Wild Card - Elsie Silver - E-Book

Wild Card E-Book

Elsie Silver

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Beschreibung

IHRE LIEBE IST VERBOTEN, DENN ER IST DER DAD IHRES EX-FREUNDES


Nach einer magischen Nacht verliert Bash Rousseau die lebenslustige Gwen Dawson aus den Augen - und staunt nicht schlecht, als er ihr ein paar Monate später zufällig wiederbegegnet. Auf der Geburtstagsfeier seines Sohnes, der ihm Gwen als seine Freundin vorstellt. Als Gwen dann jedoch wenig später nach Rose Hill zieht, ist die Anziehung zwischen den beiden augenblicklich wieder da, auch wenn eine Beziehung zwischen ihnen absolut unmöglich ist - schließlich ist Bash immer noch der Dad ihres mittlerweile Ex-Freundes. Aber je öfter sie aufeinandertreffen, desto schwerer fällt es ihnen, die Finger voneinander zu lassen, und die beiden stellen sich zunehmend die Frage, wie etwas, das sich so gut anfühlt, falsch sein kann ...

»Die Beziehung von Bash und Gwen soll einfach sein. Ich liebe ihr Meet Cute und die tiefe Verbindung zwischen ihnen!« Jeeves reads Romance


Der Abschlussband der Rose Hill-Reihe von Spiegel-Bestseller-Autorin und TikTok-Star Elsie Silver

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Seitenzahl: 556

Veröffentlichungsjahr: 2026

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INHALT

Titel

Zu diesem Buch

Leser:innenhinweis

Widmung

Anmerkung der Autorin

Karte

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

Epilog

Danksagung

Die Autorin

Die Bücher von Elsie Silver bei LYX

Impressum

ELSIE SILVER

Wild Card

Roman

Ins Deutsche übertragen von Maike Hallmann

ZU DIESEM BUCH

Sebastian Rousseau erlebt den schlimmsten Tag seines Lebens. Gerade hat er erfahren, dass er einen erwachsenen Sohn hat, von dem er nichts wusste, da legt ein Schneesturm den Flughafen von Vancouver lahm und zwingt ihn dazu, die Nacht hier zu verbringen. Mürrisch und schlecht gelaunt rollt er nur mit den Augen, als er die sanfteste Stimme hört, die etwas von Zitronen und Limonade sagt. Sein Sarkasmus versiegt allerdings, als er mit der jungen Frau ins Gespräch kommt. Gwen ist optimistisch, fröhlich, offen und so ganz anders als der verschlossene Bash. Und doch fühlt er sich unwiderstehlich zu ihr und ihrem sonnigen Wesen hingezogen. Die beiden verbringen die Stunden, bis ihre Flüge gehen, damit, den Airport zu erkunden und sich besser kennenzulernen. Als Bash am Tag darauf versucht, Gwen zu erreichen, antwortet sie ihm nicht, und Bash muss schließlich einsehen, dass er Gwen wohl nie wiedersehen wird. Bis sie ein paar Monate später wieder auftaucht – auf der Geburtstagsfeier seines Sohnes Tripp, der ihm die Frau an seiner Seite als seine Freundin vorstellt. Aber das Schicksal schenkt Bash eine zweite Chance, als Gwen nach ihrer Trennung von Tripp nach Rose Hill zieht, um dort die Urlaubsvertretung für ein Yogastudio zu übernehmen. Unweigerlich laufen sich die beiden immer wieder über den Weg, und ihre Gefühle füreinander lassen sich bald nicht mehr leugnen. Doch dann taucht Bashs Sohn auf und will Gwen zurück …

Liebe Leser:innnen,

dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte. Deshalb findet ihr hier eine Anmerkung der Autorin und hier einen Contenthinweis.

Achtung: Diese enthalten Spoiler für das gesamte Buch!

Wir wünschen uns für euch alle das bestmögliche Leseerlebnis.

Euer LYX-Verlag

Liebe Leser:innen,

mit diesem Buch endet unsere Zeit in Rose Hill … und was für eine unglaubliche Zeit das war! Ich danke euch aus tiefstem Herzen dafür, dass ihr mich auf dieser abenteuerlichen Reise begleitet habt.

Diese Stadt und diese Menschen sind für mich sozusagen zu einer mentalen Kuscheldecke geworden. So unterschiedliche Freunde mit so unterschiedlichen Hintergründen, die sich inzwischen wie eine richtige Familie anfühlen.

Und ich denke: Genau das ist das Wesen und die Seele dieser Serie. Familie – das ist nicht nur der Kreis an Menschen, in den man hineingeboren wird. Man kann seine Familie finden, man kann sie sogar selbst erschaffen, und in meinen Augen liegt darin große Schönheit.

Ich hoffe, dass ihr alle die Familie lieben werdet, die Gwen und Bash miteinander erschaffen. Für mich ist ihre Geschichte der perfekte Abschluss für diese Serie. Ein Abschluss, der euch voller kuschlig warmer Gefühle zurücklassen wird und an den ich selbst in den kommenden Jahren noch oft zurückdenken werde.

Genug geredet. Jetzt wünsche ich euch viel Freude mit dieser letzten Runde!

Alles Liebe

Für diejenigen, denen gesagt wurde, ihre Träume seien unrealistisch, die aber trotzdem weitergemacht haben, um sie zu verwirklichen.

Und für meinen schrecklichen Englischlehrer aus der Highschool, Mr C, der mir damals, als ich sechzehn war, in die Augen sah und sagte, ich werde niemals eine gute Schriftstellerin sein. Danke für die Motivation.

Anmerkung der Autorin

In diesem Buch wird Stigmatisierung aufgrund des Gewichts thematisiert. Zudem gibt es Überlegungen zum Thema Bodyshaming. Ich bedanke mich bei der klinischen Therapeutin und meinen Sensitivity Readern, die mich während des gesamten Schreib- und Bearbeitungsprozesses unterstützt haben, damit diese Themen die gebotene Sorgfalt und Aufmerksamkeit erfahren.

Außerdem ist eine der Hauptfiguren Löschpilot. Deshalb gibt es mehrere Szenen mit detailliert beschriebenen Naturkatastrophen.

← Zurück zum Leser:innenhinweis

1. KAPITEL

BASH

Vor einem Jahr …

Ich sitze auf dem Flughafen fest, und alles geht mir wahnsinnig auf den Zeiger.

»Wir haben mal wieder Verspätung, aber das Wetter ist so toll, dass es mir gar nichts ausmacht«, flötet jemand in der blauen Kunstledersitzreihe hinter mir. Eine schöne Stimme, voll und ruhig, und falls diese Frau genervt davon ist, in einem Schneesturm festzusitzen, merkt man es ihr nicht an, so munter plaudert sie in ihr Handy. »Es ist fast, als würde ich in einer riesigen Schneekugel sitzen.«

Ich habe die Arme vor der Brust verschränkt, schnaube leise und balle die Hände. Wir warten schon seit drei Stunden aufs Boarding, und diese Frau scheint sich kein bisschen daran zu stören.

Und ich kaufe es ihr sogar ab. Sie sitzt hinter mir, ich sehe sie nicht, aber ich höre die Ehrfurcht, die in ihren Worten mitschwingt. Als hätte sie noch nie in ihrem Leben Schnee gesehen. Wahrscheinlich findet sie diesen Albtraum sogar »gemütlich«.

»Wirklich, es ist richtig gemütlich.«

Tja, da haben wir es schon. Wer auch immer sie sein mag, sie genießt dieses Desaster regelrecht.

Freut mich für sie. Ich hingegen könnte aus der Haut fahren. Leute, die niesen, ohne sich die Hand vor den Mund zu halten, weinende Babys, der Geruch von abgestandenen Bagels … Bis eben bin ich noch auf und ab getigert wie ein Raubtier im Käfig, aber selbst das hilft nicht mehr.

Typisch Vancouver. Die einzige Stadt Kanadas, in der man bei Schneestürmen hilflos ist und nicht mehr klarkommt. Dabei ist dieser hier nicht mal besonders schlimm.

Das Knistern der Lautsprecher übertönt das leise Stimmengemurmel im Wartebereich von Gate 82. »Achtung, Achtung, an alle Passagiere des Flugs 2375 der Air Acadia nach Calgary. Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihr Flug gestrichen und auf morgen früh verlegt wurde. Sie erhalten in Kürze eine E-Mail mit den aktuellen Fluginformationen. Wenn Sie weitere Hilfe benötigen, wenden Sie sich bitte an einen unserer Mitarbeiter am Ticketschalter. Wir danken Ihnen für Ihre Geduld und Ihr Verständnis und freuen uns, Sie morgen wieder bei uns begrüßen zu dürfen.«

Ein kollektives Stöhnen geht durch den Raum. Dann folgen in den benachbarten Gates dieselben Durchsagen. Niemand kommt heute Abend hier weg.

Mit einem erschöpften Seufzer lehne ich den Kopf gegen die Metallkante des Sitzes. Eine beschissene Woche liegt hinter mir. Das hier ist praktisch das Sahnehäubchen auf dem ganzen Misthaufen.

Ich würde mein gesamtes Bankkonto plündern, nur um heute Nacht in meinem eigenen Bett schlafen zu können. Um allein zu sein. Um verdammt noch mal ein bisschen Ruhe und Frieden zu finden.

Stattdessen bin ich von Kopf bis Fuß angespannt. Sämtliche Muskeln stehen unter Spannung, und mein Kiefer schmerzt, so fest beiße ich die Zähne zusammen. Sogar meine Lunge fühlt sich verkrampft an.

Das ist wirklich das Letzte, was ich gerade gebrauchen kann, nachdem ohnehin schon meine ganze Welt auf den Kopf gestellt wurde.

»Ja, abgesagt.« Erneut weht die übertrieben fröhliche Stimme zu mir herüber. »Schon okay. Es ist eben, wie es ist. Ich mache einfach das Beste daraus! Wenn dir das Leben Zitronen gibt …«

Dann träufelt es dir im nächsten Moment Zitronensäure direkt in die verdammten Augen.

Ich stehe auf.

Als ich kurz über die Schulter blicke, sehe ich einen Wasserfall platinblonder Haare, der das Gesicht der Frau verdeckt. Sie kramt in einer übergroßen Tasche herum und drückt sich dabei das Handy ans Ohr.

Ich runzle die Stirn, als sie über etwas lacht, das ihr Gesprächspartner gesagt hat. Kopfschüttelnd drehe ich mich um, schultere meine Tasche und finde, dass sie einfach viel zu fröhlich ist. Das ist doch nicht normal.

Aus irgendeinem Grund bekomme ich angesichts ihrer guten Stimmung noch üblere Laune. Mit schweren Schritten, die auf dem polierten Betonboden hallen, gehe ich zum Schalter rüber. Ich will einfach nur noch weg.

Die Warterei in der Schlange lindert meine Verärgerung auch nicht wirklich. Wie sich herausstellt, bin ich nicht der Einzige, der mies drauf ist: Vor mir steht ein völlig wutentbrannter Mann mittleren Alters, fuchtelt mit dem Zeigefinger in Richtung der gestressten Flughafenmitarbeiterin und verlangt, dass sie das Problem sofort löst – als wäre sie persönlich für den Schneesturm verantwortlich.

Er ist wütend wegen seiner Koffer. Er ist wütend, weil keine Unterkünfte bereitstehen. Er ist wütend, weil der Flug morgen so früh geht.

Ich bin auch sauer, aber ich lasse meinen Zorn nicht an anderen Menschen aus. Und je länger ich mir das ansehe, desto wütender werde ich auf dieses Arschloch.

Die arme Frau wird immer röter im Gesicht, und ihre Unterlippe zittert. Als ihr schließlich Tränen in die Augen treten und sie vor seiner unbarmherzig auf sie einprasselnden Tirade einen Schritt zurückweicht, reicht es mir.

»Hören Sie, Sir«, unterbreche ich ihn mit meiner tiefen Stimme. »Manchmal ist das Leben nun mal unfair. Kein Grund, so mit ihr zu reden.«

Alle Köpfe drehen sich in meine Richtung, und auch der Mann wendet mir das knallrote Gesicht zu. »Wie bitte?« Seine Wangen beben vor Wut, er presst die Lippen unter dem dichten Schnurrbart zusammen und fixiert mich mit starrem Blick. Offenbar ist er es nicht gewohnt, dass man ihm widerspricht.

Ich zucke lässig mit den Schultern. Nonchalance ist die schlimmste Beleidigung für jemanden, der so verächtlich mit anderen Menschen umspringt. »Gehen Sie spazieren«, sage ich mit leiser, rauer Stimme. »Es ist eben, wie es ist.«

»Es ist eben, wie es ist?« Fast springen ihm die Augen aus dem Kopf, und sein rundes Gesicht wird noch röter.

Ich kann selbst nicht fassen, dass ich gerade die Floskel der Frau von eben gegen diesen Kerl abgeschossen habe. Aber es fängt an, mir Spaß zu machen, also leihe ich mir noch einen Spruch von Miss Happy: »Tja, wie sagt man noch gleich? Wenn das Leben dir Zitronen gibt, dann benimm dich dem Servicepersonal gegenüber nicht wie der letzte Arsch. Oder so ähnlich.«

Der Mann starrt mich an. Ich erwidere seinen Blick ruhig. Er mustert mein Lieblingshemd aus kariertem Flanell, dann meine schwarze Jeans und die Lederstiefel. Ich bin größer als er, und auch wenn ich schon seit ein paar Jahren nicht mehr die Fäuste habe sprechen lassen, wäre ich mir dazu nicht zu schade. Ich bin fast vierzig, aber in Topform, und vielleicht wäre es sogar ganz schön, meiner Anspannung mal ein Ventil zu geben.

Der Blick seiner kleinen Augen zuckt über die stumm dastehende Menge, als würde er abschätzen, wie peinlich die Lage für ihn ist (die Antwort lautet: sehr peinlich). Ihm scheint zu dämmern, dass ich kein leichtes Opfer bin, denn er dreht sich wieder zum Schalter um, schnappt sich sein Ticket vom Tresen und stampft davon, so schnell ihn seine wütenden Beinchen tragen.

Als ich ihm hinterhersehe, spüre ich meine Lippen zucken. Und ich hatte gedacht, heute Abend könne mich nichts zum Lächeln bringen.

Obwohl ihr schüchterner Dank mich ein wenig rührt, kann die Frau am Schalter ansonsten nichts für mich tun. Sämtliche Hotels in der Umgebung sind wegen der vielen gecancelten Flüge ausgebucht, und unser Flug wurde auf sechs Uhr morgen früh verschoben.

Jetzt ist es 23:08 Uhr, was bedeutet, dass es sich nicht lohnt, mich durch den höllischen Verkehr quer durch die Stadt zu quälen, bis ich irgendwo ein freies Zimmer finde. Da ich bei meiner Rückkehr noch mal durch die Sicherheitskontrolle müsste, könnte ich bei meiner Ankunft im Hotel vermutlich auch schon direkt wieder umdrehen. Die einzige vernünftige Lösung ist, sich auf einer Bank im Terminal schlafen zu legen.

Dieser Abend ist einfach rundum zum Kotzen. Aber wie ein echter Mann es nun mal tut, schlucke ich meinen Frust runter und danke ihr für ihre Hilfe, ehe ich mich abwende.

Mit müden Beinen stapfe ich durch den Flughafen, auf der Suche nach einem Platz für die Nacht, an dem ich mich für ein paar Stunden hinlegen kann. Dank der jahrelangen Bekämpfung von Waldbränden habe ich die unheimliche Fähigkeit entwickelt, fast überall schlafen zu können und notfalls auch mit wenig Schlaf auszukommen. Waldbrände scheren sich nicht darum, ob du müde bist, und brechen oft erst nach Einbruch der Dunkelheit mit voller Wucht aus. Daher bin ich es gewohnt, auch in der unbequemsten Position ein bisschen Schlaf zu bekommen.

Allerdings bin ich nicht der Einzige, der sich damit abgefunden hat, heute Nacht auf dem Flughafen nächtigen zu müssen.

Ich bleibe stehen, stemme die Hände in die Hüften und sehe mich nach einer freien Ecke um, aber es ist, als wäre dies hier ein verdammtes Hostel: überall Leute und Taschen.

Der einzige Ort, an dem ich einen freien Platz entdecke, ist die Bar. Ein einsamer Tisch für zwei Personen ganz am Rand des Sitzbereichs, direkt neben dem Gang, der zu den Toiletten führt. Nicht gerade glamourös, aber besser als nichts. Und ein Drink klingt im Moment verdammt gut.

Ich frage nicht mal, ob der Tisch frei ist, sondern marschiere einfach am verlassenen Empfangstresen vorbei und beanspruche ihn für mich. Und das keine Sekunde zu früh: Gleich darauf strömt ein Riesenschwung Leute auf das Restaurant zu und sieht sich um, als könnten sie so einen freien Platz herbeizaubern. Natürlich vergeblich. Die Theke ist voll, die Leute haben sich Schulter an Schulter nebeneinandergequetscht, und auf dem Boden liegt ein wirres Durcheinander von Taschen. Hektische Kellner huschen zwischen den Tischen hin und her und versuchen, den unerwarteten Ansturm dieses Montagabends irgendwie zu bewältigen.

Sie tun mir leid, also zücke ich geduldig mein Handy und scrolle darin herum, während ich warte – ich habe ohnehin nichts Besseres zu tun. Kopfschüttelnd lese ich die Nachrichten über den Schneesturm und das Chaos, mit dem er den pazifischen Nordwesten überzieht. In jeder anderen kanadischen Stadt liefe das völlig entspannt. Aber hier? Nicht genug Schneepflüge. Nicht genug Enteisungsmaschinen.

Gerade beschimpfe ich innerlich den riesigen Flughafen, da weckt eine Stimme meine Aufmerksamkeit und reißt mich aus meinen düsteren Gedanken.

Ich blicke auf, und da ist sie. Das Limonadenmädchen.

Nein. Die Limonadenfrau.

Denn sie wirkt kein bisschen mädchenhaft. Bewegt sich mit selbstbewusster Anmut, und ihre weichen, femininen Rundungen wirken, als wäre sie die Erfinderin der Weiblichkeit. Und diese Stimme? Ebenfalls alles andere als mädchenhaft. Diese Stimme ist definitiv die einer erwachsenen Frau. Nicht albern oder übertrieben fröhlich, sondern wie Honig und Gewürze, sanft mit einem Hauch Schärfe – fast schon sinnlich, ohne dass sie sich darum bemühen müsste.

»Kein einziger Platz im ganzen Restaurant?«

Vor ihr steht ein Junge, der kaum alt genug aussieht, um hier zu arbeiten. Er starrt sie an, und man sieht ihm an, dass ihn dieses herzförmige Gesicht mit den ebenso herzförmigen Lippen völlig in den Bann zieht. Er wirkt, als würde er ihr am liebsten eigenhändig einen Stuhl zimmern, nur damit sie sich setzen kann.

Während ihr Blick durch das Restaurant schweift, beobachtet er sie wie hypnotisiert.

Und ich tue es ihm gleich.

Kein Wunder, dass er Schnappatmung bekommt. Er steht gerade einer modernen Marilyn Monroe gegenüber – nur noch ein bisschen vollbusiger. Lockere platinblonde Wellen umrahmen volle Wangen und eine Stupsnase. Aber es sind vor allem die großen, lebendigen blauen Augen, bei deren Anblick mir zumute ist, als hätte mir ein Pferd in den Magen getreten. Ich könnte schwören, dass sie leicht ins Lavendelfarbene tendieren.

Ich rutsche auf meinem Stuhl hin und her und konzentriere mich wieder auf mein Handy. Ich bin verdammt noch mal zu alt, um eine hübsche Frau am Flughafen anzustarren.

Durch meine Nachrichten zu scrollen ist ein viel angemesseneres Verhalten.

»E… es tut mir so leid, ich wünschte, ich könnte …«

Ich höre, wie er über seine Worte stolpert, und lache leise in mich hinein.

Armer Kerl.

»Oh, Sie müssen sich nicht entschuldigen. Ich habe da drüben gerade einen freien Platz entdeckt. Vielen Dank für Ihre Hilfe.«

Ich schnaube leise. Hilfe. Das ist wirklich großzügig von ihr.

»Ist irgendwas lustig?«

Schon wieder diese Stimme, diesmal näher. Als ich aufblicke, steht sie direkt vor mir.

Und verdammt soll ich sein, wenn ich in diesem Moment nicht ebenso gebannt bin wie der Junge, über den ich mich gerade noch amüsiert habe. Ich starre sie an und will mich fast winden unter dem Gewicht ihres eindringlichen Blicks.

»Nein«, murmle ich schroff, um meine Reaktion zu überspielen. Ich fand sie aus der Entfernung schon hübsch, aber aus der Nähe ist sie verdammt noch mal absolut umwerfend.

Ein wissendes Lächeln. »Gut. Ich würde ungern neben einem Fremden sitzen, der über nichts lacht.«

»Wie bitte?«, frage ich verwirrt.

Im nächsten Moment zieht sie sich einen Stuhl zurecht und lässt sich an meinem Tisch nieder.

Ohne zu fragen.

»Das macht Ihnen doch nichts aus, oder?«

Ich richte mich auf, ein wenig irritiert von ihrer … Vertraulichkeit? Offenheit? Ich weiß nicht, wie ich es nennen soll, aber es verwirrt mich. Ich selbst bin nicht der Typ, der einfach so wildfremde Leute anspricht. Verdammt, ich rede kaum mit den wenigen Menschen in meinem Leben, die ich als Freunde bezeichnen würde.

»Und wenn dort schon jemand sitzt?« Ich fühle mich unbehaglich angesichts dieser unerwarteten Begegnung – und auch der Tatsache, dass ich sie attraktiv finde.

Mit einem heiseren, amüsierten Lachen stellt sie ihre Tasche auf den Boden. Als sie sich aufrichtet, wirkt sie nicht im Geringsten, als würde sie sich ebenfalls unbehaglich fühlen. Sie stützt den Ellbogen auf den Tisch und das Kinn in ihre Hand. »Hier sitzt niemand.«

Ich verschränke die Arme vor der Brust und lehne mich zurück, um etwas Distanz zu schaffen. »Woher wollen Sie das wissen?«

Sie neigt den Kopf, und das Licht der Deckenlampe betont die Rundung ihrer Wangen. »Keine Tasche. Kein Handy. Und außerdem strahlen Sie auf zehn Kilometer Ihre Rühr-mich-nicht-an-Energie aus.«

Ich ziehe ungläubig eine Augenbraue hoch. »Rühr-mich-nicht-an-Energie?«

Sie lächelt fast verschwörerisch. »Ja. Wären Sie ein Haus, würde ich Sie mit Salbei ausräuchern.«

Oh, noch mehr weltverbessernde Mach-Limonade-aus-Zitronen-Scheiße. Genau das also, wonach mir gerade der Sinn steht.

Ich beiße mir auf die Innenseiten meiner Wangen, um nicht zu lachen, und vermute, dass sie meine zynische Reaktion bemerkt, aber sie greift einfach über den Tisch. Mir fällt ein Tattoo ins Auge: lauter zierliche Ranken und Blätter. Stirnrunzelnd mustere ich ihre Hand.

Sie lacht nur. »Hi. Danke für die Einladung. Ich bin Gwen, und du?«

Ich sehe ihr in die funkelnden Augen, und dann entdecke ich ein Grübchen in ihrer Wange. Je länger ich sie anstarre, desto tiefer wird es. Ich schwöre bei Gott, sie hat Spaß daran, mich zu ärgern.

»Hi«, erwidere ich barsch, und um ihr den Wind aus den Segeln zu nehmen, füge ich hinzu: »Ich bin Bash. Und ich glaube, wir haben sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was eine Einladung ist.« Dann erst ergreife ich ihre ausgestreckte Hand.

Gwen zuckt sanft mit den Schultern. »Vielleicht sollte dieser Platz ja frei bleiben.«

Ich presse die Lippen zusammen. »Ja, sollte er eigentlich.«

Sie lacht leise und schüttelt den Kopf, als wäre sie von meinem Benehmen fasziniert. »Aber jetzt bin ich hier. Und du weißt ja, was man sagt: Wenn dir das Leben Zitronen gibt …« Sie zwinkert mir zu, und mit einem Mal fühlt sich meine Jeans vorn ein wenig enger an.

Ich beiße die Zähne zusammen, gebe aber mein Bestes, die Frau mit meinem gelangweiltesten Blick zu mustern. Ein erbärmlicher Versuch, meine geradezu kindisch heftige Reaktion auf sie zu verbergen.

»Und was, wenn ich lieber Limetten wollte?«, will ich gerade wissen, als ein nervöser Kellner an unserem Tisch auftaucht und atemlos fragt: »Was kann ich Ihnen bringen?«

Den Blick fest auf mich gerichtet und den hübschen Mund zu einem wissenden Lächeln verzogen, lässt sich Gwen – dieser Eindringling in meine Privatsphäre – keine Sekunde Zeit mit ihrer Antwort: »Oh, Gott sei Dank sind Sie da. Dieser Mann braucht ganz dringend eine Limetten-Margarita. Extrasauer.«

2. KAPITEL

GWEN

»Machen Sie zwei draus«, sage ich, aber ehe ich meinen Satz beendet habe, eilt der Kellner auch schon davon. Als ich mich wieder dem Mann zuwende, der mir gegenübersitzt, trifft mich ein Blick, der töten könnte.

Hätte ich nicht gesehen, wie verdammt nett er dieser armen Frau am Ticketschalter zu Hilfe gekommen ist, hätte ich es ihm vielleicht sogar abgekauft. Aber ich war dabei, habe ein Stück hinter ihm in der Reihe gestanden und alles beobachtet. Verdammt, er hat sogar eine meiner Lieblingsredewendungen auf amüsante Weise abgewandelt.

Also nein … Bash, der mürrische Typ mit den dunklen, buschigen Augenbrauen, zwischen denen sich eine so entzückende kleine Falte über der Nase bildet, erschreckt mich kein bisschen.

Ich weiß, wie ein wirklich böser Gesichtsausdruck aussieht – jene Art Gesichtsausdruck, dem scharfe, verletzende Worte folgen. Und das hier ist ein ganz anderer. Der hier sieht eher aus wie eine geballte Ladung Energie mit markanten Gesichtszügen.

Wenn ich ihn mit einem Wort beschreiben müsste, wäre es männlich. Und zwar von Kopf bis Fuß.

Die klobigen schwarzen Lederstiefel, die schlichte Levis und das weiche, lässige Flanellhemd verleihen ihm den Look eines Holzfällers. Eines mürrischen Holzfällers.

Aber vor allem liegt es an seinem Gesicht. Er sieht nicht auf klassische Art gut aus, ist nicht auf konventionelle Weise hübsch. Aber die Nase ist markant, das Kinn kantig, sein dichter Bart ordentlich gestutzt. Silberne Strähnen durchziehen das dunkelbraune Haar, das an den Seiten kurz und auf dem Oberkopf länger und ordentlich frisiert ist.

»Hast du dich gerade ohne Einladung mit an meinen Tisch gesetzt und für mich mitbestellt?« Seine tiefe Stimme geht mir durch Mark und Bein. Aber wütend klingt er nicht.

»Oh, das ist dein Tisch? Entschuldige bitte. Ich wusste nicht, dass der Flughafen in Privatbesitz ist.«

Eine Ader an seinem Hals pulsiert. Dank seiner Anspannung sehe ich sie überdeutlich. »Nein, aber es ist allgemein bekannt, dass auch die freien Stühle an einem Tisch als besetzt gelten, wenn am Tisch bereits jemand sitzt.«

Ich bilde mit den Lippen ein O und gebe mich vollkommen überrascht von dieser neuen Information. »Oh, das wusste ich gar nicht. Ich habe das Regelwerk für Übernachtungen am Flughafen nicht gelesen. Hast du es zufällig dabei?«

Er starrt mich an und fährt sich mit der Zunge über die Zähne.

Ich lächle und zucke unschuldig mit den Schultern. »Mir scheint, uns allen steht heute eine Scheißnacht bevor, und jeder unbesetzte Stuhl ist frei. Wenn du mich nicht leiden kannst, kann ich dagegen wohl nichts tun. Aber wenn es nur darum gehen sollte, dass du keine Margaritas magst, helfe ich dir gern und trinke deine mit. Ich habe heute nichts vor und liebe gute Margaritas.«

Er öffnet die vollen Lippen, als wollte er etwas sagen, bringt aber kein Wort heraus. Starrt mich nur an, als wäre ich ein exotischer Vogel, den er noch nie zuvor zu Gesicht bekommen hat. Schließlich murmelt er: »So übel scheinst du gar nicht zu sein.«

»Wow, was für ein Kompliment. Vielen lieben Dank dafür«, necke ich ihn.

Er verdreht die Augen, und ich sehe einen Muskel in seinem Kiefer zucken, als wäre er verärgert. »So habe ich es nicht gemeint, und das weißt du auch.«

Mit einem zufriedenen Lächeln lehne ich mich zurück und verschränke die Arme vor der Brust, um seine Körperhaltung zu spiegeln. »Wirklich? Eigentlich weiß ich gar nichts über dich. Nur, dass du Limetten lieber magst als Zitronen. Und dass dein moralischer Kompass funktioniert.«

Er neigt leicht den Kopf. »Mein moralischer Kompass?«

»Die Situation am Schalter.«

In seinen Augen blitzt es auf, als er begreift. »Das hast du gesehen?«

»In voller Pracht. Und es war wirklich prächtig.«

Er brummt, verlagert das Gewicht und weicht meinem Blick aus, als wäre ihm das Kompliment unangenehm. »Das war nichts Besonderes.«

Nachdenklich schüttle ich den Kopf. »Ich meine ja nur … Niemand sonst hat auch nur ein Wort gesagt. Und für die Frau war es ganz sicher etwas Besonderes. Immer wieder witzig, wie hitzig solche Würstchen werden können, wenn sie jemanden vor sich haben, mit dem sie es machen können.«

Da muss man nur mal meinen Vater fragen.

Er wollte mich zu einem sanften, gehorsamen Wesen erziehen, ehe er mich in die Welt entließ.

Und er hat versagt.

Stattdessen bin ich trotzig und voll unerschütterlichem Optimismus in die Welt hinausgezogen, getrieben von dem tiefen Drang, meine Träume zu verfolgen. Und mit ein paar Vaterkomplexen im Gepäck. Aber keiner dieser Komplexe betrifft konkret ihn. Denn mit ihm habe ich seit acht Jahren nicht mehr gesprochen.

Bash schnaubt nur und spielt mit der Serviette, in die sein Besteck eingerollt ist. »Ja, der Typ war ein verdammter Versager, so viel steht fest.« Ich nicke zustimmend und höre Bash trocken murmeln: »Vielleicht solltest du lieber ihn mit Salbei ausräuchern.«

Mit weit aufgerissenen Augen mustere ich ihn, aber seine Miene ist nicht zu deuten. Also sage ich ernsthaft: »Ich werde darüber nachdenken. Falls wir ihn heute Abend finden, mache ich euch vielleicht ein Angebot – zwei für den Preis von einem. Dann bringe ich euch beide auf Vordermann.« Das bringt mir einen weiteren finsteren Blick ein, über den ich lachen muss.

»Und, wohin geht die Reise?«, fragt er.

»Nach Toronto. Und selbst?«

»Calgary.« Klar, sein Gate war direkt neben meinem.

Ich mustere seine Tasche und entdecke ein Namensschild. »Bash« scheint die Abkürzung für Sebastian Rousseau zu sein.

Sogar sein Name ist heiß, denke ich unwillkürlich.

In diesem Moment landen zwei Untersetzer auf dem Tisch, der Kellner stellt uns die Margaritas vor die Nase und ist auch schon wieder weg.

Misstrauisch beäugt Bash die hellgrüne Flüssigkeit in seinem Glas und richtet die dunklen Augen auf mich. »Die sind sehr … neonfarben.«

Ich nicke und betrachte meinen Drink. Er hat definitiv keine Ähnlichkeit mit den Margaritas, die ich noch gestern bei meinem Yoga-Retreat am Strand von Mexiko genossen habe. »Sieht aus wie Konzentrat aus der Spritzflasche. Es ist eine Margarita, ja, aber bestimmt keine gute.«

Bash verzieht das Gesicht. »Sicherlich verdammt süß, das Zeug.«

»Es gibt aber auch gute Nachrichten.« Als mich erneut sein dunkler Blick trifft, verspüre ich ein leichtes Flattern in der Brust, das mich für einen Moment aus dem Konzept bringt. »Die gute Nachricht ist …« Ich lecke mir über die Lippen. »Die gute Nachricht ist, dass in all dem zuckrigen Saft auch ein bisschen Tequila versteckt ist.«

Er nickt, ohne den Blick von mir abzuwenden. Und obwohl mich männliche Aufmerksamkeit normalerweise nicht nervös macht, spüre ich, wie ich erröte. Sein Blick wirkt anerkennend, und ich freue mich darüber.

»Guter Punkt. Und wenn man über Nacht am Flughafen festsitzt, ist ein bisschen Tequila besser als gar kein Tequila.«

Ich richte mich auf, stütze die Unterarme auf den Tisch und beuge mich vor. »Absolut. Ich bin ganz sicher, dass wir uns nach diesem Drink besser fühlen werden. Das Leben schenkt uns immerhin Limetten und so weiter.«

Seine unrasierte Wange zuckt. Er schließt eine Hand um sein Getränk. Eine so riesige Hand, dass das Glas darin winzig aussieht, und ich kann nicht umhin, die Spuren körperlicher Arbeit zu bemerken. Die Handfläche ist schwielig, auf dem Handrücken entdecke ich ein paar Narben. Und eine dunkelblaue Verfärbung unter einem Fingernagel, wie eine ordentliche Prellung.

Ja, dieser Mann arbeitet definitiv mit seinen Händen.

Ich schlucke, nehme ebenfalls mein Glas und strecke es ihm entgegen. »Prost. Auf Limetten.«

Mit einem leichten Kopfschütteln stößt Bash mit mir an. »Auf Limetten.«

Wir trinken beide einen Schluck. Nur mit Mühe schaffe ich es, nicht zusammenzuzucken, denn das Zeug ist wirklich wie flüssiger Zucker. Aber jeder Schluck schmeckt besser als der vorherige, und bald merke ich kaum noch, dass ich im Prinzip nur überteuerte Limonade trinke.

Eine angenehme Stille breitet sich zwischen uns aus, während wir an unseren Drinks nippen und die Welt ringsum auf uns wirken lassen. Aber je mehr wir trinken, desto mehr verwandelt sich die Stille in ein fast kameradschaftliches, leicht beschwipstes Miteinander. Gemeinsam beobachten wir die anderen Leute und machen uns gelegentlich auf Details aufmerksam, die wir im Chaos dieser Nacht entdecken: ein streitendes Paar, ein Kind, das auf einen Sitz klettert und runterfällt, ein Mann, der mit blutunterlaufenen Augen aus dem Restaurant taumelt.

Mein Blick wandert immer wieder zu einem Vater und seiner bereits erwachsenen, aber noch jungen Tochter, die gemeinsam an der Bar sitzen. Anfangs sind sie mir aufgefallen, weil er einen Witz gemacht hat, woraufhin sie den Kopf zurückwarf und langgezogen »Daaad« sagte. Und ich sehe immer wieder hin, fasziniert von der freundlichen Vertrautheit zwischen ihnen. Vor beiden steht ein Bier, und sie sehen sich die Sport-Highlights auf dem Fernseher an. Lachen. Einmal drückt er ihre Schulter.

Sie zu beobachten ist, als würde ich mit dem Finger in einer alten Wunde herumbohren. Einer Wunde, die einfach nicht heilen will, wie sehr ich mich auch darum bemühe.

Ganz gleich, wie viel Arbeit ich investiere.

Ich sehne mich nach einer solchen Beziehung.

Und ich werde sie niemals erleben.

Die Menge in der Bar lichtet sich. Ein Gast nach dem anderen sucht sich in kluger Weitsicht einen Platz für die Nacht. Der Mann und seine Tochter gehen ebenfalls.

Aber wir nicht. Nein, wir bestellen einfach weiter die miesesten Margaritas, die ich je getrunken habe.

Als schließlich das Personal mit dem Aufräumen beginnt, um den Laden zu schließen, und uns die Rechnung gebracht wird, können wir uns noch immer nicht zur Eile entschließen. Mir gehen viel zu viele Fragen durch den Kopf, die ich Bash gern stellen möchte, jetzt, da Tequila und Zucker ihn weich gemacht haben.

»Also, was machst du beruflich?«

Er fährt sich mit der Zunge über die Zähne, als würde er überlegen, ob er mir antworten soll. Dann zuckt er mit den Schultern und sagt mit rauer Stimme: »Ich bin bei der Luftfeuerwehr. Aber im Winter …«

Ich lasse beide Hände flach auf den Tisch klatschen und beuge mich vor. Meine Brüste drücken gegen die Tischkante, und er sieht kurz hin, aber ich kommentiere es nicht. Meine Brüste sind nun mal verdammt groß. Und ständig im Weg. »Entschuldigung, aber was sagst du da? Du bist nicht nur ein normaler Feuerwehrheld, sondern fliegst obendrein mit einem echten Flugzeug in echte Brände und wirfst Wasser drauf?«

»Kommt auf das Feuer an. Und auf die jeweilige Strategie. Manchmal ist es auch kein Wasser, sondern Löschmittel.«

Ich spüre, wie mir das Blut in die Wangen steigt, und ich betrachte ihn mit ganz neuen Augen. »Du bist also ein richtiger, echter Held«, sage ich und lehne mich zurück, um ihn ausgiebig zu betrachten.

Dem armen Kerl scheint meine Begeisterung unangenehm zu sein. Ich wette, er sieht sich selbst überhaupt nicht als Held. Er ist so ein nüchterner, bodenständiger Typ. Vermutlich sagt er gleich, dass er nur »seine Arbeit macht«.

»Du übertreibst. Das ist bestimmt der Tequila.«

Ich schnaube. »Okay, Top Gun. Ich bin ganz sicher: Jeder, dessen Haus du durch deine perfekte Zielgenauigkeit und deinen großen Mut gerettet hast, würde auch sagen, meine Beschreibung deiner Arbeit sei völlig übertrieben.«

Er schnaubt ebenfalls und weicht meinem Blick aus. »Also mit Worten kannst du jedenfalls umgehen, so viel steht fest.«

Ich vollführe eine kreisende Bewegung mit der Hand und deute eine dramatische Verbeugung an. »Danke, danke. Ich bin noch den ganzen Abend hier.« Ich hebe den Kopf und zwinkere ihm zu. »Nein, im Ernst, ich stecke hier tatsächlich fest.«

Der Hauch eines Lächelns zeichnet sich auf seinen Lippen ab, und Himmel, ich genieße es. Bestimmt war er richtig genervt von mir, als ich mich einfach an seinen Tisch gesetzt habe, aber inzwischen bin ich eindeutig in seiner Gunst gestiegen. Eine riesige Erleichterung, denn ich ertrage es nicht, wenn Leute mich nicht mögen. Es nagt so sehr an mir, dass es mich oft nachts wachhält.

»Und was machst du beruflich, Gwen? Stand-up-Comedy? Handlesen?«

Ich beiße mir auf die Innenseite meiner Wange. »Nein. Aber ich hatte tatsächlich mal eine Tarot-Phase.«

Er verdreht die Augen, aber es wirkt kein bisschen boshaft oder abfällig. »Natürlich hattest du die.«

Leise lache ich und trinke einen Schluck. Erneut senkt er den Blick, aber diesmal auf meine Zungenspitze, die über den Salzrand gleitet.

»Ich bin Yogalehrerin.«

Verblüfft sieht er mir wieder in die Augen. »Das passt.«

In meinem Kopf erklingt eine leise, kritische Stimme, die verdächtig nach meinem Vater klingt. »Das passt« kann man auf unterschiedlichste Weise interpretieren, aber ich musste meine Berufswahl so viele Jahre lang verteidigen, dass ich jetzt selbst in der harmlosesten Bemerkung eine Beleidigung wittere.

Sofort schalte ich in den Verteidigungsmodus. »Ich bin wirklich gut darin. Ich habe Hunderte von Unterrichtsstunden gegeben und bereits auf der ganzen Welt trainiert. Ich arbeite sogar gelegentlich auf Honorarbasis für professionelle Sportteams.«

Bash nickt knapp, nur ein kurzer Ruck des stoppligen Kinns. »Ich habe es ehrlich gemeint. Es passt wirklich gut, und ich zweifle nicht daran, dass du deine Arbeit hervorragend machst.«

Erleichtert lasse ich die Schultern sinken und stoße die Luft aus. Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich sie unwillkürlich angehalten habe. »Ja, okay. Ich bin es nur gewohnt, dass die Leute …« Ich verstumme, lache leise und sehe weg. »Ach, weißt du, was? Vergiss es.«

»Nein, sag es mir.«

Ich mustere diesen Mann, der mich beobachtet. Mir zuhört. Mir wirklich zuhört. Er hat sich ein wenig nach vorn gebeugt, die Schultern aufrecht, die volle Aufmerksamkeit auf mich gerichtet. Als wollte er wirklich wissen, was ich zu sagen habe.

Also fahre ich fort: »Ich weiß nicht. Erstens sehe ich wohl nicht so aus, wie man sich üblicherweise eine Yogalehrerin vorstellt.«

Er mustert mich, ein kurzes Senken und Heben seines Kinns. In seinen Augen entdecke ich nichts als Wertschätzung. »Was meinst du damit? Für mich siehst du aus wie eine Yogalehrerin.«

Er sagt es schlicht und mit leiser Verwirrung. Es ist … liebenswert. Erfrischend.

Ich zucke mit den Schultern und antworte so lässig wie möglich: »Ich meinte meine Kleidergröße.«

Da runzelt er die Stirn, und seine Verwirrung weicht leisem Ärger. »Die Leute sind Idioten«, brummt er.

In meiner Brust steigt ein fröhliches Summen auf, und ich muss mir das Lächeln verkneifen. »Und außerdem tätscheln mir viele Leute quasi das Köpfchen, wenn ich ihnen erzähle, was ich mache. Und sagen irgendwas wie ›Das ist ja sehr nett, aber was willst du denn später mal werden?‹. Oder: ›Was ist mit der Uni?‹ Sehr herablassend. Es ist wirklich anstrengend, ständig seine Berufswahl verteidigen zu müssen, immerzu den Wert der eigenen Arbeit zu rechtfertigen.«

Er zieht seine Augenbrauen zusammen, und für einen Moment sieht er richtig erzürnt aus. Vielleicht bilde ich es mir nur ein, aber er wirkt fast beleidigt, und seine Stimme klingt streng, als er spricht: »Ich sage es gern noch mal: Die Leute sind Idioten. Viele Menschen verdienen gut und haben einen Beruf, mit dem sie sehr zufrieden sind, ohne jemals studiert zu haben.«

Dankbar lächle ich ihn an und stürze den Rest meiner Margarita hinunter, um nicht aus Versehen irgendwas Rührseliges zu sagen. »Das solltest du mal meinem Vater erzählen«, murmle ich und lasse mein Glas wie einen Hammer auf den Tisch knallen. Innerlich schimpfe ich mit mir selbst. Muss ich denn unbedingt diesem heißen Fremden all meine persönlichen Probleme vor die Füße werfen, nur weil er nett zu mir ist und Dinge sagt, die ich dringend hören will?

Rasch stehe ich auf und wechsle das Thema. »Okay, das wird gerade viel zu ernst. Lass uns irgendwas unternehmen.«

3. KAPITEL

BASH

Ich blinzle sie an. Ich würde mich gern weiter über ihren Vater unterhalten. Oder darüber, dass Leute Bemerkungen über ihre Kleidergröße machen. Ich kenne sie kaum, aber mich fuchst die Vorstellung, dass irgendwer ihr das Gefühl vermittelt, sie sei nicht gut genug, so wie sie ist. Vor einer Stunde habe ich noch nicht mal gewusst, dass sie überhaupt existiert, aber ich spüre jetzt schon, dass sie ein Händchen dafür hat, anderen zu helfen. Dass sie die Dunkelheit ein wenig heller machen kann. Und so etwas kann man nicht aus Büchern lernen.

Aber an der Art, wie sie sich hastig die Tasche über die Schulter wirft und sich umsieht, merke ich deutlich, dass sie dieses Gespräch auf keinen Fall fortsetzen will, sondern im Gegenteil davor flieht. Also schlucke ich meine Gefühle runter. »Irgendwas unternehmen? Hier?«

»Ja. Wo denn sonst? Es muss doch irgendeine Möglichkeit geben, sich ein bisschen zu amüsieren.«

»Ich hatte eigentlich daran gedacht, ein bisschen zu schlafen.«

»Pfffft.« Sie winkt ab. »Bitte. Wie oft in deinem Leben wirst du wohl über Nacht auf dem Flughafen festsitzen?«

»Hoffentlich nur einmal?«

»Genau! Das hier ist cool. Eine Nacht, von der wir eines Tages unseren Kindern erzählen werden.«

Ich zucke zusammen. Kinder. Das ist gerade heute ein wunder Punkt. Aber sie merkt nicht, dass ihre Worte einen Nerv getroffen haben, und redet einfach weiter.

»Und ganz ehrlich, es wäre eine echt lahme Pointe für diese Anekdote, wenn die Geschichte so endet: Und dann lag ich mehrere Stunden auf dem schmutzigen Boden und habe vergeblich versucht einzuschlafen. Lebe so, dass du nichts zu bedauern hast, Sebastian.«

Verdammt. Es ist, als ob sie meine frische Wunde gefunden hätte und ihre Limetten direkt darüber auspresst.

Sie streckt die Hand nach mir aus. »Komm schon. Gib jetzt nicht auf. Es ist mir sehr wichtig, dass du mich magst, und ich habe das Gefühl, meinem Ziel langsam näher zu kommen.«

Ich verdrehe die Augen und trinke den letzten Schluck meiner Margarita. »Ich finde dich doch gar nicht so übel, Gwen«, brumme ich und ergreife ihre ausgestreckte Hand.

»Das sagst du immer. Aber mit gar nicht so übel gebe ich mich nun mal nicht zufrieden«, entgegnet sie und zieht mich eifrig mit sich.

Es fühlt sich seltsam an, die Hand einer Frau zu halten, die ich gerade erst kennengelernt habe. Und doch entziehe ich mich ihr nicht, als sie mich aus dem Restaurant führt. Lasse zu, dass sie ihre schmalen Finger mit meinen verschränkt, mit einer Selbstverständlichkeit, als hätten wir das schon tausendmal gemacht. Hitze strömt durch meine Hand und schießt mir den Arm hinauf.

In mir macht sich zurückhaltender Optimismus breit. Vielleicht – nur vielleicht – genießt sie meine Gesellschaft tatsächlich trotz meiner mürrischen Art und meiner schlechten Laune. Zumindest ein wenig.

Ich hoffe sehr, dass es so ist. Denn ich jedenfalls genieße ihre Gesellschaft, so eigenartig das auch klingen mag.

Sie biegt in den langen, offenen Flur ab. Nimmt mich einfach mit auf ihr Abenteuer.

Mein Blick fällt auf ihren runden Hintern. Die Jeans schmiegt sich perfekt an ihre Sanduhrfigur, die geschwungenen Hüften wiegen sich bei jedem Schritt.

Ja, sie ist verdammt heiß. Sie ist verdammt gefährlich.

Jetzt entziehe ich ihr doch meine Hand und schließe mit zwei, drei langen Schritten zu ihr auf. Nachdem ich kurz Luft geholt und mehr von ihr gesehen habe als ihre ungewöhnlichen Augen und die weichen Lippen, erscheint es mir doch passender, nebeneinander zu gehen.

Gwen mustert mich über ihre Schulter hinweg, und fast kommt es mir vor, als wäre sie enttäuscht. Was ich mir eigentlich nicht vorstellen kann.

Ich schiebe den Gedanken beiseite und frage: »Wohin gehen wir?«

Sie zuckt mit den Schultern, sieht sich mit leisem Staunen um und lächelt amüsiert. »Ich weiß es nicht. Brauchen wir denn einen Plan? Lass uns einfach ein bisschen herumspazieren und sehen, was unsere Aufmerksamkeit weckt.«

Ich schlucke schwer, sehe sie an und frage mich, was zum Teufel in diesen Margaritas war. Denn auf einmal kann ich nur noch denken: Es hat bereits etwas meine Aufmerksamkeit geweckt.

Sie wirft mir einen Blick zu. »Ich weiß, was du brauchst.«

Ich werde rot und fühle mich wie ein Kind, das beim Gaffen erwischt wurde. Das hoffe ich nicht.

»Du brauchst etwas, das dich munter macht, bevor wir uns in unser Abenteuer stürzen.«

»Ich glaube, die Cafés sind alle schon geschlossen.«

Sie lacht nur und schlendert voran zu einigen Fenstern, hinter denen die dunkle, verschneite Nacht liegt. Ich beobachte, wie sie ihre Schuhe auszieht, sich mit gekreuzten Beinen hinsetzt und die Handflächen auf die Knie legt.

Sie ruft mich nicht heran, aber ich gehe trotzdem zu ihr, fasziniert von dieser Frau und ihrer Lebensfreude. Ich könnte davon auch mehr gebrauchen, das weiß ich – nur habe ich leider keine Ahnung, woher ich diese Lebensfreude nehmen soll, denn es kommt mir vor, als wären die letzten Jahre ein einziger großer kosmischer Witz auf meine Kosten gewesen.

»Was machst du da?«

»Ich meditiere.« Ich höre das Lächeln in ihrer sanften Stimme.

»Warum?«

»Weil es genauso erholsam sein kann wie Schlaf. Und ich möchte meine Nacht nicht mit Schlafen verschwenden.« Sie klopft neben sich auf den Boden, eine stille Einladung, mich zu ihr zu setzen.

»Eigentlich meditiere ich nicht«, murmle ich, nehme aber trotzdem neben ihr Platz und frage mich, was zum Teufel ich hier eigentlich mache. Mein Knie streift ihre Fingerspitzen, und kurz starre ich ihre Hand an, bevor ich abrücke, ein paar Zentimeter Abstand zwischen uns schaffe. Ich bin steif wie ein Brett, und als ich versuche, mich in dieselbe Haltung zu begeben wie sie, sehen meine Beine aus wie eine zerbrochene Brezel. Ich glaube, ich habe seit der Grundschule nicht mehr im Schneidersitz gesessen.

»Okay. Dann setz dich einfach nur eine Weile zu mir.« Inzwischen sind ihre Augen geschlossen, und ein leichtes Lächeln liegt auf ihren Lippen.

»Und was soll ich tun?«

Ihr Lächeln wird breiter, aber die Augen bleiben geschlossen. Ihre Wimpern werfen Schatten auf ihre zart gerundeten Wangen. »Nichts.«

»Nichts?« Nichts zu tun ist nicht gerade meine Stärke. Ich bin stolz darauf, stets beschäftigt zu sein und immer irgendein Projekt am Start zu haben. Verdammt, ich hätte mir den Winter freinehmen können. Ich bin über den Winter nicht mehr im Ausland, um dort Brände zu löschen, so wie früher, und ich habe genug Geld gespart, um die Saison in Mexiko zu verbringen und Margaritas am Strand zu schlürfen. Und doch bin ich hier, baue ein kleines Bauunternehmen auf und nehme über die Wintermonate Gelegenheitsjobs an.

Sie öffnet ein Auge und späht zu mir herüber. »Es ist schwieriger, als es klingt.«

»Das weiß ich«, antworte ich leicht gereizt. »Es ist sogar unmöglich.«

Sie hebt das Kinn und schließt das Auge wieder. »Es ist nicht unmöglich. Es ist gut für dich. Aber man braucht ein wenig Übung. Versuch, deinen Geist ganz leer zu machen.«

Leer? Ich schnaube. Nach dieser Woche? Keine Chance. »Das ist vollkommen unmöglich.«

Statt darauf zu antworten, fordert sie mich auf: »Betrachte den Schnee vor dem Fenster. Beobachte, wie er fällt. Such dir eine einzelne Flocke aus und verfolge ihren Weg. Dann such dir eine andere. Und das wiederholst du immer und immer wieder.«

»Was soll das bringen?«, frage ich aufrichtig neugierig. Die Art, wie ihr Verstand funktioniert, ist … angenehm anders. Und ich möchte mehr darüber erfahren. Ich glaube, ich würde gern etwas Zeit in ihrem Kopf verbringen, und sei es nur, um mal aus meinem rauszukommen.

»Es ist wunderschön, nicht wahr? Der Schnee. Jede Flocke hat ihre vollkommen einzigartige Form. Und die Welt versinkt in einer solchen Stille. Du musst nirgendwohin. Du bist sicher und warm. Alles ist friedlich.« Das letzte Wort klingt wie ein Seufzer, bei dem sich ihre Brust hebt und senkt.

Friedlich.

Ich blicke aus dem Fenster und denke über ihre Worte nach.

Friedlich.

Nichts habe ich in letzter Zeit weniger empfunden als Frieden. Aber als ich das dichte Schneetreiben betrachte, die dicken, flauschigen Flocken, da muss ich zugeben, dass ich mit einem Mal einen Funken davon in mir verspüre. Einen winzigen, weichen Punkt inmitten all der scharfen Kanten.

Mein Blick bleibt an einer einzelnen Flocke hängen. Ich verfolge ihren sanften Fall.

Dann beobachte ich eine weitere.

Und noch eine.

Ich verliere den Überblick. Weiß nicht mehr, wie viele Schneeflocken ich fallen sehe oder wie viel Zeit vergeht. Ich würde nicht sagen, dass mein Geist leer ist, aber er wird … ruhiger. Ich sehe aus dem Fenster, bis Gwen sich neben mir bewegt und meine Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Sie ist auf die Knie gegangen und beugt sich vor, stützt die Ellbogen auf den Boden und legt die Hände in einer Art Gebetshaltung zusammen.

»Mach gern einfach mit, wenn du ein paar energiespendende Posen ausprobieren möchtest.«

»Schon gut. Ich fürchte, ich würde mir bei dem Versuch bloß wehtun.«

Sie lacht leise und fährt dann fort. Atmet tief und ruhig und wechselt zwischen unterschiedlichen Yogaposen, die ich zum Teil sogar wiedererkenne, obgleich ich ihre Namen nicht weiß.

Ich beobachte sie ohne jede Scham. Sie bewegt sich mit müheloser Anmut, ihre Kurven kommen herrlich zur Geltung. Ich zwinge mich dazu, sie nicht anzustarren, richte die Aufmerksamkeit stattdessen auf ihre Finger, die gespreizt auf den Boden gestützt sind, und darauf, wie ihr helles Haar in weichen Wellen Richtung Boden fällt, wenn sie den Kopf senkt. Der Duft ihres Shampoos steigt mir in die Nase – Rosmarin und Minze. Es ist fast hypnotisch. Sie ist beweglich und feminin. Und ich finde es unglaublich mutig, dass sie das einfach macht, neben einem Mann, den sie kaum kennt.

Es ist ihr völlig egal, was ich darüber denken könnte. Genau so sollte es sein, und ich bewundere sie dafür.

Dieser Abend geizt wirklich nicht mit Überraschungen. Keine Ahnung, was eigentlich genau passiert ist, aber es fühlt sich beinahe so an, als hätte ich Spaß.

Während ich auf dem Flughafen festsitze.

Und meine Zeit mit einer fremden Frau verbringe.

Und was für einer Frau. Normalerweise taue ich nicht schnell auf. Bin sehr vorsichtig. Meine Schutzmauern sind himmelhoch und mit einer dicken Eisschicht verkrustet.

Aber Gwen hat sie durchbrochen, einfach so.

Schließlich hält sie inne, die Schultern hochgezogen, aber in einer weichen Bewegung. Dann öffnet sie ihre Lider, und ich spüre den Blick ihrer ungewöhnlichen Augen auf mir.

»Hast du mich die ganze Zeit beobachtet?«

Hitze steigt mir in die Wangen. Aber ich leugne es nicht. Was sollte das auch bringen? Sie würde mich wahrscheinlich ohnehin durchschauen.

»Ja.«

Sie mustert mich, dann neigt sie den Kopf. »Und?«

Ich schlucke. Alle möglichen Antworten schießen mir durch den Kopf. Ich kann wohl kaum antworten, dass ihr Hintern unglaublich heiß aussieht, wenn sie auf allen vieren ist, das wäre echt gruselig. Also zucke ich mit den Schultern und sage etwas anderes, das ebenso wahr ist: »Ich wusste doch, dass du gut in deinem Job bist. Das mit den Schneeflocken hätte beinahe funktioniert.«

Es ist, als würde sie bei meinem schlichten Kompliment von Kopf bis Fuß aufleuchten, wie ein Sonnenstrahl mitten in einer dunklen Winternacht, und sie faltet die Hände vor der Brust. »Ja?«

Ich nicke ihr zu, ruhig und sicher, damit sie auf keinen Fall an meiner Aufrichtigkeit zweifelt. »Allerdings.«

Sie strahlt mich an. Es ist ein herzzerreißend schönes Lächeln.

Und als ich es sehe, möchte ich ihr sofort noch mehr Komplimente machen.

4. KAPITEL

GWEN

Auf dem Flughafen herrscht eine unheimliche, tiefe Stille, und überall sind die Lichter gedämpft. Wir sind mittlerweile durchs ganze Terminal gelaufen, haben sämtliche Schilder gelesen, die mit Informationen zur Stadtgeschichte aufwarten, und unzählige Fotos von Vancouver bewundert, die die Entwicklung eines ganzen Jahrhunderts abbilden. Jetzt gerade sind wir auf eine zeitlich begrenzte Sonderausstellung mit winzigen Disney-Figuren gestoßen.

»Oh, schau mal, da ist Minnie Maus!« Ich zeige auf die Vitrine. »Und sie macht Yoga.«

Bash kommt näher, und eine seiner breiten Schultern streift meine, als er sich vorbeugt, um es sich ebenfalls näher anzusehen. Bei der unerwarteten Berührung schlägt mein Herz schneller. »Ich glaube, sie sitzt nur im Schneidersitz.«

Der Klang seiner tiefen Stimme vermag meinen Herzschlag nicht so direkt zu beruhigen. Und da wird mir klar: Obwohl er mir vollkommen fremd ist, mag ich ihn viel mehr, als ich sollte.

»Nein, das ist eindeutig Sukhasana, die einfache Sitzhaltung«, sage ich und verdrehe die Augen, obwohl ich in Wirklichkeit amüsiert bin. Seine mürrische Art schreckt mich nicht ab. Seltsamerweise reizt sie mich sogar. »Die wir auch gerade geübt haben.«

»Erstens war diese Haltung überhaupt nicht einfach. Ich glaube, ich habe mir die Hüfte ausgerenkt.«

Ich versuche, nicht zu grinsen. Zwischendurch habe ich heimlich zu ihm rübergesehen, und tatsächlich hat er brettsteif auf dem Boden gekauert. Der Mann ist so was von verspannt.

»Und zweitens sind diese Figuren wahrscheinlich ungefähr so alt wie ich. Ich versichere dir: Damals hat noch niemand Minnie-Maus-Figuren hergestellt, die gerade Yoga machen.«

Ich nicke ernst und wende den Blick nicht von der Yoga-Minnie ab. »Stimmt. Damals, in lang vergangenen Zeiten.«

Das entlockt ihm ein Schnauben. »Ja, so ungefähr.«

»Wie alt bist du denn? Siehst phänomenal gut aus für jemanden, der 1928 geboren wurde. Laut diesem Schild wurden sie nämlich damals hergestellt.«

Mit einem tiefen Seufzer richtet er sich auf, und ich presse die Lippen zusammen, um meine Belustigung zu verbergen. Ich drehe mich zu ihm um und stelle fest, dass er nachdenklich mein Gesicht mustert. Sein Blick ist so intensiv, dass ich mich unter dieser geballten Aufmerksamkeit beinahe winde.

»Ich bin neununddreißig.« Er schiebt die Hände in seine Jeanstaschen, gibt sich ganz gelassen, obwohl sich dieser Moment, als wir uns in einem ansonsten völlig verlassenen Flur gegenüberstehen, ehrlich gesagt überhaupt nicht nach Gelassenheit anfühlt.

»Nun, da bin ich aber erleichtert. Wenn du 1928 geboren wärst, wärst du nämlich viel zu alt für mich.«

Er reagiert nicht auf meine Bemerkung, starrt mich nur weiter unverwandt an. »Wie alt bist du, Gwen?« Seine dunklen Augen funkeln, und in seiner Stimme liegt … Ich weiß nicht, wie ich es nennen soll. Verheißung? Ihm muss klar sein, dass ich jünger bin als er, aber andererseits bin ich auch nicht so jung, dass ich davor zurückgescheut wäre, ihn an der Hand zu nehmen und aus der Bar zu ziehen, um mit ihm allein zu sein.

Also weiche ich seiner Frage nicht aus, neige leicht den Kopf und betrachte seine grimmig zusammengepressten Lippen. »Ich bin siebenundzwanzig, Bash.«

Er antwortet nicht.

Ich könnte schwören, dass ich sehe, wie es in seinem Kopf arbeitet, aber ich will nicht, dass er unseren Altersunterschied als Vorwand benutzt, um den Rest dieser Nacht ohne mich zu verbringen. Dafür genieße ich seine Gesellschaft zu sehr.

Also sage ich, ehe er zu viel darüber nachdenken kann: »Gut, dass wir das geklärt haben. Komm, wir gehen weiter.« Erneut nehme ich seine Hand, wende mich ab und ziehe ihn mit mir. Sein Arm ist steif, und kurz leistet er Widerstand, aber dann schaue ich ihn über meine Schulter hinweg an, und er gibt nach.

Und folgt mir.

»Bist du denn gar nicht müde?«, fragt er, ohne meine Hand loszulassen.

»Schon.« Ich zucke mit den Schultern. »Aber müde ist relativ. Ich war schon viel müder. Und es gibt Schlimmeres als ein bisschen Müdigkeit. Morgen ruhe ich mich aus. Heute Abend hingegen schaffen wir bleibende Erinnerungen.«

»Zum Beispiel die Diskussion darüber, ob Minnie Maus Yoga macht?«

Vor uns befindet sich ein Rollsteig. Er fährt in die falsche Richtung, uns entgegen, aber davon lasse ich mich nicht beirren, sondern gehe einfach hinauf und laufe vorwärts, während mich der Rollsteig immer wieder zu Bash zurückträgt.

»Nein. Eher das Trinken erbärmlich schlechter Margaritas, Meditationsübungen in Terminal B und Rennen auf dem Rollsteig.«

»Bist du etwa noch nie auf einem …«

Grinsend drehe mich zu ihm um und gehe rückwärts. »Einfach nur eine kleine Extra-Herausforderung.«

Seine buschigen, dunklen Augenbrauen schieben sich zusammen. »Das klingt nach einer schlechten Idee.«

Ich lasse meine Tragetasche auf den Boden neben dem Rollsteig fallen, dann lege ich eine Hand ans Ohr, als hätte ich ihn nicht richtig gehört. »Entschuldigung, was war das gerade? Hast du gesagt, du hast Angst?«

»Gwen.«

»Sag nicht in diesem Tonfall Gwen zu mir.«

Ein Grübchen taucht in seiner Wange auf. »Gwenyth?«

»Nein.« Noch immer gehe ich langsam rückwärts.

»Gwendolyn?«

Ich zwinkere ihm zu. »Nein. Tut mir leid, aber das ist eine Information, die ich nur beim ersten Date verrate.«

Er blinzelt. Und blinzelt noch mal. Ist offenbar sprachlos, und ich kann nicht anders, als zu lächeln.

Gerade will ich mich abwenden und wieder vorwärts den Rollsteig entlanglaufen, da fragt er: »Und was genau ist das, was wir heute Nacht machen?«

Das Blut schießt mir in den Kopf. Ich hatte erwartet, dass er auf meine Neckerei mit einem widerstrebenden Brummen reagiert, aber er steht breitbeinig da, die Arme vor der Brust verschränkt, und sieht mich herausfordernd an.

Die kaum merkliche Hoffnung in seiner Stimme lässt meine Wangen heiß werden.

»Oh, heute Nacht? Heute Nacht ist nur unsere erste Begegnung. Die Nacht, von der wir eines Tages unseren Kindern erzählen werden, weißt du nicht mehr?«

Er zieht eine Augenbraue hoch, und mir wird klar, wie es klingt, was ich da gerade gesagt habe. Verlegen wende ich den Blick ab, meine Wangen sind jetzt so heiß, als wäre mein Gesicht in Lava getaucht.

Himmel, er muss mich für total übergriffig halten. Vielleicht hat er ja Kinder? Vielleicht baggere ich hier gerade einen glücklichen Familienvater an.

Rasch blicke ich zu seiner linken Hand. Kein Ehering.

»Unseren jeweiligen Kindern«, stelle ich hastig klar und deute mit dem Finger zwischen uns hin und her. »Jeder für sich.«

Sein Gesichtsausdruck verändert sich nicht.

Es ist sowieso schon peinlich, also feuere ich noch rasch mit einem Schulterzucken hinterher: »Oder auch nicht.«

Sein Kopf zuckt zurück, als hätte ich ihn geschlagen, und ich erfreue mich an dieser kleinen Reaktion. Aber nicht zu lange, denn ich brauche dringend ein wenig Abstand zwischen uns.

Deshalb rufe ich: »Auf die Plätze, fertig, los!« Und damit drehe ich mich um und renne.

Einige Sekunden lang höre ich nur meine eigenen Schritte, während ich gegen den Rollsteig ankämpfe. Ein leises Kichern entringt sich mir. Mir ist bewusst, wie albern ich mich benehme.

Dieser stoische, fast vierzigjährige Mann wird sicher nicht bei einem solchen Blödsinn mitmachen. Es ist ja nichts anderes, als würde man eine abwärts fahrende Rolltreppe hinauflaufen.

Aber davon lasse ich mich nicht aufhalten.

Ich strecke die Arme nach vorn und arbeite mich weiter vor. So bin ich eben. Manchmal bin ich gern albern. Ich liebe es, Neues zu entdecken. Ich betrachte das Glas bevorzugt als halb voll. Verdammt noch mal, ich mache sogar gern Limonade.

Ich habe in den letzten Jahren so hart daran gearbeitet, mich selbst zu akzeptieren und zu lieben, und ich werde mich ganz sicher nicht von irgendeinem mürrischen Fremden am Flughafen dazu bringen lassen, mich selbst infrage zu …

Meine Gedanken kommen abrupt zum Stillstand. Denn da höre ich es. Und spüre es.

Schwere Schritte. Die Luft ringsum verändert sich – sie wird warm, und als er näher kommt, liegt ein eigenartiges Summen darin.

Ich lache auf, laut und sehr undamenhaft, und höre seinen Atem hinter mir. »Sorry, das muss für jemanden in deinem Alter echt schwer sein!«, rufe ich.

Und da höre ich ihn zum ersten Mal lachen. Es bricht aus seiner Kehle, als wäre es eine große Erleichterung, es endlich herauszulassen.

Darüber muss ich kichern.

Das Ende des Gangs ist in Sicht. Ich bin sowieso schon außer Atem, aber dass ich jetzt vor Lachen keine Luft kriege, gibt mir völlig den Rest. Ich werde langsamer. Bash ist schon ganz nah, und ich weiß, dass er mich jede Sekunde überholen und gewinnen wird.

Aber das macht nichts. Irgendwie habe ich das Gefühl, als könnte er heute einen kleinen Sieg sehr gut gebrauchen.

Drei Meter vor dem Ende des Rollsteigs gebe ich auf, stütze beide Hände auf die Knie und beuge mich vor. Wappne mich dafür, seinen Staub zu schlucken, und versuche, meine Heiterkeit in den Griff zu kriegen.

Aber er bleibt neben mir stehen und stützt sich ebenfalls mit beiden Händen auf die Knie. Der Rollsteig ist so schmal, dass sich unsere Schultern berühren, während er uns langsam zurückbringt. Wir atmen schwer, und zwischen unseren keuchenden Atemzügen stoßen wir immer wieder ein ersticktes Lachen aus.

»Verdammt, Gwen. Du …«

Ich sehe ihn an.

Sein Blick ist nach unten gerichtet, und er schüttelt den Kopf. »Du hast keine Ahnung, wie sehr ich das gebraucht habe.«

»Was denn? Ein Rollsteig-Wettrennen auf dem Flughafen mit einer seltsamen Frau?«

Er lacht leise, und mir läuft ein Schauer über den Rücken. »Nein. Ein bisschen Dampf abzulassen.«

Ich sehe ebenfalls wieder auf den Rollsteig hinunter und nicke. »Harter Tag?«

»Harte Woche.«

»Die sind am schlimmsten.« Ich bin neugierig, traue mich aber nicht, ihn zu fragen, was passiert ist. Das wäre selbst mir zu kühn.

Bash schüttelt den Kopf. »Ich habe erfahren, dass ich einen Sohn habe. Davon wusste ich bis zu diesem Moment nichts. Ich habe ihn gestern zum ersten Mal getroffen.«

Ein paar Sekunden lang halte ich den Atem an, ehe ich mich aufrichte und leise stöhne. Der Schmerz in seiner Stimme ist mit Händen zu greifen, und mir wird übel, um eines Mannes willen, den ich kaum kenne. »Verdammt noch mal. Und dann hörst du dir meine peinlichen Witze über Kinder an?«

Bash richtet sich auf, und ich bin beeindruckt von seiner Größe. Er hat nicht nur ein breites Kreuz durch die körperliche Arbeit, sondern dürfte dazu auch noch über eins neunzig groß sein. »Das ist was anderes.« Er zuckt mit den Schultern, und der Hauch eines Lächelns spielt um seine Lippen. »Er ist vierundzwanzig.«

Ich blinzle. »Oh Scheiße.«

»Ja.« Er verzieht das Gesicht. »Oh Scheiße.«

»Hör mal, ich bin ja keine Mathematikerin, aber das bedeutet, du warst …«

»Fünfzehn und in der Highschool? Ja. Und ich habe sie seit Jahrzehnten nicht gesehen. Aber ich habe ihren Bruder bei einer Spendenaktion getroffen, und er hat es mir erzählt.«

»Und sie hat dir nie ein Wort darüber gesagt? Das ist einfach …« Ich verschlucke das Wort bösartig. Ich bin nicht mal Teil dieser Geschichte, und trotzdem fühlt es sich an wie ein Tritt in die Magengrube. Aber als ich ihm jetzt ins Gesicht sehe, wird es noch schlimmer. Denn jetzt begreife ich. Er ist nicht nur müde und schlecht gelaunt.

Er ist in Trauer.

Er zieht die Nase hoch und schaut weg. »Wir waren beide fünfzehn und noch sehr naiv. Ich war der Junge aus der falschen Gegend, und sie kam ganz klar aus der richtigen. Offenbar hat ihre Familie dafür gesorgt, dass sie auf ein privates Internat kam. Sie sind deswegen sogar in eine andere Stadt gezogen. Ich erinnere mich noch an diesen Tag, als wäre es gestern gewesen: Ich kam zur Schule, und sie war einfach weg. Das hat mir das Herz gebrochen.«

Mir liegt auf der Zunge, dass sie seither vierundzwanzig Jahre Zeit hatte, um es wiedergutzumachen. Aber ich reiße mich zusammen, begnüge mich mit einem leisen »Das tut mir leid«.

Er sieht mich an. »Wie heißt das Sprichwort noch mal? Wenn dir das Leben Zitronen gibt?«

Ich tippe mir mit einem Finger auf die Lippen. »Hmmm, das kenne ich gar nicht. Ich kenne nur: Wenn dir das Leben Limetten gibt …«

Seine Mundwinkel heben sich leicht, und er stupst mich mit der Schulter an. Wir spüren, dass wir uns dem Ende des Rollsteigs nähern, und drehen uns zu unseren wartenden Taschen um. Irgendwie hat dieser Moment etwas Unheilvolles. Es fühlt sich an, als wären wir gerade in einer glücklichen kleinen Blase, aber sobald wir den Rollsteig verlassen, wird uns die Realität wieder einholen.

Schweigend fahren wir weiter. Und ich ertappe mich dabei, wie ich herunterzähle.

Drei.

Zwei.

Eins.

Wir beide schlucken schwer und setzen die Füße wieder auf festen Boden. Greifen nach unseren Taschen und sammeln uns nach diesem gemeinsamen Ausflug in eine Parallelwelt. Als ich mich wieder gefasst habe, sehe ich Bash an, der auf seine Uhr starrt. »Ich habe nur noch eine knappe Stunde«, sagt er.

»Mehr nicht?«, frage ich leiser als beabsichtigt. Die Nacht ist wie im Flug vergangen, und angesichts des bevorstehenden Abschieds ist mir zumute, als würde ein schwerer Druck auf meinem Magen lasten.

Ich will nicht, dass es schon vorbei ist.

»Ja. Nur noch eine Stunde, um dich nach deiner Nummer zu fragen.«

Rasch sehe ich hoch. Seine Augen sind gerötet, und er wirkt sichtlich müde. »Hat dich denn die Verfolgungsjagd auf dem Laufband nicht abgeschreckt?«

Er steckt eine Hand in die Tasche, holt sein Handy heraus und antwortet mit rauer Stimme: »Kein bisschen.«

Mit einem Mal fühle ich mich wieder wie ein Teenager – mitsamt diesem heißen Flattern in der Brust, weil mich gerade ein süßer Junge nach meiner Nummer gefragt hat. Aber das hier ist noch viel besser, weil es kein Junge ist, sondern ein heißer Mann. Mit verdammt großen Händen und einer verdammt tiefen Stimme.

»Über Geschmack lässt sich nicht streiten«, rette ich mich in die Selbstironie, weil ein kleiner, trauriger Teil in mir sich fühlt, als wäre ich seine Aufmerksamkeit nicht wert.

Du bist zu laut.

Du redest zu viel.

Dein Optimismus ist nervtötend.

Es ist schwer, diese Unsicherheiten abzuschütteln, besonders