A Sky full of Nightmares - Alice Valeré - E-Book

A Sky full of Nightmares E-Book

Alice Valeré

0,0
6,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Eine Haut so weiß wie Schnee, Lippen so rot wie Blut und eine Seele so schwarz wie die Nacht. Sieben Söhne und sieben Töchter für die Königin. Das ist der Preis, der alle drei Jahre gezahlt werden muss. Ein uraltes Opfer und ein grausames Gesetz, dem niemand entkommt. Amber kennt den Schmerz des Verlusts nur zu gut. Die Raben der Königin raubten ihr erst ihren Bruder, dann ihre Schwester und schließlich auch ihre große Liebe. Gefangen und allein in einer Welt aus Regeln und Zwängen sucht sie nach einem Platz, den es für sie nicht zu geben scheint. Als Amber schließlich ebenfalls auserwählt wird, glaubt sie, ihr Schicksal sei besiegelt. Doch hinter den schaurigen Geschichten verbirgt sich ein uralter Kreislauf, der nicht nur sie, sondern das gesamte Königreich gefangen hält. Um sich selbst und ihre Heimat zu retten, muss Amber tun, was niemand vor ihr gewagt hat: den Kreislauf durchbrechen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Epilog
DANKSAGUNG
THEMENÜBERSICHT

1.Auflage

Deutsche Erstausgabe März 2026

Veröffentlicht über tolino media

ISBN: 9783819490682

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.dnb.de abrufbar.

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß §44b UrhG („Text und Data Mining“) zu gewinnen, ist untersagt.

Coverdesign: Jaqueline Kropmanns

Teillektorat: Lektorat Detailteufel | Susanna Schober

Korrektorat: Franziska Scholz

Illustrationen: Stockfotos Shutterstock

Impressum

Alice Valeré

c/o Impressumservice K. Mothes

Geschwister-Scholl-Str. 31

06869 Coswig (Anhalt)

Dieses Werk und seine Bestandteile sind urheberrechtlich geschützt. Ohne die schriftliche Zustimmung der Autorin ist jede Verwertung des vollständigen oder auszugsweisen Inhalts unzulässig und strikt untersagt. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen ist rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Wahre Märchen

beginnen nicht mit

„Es war einmal“,

sondern mit jenen Menschen,

die unser Herz berühren

und

unser Leben bereichern.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Roman enthält potenziell triggernde Inhalte, die du auf der letzten Seite als kurze Themenübersicht findest. Da diese mögliche Spoiler enthält, entscheide bitte selbst, ob du sie lesen möchtest.

Die Liste wurde nach bestem Wissen und Gewissen erstellt, erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Mach die Lektüre bitte von deinem persönlichen mentalen Gesundheitszustand abhängig und entscheide selbst, ob du die Warnung berücksichtigst.

Solltest du während des Lesens auf Probleme stoßen, bleib damit nicht allein. Wende dich an deine Familie und Freunde, rede mit Psychologen oder suche professionelle Hilfsstellen auf.

Ich wünsche dir viele schöne und spannende Lesestunden.

Alice Valeré

Prolog

Von allen Farben, die das Leben zu bieten hatte, war rot schon immer jene, die ich am meisten hasste. Nicht weil ich sie hässlich oder abstoßend fand, sondern weil ich sie fürchtete. Sie war ein Symbol für Tod und Verderben. Nicht nur für mich, sondern für alle in unserem Dorf.

Sie stand für das Blut in unseren Adern, das die Schergen der Königin vergossen. Für die Leichentücher, mit denen wir jene bestatteten, die ihre Überfälle nicht überlebten. Und für die Federn ihrer Raben, die uns verschleppten. Ein Schicksal schlimmer als der Tod.

Vor Jahren hatten sie meinen Bruder entführt, kaum dass ich zehn Winter zählte. Genauso wie meine Schwester, drei Jahre später. Ein Verlust, den meine Familie nie überwunden hatte.

Keinen von ihnen hatte ich jemals wiedergesehen. Ich konnte mich kaum noch an ihre Gesichter erinnern, geschweige denn an ihre Stimmen. Dafür jedoch hatte sich das Bild der rubinroten Federn in mein Gedächtnis eingebrannt, die die Raben jedes Mal zurückließen, wenn sie jemanden auswählten.

Jene Federn, die ich nun in dem frisch gefallenen Schnee erblickte.

Nur ein einziger Gedanke ging mir durch den Kopf: Nicht er! Ich strampelte und trat in alle Richtungen, während unzählige Hände nach mir griffen und mich festhielten.

Beruhigend versuchten die Menschen um mich herum auf mich einzureden, aber ich hörte ihnen nicht zu. Ich wollte es nicht wahrhaben.

Meinen Blick noch immer auf die Tür gerichtet, bildete sich ein Kloß in meinem Hals. Dort lagen sie. Die Vorboten der Raben und kennzeichneten das ausgewählte Opfer. Sieben Söhne und sieben Töchter für die Königin. Das war der Preis, den jede Provinz alle drei Jahre zahlen musste. Nicht für Sicherheit, sondern um überhaupt existieren zu dürfen.

Seit ich denken konnte, wurde dieses Opfer erbracht und Unzählige waren dieser grausamen Forderung erlegen.

»Amber!«, ermahnte mich mein Vater und schob sich in mein Sichtfeld. »Hör auf mit diesem Unfug.«

Sein durchdringender Blick bohrte sich direkt in mein Herz. Er verachtete nichts mehr als ungehorsam, was gleichermaßen bedeutete, dass er mich hasste.

»Niemals!«, zischte ich. Schon immer hatte ich einen eigenen Willen gehabt und seinen Befehlen getrotzt. Niemand sprach darüber, was die Königin den Menschen antat, die sie entführen ließ. Aber jeder ahnte es. Sie folterte und verfluchte sie. Während die Mädchen verschwunden blieben, gab es Geschichten von jungen Männern, die zurückgekehrt, aber nicht mehr sie selbst waren. Ihre Haare waren flammendrot geworden, ihre Augen grau und leblos. Sie waren Marionetten, denen jeder Funken Menschlichkeit ausgetrieben worden war.

Mitleidig betrachtete meine Mutter mich aus einer Ecke heraus, ehe sie sich kopfschüttelnd aus meinem Sichtfeld zurückzog.

Sowohl meine pechschwarzen Haare als auch die Sturheit hatte ich von ihr geerbt. Aber wenn es um die Königin ging, regierte Angst das Verhalten der Menschen.

»Lasst mich zu ihr«, befahl eine Stimme hinter mir und bereits wenige Herzschläge später ließ man mich los. Ich stürzte nach vorn in den kalten Schnee und konnte mich gerade noch mit den Händen abfangen, bevor mein Kopf auf dem Boden aufgeschlagen wäre.

Bei dem tiefen Klang seiner Stimme breitete sich eine Gänsehaut über meinen Körper aus und Tränen stiegen mir in die Augen. Ich drehte mich, linste in die Richtung, aus der sie gekommen war und sah Noah, der auf mich zukam.

Vor mir ging er in die Knie, um mir aufzuhelfen, nur um mich gleich im nächsten Moment in seine Arme zu ziehen und an seine Brust zu pressen.

Ein Keuchen entfuhr mir, doch statt ihn von mir zu stoßen, drängte ich mich noch näher an ihn. Weinend vergrub ich das Gesicht an seiner Schulter und begann hemmungslos zu schluchzen.

»Es wird alles gut«, versprach er, aber wir wussten beide, dass das eine Lüge war.

Man sagt, seine erste Liebe vergisst man nie und das ist wahr. Noah würde für immer einen Platz in meinem Herzen haben.

Kapitel 1

Zähneknirschend wickelte ich den Verband um meine linke Handfläche. Wenn man sich fragt, wie schlecht ein Tag beginnen kann, sollte man sich vor seinem Ende in Acht nehmen. Insbesondere wenn man so tollpatschig ist wie ich und ein Talent für Unfälle besitzt.

Meine Mutter hatte mir aufgetragen, im Wald Weißdorn zu sammeln. Obwohl ich bereits kurz nach dem Aufstehen einen Krug Milch verschüttet und einen Teller von unserem guten Geschirr zerbrochen hatte, war ich frohen Mutes aufgebrochen. Ein schrecklicher Fehler, wie sich herausstellte. Nicht nur war ich über eine Wurzel gestolpert und in einem Haufen Brennnesseln gelandet, vielmehr hatte ich mir dabei auch noch die Handfläche aufgeschlagen und mein Kleid zerrissen.

Mein Blick glitt zu dem grünen Rock, den ich trug und an dessen Saum ein großes Stück Stoff fehlte. Sobald meine Mutter heimkehrte, würde sie rasend vor Wut sein, weil ich wieder einmal nicht aufgepasst hatte. Vielleicht konnte ich den Saum kürzen und damit das Kleidungsstück retten. Aber ich bezweifelte, dass es dann noch lang genug war, um den Regeln von Sitte und Anstand zu genügen.

Hastig sprang ich auf, als sich die Tür zur Stube öffnete und mein Vater mit schweren Schritten hereintrat. Sein dunkles Haar war zerzaust und von weißen Strähnen durchzogen, genauso wie der dichte Bart. Über der Schulter trug er eine Axt, mit der er im Wald Holz geschlagen hatte. Auf der braunen Tunika konnte ich deutlich Spuren von Moos und feuchter Erde erkennen.

Sein Blick fiel auf mich und wie immer verdüsterten sich seine dunkelgrauen Augen, wie ein tosender Gewittersturm. »Was machst du hier? Solltest du nicht für deine Mutter in den Wald gehen?«

Ich öffnete den Mund, doch er schnitt mir mit einer Handbewegung das Wort ab. »Erspar mir deine Ausflüchte! Sie würden nur meine gute Stimmung trüben.«

Angestrengt presste ich die Lippen aufeinander. Es war mir als Frau nicht gestattet, ihm zu widersprechen. Immerhin zählte meine Meinung nicht.

»Wasser!«, befahl mein Vater knapp, ehe er mich grob beiseiteschob und sich auf den Stuhl setzte, auf dem ich soeben noch gesessen hatte. Die Axt legte er währenddessen auf den Tisch und stieß dabei die Schatulle mit den Verbänden um. Mehrere aufgewickelte Streifen Stoff fielen heraus, rollten über die Tischplatte und landeten auf dem Boden.

Zornig ballte ich die Hände zu Fäusten, darum bemüht, nicht auf den Tisch zu schlagen. Es wäre ein Fehler, diesem Drang nachzugeben. Das bewiesen die Striemen auf meinem Rücken. Narben, die mein Vater mir zugefügt hatte, nachdem ich einmal aus Wut einen Teller nach ihm geworfen hatte. Er hatte es verdient. Auch wenn er behauptet hatte, nur die Wahrheit gesagt zu haben, waren seine Worte herzlos gewesen. Er hatte mir befohlen, Noah zu vergessen und an meine Pflichten zu denken. Immerhin gab es wichtigere Dinge als kindliche Schwärmereien.

Angespannt ging ich zu dem Wasserkrug, der neben der Feuerstelle auf einem kleinen Tisch stand, nahm einen der Tonbecher aus dem Regal darüber und füllte ihn.

Wie gern hätte ich meinem Vater die Flüssigkeit ins Gesicht geschüttet und ihm verdeutlicht, dass ich nicht seine Sklavin war. Wir hatten noch nie eine gute Beziehung zueinander gehabt. Wie die meisten Männer hatte er sich immer einen Sohn gewünscht. Als mein Bruder geboren wurde, gab es eine große Feier und als man ihn verschleppte, weinten meine Eltern. Für meine Schwester und mich gab es nichts von beiden. Weder feierte man unsere Geburt, noch veranstaltete man eine Trauerzeremonie, als Cara verschwand. Mutter hatte mir erzählt, wie gern sie eine Feier für uns veranstaltet hätte, aber die Tradition ließ es nicht zu. Stattdessen versuchte sie in ihren Berichten Elias Fest weniger ausschweifend darzustellen, ganz im Gegensatz zu Vater. Sie betonte immer wieder, dass sie uns alle drei gleichermaßen liebte. Auch wenn sie es nach außen hin nicht so zeigen durfte, wie sie es wollte.

Von drei Kindern, war nur ich meinen Eltern geblieben. Ein vorlautes Weibsbild, unfähig und gewöhnlich. Dabei war ich durchaus talentiert. Nicht mit Nadel und Faden, aber dafür im Umgang mit Kräutern. Mein Wissen über Pflanzen übertraf selbst das meiner Mutter, die unserem Dorf als Heilerin diente. Wenn man bereits als Kind, dank seiner Tollpatschigkeit, täglich mit Kratzern und blauen Flecken übersät war, lernte man schnell, seine Wunden selbst zu versorgen.

Zudem besaß ich ein fantastisches Gedächtnis, zumindest was Pflanzen anging, und einen ausgeprägten Ehrgeiz. Was ich mir einmal in den Kopf gesetzt hatte, wurde auch mit aller Kraft verwirklicht.

Nur schade, dass diese Begabungen nicht das waren, was mein Vater von mir erwartete. Stattdessen beschwerte er sich fortlaufend, weshalb man ihn mit mir gestraft hätte. Jedes Mal, wenn er das sagte, keimte in mir der Drang, ihn für seine Worte büßen zu lassen. Ihm zu zeigen, dass mehr in mir steckte, als er auf den ersten Blick sah.

Doch statt mit ihm über all das zu sprechen, schwieg ich und ging gehorsam zurück zum Tisch. Wasser schwappte über den Rand des Bechers, als ich ihn mit zu viel Nachdruck vor meinem Vater abstellte. Instinktiv zuckte ich zusammen, darauf gefasst, für mein ungeschicktes Verhalten bestraft zu werden. Eine Ohrfeige, eine Nacht im Freien oder eine fehlende Mahlzeit war ich gewohnt, weil ich trotz guter Vorsätze mein Temperament nicht immer zu bändigen vermochte.

Der missbilligende Blick meines Vaters durchbohrte mich, ehe er abschätzig die Lippen schürzte. Bevor er mich jedoch tadeln oder sich für eine angemessene Strafe entscheiden konnte, ging die Haustür erneut auf und meine Mutter erschien darin. Sie trug einen Korb mit Veilchen bei sich, bei deren Anblick sich ein flaues Gefühl in meinem Magen ausbreitete. Die farbenfrohen Blumen standen für Bescheidenheit und Unschuld. Aber auch für Liebe und Treue. Dinge, die ich in meinem Leben vermisste.

»Wie wundervoll, ihr seid bereits zurück«, sagte sie mit einem Lächeln auf den Lippen. »Konntest du ihr die freudige Nachricht bereits verkünden?«

Verwirrt runzelte ich die Stirn, sah kurz zu meinem Vater und erstarrte. Er war kein Mann, der seinen Mitmenschen mit Frohsinn und Herzlichkeit begegnete. Für ihn zählten Respekt, Ansehen, Gehorsam und Disziplin zu den wichtigsten Tugenden. Es war nur sehr selten vorgekommen, dass ich ihn entspannt und ausgelassen erlebt hatte. Dass er lächelte, war dabei jedoch niemals vorgekommen.

Umso beunruhigender war es, ihn in diesem Moment zu beobachten, wie sich langsam seine Mundwinkel hoben. Ein kalter Schauer jagte über meinen Körper, während ich angespannt die Luft anhielt.

»Jemand hat um deine Hand angehalten«, verkündete mein Vater stolz, als sei diese Nachricht ein Geschenk. Dabei handelte es sich um eine Katastrophe.

In meiner Welt war eine unverheiratete Frau nichts wert. Doch verheiratet zu sein, bedeutete sich selbst aufzugeben. Meine Mutter war machtlos, solange mein Vater nicht hinter ihren Entscheidungen stand. Ihr Wort hatte keinen Wert, während die Männer tun und lassen konnten, was sie wollten.

Früher hatte der Gedanke an die Ehe mir keine Angst gemacht, weil ich mir sicher war, meinen zukünftigen Mann bereits zu kennen. Ich konnte mich darauf verlassen, dass er mich immer unterstützen würde, ganz egal, welche Entscheidung ich auch traf. Nachdem Noah allerdings von den Raben entführt worden war, hatte sich dieser Traum in Luft aufgelöst.

Jahrelang war es mir gelungen, mögliche Bewerber von mir fernzuhalten. Und je älter ich wurde, desto uninteressanter wurde ich für sie. Mit einundzwanzig noch immer unverheiratet zu sein, hatte immer einen Grund. Entweder man war nicht schön genug oder grundsätzlich ungeeignet, sich um ein Haus zu kümmern und Kinder zu gebären. Ich war alles davon.

Das Gerücht, ich sei unfruchtbar, hatte ich selbst in die Welt gesetzt. Dazu kam, dass ich mir, was mein Aussehen anging, keine Mühe gab. Mich für einen Mann zurechtzumachen, war mir zutiefst zuwider, weshalb ich meine Haare regelmäßig schnitt, damit sie niemals länger als bis knapp über die Schulterblätter reichten. Eine wallende Mähne bis zu den Hüften, so wie meine Mutter eine besaß, hatte ich nie gehabt. Und auch die schönen Kleider oder ausgefallenen Frisuren, die die Frauen in meinem Alter trugen, lehnte ich strikt ab.

Trotzdem war es meinen Eltern geglückt, jemanden zu finden, der sich von alledem nicht abschrecken ließ.

»Wer?«, fragte ich atemlos, während ich noch immer hoffte, mich verhört zu haben.

Mit einem strahlenden Ausdruck auf dem Gesicht stellte meine Mutter den Korb neben der Tür ab, ehe sie diese schloss und auf mich zu kam. Liebevoll streckte sie die Arme nach mir aus und ergriff meine Hände. Ihre blauen Augen, denen meine so ähnlich waren, funkelten.

»Theo, der Sohn des Bäckers. O Amber, was für ein Glück du doch hast. Mit ihm wird es dir an nichts fehlen.« In ihrer Stimme schwang pure Freude mit. Den entgeisterten Gesichtsausdruck, den ich dabei aufsetzte, ignorierte sie vollkommen.

»Was? Theo ist bereits verlobt. Mit irgendeiner blonden Schönheit, die er letzten Sommer bei seinem Besuch in der Stadt kenngelernt hat.« Er war einer der wenigen Auserwählten gewesen, die unser Dorf einmal im Leben verlassen durften. Um eines Tages das Handwerk seines Vaters zu übernehmen, hatte er von Kindertagen an fleißig bei ihm gelernt. Bis er schließlich, dank guter Kontakte und der starken Zusammengehörigkeit der Bäckergilde, für ein halbes Jahr bei einem anderen Meister in die Lehre gehen durfte.

»Das war nur eine Schwärmerei«, wiegelte meine Mutter ab. »Er hat hier eine Aufgabe zu erfüllen und kann nicht einfach das Dorf wegen irgendeines Mädchens verlassen. Es ist seine Pflicht, zum Wohl der Gemeinschaft den Platz seines Vaters in Eldrin einzunehmen. Genauso wie es deine ist, für den Fortbestand unseres Dorfes zu heiraten.«

»Aber er ist zwei Jahre jünger als ich!«

Sanft legte meine Mutter eine Hand an mein Gesicht. »Ich kann verstehen, dass du aufgeregt bist. Aber wir wollen nur das Beste für dich.«

Das Gefühl hatte ich nicht.

»Sei froh, dass überhaupt jemand Interesse an dir hat. Sieh dich nur an!«, mischte sich mein Vater ein, ohne sich von seinem Platz zu erheben. Missbilligend deutete er auf mich. »Es ist ein Wunder, dass der Bäcker dich überhaupt in Betracht gezogen hat.«

»Meinetwegen muss er das nicht. Ich bleibe gern unverheiratet.« Hastig biss ich mir auf die Unterlippe. Ein kleiner, verkümmerter Teil in mir schrie, dass ich das nicht zulassen durfte. Dass ich nicht stumm hinnehmen konnte, von meinen Eltern an den nächstbesten Mann weitergereicht zu werden.

»Willst du als alte Jungfer enden, allein und mittellos? Wir werden nicht ewig da sein, um dich durchzufüttern.« Das vorsichtige Lächeln, das die Züge meines Vaters erhellt hatte, verblasste und an dessen Stelle trat Zorn.

»Das ist auch nicht notwendig. Ich kann allein für meinen Unterhalt sorgen. Außer Mutter gibt es keine andere Heilerin in der Gegend. Es wäre leicht, Arbeit zu finden.«

»Schluss damit!«, donnerte die Stimme meines Vaters durch den Raum. »Du wirst nichts dergleichen tun. Ich habe den Antrag bereits angenommen. Du wirst ihn heiraten und das ist mein letztes Wort.«

Ich wollte erneut protestieren, doch ein Blick in das Gesicht meiner Mutter genügte, um das Flehen in ihren Augen zu erkennen. Obwohl mein Vater ihr gegenüber nachsichtiger war, würde sie für meinen Ungehorsam genauso leiden müssen wie ich.

Ihr zuliebe verbot ich mir jedes weitere Wort und schob mich stattdessen an ihr vorbei zur Haustür.

Kapitel 2

Ich stürmte aus dem Haus ins Freie, während die Wut in mir brannte, wie ein nie enden wollender Strom aus Lava. Theo wäre sicher kein schlechter Mann. Gelegentlich hatte ich ihn mit seinen Schwestern auf dem Dorfplatz spielen sehen. Er war geduldig, freundlich und gütig. Der Traum vieler Frauen. Nur eben nicht mein Traum. In einer Welt, die für Männer gemacht war, musste selbst er sich an die Regeln halten. Und das beinhaltete nun mal auch, dass seiner Frau keinerlei Rechte zustanden. Für jedes falsche Wort, das aus meinem Mund käme, müsste er sich rechtfertigen. Irgendwann brachte das selbst den gnädigsten Mann dazu, seine Frau in ihre Schranken zu weisen. In einen Käfig zu sperren, der vom Tag ihrer Geburt an für sie erbaut worden war.

Allein der Gedanke daran machte mich rasend. Es war unfair, mich nur aufgrund meines Geschlechts herabzusetzen. Dabei war mein Wunsch nach einem gleichberechtigten Leben doch nicht falsch. Obwohl es mir manchmal so vorkam.

Seit Noah fort war fühlte ich mich schrecklich einsam. Verloren in einer Welt aus Stimmen, in der meine eigene keine Bedeutung hatte. Für ihn waren meine Gedanken wichtig gewesen. Er hatte mich gesehen, genauso wie ich war und nicht, wie ich sein sollte. Aber er war fort und mit ihm alles, was hätte sein können. Was blieb war die Wahl zwischen einem Leben in Unterdrückung oder in stetiger Gefahr. Denn natürlich hatte mein Vater nicht ganz unrecht. Meine Eltern würden nicht für immer da sein, um ihre schützende Hand über mich zu halten. Irgendwann wäre ich allein. Ein Gedanke, der mich nicht störte. Ich mochte die Einsamkeit. Aber sie barg eine Unsicherheit, die ich nicht außer Acht lassen konnte.

Als Heilerin konnte ich Ansehen erlangen, wäre aber dennoch nur eine Frau, ohne den Schutz eines Mannes. In unserem Land gab es zwar Gesetze, doch viele davon bezogen sich nicht auf das weibliche Geschlecht. Immerhin bot die Ehe uns so viel Sicherheit, wie wir benötigten. Einen anderen Weg auch nur in Erwägung zu ziehen, kam nicht infrage.

Ich seufzte und lehnte mich an die alte Weide, die direkt neben unserem Haus stand. Das Rauschen der Blätter im Wind hatte etwas Friedliches. Obwohl in meinem Inneren das reine Chaos herrschte, gelang es mir, einen Augenblick tief durchzuatmen und meine Gedanken zu ordnen.

Vielleicht konnte ich mit Theo eine Vereinbarung treffen. Wenn er mir meine Freiheit ließ, konnte ich dann meine Meinung für mich behalten und nach außen hin die fügsame Ehefrau spielen? Ich erwartete keine Liebe, aber die Möglichkeit, als Heilerin den Menschen zu helfen. Dafür würde ich ihn unterstützen und tun, was die Öffentlichkeit von mir erwartete.

Alles in mir sträubte sich dagegen. Es gelang mir nicht, mich selbst als Ehefrau und Mutter zu sehen. Und doch würde ich genau das sein müssen, wenn es nach dem Wunsch meines Vaters ging.

Mein Blick glitt über den steinigen Pfad, der zu unserem Haus führte. Da mein Vater sein Geld als Holzfäller verdiente, lebten wir nah am Wald. Das hatte nicht nur für ihn, sondern auch für meine Mutter Vorteile, da sie regelmäßig frische Kräuter für Salben und Tinkturen benötigte. Wer ihre Hilfe brauchte, wusste, wo er sie fand.

Ich war hier aufgewachsen zwischen der Freiheit, die der einsame Wald versprach und dem geschäftigen Trubel des Dorfes, das man aus der Ferne sah. Als Kind war ich jeden Morgen eilig zum Tor gerannt, um noch vor dem ersten Sonnenstrahl bei Noah zu sein. Heute ging ich nur noch dorthin, um Besorgungen für meine Eltern zu erledigen. Oder um alten Erinnerungen nachzutrauern.

Täglich in Eldrin zu sein, sogar dort zu leben, war eine Vorstellung, die mir nicht behagte. Doch der Bäcker wohnte direkt im Zentrum und als Frau seines Sohnes wäre dort mein Platz. Mich wie bislang im Wald zu verkriechen wäre keine Option mehr.

Manchmal wünschte ich mir, dass die Raben mich anstelle meiner Geschwister geholt hätten. Dass ich die ältere Schwester gewesen wäre. Oder, auch wenn es selbstsüchtig war, es einfach die Kinder einer anderen Familie getroffen hätte. Dann wären Elias und Cara noch hier bei mir und die Erwartungen unserer Eltern hätten nicht allein auf mir gelastet.

Gedankenverloren stieß ich mich von dem Baumstamm ab und folgte dem Pfad ins Dorf. Als könnte ich am Ende des Weges eine Antwort finden, die nicht allem entgegenstand, was ich mir wünschte.

Es war nicht weit bis das große, aus Baumstämmen gefertigte Tor, das den einzigen Eingang nach Eldrin bot, in Sicht kam. Schon aus der Ferne hörte ich ein Gewirr aus Stimmen, bei dem sich mir die Nackenhaare aufstellten. Dass die Geräusche der Siedlung in meinen Ohren viel zu laut klangen, weil ich die Ruhe und den Frieden der Natur vorzog und viel Zeit allein verbrachte, war nichts Ungewöhnliches. Doch an diesem Tag wirkten die Rufe der Bewohner regelrecht aggressiv und bedrohlich auf mich.

Einen Moment blieb ich stehen, drehte mich um und sah in die Richtung, aus der ich gekommen war. Mehrere Bäume säumten den Weg, wurden jedoch weniger, je weiter man sich vom Wald entfernte. Als würde die Natur langsam zurückweichen, um den Menschen nicht zu nahe zu kommen.

Vielleicht sollte ich ihrem Beispiel folgen und mich ebenfalls von ihnen fernhalten. Der Wald jagte mir weitaus weniger Angst ein, als sie es taten. Obwohl es dort Wölfe und andere Kreaturen gab. Doch ich wusste, wenn ich nach Hause ging, würden meine Eltern mich bedrängen, bis ich keine Luft mehr zum Atmen hätte.

Irgendwann würde ich mit ihnen sprechen müssen. Bald sogar. Aber zumindest für ein paar Stunden brauchte ich Abstand, um mich mit meiner Situation abzufinden.

Mit weichen Knien setzte ich meinen Weg fort.

Je näher ich dem Dorf kam, desto lauter wurden die Stimmen der Bewohner und desto schneller schlug mein Herz. Ich passierte das Tor, wobei ich den zwei Wachmännern nur ein knappes Nicken schenkte, sie jedoch nicht weiter beachtete. Meine gesamte Konzentration richtete sich auf die Bewohner, die quer durch Eldrin eilten. Obwohl heute kein Fest stattfand, schien ein anderes Ereignis ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen zu haben.

Angespannt tauchte ich in das geschäftige Treiben ein und ließ mich von dem Trubel mitreißen. Die Menschen strömten zum Marktplatz wie die Bienen zum Nektar, ohne dass ich mir erklären konnte, was vor sich ging.

Nur vereinzelt schnappte ich ein paar Gesprächsfetzen auf.

»Sie bringen sie gleich zum Brunnen«, rief eine junge Frau mit braunem Haar neben mir. In ihrer Stimme schwangen Entsetzen und Neugierde zugleich mit.

Das ungute Gefühl in meiner Brust wuchs, während mich eine schlimme Vorahnung beschlich. Mein Verstand schrie mich an, von hier zu verschwinden, weil er wusste, dass ich das, was auch immer vor sich ging, nicht sehen wollte. Doch mein Körper gehorchte ihm nicht.

Wie von selbst trugen mich meine Füße weiter bis zum Marktplatz, wo sich bereits mehrere Bewohner um den dortigen Brunnen versammelt hatten. Als alle versuchten, so weit nach vorn wie möglich zu gelangen, hielt ich mich im Hintergrund. Vorsichtig schob ich mich an einigen Frauen und sogar Kindern vorbei in eine Ecke, von wo aus ich das Geschehen aus sichererer Entfernung beobachten konnte.

Noch während ich mich fragte, was ich hier überhaupt tat, führten zwei großgewachsene Männer eine junge Frau, etwa in meinem Alter, durch die Reihen der wartenden Menschen. Dabei kamen sie an mir vorbei. Ich erhaschte einen flüchtigen Blick auf sie. Tränen strömten über ihre leicht gebräunte Haut, während man sie an den Händen gefesselt vorwärtsdrängte. Ihr blondes Haar war zerzaust und dreckig. In ihrem Gesicht entdeckte ich mehrere blutige Schrammen und Kratzer. Sogar ein riesiger Bluterguss prangte an ihrem linken Auge. Sie machte einen erbärmlichen Eindruck.

Ich kannte sie nicht, empfand jedoch sofort Mitleid mit ihr. Was auch immer man ihr vorwarf, rechtfertigte diese Behandlung sicher nicht, denn ich bezweifelte, dass sie ein schweres Verbrechen begangen hatte. In den Augen der Männer genügte bereits ein zerbrochener Teller, um als Frau verdammt zu werden. Ich wusste, wovon ich sprach, denn aufgrund meiner Ungeschicklichkeit waren bereits Dutzende durch meine Hand zersprungen.

Das Getuschel der Menge verstummte abrupt, als unser Priester nach vorn trat und gebieterisch die Hände hob. Er war ein in die Jahre gekommener Mann, der selbst vier Töchter hatte und diese mit inbrünstiger Vorliebe züchtigte. Es war kein Geheimnis, dass er die Meinung vertrat, das Wesen der Frau sei vergleichbar mit einem wilden Tier, das es zu bändigen und kontrollieren galt. Nur mit festen Regeln und Disziplin könnte man diesen Mangel beseitigen.

Der Ausdruck auf seinem Gesicht war hart und konzentriert, als er durch die Reihen der Zuschauer sah und zufrieden nickte.

»Treue und Tugendhaftigkeit sind es, liebe Einwohner von Eldrin, mit denen wir die Götter ehren und unsere Seelen vor der Verdammnis bewahren.«

Schon bei diesen wenigen Worten musste ich an mich halten, um nicht die Augen zu verdrehen. Dieser Mann hatte wirklich einen Hang zu Theatralik. Doch die Menschen klebten förmlich an seinen Lippen, gespannt darauf, zu hören, was er ihnen mitzuteilen hatte.

»Deshalb ist es meine heilige Pflicht, jene ihrer göttlichen Strafe zuzuführen, die ihre Gebote missachten und sich stattdessen den niederen Gelüsten hingeben.« Ein leichter Wind zog auf und zerrte an der weißen Robe, die er trug und die ihn, dank der bereits ergrauten Haare und der hellen Haut, wie einen Geist erscheinen ließ.

Ich hasste diesen Mann inbrünstig. Jedes Wort, das aus seinem Mund kam, war verächtlich und herabwürdigend. Zu meinem Leidwesen genoss er ein hohes Ansehen im Dorf und stand sogar noch über unserem Dorfvorsteher. Sein Wort war Gesetz. Immerhin sprach er im Namen der Götter.

Dabei waren die Gebote gar nicht so streng. Er legte sie lediglich aus, wie es für ihn von Vorteil war.

Seine Töchter waren zu bedauern.

»Dieses Weibsbild …«, sprach er weiter und zeigte auf die Frau, die inzwischen durch die Menge hindurch zu ihm gebracht worden war und neben ihm zum Stehen kam. »… hat sich des Ehebruchs schuldig gemacht. Schändlicherweise hat sie ihren Mann hintergangen und den heiligen Bund der Ehe gebrochen. Und als sei das nicht bereits genug, versuchte sie zu flüchten und ihren Mann im Stich zu lassen.«

Bei seinen Worten wurde mir übel. Der heilige Bund der Ehe konnte selbstverständlich nur von einer Frau missachtet werden. Wenn ein Mann sich mit einer anderen vergnügte, war das natürlich. Denn er sorgte damit nur für die von den Göttern bestimmte Vielfalt der Menschen.

Schwachsinn!

»Die Götter selbst haben über sie gerichtet und sie in ihrer Gnade zu fünfzehn Peitschenhieben verurteilt.«

Eine weitere Gestalt schälte sich aus der Menge. Die blonde Frau wankte beim Anblick des Mannes, der vor sie trat. In ihrem Gesicht spiegelten sich Angst, Verzweiflung und Trauer.

Ich konnte nur erahnen, dass es sich um ihren Ehemann handeln musste. Es war üblich, die Gatten der Verbrecherinnen das Urteil vollstrecken zu lassen.

Wo wohl der Mann war, mit dem sie hatte flüchten wollen? Ob er noch lebte und sogar diesem Schauspiel beiwohnte?

Alle beobachteten gebannt, wie man der Frau das Kleid am Rücken aufriss und sie dann vor dem Brunnen auf die Knie zwang. In der Luft lag plötzlich eine Eiseskälte, die mich frösteln ließ. Nicht weil sich dunkle Wolken vor die Sonnen schoben, sondern weil sich die Grausamkeit der Realität wie ein Schatten über uns senkte.

Dutzende Augenpaare waren auf sie gerichtet, doch niemand rührte sich, um ihr zu helfen. Sie war allein inmitten von dutzenden Schaulustigen, die sich entweder an ihrem Leid ergötzten oder froh darüber waren, dass nicht sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit standen.

Schon als ich den ersten Schritt nach vorn trat, wusste ich, dass es ein Fehler war. Aber ich konnte nicht stillstehen und diese Ungerechtigkeit mitansehen.

Wäre sie ein Mann gewesen, hätte man sie irgendwo fernab vom Dorf bestraft. Natürlich nicht für solch ein Verbrechen. Immerhin war diese Tat nur für Frauen schändlich. Aber weil sie eine war, veranstaltete man ein Spektakel. Als Warnung für alle, die auch nur in Erwägung zogen, ihrem Verlangen nach Liebe und Zuneigung nachzugeben. Die sich mehr vom Leben erhofften, als eine Sklavin ihres verhassten Ehemanns zu sein.

Jedes Mal, wenn die Peitsche durch die Luft knallte und kurz darauf auf sie herabsauste, zuckte ich zusammen.

Ob die glücklichen Momente, die sie mit ihrem Liebsten erlebt hatte, die Schmerzen, die sie nun erlitt, wert gewesen waren?

Hastig lief ich schneller durch die Reihen der Zuschauer, schob mich an ihnen vorbei nach vorn. Die Schreie der Frau trieben mich an, drängten mich weiter und weiter, bis ich den Brunnen erreichte und in der ersten Reihe davor stehenblieb.

»Geschieht ihr recht«, brummt ein Mann, der in etwa so alt wie mein Vater sein musste und dessen hellbraunes Haar ähnlich wie seines von mehreren grauen Strähnen durchzogen war.

Angestrengt presste ich die Kiefer so fest aufeinander, dass meine Zähne knirschten. Einen Augenblick lang sah ich mich anstelle der jungen Frau dort knien, weinend und ängstlich, das Gesicht vor Schmerz verzerrt. Zu gut erinnerte ich mich daran, wie es sich anfühlte, wenn die geflochtene Schnur auf den Rücken traf und das Fleisch verletzte. Das scharfe Ziehen und das unaufhörliche Brennen danach. Die dumpfen Wellen, die einen beten lassen, es möge bald vorbei sein.

Es war mein Herz, das mich anspornte, den letzten Schritt zu tun. Es verdrängte jeden Zweifel und jeden vernünftigen Gedanken. Ich hastete auf den breitschultrigen Mann vor mir zu, der soeben erneut die Peitsche hob und stieß ihn mit einem festen Ruck beiseite, wobei ich selbst schwankte, mich jedoch im letzten Moment fangen konnte. Da er mir den Rücken zugewandt und nicht damit gerechnet hatte, unterbrochen zu werden, taumelte er und die Peitsche fiel zu Boden.

Bereit, sich zu verteidigen, wirbelte er herum, zögerte allerdings, als er mich erblickte.

Eine erdrückende Stille breitete sich aus, erfüllt von Überraschung und Entsetzen. Die versammelten Menschen sahen mich an, als sei ich ein Monster, das sich aus den tiefen der Erde erhoben hatte. Ein Wesen, das nicht existieren sollte.

Es kümmerte mich nicht. Mein Blick lag auf der Frau, die am Boden hockte und mich mit großen, grünen Augen ansah. Doch statt Dankbarkeit erkannte ich in ihren Gesichtszügen denselben Schock, wie bei allen anderen. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ihr irgendwer zu Hilfe kam. Nicht einmal ein Funken Hoffnung glomm in ihren Augen.

Ich wollte mich zu ihr herunterbeugen und ihr aufhelfen, da stürmten die zwei Männer auf mich zu, die sie hierhergebracht und die eben noch still neben ihr gestanden hatten. Bevor sie mich jedoch packen konnten, nahm mich jemand bei der Hand und zog mich zurück in die Menge, außerhalb ihrer Reichweite.

»Was hat das zu bedeuten?«, verlangte der Priester zu wissen, der sich aus seiner Starre gelöst hatte.

Eine große Gestalt schob sich schützend vor mich. Ich erkannte ihn sofort an den hellblonden Haaren, der abgetragenen Kleidung und den vielen weißen Flecken, mit denen er übersät war.

»Verzeiht«, sagte Theo und blickte den Priester an, dessen Augen vor Hass zu glühen schienen. »Meine Verlobte hat ein weiches Herz. Manchmal handelt sie überstürzt, ohne zu wissen, was sie da tut, und mischt sich in Angelegenheiten ein, die sie nichts angehen.« Er neigte leicht den Kopf, ehe er mit dem Kinn nach hinten auf mich deutete. »Ihr wisst um den fragilen Geist der Frauen, die sich leicht von Emotionen leiten lassen.« Seine Worte klangen gleichermaßen unterwürfig als auch herablassend.

Der Priester verzog den Mund zu einem schmalen Lächeln. Es schien ihm zu gefallen, dass Theo mich als dumm und unzurechnungsfähig darstellte. »Natürlich. Niemand weiß das besser als ich.« Geschmeichelt fuhr er sich mit einer Hand über den ebenfalls weißen Bart an seinem Kinn. »Doch dieses Verhalten kann ich keinesfalls dulden. Ihr Handeln gehört bestraft …«

»Selbstverständlich«, unterbrach Theo ihn. »Bitte lasst mich dafür Sorgen. Immerhin werde ich bald für sie verantwortlich sein.«

Der Priester mahlte mit den Kiefern, ehe sein Blick kurz zu mir wanderte und dann zurück zu Theo. »Nun gut. Es sei euch gestattet. Aber bringt sie hier fort. Ich wünsche keine weitere Unterbrechung.« Er wedelte mit der Hand und wandte sich von uns ab. Damit waren wir entlassen.

Ich schielte hinter Theo hervor und entdeckte den Mann, den ich beiseitegestoßen hatte. Man sah ihm deutlich an, dass er protestieren wollte. Immerhin hatte ich ihn in seiner Ehre verletzt und durfte dennoch einfach so meines Weges ziehen. Doch er wagte es nicht, sich gegen das Wort des Priesters zu stellen. Trotzdem versprach der Gesichtsausdruck, den er mir schenkte, dass ich für mein Handeln noch bezahlen würde.

Theo verbeugte sich leicht, ehe er sich zu mir umdrehte, mir einen warnenden Blick schenkte und zusammen mit mir loslief.

Kapitel 3

Theo zog mich mit sich, an Häusern vorbei, bis wir den Marktplatz hinter uns gelassen hatten. Ich stolperte mehr als ich lief, weil meine Gedanken abdrifteten. Zweimal wäre ich beinahe gefallen, wenn Theo mich nicht gestützt hätte.

In der Ferne hörte ich die Schreie der jungen Frau, die sich unauslöschlich in mein Gedächtnis brannten. Ich fühlte mich erbärmlich. Mit meinem Eingreifen hatte ich nichts erreicht. Mein voreiliges Handeln, ohne auch nur einen Moment lang nachzudenken, hatte ihre Situation nur verschlimmert. Ihr Mann würde seine Wut über mich an ihr auslassen. Daran hatte ich keine Zweifel.

Aber was hätte ich tun sollen? Einfach zusehen und schweigen, wie die anderen? Das hatte ich nicht gekonnt. Zu sehr hatte sie mich daran erinnert, wie ich mich gefühlt hatte, als mein Vater mir die Narben auf meinem Rücken zugefügt hatte. Verloren. Allein. Hoffnungslos. Ich hatte gewusst, dass niemand kommen würde, um mich zu retten. Genauso wie sie es gewusst hatte.

Dennoch war mir bewusst, dass egal, was ich getan hätte, der Priester mich sie niemals hätte mitnehmen lassen. Sie ohne eine Strafe freizugeben, wäre eine Gefahr für ihn und alles, was er predigte, gewesen. Stattdessen hätte man mich wie sie auf die Knie gezwungen und der gleichen Bestrafung unterzogen, weil ich es gewagt hatte, mich einzumischen. Ein Schicksal, vor dem Theo mich bewahrt hatte.

Wir gelangten an den Rand des Dorfes. Direkt neben dem Palisadenzaun aus Holz, der alles umgab, blieb Theo ruckartig stehen. Er wirbelte herum und fixierte mich mit einem durchdringenden Blick.

»Geht es dir gut?« Sorge schwang in seiner Stimme mit, während seine Augen hin und her huschten, um nach Verletzungen zu suchen.

»Alles in Ordnung«, antworte ich fast mechanisch. Dabei ging es mir nicht gut. Doch weder war das hier der richtige Ort noch er die richtige Person, um mein Leid zu klagen.

»Was bei allen drei Schicksalsgöttinnen hattest du vor? Wolltest du gegen die Männer kämpfen oder nur dafür sorgen, dass man dich verprügelt und drei Tage auf dem Dorfplatz ohne Nahrung anbindet?«

Unsicher schüttelte ich den Kopf. »Ich wollte ihr helfen. Es war dumm, aber ich konnte nicht anders.«

»Ich dachte, mein Herz würde stehenbleiben, als ich gesehen habe, wie du William beiseitegestoßen hast. Das war leichtsinnig«, schimpfte er, während er sich aufgebracht durch die blonden Haare fuhr. Nicht wütend, vielmehr besorgt.

Schon in dem Moment, als ich Theo erkannt hatte, wusste ich, dass seine Worte zu dem Priester nur eine Täuschung waren. Eine Ablenkung, damit er mich fortbringen konnte, ohne dass ihn jemand aufhielt. Hätte er mich ohne dieses kurze Schauspiel mitgenommen, wäre man uns gefolgt. So konnte man mein Eingreifen als die umnachtete Tat einer fehlgeleiteten Frau abtun, die für ihr Handeln später zurechtgewiesen werden würde.

Theo seufzte. »Ich kann dich verstehen. Es war furchtbar, was man Maria angetan hat.«

»Und warum hast du dann nichts unternommen?« Er hätte intervenieren können. Seinem Protest hätte man Gehör geschenkt.

»Weil es nichts gebracht hätte. Man hat Maria bereits seit Monaten angesehen, wie schlecht es ihr gegangen ist. Vermutlich hat William sie geschlagen. Als sie plötzlich mit einem Lächeln im Gesicht durch das Dorf gelaufen ist, habe ich gehofft, er habe sich geändert. Doch als man sie abgeholt hat, ist mir bewusst geworden, dass es einen anderen Grund für ihren Stimmungswechsel gegeben haben musste. Ihr Mann hatte bereits die Höchststrafe gefordert, aber glücklicherweise hat der Dorfvorsteher diese abgelehnt. Stattdessen hat man sie dem Priester überantwortet. Wenn ich Einspruch erhoben hätte, wäre sein Urteil schlimmer ausgefallen. Das weißt du.«

Ein leichter Wind fuhr über meine Arme und ließ mich frösteln. Die Höchststrafe bedeutete ein abgeschnittenes Ohr für den Ungehorsam, zwanzig Peitschenhiebe für den Ehebruch und ein paar gebrochene Füße, damit sie nicht noch einmal weglief.

Meine Brust zog sich schmerzhaft zusammen.

»Wie schrecklich muss es sein, in einer lieblosen Ehe gefangen zu sein.« Die Worte kamen mir über die Lippen, bevor ich darüber nachdenken konnte, was ich damit preisgab.

Theos Gesichtsausdruck verdüsterte sich einen Moment, ehe sich eine unterschwellige Traurigkeit darin abzeichnete.

»Amber …«, begann er, geriet aber ins Stocken. Kurz sah er zur Seite und räusperte sich, bevor er mich daraufhin ernst anblickte. »Ich weiß, dass du mich niemals freiwillig erwählt hättest, aber das Schicksal hat uns zusammengeführt. Wir sind es unseren Familien und vor allem uns selbst schuldig, es zumindest zu versuchen.«

Ich blinzelte ein paar Mal, überfordert mit der Ehrlichkeit, mit der er auf unsere Verlobung zu sprechen kam. Er hatte recht. Ich wollte nicht der Grund sein, aus dem meine Mutter regelmäßig besorgt die Stirn runzelte und nachts nicht ruhig schlafen konnte. Sie wollte mich in Sicherheit wissen, genauso wie mein Vater. Als gute Tochter war ich es ihnen schuldig, die Regeln zu befolgen. Trotzdem war da diese Stimme in mir, die dem widersprach.

»Ich weiß, es ist nur …« Vorsichtig biss ich mir auf die Lippe. Noahs Namen zu denken und ihn auszusprechen, waren zwei verschiedene Sachen.

»Ich verstehe dich. Glaub mir. Als Siera mir geschrieben hat, sie habe sich mit einem anderen verlobt und sei fest entschlossen, ihn zu heiraten, habe ich es nicht wahrhaben wollen. Ich bin zurück in die Stadt gefahren, um mit ihr zu sprechen und diese Behauptung als Lüge zu enttarnen. Aber dann habe ich es mit eigenen Augen gesehen.«

Wie von selbst bewegten sich meine Beine und machten einen Schritt auf Theo zu. Wir kannten uns kaum, aber bereits als Kind hatte er mich mit seiner offenen Art beeindruckt. Siera hatte ihm das Herz gebrochen und dennoch konnte er mit mir, jemandem mit dem ihn nichts verband, einfach so darüber sprechen.

Selbst fünf Jahre nach Noahs Verschwinden, gelang es mir nicht, mit irgendwem über ihn zu reden. Er war ein Geist, für immer verloren und trotzdem allgegenwärtig.

»Nach allem, was ich gewusst habe, habe ich mir nicht vorstellen können, jemand anderen zu heiraten. Aber als mein Vater dich vorgeschlagen hat, bin ich ins Grübeln gekommen.«

»Es hätte uns schon schlimmer treffen können«, gab ich zu und schlang schützend die Arme um meinen Körper, als könnte ich damit dieser unangenehmen Unterhaltung entgehen.

»Das wollte ich damit nicht sagen.« Unsicher rieb er sich den Nacken. »Aber dann bin ich ja froh, dass ich nicht die schlimmste Möglichkeit bin, die dir einfällt.«

»Du weißt, wie ich das meine. Es liegt nicht an dir.«

Er nickte wissend. »Wir haben beide unser Herz an einen anderen verschenkt. Gerade das macht uns aber auch so passend füreinander.«

Dem konnte ich nicht widersprechen. Alles, was er sagte, war wahr. Trotzdem fühlte es sich falsch an.

»Solltest du dennoch ablehnen, ist das in Ordnung. Auch wenn wir zwei wohl nie wieder eine solche Möglichkeit erhalten.«

Ich seufzte tief. Vernunft war nicht unbedingt eine meiner Stärken, aber vielleicht sollte ich ihr dieses Mal nachgeben.

»Wenn ich zustimme, versprichst du mir dann, dass ich als Heilerin arbeiten darf und dass meine Meinung, zumindest in unserm Zuhause, genauso viel wert haben wird wie deine?«

»Selbstverständlich!« Zielstrebig griff Theo nach meinen Händen, wobei ich mich zurückhalten musste, bei seiner Berührung nicht sofort zurückzuschrecken. Seine Haut fühlte sich trocken und rau an, was vermutlich auf die Arbeit in der Backstube zurückzuführen war. »Ich wünsche mir keine Beziehung, die nur unter Zwang funktioniert. Vielmehr möchte ich eine gleichberechtigte Partnerschaft.«

Das klang wunderbar. Auf mehr konnte eine Frau im Leben nicht hoffen. Dennoch verspürte ich weder Freude noch Zuversicht. Ich wollte nicht heiraten, daran änderte auch seine offene Einstellung nichts. Trotzdem zwang ich mir ein Lächeln ins Gesicht und drückte seine Hände zur Bestätigung. »Na schön. Dann ist es abgemacht.«

Einen Augenblick lang glaubte ich, Bedauern in seinen dunkelgrünen Augen zu sehen. Aber es verschwand so schnell, wie es gekommen war.

Noch einmal drückte Theo meine Hände, dann ließ er mich los.

»Ich bringe dich nach Hause«, sagte er und ging voraus. Doch als ich stehen blieb, statt ihm zu folgen, drehte er sich wieder zu mir.

Ich war noch nicht bereit, zurückzukehren. Zwar war die Entscheidung getroffen, doch bei dem Gedanken, meinen Eltern davon zu erzählen, wurde mir übel. Ihre Freude und Erleichterung würden mein Schicksal endgültig besiegeln. Es offiziell machen.

»Nicht nötig. Ich gehe noch etwas spazieren«, sagte ich und sah absichtlich an ihm vorbei.

Theo runzelte die Stirn. »Du solltest nicht allein im Dorf herumlaufen. Wenn der Priester dich sieht, könnte er sich umentscheiden und beschließen, dich doch noch zu bestrafen.«

»Keine Sorge. Ich laufe zum Eingangstor zurück und nehme den Weg nach Belldran.« Der Pfad führte nach Osten, fort vom Dorf. Allerdings gab es eine kleine Abzweigung, die, wenn man ihr folgte, zurück zu mir nach Hause führte. Zwar handelte es sich um einen Umweg und wahrscheinlich würde ich erst am Abend ankommen, aber das war mir nur recht.

Es war Theo deutlich anzusehen, dass er mit meinem Entschluss nicht glücklich war, trotzdem nickte er. »Sei bitte vorsichtig.«

Kapitel 4

Nachdem Theo sich zögerlich und mit besorgter Miene verabschiedet hatte, trennten sich unsere Wege. Ich achtete darauf, direkt zum Tor zu gelangen und vermied es dabei, den Bewohnern, die mir nachsahen, Beachtung zu schenken. Ein Stück weit bereute ich es, Theos Angebot, mich nach Hause zu begleiten, ausgeschlagen zu haben. Aber ich wusste auch, dass, wenn man uns zusammen gesehen hätte, es nur noch mehr Gerüchte gegeben hätte. Dass Theo mich auf dem Marktplatz als seine Verlobte bezeichnet hatte, würde sich innerhalb eines Tages herumgesprochen haben. Aber sobald ich diese Aussage bestärkte, indem man uns gemeinsam durch das Dorf spazieren sah, würde selbst der Gott des Chaos nicht mehr in der Lage sein, diese Ehe zu verhindern. Wobei das im Grunde aber keine Rolle spielte. Ich hatte zugestimmt, Theos Frau zu werden. Bereits morgen früh würde man den Priester darüber informieren, um die Verlobungszeremonie zu planen und den Segen der Götter einzuholen.

Meine Atmung beschleunigte sich und mein Herz begann zu rasen. Obwohl Theo meinen Forderungen zugestimmt hatte, sträubte sich mein gesamter Körper noch immer dagegen. Doch ich musste vernünftig bleiben. Wenn ich mich nicht freiwillig für jemanden entschied, wäre es möglich, dass man mich zwang. In diesem Fall hätte mich ein schlimmes Schicksal erwartet. Da war ich mir sicher.

Marias Schreie hallten durch meine Gedanken. Sie hatte sich den Regeln unterworfen und ein Leben in Unterdrückung und Gewalt hingenommen. Bis sie es nicht mehr ausgehalten und einen Funken Glück ergriffen hatte, für den sie teuer bezahlen musste.

Ein unsichtbares Seil schlang sich um meine Kehle, gewoben aus der Bedeutsamkeit meiner Entscheidung und den daraus resultierenden Konsequenzen, die es zu tragen galt. Mein Leben würde sich verändern. Ich würde mich verändern und ein Teil der Gemeinschaft werden. Obwohl ich mir nicht sicher war, ob ich das überhaupt wollte.

Mein Blick glitt zu den Häusern, die entlang der steinernen Straße standen. In weniger als zwei Wochen würde ich umziehen und in einem solchen leben. Neben Menschen, die einander verrieten und sich die wenigen Momente der Freude missgönnten.

Doch zuvor würde mir die Hochzeit bevorstehen, bei der ich nicht nur anwesend sein musste, sondern direkt im Mittelpunkt stehen würde. Die Aufmerksamkeit des gesamten Dorfes würde auf mir liegen. Während die Männer mich mit Blicken verschlingen würden, würden die Frauen mich bedauern. Besonders jene, die bereits verheiratet waren. Denn sie wussten, was die Tradition verlangte. Mehr noch, sie hatten es selbst erlebt. Der Vollzug der Ehe würde unter Zeugen stattfinden. Nicht in einem intimen Rahmen, sondern vor dem Priester, seinen Helfern, unseren Vätern und dem Dorfvorsteher. Es wäre ein Theaterspiel, das ihrer Belustigung und meiner Erniedrigung dienen würde.

Immer schneller lief ich an den Häusern vorbei, als würde ich der Zukunft selbst davonlaufen. Wie ein Tier wurde ich von ihr gejagt, obwohl ein Entkommen aussichtslos war.

Ich erreichte das Tor und verließ das Dorf mit hastigen Schritten. Die Wachposten sahen mir irritiert nach, sicher verwundert über meine Eile. Aber ich musste hier weg. Sofort.

Als hätte ich eine unsichtbare Linie überquert, gelang es mir wieder, freier zu atmen, sobald ich das Tor passiert hatte. Meine Lunge füllte sich mit frischer Luft und die bleierne Schwere auf meiner Brust verschwand.

Noch war es nicht so weit. Noch war ich frei.

Ich war so auf mich selbst konzentriert gewesen, dass ich viel zu spät bemerkte, dass mir jemand entgegenkam. Erst im letzten Augenblick erkannte ich den Schatten und wich aus. Dabei verlor ich jedoch den Halt und stürzte in das Gras, das neben dem Weg wuchs. Ich fiel auf die Knie und ein stechender Schmerz fuhr mir durch die Beine. Glücklicherweise konnte ich mich mit den Händen abfangen, sodass ich von weiteren Blessuren verschont blieb.

»Verflucht!«, zischte ich laut, als ich mich auf die Seite rollte und ins Gras setzte. Neben dem großen Stück Stoff, dass bereits am Saum fehlte, prangten nun zwei große, dunkle Flecken auf meinem Rock. Zwar fielen sie dank des olivgrünen Stoffes nicht sofort auf, trotzdem würden sie dem prüfenden Blick meiner Mutter nicht entgehen.

»Götter, Amber!«, rief eine vertraute Stimme, ehe eine großgewachsene Gestalt auf mich zueilte.

Ich blinzelte gegen die Sonne an, als sich bereits eine Hand in mein Sichtfeld schob.

»Komm, ich helfe dir auf.« Rotes, kurzes Haar, ein Dreitagebart und stechend grüne Augen verrieten den Mann vor mir innerhalb weniger Atemzüge.

»Hallo Arthur«, begrüßte ich ihn mit einem murrenden Unterton. Nicht weil sein Auftauchen mich nicht freute, sondern weil ich mich über meine eigene Tollpatschigkeit ärgerte.

Arthur war ein fahrender Händler, der regelmäßig das Dorf besuchte und den ich bereits seit Jahren kannte. Er war einer der wenigen Menschen, die ich als so etwas wie einen Freund bezeichnen würde.

Ohne zu zögern, ergriff ich seine Hand und ließ mir von ihm aufhelfen.

»Das nenne ich mal eine stürmische Begrüßung«, scherzte er und schenkte mir ein breites Grinsen. Seine Augen leuchteten dabei vergnügte, als wäre unsere Begegnung ein Geschenk der Götter.

Bereits bei unserem ersten Treffen hatte er mich so angesehen und in mir das Gefühl geweckt, es würde tatsächlich noch einen Menschen auf dieser Welt geben, der sich freute, mich zu sehen. Nicht die Frau, die ich sein sollte, sondern wirklich mich. Mit all meinen Fehlern und Unvollkommenheiten.

»Entschuldige bitte, ich habe nicht aufgepasst, wohin ich laufe.«

»Mach dir keine Gedanken. Immerhin ist nichts passiert.« Arthur deutete auf den vierrädrigen Karren, den er immer bei sich hatte und der von einer wunderschönen, schwarzen Stute gezogen wurde. Beladen war er mit allerhand Waren, die er von überallher mitbrachte.

Ich musste vollkommen blind gewesen sein, um ihn zu übersehen.

»Spring auf und ich zeig dir auf dem Marktplatz, was ich mitgebracht habe.«

Augenblicklich versteifte ich mich und schüttelte abwehrend den Kopf. »Ich kann nicht.«

Normalerweise hätte ich keinen Moment gezögert. Arthurs Besuche waren selten, brachten aber immer wieder etwas Licht in mein Leben. Heute jedoch konnte ich ihm nicht einfach folgen und mich von seinen Waren an ferne Orte entführen lassen, die ich wohl niemals selbst sehen würde. Zumindest nicht, wenn es bedeutete, erneut in die Nähe des Priesters zu geraten.

»Ist etwas passiert?« Besorgt runzelte Arthur die Stirn.

Ich seufzte. »Lange Geschichte. Aber ich sollte mich vorerst nicht mehr durch dieses Tor begeben.« Nicht ohne Theo. Zumindest bis etwas Ruhe eingekehrt war.

Nachdenklich legte er eine Hand an sein Kinn, ehe er den Weg entlang und dann wieder kurz zum Tor sah. »Wir sollten vorerst die Straße freimachen, dann kannst du mir erzählen, was geschehen ist.«

Tatsächlich standen wir mitten auf dem Weg. Der Pfad war nicht sonderlich breit, aber auch nicht vielbefahren. Dennoch war es klüger, Platz zu machen.

Ich nickte. Gemeinsam gingen wir zu Solea, die ungeduldig vor dem Karren wartete und mich mit einem Schnauben begrüßte. Sanft strich ich der Stute durch die weiße Mähne, die einen starken Kontrast zum Rest ihres Fells bildete.

»Schön, dich zu sehen«, begrüßte ich sie, bevor ich die Zügel nahm und sie an eine Stelle ein Stück entfernt vom Eingangstor des Dorfes führte. Arthur folgte uns. Er ließ mich gewähren, weil er wusste, dass ich gut mit Solea umgehen konnte. Seltsamerweise fiel es mir bei Tieren leichter, eine Verbindung aufzubauen. Sie waren weniger kompliziert, als diese eingebildeten Ziegen in meinem Alter oder die Burschen, die glaubten, ihnen würde die Welt gehören.

»Braves Mädchen«, lobte ich das Pferd, als wir abseits des Pfades stehen geblieben waren und den Karren so ausgerichtet hatten, dass sich niemand an uns stören würde.

Arthur begann sogleich damit, sich auf den Wagen zu schwingen und darin nach etwas zu suchen. Es raschelte und klapperte, was Solea erneut zum Schnauben brachte.

Beruhigend strich ich ihr über die Nüstern, was sie sogleich mit einem kleinen Stupser gegen meine Brust begrüßte.

»Verdammt! Irgendwo war es doch«, murrte Arthur, gefolgt von einem lauten Krachen. »Ah! Hier!«

Schmunzelnd schüttelte ich den Kopf. Arthur war gutmütig und freundlich, aber furchtbar chaotisch. Einmal hatte er mir erzählt, dass er niemals in einem Haus in einer Stadt leben könnte. Abgesehen davon, dass es ihn nie lange an einem Ort hielt, hätte er zu viel Platz und würde ständig damit beschäftigt sein, etwas zu suchen.

Mit einem breiten Lächeln auf den Lippen und einem riesigen Tintenfleck mitten auf der weißen Tunika, kam er zu mir zurück. In den Händen hielt er ein kleines Päckchen, das er mir auffordernd entgegenstreckte.

»Das habe ich gefunden und dachte, es würde dir gefallen.«

Aufgeregt machte ich einen Schritt von Solea weg und auf Arthur zu, nahm es entgegen und wickelte es sogleich aus. Zum Vorschein kam ein Buch. Ein freudiges Kribbeln überkam mich. Der Einband war bereits mit unzähligen Flecken und Sprenkeln übersäht, die Seiten vergilbt und an manchen Stellen eingerissen. Trotzdem verströmte es eine Schönheit, die mit Worten nicht zu beschreiben war. Mein Herz machte vor Freude einen Satz, als ich den Titel las: Distel, Salbei, Kamille und andere Heilkräuter.

Es war nicht das erste Mal, dass Arthur mir etwas von seinen Reisen mitbrachte. Und das, obwohl ich ihn nicht dafür bezahlen konnte. Immerhin besaß ich kein Geld. Zu Anfang hatte ich mich noch gesträubt, doch seine offene und herzliche Art, hatte mich den stetigen Protest irgendwann aufgeben lassen. Allerdings nicht, ohne dass er von mir etwas im Gegenzug erhielt. Es war zu einer kleinen Tradition geworden, dass wir uns, jedes Mal, wenn er wieder im Dorf war, gegenseitig etwas schenkten.

»Danke!« Begeistert fiel ich ihm um den Hals, wobei ich mich etwas strecken musste, weil Arthur mehr als einen Kopf größer war als ich. Ich wusste, dass sich das nicht schickte, aber bei Arthur konnte ich meinen Emotionen frei von irgendwelchen Regeln Ausdruck verleihen. Obwohl es nach den Vorkommnissen des Tages und so nah am Dorf wohl trotzdem nicht klug war.

Schnell löste ich mich wieder von ihm, nur um ihn daraufhin glücklich anzustrahlen. »Es ist wunderschön.«

Arthur wurde rot im Gesicht, was durch seine Haarfarbe und den Dreitagebart fast nicht auffiel. Aber ich sah es.

»Nicht der Rede wert. Ich habe es in einem leerstehenden Haus gefunden und dachte, es könnte dir gefallen.«

Eifrig nickte ich bestätigend. »Das tut es.«

Anders als andere Frauen konnte ich lesen. Dank meiner Mutter, die mich schon sehr früh unterrichtet hatte. Selbst mein Vater hatte es für sinnvoll erachtet und mich darin bestärkt. Leider gab es bei uns aber kaum Bücher, weshalb ich lediglich Zugriff auf die kleine Sammlung meiner Mutter hatte. Dass Arthur mir ein Buch schenkte, das allein mir gehörte und sich noch dazu mit Heilpflanzen beschäftigte, verwandelte diesen grauenhaften Tag in etwas Schönes und Erfreuliches. Bis mir auffiel, dass ich noch gar nichts für Arthur hatte. Seit seinem letzten Besuch waren nur einige Wochen vergangen, weshalb ich nicht so schnell mit seiner Rückkehr gerechnet hatte.

»Wie lange hast du vor, zu bleiben?«, hakte ich vorsichtig nach, in der Hoffnung, dass mir etwas Zeit blieb, um ein passendes Geschenk aufzutreiben.

»Bis zum nächsten Vollmond.«

Mist! Das war bereits in vier Tagen. Ich würde mir schneller etwas einfallen lassen müssen, als ich befürchtet hatte.

Verstohlen biss ich mir auf die Unterlippe, während ich das Buch fest an meine Brust drückte.

»Deine Gedanken stehen dir ins Gesicht geschrieben«, sagte er mit einem liebevollen Ausdruck im Gesicht, hell und voller Wärme. »Du musst mir nichts im Gegenzug schenken.«

Das sagte er jedes Mal. Trotzdem fühlte es sich falsch an. Als sei ich ihm dadurch etwas schuldig.

---ENDE DER LESEPROBE---