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Er ist ihre größte Versuchung - und sie sein größtes Risiko.
Wie schon so oft zuvor muss Ellie Fischer ihr bisheriges Leben in einer Nacht-und-Nebel-Aktion hinter sich lassen. Doch trotz aller Rückschläge glaubt sie immer noch daran, dass sie ihr Glück finden wird - bis ein Auffahrunfall mit dem charmanten Cowboy Matt Carson ihre Pläne erneut durcheinanderwirbelt. Unfreiwillig landet sie in Oregon in dem kleinen Städtchen Riverdale auf der Ranch der Carsons.
Matt lebt für seine Ranch. Für die Liebe hat der attraktive Cowboy zwischen harter Stallarbeit und trockener Buchhaltung eigentlich keine Zeit. Doch mit Ellie im Haus gerät sein Alltag völlig aus dem Takt. Immer wieder fliegen die Fetzen - und bald auch die Funken.
Sosehr beide auch versuchen, sich voneinander fernzuhalten, sie können der Anziehung nicht entkommen. Ein Kuss wird zur Versuchung, ein Geständnis zur Offenbarung ... und eine Nacht verändert alles. Heimliche Küsse, gestohlene Momente - bis die Wahrheit sie einholt.
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Dies ist eine überarbeitete Version des bereits erschienenen Titels »Love Abroad«.
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Seitenzahl: 360
Veröffentlichungsjahr: 2026
Cover
Inhalt
Grußwort des Verlags
Über dieses Buch
Titel
Triggerwarnung
Widmung
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Danksagung
Über die Autorin
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Impressum
Cover
Inhaltsverzeichnis
Titelseite
Inhaltsbeginn
Impressum
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Wie schon so oft zuvor muss Ellie Fischer ihr bisheriges Leben in einer Nacht-und-Nebel-Aktion hinter sich lassen. Doch trotz aller Rückschläge glaubt sie immer noch daran, dass sie ihr Glück finden wird – bis ein Auffahrunfall mit dem charmanten Cowboy Matt Carson ihre Pläne erneut durcheinanderwirbelt. Unfreiwillig landet sie in Oregon in dem kleinen Städtchen Riverdale auf der Ranch der Carsons.
Matt lebt für seine Ranch. Für die Liebe hat der attraktive Cowboy zwischen harter Stallarbeit und trockener Buchhaltung eigentlich keine Zeit. Doch mit Ellie im Haus gerät sein Alltag völlig aus dem Takt. Immer wieder fliegen die Fetzen – und bald auch die Funken.
So sehr beide auch versuchen, sich voneinander fernzuhalten, sie können der Anziehung nicht entkommen. Ein Kuss wird zur Versuchung, ein Geständnis zur Offenbarung ... und eine Nacht verändert alles. Heimliche Küsse, gestohlene Momente – bis die Wahrheit sie einholt.
Tanja Nickel
A Kiss of Trouble
Dieser Roman behandelt sensible Themen wie schwere Erkrankungen und die Situation einer illegal in den USA lebenden Person. Er wurde von der Autorin lange vor den aktuellen Ereignissen in den USA (Januar 2026) erdacht und geschrieben.
An all die, deren Herz ruhelos nach einem Zuhause sucht: Gebt niemals auf. Irgendwo da draußen wartet es auf euch.
718 Tage sind vergangen, seit ich mich selbst verloren habe.
718 Gedanken, die ich daran verschwendet habe, was zum Teufel ich hier eigentlich tue.
718 Möglichkeiten, einen Traum zu zerstören.
Ellie
Und da stand ich nun, inmitten des kleinen Zimmers in der West Road in einem kleinen Vorort von Los Angeles – meinem Zuhause seit 129 Tagen.
Die 589 Tage zuvor schienen bereits endlos weit weg. Als wären sie wie mit Helium gefüllte Ballons gen Himmel geflogen und für immer verschwunden. Zurück blieb Leere ... Nichts.
Ich versuchte, mich zu erinnern, ob ich in den letzten 718 Tagen glücklich gewesen war. Doch da war kein einziger Moment, der mir einfallen wollte. Ich war mein Leben lang nur auf der Flucht gewesen. Flucht vor der Immigration. Flucht vor mir selbst ... und jetzt vor Keith.
Mein Herz raste, als ich mir in Erinnerung rief, was ich so viele Male geprobt hatte. Mit eiskalten Fingern tastete ich nach meiner Halskette, das einzige mir gebliebene Erinnerungsstück an meine Mutter, und umklammerte es für einen kurzen Moment. Dann ließ ich den metallenen Schmuckanhänger wieder los und griff fast blind in dem stockdunklen Raum nach der losen Bodendiele unter meinem Bett. Schnell schickte ich ein Stoßgebet nach oben, in der Hoffnung, dass ich dabei möglichst lautlos blieb. Nicht, dass ich einen Funken Glauben an Gott besäße, doch wenn nicht jetzt, wann sonst sollte er mir endlich helfen?
Angespannt hielt ich die Luft an und drückte mit den Fingern an einem Ende der Diele, um sie auf der anderen Seite anzuheben. Ohne darüber nachzudenken, welches Ungeziefer sich in diesem dreckigen Loch befand, fasste ich hinein, unterdrückte dabei meinen Ekel – und dann erstarrte ich. Wo war es? Wo, verdammt noch mal, war das Geld, das ich mir die letzten Monate so hart zusammengespart hatte? Gegen die in mir aufsteigende Panik ankämpfend, tastete ich ein weiteres Mal das Innere der Vertiefung ab. Doch es war weg. Ich fühlte nichts als Staub ... Nichts!
»Hast du geglaubt, du kannst einfach verschwinden, du kleine Schlampe?«
Erschrocken sprang ich auf und wirbelte herum. Ich sah im Dunkeln das schattenhafte Gesicht des Kerls, der mich in den letzten Monaten ausgebeutet hatte und erst heute zu weit gegangen war. Er stand so nah vor mir, dass ich seinen Atem auf meiner Haut spürte. Er stank nach billigem Tequila und kaltem Rauch. Die Mundwinkel waren zu einer wütenden Fratze verzogen, während er sich die schmutzigen Hände an dem noch schmutzigeren Unterhemd abwischte. Ich hatte wirklich geglaubt, er wäre auf dem Tresen der schmuddeligen Bar eingeschlafen. Doch da stand er nun, und meine Hoffnung, dieses Loch hinter mir lassen zu können, war dahin.
»Keith, ich wollte nicht ...« Mein Atem kam stoßweise, meine Stimme zitterte. Trotzdem lächelte ich vorsichtig, in dem Versuch, es zu verbergen. Doch vergeblich. In einem Moment stand er noch vor mir, nur um im nächsten bereits auf mich zuzupreschen.
Brutal packte er mein langes Haar und riss mich mit sich. Ein stechender Schmerz durchfuhr meine Kopfhaut, und ich unterdrückte das Schluchzen, das sich in meiner Kehle bildete. Ich stolperte, fiel zu Boden, doch das schien Keith nicht zu interessieren. Ohne innezuhalten schleifte er mich an meinen Haaren durch das heruntergekommene Haus mit dem fleckigen Linoleum und den vergilbten Wänden. Die dreckigen und staubigen Details jeder Ecke um mich herum wurden mir bewusster denn je. Vielleicht lag es daran, dass ich mich auf alles konzentrieren wollte, was nichts mit der momentanen Situation zu tun hatte.
Keith schob die Hintertür, die von unseren Schlafräumen zur Bar führte, auf und riss mich unaufhaltsam mit sich. Ich flehte, bettelte, weinte. Umklammerte seinen Arm so fest, dass sich meine Nägel in seine Haut gruben. Doch er ließ erst von meinem Haar ab, als er mich gegen den Tresen der leeren Bar presste. Die Gäste waren längst nach Hause gegangen. Niemand war mehr da, um mir zu helfen. Voller Zorn griff er nach meinem Gesicht. Doch noch bevor er es zu fassen bekam, zerbarsten winzige Glassplitter über seinem Kopf und er sackte in sich zusammen.
Keuchend starrte ich zu Keith, der regungslos auf dem Boden lag. Sein Kopf blutete, und ich fürchtete schon, er wäre tot.
»Ellie, du musst sofort von hier verschwinden. Schnell!« Meine Freundin Maria tauchte in meinem Blickfeld auf, griff nach meiner Hand und zog mich von dem leblosen Mann am Boden weg. Ich schaffte es kaum, meinen Blick von ihm zu lösen, während sie mich durch den Flur schob, um mich wieder zur Hintertür zu bugsieren. »Ich habe unsere Reisepässe und deine Autoschlüssel gefunden.«
Maria drückte mir eine kleine Plastiktüte in die Hand. Ich schloss meine Finger darum und konzentrierte mich endlich auf meine Freundin. Zusammen rannten wir zu meinem Zimmer. So leise wie möglich zog ich die Reisetasche und meinen Rucksack unter meinem Bett hervor. Ich hatte sie nie ausgepackt ... seit 718 Tagen nicht mehr. Illegal in einem Land zu leben, bedeutete gleichzeitig, immer bereit für eine Flucht zu sein. Das hatte ich schon in New York erlebt, und als ich zum ersten Mal Keiths Bar betreten hatte, war mir klar gewesen, dass ich hier ebenfalls jederzeit dafür bereit sein musste.
Zitternd richtete ich mich auf und deutete Maria mit einem Nicken an, dass ich bereit war. Meine Freundin nickte mir aufmunternd zu, und gemeinsam hasteten wir zur Hintertür des Hauses, die zu einer dunklen Gasse führte. Der Anblick meines Wagens ließ mich erleichtert aufatmen. Jetzt musste er nur noch nach den vier Monaten Stillstand anspringen, denn genauso lange wurde ich von Keith festgehalten.
Keith ... wie ich diesen Kerl hasste. Maria und ich waren mit so viel Hoffnung angereist, doch sobald als er mir seine schmierige Hand gereicht hatte, war mir bewusst gewesen, dass er nur Ärger machen würde. Keith war einer dieser schmierigen Typen, die ihr Geld damit verdienten, illegale Einwanderer auszubeuten, vorzugsweise Frauen, die sich nicht wehren konnten. Er hatte uns unsere Papiere und meinen Autoschlüssel abgenommen und uns Arbeit hinterm Tresen seiner schmuddeligen Bar gegeben. Unsere Gehälter waren ein Witz, und wenn er betrunken war, wollte er mehr. Natürlich war ich unter all den mexikanischen jungen Frauen eine Besonderheit. Blond, grüne Augen und mit einem ganz leichten deutschen Akzent. Keith stand auf blonde Frauen – und das nahm mich nicht aus –, obwohl er im betrunkenen Zustand selten wählerisch war. Aber erst heute war er zu weit gegangen.
»Ellie.«
Ich zuckte erschrocken zusammen, als ich Marias zartes Flüstern vernahm. Vorsichtig drehte ich den Kopf in ihre Richtung und sah in ihre rehbraunen Augen. Ihr schwarzes Haar war zu einem geflochtenen Zopf zusammengebunden, aus dem sich einige Strähnen gelöst hatten. Ein Schluchzen, das ich so lange unterdrückt hatte, durchbrach die Stille. Maria zog mich an sich und flüsterte mir ins Ohr: »In der Plastiktüte ist ein Zettel mit der Adresse meiner Cousine in Seattle. Sie hat gute Kontakte dort und kann dir einen Job verschaffen.«
Ich löste mich von ihr und sah sie perplex an. »Du kommst nicht mit?«
Seit wir uns vor eineinhalb Jahren in Florida zum ersten Mal begegnet waren, waren wir keinen Tag mehr voneinander getrennt gewesen. Unsere Illegalität hatte uns zusammengeschweißt, und daraus war eine wunderbare Freundschaft entstanden. Nie hätte ich gedacht, dass wir uns je wieder trennen würden, nachdem wir die ganze Fahrt von Florida bis hierher gemeinsam geschafft hatten.
Sie schluckte und wich meinen Blicken aus. »Ich kann nicht.«
»Aber Keith ...«
»Er wird mir nichts tun. Als du gesagt hast, dass du noch heute Nacht abhauen willst, habe ich Javier angerufen. Er wartet dort drüben in dem weißen Chevy auf mich.« Kurz deutete sie mit dem Kopf auf einen Wagen am anderen Ende der Straße.
Ich folgte ihrer Bewegung und entdeckte Marias Freund, dessen Gesicht durch die Straßenlaterne leicht beleuchtet wurde. Er saß hinter dem Steuer und nickte mir zu. Langsam erwiderte ich seinen Gruß und wandte mich dann erneut meiner Freundin zu. Javier war der einzige Schutzschild zwischen Keith und ihr. Solange er an ihrer Seite war, ließ Keith sie in Ruhe. »Aber du und ich ... Wir wollten das doch gemeinsam schaffen«, flüsterte ich, verzweifelt den Kopf schüttelnd.
Schuldbewusst schloss sie die Augen. »Es tut mir leid, Ellie. Ich liebe Javier. Ich kann ihn nicht zurücklassen, und er kann mich beschützen. Er hat Papiere. Vielleicht kann er mir helfen ... Vielleicht finden wir einen Weg, damit ich endlich legal in den Staaten leben kann.«
Ein Lächeln huschte über meine Lippen, ehe meine Augen sich mit Tränen füllten. Noch einmal zog ich sie an mich. »Das wünsche ich mir für dich. Ich will, dass du glücklich wirst, auch wenn ich dich nicht zurücklassen will.« Ich spürte ihre heißen Tränen an meiner Wange.
Sie trat einen Schritt zurück, griff sich in die Hosentasche und zog ein Kuvert hervor. »Das ist für dich. Fahr auf dem Highway Richtung Norden. Meine Cousine in Seattle vermittelt Reinigungskräfte. Sag ihr, dass ich dich schicke, dann wird sie dir helfen.«
Ich schluckte all die Trauer und die Angst hinunter, versuchte, meinen Herzschlag zu verlangsamen, und flüsterte: »Danke, Süße. Aber ich habe kein Geld. Keith hat mir alles genommen.«
»Ich habe ein paar Dollar in den Umschlag gesteckt. Damit solltest du ohne Probleme in den Norden kommen.« Sie schenkte mir eines ihrer vertrauten Lächeln, die mich in der Vergangenheit immer aufmuntern hatten können – nur heute half es nicht wirklich über den Abschiedsschmerz hinweg.
»Danke, Maria. Ich werde dich so furchtbar vermissen.«
»Ich dich auch, Ellie. Aber du musst jetzt gehen. Verschwinde von hier, bevor er zu sich kommt.«
»Falls er zu sich kommt. Was, wenn er tot ist?«
Maria zuckte mit den Schultern. »Dann ist die Welt um ein Arschloch ärmer.«
Ich verzog den Mund, weil ich mir gar nicht vorstellen wollte, dass Maria vielleicht einen Mord begangen haben könnte. Dann ging ich einen Schritt zurück und sah zu meinem Wagen, der schmutzig und verstaubt am Straßenrand parkte. Hätte ich vor 128 Tagen gewusst, was mich erwartet, wäre ich lieber getrampt, als hier nur eine Sekunde zu bleiben. Das war nun vorbei. Ich war frei ...
Kühler Wind schlug mir ins Gesicht, als wollte mich die Nacht zu meiner neu gewonnenen Freiheit beglückwünschen. Fröstelnd kuschelte ich mich enger in meine Weste und sog erleichtert die abgaserfüllte Luft durch meine zusammengebissenen Zähne ein.
Maria lächelte mir ein letztes Mal aufmunternd zu, und bevor sie sich zu dem Wagen ihres Freundes umdrehte, fragte ich: »Werden wir uns wiedersehen?«
»Wenn es das Schicksal so will, dann werden wir das. Und jetzt verschwinde, bevor ...«
Nickend wollte ich sie gerade ein letztes Mal umarmen, Abschied nehmen für eine unbestimmte Zeit ... vielleicht sogar für immer. Doch genau in diesem Augenblick wurde die Hintertür aufgestoßen, und Keith taumelte heraus. Sein Gesicht war voller Blut, und in der Hand hielt er eine Pistole.
Panisch riss ich die Augen auf, während Maria mich zu meinem Wagen schubste und selbst zu Javiers Auto flüchtete. Keith interessierte das nicht. Selbst als der Motor aufheulte und Maria und Javier mit quietschenden Reifen davonfuhren, drehte sich Keith nicht zu ihnen um. Stattdessen hob er die Hand mit der Knarre und zielte auf mich. Ich warf die Reisetasche auf den Boden und fischte hektisch den Schlüssel aus der Plastiktüte. Kaum hatte ich ihn, zitterten meine Hände so stark, dass ich ihn fast fallen ließ. Angsterfüllte Geräusche drangen aus meinem Mund, doch endlich schaffte ich es, den Schlüssel ins Loch zu stecken und herumzudrehen.
Mit einem Satz war ich im Wagen und warf die Reisetasche samt Rucksack neben mich auf den Beifahrersitz. Normalerweise sprang der Motor nur stotternd an, doch zum ersten Mal, seit ich diese Schrottkiste besaß, und obwohl er schon so lange stand, ging er auf Anhieb an. Während ich den Gang einlegte und aus der Parklücke fuhr, rief ich ein »Danke« nach oben. Dabei hätte ich fast Keith überfahren, der wild mit der Pistole herumfuchtelte, und nur weil er zu betrunken war, nicht schnell genug abdrückte.
Gerade als ich aufs Gas trat, hallte ein lauter Knall durch die Nachtluft, und ich schrie panisch auf. Ohne zu wissen, wo die Kugel eingeschlagen war, stemmte ich meinen Fuß noch heftiger auf das Gaspedal, sodass der Wagen rumpelnd losschoss.
Gegen die Panik ankämpfend, krallte ich meine Finger so stark um das Lenkrad, dass meine Knöchel weiß hervortraten. Erst als ich auf dem Highway war, das Adrenalin nachließ und ich völlig irrational auflachte, erkannte ich, dass ich fürs Erste außer Gefahr war. Es war vorbei. Zumindest für den Moment, denn meine Zukunft war ungewiss.
Letztlich erstarb mein Lächeln, als ich realisierte, dass die aktuelle Sicherheit nur ein Trugschluss war. Überall gab es Männer wie Keith.
***
Ich fuhr über zwei Stunden, bevor ich zum ersten Mal tanken musste. Zum Glück reichte mein eigenes Geld für die Tankfüllung aus. Doch es würde nicht lange dauern, bis ich genau kalkulieren musste.
Es dämmerte bereits, als ich San Francisco hinter mir ließ und kurz darauf auf einen abgelegenen Parkplatz eines Strandabschnitts einbog. Die Müdigkeit zerrte an mir, und ich benötigte unbedingt eine Pause.
Eine Weile saß ich still da, umklammerte noch immer das Lenkrad und starrte Richtung Horizont, der in Orange, Lila und Gelb getaucht war. Und dann erlaubte ich mir zum ersten Mal, meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Immer mehr Schluchzer brachen aus mir hervor, während ich versuchte, die Erinnerung an diese Nacht aus meinem Gedächtnis zu streichen.
Ich wusste nicht, wie lange ich so dasaß, bis ich schniefend und fröstelnd nach meiner Reisetasche griff, um nach meinem Lieblingspullover zu suchen. Doch er war nirgends zu finden. Ich hatte ihn in L. A. vergessen.
Mutlos sank ich über dem Steuer zusammen, weinte um das Lieblingsstück, das mich bisher meine gesamte Zeit in den Staaten begleitet hatte, und bereute zum ersten Mal, dass ich hier war. So oft hatte ich an mein Leben in Deutschland zurückgedacht und war immer wieder zu der Erkenntnis gelangt, dass es mir in den Staaten trotz aller Widrigkeiten doch besser ging als dort. An diesem Morgen allerdings hasste ich mich für meine Entscheidung, je einen Fuß in dieses Land gesetzt zu haben.
Gegen die Tränen anblinzelnd, zog ich meine Jeansjacke aus der Tasche, legte sie mir über die Schultern und stieg aus dem Auto. Am Himmel kreisten Möwen und mir schlug eine leichte Brise vom Meer entgegen. Mir schlotterten die Knie, als ich in Richtung Meer stapfte, doch ich verdrängte die Kälte.
Mein Blick wanderte über die Gischt, während das Geräusch des rauschenden Meeres sich wie Balsam auf meine Seele legte. Für einen Moment fühlte ich Ruhe in mir aufsteigen. Ich schloss die Augen und lauschte. Dem Ozean, den Möwen, der Natur. Es war so friedlich. Warum konnte es nicht immer so sein? Ich sehnte mich doch nur nach etwas Frieden und einem Ort, an dem ich glücklich werden konnte. Menschen, denen ich wichtig war.
Als meine Zähne zu klappern begannen, öffnete ich schließlich wieder die Augen. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie lange ich schon hier stehen musste. Ein letztes Mal atmete ich die salzige Meeresluft ein, bevor ich mich von dem wunderschönen Anblick abwandte.
Zitternd erreichte ich mein Auto, setzte mich hinein und griff mit eiskalten Fingern nach der Plastiktüte auf dem Armaturenbrett, die mir Maria gegeben hatte. Mein Ausweis darin war wertlos in diesem Land. Noch wertloser als mein Dasein. Und zu allem Übel war die Versicherungspolice meines Autos längst abgelaufen.
Seufzend zog ich das Kuvert mit Marias Geld aus meiner Tasche. Zum ersten Mal seit meiner Flucht hatte ich wirklich Zeit dafür und zählte die vielen Ein-Dollar-Scheine. Das musste ihr Trinkgeld der gesamten letzten vier Monate sein.
»Oh, Maria«, flüsterte ich, während ich ein zweites Mal zählte. Es waren etwas mehr als achtzig Dollar. Achtzig Dollar, mit denen ich zweimal mein Auto betanken konnte.
Scham stieg in mir auf, als ich daran dachte, was meine Freundin alles mit dem Geld hätte machen können. Doch Keith hatte all meine Ersparnisse gestohlen. Ich hatte nicht einmal mehr einen Cent in der Tasche, und so blieb mir nichts anderes übrig, als meiner Freundin im Stillen zu danken – und mich daran zu erinnern, was sie mir noch geschenkt hatte.
Ich griff erneut nach der Plastiktüte, in der sich ein Zettel mit der Adresse in Seattle befinden sollte. Zum Glück fand ich ihn zwischen den Papieren meines Wagens. Gedankenvoll strich ich über Marias feine Handschrift, die auf dem Stück Papier prangte. Da standen nur eine Adresse und ein Name. Idaly ... Marias Cousine. Ich wusste nicht, ob sie mir wirklich helfen würde, doch ich hatte keinen anderen Ort, an den ich gehen konnte.
Bevor ich losfuhr, suchte ich in der Mittelkonsole nach einem Haargummi. Meine Kopfhaut brannte noch immer von Keiths festem Griff, und ich schwor mir, mein Haar nie wieder offen zu tragen. Nie wieder würde ich einem Mann erlauben, es anzufassen. Vielleicht würde ich sie mir auch gleich abschneiden ... wer wusste das schon.
Energischer als nötig steckte ich mein Haar zu einem Dutt zusammen. Dann startete ich den Motor, ließ den Strand hinter mir und machte mich auf in Richtung Norden.
***
Ganze acht Stunden später saß ich noch immer im Auto, hatte schon mindestens einen ganzen Tag nichts mehr gegessen und lediglich abgestandenes Wasser getrunken, aus Plastikflaschen, die ich irgendwo in meinem Auto gefunden hatte. Das Geld ging dank des Tankens immer mehr zur Neige, und ich bezweifelte, dass ich die letzten fünf bis sechs Stunden nach Oregon überhaupt noch schaffte.
Der Highway, der sich in Richtung Portland, Oregon schlängelte, führte mich schon seit einer ganzen Weile durch die Wildnis. Der niemals enden wollende Wald ließ die Nachmittagssonne kaum durch die dichten Baumwipfel, während hier und da Schnee lag. Ein paar Straßenschilder warnten die Fahrer vor Glätte und empfahlen Schneeketten. Aus meiner Zeit in Boston wusste ich, was Schnee und Blizzards anrichten konnten. Ich hätte es wohl niemals durch diese Gegend geschafft, wenn der Januar nicht so mild gewesen wäre.
Ich gähnte gerade herzhaft, als mein Blick über das Tachometer streifte und ich die rote Warnleuchte sah. Sie leuchtete seit ein paar Meilen und ließ mich unruhig auf dem Sitz hin und her rutschen. Leider hatte ich seit einer ganzen Weile keine Stadt mehr passiert.
Mit zusammengepressten Lippen fuhr ich die ansteigende Straße hinauf, als ich endlich ein Schild entdeckte, das mir die Stadt Riverdale in zehn Meilen ankündigte. Erleichtert atmete ich aus und hielt Ausschau nach der Abfahrt, doch plötzlich fing der Motor an zu stottern. Verdammte Scheiße! Vorsichtig lenkte ich rechts ran. Als der Toyota schließlich zum Stehen kam, schlug ich wütend auf das Lenkrad. Wieso musste das ausgerechnet jetzt passieren?
Den Kopf zurückgelegt, gab ich innerlich auf. Ich hatte die Schnauze voll und wollte nur noch nach Hause. Doch ich hatte keines. Wieder einmal bemerkte ich, wie sehr ich versagt hatte. Ich saß mitten in der Wildnis fest, hatte Hunger und war müde. Wer wusste schon, ob mich hier draußen überhaupt jemand zufällig fand?
Ich griff in meinen Rucksack und suchte nach meinem alten Handy mit dem kaputten Display. Zum Glück hatte ich es noch aufgeladen, als ich meine Flucht geplant hatte. Doch als mir klar wurde, dass ich niemanden hatte, den ich anrufen konnte, warf ich es zurück in die Tasche und resignierte.
Matt
Mit meinem Mustang fuhr ich über die winterliche Straße. Ich war froh, dass es noch nicht so viel geschneit hatte, um auf den Truck umsteigen zu müssen. Dennoch war ich vorsichtig, denn genau bei einem solchen Wetter hatte ich meine Mutter vor gerade einmal einem Jahr verloren.
Ich verdrängte die Gedanken daran und schaltete das Radio ein. Ich hatte die Nacht mit Brittany verbracht. Wir waren uns zufällig in der Bar in Livington begegnet, in der ich gelegentlich nach der Arbeit abschaltete. Meine Treffen mit Brit waren nie geplant, und dennoch liefen wir uns ständig über den Weg. Es wirkte fast, als verfolgte sie mich.
Die Sonne stand tief am Himmel, und ich klappte die Blende auf, um besser sehen zu können. Es war wirklich ein unglaublich schöner Tag, auch wenn es sehr kalt geworden war.
Während ich die ruhige Fahrt genoss, wanderten meine Gedanken erneut zu der On-off-Beziehung mit Brittany. Was wir hatten, befriedigte lediglich die sexuellen Bedürfnisse. Mehr war da nicht, was ich ihr auch immer wieder klarmachte. Doch irgendwie hatte ich immer wieder das Gefühl, dass sie mehr erwartete.
Ich war einfach nicht gemacht für feste Beziehungen und Single aus Überzeugung. Wozu sich binden, wenn man ganz gut allein zurechtkam?
Kurz blickte ich auf meine Armbanduhr und stellte fluchend fest, dass ich bereits spät dran war. Seit ich die Ranch meines Vaters mit einhundertzwanzig Pferden übernommen hatte, gab es für mich keine Freizeit mehr. Eine Nacht im Bett einer Frau war Luxus. Und auch das war ein Grund, Beziehungen zu meiden. Ich hatte einfach keine Zeit für eine Freundin.
Kopfschüttelnd versuchte ich, mich auf das Radio zu konzentrieren, doch bevor ich überhaupt den Song erkennen konnte, der mir gerade entgegenscholl, tauchte hinter der nächsten Kurve ein Auto am Straßenrand auf. Noch ehe ich ebenfalls rechts rangefahren war, öffnete sich die Fahrertür. Eine junge Frau stieg aus, die Arme vor der Brust verschränkt, und wartete, bis ich ebenfalls ausstieg. Sie war hübsch ... nein, das traf es nicht ganz. Sie war verdammt schön. Und sie musterte mich von ihrer offenen Fahrertür aus, als wollte sie die Flucht ergreifen.
Langsam ging ich auf sie zu, um sie nicht völlig zu verschrecken. Erst jetzt bemerkte ich, dass sie zitterte, was kein Wunder war. Sie trug gerade einmal eine dünne Jeansjacke bei dieser Kälte.
»Hey, Ma’am, brauchen Sie Hilfe?«, fragte ich und lächelte sie aufmunternd an.
Für einen Moment schien es, als würde sie mich nicht verstehen. Dann öffnete sie den Mund, schloss ihn wieder und senkte den Kopf.
Ich hielt Abstand. Eine Frau ganz allein auf einem einsamen Highway mitten im Wald hatte sicher Angst vor fremden Kerlen wie mir. Mein Blick huschte zu ihrem Kennzeichen: Florida – Sie war ganz schön weit von zu Hause entfernt.
»Ähm ... ich ... Mir ist der Sprit ausgegangen«, sagte sie schließlich so leise, dass ich sie fast nicht verstanden hätte.
»Wenn Sie wollen, nehme ich Sie gern mit in die Stadt. Es ist nicht ...«
Sie hob abwehrend die Hände und brachte mich damit umgehend zum Schweigen. »Ich ... Nein ... Also ...«
Ich nickte verständnisvoll und schenkte ihr mein schönstes Lächeln. Beruhigend trat ich einen Schritt näher und bemerkte, wie sie unmerklich selbst einen Schritt zurückwich.
»Ich bin Matt. Matt Carson. Ich wohne in der Stadt. Wenn Sie wollen, kann ich Sie auch abschleppen bis zur nächsten Tankstelle.« Ich wartete einen Augenblick auf ihre Reaktion, doch sie wirkte wie ein scheues Reh, das völlig verängstigt einen Fluchtweg suchte. »Ich verstehe, wenn Sie nicht in mein Auto einsteigen wollen. Sie kennen mich nicht und scheinen nicht von hier zu sein. Aber ich führe nichts Böses im Schilde und will Ihnen wirklich nur helfen, Ma’am.«
Sie presste kurz die Lippen zusammen. »Wie weit ist es bis zur Tankstelle?«
»Etwa fünf Meilen.«
Resigniert ließ sie die angespannten Schultern sinken, strich sich eine goldblonde Strähne aus dem Gesicht, die sich aus ihrem Haarknoten gelöst hatte. Mit der anderen Hand griff sie nach einer kleinen goldenen Halskette, als suchte sie Halt, und verdammt, spätestens jetzt vergaß ich zu atmen. In ihren grünen Augen lag etwas, das ich nicht recht fassen konnte. War es nur Angst? Oder Fluchtinstinkt?
»Ich wurde noch nie abgeschleppt«, murmelte sie mit einem leichten Zittern in der Stimme und lief prompt rot an, weil sie wohl gemerkt hatte, was sie da eben gesagt hatte.
Mit aller Kraft versuchte ich, nicht zu grinsen, was mir nicht recht gelang. Schnell zeigte ich auf meinen Mustang. »Das ist keine große Sache. Ich hänge Sie einfach mit der Abschleppstange hinten an. Sie müssen lediglich in den Leerlauf schalten und immer bremsen, wenn ich bremse. Dann kann eigentlich nichts passieren.«
Langsam schien sie ihre Skepsis abzulegen, denn als ich sie aufmunternd anlächelte, zuckten ihre Mundwinkel leicht nach oben. »Ich bin übrigens Ellie. Es wäre toll, wenn Sie mich ... abschleppen könnten.« Jetzt grinste sie selbst und fügte hinzu: »Also, mein Auto. Und Sie können mich ruhig duzen.«
»Es ist schön, dich kennenzulernen, Ellie.«
Ellie ... den Namen würde ich wohl nicht so schnell wieder vergessen. Ob sie mir verraten würde, woher sie genau stammte, wenn ich sie nach Riverdale abgeschleppt hatte? Denn mir war der leichte Akzent nicht entgangen. Sie war keine Amerikanerin, da war ich mir ziemlich sicher.
»Dann werde ich mein Auto mal vor deines stellen und alles vorbereiten.« Ohne nachzudenken, zog ich meinen Hoodie über den Kopf und reichte ihn ihr. Dabei versuchte ich, ihr nicht zu nahe zu kommen. »Zieh den über und setz dich am besten ins Auto. Du wirkst völlig durchgefroren.«
Um sie nicht in Verlegenheit bringen, machte ich mich direkt an die Arbeit und achtete nicht weiter auf sie. Als ich meinen Wagen vor ihrem geparkt hatte und ich die Abschleppstange, die ich nur durch Zufall dabeihatte, ankoppelte, fiel mein Blick ins Wageninnere. Ellie beobachtete mich und sah sofort weg, als sie bemerkte, wie ich sie musterte. Sie trug tatsächlich meinen Hoodie, und verdammt, er stand ihr so viel besser als mir. Ob sie mit mir ausgehen würde?
Matt, verflucht, halt dich zurück, ermahnte ich mich selbst. Keine Ahnung, was mit mir los war. Gerade hatte ich noch darüber sinniert, wie toll es war, frei zu sein. Und dann schaute ich in die schönsten Augen, die mir je untergekommen waren, und ich warf all meine Vorsätze über den Haufen.
Die Fahrertür öffnete sich, und Ellie stieg wieder aus. »Kann ich dir helfen?«
Lächelnd schüttelte ich den Kopf. »Nein, keine Sorge. Ich habe alles im Griff.«
Ein paar Minuten später hatte ich die Abschleppstange an beiden Autos angebracht und ging auf ihre Fahrertür zu, die einen Spalt breit geöffnet war. Ich lehnte mich hinunter und entdeckte eine Reisetasche samt Rucksack auf dem Beifahrersitz. Ob sie auf der Durchreise war? Vielleicht ging sie aber auch irgendwo in der Nähe aufs College? Doch es war mitten im Semester, das ergab keinen Sinn.
»Bist du so weit?«
Ellie nickte und zeigte auf die Gangschaltung.
Außergewöhnlich – die wenigsten hier konnten ein Fahrzeug ohne Automatik fahren.
»Gang rausnehmen und dann immer bremsen, wenn du bremst?«, fragte sie noch einmal und schenkte mir ein schüchternes Lächeln.
»Genau.« Ich grinste vor mich hin, bevor ich hinzufügte: »Und natürlich lenken, wohin ich lenke. Achte am besten auf meinen Blinker.«
Gott, wie bescheuert. Das konnte sie sich doch sicher denken. Über mich selbst den Kopf schüttelnd, drehte ich mich schnell um und stapfte zurück. Wenige Minuten später saß ich wieder selbst am Steuer und ließ den Motor an. Durch den Rückspiegel konnte ich sehen, wie Ellie nervös auf der Innenseite ihrer Wange knabberte und dabei das Lenkrad fast hilflos umklammerte. Um sie aufzumuntern, zeigte ich ihr einen Daumen nach oben, den sie mit einem knappen Nicken bestätigte.
Vorsichtig beschleunigte ich und setzte etwa eine Meile später den Blinker nach links, um in Richtung Riverdale abzubiegen. Ich war hier geboren und aufgewachsen, und dennoch war ich immer wieder von der Schönheit dieser Gegend überrascht. Riverdale lag in einer Senke zwischen Bergketten, die selbst im Sommer schneebedeckte Gipfel hatten. Für jemanden, der noch nie in diesem beschaulichen Städtchen gewesen war, musste es wie das Paradies wirken.
Und Ellie machte da keine Ausnahme, wie mir ein kurzer Blick in den Rückspiegel bestätigte. Sie starrte mit offenem Mund durch die Windschutzscheibe.
Ein Lächeln huschte mir über die Lippen, denn sie sah so verdammt hinreißend aus. Zum ersten Mal seit ich sie am Straßenrand aufgelesen hatte, wirkte sie relaxt. Das war es, was Oregon mit einem machte. Es ließ einen aufatmen und all die Sorgen für einen Moment vergessen. Die Zeit schien einfach langsamer voranzuschreiten. Die Leute waren freundlich und grüßten einander. Die Luft war rein und klar, und kaum hatte man die Stadt verlassen, stand man direkt im Naturschutzgebiet.
Ich jedoch fuhr auf der Straße, die direkt in die Stadt führte, bis schließlich die Tankstelle von Riverdale vor mir auftauchte. Vorsichtig bremste ich ab, um den entgegenkommenden Verkehr vorbeizulassen.
Und dann passierte es. Das ekelige Geräusch von Metall auf Metall fuhr mir durch Mark und Bein, während mein Mustang einen Satz nach vorn machte, angeschoben durch die Abschleppstange. Mein Herz blutete, weil ich bereits wusste, was geschehen war. Ellie hatte nicht gebremst und war in meinen 1970er Ford Mustang Fastback gekracht. Vielleicht hatte ich Glück, und die Abschleppstange hatte das Schlimmste verhindert.
Innerlich sträubte ich mich auszusteigen, weil ich nicht sehen wollte, wie groß der Schaden war. Ob Ellie eine Ahnung hatte, was es kostete, einen Oldtimer zu reparieren, für den es kaum noch Ersatzteile gab?
Ich atmete tief durch, stieg dann schließlich doch aus und umrundete meinen Mustang. Die Abschleppstange war völlig verbogen, hatte sich gelöst und in meinen hinteren Reifen gebohrt. Mein schöner Wagen ... Ich konnte nur hoffen, dass die Achse nichts abbekommen hatte. Das würde ein Vermögen kosten. Ellies schäbiger Toyota schien dagegen völlig unbeschädigt.
Langsam öffnete sich die Fahrertür, und sie kletterte aus dem Auto. Sie sah erst mich an, dann den Schaden, den sie verursacht hatte. Leise murmelte sie ein »Fuck«, das mich fast zum Explodieren brachte, weil es so deplatziert wirkte aus ihrem schönen Mund. Wie konnte eine so hübsche Frau so fluchen?
»Was an ›Du musst bremsen, wenn ich bremse‹ hast du nicht verstanden?« Ich wollte ruhig bleiben, tat mein Bestes, nicht laut zu werden, aber mit jeder Sekunde, die sie schwieg, fiel es mir schwerer. »Der Wagen ist über vierzig Jahre alt. Weißt du, was das kostet? Ich hoffe bloß, du bist gut versichert.«
»Es tut mir so leid«, hauchte sie und trat auf der Stelle hin und her. Sie wirkte völlig eingeschüchtert. Sofort schluckte ich meinen Ärger hinunter, und Scham trat an seine Stelle. Sie hatte Angst vor mir. »Ich wollte das nicht.«
»Ich auch nicht. Aber jetzt ist es nun mal passiert.« Meine Stimme wurde ruhiger, fast versöhnlich, während ich sah, wie sie sich die Hand an den Hals legte, als ob sie frieren würde. Tatsächlich zitterte sie, doch ich konnte nicht sagen, ob es vom Unfall herrührte oder von der Kälte. »Geht es dir gut? Hast du dich verletzt?«
Warum fragte ich das erst jetzt, ich Trottel?
Sie schüttelte den Kopf, sah auf. »Und du?«
»Nein, alles gut.«
»Hey, Matt«, ertönte es plötzlich hinter mir. Ich drehte mich um und erkannte Gerry, den Besitzer der Tankstelle, der mit großen Schritten auf mich zukam. Anscheinend hatte er mitbekommen, was passiert war.
Und kaum hatte er gesehen, was passiert war, stöhnte er auf: »Oh, Shit. Das sieht böse aus.«
»Er sah schon mal besser aus«, gab ich zurück und presste die Zähne fest aufeinander, um meinen Ärger im Zaum zu halten. »Denkst du, die Achse hat was abbekommen?«
Gerry zuckte mit den Schultern. »Das kann ich erst sagen, wenn ich das Baby von unten gesehen habe.«
Zu meinem Glück betrieb er nebenan auch eine Autowerkstatt, die einzige in ganz Riverdale.
Bevor noch weitere Wagen in meinen krachen konnten, machten wir den Mustang los und schoben ihn von der Straße, während Ellie uns beobachtete, als wollte sie den richtigen Moment für eine Flucht abpassen.
Ich reichte Gerry meinen Autoschlüssel und deutete auf Ellie. »Hilf mir, ihr Fahrzeug von der Straße zu bekommen.« Nachdenklich sah ich zu ihr rüber. »Kannst du nachschauen, ob ihr Auto fahrtüchtig ist und ein bisschen was reintanken? Nicht zu viel. Nur gerade so viel, dass sie damit zur Ranch und zurück kommt. Mein Gefühl sagt mir, dass ich sonst auf meinem Schaden sitzen bleibe.«
Gerry nickte und ging mit mir zu dem kleinen grünen Toyota. Ellie beobachtete uns und wirkte dabei so winzig in meinem Hoodie. Kleinlaut presste sie hervor: »Es tut mir echt leid.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Ich schiebe mit Gerry deinen Wagen von der Straße. Danach können wir die Unfalldaten austauschen.«
Sie schien protestieren zu wollen, aber trat schließlich zur Seite. Ich setzte mich in ihren Wagen und gab Gerry ein Zeichen, mich anzuschieben, bis ich das Auto hinter meinem parkte. Ich zog den Schlüssel ab und stieg aus. Ihr Blick wirkte argwöhnisch, als sie die Situation einzuschätzen schien. Irgendetwas sagte mir, dass da etwas nicht stimmte.
Ich zückte mein Handy, machte Bilder von ihrem Auto und von meinem und achtete darauf, ihr Kennzeichen gut sichtbar abzufotografieren. Mein Bauchgefühl trog mich nie, und gerade jetzt schrillten all meine Alarmglocken.
»Da drüben ist ein Diner. Lass uns den Papierkram dort erledigen. Du bist völlig durchgefroren.«
Sie schien nicht recht mitgehen zu wollen, doch ich ließ ihr keine Wahl. Eine Hand auf ihren Rücken gelegt, schob ich sie zur Straße. Sie zuckte zusammen, und sofort ließ ich von ihr ab. Sie wirkte skeptisch ... fast zu vorsichtig, als wären ihr Berührungen unangenehm. Unwillkürlich fragte ich mich, was ihr wohl widerfahren war, dass sie so ängstlich wirkte. Oder war ich es, der sie so beunruhigte?
Während wir zusammen über die Straße gingen, grüßte ich den einen oder anderen Stadtbewohner, den ich kannte und der mich perplex anstarrte, weil ich mitten im Januar im T-Shirt bekleidet eine junge Frau bei mir hatte, die offensichtlich meinen Hoodie trug. Spätestens morgen würde ganz Riverdale darüber sprechen. Da war ich mir sicher.
Ellie
Ich konnte das Zittern kaum noch unterdrücken. Dabei war es gar nicht die Temperatur, die das auslöste. Matts übergroßer Hoodie wärmte mich, und sein Duft, den ich nicht recht einordnen konnte, vernebelte mir die Sinne. Das Zittern kam definitiv von diesem unnötigen Unfall.
Wie zur Hölle konnte mir das passieren?
Mir war klar, dass ich nicht hierbleiben konnte. Ich hatte kein Geld und keine Versicherung. Niemals wäre ich in der Lage, den Schaden zu bezahlen. Erschwerend kam hinzu, dass Matt wirklich den Eindruck gemacht hatte, als wollte er mir nur helfen. Jetzt allerdings funkelte in seinen dunklen Augen so etwas wie Misstrauen.
Verdammt, dabei war er der wohl schönste Mann, dem ich seit Langem begegnet war. Nicht aufgesetzt oder gemacht schön. Natürlich schön. Sein dunkles, kurzes Haar wirkte gepflegt. Der sonnengebräunte Teint seiner Haut passte nicht so recht zur winterlichen Landschaft um uns herum. Über sein Gesicht zog sich ein dunkler Dreitagebart, der verwegen und dennoch verdammt sexy wirkte.
In einem anderen Leben hätte ich mich sicher auf einen Flirt eingelassen. Doch in diesem Leben war ich eine illegale Immigrantin, und das Letzte, was ich wollte, war ein Mann – dank meinen Erfahrungen mit Keith und James.
Trotzdem konnte ich den Blick nicht von seinen muskulösen Oberarmen lösen. Fror er gar nicht in dem schwarzen T-Shirt? Ich musste ihm bei der nächsten Gelegenheit den Hoodie zurückgeben und verschwinden. Aber ich konnte auch nicht einfach davonfahren. Mein Tank war immer noch leer und die Autoschlüssel ... Wo, verdammt habe ich die Autoschlüssel gelassen?
Ich wollte schon umdrehen, doch wir befanden uns auf halbem Weg über die breite Hauptstraße. Matt schien meine Besorgnis zu bemerken, denn er sah mich argwöhnisch an. Ja, ganz sicher spürte er, dass ich die Flucht plante.
Als wir die andere Seite der Straße erreicht hatten, ließ ich meinen Blick noch einmal über meine direkte Umgebung streifen. Was hatte mich nur so abgelenkt, dass ich einen Unfall verursacht hatte? Waren es die Bergketten, die die ganze Stadt umrundeten? War es diese Ruhe und die relaxten Gesichter der Stadtbewohner? Ich konnte es nicht recht greifen. Doch es war wunderschön hier.
Szenen wie aus einer Small-Town-Romance auf Netflix strömten auf mich ein. Kleine Geschäfte säumten die Straßen, und obwohl die Bäume kahl und von Schnee bedeckt waren, hatte diese Stadt nichts gemein mit dem kalten, unbarmherzigen Winter. Letzte weihnachtliche Dekorationen hingen noch in den Schaufenstern. Von irgendwoher stieg mir der Duft nach Zimt und heißem Apfelpunsch in die Nase.
»Bereit?«
Matts Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Wir standen vor einem kleinen Diner mit dem Namen Elvis Corner. Als Matt mir die Tür aufhielt und mich eintreten ließ, mischte sich der weihnachtliche Duft mit dem von stark gebrühtem Kaffee.
Neugierige Blicke folgten uns, während wir eine der Sitznischen ansteuerten. Ein paar der Gäste grüßten Matt, der anscheinend recht bekannt in der Kleinstadt war.
Ich nutzte den Moment, um mich genauer umzusehen. Der Boden des Diners war mit schwarzen und weißen Kacheln im Schachbrettmuster gefliest, während die weißen Wände mit allerlei Porträts von Elvis, Marilyn Monroe und anderen Stars aus den 50ern und 60ern bestückt waren. Die rot gepolsterten Sitzbänke säumten die Wand hinter mir und wirkten mehr als gemütlich. Gegenüber dem Eingang stand eine Jukebox, aus der Oldies aus längst vergangenen Zeiten dudelten.
Doch bevor ich mich etwas entspannen konnte, schob Matt mich regelrecht in eine der freien Bänke, während er einer jungen Frau hinter dem Tresen zuwinkte. Sie musste etwa Ende zwanzig sein, wahrscheinlich ungefähr in Matts Alter. Sie hatte ihr braunes schulterlanges Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und trug ein rotes Shirt und Skinnyjeans.
Grinsend kam sie auf uns zu, musterte mich eingehend und ignorierte Matt. »Hey, willkommen im Elvis Corner. Ich bin Megan, und wie ich sehe, hast du dir den nervigsten Junggesellen aus Riverdale geangelt.«
»Halt die Klappe, Megan.« Matt schüttelte genervt den Kopf. Dann wandte er sich wieder mir zu. »Willst du was essen? Trinken?«
Im Kopf zählte ich mein Geld ab und bestellte Kaffee, in der Hoffnung, dass er nicht zu teuer war. Matt nahm ebenfalls nur einen Kaffee und versuchte, die neugierige Kellnerin davonzuscheuchen. Die ließ sich jedoch nicht so einfach abschütteln. »Willst du uns nicht einander vorstellen?«
Schnaubend zeigte Matt auf die junge Frau. »Das ist Megan. Ihr gehört der Laden hier.« Dann sah er sie an. »Megan, das ist Ellie, die soeben meinen Wagen angefahren hat. Jetzt verschwinde schon und verdien dir ein gutes Trinkgeld, indem du deine riesigen Ohren in eine andere Richtung bewegst.«
»Riesige Ohren? Du hast sie ja nicht alle.« Sie schüttelte den Kopf und murmelte in meine Richtung: »Wenn er sich danebenbenimmt, ruf mich. Dann werde ich ihm mit einer Bratpfanne den Hintern versohlen.«
Ich konnte das Schmunzeln nicht verhindern, als ich ihr hinterherschaute. Als mein Blick jedoch wieder zurück zu Matt wanderte, wurde ich jedoch sofort ernst. Er musterte mich mit einem Gesichtsausdruck, den ich nicht richtig deuten konnte.
»Hast du was zum Schreiben?«
Ich sah ihn mit großen Augen an. »Wofür?«
»Wir müssen unsere Daten austauschen, damit wir den Unfall über die Versicherung abwickeln können.«
O Gott ... o Gott. Das wird böse enden. Meine Versicherung für das Auto war seit Wochen abgelaufen, und weil Keith mir meine Papiere abgenommen hatte, hatte ich sie nicht erneuern können.
Ich öffnete ratlos den Mund, wurde jedoch von Megan gerettet, die wieder bei uns auftauchte und Tassen mit dampfendem Kaffee vor uns abstellte. Auf Anfrage von Matt brachte sie auch noch Zettel und Stift.
Matt faltete das Papier und riss es mittig fein säuberlich durch. Er schrieb seinen Namen und eine Adresse auf, holte seine Geldbörse hervor und suchte nach den Versicherungsinformationen.
Als er mir den anderen Zettel und den Stift reichte, lächelte er aufmunternd. »Schreib mir hier deine Daten auf, und ich kontaktiere die Versicherung. Kannst du mir noch deine Nummer geben, falls Fragen aufkommen?«
Ich geriet in Panik, versuchte jedoch, mir dies nicht anmerken zu lassen, als ich mein Handy zückte und so tat, als würde ich nach meiner Nummer suchen. Dann diktierte ich ihm einfach ein paar Zahlen, die er sofort in seinem Handy einspeicherte. Ich hoffte, dass er nicht bemerken würde, dass ich eine Nummer erfunden hatte.
Ich wollte gerade nach dem Stift greifen, um meine Nervosität zu verstecken, als er den Lautsprecher seines Handys aktivierte und ich eine maschinelle Stimme sagen hörte: »Kein Anschluss unter dieser Nummer.«
Mir wurde gleichzeitig heiß und kalt. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er die Nummer direkt überprüfen würde. Mein Mund wurde trocken, als ich ihn ansah. Sein Gesicht war starr, und in seinen Augen funkelte Ärger. War es ihm zu verdenken? Ich hatte ihn belogen und würde es wieder tun müssen, um heil aus der Sache herauszukommen.
Sein Unterton ließ erkennen, dass ihm das Ganze genauso wenig gefiel wie mir. »Das war wohl die falsche Nummer.«
»Oh, tut mir leid. Das war meine alte Nummer.« Meine Hände zitterten so stark, dass ich fast meinen Kaffee verschüttete, während ich ihn zum Mund führte. Anschließend nannte ich ihm die richtige Nummer. Dabei fiel mir viel zu spät auf, dass ich ihm mehr Informationen gab, als gut für mich war. Mit meiner Nummer hatte er ein Stück meiner Identität.
Schon vibrierte mein Handy mit Matts Nummer, und ich nahm mir fest vor, die SIM-Karte sofort zu entsorgen, sobald ich mir eine neue leisten konnte. Mein Guthaben war ohnehin längst aufgebraucht.
Als meine Hände wieder ruhiger wurden, schrieb ich ihm die Adresse meiner Au-pair-Familie auf, bei der ich vor über zwei Jahren noch gelebt hatte. Dann zückte ich meine Geldbörse, holte die alte Versicherungskarte hervor und schrieb alle Informationen auf. Bis er bemerken würde, dass die Versicherung längst erloschen war, wäre ich längst über alle Berge.
Ich schob den Zettel über den Tisch zurück, während er mir seine Informationen reichte.
