rennen, als ob es um ihr Leben ginge. Aber das ärgste dürfte ja jetzt vorbei sein, Gina denkt an eine Gasexplosion. Sie misstraut dem Gas seit eh un je. In Oberösterreich gibt’s das glücklicherweise nicht, wie sie schon etliche Male ihrer Freundin gegenüber erwähnt hat, damit diese das Gas abdrehen ließe und sich einen Elektroherd anschaffe. „Aber nein...!“, lamentiert sie im Stillen vor sich hin, während sie . die Straße überqueren, in die Querstraße hinein, weiterlaufen nach links, und weiter – Gina kennt sich nicht aus hier, merkt sich den Weg nicht, den sie genommen haben. Sie hat ja Anna zum Zurückfinden. Gina und Silvio holen auf und laufen jetzt neben Anna die Abfahrt der Parkgarage hinunter. „Jetzt wart' doch mal!, keucht Gina. Mit dem Sport hat sie es nicht so. Anna bremst sich ein. „Ihr werdet es nicht glauben.“, sie klingt, als könnte sie es selbst nicht fassen „man bombardiert uns, vom Billa aus hab ich es deutlich gesehen, „Militärfahrzeuge, grüne Busse und Panzer, schwarz gekleidete Soldaten, keine Ahnung, was das soll, aber die haben die Gebäude beschossen, stellt Euch das vor. Leute verhaftet.“, ihr abgehacktes Gestammel ist fast schon eine Frage, eine Bitte vielleicht, man möge ihr widersprechen, oder es möge ein Wunder geschehen und das alles nur ein Albtraum, es darf einfach nicht real sein.
Gina ist ganz weiß im Gesicht. „Jetzt holen sie sich die letzten Kinder auch noch, das tun sie, genau das!“, stellt sie erschüttert fest. Aus ihrem Wohnort ist sie mit dem Kind geflüchtet, damit man ihr den Sohn nicht wegnehmen könnte, ist nach Wien zur Freundin, sozusagen so weit weg wie möglich. Da würde sie niemand vermuten. Ihr Handy verwendet sie nicht mehr, hat es ausgeschaltet, damit man ihr nicht auf die Spur käme. Dabei juckt es sie so sehr, mal ihre Nachbarn anzurufen. Aber jetzt? „Wo sind wir gelandet? Was sind das für Zustände?“fragt sich die Verzweifelte. Zuerst behaupten sie (die da oben), die Kinder müssten vom Staat versorgt werden, weil angeblich viele Eltern nicht in der Lage wären, sie mit Nahrung und allem Notwendigen zu versorgen. Dann schießen sie diejenigen aus ihren Häusern, die vielleicht noch Kinder verstecken, mutmaßt sie. Nein, sie ist sich ganz sicher. Auf einmal kann sie laufen wie eine Olympiade. Ohne ein weiteres Wort erreicht das Grüppchen das Tiefgeschoß der Meidlinger Parkgarage. Sie sind nicht die Einzigen da. Und sie werden nicht die Einzigen bleiben.
Wir schreiben das Jahr 2027.
Die Erde befindet sich im siebten Jahr des Guerilla-Krieges. Die Prozentos, die „99,9 %“ kämpfen gegen die Diktatur der Nullen, jenen 0,1 Prozent der Besitzenden, die sich „Zeros“ nennen und – nomen est omen – von den Prozentos „Nullen“ genannt werden.
Die Menschheit hätte es kommen sehen müssen, wäre sie nicht mit Blindheit geschlagen: eine Krise löste die andere ab, ein Skandal jagte den anderen. Finanzskandale, Lobbying-Skandale, Umwelt-Skandale, Datenmissbrauch-Skandale, Korruptionsskandale, Chemie- und Pharma-Skandale schwappten über die Welt, stürzten sie ins Chaos. Wer trägt die Schuld daran? Niemand will es gewesen sein.
Heute rätselt niemand mehr: verantwortlich für den Zerfall der bekannten Welt ist Gier, die Geld- und die Machtgier der korrupten Politkaste in enger Verquickung mit der Habgier der schrankenlos agierenden „Finanzmärkte“, die – beharrlich solcherart in den Medien anonymisiert – als unlenkbar dargestellt wurden. Die Kapital-Clique besaß längst die Medien - das Instrument der Manipulation, das sie allmählich als eines zur Abstumpfung der Massen missbrauchte. Die Politkaste war danach aus der Verantwortung genommen. Geld und Macht waren endlich frei.
Politisch verantwortlich für das Ende der 'Europäischen Union' als dem Friedensprojekt zeichnet ihre eigene Regierung, die sich korrumpieren und austricksen ließ.
Konkreter Schauplatz des Geschehens: Europa. Wien.
2027. Montag, der 7. Juni.
Die Wiener Untergrundkämpferin „Sieben“ sieht nicht wie der Sieben-Punkt-Marienkäfer (coccinella septempunctata) aus, der ihr Namensgeber nach dem Großen Tiersterben im Chemie- und Pharmaskandal 2015/2016 war. Weder ist sie rot noch schwarz gepunktet, schmunzelt sie. Nun gut, ihre Gesichtsform kann als rund bis oval bezeichnet werden und gleicht somit der Form des kleinen roten Käfers. Ach ja, klein gewachsen ist Sieben auch – also verbindet die beiden doch mehr als zunächst gedacht. Aber Siebens Äußeres ist absichtlich unauffällig, das Haar weiß gefärbt (manche sagen platinblond dazu und kritisieren Sieben, diese Farbe sei nicht ihrem Alter angemessen). Aber Sieben will es aus Solidarität mit ihren kämpfenden KameradInnen so haben. Die meisten UntergrundkämpferInnen sind mindestens vierzig bis fünfig Jahre alt und selten ergraut - das schon. Aber noch viel mehr überschreiten dieses Alterslimit und sind grauhaarig. Ihr Haar gab der kämpfenden Truppe den Namen „SilberlöwInnen“. Sieben findet das Aussehen gar nicht so wichtig. Ihr Haar wird ohnehin von einer tarnenden Kapuze bedeckt. Aus dem schlammbedeckten Antlitz blitzen nur dann die grünen Augen, wenn unerwartete Ereignisse die Wächterin dazu bringen, ihre Augen aufzureißen. Nun aber sind ihre Lider halb gesenkt. Auch so überblickt die Kriegerin von ihrem Standort im vierten Stock des halb zerstörten Gebäudes (eigentlich befindet sie sich in ihrer früheren Wohnung) bis zum 'Meidlinger Berg' hinauf die verwüstete Stadt.
In den letzten Stunden sah die Späherin, Wächterin, Kämpferin keine Menschenseele auf den Straßen. Natürlich würde niemand einfach so „mir nichts, dir nichts“ durch die Gegend spazieren, nicht in Zeiten wie diesen. Falls doch irgendwo ein Mensch unterwegs sein sollte, dann bleibt er für Sieben unsichtbar.
Schwierig ist es nicht, in Deckung zu bleiben, denn auf den Straßen türmt sich meterhoch der Schutt. Nur schmale Fahrrinnen sind freigeräumt - wie zum Hohn für die dahinrostenden „Karren“ am Straßenrand. Die ehemalige Autofahrerin Sieben weint den Autos keine Träne nach - nun ja, vielleicht doch eine klitzekleine. Trotzdem relativiert sie: Wenn es nur das wäre, was man betrauern müsste, sie könnte es verwinden. Nein. Der Verlust des bescheidenen Wohlstands der meisten Europäer und Europäerinnen ist nicht das Problem. Was sich Sieben zurückwünscht, das ist das einst so friedliche Leben der Wiener und Wienerinnen, der Meidlinger BewohnerInnen und der Hietzinger Bevölkerung. Die Toten waren zu beneiden, lamentiert so mancher Überlebende von heute. Sieben weigert sich, so zu denken.
Abgesehen davon – wer weiß wer tot und wer in Gefangenschaft lebt? So viele wissen nicht, wo ihre Angehörigen abgeblieben sind. Zu den Bedauernswerten rechnet Sieben die Familien von unzähligen Gästen hinzu, welche die Stadt Wien damals, in jenem unsäglichen Jahr, mit ihrer Anwesenheit beehrt und ihre Reiselust vielleicht mit dem Leben bezahlt haben.
Mit schwerem Geschütz waren die Zeros ungeniert unmaskiert mancherorts aufgefahren. Den zivilen Ungehorsam würde man im Keim ersticken, so wurde es aus Lautsprechern verkündet. „Welchen Ungehorsam?“, fragten sich viele. Die WienerInnen wussten nur von sporadischen, harmlosen Protestaktionen am Stephansplatz, am Schwarzenbergplatz und zuletzt auch vor dem Schloss Schönbrunn. Was war denn los? Meinte man die „Occupy“-Bewegung? Die „Femen“-Protestantinnen? Die TierschützerInnen-Proteste? Das konne doch nicht real sein?! Hatte man etwas „verschwitzt“? Nun, viel Zeit zum Rätselraten blieb den WienerInnen nicht. Den Protestierenden begegneten diese angeblich offiziellen Kräfte zunächst mit Wasserwerfern und Tränengas, Tage später fielen die ersten Schüsse. Maskierte Banden Schossen in manchen Städten minutenlang um sich, verbreiteten Panik und rasten auf Motorrädern davon. So ähnlich waren noch 2015 die Terrorregime in einigen afrikanischen Staaten vorgegangen. Raubmorde blieben ungeklärt, weil niemand kam, um die Spuren zu sichern. Unerklärliche Dinge geschahen. Wer war dieser Feind? Und dann:
Kanonendonner gegen Zivilisten! Das empörte. Das verunsicherte. Das brachte Chaos unter die Menschen. Wie aufgeschreckte Hühner liefen sie herum, wussten nicht, was tun. Manche versuchten, die Polizei zu erreichen oder die Ministerien, die Fernseh- und Radiosender, doch es war kein Durchkommen. „Kein Anschluss unter dieser Nummer“, war alles, was die AnruferInnen zu hören bekamen. Die Türen der Polizeidienststellen waren versperrt. Niemand konnte sich erinnern, je so etwas in dieser Stadt erlebt zu haben. Nun ja, die Belesenen wussten es besser: Blut war einst hier geflossen 1934 im Goethehof und im Karl-Marx-Hof. Das schon. Das war lange her, fast schon vergessen.
Nun aber erlebte man eine nie gekannte Grausamkeit in Wien und in anderen Städten Europas, aber erst viel später erfuhren die geschockten Menschen, dass Städte auf der ganzen Welt betroffen waren. Die Mutigen und die Verzweifelten gingen entgegen den Befehlen aus den Lautsprechern erst recht auf die Plätze und Straßen, um gegen dieses unzivilisierte Vorgehen gegen die eigene Bevölkerung zu protestieren. Dieses Recht hatte jeder Mensch in Europa. So dachte man. Die Zugriffe auf die Protestierenden erfolgten mit unglaulicher Brutalität. Die Proteste wären nicht angemeldet und daher gesetzeswidrig, hieß es. Von den Gürteln der Zero-Söldner hingen bald täglich frische Schnüre mit den abgeschnittenen Ohren von protestierenden AktionistInnen, darunter auch solche von Jugendlichen und Kindern. Der Kommandant des EU-Heeres Mun-Dog zahlte aus seiner Privatschatulle Prämien dafür – aber auch das erfuhren die Menschen viel später.
Im folgenden Winter ließ der Grausame Bomben regnen, ließ ein Gebäude nach dem anderen beschießen, um die BewohnerInnen auf die Straßen zu treiben. Dort warteten schon die Lastkraftwägen, um die „Prozentos“ in die Sammelstellen für die Arbeitslager abtzuransportieren. Mun-Dog ließ verlauten, dass ihn die Unbelehrbaren selbst zu diesem Schritt gezwungen hätten, weil sie die friedlichen Aufrufe beständig ignorierten, sich für den Einsatz in den gemeinnützigen Arbeitsstätten freiwillig zu melden.
Seit diesen Tagen ist Wien ähnlich leer wie andere Städte der Welt. Und der Liebreiz der Stadt ist dahin. In jeder Hinsicht deprimiert Sieben der Zustand „ihres Grätzels“ (was auf wienerisch einen Teil des Wohnbezirks bezeichnet), aber auch des Nachbarbezirks. Das ist ein Gebiet, über das sie derzeit als „Obererste Leiterin“ die Befehlsgewalt innehat. Der Anblick ist trostlos. Die Kämpferin blinzelt die aufsteigenden Tränen fort. Sie darf sich nicht gehen lassen. Sie braucht den klaren Blick.
Nicht anders sieht es östlich von Siebens derzeitiger Position aus, in der Richtung zum 'Gürtel', dort wo sich einst der pulsierende fünfte Wiener Bezirk 'Margareten' befand. Dasselbe erwartet einen westlich, rund um das Schloss 'Schönbrunn'. In Siebens Rücken, auf der anderen Seite des Wien-Flusses, ist es nicht viel anders. Überall in Wien und in anderen Städten der Welt würde man als 99,9%-Mitglied an diesem Tag des Jahres 2027 dasselbe sehen, zumindest überall dort, wo einem nicht Barrieren den Blick verstellen, oder sollte man vielmehr sagen, wo einem nicht hohe Zero-Mauern den Zutritt verwehren?
In diesen sorgsam und kunstvoll ummauerten, total abgeschotteten und luxuriös ausgestatteten Zero-Arealen verschanzen sich jene 0,1% der Weltbevölkerung, welche von sich behaupten, mega-reich und die Besitzer fast der ganzen Welt zu sein. Es wird gemunkelt, dass viele von ihnen dem „Kreis“ angehören, dessen Existenz durchgesickert ist. Wer genau dazugehört, wo die Treffen stattfinden, worüber im Einzelnen beraten wird, das wird streng geheim gehalten. Dem Rest der Menschheit ist mittlerweile ohnehin klar, was sie wollen: sie begehren nichts weniger als die ganze Welt und ungestörte Herrschaft über sie. Abgesehen von wenigen Ausnahmen, agierten die Reichen jahrzehntelang inkognito – oder wie die 99,9% sagen: feig aus dem Hinterhalt.
2012 waren in Europa 1 % der Bevölkerung super-reich, in Österreich ein Zehntel. Ähnlich verhielt es sich in den USA und in Asien oder in Australien und in Lateinamerika. Dann verhalfen die Umwälzungen einigen wenigen des „Kreises“, die schwächeren unter ihnen zu „schlucken“.
2020 war ihr Jahr. Es war ihnen endgültig gelungen, die Führungsgremien der 'Europäischen Union' zu unterminieren. Damit hatten sie das letzte große demokratische Bollwerk zerstört – das offizielle Europa, welches allein noch in der Lage gewesen wäre, ihrer ungezügelten Macht Steine in den Weg zu legen. Die Erreichung des Zero-Ziels „totale Herrschaft über die Erde“ schien in greifbare Nähe gerückt, denn die Politik und damit die Gesetze waren auf ihrer Seite. Fast hätten die Mega-Reichen mit ihrer Überrumpelungstaktik auch auf ziviler Ebene Erfolg gehabt. Aber nur fast. Die „99,9%“ leisten ihnen ungebrochen Widerstand – trotz der unglaublich blutigen Gemetzel, die sich die Nullen (buchstäblich) geleistet haben, ohne sich selber die Finger schmutzig zu machen. Dennoch: die Zeros haben es sich 2020 wohl leichter vorgestellt, die 99,9 % unter ihre Kontrolle zu bringen, höhnt Sieben. Die totale Kontrolle hätte die totale Macht bedeutet und zwar eine langfristig gesicherte Macht.
„So schwach und zahnlos wie sie dachten, sind wir nicht“, grinst die altgediente Kriegerin kampflustig. „Buchstäblich nicht ganz zahnlos“, grinst sie hämisch. Nie wird sie den verfluchten mediengeilen Zero Rodney (jüngster Spross des amerikanischen Kensey-Clans) vergessen, der im selben Jahr, als sich der Widerstand der 99,9% zu formieren begann, zwei Kleinkinder „mitzunehmen“ versuchte, nachdem er deren Mutter vor den Augen der Kleinen abgeknallt hatte. Mit der Waffe fuchtelnd, kreischte er, es sei sein Recht, die „kleinen Kröten“ zu Geld zu machen. Die Pistole in der einen Hand, packte er mit der freien Faust das feine Blondhaar und riss sinnlos daran, bis die Köpfchen aneinanderschlugen. Die Eltern der Beiden würden ihm Geld schulden, also werde er sich sein Recht nehmen, spie und spuckte der Mann rechthaberisch, steigerte sich in eine Raserei hinein, deren Grundlage wohl sein Größenwahn gepaart mit Selbstgerechtigkeit war. Schließlich war der „Kinder-Pfand“ Dank Mun-Dog seit ungefähr 2016 üblich in solchen Fällen, wo es sonst nichts zu holen gibt.
Ja, grinste der Zero zufrieden, Mun-Dog hat einiges „auf dem Kasten“ - wer wüsste das besser als er, der er seit dem Tode seines Vaters (genannt „Cowboy II.“) ein Mitglied des geheimen Zirkels ist. Den „Kreis“ hatten seit 1954 sein Großvater („Cowboy I.“) und danach Vater geleitet – sehr zum Nutzen der oberen Kreise - ohne die Schläue seines Vaters hätte Rodney heute nicht überall auf der Welt Besitztümer.
Heute ist der umtriebige Mun-Dog die ideale Besetzung für den Posten, da ist sich Rodney sicher. Dessen kultivierte Niedertracht ist legendär. Nun, was der kann, dass kann ein Kensey schon viel länger. Nur blöd, dass er fast sein ganzes Bar-Vermögen letzte Woche beim Pokern verloren hat. Er kann nicht einmal mehr seine Handlanger bezahlen. OK, Cowboy III., selbst ist der Mann. Es ist Zeit, die Außenstände einzutreiben, nicht wahr. Nur mit Härte und Rücksichtslosigkeit kommt man weiter. Das war schon seines Vaters Leitspruch. Keine Schonung. Das lästige Dreckstück vorhin wagte es, an seine Güte zu appellieren. Sie hätte das Geld für eine Operation benötigt. Frechheit. Kann er sich etwa operieren lassen, wenn er sich den Eingriff nicht leisten kann!? Außerdem sagte schon sein Vater: „Reichst Du denen den kleinen Finger, wollen sie gleich die ganze Hand.“ Nein, er kennt keine Gnade, schon gar nicht gegenüber dem armseligen Pack da – alles Abschaum. Wer sein Geld wolle, der müsse es sich vorher überlegen, ob er sich die Zinsen leisten könne. Schließlich kann sich jeder Prozento selbst erkundigen, wie die Raten gerade stehen. Er, Rodney, zwingt wirklich niemanden zur Kreditaufnahme, steigert er sich in Rage. Er schleift also in seinem Zorn diese Kröten wie leblose Säcke hinter sich her. Der Mann blickt auf die schmerzverzerrten Gesichtchen in der Erwartung von Geplärre. „Maul halten!“, war sein letzter blasierter Befehl, und den blaffte er heraus, obwohl ihn die Kleinen mit stummem Entsetzen anstarrten. Man musste kein Hellseher sein, um erkennen zu können, dass sie unter Schock standen.
Zu diesem Zeitpunkt war die Gasse wie leer gefegt. Die Anrainer hatten sich längst in Sicherheit gebracht. Eigentlich war es ursprünglich auch Siebens Absicht, die Situation nur zu beobachten – aus sicherem Abstand. Sie erlebte aber das Flehen der Mutter und die kalte Brutalität des Zero so hautnah mit, dass es ihr schien, es geschehe ihr selbst. Noch dazu kannte sie die Familie oberflächlich. Plötzlich wurde es ihr unerträglich. Den Tod der Mutter konnte sie nicht mehr rückgängig machen, aber das schlimme Schicksal der dreijährigen Zwillinge musste sie um jeden Preis verhindern. Sie verließ ihr Versteck am Balkon im ersten Stock wie in Trance und sprang den Unmenschen an wie ein Tier seine Beute anspringt.
Siebens einzige Waffe waren zu diesem Zeitpunkt ihre Zähne, von denen ihr mindestens zwei fehlten. Den viel größeren Mann fiel sie an wie eine Löwin ihre Beute anfällt und tötete ihn auf die gleiche Weise, wie es eine Raubkatze tun würde. Ihr Hunger war jedoch ein anderer. Hasserfüllt schlug sie ihre Zähne tief in die Haut des Monsters, der er aus ihrer Sicht war, riss an diesem ekligen Fleisch.
Sieben ist sich heute sicher, sie muss dem Zero die Halsschlagader durchgebissen haben, und das ganz ohne Reißzähne. Noch heute graust es ihr bei der Erinnerung an den metallischen Geschmack des Zero-Blutes in ihrem Mund. Sie unterdrückt den Drang, zu erbrechen, der ihr jedes Mal kommt, wenn sie an diesen ihren ersten grauslichen Tötungsakt denkt. Dabei war der Tod ihres Opfers reiner Zufall, denn Sieben kannte sich in der menschlichen Anatomie nur rudimentär aus. Während sie ihre Zähne mit Verzweiflung in diesen parfumierten Hals grub, leerte der Mann das Magazin seiner Faustfeuerwaffe und verletzte Sieben am Arm. Den Durchschuss nahm sie zuerst gar nicht wahr. Erst, als sie ihr blutbesudeltes Gesicht mit ihrem Ärmel abwischte, da erst registrierte sie, dass der Stoff von ihrem eigenen Blut rot war. Was macht das schon!
Die Kinder konnte sie ihrem Vater übergeben. Noch wichtiger erscheint es Sieben, dass die Geschwister mittlerweile ihr Trauma verarbeitet haben dürften. Sieben ist das nicht gelungen, seufzt sie, obwohl sie eigentlich keinen Laut von sich geben sollte, denn schließlich war sie auf Wache. Also ermahnt sie sich, vorsichtiger zu sein und spinnt ihren Gedanken weiter.
Ihr damaliger Blutrausch belastet ihr Gewissen. Heute noch hat sie Albträume – da können ihre MitkämpferInnen noch so viele Argumente liefern, die den Tod des Zero rechtfertigen. Leben zu nehmen ist aus der Sicht von Sieben nicht richtig. Nicht, wenn es ebensogut möglich wäre, den Gegner oder die Gegnerin bloß kampfunfähig zu machen.
Bedauerlicherweise befinden sich die 99,9% im Krieg, da ist das Töten das Gebot der Stunde, behaupten Siebens MitstreiterInnen unisono. In den ersten zwei Monaten des Zero-Prozento-Krieges ging Sieben durch eine harte Schule. Sie, die sie „nah am Wasser gebaut“ ist und den Schmerz eines anderen Wesens körperlich fühlt, sie musste plötzlich anderen Schmerzen zufügen, um zu überleben. Also beschloss sie, sie würde töten, wenn es sich nicht vermeiden ließe. Mittlerweile lässt es sich aus ihrer Sicht nicht vermeiden, sobald die Bosheit und die Niedertracht in der Gestalt eines Zero vor Siebens Gewehrlauf auftaucht. Die letzten Jahre haben die kleingewachsene, zierliche Person hart gemacht, hart gegenüber dem Todfeind. Zwar versuchten alle, ein „normales“ Leben zu führen. Die Menschen hatten möglichst geregelte Tagesabläufe, betrieben Kochdienste, Wäschereien, gaben Unterricht, verbanden und trennten sich, bekamen Kinder. Aber vor einigen Wochen fiel es Sieben wie Schuppen von den Augen. Die „Befragung“ eines gefangenen Söldners eröffnete sie mit der filmreifen Ankündigung: „Leider muss ich Dir jetzt sehr weh tun.“ Nur, dass es ihr nicht leid tat. In diesem Moment packte sie das Entsetzen wegen ihrer Abgestumpftheit. Sie schwor sich, der „alten“ Sieben eine Chance zu geben. Wenn sich jedoch ein Söldner oder ein Zero wie der „selige Rodney“ gebärden sollte, würde sie nach wie vor keine Gnade kennen. Keine Frage. Die Schwächeren würde sie unter Einsatz ihres eigenen und Lebens schützen und das Leben des Angreifers nicht schonen.
Siebens blutrünstiges Zähnefletschen verwandelt sich abrupt in ein weiches „Strahlegrinsen“, wie „er“ es gerne an ihr sieht, und das nur, weil er ihr unverhofft in den Sinn kommt. Während einer gemeinsamen Spähtour platzte er kurz nach dem Vorfall mit dem totgebissenen Zero damit heraus, er liebe ihre ebenmäßigen, kleinen weißen Zähne. Ihr klappte die Kinnlade herunter. Grauste ihm denn vor gar nichts? Sieben nämlich grauste es so sehr vor ihren eigenen „Mörder“-Zähnen, dass sie sofort nach der Tat von einer Zahnärztin des Untergrunds eine professionelle Zahnreinigung durchführen ließ, in der Hoffnung, sich dann endlich sauber fühlen zu können.
Der zweite Grund für ihr Staunen war, dass sie als langjährige Ehefrau nicht gerade mit Komplimenten überschüttet wurde und daher diese Art der Kommunikation zwischen den Pärchen längst verlernt hatte – naja, und schließlich drittens: Liebe in Zeiten wie diesen?
Sie fragte sich immer öfter, was er mit seinen Freundlichkeiten bezweckte. Monate- ja jahrelang dauerte diese „Zeit der Morgenröte“, analog zur atemberaubenden Schönheit des Naturereignisses gleichen Namens und nicht zuletzt wegen der diffusen Lichtverhältnisse darin, die sich mit der unklaren Lebenssituation von Sieben absolut deckten. Sie beide hatten immerhin Aufgaben fern voneinander zu erfüllen, sodass sie sich in den härtesten, den chaotischsten ersten Jahren des Untergrundkampfes selten sahen.
Nachdem er wissen musste, dass sie verheiratet war, vermutete außerdem Sieben offiziell vor ihren sie ständig mit „ihm“ hänselnden scharfäugigen Freundinnen, dass er bloß freundschaftliche Bande knüpfte und steckte ihn kurzerhand in die Schublade namens „Kameradschaft“.
Allerdings irritierte er sie immer wieder mit Gesten und Aussagen, die nicht in diese „Ordnung der Dinge“ passten. Sieben wollte einfach nicht wahrhaben, was sie in ihrem Innersten längst wusste. Das konnte sie aber nicht vor sich verantworten, auch deswegen nicht, weil er sich ihr nicht direkt offenbarte. Vorsichtig – wie es Siebens Art ist - hielt sie lieber an der Vorstellung fest, er und sie könnten gute Kampfgefährten sein. Solche Leute sind überlebenswichtig. Wie auch immer, sagte sie sich, eines Tages käme schon noch alles ans Licht.
In dieser Phase war es ohnehin nicht so sehr der Inhalt seiner Worte, der ihr den Atem raubte, sondern die Art, wie er sich ihr zuwandte: stets sprach er sie mit einer Stimme an, die einer leisen, leichten Liebkosung glich - ein warmer Atemhauch auf ihrer Haut - wenn sie nur daran denkt, richten sich die Härchen auf ihren Armen auf. Sie kann es nicht verhindern. Seine Wirkung ist belebend und benebelnd zugleich. Ein Schauer jagt ihren Rücken hinab, sammelt sich irgendwo, sie will nicht so genau wissen, wo. Sie fühlt sich seltsam leicht, als hätte sie zuviel Champagner getrunken, der anschließend unkontrolliert durch ihre Adern perlt. Es prickelt, wenn er sich an sie lehnt, wenn er ihr kleine Komplimente zuraunt, ein jedes verblüffend originell, auf sie allein zugeschnitten. Mit den anderen Leuten spricht er auch leise, aber die „Schokoladenstimme“ bewahrt er für sie allein.
Die Morgenröte, von der Sieben spricht, ist eine Zeit der schläfrigen Trägheit, der lustvollen Erwartung. Manches liegt noch im Dunkeln, geheimnisvoll in den letzten Schatten der Nacht.
Nur langsam steigerte er in „ihrer“ ersten Phase die „Dosis“, bis sie sich für ihn als Mann zu interessieren begann. Dabei wusste sie sehr gut, dass sie Verbotenes dachte. Aber sie hatte die Macht über sich verloren. Vor dieser magischen Zeitspanne hätte sich Sieben unter dem Begriff „bezwingende Zärtlichkeit“ absolut nichts vorstellen können. Sie schmolz wie Eis an seinen Lippen. Und sie tut es noch. Verdammt. Sie versenkt frustriert die Zähne in ihrer Unterlippe.
Hm, heute ist es sehr wohl der Inhalt seiner Worte, der sie um den Verstand bringt. Er beherrscht die Kunst, sich präzise genug auszudrücken, um Siebens erotische Fantasien anzufachen. Oh ja. Sieben fühlt, wie Hitze in ihre Wangen steigt. Wie gut, dass niemand sie erröten sieht. Seine Zweideutigkeiten sind gerade eindeutig genug. Aus Siebens Perspektive lässt er keinen Zweifel über seine Wünsche offen. Ihr wird ungemütlich heiß bei dem Gedanken. Wie könnte sie sich ablenken? Besser nicht an ihn denken, ermahnt sie sich.
Um auf die Zähne zurück zu kommen – seine sind einladend weiß, waren es schon vor sieben Jahren. Ihr fällt die Zahnpasta-Werbung von früher ein. Sieben seufzt voller Wehmut, denn diese alten Tage sind 2020 abrupt zu Ende gegangen. Die Untergrundleute führen heute ein vollkommen anderes Leben. „Er“ löst heute Fälle, die früher in die Agenden der Polizei gefallen wären. Sieben kämpft tagein, tagaus für das Überleben der Untergrundbewegung, anfangs ohne konfessionelle Waffen, praktisch nur mit ihrem Mut und Einfallsreichtum. Beide kämpfen sie auf lange Sicht für den Sieg der 99,9 %.
Sieben, die altgediente Guerilla, Silberlöwin, gewählte Anführerin und heute in ihrer Eigenschaft als Späherin und Wächterin im Dienst, hat seit den frühen Morgenstunden keine Verdächtigen Feindbewegungen beobachtet. Daher droht ihrer Gemeinschaft im Moment erfreulicherweise keine unmittelbare Gefahr. Sieben nutzt die Gelegenheit, um weiter in ihrem alten Tagebuch zu schmökern. Es kommt ihr vor, als lese sie in einem Science-Fiction-Roman.
Wie anders doch 2012 aus der Sicht der Tagebuchschreiberin alles gewesen ist, so frei und unbeschwert war sie damals! Und das, obwohl es manchmal schien, als brächen sämtliche Geschwüre der Welt nach der Reihe auf. Aus heutiger Sicht war es ein „Tanz auf dem Vulkan“. Die TänzerInnen spürten die Hitze, rochen den Schwefel, sahen den Rauch, verbrannten sich mitunter an der Lava. Trotzdem schien es, als erschöpfte sich für den „modernen Menschen“ die größte Qual in der Sorge, ob die Tiefkühltruhe das Lieblingsmenü beherbergte, oder welche Einkaufsstraße sich für die nächste Shopping-Tour besser eignete.
Grob Negatives schob man weit von sich. Teilweise finden sich zwar im Tagebuch Seiten voll „Geraunze“ (so nennen ÖsterreicherInnen Genörgel, Jammerei und Geschimpfe), aber nur, weil es so Sitte war in Wien. „Sich Gedanken machen“ nannte Sieben das lieber. Wie immer man es nennen mochte, die Raunzer und die Raunzerinnen verschlossen zumindest nicht die Augen vor den Missständen, während andere das Hinterfragen von gesellschaftlichen Fehlentwicklungen von vorne herein ablehnten, weil sie meinten, zum „Herum-Philosophieren und Politisieren“ keinen „Geist“ und keine Zeit zu haben. Außerdem blicke man „in dem Ganzen“ eh nicht durch und könne nichts dran ändern, behaupteten sie kopfschüttelnd in Richtung der „Gschaftlhuber“ (wie man auf Österreichisch die Wichtigtuer nannte). Unter diesem Begriff subsumierte man tadelnd alle „Besserwisser“ und auch die AktionistInnen. Dabei lagen die Verweigerer mit ihrer Einstellung ganz im Trend der aufkommenden „neo-biedermeierlichen Idylle“. Eine heile Welt ersehnten sie fürwahr, doch keine gute Fee schwang den Zauberstab für sie und machte „alles wieder gut“. Im Gegenteil, die Arglosen hatten eigenhändig die „Dschinn“ (die Besessenen und Wahnsinnigen)losgelassen, denn immerhin wählten sie regelmäßig jene Leute, die anschließend den Stöpsel aus der Dschinn-Flasche zogen. Nun wurden sie sie nicht mehr los.
Sieben selbst sah oft ohnmächtig dem wahnsinnigen Treiben auf der Welt zu, schüttelte den Kopf und murmelte höchstens: „Das gibt es doch nicht!“ oder: „Wo soll das noch hinführen, wenn rund 700 LobbyistInnen nur allein des Finanz- und Bankensektors in Brüssel die Abgeordneten derart bedrängen, dass die nicht mehr normal arbeiten können?!“ Und dabei kamen noch Tausende von anderen LobbyistInnen aus anderen Bereichen dazu.
Meistens war die Tagebuchschreiberin zu bequem, um den Versuch zu wagen, „die bösen Geister in die Flasche zu bannen“ - und zu mehr Aktion als Sieben, der eifrigen Unterschreiberin von Petitionen, war 2012 selten jemand zu bewegen, insbesondere dann nicht, wenn es derjenigen oder demjenigen „noch“ gut ging.
