Haunted Love - Tanja Nickel - E-Book

Haunted Love E-Book

Tanja Nickel

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Beschreibung

Lieber sterbe ich, als ihn zu verlieren Einst war ich die mächtigste Frau der Ostküste. Heute verstecke ich mich vor dem Feind. Nach meiner Flucht gibt es keine wichtigere Aufgabe für mich, als meine eigene kleine Familie zu schützen. Mit dem Mann an meiner Seite, der mir einst gezeigt hat, dass auch ich es Wert bin geliebt zu werden, führe ich ein ruhiges Leben. Doch dann mehren sich die Hinweise, dass ich entdeckt wurde. Ich spüre Blicke auf mir, finde Beweise, dass mein Vater mich gefunden hat. Jetzt gibt es nur noch ein Ziel: Ich muss die schützen, die mir lieb sind, auch wenn ich selbst dabei sterbe.

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Seitenzahl: 326

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Impressum

ISBN: 9783987561306

© 2025 Kampenwand Verlag

Raiffeisenstr. 4 · D-83377 Vachendorf

www.kampenwand-verlag.de

Text: Tanja Nickel

Lektorat: Astrid Güner

Korrektorat: Ann-Kathrin Hoppe

Umschlaggestaltung: Coverhexe

Bilder: shutterstock © Dean zangirolami

Triggerwarnung

Dieses Buch wird für Leser über 18 Jahre empfohlen und beinhaltet folgende Themen:

- Verstümmelung von Körperteilen

- Folter

- Vergewaltigung (nicht detailliert dargestellt)

- deutlich dargestellte Gewaltszenen

Ein Knarren ... Schritte ... das leise Klackern eines Schlüsselbunds ... Mein Atem ging flach. Die Hände waren schweißnass. Schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen und ich hatte Mühe, mich aufrechtzuhalten. Ein Schleier trübte meine Sicht. Verdammt, ich durfte jetzt nicht ohnmächtig werden. Die Wunde an meinem Bauch blutete noch immer. Hoffentlich war das Messer nicht tiefer gegangen, als ich es vermutete.

Brian stand so nahe bei mir, dass ich seinen männlichen Duft aus Schweiß und Aftershave riechen konnte. Meine Augen wanderten über sein Gesicht und die frische Narbe auf seiner Wange. Angestrengt schaute er hinaus, die Hand auf der Waffe, jederzeit bereit zu schießen. Verdammt, in einem anderen Leben wäre er der perfekte Anführer gewesen.

Jemand keuchte und meine Hand schnellte hinauf an Brians Hemdkragen. Ich kannte dieses Geräusch – ich wusste, von wem es stammte. Die Angst in Brians Augen zeigte, dass auch er es wusste.

Ein lautes Poltern und ein Schrei hallten durch den Raum und ich zuckte schlagartig zusammen. Tränen schossen mir in die Augen. Mein Körper versteifte sich und ich wollte gerade loslaufen, als Brians Arm um meinen Körper griff und mich festhielt. Ein gleißender Schmerz durchfuhr meinen Körper. Krampfhaft versuchte ich, nicht aufzuschreien. Seine Hand lag genau auf meiner Schnittwunde. Als er es bemerkte und schockiert das Blut auf seiner Hand betrachtete, sah er mich reuevoll an.

In seinem Blick lag Schmerz und eine unendliche Angst ... Angst, alles zu verlieren, für das er so lange gekämpft hatte.

Er zog mich an sich, legte sein Gesicht an meine Halsbeuge und flüsterte: »Egal, was gleich passiert, versprich mir, nicht zurückzusehen.«

»Was hast du vor?«, fragte ich mit leiser Stimme und wusste, dass mir die Antwort nicht gefallen würde.

»Ich liebe dich, minha Linda. Und jetzt lauf!«

Wie festgefroren stand ich da, als Brian mich zum Fenster schob. Mit eiskalten Gesichtszügen zog er die Waffe aus dem Bund seiner Hose und entsicherte sie. Er befand sich auf seinem ganz persönlichen Rachefeldzug.

Ich stolperte aus dem Fenster und rannte noch, als die Schüsse längst aufgehört hatten nachzuhallen. Obwohl die Luft in meinen Lungen nicht mehr ausreichte, um mich mit Sauerstoff zu versorgen, lief ich weiter. Ich wagte es nicht, anzuhalten und umzukehren. Dabei wollte ich nichts mehr als mich zu vergewissern, dass er noch lebte.

Kapitel 1

Wenn Sie nicht bezahlen, bleibt die Maschine hier. So einfach ist das.«

Der Mann, der mir vor ein paar Tagen seine Kawasaki in die Werkstatt gestellt hatte, grinste mich dämlich an. »Wie wollen Sie mich denn aufhalten, Sie halbe Portion?«

Im Gegensatz zu diesem Kerl war ich wirklich winzig, doch er wusste nicht, dass an meinen Händen Blut klebte. Er hatte ja keine Ahnung, wozu ich fähig war.

Ich liebte meine kleine Werkstatt, die ich in dem kleinen Städtchen Kensington in Arizona betrieb. An Motorrädern herumzuschrauben, war schon immer meine Leidenschaft. Nachdem ich mein altes Leben hinter mir gelassen hatte, war das hier meine Zuflucht ... der Job, Brian und meine kleine Familie.

In Momenten wie diesen vermisste ich mein altes Leben. Ich hatte Macht, Geld und die Männer lagen mir zu Füßen – wenn auch manchmal tot. Jetzt musste ich mich ständig mit Kunden streiten, weil sie die ­Reparaturen nicht bezahlen konnten oder wollten. Sie unterschätzten mich, weil ich eine Frau war.

Der aufmüpfige Kerl trat einen weiteren Schritt auf mich zu. Ich wusste, dass er mich damit einschüchtern wollte, doch ich blieb stehen, sah ihm scharf in die Augen und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Bezahlen Sie!« Ich bohrte ihm meinen Zeigefinger in die Brust. »Oder verschwinden Sie!«, hielt ich mit fester Stimme dagegen.

Ohne mit der Wimper zu zucken, ging er an mir vorbei und wollte gerade sein Motorrad ansteuern. »Wo ist der Schlüssel?«

Lächelnd drehte ich mich zu ihm um und hielt ihn in die Luft. Er wollte ihn mir entreißen, doch ich war schneller und schlug ihm meine Faust direkt in die Weichteile. Damit hatte dieser Idiot nicht gerechnet.

»Du hast jetzt zwei Möglichkeiten, Amigo. Entweder du bezahlst die Reparatur, oder ich mache aus deiner Maschine ein Lager für Ersatzteile.« Ich ließ ihn keuchend zurück, lief zu meinem Büro und lauschte seinem wütenden Gekeife.

Ich hatte gerade den kleinen Raum erreicht, als er hinter mir auftauchte. Doch bevor er mich angreifen konnte, hatte ich bereits nach dem Baseballschläger gegriffen und holte aus. Der Schlag sollte einfach nur wehtun, aber ich hatte meine eigene Kraft unterschätzt. Der Kerl sackte mit eingeschlagenem Schädel zusammen.

»Meu Deus. Nicht schon wieder«, knurrte ich und drückte auf den Schalter, der das Tor der Werkstatt schloss. Mit einem gezielten Tritt trat ich dem Kerl in die Seite. Keine Reaktion. »Warum könnt ihr Idioten nicht einfach bezahlen? Wieso müsst ihr immer beweisen, dass ihr vermeintlich stärker seid, als wir Frauen. Ich hab diesen ewigen Schwanzvergleich so dermaßen satt.«

»Oh, Baby. Nicht schon wieder!«

Erschrocken drehte ich mich um. Brian stand in der Hintertür des Büros und sah sich den leblosen Körper vor seinen Füßen an. »Er wollte nicht bezahlen.«

»Und deshalb schlägst du ihm einfach den Schädel ein? Gott, würde ich dich nicht so sehr lieben, würde ich dich irgendwo einsperren. Du bist eine tickende Zeitbombe.« Das Grinsen auf seinem Gesicht brachte mich selbst zum Lachen.

»Vielleicht hätten wir ein Leben als Auftragskiller anstreben sollen. Inkognito eine Werkstatt zu führen und Kerle wie ihn nicht zu töten, ist gar nicht so leicht.«

Brian zuckte mit den Schultern, stellte zwei Becher Kaffee auf meinen Schreibtisch und krempelte sich die Ärmel seines weißen Hemdes hoch. Dabei fiel mein Blick auf seine sehnigen Unterarme. Er war wirklich ein Bild von einem Mann. Ohne mit der Wimper zu zucken, sah er sich die Leiche des Mannes an und meinte: »Den werden wir nicht in die Fässer bekommen. Hast du eine Kettensäge?«

»Weißt du, wie das spritzt? Lass ihn uns ertränken.«

Brian sah mich mitleidig an. »Die Leiche taucht irgendwann wieder auf. Vielleicht sollten wir einfach umziehen. Was hältst du von Kalifornien?«

»Wir können nicht umziehen. Fabi liebt ihren neuen Kindergarten und deine Mutter ... du kannst sie nicht schon wieder ...«

»Wenn du weiterhin tötest, müssen wir das aber. Irgendwann wird die Polizei hier auftauchen und nach den Männern suchen, deren Körper sich gerade unten im Keller der alten Ruine zersetzen. Und um ehrlich zu sein, uns gehen langsam die Fässer und die Säure aus.«

Ich ging langsam auf Brian zu, legte meine Hand in seinen Nacken und sah ihn mit unschuldigen Augen an. »Wir könnten uns Hunde anschaffen und ...«

»Yana, hör auf damit!«, warnte er. Ich sah ihn überrascht an. Er hatte meinen Namen schon seit vier Jahren nicht mehr ausgesprochen, aus Angst, jemand könnte uns enttarnen.

Ich setzte einen schüchternen Blick auf und küsste seine Mundwinkel. »Oh, Baby. Sei nicht böse mit mir.«

Er schnaubte, weil er sich anstrengte, nicht zu lachen. Dann schob er mich ein wenig von sich weg und betrachtete mich. »Gott, bist du schön.«

»Schön und gefährlich.« Ich kicherte und führte ihn mit mir zum Schreibtisch. »Und weißt du, wie hungrig es macht, so schön und gefährlich zu sein?«

Er hob die Augenbrauen und sah zu, wie ich mich auf die Schreibtischplatte setzte und ihn an mich zog. »Du redest nicht von Hunger im Sinne von Essen, oder?«

»Du bist ein schlauer Kerl.« Ich grinste ihn an und küsste seinen Hals. »Und jetzt hör auf zu reden und fick mich!«

Brian ließ sich das nicht zweimal sagen und hob mein Shirt an, als sein Blick erneut zu dem toten Körper wanderte, der zwischen Garage und Büro lag. »Ich fühle mich beobachtet.«

Ich wollte protestieren, doch Brian achtete nicht weiter auf mich, ging auf den Mann zu und schleifte ihn in die Garage. Mit einem Tritt knallte er die Tür zum Büro zu, sodass der Körper nicht mehr sichtbar war. Dann betrachtete er die Blutspritzer auf dem Boden und ging zur Hintertür, um meine Fußmatte zu holen. Gekonnt drapierte er die Matte auf den Flecken und kam wieder auf mich zu.

»Die letzten Leichen hast du besser versteckt.«

Er küsste mich mit solch einer Wucht, dass ich wankte und fast vom Schreibtisch fiel. »Halt die Klappe!«, sagte er und hielt mich fest. »Ich kümmere mich später darum.«

Mit einer einzigen fließenden Bewegung zog er sich das Hemd über den Kopf und es flog in irgendeine Ecke. Ich lehnte mich so weit es ging nach hinten, während Brian meine Brüste liebkoste und mit den Händen am Gürtel meiner Jeans hantierte.

Ein Stöhnen verließ meine Lippen, als ich ihm ins Haar fasste und ihn tiefer drückte. Er schien zu genießen, dass ich so ungeduldig war, und streifte die Spitze meines BHs zur Seite, um meine steifen Nippel mit der Zungenspitze zu umspielen.

»Mach schon, Brian. Ich muss Fabi nachher vom Kindergarten abholen. Wir haben nicht viel Zeit.«

Er lachte leise. »Hetz mich nicht, Linda. Ich bin mit deinen Brüsten noch lange nicht fertig.«

Ungeduldig schob ich ihn von mir und rutschte vom Tisch. Mit meinen Blicken auf Brian, kniete ich mich vor ihn und wollte gerade seine Hose öffnen, als ich jemanden rufen hörte. »Hallo? Ist jemand hier?«

Erschrocken packte ich meine Brüste wieder ein und sah mich nach meinem Shirt um. Der Sheriff trat durch die Hintertür und blieb sogleich perplex stehen. Sein Blick wanderte von Brians offener Hose hin zu meinem Oberteil, das auf dem Boden lag.

»Tut mir leid, ich wollte nicht ...«

»Schon gut, Sheriff Anderson«, sagte Brian. »Hochzeitstag und so.«

Der Sheriff lächelte betreten und fuhr sich mit der Hand durch das graumelierte Haar. Mit dem Daumen deutete er hinter sich. »Ich kann draußen warten.«

Ich hob mein Shirt auf. »Schon gut. Was gibts denn?«

Der Sheriff war ein Mann, Mitte fünfzig, mit einem riesigen Schnauzer. Er war nett und zuvorkommend. Das wusste ich allerdings noch nicht, als er zum ersten Mal mit seiner Maschine in meiner Werkstatt eintraf. Damals war mir das Herz ein Stück tiefer gerutscht.

»Ich kann auch zu einem anderen Zeitpunkt wiederkommen«, bot er an und wollte schon gehen. Doch die Tatsache, dass da eine Leiche in der Garage lag und ich später damit beschäftigt sein würde, diese verschwinden zu lassen, ließ mir das Adrenalin durch die Adern rauschen.

»Ich muss später zum Kindergarten und werde nicht mehr da sein. Brauchen Sie einen Termin?«

Er schüttelte den Kopf und sah betreten auf den Boden. »Nein. Ich prüfe nur eine Vermisstenanzeige. Vielleicht können Sie mir damit helfen.«

Ich zog die Augenbrauen in die Höhe. »Eine Vermisstenanzeige?«

»Ja. Vor einer Weile ist ein Mann aus der Stadt verschwunden. Seine Frau meinte, er hätte seine Maschine hier in Reparatur gehabt und war aufgebrochen, um sie abzuholen. Er ist nie wieder nach Hause zurückgekehrt. Ich versuche nur, herauszufinden, ob er überhaupt je hier angekommen oder auf dem Heimweg verschwunden ist.«

Ich schlug mir die Hand vor den Mund, während Brian einen mitleidigen Blick aufsetzte. »Brauchen Sie meine Hilfe, Sheriff?«

Brian führte unter dem Decknamen Brad Callahan ein kleines Ermittlungsbüro in der Stadt und hatte dem Sheriff als Privatdetektiv schon bei der Aufklärung einiger Fälle ausgeholfen.

»Leider nein. Wir haben aktuell weder eine Spur, noch wissen wir, ob er nicht einfach abgehauen oder verunglückt ist. Ich möchte rekonstruieren, was passiert ist, bevor er vermisst gemeldet wurde.«

Ich nickte verständnisvoll und ging auf meinen Schreibtisch zu. »Wann war das?«

Geschäftig suchte ich nach dem Datum und dem Namen, den mir der Sheriff nannte, obwohl ich längst wusste, dass er zersetzt in einem der Fässer unter der alten Ruine lag. Er war nicht mein erstes Opfer und wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nicht mein Letztes sein.

Ich tat so, als hätte ich keine Ahnung und suchte in der Ablage nach der Rechnung des schmierigen Typs. Er hatte tatsächlich bezahlt, war aber sehr aufdringlich geworden und deshalb hatte ich ihn kastriert. Er war an Blutverlust gestorben. Danach hatte ich seine Maschine in ihre Einzelteile zerlegt und in mein Lager gebracht, während Brian die Leiche hatte verschwinden lassen.

»Hier ist die Rechnung. Er hat sie am siebzehnten April abgeholt und direkt bezahlt.«

»Okay. Also war er noch hier, bevor er verschwunden ist. Das grenzt das Ganze etwas ein.« Der Sheriff kratzte sich nachdenklich am Kopf.

Brian nickte nur bedächtig. »Ist das nicht der Kerl, der mit dieser rothaarigen Frau verheiratet ist? Wie hieß sie noch gleich? Sehr ... charmante Person.«

Der Sarkasmus in Brians Stimme war kaum zu überhören.

Sheriff Anderson nickte. »Ja, Peggy ist etwas schwierig.«

Brian zuckte mit den Achseln. »Vielleicht ist der Kerl einfach geflohen vor dieser ... Sie wissen schon.«

»Das hätte ich auch vermutet, aber es gibt zwei weitere Fälle von Männern, die ebenfalls verschwunden sind.«

Ich blinzelte. »Oh, das klingt merkwürdig. Wer ist denn noch verschwunden?«

Der Sheriff musterte mich, als wolle er mir ein Geheimnis entlocken. »Einer der Männer kam aus Texas und war nur auf der Durchreise. Auch er hatte seine Maschine hier zur Reparatur. Und der andere Kerl ist erst letzte Woche verschwunden. Er hatte ebenfalls eine Maschine hier zum Kundendienst.«

Mit großen Augen sah ich ihn an. »Das ist merkwürdig. Wenn Sie mir die Namen sagen, kann ich Ihnen sagen, ob sie da waren.«

Mir war klar, dass ich jetzt vorsichtig sein musste und auch wenn Brian sich nichts anmerken ließ, er ebenfalls vorsichtig wurde.

Der Sheriff nannte mir die Namen und ich tat so, als müsste ich überlegen. Dabei wusste ich genau, wer die Kerle waren. Nachdem ich in meinem Kalender nachgesehen hatte, suchte ich nach den Rechnungen. »Hier ist der erste Mann. Fletcher O´Brian. Er war hier und hat sein Motorrad am achten Juni abgeholt. Er hatte allerdings nicht genug Cash und wollte später einen Scheck schicken. Er hat sogar seinen Führerschein hier gelassen, als Pfand, sozusagen. Aber bisher hat er keinen Scheck geschickt. Der muss mir wohl durchgerutscht sein.«

Ich nahm ein gelbes Post-it aus der Schublade, klebte es auf die Rechnung und machte mir eine Notiz mit den Worten: Mahnung.

Der Sheriff schrieb etwas auf den kleinen Block, den er aus seiner Brusttasche holte. »Danke für die Information. Und was ist mit Ashton?«

Ashton war ein Kerl aus der Stadt. Ein schmieriger Geselle, der schon gesessen hatte. Er hatte angefangen, herumzumotzen und meinte, ich hätte es nicht drauf. Dann wollte er eine Entschädigung für eine Reparatur, die ich durchgeführt hatte. Dabei gab es nichts zu entschädigen. Seine Maschine stand noch im Schuppen neben der Werkstatt, da ich noch keine Zeit gehabt hatte, sie zu zerlegen.

Ich sah den Sheriff an und hob die Augenbrauen. »Ja, an Ashton erinnere ich mich sehr gut. Er ist ein Arschloch.« Ich achtete darauf, dass ich immer in der Gegenwart über die Männer sprach, damit ich mich nicht verdächtig machte. Keiner der Kerle war noch am Leben, aber das musste die Polizei ja nicht wissen. »Er war letzte Woche hier und hat sich aufgeführt, als wäre er Gott. Ich hatte seine Maschine repariert, aber er meinte, ich hätte einen miesen Job gemacht. Er wollte nicht bezahlen, also habe ich ihm seine Maschine nicht ausgehändigt. Er ist beleidigt abgezogen. Seine Maschine steht in meinem Schuppen, bis er bezahlt.«

Anderson nickte. »Danke, Mrs. Callahan. Wäre es möglich, die Maschine später von meinen Männern abholen zu lassen?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Wenn sie die Reparatur bezahlen, dann ja. Ansonsten bleibe ich auf der Rechnung sitzen.«

Er verzog den Mund zu einem Lächeln, das nie bei seinen Augen ankam. »Sie verstehen nicht recht, Mrs. Callahan. Die Maschine ist jetzt ein Beweismittel. Wenn sich herausstellt, dass Ashton etwas passiert ist, dann werden wir sie uns ohnehin holen.«

Ich wedelte mit der Rechnung vor seiner Nase herum. »Das waren 500 Dollar, Sheriff. Ich muss auch von etwas leben.«

Brian trat zwischen uns und murmelte mir zu: »Baby, lass mich das machen.« Dann drehte er sich zu Anderson um. »Ich bringe ihnen die Maschine später aufs Revier, okay?«

Ich wusste, was Brian da tat. Er wollte den Sheriff, so schnell es ging, aus der Werkstatt schaffen, bevor dieser auf die Idee kam, sich umzusehen.

Ich verdrehte die Augen und warf den Männern einen abfälligen Blick zu. »Macht was ihr wollt. Ich muss Fabi vom Kindergarten abholen.«

Kapitel 2

Ich stieg in meinen Wagen, in der Hoffnung, dass Brian den Sheriff abwimmeln würde. Schließlich war er selbst einer gewesen. Kaum saß ich hinter dem Steuer, lächelte ich. Wer hätte gedacht, dass ich einmal in einem kleinen Minivan durch die Gegend fahren würde, in dem Spielzeug statt Waffen lagen.

Erneut atmete ich tief durch, bevor ich den Zopf löste, mein Haar ausschüttelte und meine Schultern entspannte. Ein Blick in den Spiegel zeigte eine Frau, die nichts mehr von dem hatte, was sie einst war. Ich war eine Kämpferin gewesen, eine Anführerin. Einst war ich die mächtigste Frau in Boston, nun war ich Mutter, Fake-Ehefrau, weil wir unter falschen Namen geheiratet hatten, und Werkstattbesitzerin für Zweiräder. Das lange schwarze Haar war einem schulterlangen Bob gewichen, der sich gerade so zu einem Zopf binden ließ. Der Versuch, mit den blonden Strähnen mein Äußeres zu verändern, war kaum gelungen. Spätestens bei meinen Tattoos musste ich ­kreativ werden, was der Grund war, warum ich selbst in der größten Hitze immer langärmelige schwarze Shirts trug.

Ich steckte den Schlüssel ins Zündschloss und konnte noch im Rückspiegel sehen, wie Brian mit dem Sheriff das Büro verließ, bevor ich losfuhr.

Zwischen der Werkstatt, die etwas außerhalb der Stadt lag, und dem Kindergarten waren es gerade einmal sechs Meilen. Normalerweise kümmerte sich meine Schwiegermutter Elenor darum, Fabi abzuholen. Sie arbeitete als Krankenschwester in der Arztpraxis und musste wegen des akuten Personalmangels heute länger arbeiten. Das kam mir jedoch gerade recht. Fabi war fast vier Jahre alt und ich hatte aufgrund meiner Arbeit so viel schon von ihr verpasst.

Ich nahm den Highway und fuhr schon eine Weile, als ich den schwarzen Wagen zum ersten Mal entdeckte. Er fuhr mit etwas Abstand hinter mir. Zuerst dachte ich mir nichts dabei, auch wenn so ein edler Wagen mit getönten Scheiben sicherlich nicht oft durch unsere Stadt fuhr. Doch als ich den Wagen selbst nach dem zweiten Mal Abbiegen hinter mir entdeckte, war mir klar, dass ich verfolgt wurde.

Ich kramte mein Handy aus meiner Hosentasche hervor und wollte eben Brians Nummer wählen, als ich im Rückspiegel sah, dass der Wagen abbog und mir nicht mehr folgte. Vielleicht hatte ich mich geirrt ... vielleicht aber auch nicht.

Beunruhigt parkte ich an der Straße vor dem Kindergarten. Ich sah mich noch einmal um, weil mein Bauchgefühl mir sagte, dass hier etwas nicht stimmte. Die ­Stimme der Mutter von einer von Fabis Freundinnen riss mich aus meinen Gedanken. »Hey Marianna. Wie gehts dir?«

Erschrocken sah ich sie an. Mir fiel es selbst nach fast fünf Jahren noch schwer, mich an meinen falschen Namen zu gewöhnen. »Hey, Kelly.« Ich umarmte die Frau, mit der ich mich mittlerweile angefreundet hatte, auch wenn ich nie zuvor weibliche Freunde an meiner Seite gehabt hatte.

»Was macht ihr heute Nachmittag?«

Ich lächelte. »Ich habe Fabi versprochen, dass wir uns ein riesiges Eis holen und dann ins Kino gehen.«

»Das klingt toll. Ich wollte gerade fragen, ob ihr rüberkommen wollt.«

»Heute nicht, aber wenn ihr wollt, kommt doch mit ins Kino.« Ich mochte Kelly und war mir sicher, dass sie für die nötige Ablenkung sorgen würde, wenn ich den Nachmittag mit ihr und den Mädchen verbrachte. Die Sache mit dem schwarzen Wagen hatte mich irgendwie durcheinandergebracht.

Ich verabredete mich mit ihr eine Stunde später bei der Mall und ging zur Tür von Fabianas Gruppe. Kaum hatte ich geklopft und sie geöffnet, sprang mir mein kleiner Wirbelwind auch schon in den Arm. »Mamãe.«

Ich hob mein Mädchen in die Arme und küsste sie auf die Wange. Ihr schwarzes Haar und die wunderschönen braunen Augen hatte sie eindeutig von mir. Doch die Art, wie sie lächelte, und ihre feinen Gesichtszüge waren ein Abbild ihres Vaters. Brian liebte seine Tochter über alles und seine Mutter, die in unserem kleinen schäbigen Haus auf der anderen Seite der Stadt mit uns wohnte, war stolz auf ihre kleine Enkelin und wünschte sich nichts sehnlicher als noch eine ganze Schar von Kindern. Dass es mir nicht möglich war, mehr Kinder zu bekommen, verschwieg ich ihr. Meine Vergangenheit hatte mich dieser Möglichkeit fast beraubt. Dann war ich bei der Geburt fast draufgegangen und hatte beschlossen, nur ein Kind zu haben.

Eine Vorschullehrerin kam auf mich zu und lächelte erst Fabi an, dann mich. »Fabiana, willst du dir schon mal die Schuhe anziehen? Ich muss mit deiner Mommy noch kurz sprechen.«

Besorgt sah ich sie an. »Ist alles in Ordnung?«

Ich ließ Fabiana nach draußen zur Garderobe laufen und sah sie wartend an.

»Als wir heute mit den Kindern draußen im Garten waren, ist uns ein Mann aufgefallen. Er war etwa Mitte vierzig, trug einen schwarzen Anzug, eine Sonnenbrille und hatte das schwarze Haar zurückgekämmt. Auf seiner Stirn war eine große Narbe zu sehen. Er stand am Zaun und hat kurz mit Fabiana gesprochen. Als wir es bemerkt haben, sind wir auf ihn zugegangen, um ihn zur Rede zu stellen, aber da ist er schon gegangen.«

Mein Herz stockte für einen Moment und ich sah sie entgeistert an. »Haben Sie die Polizei geholt?«

»Wir haben dem Sheriff Bescheid gegeben, dass ein merkwürdiger Kerl hier herumlungert. Da er aber wieder verschwunden ist, konnten wir bisher nicht mehr tun.«

»Was wollte er von Fabi?« Bevor sie ein Wort sagen konnte, formten sich die Worte bereits in meinem Kopf: Wir waren entdeckt worden.

»Das wissen wir nicht. Sie meinte, der Onkel hätte ihr ein Geheimnis erzählt und sie dürfe es niemanden verraten. Aber vielleicht können Sie mit ihr sprechen und herausfinden, was der Mann von ihr wollte und wer er war.«

Ich nickte und konnte plötzlich gar nicht schnell genug aus dem Raum fliehen. Draußen stand Fabi mit Kelly und deren Tochter Emma. Sie hatte sich bereits umgezogen und wartete lächelnd auf mich. »Mamãe wir gehen mit Emma ins Kino.«

Etwas in mir zerriss mir das Herz. Ich wusste genau, wer der Mann am Zaun war, der mit Fabi gesprochen hatte, auch wenn die Beschreibung der Erzieherin eher vage war. Mein ganzer Verstand schrie mir zu, sofort alles zusammenzupacken und von hier zu verschwinden. Aber wie konnte ich meine Tochter einfach enttäuschen, nachdem ich schon viel zu wenig Zeit mit mir verbrachte.

Ich versuchte mich in einem Lächeln und nickte. »Ja, das tun wir. Warum gehen wir nicht gleich ins Kino?«

Kelly schien zu bemerken, dass etwas nicht stimmte. Sie zog mich auf die Seite, während die beiden Mädchen auf den Ausgang zusteuerten. »Ist alles okay?«

Ich nickte und grinste sie breit an. »Ja klar. Mir ist nur gerade eingefallen, dass ich Brad versprochen habe, ihn anzurufen.«

Sie nickte. Wahrscheinlich glaubte sie mir kein Wort. »Dann treffen wir uns direkt bei der Mall?«

»Klingt gut. Ich warte mit Fabi vor dem Kino auf euch. Bis gleich.«

Ich schnappte mir Fabi, nahm sie an der Hand und führte sie zu meinem Minivan. Noch im Gehen nahm ich mein Handy aus der Hosentasche und wählte Brians Nummer. Als er selbst dann nicht abgehoben hatte, als ich Fabiana angeschnallt hatte, machte ich mir langsam Sorgen. Ich legte wieder auf und sah mich noch einmal in der Gegend um. Nichts ... es gab nichts, was anders wirkte und doch wurde ich das Gefühl nicht los, dass ich beobachtet wurde. Panik schnürte mir langsam die Kehle zu. Etwas stimmte hier nicht.

Kelly fuhr bereits los, als ich mich in den Wagen setzte und den Motor startete. Noch während ich die Straße hinunterfuhr, wählte ich die Nummer, die ich vor Jahren auswendig gelernt hatte und die mir so vertraut war. Doch niemand hob ab.

Fabiana sang auf der Rücksitzbank ein Lied aus dem Kindergarten. Ich beobachtete sie im Rückspiegel, ließ den Blick aber auch immer wieder auf die Straße hinter mir wandern. Niemand folgte uns.

»Baby, wie war es im Kindergarten?«

»Gut, Mamãe. Wir haben einen Drachen gebastelt.«

Ich lächelte, ohne meine Umgebung aus den Augen zu lassen. An jeder Ecke vermutete ich ihn – Raffael.

»Hey, Fabi. Miss Clarkson hat mir erzählt, dass da heute ein Mann war, der mit dir gesprochen hat.« An ihrem Gesicht konnte ich sehen, dass sie sich schuldig fühlte. Wir hatten ihr tausend Mal eingebläut, dass sie nicht mit Fremden sprechen solle.

»Tut mir leid.« Sie senkte den Blick.

Ich lächelte, auch wenn mir nicht danach zumute war. »Ist schon okay, Baby. Weißt du, wer der Mann war?«

Sie sah aus dem Fenster und schüttelte nur den Kopf. Nach ein paar quälenden Minuten sagte sie: »Das hat er nicht gesagt.«

»Was hat er denn sonst so erzählt?«

Fabi sah mich endlich an. »Das darf ich nicht erzählen. Es ist ein Geheimnis.«

Ich zog die Augenbrauen in die Höhe. »Ein Geheimnis? Aber ich bin doch deine Mamãe. Mir kannst du alles erzählen.«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Er hat gesagt, dass du weggehen wirst, wenn ich es jemandem verrate.«

Meine Eingeweide zogen sich so sehr zusammen, dass ich das Gefühl bekam, mich übergeben zu müssen. »Ich würde niemals weggehen, Süße. Das verspreche ich dir. Aber es ist wirklich wichtig, dass du mir sagst, was der Mann von dir wollte.«

Sie schien darüber nachzudenken, konnte sich aber nicht ganz durchringen, mir davon zu erzählen. Schließlich sagte sie nur: »Er hat gesagt, wenn ich groß bin, würde ich so mächtig wie eine Prinzessin sein und ganz reich werden.«

Ich sah in den Rückspiegel. Die Farbe war mir aus dem Gesicht gewichen und ich war leichenblass. Erneut hob ich das Handy an und tippte blind, während des Fahrens, die Nummer erneut, die ich unbedingt erreichen musste.

Es klingelte ... und klingelte. Ich wollte schon wieder auflegen, als ich plötzlich eine Stimme am anderen Ende vernahm. »Hallo?«

»Graças a Deus. Thiago, ich brauche deine Hilfe.«

Kapitel 3

Yana? Bist du das?«

Thiagos Stimme klang völlig perplex. Ich konnte es ihm nicht verdenken. Er dachte seit über vier Jahren, ich sei tot. Die Flucht vor meinem alten Leben hatte ich bis ins Detail geplant. Ich wollte niemanden in diese Lüge mit hineinziehen, schon gar nicht den Mann, der mir etliche Male das Leben gerettet hatte.

»Hey, schön deine Stimme zu hören.«

»Du bist es wirklich. Ya...« Er hielt inne, weil er vermutlich ahnte, dass ich meine Identität zum Schutz geändert hatte. Außerdem musste ihm klar sein, dass ich niemals angerufen hätte, wenn es nicht ernst wäre. »Was ist passiert?«

»Ich brauche deine Hilfe. Sie haben uns entdeckt.«

Tränen schossen mir in die Augen, als ich die Worte aussprach und nur mit Mühe schaffte ich es, dass meine Stimme nicht brach.

Ohne große Worte teilte ich Thiago mit, wo er uns finden würde. Spätestens nach Fabianas Aussage über das Geheimnis des Mannes wusste ich: Wir waren aufgeflogen.

Kaum hatte ich aufgelegt, waren wir auch schon vor der Mall und parkten. Es war die undenkbar schlechteste Zeit, um ins Kino zu gehen, doch ich brachte es nicht fertig, Fabi zu enttäuschen. Am Ende glaubte sie noch, ich würde sie bestrafen, weil sie mit dem Mann gesprochen hatte. Damit wäre meine Chance dahin, mehr von ihr zu erfahren.

Ich half Fabi aus dem Wagen und sah mich erneut verstohlen um. Es gab keinerlei Anzeichen, dass wir verfolgt oder beobachtet wurden. Und doch fühlte es sich an, als läge etwas in der Luft. Noch auf dem Weg zur Mall bereute ich es, dass ich keine Waffe bei mir hatte.

Ich nahm das Handy zur Hand und drückte die Schnellwahltaste, in der Hoffnung, endlich Brian zu erreichen. Doch erneut hob er nicht ab. »Verdammt, wo bist du nur?«, murmelte ich so leise, dass Fabi mich nicht hören konnte.

Wir betraten den hinteren Teil der Mall, die direkt zum Kino führte, und trafen dort auf Kelly und Emma. Nachdem ich Fabiana ihr versprochenes Eis gekauft hatte, war diese vorerst glücklich. Ich hingegen wurde unruhig. Noch während wir unsere Tickets einlösten, tippte ich eine SMS an Brian.

Yana: Bitte melde dich, sobald du das hier liest. Es ist wichtig!

Wir begaben uns in den Kinosaal, wählten Plätze in der vorderen Reihe und führten etwas Smalltalk, während die Werbung anlief. Immer wieder huschte mein Blick durch den großen Raum, bis schließlich die Lichter ausgingen und der Film startete.

Mein Herz schlug schnell und Schweiß trat auf meine Stirn, während ich immer wieder auf mein Handy starrte. Wo zum Henker bist du, Brian?

Etwa zwanzig Minuten nachdem der Film losgegangen war, klingelte plötzlich mein Handy. Ich warf Kelly einen vielsagenden Blick zu, den sie sofort verstand. Sie nickte lächelnd, während ich nach draußen hastete und meine Tochter in der Obhut meiner Freundin ließ.

Kaum hatte ich den Kinosaal verlassen, hob ich ab und keifte ins Telefon: »Wo warst du?«

Brian schien nicht darauf einzugehen. Etwas außer Atem sagte er: »Sie sind weg.«

»Wer ist weg?« Perplex starrte ich die Wand vor mir an und wartete auf seine Antwort, für die er sich scheinbar endlos Zeit ließ.

»Die Fässer!« Er machte eine Pause, bevor er weitersprach: »Und was darin war.«

Mir stockte der Atem. »Sie haben uns gefunden.«

Jetzt war es Brian, der keine Worte mehr fand. »Bist du dir sicher?«

»Ja. Du weißt, was das bedeutet.«

»Ich hole meine Mutter ab. In einer halben Stunde treffen wir uns am Treffpunkt.«

Ohne ein weiteres Wort zu sagen, legte er auf. Ich ließ das Gespräch noch einmal sacken, bevor ich mich schließlich umsah. Es gab keine Zeit mehr zu verlieren.

Mit wenigen Schritten war ich beim nächsten Feuermelder und schlug die Scheibe ein. Das laute Dröhnen des Alarms hallte durch die Gänge des Kinos und ich wusste, ich müsste jetzt schnell sein, bevor alle Menschen aus den Sälen stürmten und ich meine Tochter aus den Augen verlor.

Ich positionierte mich vor dem Kinosaal, um Fabi abzufangen. Ich wartete, bis die ersten Leute herausströmten und panisch zum Ausgang liefen. Von Kelly fehlte jede Spur. Ich drängte mich an den Menschen vorbei, versuchte, nach ihr Ausschau zu halten und als ich sie schließlich fand, sah sie sich panisch um und rief nach Emma und Fabiana.

»Kelly, was ist passiert?«

Sie sah mich an. »Plötzlich ging der Feueralarm los und die Leute sprangen auf und rannten zum Ausgang. Die Mädchen sind ebenfalls aufgesprungen und plötzlich waren sie weg.«

Mir wurde gleichzeitig heiß und kalt. Hatte Raffael sie geschnappt? Oder war es einer seiner Männer? War es mein Vater?

»Fabi?« Ich drehte mich im Kreis und sah mich um. Verdammt, warum war es noch immer so dunkel hier drin. Vielleicht hätte ich an der Tür stehen bleiben sollen. Sie wäre mir sicher nicht entwischt, wenn ich sie direkt an der Tür abgefangen hätte.

Auf einmal sah ich ihr pinkes Shirt. Sie kauerte mit Emma auf dem Boden, während Unmengen an Menschen sich an ihnen vorbei drängten. Sie würden die Mädchen zertrampeln. »Kelly, da sind sie!«, schrie ich ihr zu und zeigte auf unsere Töchter.

Ich sprang über die Sitze, ohne darauf zu achten, ob sich mir jemand in den Weg stellte. Kaum hatte ich die Mädchen erreicht, schubste ich einen Mann zur Seite, der einfach achtlos über sie hinwegsteigen wollte. Er riss sich von mir los und wollte mich anschreien, doch ich hatte keine Geduld dafür und knockte ihn mit einem gezielten Schlag auf den Hals aus.

Kelly, die verstört zugesehen hatte, sagte kein Wort, sondern stürzte sich auf ihre Tochter. Gemeinsam zogen wir die Mädchen in unsere Arme und liefen zum Ausgang. Irgendwann verlor ich sie im Getümmel, doch das war mir egal. Ich musste hier raus, und zwar schnell.

Fabis zierlichen Körper fest umklammert drängte ich mich durch die Menschenmasse. Mein Ziel klar vor Augen boxte ich mich an Männern und Frauen vorbei, half dabei einem Kind auf, das zu Boden gestürzt war. Mehr konnte ich nicht tun, denn Brian wartete auf uns.

Statt in die Freiheit zu stürzen, ging ich bedächtiger vor, als ich den Ausgang erreicht hatte. Ich konnte nicht wissen, ob mir jemand folgte, weshalb ich langsam meinen Blick über den Parkplatz schweifen ließ. Doch zwischen all den panischen Menschen war es mir nicht möglich, etwas Verdächtiges auszumachen.

Ich setzte Fabiana ab und ging in die Hocke. »Baby, alles ist gut. Wir werden jetzt zu Daddy fahren, okay?«

Erst jetzt bemerkte ich den verängstigten Blick meiner Tochter und die Tränen, die ihr sichtlich aus den Augen strömten. Vorsichtig wischte ich sie weg und umarmte sie, als plötzlich ...

Ein lauter Knall erschütterte den Parkplatz, sodass selbst der Boden bebte. Schreie hallten durch die Luft und wir gingen in Deckung, während Glasscheiben von Fahrzeugen zersprangen.

Ohne zu wissen, was geschehen war, drückte ich Fabi an mich und ließ sie nicht los, selbst als sie erschrocken aufkreischte. Dann hob ich sie wieder hoch und stand auf, um zu sehen, woher der Knall gekommen war.

Mein Blick fiel sofort auf meinen Minivan – oder das, was davon noch übrig war. Teile des Wagens waren überall auf dem Parkplatz verteilt und brannten. Spätestens jetzt gab es keinen Zweifel mehr, dass ich entdeckt worden war. Dabei war es mir längst klar gewesen, als die Erzieherin von dem Fremden mit der Narbe auf der Stirn erzählt hatte. Eine Narbe, die ich ihm selbst zugefügt hatte.

Ich rannte ziellos auf ein Auto zu und lugte ins Fenster. Ich konnte nur Fahrzeuge mit Schaltung kurzschließen und die waren mittlerweile ziemlich rar. Gerade als ich eines gefunden hatte, hielt Kelly neben mir an und ließ das Fenster ihres Wagens herunter.

»Marianna, was ist passiert? Wo ist dein Wagen?«

Ich ging auf sie zu, ohne ihre dämliche Frage zu beantworten. Mein verdammter Wagen lag auf dem gesamten Parkplatz verteilt. »Kannst du mich mitnehmen?«

Ohne auf eine Antwort zu warten, setzte ich mich mitsamt meiner Tochter auf den Beifahrersitz und schnallte uns beide notdürftig an. Ich nahm mein Handy aus der Tasche und wählte die Nummer meiner Schwiegermutter. Schon nach dem ersten Klingeln nahm sie ab.

»Hey Ya… Marianna. Ist alles in Ordnung?«

»Ja. Alles gut. Wo bist du? Du musst sofort zum Treffpunkt kommen«, keuchte ich.

»Ich bin noch auf der Arbeit. Ich kann hier nicht sofort weg.« Ich schloss die Augen, versuchte, die Wut nicht herauszuschreien, die sich in mir anstaute. Sie wusste genau, dass die Erwähnung des Treffpunkts bedeutete, dass wir sofort wegmussten, nicht erst, wenn es gerade passte.

»Du musst sofort zum Treffpunkt fahren. Du kennst den Plan.«

»Ich weiß. Aber meine Kollegin ist krank und wenn ich einfach gehe, dann müssen sie die Praxis schließen.«

Ich biss mir auf die Zunge und unterdrückte den Fluch, der aus mir herausplatzen wollte. »Hör zu, ich bringe Fabi zu dir. Versprich mir, dass du bereit bist, sobald wir dich abholen.«

»Aber ich kann erst ...«

»Elenor!« Ich sprach sie absichtlich mit ihrem echten Namen an, damit sie den Ernst der Lage verstand. »Wir müssen!«

Kelly, die das ganze Gespräch mitbekam, sah mich fragend an. Als ich auflegte, fragte sie: »Ist alles in Ordnung?«

Statt darauf zu antworten, nickte ich nur. »Kannst du mich zur Praxis von Dr. Cassidy fahren?«

»Was ist hier los?«

Sie fuhr gerade aus der Parkplatzausfahrt hinaus, als ich antwortete. »Nur ein kleines Problem, das wir lösen müssen.«

»Dein Wagen ist in die Luft geflogen und du nennst das ein kleines Problem?« Fabiana schluchzte auf und ich sah Kelly böse an. Sie verstand sofort und bot an: »Ich kann Fabi auch mit zu mir nehmen, wenn nötig.«

»Das ist nicht nötig. Meine Schwiegermutter muss nur länger arbeiten. Aber das wird kein Problem sein.« Eindringlich sah ich sie an. »Kannst du mir einen Wagen leihen?«

Sie öffnete den Mund, schloss ihn wieder und blinzelte dann verwirrt. »Ich habe nur diesen einen hier. Den anderen hat mein Mann und der ist auf Geschäftsreise.«

Der Mafiaboss in mir regte sich. Das war nicht mein Problem und ich könnte mir den Wagen auch einfach nehmen, wenn ich wollte. Doch die Mutter, die ich heute war, verstand das Problem und ich nickte. »Dann leihe ich mir den Wagen meiner Schwiegermutter.«

Elenors Wagen war ein Desaster und mit ihm würden wir wohl kaum weiter als ein paar Meilen kommen. Wahrscheinlich mussten wir mit Brians Kleinwagen flüchten, der gerade groß genug war, um einen Koffer im Kofferraum zu verstauen.

Schweigend fuhr Kelly zur Praxis von Dr. Cassidy. Ich stieg mit Fabi aus dem Wagen und drehte mich noch ein letztes Mal um, in dem Wissen, dass ich Kelly und Emma nie wiedersehen würde. »Danke Kelly. Danke für alles.«

Sie schien perplex, doch bevor sie antworten konnte, schlug ich die Tür zu und rannte zum Eingang der Praxis. Kaum hatte ich die Tür geöffnet, erblickte ich Elenor, die sofort aufsprang und mich besorgt ansah. »Was geht hier vor?«

Ich reichte ihr meine Tochter und flüsterte: »Du musst auf Fabi aufpassen. Sorge dafür, dass niemand mit ihr spricht, und halte dich bereit. Sobald wir da sind, müssen wir sofort verschwinden.«

»Aber ...«

»Kein Aber!« Ich küsste sie auf die Wange, dann Fabi und drückte sie kurz an mich. »Wo ist dein Autoschlüssel?«

»In meinem Spind. Warte, ich hole ihn schnell.«

In aller Seelenruhe ging sie mit Fabi nach hinten, und ich hatte Mühe, nicht auszurasten. Sie hatte nicht begriffen, wie ernst die Lage war.

Ich stand ungeduldig da und wartete, starrte dabei immer wieder auf die Uhr und hoffte, dass wir noch unbeschadet aus der Stadt kamen, als mein Blick durch die Glastüren der Praxis wanderte und ich den schwarzen Wagen entdeckte, der mich vor kurzem noch verfolgt hatte. Sie waren bereits da.

Ohne darüber nachzudenken, lief ich nach hinten und suchte Elenor und Fabi. Als ich sie fand, zerrte ich beide mit mir, außerhalb der Sichtweite der Tür. »Gibt es einen Hinterausgang?«

»Ja, natürlich. Wirst du mir jetzt endlich erklären, was los ist?«

Ich antwortete nicht, sondern scheuchte sie vor mir her. Erst als wir den Notausgang erreicht hatten, hielt ich inne und schob sie hinter mich. »Wartet hier. Ich sehe nach, ob die Luft rein ist.«

Von vorn hörte ich das kleine Glöckchen der Tür bimmeln. Jemand hatte die Praxis betreten und Elenor wollte gerade nach vorn gehen, als ich sie am Arm mit mir zog und ihr andeutete, ruhig zu bleiben.

Flüsternd protestierte sie: »Ich muss sehen, wer gerade gekommen ist.«

Unmerklich schüttelte ich den Kopf und sie verstand sofort. Mit großen Augen sah sie mich an, während ich um die Ecke spähte. Als ich dort niemanden entdeckte, packte ich Elenor und Fabi am Arm und riss sie mit mir, bevor sie wussten, wie ihnen geschah. Als wir den klapprigen Wagen meiner Schwiegermutter erreicht hatten, atmete ich aus. Elenor schloss auf und wollte gerade etwas sagen, als ich Schüsse von der Praxis hörte. Erschrocken reichte sie mir den Schlüssel und stieg mit meiner Tochter hinten ein.

Ich setzte mich auf den Fahrersitz und rief über die Schulter. »Duckt euch und bleibt unten, bis ich euch sage, dass ihr wieder hochkommen dürft.«