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Wie viel deiner Seele gibst du jemandem preis, der mit gespaltener Zunge spricht? Jillians bisheriges Leben ist vorbei, sie gehört nun zu Johns Clan. Ihr Schicksal scheint vorherbestimmt und sie versucht mit aller Macht, Vertrauen zu dem Mann zu fassen, der einst ihre Mutter getötet hat. Doch zwischen all den Geheimnissen, die ihr ehemaliger Verlobter vor ihr verbirgt, ist das ein scheinbar unmögliches Unterfangen. Als sie plötzlich von ihrer Vergangenheit eingeholt wird, muss sie auf ein dunkles Kapitel zurückblicken, das auch ihr neues Leben bedroht. Falsche Verbündete und ehemalige Feinde verfolgen ein grausames Ziel, für das Jillian einst selbst in den Reihen ihrer Widersacher stand. Neue Allianzen werden geschmiedet und alte Bündnisse erneuert, die alles vernichten könnten, wofür sie so erbittert kämpft …
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Seitenzahl: 637
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Vanessa Merten
Eisermann Verlag
Eines hat die 1991 geborene Schriftstellerin Vanessa Merten schon immer getan: Fantastisches geliebt, gelesen und geschrieben. Gemeinsam mit ihrer Familie lebt Vanessa im wunderschönen Hessen, ganz in der Nähe ihres Geburtsortes, und genießt es, in der Ruhe des Grünen neue Welten zu erschaffen.
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Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.deabrufbar.
Print-ISBN: 978-3-96173-245-6
E-Book-ISBN: 978-3-96173-296-8
Copyright (2025) Eisermann Verlag
Lektorat: Teja Ciolczyk| gwynnys-lesezauber.de
Umschlag- und Farbschnittgestaltung: Grit Richter, Eisermann Verlag
Bilder und Grafiken von www.shutterstock.com und creativemarket.com
Stockfoto-Nummer: 2473195937, 2434039171, 2312661925
Buchsatz: Grit Richter, Eisermann Verlag
Hergestellt in Deutschland (EU)
Eisermann Verlag
ein IMPRINT der EISERMANN MEDIA GMBH
Alte Heerstraße 29 | 27330 Asendorf
Alle Personen und Namen innerhalb dieses Buches sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Liebe. Gerechtigkeit. Verlust.
Mit der Zeit gewinnen diese Werte immer mehr an Bedeutung.
Es sind unsere Entscheidungen, die sie für uns so wertvoll machen – und die Konsequenzen, die wir fürchten.
Es gibt bei allem immer zwei Seiten, die unterschiedlicher nicht sein können, die sich eigenständig den Weg durch unser Leben bahnen. Das Gute und das Schlechte sind Teile von uns, die uns niemals verlassen werden. Wie sehr man uns auch zur Verzweiflung treibt mit Fragen über Recht und Gerechtigkeit.
Gibt es überhaupt einen Verlust, der gerecht sein kann?
Niemand will das verlieren, was einem wichtig ist. Doch wie weit ist man bereit, zu gehen, um diejenigen, die man liebt, zu beschützen? Bis zum bitteren Ende vielleicht? Aber wer ist es denn noch wert?
Familie?
Freunde?
Die große Liebe?
Sie alle tragen diese dunkle Seite in sich, die sie doch zu etwas Besonderem machen, das es zu schützen gilt. Das Dunkle in ihnen macht sie nicht weniger liebenswert, auch wenn wir uns das gerne einzureden versuchen.
Ich kann ihn ändern.
Alles ist möglich.
Das sind die Sätze, die man glauben will. Auch wenn das Leben mehr als einmal beweist, dass es immer anders kommt, als man es sich für seine Liebsten und sich selbst gewünscht hat. Wie oft steht man doch vor den Scherben seines Daseins und stellt sich die gleichen Fragen.
Warum?
Wieso ich?
Doch dann schluckt man den Schmerz hinunter, lebt weiter und nimmt neue Wege, bis alles Schlechte nur noch eine böse Erinnerung ist.
Eine Narbe, von der man hofft, dass sie für immer geschlossen bleiben wird.
Und wenn man nicht aufgibt, kann man neue Erinnerungen sammeln. Solche, die das Leben lebenswert machen.
Und gerecht.
Seufzend ließ ich das kühle Nass über meinen Körper rieseln und fuhr mit den Händen durch meine langen Haare.
Sieben Monate, dreizehn Tage und zwölf Stunden.
So lange war es schon her, dass mich John zu seiner Blassen gemacht hatte. John, der Anführer der hiesigen Schattenwölfe und mein ehemaliger Verlobter – auch wenn er das nun anders empfand. Vor über hundert Jahren war ich ihm von meinem Bruder versprochen worden, doch damals hatten wir alle geglaubt, dass ich ein normaler Mensch wäre. Weit gefehlt.
Ich war eine Schattenwölfin.
Die einzige meiner Art und damit für die Schattenwesen unglaublich wertvoll. Ich verfluchte dieses Schicksal. Natürlich konnte ich nicht leugnen, dass es sich unbeschreiblich anfühlte, sich in meinen Wolf zu verwandeln und durch die Welt rennen zu können, doch dieses Dasein hatte einen immensen Nachteil, der mich daran hinderte, mein Los zu akzeptieren.
Die Seelen der Menschen sollten mir nicht als Nahrung dienen müssen und ihre Gedanken und Gefühle sollten frei von meinem Einfluss sein. Aber das entsprach leider nicht der Realität. Und so sehr ich diese Tatsache verabscheute, es gab ebenfalls Vorteile an meinem Dasein. Ich war schneller, stärker und machtvoller als ein Mensch es jemals sein konnte.
Deshalb war ich nun auch hier. In einem wunderschönen, sicheren, goldenen Käfig. John las mir jeden Wunsch von den Augen ab, dennoch verwehrte er mir das eine, was ich mein Leben lang am sehnlichsten begehrt hatte:
Freiheit.
Schlussendlich war ich zu ihm zurückgekehrt, doch was hatte ich dafür erhalten? John hatte sich von mir genährt, obwohl ich angenommen hatte, das wäre unmöglich. Schatten verspeisten Seelen, um ihre eigene Seelenlosigkeit zu ertragen. Um die Dunkelheit zu verdrängen, die in ihrem Inneren wohnte. Und ich war eine von ihnen. Trotzdessen besaß ich eine Seele, die John nun berührt hatte. Er trug einen kleinen Teil davon in seinem Körper – und das bedeutete, dass ich ihm als Blasse für immer gehorchen musste.
Glücklicherweise hatte er mich noch nicht dazu gezwungen, mir sein Zeichen eintätowieren zu lassen. Der kleine, schwarze Adler, den seine anderen Blassen unter dem linken Auge trugen, war sicherlich keine Verzierung, die ich mir auf meiner Haut wünschte. In alten Zeiten war es kein Brauch gewesen, seine Blassen auf diese Art und Weise zu kennzeichnen, aber es hatte sich vieles geändert, seit ich bei meinem Bruder gelebt hatte. Sehr vieles.
Genervt stöhnte ich auf und stellte das Wasser auf eiskalt. Früher war es mein Traum gewesen, Johns Blasse zu werden. Ihn mit meiner Seele zu nähren, um von ihm Macht und ein längeres Leben zu erhalten. Ich wollte stärker und schneller sein, um die zu beschützen, die ich liebte. Jetzt aber wusste ich, was es wirklich bedeutete.
Gaben Menschen den Schatten einen Teil ihrer Seele, verloren sie ihren eigenen Willen und taten – und wollten – nur noch das, was ihre Schatten begehrten. All die Macht brachte ihnen nichts, denn sie konnten sie nicht nutzen, wie sie es wollten. Und je mehr ihr Schatten von ihrer Seele nahm, desto mehr Menschlichkeit verloren sie.
Bei mir war das glücklicherweise anscheinend etwas anders. Ich war John nicht bedingungslos unterwürfig, auch wenn ich seinem Willen größtenteils folgen musste. Es war, als wäre ich in zwei Hälften gespalten. Egal was ich unternahm, irgendwie war es immer falsch.
Und dann gab es da noch die Tatsache, dass ich selbst einen Blassen erschaffen hatte. Leo. Der junge Mann hatte sich in mein Herz geschlichen, mich dazu gebracht, seine Seele zu berühren – und dann hatte er sich von mir abgewendet. Ich war nicht einmal in der Lage dazu, ihn zu spüren. Es war, als wäre er gänzlich fort. Das machte diese Blassenbindung auch so anders. Sie war nicht so intensiv, nicht so zehrend. Stattdessen war ich froh, dass Leo kein Teil von meinem Leben war und augenscheinlich auch nicht aktiv meine Nähe suchte. Ich wollte mir gar nicht vorstellen, was mit ihm geschehen mochte, sollte John ihn in seine Finger bekommen.
»Jill?« Ehe ich antworten konnte, wurde die Tür geöffnet und eine männliche Gestalt betrat mein Bad.
»Blake!«, kreischte ich laut. »Ich bin nackt!«
»Da ist nichts, was ich nicht kenne«, erwiderte der Schattenwolf schulterzuckend.
»Das zählt nicht. Als du mich das letzte Mal ohne Kleidung gesehen hast, war ich zehn – und das ist schon über hundert Jahre her!« Meine Stimme überschlug sich fast.
Anstatt auf meine Proteste einzugehen, schnappte sich Blake ein Handtuch und warf es mir zu. Erst in letzter Sekunde konnte ich es auffangen, bevor es auf den nassen Duschboden fiel. Stöhnend band ich es um meinen Körper und schob den Vorhang beiseite. Mit mir zusammen verließ dichter Nebel die Duschkabine und strömte auf Blake zu, der an der gegenüberliegenden Wand lehnte.
Seine silbernen Augen leuchteten mir entgegen, während seine schulterlangen Haare fast vor dem schwarzen Marmor der Wandfliesen verschwanden. Er hatte einen dunklen Stoppelbart, der in den letzten Monaten etwas länger geworden war, und ein sanftes Lächeln umspielte seine Lippen, was ihn sicherlich zum Traum aller Schwiegermütter gemacht hätte. Wenn er denn vorgehabt hätte, auf ein Leben mit wechselnden Blassen zu verzichten und sich nur einer einzigen Frau hinzugeben.
»Was willst du?«, fragte ich den Schatten direkt. Ich kannte Blake schon seit meiner Kindheit, er war mir immer wie ein Bruder gewesen.
»Mia hat mir von eurer Party erzählt.« Seufzend verließ ich das Bad und betrat das riesige Schlafzimmer, das ich mir mit John teilte, sofern er denn mal zu Hause war.
Die Wände waren in Weiß gehalten und durch dunkle Holzbalken verziert. Bloß eine von ihnen war weinrot gestrichen worden und das war diejenige, die sich hinter dem riesigen Bett befand, das gemeinsam mit dem dunklen Kleiderschrank den Großteil des Raumes einnahm. Daneben führte eine Glastür hinaus auf die Terrasse. Im Moment war sie geöffnet, sodass die hellen Vorhänge im seichten Wind umher wehten. Dieser Raum wirkte gemütlich und friedvoll. Wie ein richtiges Zuhause. Aber all das konnte ich kaum genießen, denn wie sehr mir der Anblick auch gefiel, selbst das schönste Haus blieb eben nur ein Gefängnis.
»Warum musstest du Mia noch mal zu deiner Blassen machen?«, fragte ich entnervt.
Blakes typisches Grinsen trat auf sein Gesicht. Wenn er solch einen Ausdruck zur Schau trug, konnte ich ihm einfach nicht böse sein. »Entweder das oder John hätte sie töten lassen. Wäre dir das lieber gewesen?«
»Natürlich nicht.« Ich stöhnte, während ich Blake mit einer Fingerbewegung dazu veranlasste, sich umzudrehen. »Aber ich weiß sowieso nicht, warum John nicht einfach ihr Gedächtnis veränderte und sie gehen ließ.«
»Das kannst du dir doch denken«, hörte ich den Schatten hinter mir, während ich ein weinrotes Top und eine schwarze Jeans aus meinem Schrank zog.
Natürlich war ich mir darüber bewusst, dass Mia für John ein bedeutendes Druckmittel war. Ihm war klar, dass ich keine normale Blasse war und, dass mein Schattenblut nicht zuließ, dass ich mich ihm vollkommen unterwarf. Meine beste Freundin in der Nähe zu behalten, war daher aus seiner Sicht sicherlich ein kluger Schachzug. Mein Vertrauen zu ihm stärkte das jedoch nicht.
Fertig angezogen schritt ich nun hinaus auf die Terrasse. Sie war aus Backstein gemauert und kaum größer als zehn Quadratmeter. Ein weißes Geländer umschloss sie, das aus ineinander verschlungenen, dünnen Metallranken bestand. Seufzend lehnte ich mich daran an und sah hinaus in die Ferne. Die Aussicht war atemberaubend. Vor mir lag nichts als dunkler Wald. Unzählige, riesige Bäume, deren Kronen ich nur sehen konnte, wenn ich meinen Kopf in den Nacken legte. Ein schmaler Pfad zwischen ihnen führte zu einem kleinen See, dessen Oberfläche in einiger Entfernung im orangefarbenen Schein des Sonnenuntergangs schimmerte. Es war so friedlich und weitläufig, dass ich es nur lieben konnte.
»Was willst du nun eigentlich hier, Blake?«, fragte ich meinen Freund, ohne den Blick von dem kleinen See abzuwenden.
»Ich glaube nicht, dass John einer Party zugestimmt hat«, erklärte der Angesprochene. Aus den Augenwinkeln heraus konnte ich erkennen, dass er sich an den Türrahmen gelehnt hatte und mich kritisch musterte.
Ich schnaubte. »Monatelang habe ich das Anwesen nicht verlassen. Kannst du mir nicht dieses eine Vergnügen lassen?«
Ein Vogel brach durch die Baumkronen und zerstörte so die ruhige Atmosphäre des Ortes. Zum Glück war er kein Mensch oder Schatten, denn dann hätten Johns Wachen ihn wohl schon längst getötet.
»Nicht, wenn mein Herr dagegen ist.«
»John ist doch momentan nicht hier und ich schwöre dir, dass ich wieder hierher zurückkommen werde. Mia ist bei mir. Du weißt, dass sie dich nicht verlassen kann – zumindest nicht für lange Zeit –, und ich werde Mia nicht zurücklassen. Es ist wirklich nur eine Party mit ein bisschen Spaß.«
»Er wird mich töten, wenn du nicht zurückkehrst.«
Grinsend sah ich zu meinem Freund. Er war zwar ein Schatten, doch im Gegensatz zu allen anderen hier entstammte Blake nicht Johns Reihen. Normalerweise war es nicht möglich, seinen Clan zu wechseln, und ich hatte auch noch nie von jemandem gehört, der es versucht hätte. Das lag aber wohl auch daran, dass die Wölfe die einzigen waren, die entzweit waren.
Schatten lebten ihrer tierischen Form nach zusammen in Clans oder waren geborene Einzelgänger, wenn das Schicksal ihnen diesen Weg bestimmt hatte. Es gab Arten wie Ratten oder Schlangen, die das einsame Leben einer Familie vorzogen. Niemals gehörten zwei unterschiedliche Tierformen zueinander, und nur selten in der Geschichte hatten sie miteinander gearbeitet. Die Schattenwesen blieben lieber unter ihresgleichen.
Deshalb war Blakes Aufenthalt bei John – und die Tatsache, dass er einen hohen Stellenwert in seinen Reihen genoss – auch so außergewöhnlich. Doch bis heute hatte ich leider nicht herausgefunden, wie und vor allem warum Blake hier war. Ich wusste nur, dass ich froh war, ihn bei mir zu wissen. Obwohl wir uns so viele Jahrzehnte nicht gesehen hatten, kannte er mich wohl nach wie vor am besten. Er hatte mich aufwachsen sehen und mehr Zeit mit mir verbracht als jeder andere, weshalb ich ihm auch wie niemandem sonst vertraute. Trotz allem, was geschehen und nicht geschehen war.
Mit diesem Gedanken drehte ich mich um, schritt auf Blake zu und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange.
»Ich verspreche, dass ich zurückkehren werde.«
Tief atmete Blake ein, und kaum hatte er genickt, schnappte ich mir meine Sneaker, die neben der Terrassentür standen, und rannte aus dem Zimmer.
»Lass dich nicht von Titus erwischen!«, hörte ich Blake noch flüstern, bevor die Tür hinter mir ins Schloss fiel.
Titus war einer von Johns engsten Vertrauten. Man fand ihn meistens über seinen Büchern, was ihn zu einem Mann der Weisheit in seinem Clan geformt hatte. Sollte er uns erwischen, würde ich niemals in die Stadt kommen. Für ihn gab es keine Grauzonen. John wollte mich beschützt in den Mauern dieses Anwesens haben, und das bedeutete, dass Titus genau dafür sorgen würde. Ohne Wenn und Aber.
Gut für mich, dass ich geschickt darin war, mich an den Schatten vorbei zu schleichen. Im Gegensatz zu jedem anderen Wesen auf dieser Welt konnte ich nicht von ihnen erspürt werden. Obwohl eigentlich jeder eine spezielle Aura besaß, blieb ich unauffindbar. Das war der Grund, aus dem ich es Jahrhunderte lang geschafft hatte, unerkannt unter den Menschen zu leben. Darum war ich auch in der Lage, ohne Beobachter in das Zimmer zu schleichen, in dem meine beste Freundin bereits auf mich wartete.
Sie war erst kurze Zeit eine Blasse, trotzdem hatten sich ihre kastanienbraunen Augen bereits verdunkelt. Irgendwann würden sie gänzlich schwarz werden, was bedeutete, dass ihre gesamte Seele ihren Körper verlassen hatte. Nicht umsonst nannte man die Augen die Spiegel zur Seele, denn sie zeigten, wie viel von uns noch uns selbst gehörte. Ein weiteres Zeichen dafür, dass Mia noch nicht lange das Dasein einer Blassen führte, war wohl, dass sie Blakes Tattoo nicht trug. Aber das war nur eine Frage der Zeit.
Während ich froh war, dass sie es noch nicht eintätowiert hatte, wusste ich, dass meine beste Freundin diesen Augenblick freudig herbeisehnte.
Im Moment jedoch war das nicht Mias größte Sorge. Das waren vielmehr die zwei Kleider, die mir die brünette Schönheit mit einem verzweifelten Blick entgegenhielt.
»Das Grüne«, entschied ich lächelnd. »Und beeil dich.«
»Meinst du, Blake wird sauer sein? Du hast ja gesagt, ich soll ihm nichts erzählen ...« Früher hätte sich Mia nicht dafür interessiert, was andere dachten, und nur das getan, wonach ihr der Sinn stand. Jetzt allerdings …
»Er war eben bei mir. Ich weiß, dass du mit ihm darüber geredet hast. Es geht alles in Ordnung.«
Ich sah, wie sich Mia augenblicklich entspannte. Lächelnd summte sie, ehe sie im Bad verschwand.
Genau das hatte ich niemals für sie gewollt. Sie hätte frei und glücklich sein sollen. Was stattdessen mit ihr geschehen war, das war ganz allein meine Schuld. Wäre ich nicht in ihr Leben getreten und hätte zugelassen, dass sie mir so wichtig wurde, wäre sie nun vielleicht mit ihrer Band auf Tournee. Oder Klassenbeste an der Uni. Oder auf Weltreise. Nun würde ihr all das nie wieder möglich sein – und genau deshalb ließ ich sie auch nicht allein. Ich trug ihr gegenüber eine Verantwortung, die ich sicherlich nicht auf die leichte Schulter nehmen würde. Sie mochte Blakes Blasse sein, aber sie war meine beste Freundin.
»Dann ist ja alles gut.« Lächelnd trat Mia wieder aus dem Bad. Das grüne Kleid umschmeichelte ihren schlanken Körper und die schwarzen Stiefeletten verlängerten ihre Beine optisch. Die braunen Locken fielen ihr bis zur Mitte des Rückens und umrahmten ihr schmales Gesicht. Sie war und blieb eine wahre Schönheit. »Willst du nicht auch lieber ein Kleid anziehen?«, tadelte mich meine beste Freundin wie gewohnt. Ihr abschätziger Blick glitt über meine Kleidung.
»Auf keinen Fall!« Lachend zeigte ich auf ihre Schuhe.
Sie verstand mich wortlos. Die hohen Hacken waren eindeutig zu laut. Zumindest so lange, bis wir das Gelände hinter uns gelassen hatten. Deshalb wartete ich auch, bis Mia widerwillig die Stiefeletten von ihren Füßen gestreift hatte und sie in die Hand nahm.
So gelang es uns trotz meiner Bedenken verblüffend leicht, das Anwesen zu verlassen. Blake musste seine Finger im Spiel haben, denn ich allein wäre vielleicht unbemerkt entkommen, doch Mias Aura war für die Schatten zu prägnant, um sie nicht wahrzunehmen. Jemand musste den Befehl gegeben haben, uns gehen zu lassen.
Dieser Ausflug würde sicherlich eine Strafe für uns alle nach sich ziehen, aber damit würde ich mich später beschäftigen. Heute wollte ich einfach mit meiner besten Freundin zusammen sein. Ohne irgendwelche Schatten, die uns beobachteten, und unnütze Regeln, die mich zum Schreien brachten. Da war es mir auch egal, dass ich es eigentlich gar nicht mochte, in einen Klub mit viel zu lauter Musik und eindeutig zu großen Menschenmassen zu sein. Heute würde ich einfach die Zeit genießen, bevor ich wieder in meinen goldenen Käfig eingeschlossen wurde.
An einem nahe gelegenen Feldweg, ungefähr zwanzig Minuten vom Anwesen entfernt, wartete schon ein Taxi auf uns. Mia hatte hierher bestellt. Zum Glück verließen sich die Schatten so sehr auf die schützende Magie, die diesen Ort umgab, dass wir problemlos zu unserem Gefährt gelangen konnten. Aber auch hier war ich mir nicht sicher, ob sie nicht bloß Anweisungen erhalten hatten, unseren Ausbruch nicht zu unterbinden.
»Das wird so super!«, rief Mia aufgeregt. »Nur schade, dass Blake nicht dabei sein kann.« Wütend sah ich meine Freundin an, die sofort abwehrend ihre Hände hob. »Ich meine ja nur ...«
Obwohl ich wusste, dass sie nichts dafür konnte, verärgerte mich Mias Verhalten. Wieso konnte sie nicht so dagegen ankämpfen wie ich? Lag es wirklich nur an meinem Schattenblut, dass ich mich nicht immer nach Johns Nähe sehnte und meine eigenen Gedanken und Wünsche besaß, oder wollte sich meine beste Freundin einfach nicht gegen diesen Zwang wehren?
Mia schwieg und ich ebenfalls. Und so herrschte den gesamten Weg zur Stadt eine unangenehme Stille zwischen uns. Johns Anwesen lag weit entfernt von der nächsten Zivilisation, und das hatte auch einen guten Grund. Niemand sollte wissen, wo sich der Anführer der Schattenwölfe aufhielt, denn John hatte zu viele Feinde. Er hatte mir erzählt, dass sich die Einzelgänger, die Schatten, die keinem Clan angehörten, mit den Hexen zusammengeschlossen hatten, um das Gleichgewicht der Natur wiederherzustellen. Sie wollten, dass die Herrschaft der Clans über die Menschheit endete und alles wieder so war wie in längst vergangenen Zeiten.
Die Schatten sollten töten dürfen, wenn ihnen danach war, und diese Morde dann verschleiern, um keine Aufstände zu provozieren. Dass sich Menschen freiwillig den Schattenclans hingaben, um dadurch ihre Liebsten vor den Einzelgängern zu beschützen, sollte ihrer Meinung nach enden. Und zum ersten Mal in der Geschichte mischten sich die Hexen direkt in dieses Geschehen mit ein. Sie bedeuteten eine weit größere Bedrohung, da ihre wahre Kraft für uns alle im Verborgenen lag. Allerdings hatten sich einige von ihnen den Clans zugewendet, anstatt sie zu bekämpfen. Trotzdessen war eines sicher: Früher oder später würde es Krieg geben. Neue Zeiten würden anbrechen, wie auch immer diese aussehen mochten.
»Das macht dreiundfünfzig, siebzig«, ertönte plötzlich die dunkle Stimme des Taxifahrers. Zum ersten Mal wandte ich mich dem korpulenten Mann neben mir zu, der seine Mütze tief ins Gesicht gezogen hatte. Sein Bart, der eigentlich weiß sein sollte, war gelb gefärbt und sein Atem roch nach der letzten Zigarette, die er sich vor unserer Fahrt genehmigt hatte. Fordernd sah er mich an, doch ehe er seine Bitte um Geld noch einmal aussprechen konnte, legte ich ihm lächelnd meine Finger an die verschwitzte Stirn.
»Es tut mir leid«, flüsterte ich, während sich meine Hand langsam in Rauch auflöste und in seinen Kopf eindrang.
Vor meinen Augen zog sein ganzes Leben vorbei. Mit achtzehn war er verliebt gewesen und hatte seine Traumfrau schlussendlich trotz der Einwände seiner Eltern geheiratet. Seine nachfolgende Lehre zum Mechatroniker war nicht nach seinen Vorstellungen verlaufen, denn sein Chef war ein richtiges Arschloch gewesen und dann auch noch mit seiner Frau ins Bett gestiegen. Vollkommen mit den Nerven am Ende hatte er seine Heimatstadt verlassen und war nie wieder zurückgekehrt. Weder mit einer abgeschlossenen Lehre noch mit einer treuen Liebsten war er durchs Land gezogen, bis er irgendwann hier als Taxifahrer endete.
Seufzend schloss ich die Augen und begann damit, den Menschen vor mir zu manipulieren. Ich nahm ihm seine Erinnerungen an Mia und mich – und vor allem jene an den Weg zu unserem Abholort. Nie wieder würde er sich daran erinnern können, was in den letzten Stunden seit Mias Anruf bei ihm geschehen war. Ein vollkommenes Blackout. Zu gern hätte ich ihm noch mehr gegeben als schwarze Leere. Hätte ich es gewollt, hätte ich diesem Mann nach meinem Eindringen glauben lassen können, dass er ein erfolgreicher Geschäftsmann mit einer Frau an jedem Finger war. Aber das wäre eine Lüge gewesen. Und spätestens in dem Moment, in dem er wieder in seine heruntergekommene Wohnung zurückkehren würde, wäre ihm bewusst geworden, dass irgendetwas nicht stimmen konnte. Auf diese Weise hatte schon so mancher Schatten seine Opfer in den Wahnsinn getrieben. Das würde ich ihm nicht antun.
Tief atmete ich ein und zog die Hand aus dem Kopf des Taxifahrers. Nachdenklich sah ich auf meine zitternde Arme. John zwang mich dazu, mich regelmäßig zu nähren, aber nur in geringem Maß, von seinen eigenen Blassen. Normalerweise war dies das höchste Verbrechen, das von meiner Art begangen werden konnte. Wenn man spürte, dass ein Mensch bereits berührt worden war, war es ein Zeichen von Ehre, diesem nicht mehr zu nahe zu kommen. Ich selbst hatte noch nie miterlebt, was mit solchen Blassen geschah, aber mein Bruder hatte mir damals Schauergeschichten davon erzählt. John brachte aus diesem Grund auch nur diejenigen zu mir, für die er keinerlei Verwendung mehr hatte. Doch in meinem Fall – als weiblicher Wolf und gleichzeitig Blasse – war sowieso alles unberechenbar.
Vielleicht fürchtete John auch, dass ich Kontrolle über seine Blassen erlangen und mich ihm mit dieser Macht widersetzen könnte. Nicht, dass es in meinem Sinne gewesen wäre. In den letzten Jahrhunderten hatte ich mich von nur vier Menschen genährt und drei davon getötet, weil ich mich nicht beherrschen konnte. Deshalb verabscheute ich es, Seelen zu mir nehmen zu müssen. Es bedeutete nur Leid. Für mich und meine Opfer. Auch wenn sie es in diesen Zeiten selbst wollten, realisierten die Menschen sehr schnell, dass sie als Blasse mehr aufgaben als gewannen. All die Macht und Stärke, die ihnen von meiner Art versprochen wurde, ersetzten nicht den freien Willen, den sie augenblicklich verloren, sobald sich die Schatten an ihrer Seele labten.
»Jill, kommst du?«
Ich warf noch einen letzten, traurigen Blick auf den Taxifahrer, der langsam wieder zu sich kam, und sprang dann aus dem Wagen. Mia stand davor und besah sich noch einmal in ihrem kleinen Taschenspiegel. Ich hingegen betrachtete die Stadt, in die uns der Taxifahrer gebracht hatte. Es war nicht das, was ich erwartet hatte, nachdem ich Mia erlaubt hatte, unser Ziel auszuwählen. Ich hatte an eine Partymeile gedacht oder an eine Technofete mitten im Wald mit Lichtern, lauter Musik und viel zu viel Alkohol. Das hier wirkte viel zu gemütlich für Mias Geschmack.
Es war ruhig im Dunkel der Nacht. Nur wenige Menschen waren unterwegs – meist Pärchen, die mehr mit sich selbst als mit ihrer Umgebung beschäftigt waren. Kein Auto fuhr auf der leeren Straße, die von einigen bewohnten und unbewohnten Gebäuden umschlossen wurde, die allesamt vollkommen unauffällig waren.
Schulterzuckend packte ich Mia und hakte mich bei ihr ein. Jetzt war nicht der Moment, um mit ihr zu streiten. Nicht während der paar Stunden, die wir beide füreinander hatten.
»Und? Wohin gehen wir?«, fragte ich meine beste Freundin neugierig.
»Lena hat mir von einem Klub erzählt, in dem sie vor ihrer Zeit als Blasse gerne gefeiert hat«, erklärte die junge Frau glücklich. »Und im Internet habe ich die Adresse rausgesucht. Er ist hier ganz in der Nähe.«
Zustimmend nickte ich und folgte Mia durch die Nacht. Obwohl es mir Sorgen bereitete, dass sie ihren neuen Freunden unser Vorhaben anvertraut hatte, genoss ich es einfach, um mich herum nur Menschen zu spüren. Ich wusste, dass John alles andere als begeistert sein würde, wenn er erfuhr, dass ich das Anwesen ohne seine Erlaubnis verlassen hatte. Allerdings war er in den letzten Tagen und Wochen so selten zu Hause gewesen, da war es gut möglich, dass er gar nichts davon mitbekommen würde.
»Da vorne muss es sein!«, rief Mia plötzlich und riss mich so aus meinen Gedanken.
Verwundert sah ich von ihr zu der Bruchbude, auf die sie eben noch gedeutet hatte, und wieder zurück. Das Gebäude wirkte nicht so, als hätte es irgendein Mensch in den letzten Jahren betreten. Es war ein zwei Stockwerke hohes Haus mit gräulicher Fassade und so verdreckten Fenstern, dass man nicht einmal hinein sehen konnten. Die meisten waren ohnehin mit Brettern vernagelt, die schon zu modern begonnen hatten. Wann auch immer der letzte Besitzer diese Schuppen verlassen hatte, es musste bereits sehr lange her sein. Die Häuser rund herum sahen ebenfalls nicht besser aus, sodass es mich nicht verwunderte, dass an einem von ihnen ein großes Schild prangte, das von der Errichtung eines neuen Einkaufscenters berichtete.
»Da hat dich das Internet aber ziemlich reingelegt. Oder Lena«, erklärte ich meiner besten Freundin grinsend, die mir für diese Bemerkung einen wütenden Blick schenkte. Schulterzuckend konzentrierte ich mich dennoch auf das Gebäude vor uns, doch die nächste menschliche Seele spürte ich erst ein paar Straßen weiter. Hier gab es nichts außer Mia und mir.
»Es muss hier sein«, murrte meine beste Freundin, während sie an die Tür der angeblichen Location trat.
Skeptisch beobachtete ich jeden ihrer Schritte, um sofort reagieren zu können, falls sich das alte Gebäude genau in dem Moment dazu entschließen sollte, komplett in sich zusammen zu sacken. Kurz sah Mia noch einmal zu mir, bevor sie ihre Faust hob und an die schwere Metalltür klopfte, die das einzig stabile an diesem Haus zu sein schien. Genau wie ich erwartet hatte: Es passierte nichts. Hier war absolut niemand.
»Ich spüre gar nichts, Mia. Wir sollten gehen und uns einen anderen Klub in der Stadt suchen. Das hier scheint jedenfalls keiner zu sein.«
Seufzend stimmte mir die junge Frau zu und drehte sich zu mir um, als plötzlich ein Geräusch ertönte, das mich ruckartig herumfahren ließ.
»Ha!«, rief Mia aus. Im Bruchteil einer Sekunde stand sie wieder vor der schweren Metalltür, in der sich eben ein Sichtspalt geöffnet hatte.
Ich schenkte Mia einen mahnenden Blick. Durch Blakes Einfluss war die junge Frau nun schneller und stärker als ein normaler Mensch, aber es gab viele, die den Blassen nicht wohlgesonnen waren. Besonders dann, wenn sie allein umher streiften. Meine beste Freundin musste also ihre neu gewonnenen Kräfte zügeln, damit wir heute Nacht nicht auffallen würden. Daran schien die junge Frau in diesem Moment allerdings gar nicht zu denken. Ihre Augen klebten triumphierend an dem offenen Schlitz in der Metalltür, hinter dem jedoch gähnende Leere herrschte.
»Was wollt ihr?«, zischte plötzlich eine Stimme aus der Dunkelheit. Verwundert trat ich neben Mia. Warum konnte ich nichts spüren?
»Wir wollen feiern und haben gehört, dass dies hier der perfekte Ort dafür sein soll«, erklärte Mia mit süßer Stimme, während sie dem Mann zulächelte, der endlich nah genug an den Spalt herangetreten war.
Seine dunklen Augen musterten Mia, die es verstand, ihn mit ihrem Blick gefangen zu nehmen. Erst danach sah er zu mir. In diesem Augenblick war ich froh, dass ich bereits im Taxi daran gedacht hatte, mein verräterisches Silber hinter einem dunklen Grün zu verstecken.
»Die sieht nicht so aus, als würde sie feiern wollen«, erklärte der Mann im Schutz der Metalltür überheblich.
Wie ich es doch hasste, wenn Frauen an der Länge ihres Rockes gemessen wurden.
»Die kann dich hören. Und sie weiß nicht, wie du das beurteilen könntest«, knurrte ich.
»Ganz ruhig, Mädel.«
»Nenn mich-« Weiter kam ich nicht, denn Mia schob sich in das Blickfeld des Mannes zurück.
Kurz besah sie mich mit einem warnenden Blick, bevor sie dem Menschen vor uns liebevoll zulächelte. »Verzeih meiner Freundin. Sie hatte einen schlechten Tag. Was kann da also besser sein als eine gute Party?«
Der Mann gab einen murrenden Laut von sich, ehe er den Spalt urplötzlich schloss und wieder Stille herrschte.
»Dieser Ort ist seltsam«, murmelte ich leise, während ich meinen Blick durch die Umgebung wandern ließ. Ich spürte nichts. Rein gar nichts. Wie konnte es also sein, dass sich dort ein Mann hinter der Tür befand? »Lass uns lieber verschwinden.«
»Lena ist schon mehrfach hier gewesen, Jill, und ihr ist nichts passiert. Lass uns einfach den Abend genießen«, erwiderte Mia bittend, ehe sie ihren Blick wieder der geschlossenen Tür zuwendete.
Widerstrebend stellte ich mich neben sie und verschränkte die Arme vor der Brust. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Auch wenn meine beste Freundin das nicht wahrhaben wollte. Jedoch wusste ich auch, dass dies hier vielleicht unsere einzige Möglichkeit sein würde, Zeit allein miteinander zu verbringen. Und als hätte irgendjemand meine Gedanken gehört, öffnete sich genau in diesem Moment quietschend die schwere Metalltür.
»Wer sagt‘s denn!«, jubelte Mia laut, ehe sie sich durch den schmalen Spalt zwängte und im Inneren des Gemäuers verschwand. Nach allem, was Mia im vergangenen Jahr erleben musste, hätte ich angenommen, dass sie misstrauischer und vorsichtiger geworden wäre. Beides war jedoch augenscheinlich nicht der Fall.
Noch ein letztes Mal sah ich mich um, ehe ich meiner Freundin folgte. Kaum hatte ich meine Füße über die Schwelle gehoben, schlug die Tür hinter mir wieder ins Schloss. Ruckartig fuhr ich herum, doch bevor ich auch nur einen Ton von mir geben konnte, traf es mich wie ein Schlag.
Hunderte Seelen waren hier.
Ich konnte sie plötzlich spüren und die Musik hören, die durch den Gang hallte. Keuchend versuchte ich, all diese Auren und Geräusche auf einmal zu begreifen und nicht die Kontrolle über mich zu verlieren.
»Jill, alles in Ordnung?« Erst jetzt realisierte ich Mia wieder. Sie hatte mich an der Hand gepackt und besah mich mit einem besorgten Blick. Ihr Gesicht leuchtete in einem leichten Grün, das sich langsam zu Blau wandelte.
Stumm nickte ich ihr zu, sie schien das als Aufforderung zu verstehen, mich in Richtung des farbigen Lichts zu ziehen. Ich ließ sie gewähren, während ich weiter versuchte, mich an den Schwall der Präsenzen zu gewöhnen.
»Das. Ist. Der. Hammer!« Mia war richtig euphorisch.
Vor uns lag ein riesiger Raum, der mit verschiedenfarbigem Licht beleuchtet wurde. Nebel waberte die Tanzfläche entlang, die sich anscheinend über den gesamten Platz erstreckte. Nur an einigen Ecken standen dunkle Ledersessel, auf denen man sich niederlassen und unterhalten konnte. In der Mitte dieser Fläche befand sich eine Bar in Form eines Ovals, hinter der drei oberkörperfreie Männer und genauso viele spärlich bekleidete Frauen bunte Getränke mischten, die sichtlich mehr als Zuckerwasser enthielten. Es war unglaublich. So viele Menschen befanden sich hier und kein Schatten hatte die Möglichkeit, sie zu erspüren. Oder hatten meine Fähigkeiten seit meiner Zeit als Johns Blasse etwa nachgelassen?
»Lass uns tanzen!«, brüllte Mia plötzlich und zog mich mit all der Kraft, die diese zierliche Frau aufbringen konnte, zu den anderen Menschen, die sich im Rhythmus der Musik bewegten.
Ich mochte tanzen nicht. Und ebenso wenig mochte ich diesen Ort, an dem Schatten eindeutig nicht erwünscht waren. Gezwungen versuchte ich, meinen Körper wenigstens etwas rhythmisch zu bewegen, doch jedes Mal, wenn mein Blick auf meine brünette Freundin fiel, wusste ich, wie ungelenk ich aussehen musste. Mia schwebte wie eine Göttin über die Tanzfläche und lenkte einige Blicke auf sich. So war es auch nicht verwunderlich, dass nach wenigen Sekunden der erste junge Mann an ihren Hüften hing.
Meine Freundin genoss die Aufmerksamkeit, die der gut aussehende Schwarzhaarige ihr schenkte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Blake ihr das gleiche Interesse entgegenbrachte. Allerdings wusste ich auch nicht, was hinter geschlossenen Türen bei dem Schatten und seiner Blassen geschah, denn Mia verriet mir zu diesem Thema kein Wort. Und das, obwohl sie mir sonst einfach alles erzählte. Ob ich es hören wollte oder nicht. Ich zweifelte nicht daran, dass Mias Verschwiegenheit einem Befehl ihres Schattens zu verdanken war.
»Hey Süße.« Langsam drehte ich mich um und blickte direkt in das breite Grinsen eines jungen Mannes, dessen roten Locken wirr um seinen Kopf fielen. An ihm haftete der Geruch von Alkohol. Jeder Menge Alkohol.
»Auf keinen Fall«, entgegnete ich ihm, ehe er auch nur ein weiteres Wort sagen konnte, und ließ ihn mitten auf der Tanzfläche einfach stehen.
Aus den Augenwinkeln heraus beobachtete ich, wie sich der junge Mann an das nächste Mädchen heranschlich, während mich mein Weg zur Bar führte. Seufzend ließ ich mich auf einen der ledernen Barhocker fallen und meinen Blick wieder zu Mia schweifen. Sie schien glücklich zu sein, und das hatte sie verdient. Wenn auch nur für diesen einen Abend.
»Sie ist hübsch, deine Freundin.« Fragend wendete ich mich dem Barkeeper zu. Er war Mitte dreißig, hatte kurze blonde Haare und ein riesiges Tattoo, das von seinem Hals bis an seine rechte Wange reichte.
»Das ist sie«, entgegnete ich, während ich die giftgrüne Cocktailkarte las. Ich hatte schon lange keinen Alkohol getrunken, doch heute war ein besonderer Abend, der musste genutzt werden.
»Zwei Tequila Sunrise, bitte.«
Der Barkeeper nickte und mixte die Cocktails. Sein Blick allerdings hing weiter an meiner Mia, die sich fließend im Takt der Musik bewegte. Mittlerweile hatte ein anderer Mann seinen Platz an ihrer Seite gefunden. Sie war und blieb eben ein Blickfang und wusste das auch. Trotz der lauten Musik konnte ich sie lachen hören. Es war die richtige Entscheidung gewesen, das Anwesen zu verlassen. Trotzdem konnte ich nicht aufhören, an John zu denken. Ich hoffte, dass er noch einige Zeit auf Reisen bleiben und so mein Verschwinden nicht bemerken würde. Es ärgerte mich selbst, dass ich diese Gedanken hatte, aber das war wohl oder übel ein Bestandteil meines Daseins. Ich gehörte zu John und würde das nie wieder gänzlich abstreifen können.
»Was denkst du?« Mia tauchte schwer atmend neben mir auf. Grinsend nahm sie sich den zweiten Cocktail und setzte den schwarzen Strohhalm an ihren Mund.
»Hey, meine Schöne«, ertönte plötzliche die dunkle Stimme des Barkeepers, der Mia verführerisch musterte.
Verstellte er gerade seine Stimme, um attraktiver zu wirken? Ich musste mir ein Lachen verkneifen, während Mia mit einem bezaubernden Lächeln einen weiteren Cocktail annahm und den tätowierten Mann nicht aus den Augen ließ. Flirtete sie etwa mit ihm?
»Ich nenne ihn Heaven, denn er scheint wie du aus dem Himmel zu stammen.«
»Du hältst mich für einen Engel?«, fragte Mia zuckersüß.
»Natürlich«, erwiderte der junge Mann anzüglich, während meine Freundin langsam den Strohhalm aus dem grünen Cocktail zog und ihre Lippen an das Glas legte. In wenigen Zügen hatte sie das Mischgetränk geleert. Staunend betrachtete ich die junge Frau, die das schwere Glas auf den Tresen knallte, und dem Barkeeper ein Lächeln zuwarf.
»Wenn du dich da mal nicht irrst.« Ich konnte mein Lachen nicht mehr unterdrücken, als Mia hoch erhobenen Hauptes davon stolzierte und unter dem fassungslosen Blick des Barkeepers schnell wieder Anschluss auf der Tanzfläche fand. Ihre Bewegungen waren nicht mehr so kontrolliert, wie sie es vorher noch gewesen waren, aber ohne die Augen eines Schattens war das wohl kaum auffällig.
»Heiß.« Der Barkeeper zwinkerte mir zu, was mich ein weiteres Mal auflachen ließ. Es war immer wieder interessant, welche Wirkung Mia auf die Männerwelt hatte. Grinsend nippte ich an meinem Cocktail und genoss schweigend die Nähe der Menschen um mich herum. Ihre Lebensfreude und Sorglosigkeit waren so ansteckend, dass ich zugeben musste, das Leben unter ihnen zu vermissen. Es war meine Entscheidung gewesen, zu John zurückzukehren – auch wenn er mir die Möglichkeit genommen hatte, sie jemals wieder zurückzunehmen. Aber seit ich in seinem Anwesen wohnte, war der Anführer der Schattenwölfe kaum dort. Und während John hingehen konnte, wohin er wollte, hatte ich die Order, an Ort und Stelle zu verweilen. Das konnte so nicht weitergehen. Die Wölfin in mir kämpfte gegen die Blasse an, die John geschaffen hatte. Wer von ihnen auch immer gewinnen mochte, ich würde dabei verlieren.
»Warum zieht denn ein schönes Mädchen wie du die Stirn so kraus?« Abermals trat ein junger Mann an mich heran. Er hatte schulterlange, blonde Haare, die wirr um seinen Kopf lagen, und tiefe, braune Augen.
»Ich denke, ich habe einfach noch nicht genug getrunken, um das alles ertragen zu können«, erwiderte ich ehrlich und prostete dem Fremden zu. Im ersten Moment schien dieser nicht zu wissen, wie er mit meinen Worten umgehen sollte, ehe er sich einfach umdrehte und verschwand. Obwohl ich diese Reaktion provoziert hatte, konnte ich nicht verhindern, dass meine Stimmung sank.
»Na, du bist ja eine Partykanone, was?« Der Barkeeper hinter mir lachte.
Ich warf ihm einen genervten Blick zu, bevor ich den Rest des Cocktails in einem Zug austrank. »Noch einen!«, raunte ich dem tätowierten Mann neben mir zu, der sofort damit begann, verschieden farbige Flüssigkeiten zusammen zu mischen. Das Grinsen blieb jedoch in seinem Gesicht. Aus dem Augenwinkel heraus beobachtete er weiterhin Mia, die einen neuen Mann gefunden hatte, der sich an ihren zierlichen Körper schmiegte.
Noch während ich den Schwarzhaarigen musterte, dessen Muskeln sich durch sein enges Shirt deutlich abzeichneten, zog etwas anderes meine Aufmerksamkeit auf sich. Es war eine Bewegung. Kurz, schnell und vollkommen unmenschlich. Langsam erhob ich mich von meinem Stuhl und fixierte den Punkt, an dem ich diese Bewegung ausgemacht hatte. Ohne ihn auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen, drängte ich mich durch die Menschenmenge. Es war mir egal, wen ich anrempelte oder welche Pärchen ich auseinanderriss. Ich spürte auf einmal diese Präsenz, die mir seltsam bekannt vorkam. Aber das war unmöglich. Nicht wahr?
Mit klopfendem Herz schob ich mich bis zum Ende der Tanzfläche und sah direkt in die dunklen Gänge, die laut der Beschilderung entweder zu einem Notausgang oder zu den Lagern führten. Kurz schaute ich zu Mia zurück, doch diese war so sehr in die Musik vertieft, dass sie mein Verschwinden nicht bemerkt hatte. Seufzend wendete ich mich ab und trat in die Dunkelheit. Nicht ein einziger bunter Lichtstrahl drang von der Haupthalle in diese Gänge, und obwohl die Präsenz wieder verschwunden war, wusste ich, dass mich jemand beobachtete. Jemand, der nur auf meinen nächsten Schritt wartete.
»Komm raus!« Es war ein kläglicher Versuch und womöglich nicht besonders klug, allerdings hatte ich keine Zeit, um vernünftig zu sein. Ich wollte diesen Abend genießen und eine glückliche Erinnerung für Mia und mich schaffen. Dass ich nun diesen einen Namen aussprechen würde, der mir noch immer eine Gänsehaut über den Körper jagte, hatte ich nicht erwartet. »Enderis?«, flüsterte ich leise, als ich auch schon unsanft gepackt und in einen Nebenraum gezogen wurde.
Stöhnend rieb ich mir den Nacken und blickte knurrend zu meinem Angreifer. Enderis grinste mir entgegen, während er auf einen Schreibtisch zutrat, der uns gegenüber stand. Er war aus altem, dunklem Holz und passte hervorragend zu den zwei Regalen, die hinter ihm sowie rechts von uns an der Wand standen, und dem schwarzen Ledersofa, das den linken Bereich des Raumes zierte. Das Büro eines Mannes, ganz ohne Zweifel. Mein Blick fiel zurück auf Enderis, der in diesem Moment eine Flasche Rotwein aus dem Schreibtisch zog und die liebliche Flüssigkeit in zwei Gläser schüttete, die bereits auf uns gewartet zu haben schienen. Es war, als hätte er diesen Augenblick vorhergesehen.
»Jillian. Welch Freude, dich wiederzusehen.« Die braunen Haare des Mannes mittleren Alters waren länger geworden, sodass er sie zu einem kleinen Zopf zusammengebunden hatte, und ein Stoppelbart hatte den Weg in sein Gesicht gefunden. Seine Augen jedoch hatten noch das gleiche, düstere Silber, das mich in meinen Albträumen verfolgt hatte. Enderis war ein ansehnlicher Mann – das war er immer gewesen – aber das, was äußerlich an ihm schön war, war in seinem Inneren verdorben. Er war eine Schlange. Durch und durch.
Grinsend schob er eines der Weingläser auf mich zu, während er seines genüsslich in der Hand hielt und die dunkelrote Flüssigkeit darin schwenkte.
»Ich wünschte, ich könnte das Gleiche sagen«, brachte ich schließlich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Enderis war eines der letzten Schattenwesen, die ich in meinem Dasein jemals hatte wiedersehen wollen. Und doch war er nun hier. Direkt vor mir.
»Aber, aber, liebe Jillian. Begrüßt man so einen alten Freund?«
»Freund?«, zischte ich verächtlich. Ich spürte, wie meine Kräfte vor Wut zu wachsen begannen. Wie ich innerlich bebte und mein Körper darum bat, sich endlich aufzulösen und Enderis angreifen zu dürfen.
Als hätte er meine Gedanken gehört, stellte der Schatten vor mir sein Glas beiseite und schritt langsam auf mich zu. Ich bewegte mich keinen Millimeter, als er seine Hand hob und sanft über meine Wange strich. Sie war kalt, feucht und roch nach Pfefferminz und Tabak. Eine unangenehme Mischung.
»Was willst du?«, fragte ich wütend, ehe ich seine Hand zur Seite schlug.
»Ich denke, du bist diejenige, die mir gefolgt ist, Prinzessin.«
»Weil ich hoffte, dass ich mich irre, und du damals doch in den Flammen untergegangen bist. Ganz so, wie du es verdient hast!« Ich konnte meinen Zorn nicht kontrollieren. Meine Hoffnung, Enderis niemals wiedersehen zu müssen, war jäh zerstört worden. Er war eine Schlange. In seiner menschlichen wie in seiner wahren Gestalt. Ich hatte nur einmal in meinem Leben den Fehler begangen, ihm zu vertrauen, und das würde mir unter keinen Umständen ein zweites Mal passieren.
»Zügle deine Zunge, Schattenweib!«, zischte Enderis leise. Seine Augen wurden mit jedem Moment düsterer. Er war gefährlich, dessen war ich mir vollkommen bewusst. Es gab nur wenige Schatten, denen die Gestalt der Schlange bestimmt war, und sie hatten sich noch nie die Mühe gemacht, sich zu einem Clan zusammen zu schließen und den Gesetzen der Wölfe zu gehorchen. Sie lebten für sich allein und agierten am liebsten aus dem Dunkeln heraus.
»Ich sage, was ich denke, Enderis. Du hast mich einmal verraten, glaube nicht, ich hätte das vergessen.«
Der junge Mann vor mir begann zu lachen. »Und trotzdem bist du mir gefolgt? Ganz allein und ohne Schutz? Du bist unvorsichtig geworden, Jillian. Man munkelt bereits in allen Ecken der Welt, dass es einen weiblichen Schattenwolf gibt und, dass dieser an Johnathans Seite lebt. Denkst du, nur weil du uns vergessen hast, haben wir auch dich vergessen, Jillian? Nun, da du endlich aus deinem Loch hervorgekrochen bist, weißt du hoffentlich, dass wir einfordern werden, was uns zusteht.«
»Euch steht gar nichts zu!«, fauchte ich. Enderis‘ Worte rissen alte Wunden auf, die mich zu erdrücken versuchten. Und sie erzeugten Erinnerungen, die ich tief in mir vergraben hatte, da sie mich an mein dunkelstes Kapitel erinnerten.
»Die Zunft weiß und sieht alles. Du konntest dich nicht bis in alle Ewigkeit verstecken.«
»Es ist vorbei. Die Zunft ist geschlagen worden.« Meine letzten Worte waren kaum noch ein Flüstern. Das konnte alles nicht wahr sein. Wieso jetzt? Dabei hatte ich doch gedacht, dass ich sie alle niemals wiedersehen müsste.
Enderis‘ Bewegung ließ mich meine Aufmerksamkeit wieder ihm zuwenden. Er schnellte auf mich zu und blieb bloß einen Millimeter vor mir stehen. Unsere Nasenspitzen berührten sich beinahe, doch als ich erneut Abstand zwischen uns bringen wollte, packte er mich an den Schultern und hielt mich an Ort und Stelle fest. Er hingegen beugte sich vor, sodass seine kalten Lippen mein Ohr streiften. Ein unangenehmer Schauder fuhr durch meinen Körper.
»Die Zunft kann nicht vernichtet werden«, hauchte die Schattenschlange bedrohlich.
Ich erstarrte. Bilder von Blut, Kampf und Tod erschienen vor meinen Augen. Verdrängte Erinnerungen. Aus Zeiten, die grausamer nicht hätten sein können. Wie oft hatte ich mir gewünscht, doch in dem Feuer der Burg umgekommen zu sein. Aber natürlich hatte meine Vergangenheit im Dunkeln gelauert und auf den Moment gewartet, in dem sie mich endlich vernichten konnte.
»Wie kann das sein?« Enderis war der lebende Beweis auf die Antwort meiner Frage. Er war mit der Zunft untergegangen. Da war ich mir so sicher gewesen.
»Der Tod fürchtet sich vor uns.« Diese Worte holten mich wieder zurück in die Realität. Der Hochmut und die blanke Selbstüberschätzung hatten die Zunft schon einmal alles gekostet. Sie konnten sich in all der Zeit nicht geändert haben, wenn sie weiterhin Schattenschlangen zu ihren Verbündeten zählten.
Enderis zog sich wieder zurück. Ein selbstgefälliges Grinsen lag auf seinen Lippen, während er zu seinem Glas griff und genussvoll an dem Wein nippte, der bestimmt sehr alt und mindestens ebenso teuer war. Die Schattenschlange hatte schon immer wertige Dinge geliebt und sich jeden Luxus gegönnt, der ihr möglich war. Und wenn ihr dieser Klub gehörte – worauf die Anwesenheit und dieses Büro hindeuteten – war sie in diesen Zeiten eindeutig wohlhabender als in der Vergangenheit.
»Die Zunft ist schon einmal untergegangen.« Meine Stimme klang kalt. Es gab nur wenige Themen, die mich vollkommen aus der Bahn werfen konnten, aber die Zunft stand eindeutig ganz oben auf dieser Liste. Und sie war ein Aspekt meines Lebens, von dem niemand jemals etwas erfahren durfte.
Enderis nippte noch einmal an seinem Glas, ehe er es sanft wieder auf den Schreibtisch stellte. »Es reicht mir mit dem Small Talk, Jillian. Ich freue mich, dass ich der Erste bin, der dich ohne deine Leibgarde zu Gesicht bekommt.«
»Ich brauche keine Leibgarde«, entgegnete ich ruhig, während Enderis langsam auf mich zu kam und seine Hand hob, um sie abermals an meine Wange zu legen. Noch in der Luft fing ich sie ab und besah den jungen Mann mit einem finsteren Blick.
Dieser schien sich davon nicht beeindrucken zu lassen. Grinsend löste er seine Hand zu silbrigem Rauch auf, der sanft meine Wange streifte. »Doch, Prinzessin. Die brauchst du«, flüsterte mein ehemaliger Freund. »Denn die Jagd hat längst begonnen.«
Ich sprang zurück, um wieder etwas Abstand zwischen uns zu bringen, als mir Enderis auch schon folgte. Bevor ich auf meinen Beinen landen konnte, packte er mich an der Kehle und schlug mich zu Boden. Hart krachte mein Kopf auf dem Parkettboden auf, und für einen Moment hatte ich das Gefühl, das Bewusstsein zu verlieren. Enderis war direkt über mir. Die Hand an der Kehle drückte er immer fester zu, während sich sein dunkles Silber in meine Augen brannte. Er war nach wie vor derselbe.
Ich aber nicht.
Mit diesem Gedanken schlich sich ein Lächeln auf meine Lippen, das Enderis für einen Moment aus dem Konzept brachte. Ehe er reagieren konnte, löste ich mich auf und glitt durch ihn hindurch. Kurz bevor ich mich gänzlich in meine wahre Gestalt verwandelte, materialisierte ich mich wieder und kam in einigem Abstand hinter Enderis zum Stehen. Seit mich John dazu zwang, regelmäßig Seelen zu mir zu nehmen, war ich stärker geworden. Auch wenn mich die Tatsache, dass ich dabei nur Bruchteile seiner eigenen Blassen in mich aufnahm, nach vor schwächer bleiben ließ, als ich es bei eigenen Blassen gewesen wäre.
Grinsend erhob sich Enderis und drehte sich langsam zu mir um. Dabei legte er die Hand an seinen Arm, die sich in Nebel auflöste und in seiner eigenen Haut versank. Kaum eine Sekunde später zog er etwas daraus hervor. Ein kleiner, völlig schwarzer Dolch, der von dunkelsilbernem Rauch umgeben war.
Eine Schattenwaffe in sich zu tragen, war eine Seltenheit, und der einzige Weg – abgesehen von Feuer –, uns vollkommen auszulöschen. Früher hatte meine Art daran geglaubt, dass sie nur den Anführern verliehen wurden oder denen, die anstreben sollten, eben solche zu werden. Aber ich hatte im Laufe meiner Existenz zu viele Schatten kennengelernt, die diese Waffen trugen und trotzdem niemals jemanden befehligen sollten. Enderis war einer von ihnen.
»Ich sehe, du hast dich genährt, Jillian. Bei mir hast du dich damals dagegen gewehrt.«
Eine Gänsehaut zog sich über meinen Körper, aber es blieb mir keine Zeit, weiter über Enderis‘ Worte nachzudenken, als dieser auch schon wieder auf mich zustürmte. Ich duckte mich unter seinem Angriff hinweg, ging auf die Knie und drehte mich so, dass ich meinen Gegner direkt ansehen konnte. Bevor ich allerdings zum Stillstand kam, war die Schlange abermals vor mir. Nur knapp konnte ich ausweichen, spürte dafür sofort den brennenden Schmerz. Keuchend verlor ich den Boden unter den Füßen und landete auf meinen Knien. Mit einem breiten Lächeln stand Enderis direkt vor mir. Ohne mich aus den Augen zu lassen, legte er den Dolch an seine Lippen und leckte mein Blut von der Klinge. Wie sehr wünschte ich mir in diesem Moment, dass sich Schatten auch an ihren eigenen Waffen verletzen konnten.
»Du schmeckst immer noch süß.« Enderis fixierte mit seinem Blick meine Wunde. Er hatte es früher schon geliebt, seine Feinde leiden zu sehen, aber irgendetwas Neues lag in seinen Augen, das mir einen Schauer über den Rücken jagte.
Aus den Augenwinkeln heraus begutachtete ich meinen linken Oberarm. Enderis hatte mich direkt unterhalb der Schulter getroffen und einen tiefen Schnitt hinterlassen, aus dem sich das Blut bereits den Weg über meinen Arm bahnte. Der Schattenschlange schien der Anblick zu gefallen, denn statt mich wieder anzugreifen, beobachtete sie sichtlich vergnügt, wie ich mich stöhnend erhob.
»Lass uns das beenden, Jillian. Der Kampf ist zu leicht für mich.« Enderis ging zu seinem Schreibtisch zurück, als wäre nichts geschehen, öffnete eine Schublade und zog ein kleines Kästchen daraus hervor.
In dem Moment, in dem ich den Inhalt erblickte, keuchte ich auf. Es war ein breiter, goldener Armreif, der auf einem violetten Samtkissen lag. Kleine, weiße Diamanten verzierten das schimmernde Metall und funkelten im fahlen Licht des Raumes. Instinktiv wich ich einen Schritt zurück.
»Leg ihn wieder an und ich tue dir nicht weiter weh.« Enderis griff nach seinem Rotweinglas und nahm einen Schluck, ohne mich dabei aus den Augen zu lassen.
»Vergiss es.«
»Wie du meinst.« Mein Gegner ließ urplötzlich das Glas los und stürmte auf mich zu.
Ich atmete tief ein und wartete, bis er direkt vor mir war. In diesem Augenblick duckte ich mich unter seinem Angriff hinweg, drehte mich zur Seite und trat meinem Angreifer mit voller Wucht in den Bauch. Als das Weinglas auf dem Boden aufschlug, landete auch Enderis genau dort. Sein Dolch fiel ihm dabei aus der Hand und löste sich in dem Rauch auf, aus dem er geschaffen worden war. Ohne seinen Schatten war jede Waffe nutzlos und verschwand im Nichts. Blitzschnell warf ich mich mit meinem gesamten Gewicht auf Enderis und drückte ihm meinen Unterarm gegen die Kehle. Er röchelte.
»Du scheinst aus unserer Vergangenheit nichts gelernt zu haben«, zischte ich wütend und fixierte die Schattenschlange.
Deren Blick sprach Bände. Enderis verabscheute es, unterlegen zu sein, und noch mehr, an frühere Niederlagen erinnert zu werden. Und die hatte ich ihm zugefügt. Er allerdings hatte noch viel mehr getan.
»Du aber auch nicht.« Ehe ich reagieren konnte, legte er seine Hand auf meine Wunde und drückte seinen Daumen direkt hinein.
Schmerzerfüllt schrie ich auf und lockerte meinen Griff, als er mich auch schon von sich schleuderte. Ich landete direkt auf dem Tisch, der unter der Wucht in zusammenbrach. Die Rotweinflasche zersplitterte und kleine Scherben bohrten sich in meine Haut, während der Armreif ebenfalls zu Boden fiel und darüber schlitterte, bis er an Enderis‘ Füßen zum Stoppen kam. Knurrend hob dieser das Schmuckstück auf. Sein Körper bebte vor Zorn und schimmerte bereits silbrig. Für seine Kontrolle war die Schlange zwar bekannt, aber wenn er einmal aufgebracht war, konnte ihn nichts mehr aufhalten. Es hatte Zeiten gegeben, da hatte ich genau das an ihm geschätzt.
»Zieh ihn an!« Seine Stimme klang dunkler und rauer.
»Niemals!« Ich versuchte, mich aufzurappeln, als Enderis auch schon wieder mit seinem Dolch voran auf mich zu schnellte, um ihn mir abermals in den Leib zu rammen. Ich war zu langsam, um ihm zu entkommen. Dutzende unschuldiger Seelen mussten seinen Körper stärken. Enderis hatte sich schon immer gerne und viel genährt, während ich viele Jahre kurz vor dem Verhungern gewesen war. Bei einem direkten Kampf war er deshalb ein starker Gegner.
»Leide, Jillian.« Damit stieß mein Feind den Dolch auf mich herab. Ich sah den Wahnsinn in seinen Augen, den ich nur zu gut kannte. Er würde mich nicht töten. Aber er würde mich leiden lassen für alles, was ich ihm aus seiner Sicht angetan hatte.
Metall traf auf Metall. Enderis wurde zurückgeschleudert und krachte gegen die gegenüberliegende Wand, während ich mich stöhnend auf meine Knie hievte. Vor mir hatten sich zwei Schattenwölfe aufgebaut, deren silbriger Rauch über den Boden waberte, als würde er mich schützend umschließen. Knurrend blickten meine Artgenossen der Schlange entgegen.
Viel mehr als ihre plötzliche Anwesenheit schockierte mich der Anblick des muskulösen Rückens direkt vor mir. Er gehörte zu einem Mann, dessen kurze, schwarze Haare seit unserer letzten Begegnung etwas länger geworden waren und ihm mittlerweile bis in den Nacken hingen.
Ich schluckte.
Wenn John hier war, konnte ich mich auf Ärger gefasst machen. Mein Plan, dass er niemals von meinem Ausflug erfahren würde, war damit wohl hinfällig. Stöhnend erhob ich mich und presste meine Hand auf meine Wunde. Ein normaler Schattenwolf wäre schon längst geheilt gewesen, aber bei mir würde es noch einige Minuten dauern, bis sich der Schnitt geschlossen und die Blutung aufgehört hatte.
»Schlange.« Johns Stimme klang vor Wut verzerrt. Er hielt Enderis seinen Säbel entgegen, dessen breite, halbrunde Klinge von einem silbern leuchtenden Nebel umschlossen wurde.
»Johnathan. Ich hätte wohl schneller sein sollen.« Enderis‘ Blick fand den meinen. Ein dunkles Versprechen lag darin. Wir würden uns wiedersehen. Dann löste er sich auf. Sein menschliches Ich zerfiel zu silbrigem Nebel, der sich langsam zu einer riesigen Schlange formte. Sie hatte ein großes Maul mit spitzen Eckzähnen und einer gespaltenen Zunge, die immer wieder daraus hervorschnellte. Die Länge ihres Körpers konnte man kaum ausmachen, da sich ihr Schwanz mit dem Nebel vermischte, aus dem sie bestand. Ein letztes Mal zischte uns Enderis drohend entgegen, ehe er in einer unmenschlichen Geschwindigkeit rückwärts durch die Wand verschwand, vor der er eben noch gestanden hatte.
Sofort setzten sich die beiden Wölfe vor mir in Bewegung und verfolgten ihn. Schlangen waren so schnell und geschickt wie feige. Wie sehr ich mir auch wünschte, dass sie Enderis in der Luft zerreißen würden, die Wölfe würden ihn wohl nicht erwischen. Vor allem nicht in seiner gewohnten Umgebung.
Nachdenklich warf ich noch einen Blick auf Johns Seitenprofil. Im letzten Jahr hatte er seinen kurzen Bart etwas länger werden lassen, was ihn älter wirken ließ. Heute trug eine dunkle Hose und einen schwarzen Mantel mit silbernen Ornamenten darauf, die im Schein der Deckenlampe schimmerten. John war wieder einmal eine Weile fort gewesen, und obwohl ich mich freute, ihn wiederzusehen, wollte ich jetzt weder von ihm belehrt noch bestraft werden.
Mit diesen Gedanken setzte ich mich in Bewegung, doch kaum hatte ich den ersten Schritt gemacht, schnellte Johns Hand nach vorne und packte mich am Handgelenk. Langsam drehte ich mich zu meinem ehemaligen Verlobten um und sah Wut und Sorge, die in seinen silbernen Augen um die Vorherrschaft kämpften. Wir musterten uns einen stummen Moment lang. Noch immer musste ich zugeben, dass ich niemals einen schöneren Mann gesehen hatte. Ich liebte alles an ihm. Die schwarzen Haare und die Augen, die in diesem Augenblick so stark glänzten. Manchmal wirkte er unnatürlich schön und stark, doch die kleine Narbe an seiner Wange zeigte, dass er ebenso Schmerz erleiden konnte wie jeder Mensch.
Ich spürte, wie John mein Handgelenk losließ und einen Schritt nach vorne trat. Mein Herz schlug schneller, als der Schattenwolf seine Hand an meine Wange legte und mit seinen Fingern über meine Haut strich. Sie waren warm und weich, sodass ich der Versuchung widerstehen musste, mich in diese Berührung hinein zu schmiegen.
»Ich habe dich zu Hause vermisst.« Er sagte das mit einer Selbstverständlichkeit, die mich in eine unglaubliche Euphorie versetzen wollte. Wie so oft wusste ich nicht, ob dieses Gefühl wirklich von mir oder unserer Bindung herrührte.
»Jetzt hast du mich ja gefunden«, erwiderte ich schulterzuckend. Es lagen mir noch tausend andere Worte auf der Zunge, doch ehe auch nur eines davon meinen Mund verlassen konnte, legte John seine Lippen auf meine. Er roch noch immer nach Wald und frischer Bergluft – ganz so, wie ich ihn kennengelernt hatte. Schon von unserer ersten Begegnung an vor Hunderten von Jahren, war ich John verfallen gewesen. Dann aber hatte ich mich verwandelt und er meine Mutter getötet. Nach allem, was geschehen war, hatten mir mein Stolz und meine Moral verboten, Johns Frau zu werden. Bis vor einigen Monaten.
Plötzlich wurde ich von den Füßen gerissen und landete in Johns Armen. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, drückte er mich an seine Brust. Ich wollte protestieren, doch sein Blick ließ keinen Widerstand zu. Er schien zwar froh zu sein, mich wieder bei sich zu wissen, aber ich war nicht dumm genug, zu glauben, dass mich dieser Umstand vor einer Strafe retten würde. Ich hatte mich ihm widersetzt, das würde Konsequenzen nach sich ziehen. Welcher Art auch immer.
So verließ John mit mir auf seinen Armen Enderis‘ Büro, vor dem bereits einige Schattenwölfe in ihrer wahren Gestalt warteten, um uns zu eskortieren. Enderis war zwar verschwunden, doch John schien hierbei keinerlei Risiko eingehen zu wollen. Als wir nun in den Partyraum zurückkehrten, war es dort mucksmäuschenstill. Keine Musik. Keine Stimmen. Nichts. Nur Schattenwölfe, die Menschen bewachten. Letztere standen vollkommen verängstigt in einer Ecke und starrten uns an. Mia konnte ich beim Eingang direkt neben Blake entdecken, der mir einen vorwurfsvollen Blick zuwarf. Einzelne Schrammen zierten seinen Körper, die wohl von einer Schattenwaffe stammen mussten. Sonst wären sie schon längst verheilt gewesen. Dafür würde wohl nachher Mias Seele herhalten müssen, und ich konnte nichts dagegen tun. Ich seufzte und sah kurz zu John, der seinen Untertanen zunickte.
Dann brach Panik aus.
Innerhalb weniger Sekunden hatten sich die Wölfe auf die verängstigen Menschen gestürzt. Sie würden sie töten. Ihre Seelen rauben und sich danach stärker fühlen, während die Menschen alles verloren. Nur einzelne von ihnen würden das zweifelhafte Glück haben, bloß einen Teil ihrer Seele hergeben zu müssen und somit zu Blassen zu werden. Etwas, was am Ende aller Tage auch nur ihren Tod zur Folge haben würde.
»Jill«, flüsterte Mia, als wir an ihr vorbeigingen.
Mit einem vernichtenden Blick brachte Blake sie zum Schweigen. Ich wusste, dass sich meine beste Freundin normalerweise am liebsten in meine Arme geworfen und an meiner Schulter geweint hätte, weil sie mich so sehen musste, aber das konnte sie nicht. Nichts mehr war ihr möglich, was mit einem freien Willen zu tun gehabt hätte.
»Alles gut, Mia.« John knurrte leise auf, doch ich ignorierte ihn. Es war mir egal, was er von meiner Freundschaft zu Mia hielt oder, dass er es sich wünschte, ich würde ihm immer aufs Wort gehorchen. Ich war weder sein Schoßhündchen noch eine normale Blasse.
Ich war eine Schattenwölfin – und das würde er mir niemals nehmen!
Mit diesem Gedanken lächelte ich Mia aufmunternd zu. »Nichts, was ich nicht wieder hinkriegen würde.«
Feuer.
Das war das Letzte, woran ich mich erinnern konnte.
Feuer, Schreie und jemand, der mitten in den Flammen gestanden hatte ...
Ruckartig fuhr ich in die Höhe, was mein Kopf sofort bestrafte. Ein schmerzhaftes Ziehen fuhr bis in jede noch so kleine Ecke meines Hirns und ließ mich wieder zurück in die Kissen sinken.
Kissen? Vorsichtig sah ich mich um. Das hier war nicht mein Zimmer und eindeutig auch nicht mein Zuhause. Aber davon hatte das Feuer wohl auch nicht viel übrig gelassen. Es war aus dem Nichts aufgetaucht, direkt bei meine Räumlichkeiten schien es begonnen zu haben. Doch egal wie oft ich darüber nachdachte, ich hatte weder eine Kerze angelassen noch sonst irgendetwas getan, was dieses Unglück zur Folge hätte haben können. Nichts.
Und dann war ich eingeschlossen gewesen. Aber ich war den Stimmen nicht gefolgt, die mir helfen wollten. Stattdessen hatte ich den Tod gesucht, ihn augenscheinlich jedoch nicht gefunden.
