Ab morgen bin ich schön! - Tabitha Bühne - E-Book

Ab morgen bin ich schön! E-Book

Tabitha Bühne

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Beschreibung

Fit und fröhlich das Leben genießen Als Kind hat Tabitha Bühne vor allem einen großen Wunsch: irgendwann schön zu sein. Denn attraktive Menschen sind beliebt und auf jeden Fall glücklich. Tabitha wächst auf einem abgelegenen Bauernhof mit sechs Geschwistern auf, und ihr wird immer wieder eingeschärft: Auf die inneren Werte kommt es an. Doch sie will etwas aus sich machen – arbeitet als Model und Schauspielerin und reist durch die Welt. Nach einem Flop sattelt sie um auf "Fitness-Granate", sucht immer extremere Herausforderungen und probiert alle Diäten und Trainingsmethoden aus. Es folgen Jahre der Optimierungsversuche und Selbstzweifel. Bis Tabitha ihren dreißigsten Geburtstag feiert und beschließt, nicht länger beweisen zu wollen, dass sie gut genug ist. Sie erlebt eine Lebenswende und findet nach fünf Jahren voller Höhen, Tiefen und unzähligen Experimente einen alltagstauglichen und gesunden Ansatz für echte Fröhlichkeit, ganzheitliche Fitness und tiefe Glaubensfreude.

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Seitenzahl: 334

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Tabitha Bühne Ab morgen bin ich schön!

Für meine Eltern.

Ihr habt mir die Sehnsucht nach dem Guten, Wahren und Schönen

Tabitha Bühne

Ab morgen bin ich schön!

Mein wilder Weg vom Selbstzweifel zur Selbstannahme

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

© 2019 by Fontis-Verlag, Basel

Umschlag: Spoon Design, Olaf Johannson, Langgöns Umschlagfoto: © by Tabitha Bühne Coverbild U1 fotografiert von: PicturePeople GmbH & Co. KG Fotos Bildteil: © by Tabitha Bühne Fotos Schuhberg, Schuhberg mit Lampe, «Daumen hoch»: Thea Kablau Fotos Fitness: Michael Böhm E-Book-Vorstufe: InnoSet AG, Justin Messmer, Basel E-Book-Herstellung: Textwerkstatt Jäger, Marburg

ISBN (EPUB) 978-3-03848-538-4

Inhalt

Intro: Achtung, fertig, los!

Teil 1: Mein wilder Weg

1 Ich bin nicht schön, und das ist auch gut so

2 Wenn deine Hülle nicht schön ist, mach einen Panzer daraus

3 Plötzlich Prinzessin!

4 Liebe und andere Horrorgeschichten

5 Mein Fitness-Kult

6 Am Ziel

Teil 2: Fit und fröhlich – so geht’s!

7 Mein Selbst erkennen

8 Ziele setzen

9 Willenskraft stärken

10 Resilient werden

11 Stille suchen und Gott begegnen

12 Mitstreiter suchen

13 Diäten vergessen

14 Gewicht verlieren

15 Gesund ernähren

16 Gar nix essen

17 Sport treiben

18 Abwehr stärken

19 Schönmachen

20 Falten kriegen will gelernt sein. Oder: Altern ist nichts für Feiglinge

21 Weise werden

22 Motivation spritzen

23 Charakterschwächen zu Muskeln machen

24 Stress reduzieren

25 Seele streicheln

26 Freude lernen

Abspann: Ein paar letzte Gedanken zur «Frage des guten Geschmacks»

Danksagungen

Anhang: Einige Rezepte für mehr Gesundheit im Alltag

Tabithas ganz persönliches Wochenplan-Beispiel

Die Autorin

Von der Autorin bisher erschienen

Intro:

Achtung, fertig, los!

Dieses Buch ist für alle, die sich schön finden und fröhlich sein wollen, ohne dabei den Verstand zu verlieren.

Wenn du mit deinem Körper, deinem Gemütszustand und deinem Seelenleben komplett zufrieden bist, dann brauchst du dieses Buch nicht und solltest es verschenken.

Wenn du gerne fröhlicher, schöner und gesünder wärst, aber es irgendwie nie richtig klappt, dann bist du in bester Gesellschaft.

Ich war zu dünn, ich war zu dick. Ich war zu muskulös und nicht fit genug. Ich war alles Mögliche, aber nie gut genug. Dachte ich. Egal, was die Waage sagte, sie zeigte immer Optimierungspotenzial. Ich habe gehungert, gekämpft und extremsten Sport betrieben. Ich habe so viele Jahre damit verbracht, auf den großen Durchbruch zu warten und endlich dieses Schild für mich zu finden, auf dem steht:

«Prädikat wertvoll. Bitte lieben!»

Das hier ist kein Buch, das dir einfache Rezepte, strikte Diäten oder abgedrehte Wundermittel verspricht. Es ist ein sehr persönlicher Ratgeber, in dem ich anhand meiner eigenen Erlebnisse alltagstaugliche Tipps gebe und Tricks verrate.

Das Buch beschreibt eine Reise und will dich mitnehmen, um dir vielleicht die eine oder andere Alternative, bessere Aussicht oder Abkürzung zu zeigen, damit es bei dir nicht so lange dauern muss wie bei mir. Zu viele von meinen inzwischen 37 Jahren habe ich mit dem falschen Ziel vergeudet, nach körperlicher Vollkommenheit zu streben. Um dann doch zu erkennen:

Perfektion ist nicht gut genug.

Ich bin weit davon entfernt, alles zu wissen und richtig zu machen. Ich habe meinen Körper jahrelang getrieben, bis ich endlich lernen durfte, ihn zu mögen, mich auf jeden neuen Tag zu freuen und dankbar das Beste aus dem zu machen, was ich bin und habe. Und das wünsche ich dir auch.

Mein Ziel ist es, dir dabei zu helfen, deine Lösungen zu finden. Dazu gehört es, deinen bisherigen Lebensstil zu verstehen, Prägungen und Muster aufzudecken und die Geschichten zu enträtseln, die du über dich, das Leben, deine Mitmenschen und Gott glaubst. Zu entdecken, warum du heute bist, wie du bist – und herauszufinden, welcher Mensch du ab morgen wirklich sein willst und werden kannst.

Dann werden wir auch die Wege finden, auf denen du gehen kannst: mutig, gesund und fröhlich.

Was du für diesen Weg brauchst, ist eine Portion Ehrlichkeit, Mut, Vertrauen und Humor.

Wenn du diese Reise mit mir gehen willst, lade ich dich herzlich dazu ein.

Auf geht’s.

Das wird ein Spaß!

Auch wenn mir selbst beim Schreiben manchmal das Lachen vergangen ist.

Tabitha Bühne

Teil 1

Mein wilder Weg

Wie alles anfing ...

Ich kam nicht besonders schön auf die Welt, denke ich noch heute, wenn ich Bilder aus meiner Kindheit sehe. Aber Schönheit hat immer eine anziehende Wirkung auf mich gehabt. Ich fand die Welt schön. Ich erkundete sie schielend, mit einer großen Brille und einem ständig zugeklebten Auge.

Meine Kindheit habe ich in guter Erinnerung. Es war herrlich, auf einer Lichtung in einem Waldgebiet im Sauerland aufzuwachsen, in einem Haus mit der Hausnummer 1. Eine Nummer 3 gab es nicht. Wir waren zusammen mit einem kleinen Nachbar-Hof die Einzigen weit und breit.

Nicht weit entfernt gab es einen riesigen See, den «Biggesee», und eine der größten und schönsten Tropfsteinhöhlen Deutschlands, die «Attahöhle». Die Karl-May-Festspiele von Elspe waren auch nicht weit. Ich bin heute noch dankbar dafür, dass meine Fantasie von Winnetou und Old Shatterhand geprägt wurde statt von den «Avengers» oder den «Transformers».

Als ich vierzehn Jahre alt war, wurde ich gemobbt. Ich war nicht gerade attraktiv mit schlechter Haut, langem Zopf, großer Brille und abgetragenen Jogginghosen. Außerdem war ich zu dünn. Mein Zuhause, das ich sehr liebte, war auch nicht gerade angesagt – kam ich doch «aus dem Wald», lebte mit sechs Geschwistern, meinen konservativen, bibeltreuen Eltern und einigen Hilfsbedürftigen im tiefsten Sauerland.

Damals dachte ich, dass alles besser wird, wenn ich erst mal achtzehn bin. Dass ich dann selbstbewusster, schöner und stärker bin – und mir mein Körper nicht dauernd Streiche spielt.

Ich wechselte die Schule und meine Identität: vom grauen Land-Mäuschen zur lebenslustigen Power-Barbie. Plötzlich war ich beliebt und bekam gute Noten. Aber ich mochte mich immer noch nicht.

«Wenn ich fünfundzwanzig bin, dann wird alles besser!», sagte ich mir. Dann weiß man, was man will und wer man ist. Dann hat man einen festen Freund und fühlt sich besser.

Ich versuchte mich als Model und als Schauspielerin, um so viel Bestätigung zu finden, bis ich mich selbst akzeptieren würde. Neben dem Studium verdiente ich mein Geld beim Radio, furchtbaren TV-Sendungen und als Messe-Hostess. Ich betreute Models aus verschiedensten Ecken der Erde, fand sie heulend und kotzend in Toiletten, trank mit ihnen um die Wette und spielte in Casinos auf Kosten reicher Männer. Dann wurde ich gefragt, ob ich nicht selbst ein Model werden wollte.

Mitte zwanzig bekam ich endlich einen festen Freund – den supersportlichen, schlauen Schönling, den ich immer haben wollte. Aber er schaffte es nicht, mich so zu lieben, dass ich es ihm glauben konnte.

Als ich fünfundzwanzig war, mochte ich meinen Körper immer noch nicht leiden. Also begann ich mit Extremsport, um mich stark zu fühlen. Es funktionierte. Triathlons, Ultra-Marathons und stundenlange Fitnesskurse gaben mir Freude und das Gefühl, jemand Besonderes und unzerstörbar zu sein. Aber es hielt nie lange.

«Dreißig – wenn ich erst mal dreißig bin, werde ich verheiratet sein und mir nicht mehr so viele Gedanken über meinen Körper machen und über das, was andere denken …»

Mit Mitte dreißig habe ich als Ernährungsberaterin, Lauf- und Fitnessexpertin vielen Menschen geholfen und so ziemlich alles ausprobiert, was schön und stark machen soll. Ich habe einen Mann gefunden, einen erfolgreichen Fernsehjournalisten, der mich liebt und für die attraktivste Frau der Welt hält (sagt er zumindest …). Ich bin durch exotische Länder gereist, den verrücktesten Schönheitsrezepten und Gesundheitstrends nachgegangen und habe drei Jahre in Indien gelebt. Aber ganz zufrieden und «im Reinen» mit mir war ich immer noch nicht.

Ich fasste endlich einen Entschluss:

Ich will nicht auch mit sechzig Jahren noch darauf warten, dass irgendwann alles besser wird, oder einer Jugend nachtrauern, die ich nie genossen habe.

Ich will meinen Körper mögen.

Ich will jeden Tag genießen.

Ich will nicht ständig darüber grübeln, was andere über mich denken.

Ich will das, was ich bin und habe, als Geschenk annehmen.

Ich will gesund, fit und fröhlich sein, aber nicht ständig auf der Suche nach Perfektion und Bestätigung.

Ich möchte schön sein, ohne dabei meinen Verstand zu verlieren.

Ich möchte ankommen. Mich endlich zu Hause fühlen in meiner Haut und in meinem Leben.

Und ich möchte Gott vertrauen, dass er mich wirklich kennt und liebt.

Bis ich zur «Fit-und-Fröhlich-Formel» kam, habe ich Unmengen an Zeit und Geld investiert, unzählige Diäten, Ratgeber und Trainingsmethoden ausprobiert und dokumentiert. Doch den Durchbruch erlebte ich durch eine Verkettung von unerwarteten Erlebnissen, die bis heute meinem Leben eine Richtschnur geben.

Ich möchte euch in diesem Buch mitnehmen – auf den wilden Weg zur «Fit-und-Fröhlich-Formel». Es war kein leichter Weg, aber er hat sich gelohnt.

So viel vorweg: Meine Schönheits-Odyssee ist immer noch nicht zu Ende. Manchmal fühle ich mich zurückversetzt in frühere Zeiten. Wenn ich mit mir und meinem Körper ganz und gar nicht zufrieden bin und überall nur Baustellen sehe.

Wie jetzt gerade:

Chaos am Kopf

Ich kann nicht einschlafen. Ich träume, dass ich mit einer Glatze aufwache. Nach dem Duschen liegen büschelweise Strähnen auf dem Boden. So geht es seit drei Wochen, und ich drehe langsam durch. Ich weiß, es gibt Schlimmeres als Haarausfall. Aber das darf einfach nicht wahr sein. Meine Haare waren bisher mein ganzer Stolz, um ehrlich zu sein: Sie waren das Einzige, was ich an meinem Körper zu hundert Prozent mochte. Jetzt verliere ich jeden Tag so viele Haare, dass mich Freunde darauf ansprechen, die Putzfrau sich über mehr Arbeit beschwert und ich neue Frisuren ausprobieren muss. Tatsächlich überlege ich, sie abzuschneiden, weil es zu weh tut, sie so dünn zu sehen.

Ich verstehe das nicht. Ich lebe seit über zwei Jahren in Indien und hatte bisher keine solchen Probleme. Ich weiß, dass ich damit nicht allein bin, viele Frauen in dieser smogreichen, ungesunden Stadt Delhi leiden darunter.

Komischerweise fing es genau dann an, als ich zusagte, dieses Buch zu schreiben.

Wie soll ich mit einer Glatze ein Buch über Gesundheit und Schönheit schreiben und Vorträge halten? Mich wird niemand ernst nehmen! Vor allem ich selbst nicht.

Ich will doch ein Vorbild sein, fit und fröhlich …

Mein Mann hat den Mut, oder auch den Knall, mich auf die Möglichkeit anzusprechen, dass es einen Sinn haben könnte, dass mir das gerade jetzt passiert.

Ich will das nicht hören. Der spinnt.

Wie soll ich mit Humor nehmen, was in mir die alte Angst auslöst: dass ich nicht gut genug bin?

Und warum in aller Welt ging das mit dem Haarausfall genau dann los, als ich dem Verlag zusagte, dieses Buch zu schreiben?

Nachts kann ich nicht schlafen. Es ist ein gruseliges Gefühl, als würde jemand mich am Schopf ziehen. Ich wasche meine Haare nur noch einmal die Woche. Markus versteht das alles nicht und hat nicht gerade die mitfühlendste Art. Er meint, kurze Haare würden mir auch stehen. Männer …

Gestern Mittag wollte er, um mich von dem Problem abzulenken, mit mir beim Essen ein Kinderhörspiel hören. Leider ging das komplett nach hinten los. Zugegeben, vom Titel her (irgendwas mit Ufos) hätten wir beide nicht ahnen können, dass es bei dieser TKKG-Folge um Haar-Diebe geht, die Mädchen und Frauen überfallen, um ihnen die Haare abzuschneiden und zu stehlen. So durfte ich mir minutenlange Gespräche anhören – über die schönen langen Haare und dass sie jetzt einfach fort sind, und was für eine Gemeinheit, ja, was für ein Verbrechen das sei, und so weiter und so fort. Markus musste lachen, weil es wirklich skurril war. Ich fand es dagegen gar nicht lustig.

Zwei Monate später treibt es mich fast in den Wahnsinn. Ich tue doch schon alles, was ich kann: Ich esse gemahlene Eierschalen, Biotin, Eisen, Bierhefe und flüssige Kieselsäure. Ich habe meine Haare mit Bier gewaschen und mit Mineralwasser. Ein Bluttest hat nichts gezeigt. Der Arzt meinte, ich sei vielleicht gestresst.

Ich weiß, dass es meine Schwachstelle trifft. Ich mag Kontrolle. Und ich will, nein, ich MUSS die Dinge verstehen. Nichts mehr unter Kontrolle zu haben, das macht Angst. Ich kann die Ursachen nicht finden. Es zwingt mich zurück in die Ecke, wo ich mich vor Gott und den Menschen verstecke und fest davon überzeugt bin, dass mich keiner versteht.

Wenn es hart auf hart kommt, bin ich allein.

War schon immer so.

«Es sind nur die Haare», meint Markus. «Was sollen die sagen, die Krebs kriegen, oder Parkinson, oder die ihre Liebsten verlieren?» Ich weiß. Es sind nur Haare. Aber sie bedeuten viel für mich.

Verliere ich sie, weil ich meine Mähne für selbstverständlich nahm? Muss ich irgendwas lernen? Mehr Mitgefühl vielleicht oder Demut – dass ich mir nicht einbilde, ich hätte die Lösung für alle Probleme der Welt gefunden? Was, wenn es gar keinen Sinn hat und ich mir nur verzweifelt einen Sinn suche?

All diese Gedanken erscheinen mir widersinnig.

Vertrauen und Loslassen war noch nie meine Stärke.

Ich esse eine ganze Packung Schokonüsse. Weil es jetzt ja eh egal ist. Dann werde ich halt fett und hässlich. Und dieses blöde Buch kann mich mal!

Und während ich eine Zucker-Bombe nach der anderen in meinen Mund stecke, flüstert die alte Stimme in mein Herz, diese fiese, verhasste Stimme: «Du bist niemand. Du bist wertlos und schwach. Du warst schon immer dumm und hässlich … Du bist auch Gott egal. Er kümmert sich nicht darum. Er hat wirklich Wichtigeres im Sinn als deine Haare.»

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Ich bin nicht schön, und das ist auch gut so

Die ersten zwölf Jahre unseres Lebens prägen uns besonders. Auch das, was wir über uns selber glauben. Sie prägen unser Gehirn, unseren Lebensstil und so vieles mehr. Natürlich hat unsere Familie ganz besonderen Einfluss auf unsere Entwicklung, genau wie die Umwelt, die Kultur, die Umstände, in denen wir aufwachsen. Interessant zu beobachten ist, dass viele Menschen sich sehr mit ihren ersten Lebensjahren auseinandersetzen und vor allem die ersten drei Jahre genauer unter die Lupe nehmen. Dabei fängt unsere Prägung schon lange vor dem Tag an, an dem wir das Licht der Welt erblicken.

Mama ist schuld!

Wusstest du, dass du vielleicht schon im Bauch deiner Mutter süchtig geworden bist? Nein, ich rede nicht von Alkohol und Nikotin, sondern von Zucker! Als ich las, dass wir schon vor unserer Geburt unseren Geschmack entwickeln, musste ich lachen – denn das wäre wohl die einfachste Begründung dafür, dass ich über Jahrzehnte jeden Tag mindestens eine Tüte Gummibären und eine Tafel Schokolade brauchte, um irgendwie klarzukommen. Kein Wunder, dass Süßigkeiten eine ungeheure Macht auf mich ausübten!

Nun weiß ich gar nicht, ob meine Mutti überdurchschnittlich viel Zucker zu sich genommen hat während der Schwangerschaft. Aber Fakt ist: Die vorgeburtliche Zeit hat großen Einfluss. Nicht nur auf unseren Geschmack – auch auf die spätere Entwicklung unserer Persönlichkeit.

Im Gehirn verfestigen sich schon im Mutterleib sogenannte Trampelpfade. Wer zum Beispiel im Mutterleib schon viel Stress erlebt, der bildet auch mehr Rezeptoren für die entsprechenden Hormone Cortisol und Adrenalin und wird stressempfindlicher. Wer dagegen während der Schwangerschaft viel Geborgenheit erlebt und Ruhe, am besten mit entspannender klassischer Musik oder Meeresrauschen, Vogelzwitschern und ähnlichen Tönen, soll sensible Antennen für «Gute-Laune-Hormone» (Oxytocin und Serotonin) entwickeln und sie auch dann noch produzieren, wenn es drumherum mal chaotisch und stressig wird.

Flapsig formuliert: Wir kriegen vor der Geburt schon einen ordentlichen Hormoncocktail ab, der die Landkarte unseres Gehirns, unseren Geschmack und den Umgang mit Stress in gewisse Bahnen lenkt.

Bis zum Teenageralter sind die Strukturen im Gehirn dann im Großen und Ganzen festgelegt, und unsere Persönlichkeit ist «ausgebildet». Allerdings haben wir immer noch die Möglichkeit, unser Gehirn zu beeinflussen – durch neue Erfahrungen. So werden zwar keine alten Verbindungen aufgelöst, aber neue Nervenverbindungen geschaffen, und wir können bis ins hohe Alter «neue Trampelpfade» benutzen. Je öfter wir sie nutzen, desto stärker werden sie.

Forschungen sollen zeigen, dass wir zu 50 Prozent von unseren Genen und zu 30 Prozent von unserer Umwelt geprägt werden, ganze 20 Prozent liegen aber in unserer eigenen Hand – wir bestimmen also auch selbst mit, wie wir uns entwickeln. Und das hängt stark davon ab, was wir essen und wie wir leben, was wir mit unserer Zeit tun – mit welchen Menschen wir sie teilen und mit welchen Hobbys wir sie verbringen. Kurz gesagt: Womit wir unsere Seele und unseren Körper füttern und welche Entscheidungen wir im Alltag treffen.

Wir können also unseren Müttern nicht wirklich die Verantwortung für unsere Probleme geben. So ein Mist, wäre einfacher gewesen …

Schön ist es, auf der Welt zu sein

Ich kann meine Probleme wirklich schlecht auf meine Kindheit zurückführen. Auch wenn ich wie jedes Kind auch traurige Erlebnisse hatte. Aber meine Kindheit ist eine Zeit, die ich heute noch manches Mal vermisse: diese Unbeschwertheit und Lebensfreude, sich in kleinsten Wundern zu verlieren und ständig staunen zu können. Und frei davon zu sein, was «sich sorgen» heißt.

Als sechstes Kind und Nachzögling kam ich auf eine Welt, die aus einem zum Freizeithaus umgebauten Bauernhof, jeder Menge ulkiger Gesellen und viel Natur bestand. Meine Eltern waren höchst unkonventionelle Aussteiger, die das bürgerliche Leben eintauschten gegen einen verlassenen Bauernhof und eine Reihe von Pflegekindern aufnahmen, die keiner mehr haben wollte – dazu ehemalige Drogenabhängige, entlassene Sträflinge, die einen Neuanfang starten wollten, und verlorene Seelen, die einfach nicht mehr wussten, wohin mit sich und ihrem verkorksten Leben.

Meine Eltern waren keine gegenkulturellen Hippies, sondern leidenschaftliche Jesus-Fans, die in ihrer Nächstenliebe so konsequent waren, dass sie sogar in ihrer eigenen frommen Gemeinschaft Probleme bekamen. Sie waren echte Spätsechziger, hatten 1969 geheiratet und ihre Rettungsmission begonnen. Ich kam dreizehn Jahre später, eine Nachzüglerin, das vorletzte von insgesamt sieben Kindern.

Mein älterer Bruder Hannes war fünf Jahre alt, als ich seinen Platz in der Familie einnahm. Als Nesthäkchen, von denen man allgemein annimmt, sie würden besonders verwöhnt.

Von wegen. Ich sorgte von Anfang an für Stress. Jedenfalls bei meiner Mutter. Sie erlebte meine Geburt als extrem anstrengend und glaubte, «ihr letztes Stündlein habe geschlagen», wie sie mir später erzählte. Mein Herz dagegen schlug von Anfang an ganz wunderbar, ich war gesund und munter.

Ich bewundere meine Eltern. Sie haben unglaublich viel geleistet. Ihr Lebenswerk – einen Zufluchtsort für Verstoßene zu schaffen, nebenbei noch sieben Kinder aufzuziehen und einen Buchvertrieb aufzubauen – muss enorm viel Kraft gekostet haben.

Ich habe keine Ahnung, wie meine Mama all das «wuppte». Um sie ein wenig zu entlasten, übernahm meine älteste Schwester Tine einige Mutteraufgaben. Sie sang mir beim Duschen Lieder vor, damit ich überhaupt duschen wollte. Ähnlich verhielt es sich mit dem Zähneputzen – ohne Tines Geschichten hätte ich wohl kaum noch einen Zahn im Mund. Aber dank ihrer lustigen Geschichten über Bakterien mit witzigen Namen tat ich dann doch, was nötig war. Sie förderte meine Kreativität, das Basteln, das Malen, das Naturerleben.

Ich werde das Gefühl nie vergessen, wie wir vom Baum aus in einen gewaltigen zusammengesammelten Blätterhaufen sprangen. Es roch so herrlich, dieses Laub. Und ich war leicht. Das Leben war leicht. Und sonntags kuschelte ich mich während des Gottesdienstes in den Schoß meiner Mutter, damals der sicherste Platz der Welt.

Manche Menschen kommen schon als Prinzessin zur Welt. Sie sind einfach wahnsinnig süß oder unglaublich hübsch. Ich war nicht besonders hübsch. Aber ich war besonders. Oder wie es mein Vater über mich zu sagen pflegte: Ich war ein «Unikat».

Was das genau heißt, weiß ich bis heute nicht. So wie Obelix in den Zaubertrank fiel, muss auch ich in irgendeiner Weise in ein Fass mit zu viel Fantasie gefallen sein. Meine Umgebung war ein Abenteuerspielplatz. Der Wald wechselte die Welten. Es gab so viel zu spielen und zu erfinden, und glücklicherweise hatte ich von klein auf eine große Begeisterungsfähigkeit, so dass die Kinder aus der entfernteren «Nachbarschaft» gerne mit mir spielten.

Ehrlich gesagt hatte ich aber auch einen ganz schön starken Willen, man könnte auch sagen: einen Dickkopf. Ich fing zwar sehr früh an zu lesen und zu schreiben, leider hatten meine Wortschöpfungen aber wenig mit der deutschen Sprache und Rechtschreibung gemeinsam, was mir später in der Schule noch Probleme bereiten sollte.

Da ich schielte, hatte ich als kleines Kind über einen langen Zeitraum ein Auge mit einem großflächigen Pflaster zugeklebt, und darüber trug ich eine ziemlich große Brille. «Ach, Tabitha, ich erinnere mich an dich! Aber damals warst du so klein, sahst aus wie ein Pirat und trugst eine riesige Brille!» Diesen Satz höre ich auch heute noch hin und wieder. Ich scheine mit meiner Optik ordentlich Eindruck hinterlassen zu haben …

Die Sache mit dem zugeklebten Auge funktionierte irgendwie nicht, ich musste an dem Auge operiert werden. Ich kann mich nicht mehr an vieles erinnern, was mit diesem Krankenhausaufenthalt verbunden war, außer dass der Arzt etwas von der Biene Maja erzählte und dass es gleich pieksen würde, und dass meine Schwester Tine gefühlt Tag und Nacht an meinem Bett saß und mir stundenlang aus Büchern vorlas. Ich konnte nicht genug von guten Geschichten bekommen und wäre sehr gern noch länger im Krankenhaus geblieben, nur um weiter in diesen Fantasiewelten verbringen zu können.

Wir wuchsen weitgehend ohne Fernsehen auf, wofür ich heute extrem dankbar bin. Ab und zu gab es einen Film – Dick und Doof, Charlie Chaplin oder andere alte Schätze. Noch heute ist es so, dass diese Filme viel bei mir auslösen. Es stimmt wohl, was man sagt: dass Dinge, die wir als Kinder liebten, uns oft auch «im Alter» noch Freude machen.

Eigentlich war ich überhaupt nicht schüchtern – aber mein Zuhause zu verlassen und in die Grundschule zu gehen war eine wahnsinnige Überwindung. Ich erinnere mich gut an den ersten Schultag, weil ich viel Angst vor all den Kindern hatte. In vier Jahren erlebte ich drei Klassenlehrer und immer wieder interessante Einträge in den Zeugnissen: «Tabitha ist manchmal in Gedanken und nicht gerade schnell im Rechnen. Allerdings schreibt sie wunderbare Geschichten, auf die ich mich immer wieder sehr freue …»

Der Ernst des Lebens

Einer meiner besten Freunde neben meinem kleinen Bruder, der zwei Jahre nach mir auch noch das Licht dieser wunderbaren Welt erblickte, war Ernst. Ein ehemaliger Alkoholiker, dem es unheimlichen Spaß bereitete, uns Kindern mit seinem Gebiss Angst einzujagen. Ernst war mit seinem dominanten roten Zinken ganz sicher alles andere als schön.

Aber das ist mir nie aufgefallen. Ich hatte ihn gern. Er war lustig und hatte Zeit für uns. Ernst ließ mich auf seinem buckeligen Rücken sitzen und konnte wiehern wie ein Pferd, galoppierte wie ein solches um unser Haus herum, bis er völlig außer Atem war, und es war ihm völlig wurscht, wie das wohl aussah. Er zählte, wie viele Runden ich um eine Tischtennisplatte laufen oder seilspringen konnte. Und er spielte mir zum Geburtstag auf unverwechselbare Weise singend «Da steht ein Pferd auf dem Flur» auf dem Klavier vor.

Ich nahm als Kind nicht wahr, dass in seinem Gehirn durch den vielen Alkohol einiges in Unordnung geraten war. Ab und an wurde er von seiner Vergangenheit eingeholt, dann konnte er sehr unruhig werden. Ernst war schräg, und vieles, was er tat und sagte, war absurd. Zum Beispiel, dass er allen Ernstes meinen Vater beschuldigte, seine Unterhosen zu stehlen. Ernst hatte auch die seltsame Angewohnheit, morgens zum Bauernhof zu spazieren, um sich ein frisch gelegtes Ei zu holen und es roh zu essen. Er hielt das für die beste Medizin.

Ich mochte Ernst. Vielleicht, weil er einfach sehr unterhaltsam und lustig war – trotz seines harten Schicksals. Seine Sucht hatte ihm alles genommen, auch die Familie. Ernst rauchte wie ein Schlot. Ich versuchte vergeblich, ihm mit Pferdehaaren die Zigaretten mieszumachen. Er lachte nur darüber und meinte, es würde recht gut schmecken mit dieser besonderen Note.

Ernst war mir ein guter, treuer Freund. Und als Kind kümmerte mich nicht, wie er aussah und was andere über ihn dachten.

Ich frage mich mitunter, wann der Moment kam, an dem ich ihn mit den Augen der Anderen zu sehen begann. Wie sie über ihn tuschelten. Und ich es nicht sehen wollte. Ich wünsche mir diesen kindlichen Blick heute zurück: Menschen wieder so zu sehen, wie ich als Kind Ernst sehen konnte. Nicht so sehr auf die Schale zu achten, sondern in ihnen etwas Schönes zu sehen. Ich glaube, das kann man üben. In jedem Menschen etwas Liebenswertes suchen zu wollen, mit einem neugierigen und wohlwollenden Blick.

Wer bin ich?

Bis zwei Jahre nach der Geburt soll sich unser Ich-Bewusstsein entwickeln, die zentrale Schaltstelle unserer Persönlichkeit.

Auch wie wir die Welt sehen, entwickelt sich ziemlich früh. Und unser erster Spiegel sind die Menschen, mit denen wir aufwachsen – durch ihre Reaktionen und Verhaltensweisen formt sich unser Blick auf uns, unsere Umwelt und Gott. Und recht bald werden uns Eigenschaften zugeschrieben. Manche Kinder hören schon früh und wiederholt: Du bist so süß. Oder: Du bist lieb! Du bist der Schlauste. Du bist böse. Du bist dumm. Du bist laut. Du bist anstrengend. Du bist die Schönste. Du bist außergewöhnlich! Du bist …

Es gibt viele Zuschreibungen. Die Frage ist, ob wir uns mit diesen Zuschreibungen identifizieren oder nicht.

Oftmals passieren Zuschreibungen nur, weil die Eltern sich etwas so sehr wünschen und erwarten: etwa einen sportlichen Sohn, weil der Vater selbst ein Sportler war. Oder die Mutter wollte immer eine Schönheitskönigin sein, und sie bekam nie die Möglichkeit – also tut sie alles, damit ihre Vierjährige eine erfolgreiche Beauty Queen wird. Wer weiß, was wir alles an Erwartungen an uns übernommen haben oder was wir auf unsere Kinder projizieren – und uns dessen vielleicht gar nicht bewusst sind.

Vereinnahmungen und Abgrenzungen passieren schnell. Ich wollte zum Beispiel besonders sein und anders sein als meine beiden großen Schwestern. Eigentlich anders als alle meine sechs Geschwister. Es ist nur nicht leicht, «seine Rolle» zu finden, wenn schon fünf Kinder vor dir da waren und einer noch nach dir kommt.

Mein kleiner Bruder war Segen und Schleifstein – heute ist er einer der wichtigsten Menschen meines Lebens. Kaum zu glauben, dass wir uns so gut verstehen, denn als Kinder waren wir ständig «im Krieg». Er wollte mich beim Spiel «Risiko» immer komplett vernichten, egal, wie sein eigentlicher Auftrag lautete. Ich habe ihm die Haare versaut und ihm vorher versprochen, dass ich ihm die coolste Frisur aller Zeiten schneide. Später habe ich ihn sogar mal überfahren, ohne es zu wollen. Ich glaube, ich hatte noch nicht lange den Führerschein, als das geschah. Es passierte auf dem Parkplatz, nach dem Gottesdienst wollte ich besonders schnell und cool mit dem Passat unserer Eltern rausfahren und sah nicht, dass mein Bruder hinter meinem Auto stand … Zum Glück war er recht robust und hat sich dabei nicht verletzt. Mein Fahrstil war seitdem in aller Munde … Mein Bruder hat es mir zum Glück nicht nachgetragen. Aber ich glaube, so richtig geheuer ist es ihm bis heute nicht, wenn ich am Steuer sitze.

Wir haben gestritten, gekämpft und uns gegen die Großen verschworen. Wir haben gelernt, Probleme zu haben und sie zu lösen. Vergebung und Zusammenhalt, wenn es drauf ankommt. Wir waren die Kleinen, unsere älteren Geschwister waren uns in vielen Bereichen überlegen, aber wir maßen uns trotzdem immer mit ihnen, vor allem beim Fußball und Volleyball gaben wir alles. «Weicheier» wollten wir nie sein, und vor allem unsere älteren Brüder Hannes und Dani waren uns ein Vorbild im sportlichen Kampfgeist und Durchhaltevermögen.

Hannes hat mich neben dem Ballsport später auch fürs Radfahren begeistert, und er hat mir gezeigt, wie man trotz mancher Lebensstürme stark und mutig bleibt. Dani verdanke ich mein erstes Triathlon-Erlebnis – und dass ich trotz miserabler Noten in Französisch und Mathe doch nicht «sitzen geblieben» bin; seine Nachhilfestunden auf den letzten Drücker waren erfolgreich …

Unser ältester Bruder Micha, den ich immer noch für einen der schlausten Menschen dieser Welt halte, war ein ganz ruhiger, nicht so fußballverrückter Bastler und Erfinder. Ich schlich mich furchtbar gerne in sein Zimmer und sah ihm zu, wie er wieder irgendein neues Konstrukt baute. Aber meine Lieblingsbeschäftigung war, mich an seinen Computer zu setzen und planlos auf der Tastatur herumzutippen.

In Michas Zimmer wohnte auch ein Streifenhörnchen, und das versteckte sich mit Vorliebe an Orten, wo man es nicht entdecken konnte. Von daher war Michas Zimmer immer einen Besuch wert. Er ist elf Jahre älter als ich und erschien mir damals als Kind so ganz anders als ich selbst: introvertiert, klug und geduldig. Auch wenn wir alle sehr verschieden waren, verbrachten wir immer wieder Zeit miteinander. Das ist bis heute so. Solch ein Bund schweißt auf unsichtbare Weise zusammen.

Es gibt, meiner Erfahrung nach, nichts Schöneres und Besseres als Geschwister, um eine gesunde Identität zu entwickeln. Vor allem, wenn sie einen anderen Charakter haben – dann lässt sich so unglaublich viel lernen, und man kann ganz anders aufs Leben vorbereitet werden, wenn man sich denn darauf einlässt.

Aber zurück zur Abgrenzung. Die gehört zur Identitätsbildung dazu und ist unumgänglich. Wir leben schon als kleine Menschen in einem ständigen Widerspruch: wollen einerseits dazugehören und andererseits wir selbst sein, uns abgrenzen. Aber nur anders als die anderen sein zu wollen, bringt einem noch nicht viel für einen gesunden Selbstwert. Mich machte es eher unzufrieden und übellaunig. Statt ständig auf die anderen zu schauen und nicht wie sie sein zu wollen, ist es viel sinnvoller, sich darauf zu fokussieren, wer man selbst sein will und sein kann. Was allerdings auch alles andere als einfach ist.

Und dann gibt es noch das Wenn-dann-Denken. Viele Menschen verbringen ihr halbes Leben im Konjunktiv. «Wenn ich erst volljährig bin» oder «Wenn ich erst mal verheiratet bin» – das sind bei vielen Mädchen und Frauen (und auch bei Männern) immer wieder die treibenden Gedanken. Mit dieser Denkweise machen wir uns komplett abhängig von unseren Umständen und von anderen Menschen. Wir leben nicht jetzt, wir verschieben unser Leben auf einen späteren Zeitpunkt.

Genauso wenig hilfreich sind ständige Vergleiche mit anderen. Immer darauf zu schauen, was andere haben oder sind und was wir noch nicht haben oder sind. Das macht garantiert unglücklich. Auch hier liegt der Maßstab immer außen, wir verlieren dabei mehr, als wir gewinnen.

Wir lernen ein Leben lang die Balance zwischen Dazugehören und dem «Wir-selbst-Sein». Im Kindergarten, in der Schule, im Job, in der Familie, in Freundschaften und in der Partnerschaft.

Muss ich immer dazugehören, oder muss ich mich ständig abgrenzen? Wo fällt es mir schwer? Wo lasse ich viel Energie liegen, nur um entweder endlich «dabei zu sein» oder «mich davon zu lösen»?

Es ist nicht einfach, herauszufinden, wer man ist, was man kann, was für ein gelingendes Leben wirklich wichtig ist – und wo der eigene Platz in dieser großen Welt sein könnte.

Bei mir fing das Drama erst so richtig an, als ich aufs Gymnasium kam.

Ein Mord, Mobbing und Mädchenkram

In der neuen Schule erlebte ich eine Art Kulturschock. Nicht nur, weil ich plötzlich alleine war und niemanden mehr kannte.

Ich war in dem Glauben aufgewachsen, dass das Innere eines Menschen zählt und dass Klamotten unwichtig sind. Meine Eltern waren in ihrer Ablehnung von Schönheits-Standards und Konsumvorschriften noch viel konsequenter als die Hippies. In der christlichen Gemeinschaft, zu der wir gehörten, konnte von Körperkult keine Rede sein. Schließlich war die Bibel da ganz eindeutig:

«Eine schöne Frau ohne Anstand ist wie eine Sau mit einem Ring durch die Nase», heißt es im «Buch der Sprüche». Und: «Anmut kann täuschen, und Schönheit vergeht.» Der Apostel Petrus hatte den Frauen eingeschärft: «Nicht äußerer Schmuck wie kunstvolle Frisuren, goldene Ketten oder teure Kleidung soll euch auszeichnen.» Und der Apostel Paulus schlug in dieselbe Kerbe: «Eure Schönheit soll von innen kommen. Ein freundliches und ausgeglichenes Wesen ist euer unvergänglicher Schmuck.»

Und so lief ich auch herum. Naja, bis auf die Stelle mit dem ausgeglichenen Wesen.

Ich hatte schlechte Haut, war sehr dünn und trug eine riesige Brille. Meine langen Haare trug ich als Zopf, und ich kämmte sie eher selten. Ich kam am liebsten in Jogginghosen und T-Shirts zur Schule und weiß noch, wie mich eines Tages eine Mitschülerin fragte, ob meine Eltern sehr arm seien. Ich ging auf ein privates Gymnasium mit bilingualem Zweig, und die meisten meiner Mitschüler kamen aus eher wohlhabenden Familien.

Ich war im Gegensatz zu meinen älteren Geschwistern weder fleißig noch besonders konzentriert. Stattdessen war ich überfordert mit allem, wusste plötzlich nicht mehr, wer ich bin und was ich kann. Und ich war unglaublich faul. Die einzigen Fächer, auf die ich mich freute, waren Sport, Kunst und Religion. Die Freude am Schreiben verlor ich völlig, in Deutsch hatte ich nur schlechte Noten, noch schlimmer waren Mathe, Chemie und Physik.

Da ich größtenteils mit Jungs aufgewachsen bin, habe ich viel Fußball gespielt und die meiste Zeit in der Natur verbracht. Ich war weit davon entfernt, erwachsen werden zu wollen. Das hat die Teenagerjahre nicht einfacher gemacht. Im Gegensatz zu allen anderen wollte ich eigentlich nicht erwachsen werden.

Ich war sehr dünn und konnte essen, was ich wollte. Die Berge an Süßigkeiten, die ich in einer Stunde allein vertilgen konnte, hätte jemand anderes wohl in einer Woche zu sich genommen. Ein Tag ohne Süßigkeiten war einfach kein guter Tag.

Abseits der Schule war die Welt in Ordnung. Meine Freundinnen wohnten weiter weg und gingen zu einer anderen Schule. Aber wir trafen uns am Wochenende. Wir übernachteten auf einem Matratzenhaufen auf dem Dachboden, sahen die Sterne und planten unser Leben wie ein großes Abenteuer. Und ich war gut darin, meine schulischen Probleme und die nicht gemachten Hausaufgaben erfolgreich zu verbergen.

Der Tag, an dem meine halbwegs heile Welt aus den Fugen geriet, kam völlig unerwartet. Und mit einem riesigen Schock.

Ein Mädchen, mit dem ich mich gerade erst befreundet hatte, wurde ermordet.

Marie war noch nicht einmal ein Teenager, gerade mal elf Jahre alt. Sie war auf dem Fahrrad unterwegs, wollte sich ein Eis kaufen, wurde in einem Waldstück von einem Mann angegriffen. Er wollte Marie vergewaltigen, sie schrie um Hilfe. Um sie zum Schweigen zu bringen, erschlug er sie mit einer Flasche. Man fand sie mit zertrümmertem Schädel in einer Scheune.

Als ich davon erfuhr, änderte sich alles.

Ich wusste plötzlich, dass nichts sicher ist. Dass Gott Dinge zulässt, die furchtbar sind. «Gott hat alle Kinder lieb», sangen wir sonntags im Kindergottesdienst. Warum war er dann nicht eingeschritten?

Ich weinte, redete aber nicht über meine Fragen. Ich begann mich vor dem Leben zu fürchten. Meine bis dahin intakte Welt bekam Risse. Ich war von nun an überzeugt: «Männer sind gefährlich. Mädchen sind schwach. Und ich bin nie sicher. Ich muss auf mich selbst aufpassen. Wenn es hart auf hart kommt, bin ich allein. Und: Weinen ist schlecht.»

Das waren Annahmen, die sich in den folgenden Jahren immer tiefer in mich eingruben. Leider lernte ich nicht, wie man mit extremen Gefühlen umgeht. In meiner Familie war niemand so emotional wie ich. Rückblickend gesehen würde ich mir das attestieren, was Fachleute «Hypersensibilität» nennen. Es war daher ganz sicher nicht einfach, mit mir umzugehen. Ich wiederum interpretierte das als Ablehnung.

Als Reaktion darauf legte ich mir einen ziemlich effektiven und stacheligen Schutzpanzer zu. Und ich begann mich abzuhärten, mir emotionale Robustheit anzutrainieren. Es gab einen kleinen unheimlichen Wald ganz in der Nähe. Ich zwang mich immer wieder, alleine dort hindurch zu spazieren, um stärker zu werden und meine Angst in den Griff zu kriegen. Nach außen simulierte ich Stärke, reagierte schnell aggressiv, um nicht zu zeigen, wie es in mir wirklich aussah. Aber ich galt auch als originell. Immerhin.

Zuhause kam ich nach wie vor recht gut klar.

Das änderte sich, sobald ich auf dem Fahrrad die Wiesen und Wälder «meiner Welt» verließ und in den Schulbus stieg. Denn dort begann der tägliche Horrortrip, und ich schlüpfte in eine andere Rolle. Ich machte mich unsichtbar.

Schuld waren Timo und Raffael.

Timo ging in eine Parallelklasse. Wir hatten einige Fächer zusammen, und ich fürchtete mich jedes Mal davor, im selben Raum mit ihm zu sitzen. Er starrte mich an, tuschelte seinem Nachbarn etwas ins Ohr, und dann lachte einer nach dem anderen, dem es zugeflüstert wurde. Bis mich alle anglotzten und loskicherten. Die Lehrerin rief zur Ordnung auf, aber ich konnte mich nicht mehr konzentrieren.

Was war so lustig an mir? Eine Mitschülerin klärte mich auf. Es waren meine langen zotteligen Haare und meine billige Sportjacke, die mich zum Gespött der Klasse machten. Anders als heute stand das Thema «Schul-Mobbing» noch nicht auf der Tagesordnung. Ich hatte keine Ahnung, warum ausgerechnet ich so gehässig behandelt wurde. Ich hatte doch niemandem etwas getan.

Nicht mal mit guten Noten konnte ich gegenhalten, konnte meinen Selbstwert also nicht mit Erfolg stabilisieren. Spitze war ich nur in den Fächern, für die man nicht lernen musste: Sport und Kunst. In den anderen Fächern war ich allenfalls Durchschnitt – in Mathe, Physik, Französisch und Chemie sah es ganz düster aus. Mein Physiklehrer meinte eines Tages, er sei verwundert, dass ich nicht genauso intelligent sei wie all meine Geschwister … Nicht gerade motivierend. Ich tröstete mich mit Unmengen an Süßigkeiten.

Noch schlimmer als die Schule war jedoch der Weg dorthin. Eine Dreiviertelstunde dauerte die Fahrt. Für mich jedes Mal eine schreckliche Ewigkeit. Denn im Bus wartete Rafael, ein dunkelhäutiger Junge mit krausen Haaren, dicker Brille und einem runden Gesicht. Er liebte es, sich hinter mich zu setzen und mir die übelsten Beleidigungen und Obszönitäten ins Ohr zu flüstern. Manchmal sagte er sie auch so laut, dass es Mitfahrer auf den Nachbarsitzen hören konnten. Aber meist flüsterte er oder sprach leise.

Reiner Psychoterror.

Aber ich wehrte mich nicht. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. In der Kirche hatte ich gelernt, bei Angriffen die andere Wange hinzuhalten, meine Feinde zu lieben und ihnen zu vergeben. Es war, als würde ich in diesen Momenten einfrieren, als würde sämtliche Kontrolle über meinen Körper verschwinden. Ich hoffte nur, dass es bald aufhören würde. Am schmerzhaftesten war aber, dass niemand eingriff. Dass niemand Rafael konfrontierte und mich erlöste. Nie zuvor hatte ich mich so allein gefühlt.

Ich sagte niemandem etwas davon. Ich verdrängte. Und darin war ich wirklich gut. Ich hatte nie gelernt, über meine Gefühle zu sprechen. Und ich hatte – obwohl ich meine Familie sehr liebte und gute Freunde hatte – niemanden, dem ich mich hätte offenbaren wollen. Es war wohl eine Mischung aus Stolz und Scham. Und keiner ahnte, dass das Mädchen mit der großen Klappe zur ängstlichen grauen Maus mutierte, sobald es den Bus bestieg.

«Geh weg, du Freak!»

Wenn du meinen Mann Markus heute siehst, kämst du nie auf die Idee, dass er als Kind eher klein und schmächtig war und so heftig an der Hautkrankheit Neurodermitis litt, dass er fast ein Jahr seines Lebens in verschiedenen Hautkliniken verbrachte.

Dabei hat dieses Ekzem seine Kindheit und Jugend tief geprägt. Seine Eltern verzweifelten, denn sie wussten ihm nicht zu helfen. In ihrer Not probierten sie alles: Diäten, Teersalben, Kortison-Cremes, Tabletten, Meersalzbäder, Bestrahlungen. Immerhin setzten sie nicht den angeblich todsicheren Therapievorschlag einer Verwandten um, die juckenden Hautstellen morgens mit Urin zu bestreichen.

Um sich selbst vor nächtlichen Kratzattacken zu schützen, ließ Markus sich vor dem Einschlafen mit Mullbinden die Hände fesseln. Morgens waren die Binden abgerissen und der halbe Körper wundgeschürft. Das machte seine Schulzeit nicht gerade einfach. Einige Mitschüler beschimpften ihn als «aussätzig» und riefen: «Geh weg, du bist eklig, du Freak …»

An manchen Tagen ging Markus mit seinen vielen Verbänden wie eine Mumie durch die Welt.

Doch wenn du ihn heute als Erwachsenen siehst, erinnert nichts daran, dass er bis in die Studentenzeit von dieser schweren Hautkrankheit geplagt war. Obwohl er jahrelang mit starken Wirkstoffen behandelt wurde, ist er in die Höhe geschossen, ist topfit und hat viele Marathons absolviert. Und obwohl er jahrelang davon ausging, wegen seines Ekzems nur ein «Radiogesicht» zu haben, ist er beim Fernsehen gelandet und regelmäßig vor der Kamera.

Wenn Markus über seine Kindheit redet, kommen keine Worte der Bitterkeit oder Verletzung zum Vorschein, sondern große Zufriedenheit.

Woran liegt es, dass der eine an solchen Erfahrungen noch lange zu knabbern hat und ein anderer sie als Chance sieht und daran gewachsen ist?

Als ich Markus diese Frage stellte, sagte er: «Ich habe das Beste draus gemacht und die Zeit genutzt, um viel zu lesen und schlau zu werden. Ich konnte nicht der Klassenschönste sein, also wurde ich stattdessen Klassenbester, und in meiner Freizeit hatte ich Zeit, viel zu lesen, weil andere Dinge für mich gar nicht möglich waren.»