Aachener Narren - Ingrid Davis - E-Book

Aachener Narren E-Book

Ingrid Davis

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Beschreibung

(M)orden wider den tierischen Ernst Der elfte Fall für Britta Sander Ein Paukenschlag im Aachener Karneval! Mitten in der närrischen Festsitzung »Orden wider den tierischen Ernst« wird ein prominenter Neurochirurg vergiftet. Ein Fall für Privatdetektivin Britta Sander und Kriminalkommissar Körber, die sich auf einen Schlag über tausend Verdächtigen gegenübersehen. Von Liebeskummer geplagt, stürzt Britta sich in die Ermittlungen. Schnell wird offenbar, dass das Mordopfer Edgar Kathe sich nicht nur in der High Society des Aachener Karnevals Feinde gemacht hat. Irgendwo zwischen Elferrat und Ärztekollegen, zwischen Patienten und Familie liegt tief verborgen die Lösung eines Falls, wie ihn selbst Britta noch nicht erlebt hat.

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Seitenzahl: 537

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Ingrid Davis

Aachener Narren

Von der Autorin bisher bei KBV erschienen:

Aachener Todesreigen

Aachener Intrigen

Aachener Gangster

Aachener Untiefen

Aachener Abgründe

Aachener Abrechnung

Aachener Zwietracht

Aachener Hindernisse

Aachener Scheinheilige

Aachener Finsternis

Ingrid Davis ist gebürtige Aachenerin und begann bereits im Alter von zehn Jahren mit dem Schreiben. Ihr Weg führte sie nach dem Studium Englischer Literatur und Geschichte jedoch zunächst nicht in die Schriftstellerei, sondern erst an die RWTH Aachen und später ins Marketing und Projektmanagement.

Wenn sie gerade nicht für einen Britta-Sander-Krimi recherchiert oder an einem schreibt, verbringt sie ihre Zeit gerne mit Reisen, Lesen, Sport und Strategiespielen. Ingrid Davis lebt in der Städteregion Aachen.

Aachener Narren ist der elfte Band der Reihe um die schlagfertige Privat-Ermittlerin Britta Sander, die ein verhängnisvolles Talent besitzt, in gefährliche Situationen zu geraten.

Ingrid Davis

AACHENER NARREN

Britta Sanders elfter Fall

Originalausgabe

© 2025 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH

Am Markt 7 · DE-54576 Hillesheim · Tel. +49 65 93 998 96-0

[email protected] · www.kbv-verlag.de

Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an unsere Herstellung:

[email protected] · Tel. +49 65 93 998 96-0

Umschlaggestaltung: Sabine Hockertz unter Verwendung von

© Markus - Fotolia.de und © Andreas Steindl

Lektorat: Nicola Härms, Rheinbach

Druck: CPI books GmbH, Leck

Printed in Germany

ISBN 978-3-95441-758-2 (Taschenbuch)

ISBN 978-3-95441-759-9 (eBook)

Für Ulrike Röhrs

Die mir wieder Hoffnung gab, als ich schon fast aufgegeben hatte.

REGISTER DER HAUPTFIGUREN

Britta Sander .............................

Privatdetektivin in der Detektei Schniedewitz & Schniedewitz

Anne-Roos de VriesEric Lautenschläger

Silke Juratha

Steffi Zurek

Marc Achten..................

Brittas Kolleginnen und Kollegen

Kriminalhauptkommissar (KHK) Matthias Körber.......

Brittas Partner

Sammy .......................................

Brittas kleine, schwarze und immer hungrige Promenadenmischung

Tom Hartwig.............................

Ex-Gangsterboss und enger Freund Brittas

Harry Schlüper .........................

geläuterter Ex-Knacki und Privatdetektiv

Tahar Karim ..............................

französischer IT-Sicherheitsexperte und Brittas bester Freund

Jyoti Chandra............................

Rechtsmedizinerin und Brittas älteste Freundin

Erster Kriminalhauptkommissar Eduard (Ede) Bienwald.............

Leiter des Kriminalkommissariats 11 und Körbers Chef

Ritchie Nowarra .......................

Leiter des Erkennungsdienstes (ED) der Polizei Aachen

Viktoria Schaller .......................

Aachener Polizeipräsidentin

Petra Hoffmann, geb. Sander......................

Brittas Schwester

Gregor Hoffmann.....................

Brittas Schwager

Felix, Finn, Pip und Ronja Hoffmann.........................

Brittas Neffen und Nichte

Elise Dion alias »Die blaue Elise«..................................

Geschäftsführerin bei Schniedewitz & Schniedewitz

Martin Sander ...........................

Brittas zweitältester Bruder und Inhaber von Schniedewitz & Schniedewitz

Holger Sander alias »Chefarzt Dr. Holger«..................

Brittas ältester Bruder

Jürgen Sander ...........................

Brittas drittältester Bruder

Polizeikommissar (PK) Lukas Körber...........

Körbers jüngster Bruder

Oberst a. D. Krause ..................

Brittas Nachbar

Inhalt

REGISTER DER HAUPTFIGUREN

PROLOG SAMSTAG, 8.FEBRUAR

SAMSTAG, 1. FEBRUAR

SAMSTAG, 8. FEBRUAR

SONNTAG, 9. FEBRUAR

MONTAG, 10. FEBRUAR

DIENSTAG, 11. FEBRUAR

EPILOG SAMSTAG, 15. FEBRUAR

DANKE

PROLOG SAMSTAG, 8.FEBRUAR

22:05 Uhr

»Und darauf ein dreifach Oche …«

»ALAAAF!«

»Oche …«

»ALAAF!«

»Oche …«

»ALAAF!«

Nachdem er alle drei Alaafs aus voller Kehle mitgeschmettert hatte, lehnte Dr. Edgar Kathe sich wieder zurück und stellte erfreut fest, dass die hübsche Blondine in der kleidsamen roten Kellnerjacke ihm just im rechten Moment sein nächstes Bier gebracht hatte. Dankbar nahm er einen tiefen Zug und seufzte erleichtert auf, als er das Glas wieder absetzte. Im Europa-Saal des Aachener Eurogress herrschte eine Bombenstimmung, und wenn eintausendzweihundert Menschen in Wallung gerieten, wurde es unweigerlich warm. So warm, dass sich sein Mund inzwischen permanent trocken anfühlte, egal, wie viel Bier er trank. Nur gut, dass er sich vor der Festsitzung im VIP-Bereich ausgiebig am Buffet gütlich getan hatte. Mit einer soliden Grundlage waren ein paar Bierchen mehr oder weniger kein Problem. Nur vom Champagner hätte er beim VIP-Empfang am frühen Abend vielleicht den einen oder anderen weniger schlürfen sollen. Anders konnte er sich das leichte Schwindelgefühl, das sich vor einer Weile eingestellt hatte, nicht erklären.

Obwohl sein letzter Besuch auf der Herrentoilette noch nicht lange her war, spürte er, wie sich seine Blase bereits wieder meldete. Verärgert runzelte er die Stirn und versuchte, sich stattdessen auf das bunte Geschehen auf der Bühne zu konzentrieren. Er hatte keine dreistellige Summe für eine VIP-Karte bezahlt, um dann die Hälfte der »Ordensverleihung wider den tierischen Ernst« auf dem Lokus zu verbringen. Schließlich war die Sitzung einer der wichtigsten Termine im Jahr. Wer in Aachen etwas sein oder werden wollte, musste im Karneval aktiv und vor allem sichtbar sein.

Bisher hatte er sich den Ratschlägen des Kollegen aus der Urologie noch erfolgreich widersetzt, aber vielleicht kam er doch nicht mehr lange umhin, etwas gegen seine vergrößerte Prostata zu unternehmen. Bei diesem letzten Toilettenbesuch hatte er zudem erstmals Schwierigkeiten gehabt, seine Blase zu entleeren. Nicht auszudenken, wenn sich demnächst womöglich noch Erektionsstörungen dazugesellten – schließlich hatte er gerade auf diesem Gebiet noch viel vor. Mit einem feinen Lächeln dachte er an die Möglichkeiten, die sich ihm bald wieder eröffnen würden. Lange sollte es nicht mehr dauern.

Verdammt, es war aber auch warm. Unauffällig fühlte er mit der Hand an der Stirn seine Temperatur. Heiß, aber trocken. Er bekam doch wohl kein Fieber? Und warum schwitzte er trotz dieser Bullenhitze nicht?

Unauffällig steckte Kathe zwei Finger zwischen den blütenweißen Hemdkragen und seinen Hals und versuchte, sich etwas Luft zu verschaffen. Smoking und Hemd waren maßgeschneidert, und auch die schwarze Fliege saß eigentlich nicht zu eng, trotzdem hatte er Mühe beim Atmen. Und das ausgerechnet beim Auftritt seiner Lieblingsgruppe. Er ließ Kragen Kragen sein und klatschte frenetisch, als »die 4 Amigos« unter tosendem Applaus die Bühne betraten. Die Amigos waren jedes Jahr das musikalische Highlight der ganzen Show, und der Saal tobte. Das war die Stimmung, die er am Saal-Karneval so liebte.

Obwohl er das erste Lied begeistert klatschend begleitete, kam der Ärger wieder hoch, der sich erstmals eingestellt hatte, als man ihm seinen Sitzplatz zugewiesen hatte.

Natürlich berechtigte sein Ticket ihn zu einem Platz in der teuersten Kategorie. Und streng genommen hatte er auch genau solch einen Platz erhalten. Aber Tisch 301 war nun wirklich nicht das, was er sich als langjähriges AKV-Mitglied und Elferrat-Anwärter erhofft hatte. Ein kleiner Tisch auf der rechten Seite mit schrägem Blick auf die Bühne statt in der Nähe des roten Teppichs und dicht an der Prominenz aus der Bundespolitik. Selbst den Kamera-Laufweg, in dessen unmittelbarer Nähe er saß, hatte man so gewählt, dass Kathe ihm gezwungenermaßen den Rücken zudrehte. Die Chance, in der TV-Aufzeichnung wenigstens kurz eingeblendet zu werden, ging also gegen null.

Er hatte eine Ahnung, wer dafür verantwortlich war, dass man ihn platztechnisch aufs Abstellgleis geschoben hatte. Das würde nicht ohne Konsequenzen bleiben. Nicht umsonst hatte er auf dem Champagnerempfang erneut die wertvollsten Kontakte abgearbeitet. Schon bald würde sich seine ganze Mühe auszahlen, und er würde endlich den Platz unter den Alphatieren einnehmen, der ihm schon lange gebührt hätte. Gewisse Leute sollten sich schon mal ganz warm anziehen.

Wenn er erst einmal zum Elferrat gehörte, konnte er sicher auch dafür sorgen, dass die beiden Schnepfen aus dem Verein flogen, die ihm das Leben so schwer machten. Ach was, Leben schwer machen – auf den Sack gingen sie ihm, und zwar ganz gehörig. Damit, dass der Verein seit ein paar Jahren auch Frauen aufnahm, konnte er ja noch leben. Es waren sowieso nicht viele, die diese Möglichkeit genutzt hatten. Aber anstelle der beiden alten Schabracken hätte er lieber etwas Junges, Knackiges gesehen, an dem das Auge sich erfreuen konnte.

Der einzige Segen an seinem Sitzplatz war, dass die beiden Sumpfkühe auf der gegenüberliegenden Seite des Saals saßen – und zu seiner großen Genugtuung auch nicht in Preiskategorie eins. Deshalb war es ihnen unmöglich, ihn die ganze Sitzung hindurch mit ihren bösen Blicken zu verfolgen. Das Getuschel unter den Luxusweibern auf dem Champagnerempfang war schon schlimm genug gewesen. Noch dazu, wo er gute Miene zum bösen Spiel hatte machen müssen – immerhin waren das alles potenzielle Kundinnen. Bei den meisten würde er nicht mal mehr Überzeugungsarbeit leisten müssen, weil sie längst am Haken hingen. Und jede von ihnen, der er auch noch den bisher unangefochtenen »It-Beauty-Salon« madig machen konnte, wäre ihm eine doppelt liebe Neukundin.

Kathe blinzelte mehrfach mit den Augen. Bildete er sich das ein oder sah er plötzlich unscharf? Wie so oft am Tag griff er in seine rechte Jackentasche und zog das Fläschchen mit den Augentropfen heraus. Schnell schraubte er die Kappe ab und legte den Kopf zurück, was das Schwindelgefühl verstärkte. In zwei geübten Bewegungen platzierte er in jedes Auge mehrere Tropfen der Benetzungsflüssigkeit, die er immer bei sich trug. Normalerweise vertrieb das immer sofort den Grauschleier, den er so häufig in seinen permanent trockenen Augen zu haben schien. Nicht so diesmal. Im Gegenteil, die Unschärfe schien sich noch zu verschlimmern – und das, obwohl wie schon beim letzten Tropfen deutlich mehr Flüssigkeit aus dem Tropfer gekommen war. Wieder blinzelte er hektisch, aber es wurde nicht besser. Das grelle Licht von der Bühne blendete ihn immer mehr, und sein Herz hatte wie wild zu rasen begonnen.

Wo war er eigentlich? Und was machten die ganzen Menschen um ihn herum? Warum schlängelten die sich so seltsam? Und wie hatten die so schnell aus der Bühne einen OP gemacht, in dem jemand operiert werden sollte, der sich mit aller Macht dagegen wehrte?

Er wollte aufstehen, um besser zu sehen, denn um ihn herum hopsten alle wie wild und sangen lauthals. Plötzlich zuckten seine Beine in schmerzhaften Krämpfen, und es gelang ihm nicht mehr, sich zu erheben. Er musste dringend auf die Toilette. Aber wo war die Tür? Mühsam drehte er den Kopf. Da war nur ein schwarzes Loch. Nicht so wichtig.

Sein Brustkorb fühlte sich plötzlich an, als hätte man einen Boxer darin eingesperrt. Er legte den Kopf schief und horchte in sich hinein. Wie interessant. Es tat gar nicht weh. Warum nicht? Ach, es war auch egal. Eigentlich wollte er sowieso nur noch schlafen. Langsam schlossen sich die Augen von Dr. Edgar Kathe, und der Kopf sank ihm auf die Brust.

Das Letzte, was er hörte, war: »Ein dreifach Oche ALAAF!!!«

SAMSTAG, 1. FEBRUAR

Eine Woche zuvor

11:00 Uhr

»Nicht verzagen«, sagte ich tapfer, als sich der Vorhang der Umkleidekabine zum gefühlt zwanzigsten Mal hinter meiner Freundin Jyoti schloss. »Wir haben doch noch zwei Wochen Zeit bis zur Hochzeit!«

»Jaja, bloß keinen Druck aufbauen«, seufzte Jyoti. Nach einer langen Jagd auf einen traditionellen indischen Hochzeitssari klang Jyoti so erschöpft, wie ich mich fühlte. Die vollbusige Matrone, in deren Brautmodengeschäft in Maastricht wir uns nun schon seit zwei Stunden aufhielten, lüpfte mit fragendem Blick die Prosecco-Flasche. Dankbar hielt ich ihr mein Glas hin.

»Wie viele noch?«

»Zwei.« So entmutigt, wie Jyoti klang, richtete ich mich gedanklich schon auf eine Online-Shoppingtour ein. Dieses hier war das letzte Geschäft in der Aachener Umgebung, das führte, wonach Jyoti suchte.

»Wartet mal, meisjes«, sagte die Matrone mit dem hochtoupierten Haar plötzlich, drückte mir die Flasche in die Hand und verschwand hinter einer Tapetentür, die ich bisher noch gar nicht wahrgenommen hatte.

»Brauchst du Hilfe?«, fragte ich, als Jyoti nach einer Weile immer noch nicht wieder aufgetaucht war.

»Nein, den hier brauch ich dir gar nicht zu zeigen, der geht gar nicht. Sie steckte den Kopf durch den Vorhang. »Vielleicht muss ich doch klassisch in Weiß?«

»Möchtest du das denn?«

»Ich will meine Oma nicht enttäuschen«, sagte Jyoti traurig, »und in meiner Vorstellung sehe ich mich an meinem Hochzeitstag immer in Rot. Aber …«

In diesem Moment hörten wir Schritte, die eine Treppe heraufkamen, und kurz darauf rauschte die Matrone triumphierend durch die Tapetentür. Über dem Arm trug sie einen langen goldbestickten Kleidersack, den sie feierlich die drei Holzstufen zu dem kleinen Podest emportrug, auf dem die zukünftigen Bräute sich vor den Umkleidekabinen zeigen konnten.

»Zieh das mal an, meisje.« Die Matrone reichte Jyoti den Kleidersack durch den Spalt im Vorhang. Der Reißverschluss des Transportsacks wurde aufgezogen, und Jyoti begann: »Aber das ist kein …«

»Alsjeblieft, zieh es nur mal an. Wenn es dir nicht gefällt …« Die Matrone zuckte mit den Schultern, als wollte sie sagen, dass sie uns dann auch nicht mehr würde helfen können. Wortlos ließ sie sich neben mir nieder und hielt mir ihr eigenes Prosecco-Glas zum Nachfüllen hin.

Als Jyoti schließlich den Vorhang der Kabine wieder öffnete, klappte mir buchstäblich die Kinnlade herunter. An ihre dezenten wohlgeformten Kurven schmiegte sich ein bodenlanger schulterfreier Traum aus schimmerndem dunkelrotem Stoff, als hätte man ihn Jyoti auf den Leib gegossen. Golden gestickte Bordüren oben an der Büste und am unteren Rand des Kleides erinnerten an klassische indische Designs, ohne sie direkt nachzuahmen. Jyoti drehte sich einmal ehrfürchtig um die eigene Achse, damit wir die kleine Schleppe sehen konnten, die lautlos über den Boden glitt.

»Ts«, machte die Matrone, drückte mir ihr Glas in die Hand und stemmte sich mühsam aus dem tiefen Ledersofa hoch. Im Nu war sie auf das kleine Podest gestöckelt. »Darf ich?«

»Äh, ja, natürlich«, gab Jyoti zurück.

Anstatt am Kleid herumzuzupfen, öffnete die Matrone mit einem geübten Griff die dunkle Spange, die Jyotis Haare zurückgehalten hatte. Wie ein glänzender Vorhang ergoss sich die schwarze Pracht über ihre Schultern. Die Matrone legte den Kopf auf die Seite und sagte schließlich: »Zwei goldene Kämme rechts und links, die die Haare zurückhalten, und du bist klaar.«

»Ich hatte eher an eine Hochsteckfrisur gedacht«, entgegnete Jyoti zweifelnd.

»Meisje, ich kenne Frauen, die würden morden für Haare wie die deinen. Warum willst du sie ausgerechnet auf deiner Hochzeit nicht zeigen?«

Jyoti nickte und sah beinahe ungläubig an sich herunter. »Ich glaube, das ist es, Britta«, hauchte sie. »Oder was meinst du?«

»Ich habe noch nie in meinem Leben eine schönere Braut gesehen«, erwiderte ich ehrlich und gefährlich nah an Tränen der Rührung. »Hoffentlich müssen wir Eric nicht am Altar wiederbeleben, wenn er dich so sieht.«

* * *

Nachdem wir uns in einem lebhaften Café in der Maastrichter Innenstadt mit einem heißen Kakao und einem leckeren Stück Kuchen ein bisschen gestärkt hatten, waren wir gerade auf dem Weg zur Tiefgarage unter dem Vrijthof, als mein Handy klingelte.

»Och nee, die blaue Elise«, stöhnte ich, nachdem ich einen Blick aufs Display geworfen hatte, und steckte das Handy wieder weg. Auf Elise Dion, Geschäftsführerin der Detektei Schniedewitz & Schniedewitz und damit meine Chefin, hatte ich nun wirklich keine Lust.

»Gehst du nicht dran?«, fragte Jyoti erstaunt.

»Wir haben aktuell nichts laufen, was nicht bis Montag warten kann. Ich bin froh, wenn ich mir das Gekeife erst nächste Woche wieder anhören muss.«

Etwas mehr als zwei Jahre zuvor hatte mein zweitältester Bruder, Martin Sander, die Detektei gekauft, für die ich inzwischen seit mehr als sieben Jahren arbeitete. Anders als unter der alten Geschäftsführung wehte von diesem Moment an ein eiskalter, ausschließlich profitorientierter Wind durch unsere Büros. Das größte Problem war jedoch, dass unsere Chefetage nichts, aber auch gar nichts von unserer Arbeit verstand. Trotzdem versuchten die beiden permanent, uns zu gängeln, wo sie nur konnten, oder schlimmer noch – uns zu sagen, wie wir unsere Arbeit machen sollten. Oder wie mein Kollege Eric Lautenschläger, Jyotis Verlobter, immer so schön sagte: »Keine Ahnung, aber davon viel.«

Das Handy verstummte, nur um zwei Sekunden später gleich wieder loszubimmeln.

»Scheint was Wichtiges zu sein«, merkte Jyoti an, als sie am Kassenautomaten bezahlt hatte und mein Handy immer noch klingelte.

Wir saßen gerade im Auto, als Jyotis Handy ebenfalls anfing, sich zu melden. Jyoti nahm den Anruf über die Freisprechanlage an und setzte zurück. »Hallo Purzelchen«, begrüßte sie Eric. »Was gibt’s denn?«

Was Eric sagte, konnten wir erst verstehen, nachdem wir durch die Schranke und die Rampe hochgefahren waren. »… weil sie Britta nicht erreichen kann. Seid ihr noch unterwegs?«

»Die blaue Elise hat dich angerufen, weil sie mich nicht erreichen kann?«, fragte ich ungläubig.

»›Sie beide stecken doch immer unter einer Decke‹, waren ihre genauen Worte.« Wir hörten, dass Eric breit grinste.

»Na, na, gibt es da etwas, das ich wissen sollte?«, witzelte Jyoti, »von wegen unter einer Decke stecken?«

»Ach, mein Hase«, säuselte Eric, »du weißt doch, dass es nur eine für mich gibt.«

»Richtige Antwort, Purzelchen«, grinste ich.

»Frau Sander, Sie klingen, als hätten Sie einen im Kahn«, gab Eric fröhlich zurück.

»Hab ich auch. Obwohl es nur Prosecco gab. Bier wär mir lieber gewesen, aber das servieren sie komischerweise in Brautmodengeschäften nicht. Und glaub mir, ohne Alkohol steht man das nicht durch.«

»Und was soll ich sagen?«, protestierte Jyoti, »ich musste da nüchtern durch.«

»Und ich sag’ noch, fahrt mit dem Bus«, stichelte Eric.

»Wenn du die Anzahl der Tüten und Kartons im Kofferraum sehen würdest, würdest du solche Vorschläge nicht mehr machen«, gab ich zurück.

»Oh Gott, ich dachte, ihr kauft nur ein Brautkleid.«

Jyoti und ich tauschten einen kurzen Blick und brachen in lautes Gelächter aus.

»Was war denn daran jetzt so komisch?« Wir hörten, wie Eric sich ratlos am Kopf kratzte.

»›Ihr kauft nur ein Brautkleid‹«, wieherte Jyoti.

»›Fahrt doch mit dem Bus‹«, gackerte ich.

»Frauen«, seufzte Eric und wartete geduldig, bis wir uns wieder etwas beruhigt hatten.

»Tut mir leid, Purzel.« Jyoti wischte sich die Lachtränen aus den Augen, »aber wenn du diese Tortur mitgemacht hättest, wüsstest du, wie lustig das ist.«

»Soll so was nicht ein schönes Erlebnis sein?«

»Das dachten wir auch«, erwiderte ich. »Am Anfang hatten wir auch noch Spaß.«

»Und gestern Mittag ein Erfolgserlebnis – nach einer Viertelstunde im dritten Geschäft hatten wir was für Britta gefunden.«

»Oh ja? Was denn?« Eric klang sehr neugierig – meine Abneigung gegen schicke Klamotten im Allgemeinen und gegen Kleider im Besonderen war meinen Kollegen wohlbekannt.

»Einen Frack«, sagte ich trocken.

»Nein!«

»Nein, natürlich trägt meine Trauzeugin keinen Frack.« Jyoti rollte mit den Augen.

»Aber was denn dann? Das ist doch kein Geheimnis wie beim Brautkleid?«

»Keine Ahnung«, sagte Jyoti und blinkte, um die Spur zu wechseln. »Aber eins steht fest: Du wirst Augen machen.«

»Das lässt aber einiges an Interpretationsspielraum zu«, gluckste Eric.

»Unverschämtheit«, gab ich grinsend zurück. »Lass dich einfach überraschen. Wobei ich vermute, dass du nichts und niemanden mehr wahrnimmst, wenn du Jyoti in ihrem Brautkleid siehst.«

»Jaja, spannt mich nur auf die Folter«, murrte Eric gutmütig. »Aber wo wir gerade von Folter sprechen. Ich soll dir schöne Grüße von der blauen Elise ausrichten …«

»Da muss was faul sein.«

»Na ja, ganz so hat sie es vielleicht nicht formuliert …«

»Das hätte mich auch gewundert. Was wollte die Schnepfe denn?«

»Wir sollen uns um dreizehn Uhr in der Detektei einfinden, ein wichtiges Meeting. Ihre Worte, nicht meine.«

»Und worum soll es in dem ›wichtigen Meeting‹ gehen?«

Am Wochenende zu arbeiten war während wichtiger Ermittlungen völlig normal. Aber der blauen Elise war zuzutrauen, dass sie uns an einem Samstag einbestellte, um uns ihr neuestes Management-Handbuch vorzustellen, das sowieso niemand lesen würde.

»Sie tat total geheimnisvoll. Vor dem Meeting selbst könne sie nicht darüber sprechen, aber es sei von höchster Bedeutung, dass die besten Kräfte der Detektei teilnähmen.«

»Und was sollen wir dann da?«, grinste ich.

»Hab ich mich auch gefragt«, lachte Eric. »Als sie noch sagte, wir sollten uns Mühe geben, die Detektei vorteilhaft zu vertreten, bin ich allerdings ein bisschen misstrauisch geworden.«

»Das heißt, ihr sollt euch was Ordentliches anziehen und nicht in der Nase bohren«, übersetzte Jyoti.

»Also will sie bei irgendjemandem Eindruck schinden«, stellte ich fest. »Entweder ein neuer Kunde oder …«

»… Martin will die Detektei wieder verkaufen«, beendete Eric meinen Satz.

»Das wäre ja zu schön, um wahr zu sein«, seufzte ich verträumt.

»Das glaubt ihr doch selber nicht«, sagte Jyoti auf ihre gewohnt nüchterne Art. »Habt ihr schon vergessen, dass er die Detektei zu einem Franchise-Imperium ausbauen und an die Börse bringen wollte?«

»Du meinst, er glaubt immer noch an diesen Schwachsinn?«, fragte ich entgeistert.

Jyoti zuckte mit den Schultern. »Bisher haben wir noch nichts Gegenteiliges gehört, oder?«

»Wir wären aber wahrscheinlich auch die Letzten, die es erfahren würden, wenn er diesen Blödsinn beerdigt. Die Genugtuung würde er uns doch nicht geben«, gab Eric zu bedenken.

»Stimmt. Andererseits weiß er, was ihr davon haltet, und das allein müsste ihn doch beflügeln, genau das zu erreichen.«

»Auch wieder wahr«, räumte ich ein. »Ohne uns dürfte ihm das allerdings schwerfallen.«

»Vielleicht ist es ein Strategiemeeting, und er will uns seine Zehn-Jahres-Planung vorlegen«, witzelte Eric, »von der Provinzklitsche zum Weltkonzern.«

»Tja, wir haben nur eine Möglichkeit, es herauszufinden.« Ich sah auf die Uhr. »Wenn wir schön langsam fahren, kommen wir ziemlich genau eine Viertelstunde zu spät.«

* * *

13:10 Uhr

Jyoti setzte mich am Brüsseler Ring nahe der Detektei ab und fuhr direkt weiter zu meiner Wohnung in der Lütticher Straße, um den gesammelten Brautkram dort abzuladen. Schließlich durfte Eric nicht mal einen Hauch dessen sehen, was Jyoti an dem großen Tag tragen würde. Daran, dass ich selbst mich ebenfalls in Schale würde schmeißen müssen, wollte ich lieber noch nicht denken. Wenn ich eins hasste, dann waren es Stöckelschuhe.

Vor der Eingangstür des Hauses, in dem die Detektei die obere Etage einnahm, stand eine zierliche Frau in einem eleganten dunklen Mantel und zog versonnen an einer E-Zigarette. Ihre schwarzen Korkenzieherlocken umrahmten ein hübsches herzförmiges Gesicht mit strahlend grünen Augen, die sich jetzt auf mich richteten.

»Frau Sander«, sagte die Dame und streckte mir die Hand entgegen. »Was für eine Ehre, Sie persönlich kennenzulernen.«

»Na ja, Ehre, da würde Ihnen so mancher widersprechen«, schmunzelte ich und schüttelte die ausgestreckte Hand. »Und Sie sind?«

»Der Grund, warum Sie an einem Samstag ins Büro kommen mussten, fürchte ich. Kyra Strauch, Sicherheitsbeauftragte des AKV.«

»AKV wie in Aachener Karnevalsverein?«

»Richtig.«

»Au weia, sind wir schon so weit, dass ein Karnevalsverein eine Sicherheitsbeauftragte braucht?«, fragte ich erstaunt, während ich den Schlüssel aus meiner Hosentasche zog und die Tür aufschloss.

»Ich weiß nicht, wie es bei anderen aussieht, aber bei unserem Verein ist das inzwischen so.« Sie steckte die E-Zigarette in ihre Handtasche und folgte mir in den Flur.

»Und das ist ein Vollzeitjob?« Als bekennender Karnevalsmuffel wusste ich wenig bis gar nichts über die fünfte Jahreszeit.

Kyra Strauch ließ ein sehr sympathisches, glucksendes Lachen hören, während wir die Treppe in den ersten Stock hinaufstiegen. »Nein, leider nicht. Bis auf eine Vollzeitkraft in der Geschäftsstelle machen wir unsere ›Jobs‹ im Verein alle ehrenamtlich. Im wirklichen Leben arbeite ich in Public Relations, also PR.«

Oje. Da würde sogar ich lieber den Job im Karneval machen.

»Eine bodenlose Unverschämtheit!«, hörten wir die blaue Elise schon keifen, als ich die Tür zur Detektei aufschloss. »Fünfzehn Minuten zu spät!«

»Sie haben ja recht, verehrte Elise«, entgegnete mein Bruder Martin, »aber …«

»Dieses impertinente Verhalten muss doch endlich einmal Konsequenzen …«

»Nun ja, der Termin kam ja schon etwas plötzlich. Noch dazu am Wochenende.« Martins Stimme klang quengelnd. Vermutlich hatte die blaue Elise ihn aus dem Bett geworfen oder beim Champagnerfrühstück mit irgendwelchen Wichtigtuern gestört.

»Sie nehmen sie in Schutz?«, quiekte die blaue Elise empört.

»Nichts läge mir ferner, aber wir brau…«

Bevor er den Satz beenden konnte, war Elise schon in den Flur gestürmt, und als sie Kyra Strauch sah, ging eine wundersame Wandlung mit ihr vor. Das verkniffen-wütende Gesicht wurde im Handumdrehen zu einem strahlenden Lächeln. Sie kam mit ausgestreckten Armen auf uns zu und fasste Kyra Strauchs Hände in einer Geste, die nicht herzlicher hätte sein können.

»Liebe Kyra«, säuselte sie. »Ich hoffe, das lange Warten hat deine Geduld nicht allzu sehr strapaziert. Wir können nun endlich mit dem Briefing beginnen. Bitte, geh doch voran.«

Kaum war die Strauch an ihr vorbeigegangen, warf die blaue Elise mir einen Blick zu, der problemlos hätte töten können.

»Wir sprechen uns noch!«, zischelte sie.

»Bestimmt«, seufzte ich und folgte den beiden in den Besprechungsraum, wo meine Kollegen schon auf uns warteten. Immerhin hatte Martin, passend zum Thema, Berliner springen und diese hübsch auf mehreren Tellern drapieren lassen. Offensichtlich versprach er sich vom AKV einen lukrativen Auftrag.

Eric hatte mir schon einen Becher mit dampfendem Kaffee und einen Nutella-Berliner auf einer bunten Karnevalsserviette hingestellt. Schnell hängte ich meine Jacke über die Stuhllehne und ließ mich auf den Platz neben ihm fallen.

»Genau, was ich jetzt brauche«, raunte ich ihm zu und nahm erst mal einen großen Happen von dem köstlichen Berliner, während Kyra Strauch sich von der dienstbeflissenen Elise aus dem Mantel helfen ließ. Darunter kam ein eleganter anthrazitfarbener Hosenanzug zum Vorschein.

»Ich bin ja wirklich gespannt wie ein Flitzebogen«, raunte Eric zurück.

»Auf den Auftrag vom AKV?«

Eric rollte mit den Augen. »Auf das Hochzeitskleid.«

»Ja, ich kann die Reaktionen kaum erwarten. Ich war schon ein bisschen überrascht, dass Jyoti jetzt doch in Schwarz heiratet«, grinste ich.

»Jaja, veräppel mich nur«, murrte er.

»Du hast doch nicht echt erwartet, dass ich was verrate?« Mit einem dritten Bissen war der Nutella-Berliner verschwunden. Prosecco machte mich immer unglaublich hungrig.

»Man wird es doch wohl mal versuchen dürfen«, gab er zurück und ließ seine Hand suchend über dem Teller kreisen, den meine Kollegin Silke Juratha uns hinhielt.

»Versuchen darfst du alles. Mhmmm, Erdbeer-Berliner, die hab ich ja noch nie probiert. Da wird es höchste Zeit.«

»Nicht mal ein klitzekleiner Hinweis?«, bohrte Eric weiter.

Ich überlegte kurz. »Indisch und doch nicht indisch.«

»Hä?« Marc Achten, unser Kollege und Erics Trauzeuge, hatte eine Zuckerspur im Gesicht, die jedem Vierjährigen zur Ehre gereicht hätte.

»Ja, seid ihr jetzt Detektive oder nicht?«

»Ich kaufe ein E«, gab Marc zurück und beseitigte hastig die Zuckerspur, nachdem Silke ihm ein Zeichen gegeben hatte.

In diesem Moment wehte unsere niederländische Kollegin Anne-Roos de Vries wie eine Brise frischer Luft in den Raum. In schwarz-grünen Motorradklamotten, den dicken blonden Zopf zerzaust über der Schulter hängend, kam sie fröhlich grüßend herein und plumpste außer Atem auf den Stuhl zu meiner Linken.

Elises säuerlicher Blick folgte ihr, aber vor der neuen Kundin wollte sie natürlich nichts sagen. Ich hoffte inbrünstig, sie möge an ihrer Missbilligung ersticken.

»Berliner?« Ich hielt Anne-Roos den inzwischen ziemlich gefledderten Teller hin.

»Tuurlijk«, sie griff nach einem Standard-Puffel mit Marmelade und einem mit Pflaumenmus. »Daan und ich mussten mitten auf unserer Tour umdrehen, und das kurz vor dem Mittagessen«, sagte sie durch zwei Pflaumenmus-Bissen hindurch.

»Dann sind wir wohl endlich komplett«, sagte Martin hochmütig, als er den Raum betrat. Ich verschluckte mich fast an meinem Kaffee. Das alberne Halstuch, das er so gut wie immer trug, zeigte diesmal bunte Clowns, die Saltos und Flickflacks schlugen.

Alles, um sich beim Kunden einzukratzen.

»Ich muss mich entschuldigen, liebe Kyra. Du musst einen völlig falschen Eindruck von unserem Unternehmen gewinnen.«

Stimmt, so viel Süßholz wird hier sonst nicht mal in einem Jahr geraspelt.

»Aber nicht doch, Martin. Ich bin sehr dankbar, dass ihr so schnell und flexibel auf unsere Anfrage reagieren konntet. Das kam ja nun alles sehr unerwartet.«

Martin neigte huldvoll das Haupt, gab der blauen Elise ein Zeichen, von dem er vermutlich glaubte, es wäre dezent. Dann ließ er sich auf dem Stuhl nieder, der am weitesten von seiner Belegschaft entfernt war.

Wahrscheinlich hat er Angst, es ist ansteckend, wenn man Geld mit seiner eigenen Hände Arbeit verdient.

»Bitte, Kyra. Du kannst dein Anliegen selbst am besten schildern«, säuselte die blaue Elise und eilte pflichtschuldig an die Seite ihres Herrn und Gebieters. Mit spitzen Fingern nahm sie einen Baileys-Berliner und legte ihn zu meinem Bedauern unberührt vor sich ab. Ich hätte zu gern einen Klecks Baileys-Kuvertüre auf dem klein operierten Näschen prangen sehen.

Kyra Strauch sah in die Runde. »Vielen herzlichen Dank, dass Sie an einem Samstag so kurzfristig hier erschienen sind. Meine Kollegen und ich wissen das sehr zu schätzen.« Sie öffnete das Jackett ihres Hosenanzugs und setzte sich ganz unzeremoniell auf den Tisch, vor dem sie gestanden hatte. Der in einem dunklen Lila gehaltene Rollkragenpullover, den sie trug, brachte ihre grünen Augen noch besser zur Geltung.

»Mein Name ist Kyra Strauch, und ich bin im Namen des Aachener Karnevalsvereins hier. Wie Sie sicher wissen, richtet der AKV seit über siebzig Jahren eine große Festsitzung aus, und während dieser Karnevalssitzung wird der sogenannte ›Orden wider den tierischen Ernst‹ verliehen.«

Allgemeines Nicken. Dieser spezielle Karnevalsorden war nicht nur in der Kaiserstadt jedem ein Begriff, sondern genoss auch über Aachens Grenzen hinweg große Bekanntheit, da die Ordensritter zumeist bundesweit bekannte Politiker oder Politikerinnen waren und die Verleihung im Fernsehen übertragen wurde.

»Wenn die Veranstaltung ausverkauft ist, haben wir circa eintausendzweihundert Besucherinnen und Besucher im Eurogress – darunter ein paar ganz große Namen – sowie um die vierhundert VIPs. Oder solche, die sich dafür halten«, fügte sie mit einem Augenzwinkern hinzu. Die Frau wurde mir immer sympathischer.

»Sie können sich vermutlich vorstellen, dass die Sicherheitsmaßnahmen für eine solche Veranstaltung mit jedem Jahr eine größere Herausforderung darstellen. Glücklicherweise ist noch nie etwas passiert, aber es gibt natürlich keine Garantien, dass das auch so bleibt. Und deswegen bin ich heute hier.«

Eric und ich tauschten einen kurzen Blick, während Kyra Strauch an ihrem Wasserglas nippte. Seine hochgezogenen Augenbrauen sagten mir, dass er auch noch nicht wusste, worauf sie genau hinauswollte.

»Wie Sie vielleicht wissen, muss für ein Event einer solchen Größenordnung standardmäßig ein Sicherheitskonzept geschrieben werden. Bei dem politischen Kaliber, das wir in der Regel im Saal haben, kommt diesem Konzept natürlich eine ganz besondere Bedeutung zu. Deswegen hat der Elferrat des AKV bereits vor zwei Jahren entschieden, eine Sicherheitsbeauftragte für das Wochenende der Ordensverleihung, aber insbesondere für die Festsitzung zu berufen. Sie ahnen, wer nicht schnell genug die Flucht ergreifen konnte«, schmunzelte sie und erntete ein gekünsteltes Lachen von der blauen Elise.

»Nein, ganz im Ernst. Ich habe mich freiwillig für diese Aufgabe gemeldet, weil … ja, bitte?«

Silke hatte höflich die Hand gehoben. »Ich dachte, der AKV ist ein reiner Männerverein?«

Kyra Strauch nickte. »Das war auch sehr lange so. Frauen durften schon immer mitfeiern, aber im eigentlichen Verein wollte ›mann‹ lieber unter sich bleiben. Das hat sich aber vor ein paar Jahren geändert, und seitdem werden auch Frauen in den erlauchten Kreis aufgenommen. Wo war ich? Ach ja, das Sicherheitskonzept.« Sie trank noch einen Schluck Wasser.

»Wir waren eigentlich davon ausgegangen, dass das bisherige Sicherheitskonzept mit ein paar Anpassungen ausreichend sein würde. Wir haben zwar diesmal die besondere Herausforderung, dass eine Person teilnimmt, die Gefährdungsstufe eins hat – und glauben Sie mir: Aus Veranstaltersicht ist das ein echter Albtraum …«

Jetzt war ich neugierig, also hob ich brav die Hand. »Wieso ein Albtraum? Die bringen doch sicher ihren eigenen Personenschutz mit?«

»Stimmt«, erwiderte Kyra Strauch. »Aber genau dieser Personenschutz ist für uns als Veranstalter das Problem. Die Sicherheitsvorkehrungen sind so hoch, dass es sehr schwierig ist, drum herum aufzubauen, zu proben und die letzten Vorbereitungen vor der Veranstaltung zu treffen. Zum Beispiel kommt das BKA einen oder zwei Tage vorher mit Spürhunden und sucht alle Bereiche ab, die die Person mit Gefährdungsstufe eins betreten wird oder betreten könnte. So weit, so gut. Aber danach dürfen diese Bereiche eigentlich von niemandem mehr betreten werden. Ich weiß nicht, ob Sie schon mal eine Großveranstaltung organisiert haben, aber bis kurz vor der Sitzung gibt es immer wieder Dinge, die sich ändern – ob nun im Programmablauf, in der Sitzordnung oder dem ganzen Drumherum wie Catering, Sponsorenstände et cetera. Wenn Sie da versuchen, bestimmte Bereiche vollständig frei zu halten, wird es wirklich schwierig.« Sie schüttelte den Kopf. »Aber gut, auch diese Klippen werden wir irgendwie umschiffen. Wir freuen uns ja, wenn wir so hochkarätige Gäste bei uns begrüßen dürfen. Ein bisschen Jammern gehört eben auch zum Geschäft«, sagte sie schmunzelnd, bevor sie zum eigentlichen Thema zurückkehrte.

»Abgesehen davon waren wir also guter Dinge, alles, soweit das eben möglich ist, unter Kontrolle zu haben. Bis gestern Abend.« Sie warf einen ernsten Blick in die Runde. »Im Grunde gilt ja inzwischen für jede Großveranstaltung eine mehr oder weniger diffuse Bedrohungslage, denn Sie wissen nie, wann und wo der nächste Verrückte mit einem Messer oder einem Fahrzeug unschuldige Leute töten will. Und dass eine große Anzahl fröhlicher Menschen, die laut und bunt die fünfte Jahreszeit feiern, ein ›verlockendes‹ Ziel sein könnte, ist uns natürlich auch bewusst. Gestern am späten Abend haben wir jedoch aus Sicherheitskreisen sehr ernst zu nehmende Hinweise erhalten, dass die Bedrohungslage diesmal nicht diffus, sondern sehr konkret sein könnte.«

Sie trank ihr Wasserglas leer, schenkte sich nach und fuhr fort: »Sie können sich vorstellen, dass nicht nur ich, sondern auch der Elferrat eine sehr kurze Nacht hatten. Wir mussten entscheiden, ob wir die Veranstaltung absagen. Ein echtes Dilemma, denn es geht einerseits um ein Jahr harter ehrenamtlicher Arbeit aller Beteiligten und um sehr viel Geld. Andererseits möchte niemand, dass jemand auf unserem Fest zu Schaden kommt. Da wir nun alle hier sitzen, ahnen Sie sicher, wie wir uns entschieden haben«, lächelte sie in die Runde. »Und vermutlich fragen Sie sich, warum ich Ihnen das alles erzähle.« Sie nickte der blauen Elise zu, die per Fernbedienung den Beamer einschaltete, der unter der Decke hing, und mit einem Mausklick ein Laptop auf dem Tisch neben ihr zum Leben erweckte. Kyra Strauch stand auf und gab den Blick auf die weiße Wand hinter ihr frei. Dort erschien ein Plan mit vielen bunten Markierungen, der aussah wie der Querschnitt eines Raumschiffs.

»Was Sie hier sehen, ist der Sitzplan für den Europa-Saal im Eurogress, wo die Ordensverleihung nächste Woche Samstag stattfindet«, erklärte Kyra Strauch. »Mit den Einzelheiten müssen wir uns jetzt noch nicht beschäftigen, aber Sie erkennen sicher auf den ersten Blick die Größe des Problems. Und mit dem Saal ist es ja sicherheitstechnisch nicht getan – wir nutzen nicht nur den gesamten Eurogress für die Veranstaltung, sondern auch Teile des Parkhotels Quellenhof, das über den Berlin-Saal direkt mit dem Eurogress verbunden ist.«

»Na, Mahlzeit«, rutschte es mir heraus, und Kyra Strauch lächelte. »Sie sagen es, Frau Sander, Sie sagen es. Normalerweise arbeiten wir fest mit einem privaten Sicherheitsdienst zusammen, der die Ein- und Ausgänge sichert, die Zugangskontrollen durchführt und so weiter. Wir haben noch in der Nacht versucht, das Personal aufzustocken, was auch gelingen wird. Zusätzlich haben wir einen zweiten Security-Service eingeschaltet, der ebenfalls die ganze Zeit mit allem verfügbaren Personal vor Ort sein wird.«

»Was ist denn mit der Aachener Polizei?«, fragte Eric.

Kyra Strauch nickte. »Mit der Polizeiinspektion Eins, die für die Festsitzung zuständig ist, haben wir heute Morgen ebenfalls gesprochen. Die Aachener Polizei ist normalerweise nur mit ein oder zwei Personen vor Ort, da wir als privater Verein natürlich selbst für die Sicherung unserer Veranstaltung verantwortlich sind und die Kosten nicht der Allgemeinheit aufbürden können.«

»Sagen Sie das mal den großen Fußballvereinen«, brummte Marc und erntete zustimmendes Gemurmel.

»Da die Ordensverleihung für die Stadt Aachen aber von ebenso großer Bedeutung ist wie für uns, hat Polizeipräsidentin Schaller uns persönlich zugesagt, zusätzliche Beamte abzustellen, die uns dieses Jahr unterstützen sollen. Auch die Polizei hat kein Interesse an einer Großgefahrenlage. Auf die Personenschützer der Politikprominenz können wir leider nicht zählen, denn die konzentrieren sich ausschließlich auf die Sicherung ihrer jeweiligen Schutzperson«, sagte sie mit einem Achselzucken. »Von der Polizeipräsidentin kam die Idee, zusätzlich zu all diesen Maßnahmen eine Detektei einzuschalten, um im Publikum unauffällige, aber wachsame Augen und Ohren zu haben. Im gleichen Atemzug nannte Frau Schaller die Detektei Schniedewitz & Schniedewitz.«

Sehr zum Unmut unserer Chefetage arbeiteten wir schon seit geraumer Zeit sehr eng mit der Aachener Kripo zusammen, insbesondere mit dem Kriminalkommissariat 11, das unter anderem für Todesermittlungen zuständig war. Diese Kooperation hatte sich über einen längeren Zeitraum entwickelt und war schließlich in einen Rahmenvertrag gemündet, der die Detektei für die Stunden entlohnte, die wir im Rahmen von Mordermittlungen leisteten. Trotz der Honorare waren diese Aufträge unserer rein profitorientierten Chefetage von Anfang an ein Dorn im Auge gewesen. Martin und der blauen Elise wäre es viel lieber gewesen, wir hätten unsere Zeit mit Lockvogelaufträgen in gut betuchten Kreisen verschwendet.

Martin räusperte sich. »Nun, ich bin sicher, Elises und meine langjährige Präsenz im VIP-Bereich der Ordensverleihung hat ebenfalls eine nicht unerhebliche Rolle bei der Auswahl der Detektei gespielt«, näselte er arrogant.

Dass Kyra Strauch lediglich mit einem verbindlichen Lächeln reagierte, nahm Martin natürlich als Bestätigung, dass dieser Auftrag allein ihm und Elise zu verdanken war.

»Sollte etwas passieren«, fuhr Kyra Strauch fort, als hätte es Martins Einwurf gar nicht gegeben, »erwarten wir nicht, dass Sie sich in Gefahr begeben. Wir brauchen vor allem Ihre Beobachtungsgabe und Ihre Fähigkeit, sich unerkannt unters Volk zu mischen. Security-Leuten sehen Sie fast immer an, was sie sind. Und das ist im Sinne der Abschreckung auch nicht schlecht. Aber an sichtbarem Security-Personal haben wir hoffentlich genug. Was uns fehlt, sind unerkannte Beobachter mit einem geschärften Blick für Gefahrensituationen, die sich vor und während der Veranstaltung frei bewegen können.«

»Wir wären also zweibeinige Alarmanlagen«, fasste ich zusammen.

Kyra Strauch lachte. »So könnte man das nennen, ja.«

»Wie genau sieht denn diese Bedrohung aus?«, fragte ich.

»Leider wissen wir das selbst nicht. Die deutschen Behörden wurden durch einen ausländischen Geheimdienst gewarnt, der im Zuge anderer Ermittlungen über Hinweise gestolpert ist, dass da jemand etwas planen könnte. Der ausländische Geheimdienst wollte sich wohl nicht in die Karten gucken lassen, um die eigentlichen Ermittlungen nicht zu gefährden, hat die Hinweise aber als sehr ernst zu nehmend eingestuft. Deshalb wurden wir wiederum von den deutschen Behörden informiert. Es geht aber nicht um einen Bombenanschlag oder etwas von einem solchen Kaliber. Dann hätten wir die Veranstaltung vermutlich abgesagt. Wir gehen eher von einem Einzeltäter aus, der sich in einem Internetforum im Darknet unvorsichtig geäußert hat.«

»Spricht etwas dagegen, dass wir im Kostüm kommen?«, fragte Silke, die in einem Eschweiler Karnevalsverein aktiv war.

»Ich fürchte, ja«, erwiderte Kyra Strauch. »Es ist zwar eine Karnevalssitzung, und es gibt schon mal Leute, die kostümiert kommen. Aber eigentlich wird Abendgarderobe erwartet, besonders im VIP-Bereich, in dem Sie vor der Veranstaltung ja ebenfalls unterwegs sein werden.«

Als das Wort »Abendgarderobe« fiel, entrang sich mir ein leises Stöhnen. Selbst in meinem Detektei-Schrank voller Klamotten, die wir für Undercover-Einsätze verwendeten, befand sich kein Kleid, das als Abendgarderobe durchgehen würde. Kaum war ich also der Einkaufshölle Brautmodengeschäfte entronnen, musste ich mich schon wieder auf eine Shoppingtour begeben – etwas, das ich noch mehr hasste als Stöckelschuhe.

Eric beugte sich zu mir herüber. »Na, na, wer wird denn da gleich verzagen? Karneval, eine Einkaufstour und ein ganzer Abend im langen Schwarzen – das sind ja gleich drei Wünsche auf einmal«, grinste er. »Wenn du lieb bist, mache ich dir vorher die Haare, dann brauchst du wenigstens nicht extra zum Frisör zu gehen.« Eric war ein wahrer Meister in den Bereichen Make-up und Frisuren.

»Wieso, was stimmt denn nicht mit meiner Frisur?«, grinste ich zurück. Nachdem ich am Abend zuvor frisch geduscht ins Bett gegangen war, standen mir die Haare an diesem Tag quer durch die Mütze.

Die blaue Elise räusperte sich energisch wegen unseres Getuschels. Kyra Strauch teilte unterdessen einen mehrseitigen Zeitplan aus. »Die Aufbauarbeiten im Eurogress beginnen bereits am Montag, also übermorgen.«

»So lange dauert das?«, staunte ich.

»Ja, und Sie können mir glauben – manchmal wird es sogar noch knapp. Wenn Sie einen kurzen Blick auf die Planung werfen wollen, die wir für Ihren Einsatz aufgestellt haben: Im Anschluss an dieses Treffen heute maile ich Ihnen einen Personal-Datenbogen zu, den Sie bitte bis spätestens Montagmittag an mich zurücksenden. Angesichts der verschärften Sicherheitslage wird jeder, der freien Zutritt zu allen Bereichen hat, im Vorfeld vom BKA überprüft. Uns ist bewusst, dass Sie alle einen makellosen Leumund besitzen, aber es ist eine Bedingung des BKA, und daran können wir leider nichts ändern.

Mittwochvormittag, zehn Uhr, wird es ein großes Meeting geben, zu dem sich alle Personen einfinden, die am Samstag in welcher Funktion auch immer Teil des Sicherheitskonzeptes sind – will sagen private Sicherheitsdienste, Polizei Aachen, Rettungskräfte und – wie Frau Sander das so schön formuliert hat – unsere zweibeinigen Alarmanlagen. Wir möchten, dass Sie jedes Gesicht, das in irgendeiner Form Teil der Sicherheitsarrangements ist, wenigstens einmal in natura gesehen haben. Die Personenschützer der A-Promis sind natürlich noch nicht dabei. Hier müssen wir am Samstag vor der Veranstaltung noch etwas arrangieren.« Sie trank noch einen Schluck Wasser, bevor sie weitersprach.

»Mittwochnachmittag ab vierzehn Uhr führt jemand vom Facility-Management-Team des Eurogress Sie durch das gesamte Gebäude. Dazu gehören nicht nur die Veranstaltungssäle, sondern auch die Foyers, der VIP-Bereich, die Hinterbühne und alle anderen Räumlichkeiten, die Besuchern normalerweise verborgen bleiben. Es ist zwar nicht vorgesehen, dass es wilde Verfolgungsjagden quer durch den Eurogress gibt, aber sollte sich die Situation doch unerwartet entwickeln, möchten wir, dass Sie jeden Winkel des Gebäudes kennen – inklusive des Übergangs zum Quellenhof. Detaillierte Pläne stellen wir Ihnen selbstverständlich auch noch zur Verfügung und bitten Sie, diese gründlich zu studieren. Die offiziellen Ein- und Ausgänge sind nicht die einzigen. Für den Fall, dass ein potenzieller Attentäter das weiß, dürfen unsere Sicherheitskräfte nicht im Dunkeln tappen.« Sie blätterte um.

»Donnerstag- und Freitagvormittag, jeweils von acht bis dreizehn Uhr, nehmen Sie – zusammen mit den Sicherheitsdiensten und Aachener Polizeibeamten – an einem Trainingsprogramm teil, das verschiedene Worst-Case-Szenarien konkret für die Location Eurogress durchspielt. Wir möchten, dass Sie diesbezüglich über alles im Bilde sind. Außerdem sind das auch gute Gelegenheiten, sich mit allen Örtlichkeiten und den anderen Security-Leuten vertraut zu machen.«

»Vielleicht können wir doch verkleidet gehen«, wisperte ich Eric zu. »Ninja-Turtle-Kostüme stehen uns bestimmt hervorragend.«

»Freitagnachmittag beginnt um vierzehn Uhr die Generalprobe für die Festsitzung. Wir möchten, dass Sie daran als Zuschauer teilnehmen. Es wird zu diesem Zeitpunkt zwar noch nicht die volle Bestuhlung aufgebaut sein, aber Sie haben dann den gesamten Programmablauf schon einmal gesehen …«

»… und sind Samstagabend nicht abgelenkt, weil wir schon wissen, was auf der Bühne vor sich geht«, sagte Marc trocken.

»Ich hätte es so vielleicht nicht formuliert«, lächelte Kyra Strauch, »aber es ist natürlich hilfreich, wenn Sie wissen, was wann passiert. Und ich bin der Meinung, wenn man den Ablauf gesehen hat, prägt man ihn sich besser ein, als wenn man ihn nur auf Papier präsentiert bekommt – zumal dieses Papier zwanzig Seiten umfasst. Man sollte auch nicht unterschätzen, wie viel Bewegung während der Veranstaltung im Saal selbst herrscht: Kameraleute, Kellnerinnen, Raucher, Gäste, die sich die Nase pudern wollen – auch wenn es in der Fernsehaufzeichnung vielleicht nicht so aussieht: Es ist nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Saal immer etwas los. Es wird also nicht einfach, den Überblick zu behalten.«

»Machen Sie uns nur Mut«, witzelte ich. Trotz Abendgarderobe hörte sich das Ganze langsam richtig spannend an. Vielleicht gab es ja Kleider, die so lang waren, dass man ungesehen Turnschuhe drunter tragen konnte.

»Ich bin sicher, Sie und Ihre Kollegen sind der Aufgabe mehr als gewachsen«, antwortete Kyra Strauch. »Nicht nur ich, sondern der gesamte Elferrat hat volles Vertrauen in Ihre Fähigkeiten.«

»Frau Dion und ich werden ja ebenfalls anwesend sein«, näselte Martin und dachte wahrscheinlich, er hörte sich an wie ein wohlwollender Patriarch, der seinen Kindern durch seine reine Anwesenheit Mut und Selbstvertrauen einflößte. Stattdessen begannen allgemeines Hüsteln und vorgetäuschtes Schnauben in gezückte Taschentücher.

Ich hatte Kopfkino – wie die blaue Elise ihr Handtäschchen wie im Hammerwurf kreisen und schließlich losschnellen ließ, damit es sich einem flüchtenden Attentäter um den Hals wickelte und den Übeltäter so von den Füßen semmelte. Zu ihrer Verteidigung musste man allerdings erwähnen, dass selbst die blaue Elise ihren Chef jetzt ungläubig anstarrte.

»Jedes offene Paar Augen kann nur hilfreich sein, lieber Martin«, entgegnete Kyra Strauch diplomatisch. Dann wandte sie sich uns wieder zu. »Am Samstag erwarten wir Sie ab fünfzehn Uhr im Parkhotel Quellenhof zu einer letzten Einsatzbesprechung. Der eigentliche Einsatz beginnt dann ab circa sechzehn Uhr fünfundvierzig mit dem Champagnerempfang und Abendessen im VIP-Bereich. Selbstverständlich sind Sie bezüglich des Caterings ab Mittwoch unsere Gäste.« Sie warf einen freundlichen Blick in die Runde. »Haben Sie noch Fragen?«

Es war einmal ein junges Paar namens Jana und Karsten Florack. Sie waren beide noch sehr jung, noch nicht einmal Mitte zwanzig, und hatten bereits eine fünfjährige Tochter, nennen wir sie Betty. Trotzdem hatten Jana und Karsten Florack sich sehnlichst weitere Kinder gewünscht, und als Jana auch knapp vier Jahre nach Bettys Geburt noch nicht wieder schwanger geworden war, hatte vor allem Jana sich sehr gegrämt. Woran es lag, dass sie trotz ihres jungen Alters nicht wieder empfing, konnte ihr niemand sagen.

Umso größer war die Freude, als Jana kurz nach Bettys viertem Geburtstag plötzlich und inzwischen fast unerwartet feststellte, dass sie endlich wieder ein Kind erwartete. Als der Frauenarzt ihr kurz darauf mitteilte, dass sie nicht nur eins, sondern gleich zwei Kinder unter dem Herzen trug, wurde aus der Freude wahre Euphorie. Auch die kleine Betty wünschte sich sehnlichst Geschwister, und so fieberte die ganze Familie der Geburt der Zwillinge ungeduldig entgegen. Als die kleine Greta und wenige Minuten später der kleine Hans das Licht der Welt erblickten, hätten ihre Eltern nicht glücklicher sein können.

Sowohl Greta als auch Hans waren bei ihrer Geburt recht klein, was vermutlich daran lag, dass ihre Mutter es auch in dieser zweiten Schwangerschaft nicht geschafft hatte, das Rauchen aufzugeben. Ansonsten waren die beiden Kleinen jedoch kerngesund und erfuhren in den ersten Jahren ihres Lebens viel Wärme und Geborgenheit.

Beide waren ein Herz und eine Seele mit ihrer großen Schwester, mit der sie sich auch ein Zimmer teilten. Von Anfang an war es fast ebenso oft Betty wie ihre Mutter, die ihnen nach einem Albtraum nachts die Tränen trocknete oder ihnen ein Fläschchen machte, wenn beide Eltern einmal gleichzeitig nicht zu Hause waren. Vater Karsten hatte sogar extra einen leichten Plastiktritt besorgt, damit seine ältere Tochter in der Küche überall herankam. Die kleine Betty war stolz, dass sie sich um ihre kleinen Geschwister kümmern durfte.

So wunderte sich auch niemand, dass die Zwillinge, kaum konnten sie schnell genug gehen, Betty jeden Tag zum Spielen nach draußen folgten, sobald diese von der nahe gelegenen Grundschule zurückkehrte.

Die Floracks lebten in einer langen Zeile mit Mehrfamilienhäusern in einer kinderreichen Nachbarschaft, und selbst heute noch würden sowohl Hans als auch Greta ihre frühe Kindheit als glücklich und unbeschwert bezeichnen. Hinter den Häusern gab es viel Grün, im Viertel gab es einen Abenteuerspielplatz, und vor allem mangelte es nie an anderen Kindern zum Spielen. Es wurde nach Herzenslust getobt und bei Regen auch gematscht.

Man wusste, wer ins Viertel gehörte, man kannte sich, und es waren meist auch ältere Kinder mit draußen, die ein Auge auf die Kleineren hielten, selbst wenn es nicht die eigenen Geschwisterchen waren. Und so kam es, dass die Zwillinge immer öfter auch schon am Vormittag zum Spielen nach draußen verschwanden. Schließlich waren sie beileibe nicht die Einzigen, die keinen Kindergarten besuchten, weil die Eltern sich diesen nicht leisten konnten.

Anders als Betty bemerkten die Zwillinge kaum, dass ihre Mutter einige Jahre später erneut schwanger war – zu oft waren sie draußen unterwegs, und zu müde fielen sie abends in ihr Etagenbett. Dass sie den eigenen Vater kaum noch sahen, fiel ihnen jedoch auf, zumal sie auf ihre vielen Fragen nur einsilbige Antworten bekamen. Auch Betty wusste nicht, warum der Vater immer mehr von der Bildfläche verschwand und warum es bei den Floracks im Laufe der Zeit immer weniger zu essen gab.

Dass die Zwillinge Tim und Cheyenne geboren wurden, merkten Greta und Hans zunächst daran, dass ihre Mutter mitten in der Nacht verschwand und die noch nicht einmal ganz elfjährige Betty ihr Bestes tat, ihre kleinen Geschwister zu versorgen. Eine Nachbarin sah einmal am Tag nach dem Rechten. Da diese jedoch selbst fünf Kinder zu versorgen hatte, fiel zunächst niemandem auf, dass Betty tagelang die Schule verpasste.

Als Vater Karsten nach Hause kam, war Betty viel zu erleichtert, um zu fragen, wo er denn so lange gewesen sei. Er erzählte etwas von einer komplizierten Geburt, die die Mama sehr geschwächt habe, aber dass schon alles gut werden würde. Als sie sah, dass Karsten während ihres kurzen Gesprächs mehrmals auf seine Armbanduhr sah, kehrte der Angstknoten, den Betty seit Tagen im Bauch gehabt hatte, jedoch ganz schnell wieder zurück.

Zusammen mit Karsten waren zwei Männer gekommen, die den gleichen weißen Arbeitsoverall trugen, wie Karsten ihn immer anhatte. Betty erkannte das rote, auf der Brust aufgestickte Firmenlogo des Maler- und Lackiererbetriebs, für den Karsten schon lange arbeitete.

»Gehst du den beiden Onkels im Kinderzimmer helfen?«, sagte Karsten und strubbelte ihr über den Kopf, wie er das früher immer getan hatte, als sie noch klein war. Inzwischen mochte sie das nicht mehr so gerne, weil sie danach immer ihren ordentlich geflochtenen Zopf aufmachen und neu flechten musste. Aber sie war so froh, ihn zu sehen, dass sie nichts sagte.

Betty ging gehorsam ins Kinderzimmer. Dass Karsten im Schlafzimmer verschwand und einen der beiden Koffer vom hohen Schlafzimmerschrank zog, bekam sie nicht mit.

Karsten blieb nur so lange, wie es dauerte, bis seine Arbeitskollegen Bettys Bett auseinandergebaut, das Etagenbett der Zwillinge um eine dritte Etage erweitert und ein schäbig aussehendes Babybett an die Stelle von Bettys Bett bugsiert hatten.

»Betty, du schläfst jetzt da bei den großen Zwillingen«, sagte Karsten zu ihr, nachdem er den großen, schweren Koffer draußen vor die Wohnungstür gestellt hatte. »Das Babybett ist für die neuen Zwillinge. Alles andere erklärt euch Mama, wenn sie aus dem Krankenhaus zurückkommt.« Er hatte den Satz noch nicht ganz zu Ende gesprochen, da war er, zusammen mit Bettys auseinandergebautem Bett, schon wieder verschwunden. Die Wohnungstür schlug mit einem lauten Knall zu.

Wie betäubt stand Betty in dem kleinen Zimmer, das sehr bald fünf Kinder beherbergen würde, und starrte auf die Stelle, wo bis eben noch ihr hübsches weißes Bett gestanden hatte, auf das sie immer so stolz gewesen war. Auf das Brett am Kopfende hatte sie Bilder von Ponys und Pferden geklebt, die sie aus Zeitschriften ausschnitt, die sie manchmal irgendwo fand oder in der Schule gegen ein halbes Pausenbrot tauschte, wenn sie mal eines dabeihatte. Den Seitenrand des Bettes hatten sie und die Zwillinge mit bunten Abdrücken ihrer Hände verziert. Als Jana sie dabei überrascht hatte, hatte sie nicht geschimpft, sondern gelacht und ihre eigenen Hände mit Farbe bedeckt und ebenfalls auf den weißen Bettrand gedrückt. Ihr Poesiealbum, das unter der Matratze versteckt gewesen war, hatte Betty retten können – alles andere war für immer verschwunden.

Als eine kleine Hand an ihrer zupfte und Greta piepste, sie habe Hunger, wischte Betty sich energisch die Tränen aus den Augen. Sie wusste, dass die wenigen vorgekochten Mahlzeiten, die Jana vorbereitet hatte, längst aufgegessen waren. Der Vorratsschrank in der Küche und der Kühlschrank waren so gut wie leer.

Betty straffte ihre schmalen Schultern und nahm ihre kunterbunte Pippi-Langstrumpf-Spardose von der Fensterbank. Mit dem winzigen Schlüssel, den sie immer an einem schmalen Lederband um den Hals trug, öffnete sie den Boden der Spardose und schüttelte alles heraus, was ihre Lehrerin ihr für das Blumengießen im Klassenzimmer in den vergangenen Monaten zugesteckt hatte. Viel war es nicht, aber für ein oder zwei Dosen Ravioli würde es vermutlich reichen. Das war die einzige warme Mahlzeit, von der Betty sicher wusste, wie sie zubereitet wurde. Schließlich hatte sie Jana in den letzten Monaten oft genug dabei zugesehen. Auch wenn es schwerfiel, zwang sie ein tapferes Lächeln auf ihr Gesicht und fragte: »Wer hilft mir beim Einkaufen?«

»Yeaaahhhh«, riefen die Zwillinge, die nichts lieber taten, als durch die Verlockungen der Supermarktregale zu streifen, und ihre Begeisterung war so ansteckend, dass sich Betty ein echtes Lächeln abrang. Sie folgte den Zwillingen zur Wohnungstür, wo sie unter viel Getöse anfingen, ihre Schuhe anzuziehen, als ihr das Lächeln auf dem Gesicht erstarrte.

Ihr Vater hatte nicht nur die Tür zum Elternschlafzimmer offen stehen lassen, sondern auch die Türen des Kleiderschranks. Betty wusste, dass ihre Mutter die linke Seite des Schrankes nutzte und ihr Vater die rechte. Statt Jeans, T-Shirts und frisch gewaschenen Arbeitsoveralls baumelten rechts nur noch ein paar Kleiderbügel an der Stange, und die Schubladen auf dieser Seite hingen schief und leer heraus. Ein Blick nach oben sagte Betty, worin ihr Vater seine Sachen mitgenommen hatte. Die Familie besaß nur zwei Koffer oder, wie Betty ahnte, jetzt nur noch einen einzigen. Seit Betty lebte, waren die Floracks noch nie irgendwohin verreist, und sie hatte sich immer gefragt, wofür die Koffer eigentlich da waren. Jetzt wusste sie es, und eine heiße, giftige Angst fuhr ihr durch Mark und Bein. Was, wenn Mama auch nie wiederkam und jemanden schickte, um den zweiten Koffer mit ihren Sachen zu holen? Was würde dann aus ihnen werden?

»Betty, jetzt komm doch endlich«, quengelte Hans, der nicht länger als zwei Sekunden still stehen oder -sitzen konnte. Noch nie in ihrem kurzen Leben war es Betty so schwergefallen, sich in Bewegung zu setzen. Sie musste alle innerliche Kraft aufwenden, die sie hatte, um die Angst, die sie zu lähmen drohte, tief nach unten zu drücken. So tief, dass die Zwillinge, die sie so gut kannten, diese nicht bemerken würden. Sie fühlte sich, als würde sie eine Maske aufsetzen, als sie ihre Mundwinkel nach oben zog. Dann drehte sie sich um und ging in die Diele, wo Greta und Hans schon ganz hibbelig auf sie warteten.

»Wer zuerst an der Ampel Königsberger Straße ist«, rief sie und folgte ihren kleinen Geschwistern, als diese unter lautem Geschrei die Wohnungstür aufrissen und dicht hintereinander die Treppe hinunterpolterten.

Betty würde sich an diesen Tag für immer als den letzten Tag ihrer Kindheit erinnern.

SAMSTAG, 8. FEBRUAR

22:05 Uhr

»Auf den Sitzungspräsidenten ein dreifach Oche …«

»ALAAAF!«

»Oche…«

»ALAAF!«

»Oche…«

»ALAAF!«

Zu unserer Tarnung im Sitzungssaal gehörte natürlich, dass wir uns verhielten wie die anderen Besucher auch. Das hieß unter anderem, bei jedem einzelnen Alaaf mitzumachen. Bis zu dieser Ordenssitzung war mir nicht klar gewesen, wie oft man an einem einzigen Abend »Oche Alaaf« rufen konnte. Alles andere mussten wir improvisieren: aufstehen und hinsetzen, wenn die anderen das taten, und beim Singen einfach den Mund auf- und zumachen.

Jyoti, die mir an Tisch 315 auf der rechten Seite des Saals gegenübersaß, grinste breit, als sie mein Gesicht nach dem gefühlt tausendsten Karnevalsgruß sah. Anders als ich waren Jyoti und Eric begeisterte Karnevalisten. Jyoti hatte sich extra ein paar Tage Urlaub genommen, um bei diesem besonderen Einsatz mit von der Partie sein zu können. Jetzt beugte sie sich vor. »Ich finde, du schlägst dich sehr wacker!«, rief sie mir ins Ohr, während auf der Bühne schon die nächste Nummer angekündigt wurde. Es gab im Saal nur zwei Leute, die noch weniger als ich wussten, wo sie hier hingeraten waren – und das waren die Personenschützer eines schleswig-holsteinischen Politikers.

»Bis vor zwanzig Minuten dachte ich, das wird der längste Abend meines Lebens«, gab ich zurück und dachte an die Aufmärsche diverser Karnevalsgarden, Blaskapellen, Prinzen und Hofstaat. »Aber der Büttenredner gerade war ja wohl der Kracher!«

Anders als ich gedacht hatte, hatte man bei der Generalprobe am Tag zuvor nicht das ganze Programm eins zu eins abgespult, sondern war die verschiedenen Auftritte durchgegangen, hatte Licht- und Tonproben gemacht, ohne dass man schon alles vollständig zu sehen bekommen hatte. Deshalb war die Veranstaltung dann doch noch voller Dinge, die wir noch nicht gesehen hatten.

»Warum klingst du denn so überrascht?«, schmunzelte Jyoti.

»Na ja, ich hatte echt nicht damit gerechnet, mich heute Abend schlapp zu lachen«, erwiderte ich ehrlich. Während wir sprachen, hielten wir jeweils alles im Auge, was sich hinter der anderen im Saal abspielte.

»Das wird nicht das letzte Mal sein«, versprach Jyoti. »Es kommen noch ein paar wirklich witzige Redner. Aber dazwischen musst du noch ganz oft mit dem Ärmchen wedeln und ›Alaaf‹ schreien«, kicherte sie.

Trotz meiner eingefleischten Skepsis, was karnevalistische Aktivitäten anging, war der Abend schon jetzt hochinteressant gewesen. Während ich meine Augen wieder durch den Saal schweifen ließ, dachte ich zurück an den Champagnerempfang, mit dem unser Einsatz im Parkhotel Quellenhof begonnen hatte. Also für uns hatte er natürlich nicht mit Champagner begonnen, sondern mit Apfelschorle. Diese befand sich in einer speziell präparierten Champagnerflasche, aus der uns eine als Kellnerin getarnte Security-Mitarbeiterin ein- und nachschenkte. So konnten wir uns vermeintlich zwanglos unters Publikum mischen, ohne aufzufallen. Anders als die offiziellen Sicherheitsleute trugen wir keine Funkknöpfe im Ohr, damit man uns nicht ansah, warum wir wirklich auf dieser Veranstaltung herumliefen.

Meiner bescheidenen Meinung nach erkannte man zumindest die männlichen Security-Leute und Personenschützer schon von Weitem: Alle trugen die gleiche Frisur, alle den gleichen Anzug – das Kabel im Nacken war nur noch die Bestätigung, mit wem man es zu tun hatte.

Als Teil der Tarnung stellten einige Mitglieder des Elferrats uns bewusst »echten« Gästen vor, damit wir in Gesprächen gesehen wurden und nicht einfach beobachtend herumlungerten. Wahrscheinlich fanden diese Gäste uns ziemlich unhöflich, denn unsere Blicke mussten natürlich auch während dieser Konversationen immer durch den Raum schweifen.

Abgesehen davon musste man aufpassen, dass einem nicht in regelmäßigen Abständen die Kinnlade herunterklappte.

So hatte ich zum Beispiel noch nie in meinem Leben so viele Botox-Gesichter auf einem Haufen gesehen. Zuerst wusste ich gar nicht, was ich da sah. Irgendwann war ich Jyoti bei »unserer« Kellnerin begegnet und hatte ihr zugeraunt: »Sag mal, was stimmt denn mit den Gesichtern von den beiden Vögeln da drüben nicht? Irgendwas ist da seltsam, aber ich kann den Finger nicht drauflegen.«

»Botox«, hatte Jyoti zurückgewispert. Als Medizinerin kannte sie sich viel besser mit so was aus als ich. Okay, sie war Rechtsmedizinerin, hatte es also häufig mit Leichen zu tun. Aber was viele nicht wussten, war, dass sich ein großer Teil der Rechtsmedizin auch um noch lebende Personen drehte.

»Aber die sind noch so jung – und vor allem bildhübsch. Wozu brauchen die denn Botox?«, fragte ich ratlos.

Jyoti zuckte mit den Schultern. »Frag mich. Erwartungshaltung des Ehemanns, Probleme mit dem Selbstwertgefühl – oder vielleicht, weil die anderen es auch alle machen?«

Ich ließ meinen Blick mit einem anderen Fokus erneut durch den Saal gleiten. »Das ist ja der Hammer. Sind wir die Einzigen, deren Gesichter noch unbehandelt sind?«

»Nein«, lachte Jyoti. »Ich habe schon einige gesehen, die ihre Falten noch da haben, wo sie hingehören.«

»Da haben wir ja noch mal Glück gehabt. Sonst wären wir womöglich noch wegen vermehrter Faltenansammlung in unseren Gesichtern aufgefallen.« Wir machten gemeinsam einen Schritt zurück in Richtung plaudernder Grüppchen. »Und weißt du auch, was das ist?« Ich machte eine unauffällige Geste in Richtung einer vielleicht fünfzigjährigen Frau in einem sündhaft teuren paillettenbesetzten Abendkleid, das in allen erdenklichen Blautönen schimmerte.

»Ich bin auch keine Expertin«, antwortete Jyoti, »aber wenn du mich fragst, hat der Arzt da nicht gut gespritzt. Das sieht aus wie ein klassisches ›Frozen Face‹, ein eingefrorenes Gesicht.«

»Ach, da kann man so üble Fehler machen?«

»Ja klar. Wenn du zu viel spritzt oder nicht genau an die richtige Stelle, können da ganz gruselige Ergebnisse herauskommen, bis hin zu Gesichtslähmungen.« Jyoti schüttelte den Kopf. »Die meisten Leute machen sich gar nicht klar, dass sie da mit einem Nervengift herumhantieren.«

Wir flanierten langsam durch den Raum. »Man braucht aber doch bestimmt ’ne Zusatzausbildung, bevor man anfängt, das Zeug zu spritzen. Immerhin sind das ja die Gesichter der Leute, da willst du ja keinen Pfuscher …« Ich verstummte, als Jyoti amüsiert durch die Nase schnaubte.

»Zusatzausbildung? Wo denkst du hin?«, wisperte sie. »Jeder approbierte Arzt darf Faltenunterspritzungen mit Botox oder Hyaluronsäure durchführen. Ob er das kann oder nicht, spielt keine Rolle.«

»Au weia.«

»Genau. Au weia.« Jyoti klang grimmig. »Und so wie das Ganze boomt, springt momentan jeder, der einen flotten Euro machen will, auf den Zug auf. Es ist noch gar nicht abzusehen, was das alles für Langzeitfolgen haben wird – vor allem bei denen, die jemand spritzt, der es nicht kann. Da läuft es mir einfach kalt den Rücken runter. Aber die meisten, die sich ›behandeln‹ lassen, wollen das gar nicht hören. Die sind so im Anti-Falten-Wahn, dass sie nichts mehr interessiert. Wenn es wenigstens eine spezielle Ausbildung geben würde, in der man nachweisen muss, dass man qualifiziert ist, und man danach eine Zeit lang nur unter erfahrener Aufsicht spritzen darf. Aber nein …« Jyoti war normalerweise eher der ruhige Typ. Aber jetzt hatte sie sich richtig in Rage geredet. »Der Rubel rollt, und das ist für diese Scharlatane alles, was zählt.«

Ich knuffte sie freundschaftlich in die Seite und grinste: »Wenigstens wir zwei werden in Würde altern.«

»Na, na, meine Damen, was höre ich denn da von altern? Ihr seht doch aus wie das blühende Leben.«

Ich hatte schon an der Stimme erkannt, wer hinter mir stand. Trotzdem haute mich sein Anblick vollkommen aus den Latschen, als wir uns umdrehten.

Tom Hartwig, ehemaliger Gangsterboss und steinreicher Kunst- und Antiquitätenhändler, sah im maßgeschneiderten Smoking noch atemberaubender aus als sonst. Der teure Stoff dehnte sich über der massigen Muskulatur, die er in beinhar