A Photo Finish - Elsie Silver - E-Book

A Photo Finish E-Book

Elsie Silver

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Beschreibung

Er hält sein Herz unter Verschluss - bis er sie trifft

Was zwischen Violet Eaton und Cole Harding in einem Online-Chat passiert ist, liegt lange zurück und ist Vergangenheit. Doch das Leben hat andere Pläne, denn als Cole geschäftlich nach Ruby Creek kommt, staunt er nicht schlecht, als er sieht, dass Violet auf der Ranch seiner Familie als Jockey arbeitet. Allerdings zeigt Violet ihm die kalte Schulter - bis sie sich bei einem Rennen verletzt und die beiden gezwungen sind, Zeit miteinander zu verbringen. Schon bald merkt Cole, dass Violet es noch immer schafft, seine kalte Fassade zum Schmelzen zu bringen und sein Herz schneller schlagen zu lassen ...

»Elsie Silvers Schreibstil ist eine wahre Offenbarung!« Ali Hazelwood

Band 2 der Debütreihe von TIKTOK-Star und SPIEGEL-Bestseller-Autorin Elsie Silver

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Seitenzahl: 489

Veröffentlichungsjahr: 2026

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INHALT

Titel

Zu diesem Buch

Leser:innenhinweis

Widmung

Motto

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

Epilog

Bonus-Szene

Ein besonderes Dankeschön

Danksagung

Die Autorin

Die Bücher von Elsie Silver bei LYX

Impressum

ELSIE SILVER

A Photo Finish

GOLD RUSH RANCH

Roman

Ins Deutsche übertragen von Maike Hallmann

ZU DIESEM BUCH

Violet Eaton hat es geschafft und sich auf der Gold Rush Ranch ein neues Leben aufgebaut. Sie hat sich der überbordenden Fürsorglichkeit ihres Vaters und ihrer drei Brüder entzogen und sich ihren Traum, Rennen zu reiten, erfüllt. Nur die Liebe kommt zu kurz, den letzten Mann, der ihr Herz berührt hat, hat sie nur online kennengelernt, sie weiß nicht einmal, wie er aussieht. Weil er ihr sein Gesicht nicht zeigen wollte, hat sie den Kontakt abgebrochen, umso entsetzter ist sie, als sich Cole Harding, einer der Besitzer der Gold Rush Ranch, für die sie als Jockey arbeitet, als dieser zu erkennen gibt. Ein Jahr gehen die beiden sich aus dem Weg, doch dann zieht Cole aus geschäftlichen Gründen auf die Ranch, und als Violet bei einem Rennen stürzt und sich verletzt, muss sie sich bei ihm einquartieren. In den vier Wochen ihrer Genesung kommen sie sich näher, und Violet merkt, dass sie noch immer von dem kühlen und unnahbaren Mann fasziniert ist. Schnell begreift sie, dass Cole hinter dieser Fassade viele Verletzungen und Unsicherheiten verbirgt und sich deshalb mit Händen und Füßen gegen Nähe wehrt. Doch so leicht gibt Violet nicht auf …

Liebe Leser:innen,

dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte.

Deshalb findet ihr hier eine Contentwarnung.

Achtung: Diese enthält Spoiler für das gesamte Buch!

Wir wünschen uns für euch alle das bestmögliche Leseerlebnis.

Euer LYX-Verlag

Für meinen Mann, Mr Silver. Ich liebe dich, aber bitte hör damit auf, mir auf TikTok zu folgen.

Keine Stunde des Lebens,

die man im Sattel verbringt, ist verloren.

Winston Churchill

1. KAPITEL

VIOLET

Habe ich dieses Rennen wirklich gerade gewonnen?

Alles scheint in Zeitlupe abzulaufen. Die gespitzten schwarzen Ohren vor mir, dahinter die glänzende schwarze Mähne, die gleichmäßig auf und ab wogt. Ich grabe die Finger hinein und halte mich daran fest, als ginge es ums nackte Überleben.

Rasch blicke ich über die Schulter, um mich zu vergewissern, dass ich wirklich und wahrhaftig die Ziellinie überquert habe. Dass ich nicht kurz im Sattel ohnmächtig geworden bin und einen Teil des Rennens verpasst habe. Vielleicht gibt es noch eine weitere Runde? Vielleicht habe ich, die Anfängerin, es gerade so richtig vermasselt?

Aber überall ringsum zügeln auch die anderen Jockeys ihre Pferde. Reiter auf Begleitpferden kommen auf die Bahn und sammeln allzu aufgeregte Rennpferde ein. Und einige meiner Konkurrenten gratulieren mir sogar. Das ist wirklich nett von ihnen, denn eigentlich habe ich hier nichts zu suchen. Nicht auf diesem Pferd, nicht bei einem so prestigeträchtigen Rennen.

Das hier ist mein erstes Rennen überhaupt, und ich habe mich gerade für das Denman Derby qualifiziert. Das ist völlig absurd und schieres Glück. So etwas hat es nie zuvor gegeben.

Ich schüttle den Kopf und versuche, meine Gedanken zu ordnen. Langsam dringen die Geräusche ringsum wieder zu mir durch: Jubelrufe von den Tribünen, Fanfarenklänge aus den Lautsprechern, und auf der Anzeigetafel im Innenfeld blinkt dieselbe Nummer, die auch unsere Satteldecke ziert.

Wir haben es wirklich geschafft.

Ich lasse mich nach vorn sinken, schlinge die Arme um den glänzenden schwarzen Pferdehals und schmiege mein Gesicht in das schweißnasse Fell. Meine Kehle ist wie zugeschnürt. Mit tränenfeuchten Augen flüstere ich: »Wer ist der Allerbeste?«

Dann richte ich mich auf, und DD verfällt in einen entspannten Schritt. Sobald das Rennen vorbei ist, wird er sehr schnell wieder ruhig. Er ist ein richtiger großer Teddybär. Allerdings war das nicht immer so. Es ist noch gar nicht lange her, dass sich niemand in seine Nähe getraut hat. Aber dann hat sich Billie seiner angenommen, seine neue Trainerin, und aus irgendeinem Grund wurde ausgerechnet mir das Glück zuteil, ihn reiten zu dürfen.

Ich gebe DD mehr Zügel, und wir steuern in aller Ruhe auf die Siegertribüne zu. Das ist es doch, was wir jetzt tun sollten, oder? Als mir klar wird, dass ich es nicht genau weiß, durchfährt mich ein kalter Schreck. Ich kenne mich im Bell Point Park aus, ja, aber ich habe nie zuvor ein großes Rennen gewonnen.

Doch im nächsten Moment ist Hank an meiner Seite, der Stallmanager der Gold Rush Ranch, tätschelt mein Bein und strahlt mich mit seinem ansteckenden Grinsen an. Seine von Fältchen umkränzten grünen Augen schimmern feucht. »Herzlichen Glückwunsch, Violet. Ich bin wahnsinnig stolz auf dich.«

Hastig blinzle ich und wende den Blick ab. Hank hat eine wahnsinnig väterliche Ausstrahlung. Oder ist es eher eine Großvater-Ausstrahlung? Jedenfalls sollte er vom Alter her längst im Ruhestand sein, aber das scheint ihm ganz egal zu sein. Er springt jeden Tag so munter auf der Ranch herum, als wäre er Mitte zwanzig.

Ich bringe ein schwaches Lächeln zustande. Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich wirklich gewonnen habe, und diese Erkenntnis haut mich fast um. »Danke, Hank.«

Er packt DDs Zügel dicht neben dem Gebiss. »Ruhig, Junge.« Dann führt er ihn in den Schatten eines Baums. »Ihr zwei nehmt euch jetzt erst mal einen Moment Zeit, bevor ihr da rausgeht. Atme ein paarmal tief durch, damit du wieder weißt, wo oben und unten ist.«

Ich könnte Hank umarmen vor lauter Dankbarkeit, weil er genau weiß, was ich jetzt brauche, während ich selbst zu überwältigt bin, um es zu begreifen.

»Danke.« Ich lächle ihn an und schließe die Augen, um seinen Rat zu befolgen und tief durchzuatmen.

Bis vor Kurzem war ich eine einfache Pferdepflegerin auf der Gold Rush Ranch. Manchmal bin ich auch als Trainingsreiterin eingesprungen, wenn meine Freundin, die Cheftrainerin Billie Black, mich um Hilfe gebeten hat. Als sie mir dann eröffnet hat, ich solle eines der talentiertesten Rennpferde reiten, die ich je gesehen habe, bin ich aus allen Wolken gefallen. Nachdem die lokale Berühmtheit Patrick Cassel ein einziges Rennen auf ihm geritten ist und sich als Jockey ihr Missfallen zuzog, hat sie ihn kurzerhand durch mich ersetzt.

Es ist also wirklich nichts als schieres Glück gewesen, und ich bin ganz sicher, dass alle erkennen werden, dass ich auf dem Rücken dieses Pferdes nichts verloren habe.

Langsam hört mein Kopf auf, sich wie rasend zu drehen. Ich strecke die Schultern zurück und hebe das Kinn. DD atmet schon wieder ganz ruhig, und ich höre ihn auf dem Gebiss herumkauen, ein sicheres Zeichen dafür, dass er entspannt ist.

Fake it till you make it, Vi. Ganz gleich, welche glücklichen Umstände mich in diesen Sattel befördert haben – ich habe dieses Rennen gerockt. Und es war alles andere als leicht. DD und ich haben uns diesen Sieg verdient, und ich werde mich in aller Würde darüber freuen, statt mich selbst fertigzumachen und mir einzureden, das alles stünde mir nicht zu.

»Okay. Ich bin bereit.«

Hank nickt mir zu und treibt DD mit einem Zungenschnalzen an, und dann sind wir unterwegs zu dem wilden Chaos auf der Siegertribüne.

Billie ist bereits dort. Ihre Augen, die mit Sicherheit in Tränen schwimmen, sind hinter einer großen Sonnenbrille verborgen. Neben ihr steht Vaughn, einer der beiden Brüder, denen jetzt die Gold Rush Ranch gehört. Er hat einen Arm besitzergreifend um ihre Taille gelegt.

Es ist nicht zu übersehen, dass zwischen den beiden was läuft, und ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen und zwinkere Billie zu. Im nächsten Moment stürzt sie auch schon los und schlingt die Arme um DD und mich. Unter Schluchzern bringt sie heraus, dass sie mich liebt und stolz auf mich ist. Und ich würde lügen, würde ich behaupten, dass nicht auch meine Augen brennen. Ich beuge mich vor, um sie ebenfalls zu umarmen, und flüstere in ihr kastanienbraunes Haar: »Vielen Dank für alles.«

Nach ihr kommt Vaughn auf mich zu, entscheidet sich aber gegen eine Umarmung und drückt mir stattdessen fest die Hand. Sein Lächeln ist breit und echt, und vor lauter Stolz wirft er sich richtig in die Brust. »Glückwunsch, Violet. Fantastisch geritten.«

»Danke für die Chance«, sage ich und erwidere sein Lächeln mit einem manischen Grinsen. Denn mal im Ernst … wer würde denn eine völlig unerfahrene sechsundzwanzigjährige Pferdepflegerin für ein solches Rennen auf ein solches Pferd setzen?

Auf einmal taucht noch jemand neben Vaughn auf. Unwillkürlich reiße ich die Augen weit auf und schelte mich sofort dafür. Mein Pokerface lässt leider ein bisschen zu wünschen übrig. Das war schon immer so, ich bekomme es einfach nicht hin. Man sieht mir meine Gefühle immer an, sie stehen mir sozusagen in riesigen Neonbuchstaben ins Gesicht geschrieben. Und natürlich ist auch dieser Moment keine Ausnahme.

Der Mann, der gerade aufgetaucht ist, muss Cole sein, Vaughns älterer Bruder. Ich habe schon viel über ihn gehört, vor allem von Billie, die sich gern darüber auslässt, was für ein Arschloch er sei, oder Witze darüber reißt, dass er möglicherweise ein Roboter ist. Und jetzt, da ich ihn mit eigenen Augen sehe, verstehe ich, was sie meint. Alle anderen freuen sich und feiern, doch er sieht geradezu mörderisch drein.

Und unglaublich verlockend.

Liegt es an den Endorphinen, die mich gerade so reichlich durchströmen, dass mir regelrecht schwindlig wird? Tötet es vielleicht Hirnzellen ab, so glücklich zu sein? Jedenfalls kann ich den Blick nicht abwenden von diesem umwerfenden Mann. Obwohl er mich finster anstarrt, sauge ich seinen Anblick so gierig in mich auf wie den Champagner, den ich am Ende dieses verrückten Tages unbedingt trinken will.

Er sieht aus wie Vaughn und doch ganz anders. Härter, imposanter. Vaughn ist groß und schlank, sein Bruder stark und breit. Seine Schultern sprengen beinahe die Anzugjacke, fast als könnte der Stoff reißen, wenn er die Muskeln nur ein wenig anspannt. Mein Blick wandert hinunter zu seiner schlanken Taille und den kräftigen Oberschenkeln.

Reißdichzusammen,Violet.Dufängstjaschonfastanzujapsen.

Ich wusste, dass Vaughn einen Bruder hat, der sein Leben in einem Büro in der Stadt verbringt und nie einen Fuß auf die Ranch setzt. Aber so hatte ich ihn mir ganz sicher nicht vorgestellt.

»Hallo!«, sage ich ein wenig zu fröhlich. Wie peinlich. »Ich bin Violet.« Ich strecke ihm die Hand entgegen, mitten im Gedränge der Leute und Kameras ringsum.

Doch er erwidert mein Lächeln nicht. Seine wohlgeformten Lippen sind zusammengepresst, und er mustert mich mit seinen grauen Augen, während ich noch immer auf DDs Rücken sitze. Als er schließlich meine Hand ergreift, wird mir erst richtig klar, wie groß der Mann ist: Meine Hand verschwindet praktisch in seiner, mitsamt Handgelenk. Zuerst ist sein Händedruck sanft, doch dann drückt er fester zu und tritt dicht an das Pferd heran. Hebt die andere Hand und krümmt den Zeigefinger.

Ein stummer Befehl, näher zu kommen.

Mein Herz rast. Benommen beuge ich mich zu ihm, so hilflos wie eine Motte, die vom Licht angezogen wird.

Ich erwarte seine Glückwünsche.

Doch stattdessen sagt er etwas, das mir schlagartig die Vergangenheit ins Gedächtnis ruft. Genauer gesagt: die Fehler meiner Vergangenheit.

»Schön, dich wiederzusehen, Pretty in Purple. Angezogen hätte ich dich beinahe nicht erkannt.«

Mit einem hörbaren Keuchen zucke ich zurück.

Nein.

Vom Pferderücken aus starre ich auf ihn hinunter und spüre, wie mir sämtliches Blut aus dem Gesicht weicht. Erinnerungen steigen auf – an einen Mann, den ich so sehr zu vergessen versucht habe.

Das kann nicht wahr sein.

Es gibt nur einen Menschen auf der Welt, der auf die Idee kommen könnte, mich so zu nennen. Der die Frechheit besitzt, es so zu betonen. Meine Wangen brennen, als die Erinnerungen ans vergangene Jahr auf mich einprasseln.

Diese jugendliche Experimentierphase in meinem Leben sollte eigentlich nichts weiter sein als eine kurze Zwischenetappe auf meinem Weg zur Unabhängigkeit.

Niemand sollte darüber Bescheid wissen. Dieser Teil meines Lebens sollte in der Vergangenheit versinken, vergessen und begraben sein.

Ich habe ihn damals einfach geghosted, und der Plan war, dass er bleibt, wo er war. Dort, wo ich ihn zurückgelassen habe.

Er hätte mir niemals etwas bedeuten sollen.

Aber als ich jetzt in seinen grauen Augen schier ertrinke, während ringsum das Chaos tobt, wird mir klar: Er bedeutet mir noch immer etwas.

2. KAPITEL

COLE

Ein Jahr später

Ich will nicht auf die Gold Rush Ranch ziehen.

Ich hasse es hier draußen. Und das sage ich nicht einfach so. Tief in mir verspüre ich nichts anderes als Abscheu bei diesem Gedanken. Ich gehöre einfach nicht hierher. Es fühlt sich genauso an wie der Instinkt, der mich in Übersee am Leben gehalten hat, und er flammt jedes Mal auf, wenn ich mich der Ranch auch nur nähere. Aber trotzdem fahre ich jetzt auf dem Highway, der mich geradewegs dorthin führt. Wäre dies der Irak, würde ich meinen Pick-up wenden und zusehen, dass ich von hier verschwinde.

Aber das hier ist nicht der Irak.

Es ist das verdammte Ruby Creek, was ehrlich gesagt womöglich sogar noch schlimmer ist als der Irak. Ich würde drauf wetten, dass es in der ganzen Umgebung nur eine einzige Tankstelle gibt und natürlich einen von diesen kleinen Lebensmittelläden und obendrein einen Haufen klatschsüchtiger alter Weiber. Ich hasse Kleinstädte. Ich hasse es, wie freundlich jeder tut und dass von einem erwartet wird, dass man alle naselang stehen bleibt und Small Talk mit Leuten macht, die man nicht kennt und die einen überhaupt nicht interessieren. Und ich hasse es, dass alle genau über dich Bescheid wissen.

Oft denke ich, dass ich die Menschen möglicherweise hasse. Aber eigentlich möchte ich so nicht sein. So verloren, so finster.

Ich lege einfach nur Wert auf meine Privatsphäre. Es gefällt mir, wenn ich für mich sein kann und mein Leben ruhig und überschaubar ist. Bohrende Fragen hingegen gefallen mir gar nicht. Doch ich weiß genau: Sobald ich auch nur einen Fuß auf die Ranch meiner Familie setze, werde ich mit allem konfrontiert, was ich nicht leiden kann. Vaughn allein wäre schon schlimm genug – der aufdringliche kleine Bruder, der sich ständig an meine Fersen geheftet hat. Aber jetzt ist er zu allem Überfluss auch noch verlobt, und zwar mit Billie Black. Auch bekannt als die unausstehlichste Frau der Welt.

Nicht falsch verstehen, ich freue mich für die beiden. Auch wenn ich bei dem bloßen Gedanken schon die Augen verdrehe … Irgendwie sind sie ganz süß zusammen. Und Billie tut meinem kleinen Bruder gut. Aber die beiden verströmen eine derartige Überdosis Sonnenschein und Regenbogen, dass man in ihrer Gegenwart eine Sonnenbrille braucht. Und Ohrstöpsel. Sie halten einfach nie die Klappe.

Bei dem Gedanken daran, wie wenig Ruhe ich auf der Gold Rush Ranch finden werde, stöhne ich auf.

Ich denke an die Ausritte mit meinem Vater hier in der Umgebung. Daran, wie wir zusammen gelacht haben, an sein Lächeln und seine Leidenschaft für Pferderennen. Mich auf dem Pferderücken zu sehen hat ihn immer so glücklich gemacht, und mich hat es glücklich gemacht, Zeit mit ihm zu verbringen.

Und dann biege ich auf den Feldweg ein, der zur Ranch führt, und denke an sie.

Mit ihr zu tun zu haben wird noch schwieriger als alles andere. Ich hätte mich besser bedeckt halten sollen. Hätte nicht die Kontrolle verlieren dürfen. Es wäre ein Leichtes gewesen, meine Anonymität zu bewahren. Aber als ich dieses Gesicht gesehen habe, das mich seit einem Jahr bis in meine Träume verfolgt, jenes Gesicht, das ich niemals vergessen werde, und ihr unschuldiges, strahlendes Lächeln, da habe ich getan, was ich immer tue: Ich habe es vermasselt.

Als würde ich ein Blatt reines weißes Papier sehen und absichtlich ein Fläschchen Tinte darüberkippen, um es zu besudeln.

Das Rennen ist jetzt ein Jahr her, und ich habe alles darangesetzt, um eine erneute Begegnung zu vermeiden. Ich habe praktisch eine Atombombe auf das Mädchen geworfen und bin dann abgehauen. Spricht echt für mich.

Du bist so ein Arschloch.

Ich trommle mit den Fingern auf dem Lenkrad und knirsche mit den Zähnen. Vor Beklemmung zieht sich meine Brust zusammen. Die gepflegte, von Bäumen gesäumte Einfahrt der Gold Rush Ranch kommt in Sicht, der Name der Ranch steht auf einem Schild, das an Ketten vom hohen Tor herunterhängt. Ich stoße ein Schnauben aus. Das hier ist gar keine Ranch mehr. Es ist ein erstklassiger Rennstall und hat praktisch nichts mehr mit dem zu tun, womit meine Großeltern einst angefangen haben.

So viel Geschichte.

Ich sollte nicht hier sein. Hier ist alles voller Erinnerungen, die mich verfolgen, und hier leben Menschen, die mich nicht verstehen und nie verstehen werden, weil ich nicht vorhabe, es zuzulassen.

Aber ich habe dem Vorstand von Gold Rush Resources, der anderen Familienfirma, zugesagt, das frisch erworbene Unternehmen in der Nachbarstadt auf Vordermann zu bringen. Ich habe gesagt, dass ich erst wiederkomme, wenn das Unternehmen Gewinn abwirft. Jetzt allerdings weiß ich selbst nicht mehr, weshalb ich ein solches Versprechen gegeben habe.

Ich fahre in die kreisförmig angelegte Einfahrt und sehe mich um. Eins muss ich Vaughn lassen: Alles ist in makellosem Zustand. Die Pferde, die Zäune, sogar die Blumen … Er hat die Ranch vor einem Jahr übernommen, und seither ist sie regelrecht aufgeblüht. Widerwillig gestehe ich mir ein, dass ich mir insgeheim wünsche, er würde in unsere Büros in der Innenstadt von Vancouver zurückkehren. Irgendwie habe ich ihn gern um mich.

Doch stattdessen hat er sich hier draußen ein neues Leben aufgebaut, und ich bin fast neidisch auf seine Fähigkeit, sich selbst von Grund auf neu zu erschaffen, während ich selbst im immergleichen Trott stecke und mich fühle, als würde ich im Schlamm versinken wie ein Reifen, der sich festgefahren hat.

Ich schließe die Augen und atme tief durch. Presse den Handballen gegen den Oberschenkel und versuche, ein wenig Ruhe zu finden. Tief durchzuatmen hat mir meine Therapeutin empfohlen. Ich habe ihr gesagt, das klinge nach Hippie- und New-Age-Müll, woraufhin sie mich nur ausdruckslos angesehen hat – sie kennt mich zu gut. Wahrscheinlich ist ihr völlig klar, dass ich es heimlich ausprobiert habe und es funktioniert.

Klopf, klopf, klopf.

»Hey, Großer! Machst du ein Nickerchen? Ich weiß, ich weiß, du bist alt, aber das jetzt ist ein bisschen übertrieben.«

Wird Billie Black verschwinden, wenn ich einfach so tue, als hätte ich sie gar nicht bemerkt? Wie ein lästiges Hirngespinst, das ich einfach wegschieben kann?

Ich öffne die Augen und wende langsam den Kopf, um sie mit meinem allerbesten vernichtenden Blick zu mustern. Die meisten Menschen würde er in die Flucht schlagen. Aber Billies Grinsen wird nur noch breiter.

Lachend dreht sie sich zur Seite und gibt mir mit einem Wink zu verstehen, dass ich weiterfahren soll. »Wenn du wieder fit bist: Du findest Vaughn in seinem Büro.«

Ich hasse es jetzt schon, auf der Gold Rush Ranch zu sein.

»Du siehst aus, als wolltest du jemanden umbringen.«

Finster mustere ich Vaughn und lasse mich auf einen Stuhl plumpsen. »Ja, könnte durchaus sein.«

Er zieht eine Augenbraue hoch. »Warum?«

»Du weißt, dass ich nicht gern hier bin.«

»Das weiß ich. Aber die neue Mine ist in Hope. Warum hast du dir nicht dort eine Bleibe gesucht?«

Ich wische mir mit der flachen Hand übers Gesicht. Vaughn hat schon immer so viel gefragt. Ich weiß noch, wie er mir als Kind ständig hinterhergelaufen ist und mich mit Fragen gelöchert hat, und ich als sieben Jahre älterer Bruder hatte wenig Lust darauf, ihm beispielsweise zu erklären, weshalb der Buchstabe C so oft wie ein K klingt.

Es kommt mir unnötig grausam vor, ihm mitzuteilen, dass ich alles andere versucht habe, es aber in der Kleinstadt kaum Möglichkeiten gibt, längerfristig unterzukommen. Offenbar lebt man entweder dort, oder man tut es eben nicht. Und ich hatte nicht vor, dort extra ein Haus zu kaufen oder mir im Motor Inn ein Zimmer mit Kakerlaken zu teilen, nur um mein Versprechen dem Vorstand gegenüber zu erfüllen.

»Der Weg ist ziemlich kurz. Du hast hier ein Büro für dich. Schien mir also die naheliegendste Wahl zu sein.« Damit sollte er sich doch wohl zufriedengeben.

Vaughn grinst. »Gib es einfach zu.«

Ich verschränke die Arme vor der Brust. Das ist momentan offenbar meine einzige Möglichkeit, mich ein wenig abzugrenzen. »Was soll ich zugeben?«

»Du hast mich vermisst.«

Er grinst mich so selbstzufrieden an, dass ich ihm am liebsten eine reinhauen würde, um ihm in Erinnerung zu rufen, wer von uns beiden der Stärkere ist. Stattdessen starre ich ihn nur finster an – so wie ich es meistens tue.

Kapitulierend hebt er die Hände. »Okay, okay. Du hast Billie vermisst.«

Mit einem leisen Aufstöhnen richte ich den Blick gen Zimmerdecke. Ich liebe meinen Job, ich liebe meinen Job, ich liebe meinen Job. In dem Büro am Ende des Flurs zu arbeiten ist völlig okay.

»Du hast recht. Das ist es nicht … Oh! Ich weiß.« Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie er sich auf die Ellbogen stützt und das Kinn auf die gefalteten Hände stützt. »Du hast Violet vermisst.«

Plötzlich dröhnt mir mein Herzschlag so laut in den Ohren wie ein Trommelwirbel. Es lässt meinen ganzen Körper vibrieren.

Wie zum Teufel kommt er darauf?

Dank all meiner Jahre beim Militär unterdrücke ich jede verdächtige Regung, starre ihn nur ausdruckslos an und frage trocken: »Wer?«

Er betrachtet mich forschend, und in den klugen Augen, die mich so sehr an die unseres Vaters erinnern, funkelt Belustigung. Er hat die dunklen Augen von Dad geerbt, ich die hellen von Mom, und wir beide hatten Glück mit unserer Körpergröße. Vielleicht dank Großvater Dermot.

Abrupt steht er auf und wechselt das Thema: »Na, dann sehen wir mal zu, dass du dich gemütlich einrichten kannst.«

Ich spüre, wie sich die Spannung in meinen Schultern löst.

Vaughn geht voran, verlässt das Haus und steigt draußen in seinen Porsche. Er trägt nicht mehr jeden Tag einen Anzug, aber seinen protzigen fahrbaren Untersatz hat er nach wie vor.

»Warum fährst du das Ding immer noch? Du wohnst am Arsch der Welt und fährst nur über Schotterstraßen und Feldwege.«

Er strahlt mich mit seinem typischen jungenhaften Grinsen an. »Weil es Billie ärgert.« Damit knallt er die Tür zu und braust los, und ich muss aufpassen, damit er mich nicht abhängt. Er fährt wie ein Wahnsinniger.

Ich hatte immer den Eindruck, dass Vaughn das Leben als reine Spaßveranstaltung betrachtet. Er ist jetzt neunundzwanzig und hat immer noch Freude daran, in scharfen Kurven den Schotter aufspritzen zu lassen.

Als wir vor dem blauen Ranchhaus halten, blinzle ich überrascht. Ich hatte erwartet, im Gästehaus einquartiert zu werden, nicht im Haupthaus. Das Haus, das unser Großvater Dermot gebaut hat. In dem unser Vater aufgewachsen ist.

Erneut bäumt sich mein Fluchtinstinkt auf. Ich sollte hier verschwinden, solange ich noch kann.

Als ich aus meinem schwarzen Pick-up steige, frage ich Vaughn: »Warum wohnt ihr denn nicht im Haupthaus, du und Billie?«

Er kramt einen gigantischen Schlüsselbund heraus, und bei diesem Symbol schlechter Organisation zuckt mein Augenlid.

»Billie mag das Gästehaus. Dort hat alles angefangen, und irgendwie sind wir dort hängen geblieben. Und hier hast du auch mehr Platz, um rumzuwüten.«

Er meint das sicher witzig, aber es trifft mich mit großer Wucht. Ich hasse es, dass ich so rüberkomme.

Er öffnet die Tür, und ich stelle überrascht fest, dass das Innere des Hauses viel moderner aussieht als bei meinem letzten Besuch. Hell und luftig wie direkt aus einem Country-Living-Magazin. Ganz in Weiß und Blau und Holz. Und es riecht sauber. So richtig sauber. Nie im Leben bringt mein Bruder es fertig, so gründlich zu putzen.

Ich beuge mich über die Schwelle, und ein zitroniger Duft dringt mir in die Nase. Vielleicht sogar ein bisschen Bleiche. »Hast du eine Reinigungskraft eingestellt?«

Vaughn schnaubt. »Nein. Billie hat darauf bestanden, hier gründlich für dich sauber zu machen.«

Ich ziehe eine Augenbraue hoch, als wollte ich sagen: Das soll die verrückte Billie für mich getan haben? Aber in Wirklichkeit wird mir die Brust eng bei dem Gedanken, dass jemand, um den ich mich nie sonderlich bemüht habe, sich für mich so viel Arbeit gemacht hat.

Mein Bruder winkt nur ab und geht ins Haus. Ohne die Schuhe auszuziehen. Ich knirsche mit den Zähnen. »Offenbar war das Gästehaus bei ihrem Einzug das reinste Chaos«, erklärt er, »und das hat sie mir nie verziehen. Außerdem hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, dieses Haus nach und nach zu renovieren. Sie sagte, es brauche einen Neuanfang.«

Ich weiß, worauf er anspielt: Unsere Großeltern haben hier gelebt und sind auch beide hier gestorben. Ich habe sie ebenfalls geliebt, aber die Beziehung zwischen Vaughn und unserem Großvater Dermot war um einiges inniger. Fast wäre daran sogar seine Beziehung zu Billie gescheitert.

Ihn erinnert dieses Haus also vor allem an Dermot, mich hingegen überfluten mit schmerzlicher Intensität Erinnerungen an mein Idol: meinen Vater, den ich mitten im Rennen vom Pferd stürzen und nie wieder aufstehen sah. Vaughn war damals noch zu klein, um Erinnerungen an unseren Vater mit der Ranch zu verbinden. Mich allerdings erinnert hier alles an ihn.

Ich räuspere mich und schüttle diese Gedanken ab. »Sie hat einen guten Job gemacht.«

Vaughn macht große Augen, als hätte er nie im Leben damit gerechnet, dass ich etwas Nettes über seine Verlobte sagen könnte.

Bin ich wirklich so schlimm?

»Ich richte es ihr aus«, sagt er mit einem seltsamen Blick. »Und, Cole, falls du mal … ich weiß nicht, ein Bier trinken willst oder so, sag Bescheid. Ich wäre dabei. Du musst dich nicht ganz allein hier draußen verkriechen.«

Ich erwidere seinen Blick. Und mit einem Mal sehe ich das einsame Kind vor mir, das ich damals zurückgelassen habe, als ich das Flugzeug bestieg, um meine Grundausbildung zu beginnen. Ich habe nie so recht gewusst, wie ich ihn dafür um Verzeihung bitten soll, dass ich so überstürzt abgehauen bin, und vielleicht ist das ja auch gar nicht nötig. Aber trotzdem hat das Gefühl, dass ich es tun sollte, dafür gesorgt, dass ich mich in Vaughns Gegenwart immer unwohl fühle. Ich würde ihm gern näher sein, aber das bedeutet vermutlich, ich müsste Themen ansprechen, die ich lieber ganz tief vergraben will.

Bestimmt klingeln meiner Therapeutin gerade die Ohren.

Apropos … ich hebe die Hand und blicke auf meine Armbanduhr. »Ich erwarte einen Anruf, aber vielleicht mal wann anders.«

Ich mache kehrt, um meine Taschen aus dem Wagen zu holen, aber mir ist nicht entgangen, wie enttäuscht mein Bruder ausgesehen hat.

Hätte es dich denn umgebracht, Ja zu einem Bier zu sagen?

Er folgt mir. Auf seinem Gesicht liegt schon wieder ein leichtes Lächeln, und kurz bin ich neidisch auf die Geschwindigkeit, in der er sich erholt. An ihm scheint die Scheiße einfach abzuperlen, während sie an mir jedes Mal kleben bleibt.

»Bis später!«, ruft er, setzt die Sonnenbrille auf und schwingt sich in sein albernes Poser-Auto.

Ich grunze nur und winke ihm knapp, wobei ich mir überdeutlich bewusst bin, wie grantig ich wirke. Wie unterschiedlich wir sind.

Ich schließe die Tür und gehe nach oben ins Schlafzimmer, um auszupacken. Zu meiner Erleichterung ist es hier ebenso sauber und sorgfältig eingerichtet wie im unteren Stockwerk. Die Wände sind in sanften Grautönen und warmem Weiß gestrichen. Es wirkt ein wenig feminin, aber frisch. Als ich die umgeschlagene Bettdecke und die Schokolade auf meinem Kissen sehe, muss ich kurz lächeln. Billie schießt gerne übers Ziel hinaus.

Ich verstaue meine Kleidung sorgfältig in der Kommode und lege im Badezimmer alles genau so zurecht, wie ich es mag. Ordentlich. Organisiert. Und ein bisschen zwanghaft. Manche Angewohnheiten aus der Militärzeit bleiben.

Als mein Handy klingelt, lasse ich mich auf dem Schaukelstuhl in der Ecke nieder und nehme den Videoanruf an. Das kleine, faltige Gesicht meiner Therapeutin füllt das Display aus, so nah, als würde sie durch ein Fernglas blicken. Die Gläser ihrer Gleitsichtbrille sind so dick wie Lupen, und sie mustert das Handy mit gerunzelter Stirn, als wäre es ein seltsamer magischer Gegenstand. Ein ganzer Haufen silberner Armreifen rasselt an ihrem Handgelenk, während sie unterschiedliche Perspektiven ausprobiert.

»Cole, ich weiß nicht recht, ich sehe auf diesem Ding aus keinem Blickwinkel gut aus«, sagt sie nachdenklich und fährt sich mit einer kleinen, faltigen Hand durchs Haar.

»Hallo Beatrice«, antworte ich, ohne auf die Bedenken meiner etwa siebzigjährigen Therapeutin einzugehen.

Vorwurfsvoll schnalzt sie mit der Zunge und lehnt sich auf ihrem Stuhl zurück. »Wir kennen uns jetzt schon seit zwei Jahren. So langsam bin ich es leid, dir ständig zu sagen, dass du mich Trixie nennen sollst.«

Mir läuft ein leiser Schauer über den Rücken. Es kommt mir grundfalsch vor, eine erwachsene Frau Trixie zu nennen. Und um ehrlich zu sein, macht es mir Spaß, sie ein wenig zu ärgern.

Ich konzentriere mich aufs Display und spüre, wie mein Mundwinkel zuckt. Ihre Praxis ist ganz anders als die aller anderen Therapeuten, die ich im Laufe der Jahre kennengelernt habe: Sie empfängt ihre Patienten in ihrem gemütlichen Haus im Stil der frühen 1900er Jahre. Perserteppiche liegen auf den alten Eichenböden, in sämtlichen Ecken und Winkeln stehen Ständer mit üppig gedeihenden Pflanzen, in den großen Fenstern baumeln Kristalle, und die Wände sind regelrecht tapeziert mit Kunstwerken, die sie im Lauf der Jahrzehnte von ihren Reisen durch die ganze Welt mitgebracht hat. Ich könnte schwören, dass mir durchs Handy der Geruch von Patschuli-Öl entgegenweht.

Ja, Trixie Bentham ist ein richtiger alter Hippie. Ein größerer Gegensatz als zwischen ihr und meiner Familie, insbesondere mir selbst, ist kaum vorstellbar. Aber sie ist die einzige Therapeutin, die je richtig zu mir durchgedrungen ist, und deshalb lande ich immer wieder bei ihr. So distanziert ich auch sein mag, ich weiß selbst, dass ich diese Therapie brauche. Was auch der Grund dafür ist, dass sie sich bereiterklärt hat, während meiner Zeit hier draußen die Termine per Videocall zu machen.

»Soll ich dir erzählen, wie es mir geht? Oder dass alles hier Erinnerungen an meinen toten Vater wachruft?«

Lächelnd legt sie den Kopf schief. »Ich weiß nicht, mein Lieber. Ist es denn das, worüber du gern reden möchtest?«

Ah, das rhetorische Fragespiel. Das mag ich besonders gern. Ich starre sie einfach an, was nie funktioniert, aber ich versuche es trotzdem.

Sie fängt an zu lachen, heiser und amüsiert, schiebt sich die Brille höher auf den Nasenrücken und flüstert verschwörerisch: »Hast du denn die Frau schon getroffen?«

»Welche Frau?«, stelle ich mich absichtlich dumm.

Wieder lacht sie. »Die Frau natürlich, von der du immer wieder erzählt hast.«

3. KAPITEL

VIOLET

Zwei Jahre zuvor

Will ich das wirklich tun?

Ich beiße mir auf die Unterlippe, während mein Zeigefinger über der Maus schwebt. Das hier ist eine richtig, richtig schlechte Idee und könnte auf so unterschiedliche Weise nach hinten losgehen. Aber wer bin ich denn schon, wenn man mal das große Ganze betrachtet? Eine Fünfundzwanzigjährige, die kaum etwas vorzuweisen hat – abgesehen von einem eklatanten Mangel an Lebenserfahrung und Unabhängigkeit.

Es bleibt nicht ohne Folgen, wenn man als einziges Mädchen auf einer Ranch aufwächst, schier erdrückt von einem überfürsorglichen Vater und drei älteren Brüdern.

Aber jetzt bin ich hier. An Kanadas Westküste. Ich habe einen neuen Job und eine neue Wohnung, und auf einmal scheint alles möglich zu sein. Jetzt muss ich mich selbst kennenlernen. Ein paar Erfahrungen sammeln und meine Grenzen austesten.

Ich kann selbst nicht recht sagen, weshalb ich auf die Idee verfallen bin, ein Nacktfoto auf Clikkit zu posten – ein Online-Forum mit Millionen von Nutzern, die sich dort mit unzähligen unterschiedlichen Themen befassen –, aber es kommt mir riskant vor, ziemlich aufregend … und es passt überhaupt nicht zu meinem alten Ich. Und genau nach so etwas suche ich gerade. Ich habe das wohlbehütete Leben satt. Ich möchte mich exponieren, mich aus meiner Komfortzone rausbewegen, ohne dass mir sofort jemand in den Weg springt und mich davon abhält.

Ich will einfach mal in jugendlichem Leichtsinn eine Dummheit machen. Außerdem bin ich geil und einsam.

Ich klicke mit so großem Nachdruck, dass meine Fingerkuppe praktisch auf die Maustaste klatscht. Sofort spüre ich, wie ich am ganzen Körper rot anlaufe. Es beginnt an meinen Zehen und kriecht höher, sammelt sich zwischen meinen Schenkeln und breitet sich über meine Brust aus. Dann wird mein Gesicht ganz heiß.

Ich kann nicht fassen, dass ich das gerade wirklich getan habe.

Vom Monitor leuchtet mir das Foto entgegen: Ich auf meinem Bett, von oben aufgenommen, allerdings sieht man mein Gesicht nicht. Ich trage noch einen Slip, also ist es nicht zu aufreizend. Okay, okay, meine kleinen Brüste sind zu sehen, aber in Europa sind die Frauen ständig mit nacktem Oberkörper am Strand. Es ist echt nichts dabei – zumindest rede ich mir das energisch ein. Das warme Morgenlicht schmeichelt meinen Konturen, es wirkt richtig sinnlich. Normalerweise gehe ich mit meinem Körper hart ins Gericht, finde alles zu dünn, nicht gerade feminin, aber auf diesem Bild … finde ich mich sexy.

Also scheiß drauf! Sieh dir ruhig meine Brüste an, Welt. Interessiert mich doch nicht!

Mich durchzuckt der Impuls, es sofort wieder zu löschen. Aber die neue Violet Eaton wird diesem Impuls nicht nachgeben, und auch mein neues Internet-Alter-Ego, Pretty_in_Purple, schert sich einen Dreck darum.

Ich klappe den Laptop zu, schlüpfe in meine Reitstiefeletten und laufe die Treppe hinunter, die von meiner Wohnung über der Scheune zur Gold Rush Ranch führt, ehe ich es mir doch noch anders überlegen kann.

Heute

Meine mentale Checkliste quillt über, während ich die letzten Sachen in den kleinen VW Golf lade. Der mit den Rostflecken über dem Radkasten und der abgekauten Stelle am Sitz, aus der Zeit, als mein Lieblingshund auf der Ranch noch ein Welpe war. Mit diesem Wagen bin ich damals losgefahren, als ich vor etwas mehr als zwei Jahren mein Elternhaus verlassen habe, um endlich ein eigenes Leben zu beginnen. Die meisten Leute dürften darin nur eine schrottreife Karre sehen, aber für mich ist dies mein goldener Streitwagen, mit dem ich in die Unabhängigkeit aufgebrochen bin. Ich liebe dieses kleine Auto und alles, wofür es steht.

Ich drehe mich um, begutachte das auf der Rückbank verstaute Gepäck und puste mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Heute ist der erste große Renntag der Saison, und ich halte meine Nervosität nur unter größten Mühen in Schach. Diese Saison ist meine große Chance, mich als echter Jockey zu beweisen. Meine Chance, allen zu zeigen, dass meine Northern-Crown-Siege vergangenes Jahr nicht nur Anfängerglück waren. Eigentlich liebe ich meine Arbeit. Es ist echte Knochenarbeit, aber es macht mir Spaß. Heute jedoch lastet solcher Druck auf mir, als trüge ich eine Bleiweste. Sogar das Atmen kostet mich bewusste Anstrengung.

Ich zwinge mich zu einer gedanklichen Bestandsaufnahme und stelle fest, dass ich beinahe das Wichtigste vergessen hätte. »Shit. Richtig. Mein Trikot.«

Wie großartig wäre das denn bitte gewesen, wenn ich erst auf der Rennbahn in Vancouver – die gute anderthalb Stunden von Ruby Creek entfernt liegt – gemerkt hätte, dass ich mein schwarz-goldenes Trikot der Gold Rush Ranch hier liegen gelassen habe?

Kopfschüttelnd marschiere ich zurück in die Scheune und gehe den langen Flur mit den Büros entlang bis zur Waschküche ganz am Ende. Da meine kleine Wohnung direkt über der Scheune liegt, wasche ich meine Wäsche hier unten. Ich bin selbst auf einer Ranch aufgewachsen und hatte meine halbe Kindheit hindurch Stroh im Haar, und es stört mich nicht, meine Sachen in denselben Maschinen zu waschen, die auch für die Pferdedecken mitsamt den ganzen Haaren darin benutzt werden.

Ich bin schon fast an der Tür, als ich seine Stimme höre.

»Violet.«

Dieses tiefe Grollen. Die darin vibrierende Bedrohlichkeit. Der Mann, dem diese Stimme gehört. Mir ist, als würden Wurzeln aus meinen Füßen schießen und sich im Boden verankern. Mein Herz hämmert gegen die Rippen, als wollte es aus seinem Gefängnis ausbrechen und fliehen. Und ehrlich gesagt kann ich es ihm nicht verdenken. Ich will auch hier weg.

Er sollte noch gar nicht hier sein. Ich hatte geplant, bei seinem Eintreffen schon auf dem Highway zu sein. Eigentlich hätte er längst aus meinem Leben verschwunden sein sollen. Eigentlich hätte ich ihn längst vergessen müssen.

Aber das habe ich nicht. Ich habe mit mir selbst gekämpft, regelrecht gerungen. Habe mich mit anderen Männern eingelassen, nur um mir selbst zu beweisen, dass ich über ihn hinweg bin. Aber ein Wort aus seinem Mund reicht, um mich ernsthaft zu fragen, ob das stimmt. Ich könnte weglaufen und mich verstecken, aber das ist nicht die Art, wie mein neues Ich damit umgeht. Die neue Violet haut nicht mehr einfach ab. Das sage ich mir jedenfalls immer wieder.

Vielleicht wird es sich eines Tages wie die Wahrheit anfühlen.

Also hole ich so tief Luft, wie ich nur kann, und hebe das Kinn. Ich werde nicht zulassen, dass ich mich wegen dieses Mannes klein fühle. Wir haben eine gemeinsame Vergangenheit, ja, aber wir sind beide erwachsen. Ich komme klar.

Ich drehe mich auf dem Absatz um und marschiere zurück zu dem seit Jahren leer stehenden Büro, an dem ich gerade vorbeigegangen bin. Doch auf der Schwelle bleibe ich stehen. Weil ich nicht mehr weitergehen will. Und weil ich nicht weiß, was ich jetzt tun soll. Cole Harding sitzt in seinem dunklen Anzug hinter dem Schreibtisch und dreht an seinen Manschettenknöpfen herum, und dieser Anblick lässt meinen ganzen frisch gefassten Mut auch schon wieder verpuffen. Ich spüre förmlich, wie er von mir abfällt, als hätte jemand einen Eimer kaltes Wasser über mir ausgeschüttet. Meine körperliche Reaktion auf diesen Mann war noch nie normal, und daran hat sich nichts geändert.

Das dunkle Haar, die grauen Augen, die breiten Schultern, der traurige Zug um seinen Mund. Unter meinem Blick verschränkt er die Arme vor der Brust, und ich beiße mir auf die Lippen. Schon die Art, wie er sich bewegt, lässt mich beinahe verzweifeln … so sicher und so beherrscht. In seinem Körper, dem Körper eines Soldaten, steckt eine so gewaltige ruhende Kraft.

Mein Blick bleibt an seinem Bizeps hängen. Er ist einfach unglaublich. Ich frage mich, wie seine Arme wohl aussehen, wenn er sich auszieht. Wie es sich anfühlen würde, wenn sie sich um mich schließen würden. Ich hasse mich selbst für diese Gedanken, aber trotzdem sehe ich nicht weg. Immerhin bringt mich der Anblick nicht ganz so schrecklich durcheinander wie der Blick in seine seelenvollen Augen. Silbergrau sind sie und tief, wie schimmernde Seen, in denen sich bodenlose Abgründe verbergen. Wut, Schmerz und Trauer. Ja, diese Augen machen mir noch viel mehr zu schaffen. Mir und meinem Herzen.

»Violet.«

Er sagt meinen Namen wie einen vollständigen Satz, so als würde er einen ganzen Gedankengang damit äußern. Als würde er annehmen, ich wüsste ganz genau, was er damit zum Ausdruck bringen will. Aber wenn es um Cole Harding geht, weiß ich gar nichts. Noch weniger als nichts sogar. Ich weiß nur eins: Die Härchen auf meinen Armen richten sich auf, als würde mich Elektrizität durchfließen, und mein Magen schlägt einen Salto, als würde ich gerade vom höchsten Punkt einer Achterbahn in die Tiefe sausen. Was ein sehr passender Vergleich ist, denn meine Geschichte mit Cole ist ganz genau das: eine Achterbahnfahrt.

»Alle nennen mich Vi.« Ich ärgere mich darüber, wie leise meine Stimme ist. Und ich hasse es, wie mein Name aus seinem Mund klingt – zu förmlich und zugleich viel zu vertraut.

Er lässt den Blick über mich wandern, ohne zu lächeln. Es ist kein anerkennender Blick, sondern eher ein abschätzender. Als wäre ich eine Art wandelndes Chaos, das es aufzuräumen gilt, und als würde er gerade überlegen, wie er das am besten anstellt. Scham regt sich tief in meinem Bauch. Und zugleich steigen in mir Erinnerungen daran auf, wie anders er früher mit mir geredet hat. Damals ist mir ganz warm ums Herz geworden. Aber ich schiebe die Erinnerungen beiseite. Es war viel zu mühsam, das alles hinter mir zu lassen, um mich jetzt erneut kopfüber in diesen Kaninchenbau zu stürzen.

»Ich bin nicht alle«, sagt er schlicht.

Zischend sauge ich die Luft ein, um zu verbergen, dass ich nach Atem ringe. Er soll nicht wissen, wie sehr mich seine Worte treffen. Blut rauscht in meinen Ohren und lässt meine Wangen brennen – so wie immer, wenn es um ihn geht. Du siehst so verdammt hübsch aus in Lila. Das hat er einmal zu mir gesagt, und nur unter Aufbietung meiner ganzen Willenskraft kann ich mich daran hindern, diesen Tag in Gedanken wieder auferstehen zu lassen.

»Was willst du, Cole?«

Seine Augen blitzen auf, und er spannt sich an. Sein Kiefer zuckt. Als wäre ich es, die ihn belästigt, obwohl doch er es war, der mich gerufen hat. Er hätte einfach nur den Mund halten müssen, und ich hätte nicht mal gewusst, dass er überhaupt hier ist. Wir hätten diese Begegnung so leicht vermeiden können.

»Ich möchte nur sicher sein, dass wir uns einig sind, einander aus dem Weg zu gehen, solange ich hier draußen auf der Ranch arbeite. Dass du …«, er mustert mich von Kopf bis Fuß, »in der Lage bist, professionell damit umzugehen.«

Professionell. Nichts zwischen uns war jemals professionell. Er hat mich nackt gesehen, mein Herz regelrecht zertrümmert, und jetzt taucht er aus dem Nichts wieder auf, feuert kühle Blicke und Spott auf mich ab und erwartet allen Ernstes, dass ich mich professionell verhalte?

Das ist so unverschämt, dass Empörung in mir aufflammt. Was fällt ihm ein, mir vorschreiben zu wollen, was ich zu tun und zu lassen habe? Mit so etwas habe ich in meiner Branche sowieso schon viel zu oft zu tun. Das ist bei mir ein wunder Punkt, und das sollte er wissen … Immerhin habe ich ihm nächtelang von meiner Kindheit erzählt und davon, wie ich mich freigestrampelt habe. Und jetzt wagt er es, so mit mir zu reden? Das kann doch wohl nicht sein Ernst sein.

»Lass mich eins klarstellen, Cole.« Diesmal ist meine Stimme nicht leise, und ich starre auch nicht seinen Bizeps an, sondern blicke ihm direkt in die stahlgrauen Augen. »Dies hier ist mein Arbeitsplatz, und ich bin Profi. Die Art hingegen, wie du gerade mit mir redest, ist alles andere als professionell. Ich werde also genau das tun, was ich schon das ganze letzte Jahr über getan habe, und du gehst einfach mir aus dem Weg. Bekommst du das hin?«

Er zuckt leicht zurück und macht große Augen. Das hat er wohl nicht erwartet. Das hat er von mir nicht erwartet. Kurz sehe ich Unsicherheit in seinen Augen aufflammen, doch dann schlägt er zurück. Allerdings nimmt der Hauch Unsicherheit seinen Worten ihren Biss.

»Pretty in Purple war so süß. Was ist denn bloß mit ihr passiert?«

Ich schüttle traurig den Kopf über ihn. Denn genau das empfinde ich, wenn ich ihn sehe oder an ihn denke: Traurigkeit. »Offenbar hast du Pretty in Purple mit einem Fußabtreter verwechselt.« Ich sehe ihm in die Augen, dann drehe ich mich wortlos um und gehe.

Aber es hat gereicht, damit ich die Verzweiflung in seinem Blick sehe. Den Riss in seiner abweisenden Fassade. Es ist, als würde ein verdammter Speer mein Herz durchbohren. Golddigger85 ist noch immer ebenso verloren wie zuvor, ebenso kompliziert. So gebrochen. Und ich habe vor langer Zeit den Entschluss gefasst, dass ich mir die Art, wie er um sich schlägt, nicht gefallen lassen werde. Wir alle treffen unsere eigenen Entscheidungen. Das hat er einmal zu mir gesagt, und damit lag er nicht falsch.

Deshalb habe ich ihn hinter mir gelassen. Deshalb bin ich ohne jede Erklärung verschwunden. Und deshalb ist die unbehagliche Spannung, die jetzt zwischen uns steht, seine Schuld und nicht meine. Mein Verstand weiß genau, was in Bezug auf Cole Harding zu tun ist.

Aber mein Herz?

Das ist sich seiner Sache nicht ganz so sicher.

4. KAPITEL

VIOLET

»Cole ist heute auf der Ranch eingezogen.«

Mit mehr Nachdruck als nötig zwänge ich meinen Fuß in den Stiefel, ächze leise und schnappe mir dann den Lappen von dem Trittschemel neben mir, um hochkonzentriert den Stiefel zu polieren. Eine Ausrede, um Billies Grinsen zu ignorieren.

»Und mehr willst du nicht dazu sagen?«

Ich werfe ihr nur einen kurzen Blick zu und zucke mit den Schultern. Denn die Antwort ist Nein – mehr will ich dazu auf keinen Fall sagen. Billie Black, meine Vorgesetzte und Cheftrainerin auf der Gold Rush Ranch, ist mir im Lauf des letzten Jahrs zu einer engen Freundin geworden. Und inzwischen kenne ich sie gut genug, um zu wissen, dass sie sich wie ein Bluthund auf interessante Fährten setzt. Außerdem ist sie klug, hat gute Instinkte und speichert alles, was ich sage, in ihrem ungeheuerlichen Gedächtnis ab und verschließt es darin wie in einem Tresor … bis sie die so gewonnenen Daten irgendwann sortiert. Und dann wird sie herausfinden, woher ich Cole kenne.

Und deshalb kann ich ihr gerade nicht in die Augen sehen, ohne feuerrot anzulaufen.

»Nope«, sage ich und lasse das P so richtig knallen. Dann stehe ich auf und schnappe mir mein schwarz-gelbes Trikot, das vor der Sattelkammer hängt.

»Viiiiii«, stöhnt sie, »das bringt mich um! Es ist jetzt doch schon ein Jahr her. Ich habe damals deinen Blick gesehen. Was hat er zu dir gesagt? Bitte verrate mir wenigstens irgendwas.«

Wärme kriecht mir über die Brust. Billie ist echt unerbittlich. »Okay. Wir haben uns vor ein paar Jahren online kennengelernt. Haben ein bisschen miteinander gechattet.«

Sie reibt ihr Kinn und mustert mich forschend. »War das so ein Veteranen-Brieffreundschafts-Ding?«

»So ähnlich.« Ich winke ab. »Und jetzt lass mich in Ruhe, wenn du willst, dass ich gewinne. Ich muss zum Wiegen gehen und mich in die richtige Stimmung versetzen.«

»Okay, okay. Komm zu mir, wenn du so weit bist. Ich verspreche dir auch, dass ich dich nicht weiter löchern werde.« Sie steht auf und wackelt vielsagend mit den Brauen. »Erst wieder, wenn das Rennen vorbei ist.«

Ich verdrehe die Augen und gehe die Stallgasse hinunter in Richtung der Rennbahnbüros. Und des Bell-Point-Park-Siegerpodests, an dem Cole Harding wieder in mein Leben getreten ist.

Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich auf DDs Rücken saß, völlig überwältigt von unserem Sieg im Qualifikationsrennen, als ein Mann auf mich zukam, den ich gleich als Coles Bruder erkannt habe. An jenem Tag hat er mich an eine bedrohliche Gewitterwolke erinnert, die sich zwischen mich und die Sonne schiebt. Ich weiß noch, wie sich seine riesige Hand um meine geschlossen hat, denke an ihre Wärme und Kraft. Und wie er die andere Hand gehoben und den Finger gekrümmt hat, damit ich mich zu ihm beuge. Und ich erinnere mich, wie sämtliche Wärme aus mir wich und alle Geräusche ringsum zu weißem Rauschen gedämpft wurden, als er mir zuraunte: »Schön, dich wiederzusehen, Pretty in Purple. Angezogen hätte ich dich beinahe nicht erkannt.«

Schon bei der bloßen Erinnerung werde ich knallrot. Und außerdem macht es mich immer noch wütend, dass er einen der glücklichsten Momente meines Lebens derart besudelt hat. Dass er sich in diesem Moment so überlegen gefühlt und mir diese Worte einfach so ins Gesicht geballert hat.

Und ja, Cole Harding wusste damals schon ganz genau, wie ich aussehe. Und zwar von Kopf bis Fuß. Ich hingegen hatte bis zu diesem Moment nicht die leiseste Ahnung, wer er war.

Wie sich herausgestellt hat, ist er der Chef meines Chefs und Billies zukünftiger Schwager, und jetzt ist er auf die Ranch gezogen … meinen einzigen sicheren Rückzugsort. Wo ich mich neu erfunden habe. Eine erfolgreiche und unabhängige Violet Eaton, der niemand das Köpfchen streichelt. Ich bin nicht mehr die gleiche Frau wie vor zwei Jahren, als ich auf seine Nachricht geantwortet habe. Und was damals zwischen Cole und mir passiert ist? Tja, das wird sich ganz sicher nicht wiederholen.

Ich glaube nämlich nicht, dass mein Herz das verkraften würde. Und mein Stolz erst recht nicht.

Deshalb habe ich mich vor einem Jahr zu einem sehr bemühten Lächeln gezwungen und ihm gesagt, er könne mich mal. Dann habe ich mich aufgerichtet und meinen Sieg genossen, so gut ich eben konnte.

Als ich seine Chat-Anfrage angenommen habe, hätte ich nie im Leben gedacht, dass wir uns so lange schreiben würden. Und als ich ihm ein Jahr später den Laufpass gab, ebenfalls per Chat, habe ich nicht damit gerechnet, ihm je persönlich gegenüberzustehen. Aus meinem Experiment, mit dem ich ganz anonym meine eigenen Grenzen und mein überschaubares kleines Leben hatte erweitern wollen, ist sehr viel mehr geworden als nur das. Und jetzt droht meine Welt wie ein Kartenhaus um mich herum zusammenzufallen. Denn nun ist er hier auf der Ranch, und all die Schutzbarrieren, die ich mir so mühsam erarbeitet habe, bekommen Löcher.

In aller Stille bereite ich mich auf das Rennen heute Abend vor. Ja, ich habe die Northern Crown gewonnen, aber ich fühle mich immer noch wie ein Neuling, unerfahren und überfordert. Wie damals zu Hause unter dem wachsamen Blick und den ständigen Einmischungen meines Vaters und meiner drei älteren Brüder. Wie ein kleines Kind, das nicht richtig dazugehört.

Nach dem obligatorischen Wiegen gehe ich zurück zu DDs Box und stecke mir die Earphones in die Ohren. Ein wenig Shania Twain hilft mir immer dabei, in die richtige Stimmung zu kommen. Eine Erinnerung an meine Kindheit.

Bevor ich für die Gold Rush Ranch geritten bin, war ich Pferdepflegerin. Ein Kleinstadtmädchen, das aus Alberta nach British Columbia gezogen ist und nicht viel mehr vorzuweisen hatte als Fleiß und eine Menge Entschlossenheit, seinen eigenen Weg zu finden.

So gern ich auch Pferdepflegerin war, mein eigentliches Ziel war es immer, Jockette zu werden, und zum Glück habe ich den entsprechenden Körperbau dafür. Manchmal allerdings vermisse ich die ruhigen Momente, die die Arbeit hinter den Kulissen mit sich bringt. Diese Zeiten, in denen es nur die Pferde und mich gab. Deshalb wohne ich immer noch in der winzigen Wohnung direkt über dem Stall, zu der eine schmale, kleine Treppe hinaufführt. Ich gehe gern in der Abenddämmerung durch die Ställe und lausche den Pferden dabei, wie sie leise ihr Heu mampfen. Ich kümmere mich gern um die mir zugewiesenen Tiere. Das leise, beruhigende Geräusch beim Striegeln gefällt mir viel besser als die lärmenden Ansagen aus den Lautsprechern, wenn ich auf dem Pferderücken über die Sandbahn rase und alles gebe, um als Erste die Ziellinie zu erreichen.

Also versuche ich, mir diese ruhigen Momente selbst zu schaffen. Direkt vor den Rennen ist das zu einem richtigen Ritual geworden. Niemand stört mich – dafür sorgt Billie –, und ich nehme mir Zeit, um in mich zu gehen und einfach bei meinem Pferd zu sein.

Im Moment ist besagtes Pferd DD, unser schwarzer Siegerhengst, ein kluger, kleiner Kerl mit langen Beinen. Nachdem ich ihm den letzten Schliff verpasst habe, führe ich ihn hinaus in den strahlenden Sonnenschein, eine Seltenheit im April hier in Vancouver. In dieser Gegend bekommt das Wort Aprilwetter eine ganz neue Bedeutung. Zu dieser Jahreszeit leben wir sozusagen in einer riesigen Schlammpfütze, und auch heute ist die Rennstrecke nass, der Sonne zum Trotz.

Als DDs Hufe laut über den Asphaltweg trappeln, der zur Rennbahn führt, taucht wie aus dem Nichts Billie wieder auf. Sie hält sich in solchen Momenten immer bereit und wartet geduldig auf mich. Unsere Strategie haben wir vorhin bereits besprochen, also können wir jetzt einfach kameradschaftlich schweigen.

Sie kommt zu mir, beugt sich vor und hält mir ihre verschränkten Hände hin. »Auf geht’s, meine kleine Soldatin.«

Ich spüre meine Mundwinkel zucken. Billie gibt mir dauernd Spitznamen, die sich auf meine Größe beziehen. So hochgewachsen sie für eine Frau ist, so klein bin ich, und wo sie Kurven hat, bin ich … tja, flach wie ein Brett.

Ich platziere das Knie in ihre wartenden Hände, und sie hebt mich in den Sattel und drückt mir aufmunternd das Bein. Auf dem Weg zum Startplatz verschwimmt mir alles vor Augen, so wie immer; die Begleitpferde, die Stewards, die anderen Jockeys und Pferde. Ich konzentriere mich ganz auf DD und meine bevorstehende Aufgabe, uns beide schnell und sicher ins Ziel zu bringen. Unser Begleitpferd nähert sich, und sein Reiter nickt mir freundlich zu. Sein Job ist es, dafür zu sorgen, dass wir heil zum Tor kommen. Ein wichtiges Teammitglied und bei nervösen Pferden unverzichtbar.

An den Toren verabschiedet er sich: »Viel Glück.«

DD ist ein großartiger Hengst, zuverlässig, intelligent und unglaublich talentiert, aber er leidet unter leichter Klaustrophobie. Als sie das Tor hinter uns schließen, spüre ich, wie er sich regelrecht zu einem Energieball zusammenzieht, angespannt wie ein bis zum Anschlag zurückgezogenes Gummiband, von den Nüstern bis zum Schweif bereit, förmlich aus der engen Box herauszuexplodieren.

Mein Sichtfeld verengt sich auf das, was ich zwischen seinen langen, spitzen Ohren sehe. Der Rest der Welt wird unscharf, und wir beide konzentrieren uns ganz auf das Wesentliche.

Bis eine Stimme an meine Ohren dringt, die mir einen Schauer über den Rücken jagt. »Hey. Neues Mädchen.«

Ich reagiere nicht auf Patrick Cassel. Er ist einer der bekanntesten Jockeys in dieser Gegend. Letztes Jahr hat er DD in einem einzigen Rennen geritten, aber dabei hat er sich Billies Anweisungen widersetzt, und … nun ja, sagen wir einfach, das ging nicht gut für ihn aus. Jetzt steht er auf der schwarzen Liste der Gold Rush Ranch – wir alle tun, als wäre er Luft. Und sobald er Billie kommen sieht, macht er auf dem Absatz kehrt und sieht zu, dass er Land gewinnt.

Vor mir, der kleinen, stillen Blondine, hat er offenbar weniger Angst.

»Nach dem Rennen gehen wir zusammen essen, dann lasse ich dich vielleicht gewinnen. Was sagst du dazu, Prinzessin?«

Ich versuche, mein angewidertes Erschauern bei dem bloßen Gedanken zu unterdrücken. Patrick ist ein arroganter Schleimbolzen, und auf einmal ist mir zumute, als würden unter dem Trikot Käfer über meine Haut krabbeln. Billie hat mir den Zusammenstoß der beiden geschildert, und offenbar ist er nicht nur arrogant, sondern auch noch sexistisch. Ich will mit diesem Kerl nichts zu tun haben.

»Ich bin ziemlich sicher, dass nur im Märchen Prinzessinnen Frösche küssen, Patrick«, murmle ich. »Ich verzichte.«

Und bevor er darauf antworten kann, ertönt die Glocke, und die Tore fliegen auf. DD und ich schießen los, und Patrick ist sofort vergessen. Wir donnern über die Rennbahn und nehmen in der ersten Kurve einen Platz ganz am Ende des Mittelfelds ein. Genau so, wie der Rappe es zu Rennbeginn am liebsten mag.

Ich ducke mich tief auf seinem Rücken, mache mich ganz leicht und lasse ihn überwiegend einfach sein Ding machen. Dieses Pferd wurde zum Rennen geboren, und er liebt es. Nach der Kurve beim Clubhaus geht es in die Gerade über, und alles läuft nach Plan. Jetzt kommt gleich der Zeitpunkt, an dem wir ordentlich loslegen.

Doch da zieht ein dunkelbraunes Pferd mit uns gleich, und aus dem Augenwinkel sehe ich die lindgrüne Seide von Patrick Cassel. Er setzt sich vor uns. Ich ignoriere ihn, so gut ich kann, und konzentriere mich ganz auf DD.

Bis er mir über das Donnern der Hufe hinweg zuschreit: »Zeit für eine Lektion, kleines Mädchen!«

Meine Instinkte schlagen Alarm, als ich sehe, wie er die Hände bewegt, nur ganz leicht, und seinen Kurs ändert. Angst schießt mir durch die Adern. Doch ehe ich reagieren kann, schneidet er uns scharf. DDs Schulter kollidiert mit seinem Pferd, mitten im vollen Lauf. Und wegen des nassen Bodens sind die Folgen katastrophal.

Mit seinem weit vorgestreckten Kopf und den im Galopp gestreckten Beinen hat DD auf der rutschigen Strecke keine Chance.

Ich spüre, wie es abwärts geht, und ehe ich weiß, wie mir geschieht, krachen DD und ich in den Schlamm.

»Ich bringe ihn um.« Billie stampft am Fußende meines Krankenhausbettes auf und ab. »Und das meine ich wortwörtlich.«

Ich habe zu starke Schmerzen, um etwas darauf zu erwidern. Mein Bein ist so dick geschwollen wie ein Baumstamm, aber sie wollen mir keine Schmerzmittel geben, ehe sie sich meine Röntgenbilder und MRT-Scans angesehen haben. Als bräuchte man umfangreiche Diagnostik, um zu sehen, dass es im Arsch ist.

»Richte Vaughn aus, dass ich ihn liebe und er das Geld für die Kaution bereithalten soll. Denn ich reiße Patrick in Stücke.«

Ein heiserer Seufzer entweicht mir, und ich sehe mich im Krankenzimmer um. Die Wände sind im typischen Minzgrün gehalten – jener Farbe, die man wohl nur herstellt, um Krankenhauswände damit zu streichen –, und in der Luft hängt der alles durchdringende Geruch von Desinfektionsmitteln, den ich aus jedem Krankenhaus kenne, in dem ich je gewesen bin. Und das waren eine ganze Menge, denn mein Bruder Rhett ist eine wandelnde Katastrophe. Ein Rodeoprinz, der keine Angst kennt. Und obwohl ich ein Jahr jünger bin als er, war es immer ich, die bei seinen diversen Verletzungen im Krankenhaus an seiner Seite ausharren musste. Nur so konnte mein Vater sich um unsere Ranch kümmern, sie über Wasser halten und für uns vier sorgen.

Ich hasse Krankenhäuser. Patrick ist mir egal, aber ich mache mir Sorgen um DD. Er ist auf meinem Bein gelandet, aber er selbst hat auch etwas abbekommen; er hat nach dem Unfall gelahmt.

Ich reibe mir mit beiden Händen übers Gesicht und atme tief durch.

Es hätte noch viel schlimmer kommen können.

»Irgendwelche Neuigkeiten von Mira?« Mira Thorne ist eine Freundin und außerdem die frisch eingestellte Tierärztin. Sie kümmert sich um sämtliche Pferde auf der Gold Rush Ranch, sowohl auf der Rennbahn als auch auf der Ranch.

Angespannt beißt sich Billie auf die Unterlippe und schiebt die Hände in die Taschen. Sie macht sich offensichtlich ebenfalls Sorgen um unseren Jungen. »Sie sagt, es geht ihm gut«, antwortet sie leise. »Sie ruft an, sobald sie mehr weiß.«

»Du hättest bei ihm bleiben sollen.«

Billie verdreht die Augen. »Und dich ganz allein lassen? Mira hat alles im Griff.«

Ich schließe die Augen und lasse mich in das klumpige Kissen zurücksinken. Es ist fast, als würden sie es im Krankenhaus darauf anlegen, dass man sich unwohl fühlt.

Hinter meinen geschlossenen Lidern sehe ich vor mir, wie die ganze Saison mit einem lauten Zischen den Bach runtergeht. So viel also zu meiner Chance, zu beweisen, dass ich meinen Job gut mache und nicht einfach nur Glück hatte, weil ich als Newcomerin auf dem Rücken eines der außergewöhnlichsten Rennpferde der Welt gelandet bin.

Das ist verdammt noch mal einfach beschissen.

»Hallo, Ms Eaton.« Ein Mann mittleren Alters betritt das Zimmer, er trägt einen weißen Kittel über Hemd und Hose. »Ich habe gute Nachrichten für Sie.«

Ich runzle die Stirn. Nichts an diesem Tag sieht mir nach guten Nachrichten aus.

»Unsere Aufnahmen zeigen, dass nichts ernsthaft verletzt ist.«

Ich starre mein schwarz-blau verfärbtes Bein an. Für mich sieht es ziemlich kaputt aus. »Sind Sie sicher?«

Er lacht gutmütig. »Ganz sicher. Sie haben allerdings eine Menge Prellungen davongetragen. Einige Weichteilverletzungen am Knie. Und eine kleine Fraktur am Wadenbein.«

Ich starre mein Bein an, immer noch nicht ganz überzeugt davon, dass es nicht völlig zerschmettert ist.

Der Arzt nimmt mein Schweigen zum Anlass, um weiterzureden. Mit einem Blick auf das Klemmbrett in seinen Händen fährt er fort: »Eine Operation ist nicht erforderlich. Aber Sie müssen es mindestens einen Monat lang ruhig angehen lassen. In der nächsten Zeit gehen Sie bitte an Krücken, wenigstens so lange, bis die Schwellung zurückgegangen ist. Vermeiden Sie nach Möglichkeit, Treppen zu laufen. Und auf keinen Fall reiten.«

Ich schnaube.