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Eleanor Floods Leben bedeutet Chaos. Aber ab heute wird alles anders. Sie wird sich duschen und anziehen, sie wird zum Yoga gehen, nachdem sie ihren Sohn Timby in der Schule abgegeben hat. Und sie wird ihren Mann Joe verführen. Sie wird Ruhe ausstrahlen, lokal kaufen, ihr bestes Selbst sein. Aber bevor sie ihre Pläne in die Tat umsetzen kann, macht ihr das Leben einen Strich durch die Rechnung. Denn ausgerechnet heute ist auch der Tag, an dem Timby sich entschieden hat, krank zu sein, und an dem Joe der Klinik, nicht aber Eleanor, erzählt hat, dass er im Urlaub ist. Gerade als es scheint, als ob alles nicht noch schlimmer werden könnte, führt eine überraschende Begegnung Eleanor in die eigene, nicht ganz unproblematische Vergangenheit, die sie jetzt sicher zu allerletzt gebrauchen kann.
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Seitenzahl: 289
Veröffentlichungsjahr: 2019
Zum Buch
Eleanor Floods Leben bedeutet Chaos. Aber ab heute wird alles anders. Sie wird sich duschen und anziehen, sie wird zum Yoga gehen, nachdem sie ihren Sohn Timby in der Schule abgegeben hat. Und sie wird ihren Mann Joe verführen. Sie wird Ruhe ausstrahlen, lokal kaufen, ihr bestes Selbst sein. Aber bevor sie ihre Pläne in die Tat umsetzen kann, macht ihr das Leben einen Strich durch die Rechnung. Denn ausgerechnet heute ist auch der Tag, an dem Timby sich entschieden hat, krank zu sein, und an dem Joe der Klinik, nicht aber Eleanor, erzählt hat, dass er im Urlaub ist. Gerade als es scheint, als ob alles nicht noch schlimmer werden könnte, führt eine überraschende Begegnung Eleanor in die eigene, nicht ganz unproblematische Vergangenheit, die sie jetzt sicher zu allerletzt gebrauchen kann.
Zur Autorin
MARIA SEMPLE reiste die ersten Jahre ihres Lebens mit ihren Eltern kreuz und quer durch Europa (in Spanien schrieb ihr Vater Lorenzo den Pilot zur TV-Serie Batman), bevor sie nach Los Angeles und später nach Colorado zog. Nach Abschluss ihres Studiums am Barnard-College arbeitete zunächst für Beverly Hills, 90210, schrieb dann für Sitcoms wie Ellen, Mad About You und Arrested Development. Ihr erster Roman »Wo steckst du Bernadette« wurde in den USA zum Erfolgs-Bestseller und kommt 2019 mit Cate Blanchett in der Hauptrolle als »BERNADETTE« in die Kinos. »Ab heute wird alles anders« wird mit Julia Roberts als Eleonor Flood verfilmt. Maria Semple lebt mit ihrem Ehemann, der für die Simpsons schreibt, und der gemeinsamen Tochter in Seattle.
MARIA SEMPLE
Ab heute wird alles anders
ROMAN
Aus dem Englischen von Cornelia Holfelder-von der Tann
Für George und Poppyund in geringerem Maße auch für Ralphy
Ab heute wird alles anders. Heute werde ich präsent sein. Heute werde ich jedem, mit dem ich spreche, in die Augen sehen und intensiv zuhören. Heute werde ich mit Timby ein Brettspiel spielen. Ich werde Sex mit Joe initiieren. Heute werde ich auf mein Äußeres achten. Ich werde duschen, etwas Richtiges anziehen und die Yogaklamotten nur beim Yoga tragen, wo ich heute wirklich hingehen werde. Heute werde ich nicht fluchen. Ich werde nicht über Geld reden. Heute werde ich etwas Unbeschwertes haben. Mein Gesicht wird entspannt sein, sein Ruhezentrum ein Lächeln. Heute werde ich Gelassenheit ausstrahlen. Ich werde von unerschöpflicher Freundlichkeit und Selbstbeherrschung sein. Heute werde ich lokale Produkte kaufen. Heute werde ich mein bestes Selbst sein, der Mensch, der in mir steckt. Ab heute wird alles anders.
Weil das andere nicht funktioniert hat. Aufzuwachen, nur um den Tag zu überstehen, bis wieder Schlafenszeit war; diese Mühle war beschämend, entwürdigend und weit von allem entfernt, was man Leben nennen könnte. Mich anwesend abwesend durch die Welt zu bewegen, gereizt-zerstreut, diffus-hektisch. (Wobei das nur Vermutungen sind, weil ich keine Ahnung habe, wie ich rüberkomme, mein Bewusstsein ist eingebuddelt wie eine Kröte im Winterboden.) Die Welt durch mein schlichtes Vorhandensein in ihr als eine schlechtere zu hinterlassen. Die Spur der Verwüstung hinter mir gar nicht wahrzunehmen. Wie Mr Magoo.
Wenn ich ehrlich sein soll, sieht meine Statistik, wie ich die Welt hinterlassen habe, für die letzte Woche so aus: schlechter, schlechter, besser, schlechter, genauso, schlechter, genauso. Keine Bilanz, die einen mit Stolz erfüllen könnte. Allerdings muss ich die Welt ja nicht unbedingt zu einem besseren Ort machen. Heute werde ich mich an den hippokratischen Eid halten: vor allem niemandem schaden.
Wie schwer kann es schon sein? Timby zur Schule bringen, zu meiner Poesie-Stunde gehen (mein absolutes Highlight!), am Yoga-Kurs teilnehmen, mich zum Mittagessen mit Sydney Madsen treffen, die ich nicht leiden, dann aber wenigstens auf meiner Liste abhaken kann (dazu später mehr), Timby abholen und Joe, dem Finanzier dieses ganzen Überflusses, etwas zurückgeben.
Jetzt fragen Sie sich, warum dieses Getue um einen ganz normalen Tag voller Wohlhabende-weiße-Leute-Probleme? Weil wir zu zweit sind: Da bin ich, und da ist das Monster in mir. Es wäre ja genial, wenn das Monster in mir auf der großen Leinwand agieren, wenn es Shock and Awe verbreiten und grandiose, unvergessliche Zerstörung anrichten würde. Wenn ich sowas hinkriegen würde, täte ich es vielleicht: mich fulminant selbst verbrennen um des Performancekunst-Spektakels willen. Die traurige Wahrheit? Das Monster in mir agiert nur im peinlich kleinen Maßstab: in Form misslicher Mikrohandlungen, die gewöhnlich Timby, meine Freunde oder Joe betreffen. Ich bin gereizt und von Unsicherheit getrieben, wenn ich mit ihnen zusammen bin, und larmoyant und lästerwütig, wenn ich’s nicht bin. Ha! Sind Sie jetzt froh, dass Sie sich in sicherer Entfernung befinden, hinter verriegelten Türen und hochgekurbelten Fenstern? Ach, was! Ich bin nett. Ich übertreibe aus Effektgründen. In Wirklichkeit ist es gar nicht so schlimm.
Und so begann der Tag in dem Moment, als ich die Bettdecke schwungvoll zurückschlug. Das Klick-Klick-Klick von Yo-Yos Krallen auf dem Parkett, genau bis vor die Schlafzimmertür. Warum kommt, wenn Joe die Decke zurückschlägt, Yo-Yo nie angetapst, um in demütiger Hoffnung zu warten? Wie kann Yo-Yo durch eine geschlossene Tür erkennen, dass ich es bin, die die Decke zurückschlägt, und nicht Joe? Ein Hundetrainer hat mir mal eine deprimierende Erklärung gegeben: Es ist mein Geruch, den Yo-Yo erhascht. Da seine Vorstellung vom höchsten Glück ein angespülter toter Seehund ist, drängt sich mir die Frage auf: Ist bald wieder Schlafenszeit? Nein, so nicht. Nicht heute.
Ich wollte mich nicht um das Thema Sydney Madsen drücken.
Als Joe und ich vor zehn Jahren aus New York nach Seattle zogen, waren wir bereit, eine Familie zu gründen. Ich hatte gerade fünf strapaziöse Jahre bei Looper Wash hinter mir. Wo man auch hinschaute, überall Looper-Wash-T-Shirts, Autoaufkleber, Mauspads. Ich bin eine Vivian. Ich bin eine Dot. Sie erinnern sich. Wenn nicht, gehen Sie mal in den nächsten Ein-Dollar-Laden an den Wühlkorb, ist ja schon eine Weile her.
Joe war als Handchirurg eine Art Legende geworden, als er einen Quarterback, der sich den Daumen so umgeknickt hatte, dass alle glaubten, er würde nie wieder spielen, durch seine Operationskunst in die Lage versetzte, im nächsten Jahr den Super Bowl zu gewinnen. (Den Namen weiß ich nicht mehr, aber wenn ich ihn wüsste, dürfte ich ihn nicht nennen, von wegen ärztlicher/arztehefraulicher Schweigepflicht.)
Joe hatte überallher Job-Angebote. Warum gerade Seattle? Joe, der als braver katholischer Junge in einem Vorort von Buffalo aufgewachsen war, konnte sich nicht vorstellen, Kinder in Manhattan großzuziehen, was meine erste Wahl war. Also machten wir einen Deal. Wir würden für zehn Jahre hingehen, wo immer er wollte, und dann für zehn Jahre nach New York zurückziehen; zehn Jahre seine Stadt, zehn Jahre meine, immer abwechselnd, bis dass der Tod uns scheidet. (Wobei er, wie ich anmerken möchte, seine Seite des Deals praktischerweise vergessen hat, denn die zehn Jahre sind bald um und von Umzug ist keine Rede.)
Als halbwegs intelligenter Mensch katholisch erzogen zu werden, macht einen, wie jeder weiß, zum Atheisten. Auf einem der Skeptikerkongresse, auf denen wir waren (ja, unsere frühen Jahre verbrachten wir tatsächlich mit Unternehmungen, wie nach Philadelphia zu fahren, um Penn Jillette mit einem Rabbi debattieren zu hören! Ach, noch mal kinderlos sein … oder doch lieber nicht), hatte Joe gehört, dass Seattle die unreligiöseste Stadt der USA sei. Also Seattle.
Eine Frau, die im Vorstand von Ärzte ohne Grenzen war, gab eine Willkommensparty für Joe und mich. Ich segelte majestätisch in ihre Villa am Lake Washington, die voll mit moderner Kunst und mit Leuten war, die nur darauf warteten, dass ich sie zu meinen neuen Freunden erkor. Ich bin es immer schon gewöhnt, gemocht zu werden. Okay, ich sag’s geradeheraus: Ich bin es gewöhnt, umschwärmt zu werden. Ich kann es mir zwar angesichts meiner blamablen Eigenschaften nicht erklären, aber irgendwie ist es einfach so. Joe sagt, es liegt daran, dass ich die kumpelhafteste Frau bin, der er je begegnet ist, dabei aber sexy und ohne emotionale Filterschicht. (Ein Kompliment!) Ich ging von Raum zu Raum und wurde lauter Frauen vorgestellt, die alle gleich wohlerzogen und herzlich waren. Es war die Sorte Event, wo man jemanden kennenlernt, der einem erzählt, er gehe furchtbar gern campen, und man sagt: »Oh! Ich habe gerade mit jemandem gesprochen, der demnächst zehn Tage Rafting auf dem Snake River macht, den müssen Sie unbedingt kennenlernen«, und derjenige dann sagt: »Das war ich.«
Was soll ich sagen? Ich habe ein schrecklich schlechtes Gedächtnis für Gesichter. Und Namen. Und Zahlen. Und Uhrzeiten. Und Daten.
Die Party verschwamm im Nebel: Eine Frau wollte mir unbedingt schicke Läden zeigen, eine andere geheime Wanderwege, eine dritte das italienische Restaurant von Mario Batalis Vater am Pioneer Square, wieder eine andere den besten Zahnarzt der Stadt, der ein Glitzerbild von einem fallschirmspringenden Tiger an der Decke hatte, und eine wollte ihre Putzfrau mit mir teilen. Eine gewisse Sydney Madsen lud mich für den nächsten Tag zum Mittagessen ins Tamarind Tree im International District ein.
(Joe redet gern von etwas, das er den Zeitschriftentest nennt. Damit ist die Reaktion gemeint, wenn man den Briefkasten öffnet und eine Zeitschrift herauszieht. Man weiß sofort, ob es einen freut, diese Zeitschrift zu sehen, oder ob es einen deprimiert. Was, nebenbei gesagt, der Grund ist, warum ich den New Yorker nicht abonniert habe, aber US Weekly. Wenn man den Zeitschriftentest auf Sydney Madsen anwendet, ist sie das menschliche Äquivalent zu Tinnitus Today.)
Dieser erste Lunch: Ihre Wortwahl war so ungemein bedacht, ihr Blick so ungemein aufrichtig, sie bemerkte einen winzigen Fleck auf ihrer Gabel und war so hyperbemüht dem Kellner gegenüber, als sie um eine neue bat, sie hatte ihren eigenen Teebeutel mitgebracht und bestellte heißes Wasser, sagte, sie habe keinen großen Hunger und wir könnten uns doch meinen Papayasalat teilen, erklärte, sie habe Looper Wash nie gesehen, werde aber die DVDs in der Bibliothek vorbestellen.
Zeichnet das ein hinreichendes Bild der verkniffenen Biederkeit, selbstzentrierten Ahnungslosigkeit, widerlichen Knickrigkeit? Ein Wasserfleck auf der Gabel hat noch niemanden umgebracht! Die DVDs kaufen, wie wäre das? Im Restaurant etwas essen, davon leben die! Und das Allerschlimmste: Sydney Madsen war grundsolide, ernst und gänzlich humorbefreit und sprach … sehr … langsam … als … wären … ihre … Plattitüden … lauter … Perlen.
Ich war schockiert. Das passiert, wenn man zu lange in New York lebt: Man bekommt das irrige Gefühl, dass die Welt voller interessanter Menschen ist. Oder jedenfalls voller Menschen, die auf eine interessante Art verrückt sind.
Irgendwann wand ich mich derart heftig auf meinem Stuhl, dass Sydney mich doch tatsächlich fragte: »Müssen Sie sich mal die Nase pudern?« (Nase pudern? Nase pudern? Sowas lebt!) Und das Schlimmste: All die Frauen, denen ich erklärt hatte, ich würde gern mit wandern oder shoppen gehen? Das waren gar nicht lauter verschiedene Frauen. Sie waren allesamt Sydney Madsen! Verdammte Unaufmerksamkeit! Es kostete mich alle Kraft, eine Salve neuer Anerbieten abzuwehren: ein Wochenende in ihrem Strandhaus auf Vashon Island, die Vermittlung des Kontakts zu irgendjemandes Frau wegen irgendetwas und zu irgendeinem Stückeschreiber wegen etwas anderem.
Ich rannte nach Hause und jammerte Joe die Ohren voll.
Joe: Du hättest gleich misstrauisch sein sollen, wenn jemand so scharf drauf ist, sich mit dir anzufreunden, weil das sehr wahrscheinlich heißt, dass dieser Jemand keine Freunde hat.
Ich: Das liebe ich an dir, Joe. Du bringst immer alles auf den Punkt. (Joe, der Auf-den-Punkt-Bringer. Ist er nicht wunderbar?)
Entschuldigung, dass ich in Sachen Sydney Madsen so weit ausgeholt habe. Was ich sagen will, ist: Zehn Jahre gelingt es mir jetzt schon nicht, sie abzuschütteln. Sie ist die Freundin, die ich nicht mag, die Freundin, von der ich nicht weiß, womit sie ihren Lebensunterhalt verdient, weil ich beim ersten Mal zu eingeschläfert war, um zu fragen, und es jetzt rüde wäre, ich aber nicht rüde bin, die Freundin, zu der ich, damit sie die Botschaft kapiert, so fies sein müsste, wie ich es nicht sein kann, weil ich nicht fies bin, die Freundin, die ich immer wieder abweise und die trotzdem nicht locker lässt. Sie ist wie Parkinson, man kann sie nicht loswerden, nur die Symptome im Griff behalten.
Und heute dräut der Lunch.
Ja, ich weiß, mit einer Langweilerin lunchen zu sollen, ist ein Luxusproblem. Wenn ich von Problemen spreche, meine ich nicht Sydney Madsen.
Yo-Yo, wie er die Straße entlangtrabt, der Prinz von Belltown. Oh Yo-Yo, du albernes Geschöpf mit deiner Begeisterung und deiner blinden Ergebenheit und deinem kaputten Ohr, das bei jedem Schritt flappt. Es geht mir ans Herz, dass du so stolz darauf bist, von mir Gassi geführt zu werden, deiner Göttin. Wenn du wüsstest.
Welch demoralisierendes Schauspiel, jeden Monat ein neues Apartmenthaus, noch höher als das letzte, alle voll mit blau beausweisten Amazon-Ameisen, die jeden Morgen zu Tausenden aus ihren Studio-Apartments auf meine Straße herausquellen, den Kopf über ein elektronisches Gerät gebeugt. (Sie arbeiten für Amazon, also ist klar, dass sie seelenlos sind. Die Frage ist nur, wie seelenlos?) Dann sehne ich mich nach der Zeit zurück, als die Third Avenue nichts war als ich und leerstehende Läden und der eine Meth-Junkie, der »So buchstabiert man Amerika!« brüllte.
Vor unserem Haus stand Dennis neben seiner Rollmülltonne und füllte den Kackbeutelspender auf. »Morgen, ihr zwei.«
»Morgen, Dennis!« Statt wie gewöhnlich an ihm vorbeizueilen, blieb ich stehen und sah ihm in die Augen. »Wie geht’s so weit?«
»Ach, kann nicht klagen«, sagte er. »Und selbst?«
»Ich könnte klagen, tu’s aber nicht.«
Dennis lachte.
Heute: schon jetzt ein Nettofortschritt.
Ich öffnete unsere Wohnungstür. Am Ende des Flurs: Joe, den Kopf auf dem Tisch, Stirn auf der Zeitung, Arme angewinkelt neben dem Kopf, als würde er gerade festgenommen.
Es war ein bizarres Bild, der Inbegriff der Niedergeschlagenheit, das Letzte, was ich je mit Joe assoziieren würde.
Wump.
Die Tür fiel zu. Ich klippste Yo-Yo los. Als ich mich wieder aufgerichtet hatte, war mein schwer getroffener Ehemann aufgestanden und in seinem Arbeitszimmer verschwunden. Was es auch war, er wollte nicht darüber reden.
Gut … Soll mir auch recht sein!
Im Greyhound-Stil, die Hinterbeine vor den Vorderbeinen aufsetzend, raste Yo-Yo zu seinem Futternapf. Als er merkte, dass darin immer noch dasselbe Trockenfutter war wie vor dem Gassigehen, überkamen ihn Verwirrung und das Gefühl, betrogen worden zu sein. Er machte noch einen Schritt und starrte dann auf den Fußboden.
Timbys Lampenschalter klickte. Der süße Schatz, schon vor dem Weckerklingeln wach. Ich ging ins Bad und sah ihn im Schlafanzug auf dem Tritthocker stehen.
»Morgen, Schätzchen. Du bist ja schon auf!«
Er hielt inne in dem, was er tat. »Kannst du Speck machen?«
Im Spiegel sah ich, wie er wartete, dass ich wieder ging. Ich richtete den Blick ein Stück tiefer. Aber er war schneller. Er wischte etwas ins Waschbecken, bevor ich es sehen konnte. Das unverkennbare hohe Klappern von Leichtplastik. Das Sephora 200!
Es war meine eigene Schuld, warum hatte der Weihnachtsmann auch ein Schminkset in Timbys Strumpf stecken müssen. Ich erkaufte mir im Nordstrom immer ein bisschen Extra-Zeit, indem ich Timby losschickte, sich ein bisschen in der Kosmetikabteilung umzuschauen. Die Mädchen dort liebten seine sanftmütige Art, seinen Zuckersackpuppenkörper, seine Piepsstimme. Es dauerte nie lange, und sie schminkten ihn. Ich weiß nicht, was ihn mehr begeisterte, geschminkt zu werden oder von einer Schar Blondinen gehätschelt zu werden. Aus einer Laune heraus kaufte ich einmal ein taschenbuchgroßes Schminkset, aus dem sich sechs (!) Paletten mit zweihundert (!) Lidschatten-, Gloss-, Rouge- und Weiß-der-Geier-was-noch-Tönen ausklappen ließen. Das Genie, das es geschafft hat, so viel Zeug auf so wenig Raum unterzubringen, sollte unbedingt für die NASA arbeiten. Falls es die noch gibt.
»Dir ist klar, dass du nicht geschminkt in die Schule gehen wirst«, sagte ich.
»Ich weiß, Mom.« Das Seufzen und Schulterhochziehen direkt aus dem Disney Channel. Auch das meine Schuld, weil ich die Glotzerei habe einreißen lassen. Heute nach der Schule ein Puzzle!
Ich trat aus Timbys Zimmer. Yo-Yo, der nervös im Flur gewartet hatte, zitterte vor Erleichterung, dass es mich noch gab. Da er wusste, dass ich in die Küche wollte, um Frühstück zu machen, rannte er voraus zu seinem Fressnapf. Diesmal ließ er sich herab, ein paar Pellets zu fressen, ein Auge unverwandt auf mich gerichtet.
Joe war wieder aufgetaucht und machte sich gerade Tee.
»Wie geht’s?«, fragte ich.
»Du siehst ja hübsch aus«, sagte er.
Meinem Generalstabsplan für den heutigen Tag folgend hatte ich geduscht und ein Kleid und Oxfords angezogen. Ein Blick in meinen Kleiderschrank, und Sie würden in mir eine Frau mit einem speziellen Stil erkennen. Kleider aus Frankreich und Belgien, die Preisschilder sämtlich schon auf dem Heimweg abgerissen, weil Joe sonst ein Aneurysma platzen könnte, und schwarze flache Schuhe in allen Varianten … auch hier das Thema Preis besser nicht ansprechen. Die Sachen kaufen? Klar. Sie anziehen? An den meisten Tagen einfach zu energieaufwändig.
»Heute Abend kommt Olivia«, sagte ich mit einem Zwinkern, weil ich schon die Probierweine und die Rigatoni im Tavolata schmeckte.
»Wie wär’s, wenn sie mit Timby essen geht, damit wir ein bisschen Zeit für uns allein haben?« Joe fasste mich um die Taille und zog mich an sich, als wären wir kein Ehepaar um die fünfzig.
Wissen Sie, wen ich beneide? Lesben. Warum? Lesbischer Bettentod. Wie es scheint, haben lesbische Paare nach der ersten heißen Phase überhaupt keinen Sex mehr. Für mich ist das völlig logisch. Wenn es nur nach ihnen ginge, würden Frauen den Sex einstellen, sobald sie Kinder haben. Er ist dann keine evolutionäre Notwendigkeit mehr. Unser Gehirn weiß es und unser Körper auch. Wer fühlt sich schon sexy in der schlauchenden Zeit der Mutterschaft, mit den Speckrollen der mittleren Jahre, dem immer platter werdenden Hintern? Welche Frau will dann noch, dass irgendwer sie nackt sieht geschweige denn ihre Brüste stimuliert, die jetzt die Konsistenz eines Beutels Kuchenteig haben, oder ihren Bauch streichelt, der so schwammig ist wie Brotfruchtfleisch? Welche Frau will schon so tun, als wäre sie total scharf auf Sex, wenn der Lustbrunnen trocken ist?
Ich, ich sollte es wollen, damit ich nicht gegen ein jüngeres Modell ausgetauscht werde.
»Zeit für uns allein heißt die Parole«, sagte ich zu Joe.
»Mom, die ist kaputt.« Timby kam mit seiner Ukulele und plonkte sie auf die Arbeitsplatte, verdächtig nah neben den Mülleimer. »Sie klingt total scheußlich.«
»Was schlägst du vor, was wir tun sollen?« Mein Ton sagte, wehe, du sagst jetzt, eine neue kaufen.
Joe nahm die Ukulele und schlug die Saiten. »Sie ist ein bisschen verstimmt, das ist alles.« Er begann, an den Wirbeln zu drehen.
»Hey«, sagte ich. »Seit wann kannst du eine Ukulele stimmen?«
»Ich bin ein Mann mit vielen Geheimnissen«, sagte Joe und entlockte dem Instrument einen finalen Wohlklang.
Der Speck und der French Toast wurden verschlungen, die Smoothies getrunken. Timby war in einen Archie-Jumbo-Comic versunken. Ich lächelte in Dauerschleife.
Vor zwei Jahren, als ich mal wieder die Märtyrerin gab, weil ich jeden Morgen Frühstück machen musste, sagte Joe: »Ich bezahle diese ganze Veranstaltung hier. Könntest du bitte mal von deinem Kreuz runtersteigen und Frühstück machen, ohne ständig zu stöhnen?«
Ich weiß, was Sie jetzt denken: So ein Arsch! So ein Macho-Affe! Aber ganz unrecht hatte Joe nicht. Für einen Schrank voll belgischer Designerklamotten würden viele Frauen klaglos weit Schlimmeres tun. Von dem Moment an hieß es: Service mit einem Lächeln. Das nennt man, die eigenen Karten realistisch einschätzen.
Joe zeigte Timby die Zeitung. »Demnächst ist wieder Pinball Expo. Willst du hin?«
»Glaubst du, der Evel-Knievel-Flipper ist noch kaputt?«
»Ziemlich sicher«, sagte Joe.
Ich streckte ihnen das Gedicht hin, das ich ausgedruckt und mit einer Menge Anmerkungen versehen hatte.
»Okay, wer hört mich ab?«, fragte ich.
Timby sah nicht von seinem Archie auf.
Joe nahm das Blatt. »Oh, Robert Lowell.«
Ich rezitierte auswendig: »›Die Eremitenerbin von Nautilus Island überwintert weiter in ihrem spartanischen Domizil; ihre Schafe grasen weiter über dem Meer. Ihr Sohn ist ein Bischof, ihr Bauer erster Bürgerrat‹ …«
»›Ihr Bauer ist erster Bürgerrat‹«, sagte Joe.
»Shit. ›Ihr Bauer ist erster Bürgerrat.‹«
»Mom!«
Ich machte »Psst!« zu Timby hin und fuhr mit geschlossenen Augen fort: »… in unserm Dorf. Dürstend nach der standesgemäßen Ruhe von Königin Viktorias Jahrhundert, kauft sie alle Schandflecke auf, die ihr am Ufer gegenüber missfallen, und lässt sie verfallen. Die Saison siecht dahin – wir haben unseren Sommermillionär verloren, der einem L. L. Bean-Katalog entsprungen schien‹ …«
»Mommy, guck mal, Yo-Yo. Wie er das Kinn auf den Pfoten hat!«
Yo-Yo lag auf seinem pinkfarbenen Kissen und passte auf, ob vielleicht etwas Fressbares herunterfiel. Er hielt die kleinen weißen Vorderpfoten zierlich gekreuzt.
»Oooh«, sagte ich.
»Kann ich dein Handy haben?«, fragte Timby.
»Erfreu dich einfach an deinem Hund«, sagte ich. »Das geht auch ohne Elektronik.«
»Was Mom macht, ist richtig cool«, sagte Joe zu Timby. »Immer was lernen.«
»Und wieder vergessen«, sagte ich. »Aber trotzdem danke.«
Er gab mir einen Luftkuss.
Ich fuhr fort. »›Seine Neun-Knoten-Jolle haben Hummerfischer ersteigert‹ …«
»Yo-Yo ist der tollste Hund der Welt, oder?«, sagte Timby.
»Ja.« Die schlichte Wahrheit. Yo-Yo ist der putzigste Hund, den man sich denken kann, teils Boston-Terrier, teils Mops, teils noch irgendwas … schwarz-weiß gescheckt, mit einem schwarz umrahmten Auge, Fledermausohren, Mopsgesicht und Ringelschwanz. Vor der Amazon-Invasion, als wir noch mit den Nutten allein auf der Straße waren, sagte eine mal: »Wie wenn Barbie einen Pitbull hätte.«
»Daddy«, sagte Timby. »Findest du Yo-Yo nicht toll?«
Joe betrachtete Yo-Yo und dachte über die Frage nach. (Noch ein Beleg für Joes herausragende Persönlichkeit: Er denkt, bevor er spricht.) »Er ist ein bisschen schrullig«, sagte Joe und wandte sich wieder dem Gedicht zu.
Timby fiel die Gabel herunter und mir die Kinnlade.
»Schrullig?«, rief Timby betroffen.
Joe sah auf. »Ja. Und?«
»Oh, Daddy! Warum sagt du das?«
»Er sitzt den ganzen Tag nur da und guckt deprimiert«, sagte Joe. »Wenn wir nach Hause kommen, rennt er nicht zur Tür, um uns zu begrüßen. Wenn wir hier sind, schläft er immer nur oder wartet, dass was Fressbares runterfällt, oder starrt die Wohnungstür an, als hätte er Migräne.«
Timby und mir fehlten schlichtweg die Worte.
»Ich weiß, was er von uns hat«, sagte Joe. »Ich weiß nur nicht, was wir von ihm haben.«
Timby sprang auf und warf sich über Yo-Yo – seine Version einer Umarmung. »Oh, Yo-Yo! Ich hab dich lieb.«
»Mach weiter.« Joe wedelte mit dem Gedicht. »Bis jetzt war’s prima. ›Die Saison siecht dahin‹ …«
»›Die Saison siecht dahin‹«, sagte ich. »›Wir haben unseren Sommermillionär verloren, der einem L. L. Bean-Katalog entsprungen schien.‹« Zu Timby: »Los, mach dich fertig.«
»Setzt du mich nur ab, oder bringst du mich rein?«
»Ich setz dich nur ab. Um halb neun hab ich Alonzo.«
Da das Frühstück beendet war, erhob sich Yo-Yo von seinem Kissen. Joe und ich sahen zu, wie er zur Wohnungstür ging und sie anstarrte.
»Mir war gar nicht klar, dass ich was Brisantes sage«, sagte Joe. »›Die Saison siecht dahin.‹«
Wenn Leute auf einer katholischen Schule waren, erkennt man es an ihrer Reaktion, sobald sie den Queen Anne Hill raufkommen und die Galer Street School erblicken. Ich war auf keiner, deshalb ist die Schule für mich ein stattlicher Backsteinbau mit einem riesigen ebenen Gelände drum herum und einer Wahnsinnsaussicht auf den Puget Sound. Joe war auf einer, also wird er kreidebleich, weil er diese Flashbacks hat: Nonnen, die ihm mit Linealen auf die Hände schlagen, Priester, die ihm mit Gottes Zorn drohen, und brillenklauende, sadistische Mitschüler, die ungehindert auf den Fluren ihr Unwesen treiben.
Als wir in die Hol- und Bringzone einbogen, hatte ich das Gedicht schon zweimal fehlerfrei aufgesagt und war, weil aller guten Dinge drei sind, gerade noch bei einem letzten Durchgang. »›In einer dunklen Nacht erklomm mein Tudor Ford die Schädelkuppe.‹ Moment mal, stimmt das?«
Ominöse Stille vom Rücksitz. »Hey«, sagte ich. »Liest du überhaupt mit?«
»Klar, Mom. War super, kein einzigster Fehler.«
»Einziger. Einzig kann man nicht steigern.« Im Rückspiegel war kein Timby. Nach gründlichem Verdrehen des Spiegels sah ich, dass er sich über irgendwas beugte. »Was machst du?«
»Nichts.« Wieder dieses unverkennbare Plastikklappern.
»Hey! Kein Make-up.«
»Warum hat mir’s der Weihnachtsmann dann in den Strumpf gesteckt?«
Ich drehte mich um, aber Timbys Autotür hatte sich bereits geöffnet und wieder geschlossen. Als ich mich zurückgedreht hatte, rannte er schon die Eingangstreppe hinauf. In der spiegelnden Eingangstür der Schule sah ich Timbys mit Rouge beschmierte Augenlider. Ich kurbelte das Fenster herunter.
»Du hinterlistiges kleines Biest, komm sofort hierher!«
Das Auto hinter mir hupte. Na gut, dann war er jetzt eben das Problem der Schule.
Hinter mir die Galer Street und vor mir sieben kindfreie Stunden? Einsatz Banjo-Auf-und-davon-Musik.
Ich ging die Stufen zwischen den gedrungenen Säulen hinauf und betrat die imposante Eingangshalle der Galer Street School. Dort war es schummrig und kühl wie in einer Kathedrale. Gerahmte Fotos dokumentierten die Verwandlung des Gebäudes von einer Anstalt für schwer erziehbare Mädchen über ein Einfamiliendomizil (!) in die jetzige sündhaft teure Privatschule.
Ein bisschen was zur Restaurierung: Im Fußboden befindet sich die ausgebesserte Intarsien-Inschrift: WIEENGISTDIEPFORTEUNDWIESCHMALDERWEG, DERZUMLEBENFÜHRT, UNDWENIGESIND’S, DIEIHNFINDEN, datiert auf 1906. Für den aufwändigen Stuck wurden einhundertfünfzig Latexformen hergestellt. Für den Lichtgaden galt es, Colorado-Alabaster papierdünn zu schneiden. Für das Mosaik von Jesus, wie er Kinder beten lehrt, musste ein siebzigjähriger Kunsthandwerker aus dem italienischen Ravenna eingeflogen werden. Als die Restaurierung 2012 begann, war das große Rätsel, wo der Art-Deco-Messingkronleuchter von den alten Fotos abgeblieben war. Gefunden wurde er von den Männern, die im Keller mit dem Flammenwerfer gegen Brombeerranken vorgingen. Schweine mit Augenbinden wurden an Seilen hinuntergelassen, um den Leuchter freizufressen.
Woher ich das alles weiß? Als ich die Halle betrat, machte die Edelarchitektin, die die Restaurierung geleitet hatte, gerade eine Führung.
Auf dem Weg ins Sekretariat: »Eleanor!«
Ich drehte mich um. Seit einem Monat war der Konferenzraum ein Auktionszentrum, in dem Elternfreiwillige emsige Aktivität entfalteten.
»Sie brauchen wir gerade!«, sagte die Frau, eine junge Mom.
Mich?, formte ich lautlos mit den Lippenund zeigte verwirrt auf meine Brust.
»Ja, Sie!«, sagte eine andere junge Mom, als wäre ich eine dumme Gans. »Wir haben da eine Frage.«
