Abel und Joe - Michael Sollorz - E-Book

Abel und Joe E-Book

Michael Sollorz

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Beschreibung

Einen Tag und eine Nacht ist Abel in Berlin unterwegs. Er sucht Joe, seinen Freund, der ihm Heimat bedeutet wie die vertraute Stadt, die sich so rasant verändert. Wie lange war Joe nicht zu Hause, hat er Abel verlassen, geht jetzt eigene Wege? So pilgert Abel durch die Subkultur. Märchenbrunnen und Tiergarten, Kneipen, die Sauna unterm Dach, Orte des Begehrens und fremder Umarmung. Wurden sie für ihre Liebe zur Gefahr? Hat der junge Ostberliner Abel zu viel erhofft vom Leben mit Joe, zugezogen aus katholischer West-Privinz? Hatten sie überhaupt eine Chance? Abels Odyssee öffnet auch den Blick auf seine Herkunft, dieses "Märchenland", das er nicht festhalten kann, vielleicht ebenso wenig wie den Freund. Michael Sollorz' Romandebüt "Abel und Joe" beschwört mit ungeheurer Zärtlichkeit, Witz und einer lakonisch-präzisen Sprache das Gestern im Heute. Dabei fängt er nicht nur das schwule Lebensgefühl der 1990er Jahre ein, sondern auch die Verlorenheit jener Generation, die nach der deutschen Wiedervereinigung im Osten des Landes neu anfangen musste. Die Neuauflage zum 30. Jubiläum ist eine Einladung, diese zeitlos-melancholische Liebesgeschichte wiederzuentdecken.

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Seitenzahl: 164

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Verlagsinformation

Einen Tag und eine Nacht ist Abel in Berlin unterwegs. Er sucht Joe, der ihm Heimat ist wie seine Stadt, die sich so rasant verändert. Abel pilgert durch die Subkultur, Märchenbrunnen und Tiergarten, Kneipen, die Sauna unterm Dach, Orte des Begehrens und fremder Umarmungen. Wurden sie für ihre Liebe zur Gefahr? Hat der junge Ostberliner Abel zuviel erhofft vom Leben mit Joe, zugezogen aus katholischer West-Provinz?

Michael Sollorz’ Romandebüt Abel und Joe beschwört mit ungeheurer Zärtlichkeit, Witz und einer lakonisch-präzisen Sprache das Gestern im Heute. Dabei fängt er nicht nur das schwule Lebensgefühl der 1990er Jahre ein, sondern auch die Verlorenheit jener Generation im Osten des Landes, die nach der deutschen Wiedervereinigung neu anfangen musste. Die Neuauflage zum 30. Jubiläum ist eine Einladung, diese zeitlos-melancholische Liebesgeschichte wiederzuentdecken.

Der Autor

Michael Sollorz, 1962 in Ostberlin geboren, absolvierte Berufsausbildungen als Dachdecker und Zootierpfleger. Seit 1985 ist er freier Schriftsteller und Journalist. Zu seinen Buchveröffentlichungen zählen Die Eignung (2008) und Fünfzig (2013). 2023 erschien sein Roman Zeit der Kräne.

»Eine unverwechselbare Stimme, der sich kein Leser entziehen kann. Kein anderer Romancier beschreibt die veränderte gesellschaftliche Wirklichkeit nach dem Fall der Mauer mit so viel schmerzlicher Genauigkeit und Leidenschaft.«

Mario Wirz

MICHAEL SOLLORZ

ABEL UND JOE

ROMAN

Mit einer Betrachtung von Katja Oskamp

Abel und Joe erschien zuerst 1994

im Verlag rosa Winkel.

1. Auflage

© 2024 Albino Verlag, Berlin

Salzgeber Buchverlage GmbH

[email protected]

Umschlaggestaltung: Johann Peter Werth

unter Verwendung eines Fotos von Andreas Fux

Satz: Robert Schulze

Printed in the Czech Republic

ISBN 978-3-86300-386-9

Mehr über unsere Bücher und Autor*innen:

www.albino-verlag.de

Für Dino

DER MORGEN

Die Glocken der Galiläa-Kirche schlugen sieben, als Abel in seine Straße bog. Seine Eier taten ihm weh; er hatte den Schwanzring zu lange getragen. Die Straße schlief noch; es war der 28. August, ein Sonnabend. Abel taumelte vor Müdigkeit und hoffte, Joe würde heimgekommen sein.

Der Himmel über dem milchigen Grün des Kirchturms färbte sich wie für einen prächtigen Hochsommertag, doch der Schein trog, die Luft war noch eisig von der Nacht, und Abel spürte, heute wollte der Sommer gehen.

Seit zehn Jahren bewohnte er die Wohnung unterm Dach, genau gegenüber der Kirche, und vor drei Jahren war Joe bei ihm eingezogen. Eines Nachts, als es besonders still war, standen sie im offenen Fenster und glaubten die Zeiger der Turmuhr zu hören, wie sie schamlos über die vergoldeten römischen Ziffern rückten. Sie hatten sich angeschaut, erschrocken und stumm.

In großen Sätzen nahm Abel die Treppen. Müsste er eines Tages auf halber Höhe verschnaufen, würde er sein Leben ändern. Noch kam er ohne Halt bis nach oben, sogar nach den langen Nächten.

Seine Hand zitterte, als er den Schlüssel ins Schloss schob. Joe war wieder nicht gekommen, kein Zettel auf dem Küchentisch, nichts. Am Vortag hatte Abel eingekauft und die Küche sauber gemacht, Geschirr gespült und die Tischplatte gewienert, bis sie danach schrie, dass jemand eine Spur auf ihr hinterlässt, ein Blatt vom Abreißblock der Einkaufszettel, eine Blume, einen Krümel Tabak.

Im Bad beruhigte sich Abel. Joe hatte ihn nicht verlassen. Sein Rasierer klemmte hinter dem Wasserrohr und ihre Zahnbürsten kreuzten sich im Cola-Glas, der Beute einer gemeinsamen Dampferfahrt auf den trüben Kanälen der Stadt.

«Willst du mich verlassen», hatte Abel im ersten Jahr scherzhaft gemeint, «dann lass uns nicht drüber reden. Nimm einfach deinen Rasierer und die Zahnbürste. Sind sie weg, weiß ich Bescheid.»

«In Ordnung.»

Es hatte Abel keine Ruhe gelassen. «Du, Mausebär …»

«Was?»

«Das dröhnt mir noch ganz dumm im Kopf, was ich eben gesagt habe.»

«Mir auch. Einen Moment war mir richtig schlecht. Du bist der König der Kotzbrocken – hat dir das schon einer gesagt?»

«Oh, viele – aber noch keiner so nett wie du.»

Wieder schwiegen sie eine Weile, bis Abel munter erklärte: «Weißt du, das ist gar nicht schlimm, wenn du mich verlässt – ich komme einfach mit!»

Sie hatten gelacht und sich einen Kuss gegeben. Ihre kleine Welt blieb heil. Verspieltes Geschwätz, das nur bewies, wie gut sie es miteinander getroffen hatten. Doch unter ihrem Lachen lauerte ein Rest, über den sie nicht sprechen konnten.

Abels Blick streichelte die Zahnbürsten im Cola-Glas. Er mochte sie nicht stören. Das Fenster bot eine schmale Aussicht in den Hof, auf die alte Kastanie; in ihrer Krone schimpfte das Amselhähnchen. Abel pinkelte und schaute noch einmal in den Spiegel. Wo bist du, dachte er.

Dann legte sich Abel schlafen.

Er träumte. Er gebiert ein Kind. Er liegt dabei auf der Seite und denkt: Die Stellung ist nicht richtig, hoffentlich geht es gut. Er presst es aus sich heraus. Es ist ein wolliges schwarzes Lämmchen. Du bist ja schwarz, denkt er, du wirst ein schwarzes Schaf.

Joe sitzt während der Geburt neben ihm. Ein Glücksgefühl strömt durch Abel, wie er es lange nicht erlebt hat. Es ist wie ein Floß, das ihn schwerelos über die Strudel trägt.

Wie glücklich ich bin, denkt er. Ist es vielleicht nur ein Traum? Er streichelt das feuchte, noch etwas verklebte Wollkleid des Kindes.

Plötzlich platzt alles. Ein Schaf wird nicht so alt wie wir, durchzuckt es ihn. Ein Sturz aus großer Höhe. Unser Kind muss vor uns sterben, sagt er zu Joe. Dann versinkt er.

DER TAG

Abel erwachte. Hinter seinen geschlossenen Lidern wirbelten die Bilder der Nacht, zerstückelt und falsch montiert; schmale Hände, ein haariger Arsch und Laternen, die stürzten wie Bäume. Ein Rudel Fahrkartenkontrolleure.

Abel blinzelte nach der Zeitanzeige des Videorecorders. Weil er keine seiner Brillen in Reichweite wusste und seine Linschen noch in ihrer Lösung schlummerten, blieb er seufzend liegen. Der Recorder log ohnehin, Abel konnte ihn nicht einstellen, er hatte es nie wirklich versucht. Die Küchenuhr war kaputt, und der Wecker in Joes Zimmer zeigte seit Tagen Viertel nach drei. Draußen war heller Tag; wen kümmerte die Zeit?

Ich fahre zum Engel, dachte Abel plötzlich, vielleicht weiß er was von Joe. Der Einfall stimmte ihn froh. Er konnte etwas tun.

Nach dem Zähneputzen hörte er den Anrufbeantworter ab. Joes beschwipste Ansage, aufgenommen im letzten Winter; alle Anrufer beklagten sich über ihre Länge.

Verehrte Damen – es folgte eine lange Stille –, meine sehr verehrten Herren! Wen von uns hätte nicht eine zu kurz gekommene Großmutter gelehrt, dass Geduld zu den höchsten Tugenden zählt? Sie möchten sprechen? Warum? Glauben Sie sicher zu wissen, was Sie zu sagen haben? – Das folgende Schweigen dauerte so lang, dass viele meinten, sie sollten nun sprechen. Andere legten auf. – Nun, wenn Sie schon mal zuhören: dies ist der Anschluss von Abel und Joe. Und nun aufgepasst! Gleich macht es pieps! Sie haben elf Sekunden!

Später wollte Joe das Band löschen, es war ihm peinlich. Erst Abels Hinweis, die Hürde nähmen nur Eingeweihte, kaum aber ein Fremder, dem man im Überschwang einer Nacht die Nummer zugesteckt hatte, stimmte Joe um; er wollte nicht, dass immer neue Fremde Abel verlangten.

Abel lauschte. Der Signalton. Ein Anrufer, der nicht sprach. Atemzüge, zwei, drei Sekunden. Das Atmen eines Mannes, keine Stimme, kein Gesicht. Es gab so viele Männer in der Stadt; und für jeden, der starb, kamen von den Dörfern zwei neue.

War es Joe, der angerufen hatte, um sicherzugehen, dass er keine leere Wohnung vorfinden würde? Joe hätte etwas gesagt, denn er wusste, dass Abel nicht abnahm, bis er den Anrufer erkannt hatte.

Abel spulte zurück bis hinter Joes Stimme, drückte die Aufnahmetaste und sagte hastig: «Joe! Alle Uhren sind stehen geblieben. Wo bist du? Komm nach Hause! Oder sprich aufs Band! Ich bitte dich sehr …»

Abel nahm die Linschen aus ihrem Schlummerwasser. Seine Augen brannten und tränten. Er setzte sich aufs Klo und fluchte, wie eitel es draußen zuging. Beim Abwischen sah er Blut auf dem Papier. Vielleicht täuschte er sich auch, seine Augen tränten noch immer; wütend zog er an der Spülkette. Kein Bruchstück der Nacht passte in ein Bild, das die Blutspur erklärt hätte.

Abel duschte lange und stellte das Wasser immer heißer; nie war es ihm heiß genug. Dunkelrot wie der flauschige Vorleger stieg er aus der Wanne. Sein Schwanz wippte straff. Er betrachtete ihn im Spiegel und sagte: «Du siehst sehr schön aus, ich nähme dich gern in den Mund, wäre ich ein anderer. Aber ich bin nur Abel, der Mann an dir dran.»

Einlauf? Unsinn. Rasieren? Morgen vielleicht. Die Jeans von gestern? Eben die und keine Unterhose. Frische Socken, ein sauberes Hemd. Was blieb zu tun? Nichts.

Schritte im Treppenhaus? Abels Herz schlug schneller. Ein Schlüssel, der sich ins Schloss schob? Keine Schritte, kein Schlüssel. Gespinste der Stille. Samstags hinterm Mond. Das Surren des vollgepackten Kühlschranks. Essen? Nicht allein. Trinken? Nicht hier.

Abel riss einen Zettel vom Block, setzte sich an den Küchentisch und schrieb: Ich halte das Warten nicht aus. Ich geh dich suchen.

Er zog seine Jeansjacke an, die klobigen schwarzen Halbschuhe, und dachte plötzlich: Und wenn er hier gewesen ist?

Die Zimmer gaben das Geheimnis nicht preis. Die Wände schwiegen abweisend, und die Haare der billigen Teppiche richteten sich nach jedem Schritt gleich wieder auf. Lag eine feine Staubschicht auf der Türklinke von Joes Zimmer? Zogen sich die Falten von Joes zerwühlter Bettdecke vorgestern nicht anders?

Abel schmiegte sein Gesicht auf das hellblaue Laken, die Landschaft aus Schatten und Flecken, und roch am Bezug der Decke; ein Muster aus blühenden Kamelien.

Kam Joe heimlich her? Hatte ihn Abels Abwesenheit verletzt, war er deshalb ohne Nachricht wieder weggegangen?

Zwischen ihrem Schuhputzzeug fand Abel einen kurzen Wollfaden. Es war wie am Anfang, als jeder meinte, der andere schnüffele ihm nach. Die Fächer, in denen sie alte Briefe verwahrten, Tagebücher und Fotos, waren auch damals nicht verschlossen.

«Du hast mir nie von Marcus erzählt!»

«Muss ich dir alles erzählen? Und wer ist überhaupt Marcus?»

«Tu doch nicht so.»

«Ich kenne keinen Marcus.»

«Wirst du eines Tages über mich auch so schreiben?»

«Bestimmt, wenn du so weitermachst.»

«Miststück!»

«Hure!»

«Küss mich!»

In Gedanken hatten Abel und Joe sich auf solche Gespräche vorbereitet, die Rollen blieben austauschbar wie die Vorwürfe und Namen. Später lachten sie über die Fallen, in die sie nicht gegangen waren, und lasen einander ihre Tagebücher vor. Die Monate zwischen ihrer ersten Begegnung und Joes Umzug nach Berlin. Abel überblätterte ein paar Episoden. Seit sie zusammenlebten, gab es ohnehin kaum noch etwas, das sich verbergen ließ; die Reste hatten sie bitter nötig.

Abel schloss die Wohnung ab, klebte kniehoch den Wollfaden über den Türspalt, mit Spucke, wie Joe es erfunden hatte, und lächelte dabei. Das Lächeln lag noch auf seinem Gesicht, als er langsam die Treppen hinunterstieg, in den Hausflur, zu den rostigen Briefkästen.

Vor der Tür stand die Grausig. Sie war Frührentnerin, einen halben Kopf größer als Abel und knochig wie ein altes Pferd. Sie wohnte unter Abel und Joe.

An ihrer Klingel stand Welz, der Name ihres Mannes, eines früheren Botschaftsrates; noch immer dröhnten zu Weihnachten und Ostern russische Chöre durchs Haus. Er hatte Spaziergänge geliebt, allein und am frühen Morgen; so wollte er seine Tage beginnen. Im Winter vor zwei Jahren war er gestürzt, an der Rampe des Getränkeladens, den die Kinder zur spiegelnden Rutschbahn machten. Nach der Schule schmissen sie ihre Mappen in den Schnee und kreischten böse, wenn der verwachsene Inhaber herauskam und sie wegjagte.

Es hieß, es sei Viertel vor sieben passiert. Der Laden war noch geschlossen. Welz starb im Schnee – lächelnd. Eine Nachbarin hatte gesehen, wie er Schneebälle nach den Laternen schmiss und auf der Rampe schlitterte. War er verrückt geworden – ein Herr mit seiner Vergangenheit? Vor wem hätte er sich schämen sollen – es gingen um diese Stunde kaum Leute vorbei, seit so viele in der Straße ohne Arbeit waren.

Nun trat die Grausig jeden Morgen vors Haus, besorgt, wo der Alte so lange blieb. Bei schönem Wetter ging sie wieder und wieder hinunter, stand auf dem Gehsteig und hielt Ausschau, bis die Turmuhr zwölfmal schlug.

«Grausig», flüsterte Joe, als sie die Frau beobachteten, drei Tage, einen Monat, ein Jahr. Mittags räumte sie das unbenutzte Frühstücksgeschirr in den Schrank und schlief eine Stunde.

Sie las Schiller, Simmel und Sakowski und seit jeher lugte aus ihrem Briefkasten das ND. Sie hatte als Lehrerin gearbeitet, bis man sie aus der Schule warf; sie hatte darum gebeten.

«Wissen Sie», vertraute sie Abel eines Morgens vor der Haustür an, «die neue Behörde und ich – wir wären uns nicht grün geworden. Früher faulte wohl mal eine Frucht, heute ist die ganze Wurzel krank.» Dabei folgte ihr Blick drei makellos gewachsenen Früchtchen, sie trödelten mit wippenden Rucksäcken rauchend Richtung Schule. «Krank, verstehen Sie?»

Abel nickte höflich.

«Und außerdem», fügte die Frau hinzu, «wäre ich noch im Joch, müsste mein alter Welz alleene frühstücken. Das kann er nicht leiden …»

Abel und Joe schleppten der Frau die Kohlen in den dritten Stock und gaben ihr einen Wohnungsschlüssel, damit sie mit Joes Kamelien sprach, wenn Abel und Joe verreisten.

Beim ersten Mal hatte Joe den großen schwarzen Gummischwanz, dessen Platz auf einem Wasserrohr über der Badewanne war, hinter den Handtüchern im Schrank versteckt. Beim zweiten Mal vergaß er es, und nach ihrer Rückkehr nahm die Grausig Abel beiseite, wies ins Bad und fragte: «Und damit geht es?»

«Beim ersten Mal, da tut’s noch weh», sang Abel leise.

Natürlich kannte die Grausig das Lied und fiel schmetternd ein. Sie sangen gemeinsam den Refrain, laut und schamlos falsch; dann lachten sie und lachten und wischten sich verstohlen die Tränen ab.

Begriff die Frau wirklich nicht, dass ihr alter Welz nicht mehr kommen konnte? Eines Nachmittags erschien sie mit einem Monteur von der Post. Seltsamerweise duzte sie den Mann. Er legte das Telefon der Welzens, seit jeher der einzige Anschluss im Haus, nach oben zu Abel und Joe. Die Frau hatte alle Formulare ausgefüllt, die Nummer war schon umgemeldet.

«Wissen Sie, manchmal rufen Leute an, die wollen meinen Mann. Es ist mir peinlich, unentwegt erklären zu müssen, er sei noch nicht zu Hause. Nehmen Sie es – Sie brauchen es.»

Joe strahlte und rief seine Mutter an, kaum waren die Frau und der Monteur gegangen.

Seitdem dachte Abel: Sie spielt nur die Verwirrte. Sie weiß alles. Das ist ihre Art zu überleben.

«Auch keine Post?», fragte die Grausig.

«Nee», sagte Abel. «Bloß die Zeitung.»

«Bei mir auch bloß die Zeitung.»

«Und? Steht was drin?»

«Ach», sagte die Frau. «Wieder bloß Kummer.»

Abel irritierte, wie aufmerksam, ja besorgt sie ihn musterte.

Ein schlaksiger Bursche aus dem besetzten Nachbarhaus schlurfte an ihnen vorbei. Sein verschlafener Blick streifte die Schürze der Grausig, die Matrioschkas und Bären. In der Seitenstraße standen Mannschaftswagen der Polizei.

«Ist irgendwas?», fragte Abel.

«Die Besetzer machen ein Straßenfest», sagte die Grausig. «Gegen Olympia, wegen der Solidarität – und überhaupt!»

«Ach so.»

«Gehn wir heute Abend zusammen runter und trinken einen Schnaps! Oder besser zwei?»

«Gute Idee», sagte Abel. «Das machen wir.»

«Junge», seufzte die Grausig. Ihre Hand legte sich auf seine Stirn. «Ist alles in Ordnung? Kommst du zurecht?»

«Sicher», wehrte Abel ab. «Warum nicht?»

Die Grausig wich seinem Blick aus, als schäme sie sich, eine Grenze verletzt zu haben. Abel spürte, dass sie etwas sagen, sich vielleicht sogar entschuldigen wollte; er lief los und winkte ihr lächelnd zu.

Mit jedem Schritt wuchs das Gefühl, ein Teil von ihm wäre bei der Frau zurückgeblieben. Ein Besäufnis auf dem Straßenfest? Keine so gute Idee ohne Joe.

Abel tastete die Taschen seiner Jeansjacke ab; Feuerzeug und Zigaretten, Gummis, Wohnungsschlüssel, Lippenfett – er war komplett.

Auch am Bersarinplatz parkte ein kleiner Polizeibus, umlagert von milchbärtigen Wachtmeistern; sie trugen fabrikneue Kampfanzüge, in denen ihre Ärsche rund und drall aussahen.

Der Größte war flachsblond und lächelte böse; Abels Blicke waren ihm nicht entgangen.

Woher kommst du, Kamerad, dachte Abel und stellte sich vor, wie sie in einer Reihe antraten.

Aus Wolgast, mein Vater ist Fischer!

Aus Stettin, mein Vater ist Bauer!

Aus Stuttgart, mein Vater repariert Uhren!

In ihren heimatlichen Dialekten riefen sie die Antworten, ihre weichen, hellen Gesichter der versprochenen Zukunft zugewandt.

Woher kommst du, Kamerad?

Aus Köln, mein Vater ist Lehrer!

Aus Berlin, mein Vater ist General!

Scheiß auf eure Väter, dachte Abel und öffnete die Tür von Krolls Bistro. Der Chef schien außer Haus zu sein; das Personal schwatzte mit einem kahlgeschorenen Jungen; die Augen des kleinen Barmanns funkelten hinter den Gläsern seiner modischen Brille.

Der Flachsblonde ging Abel nicht aus dem Sinn.

Aus Rostock, mein Vater ist Schuster!

Und was tust du? Schämst du dich nicht? Ich hätte bessere Arbeit für dich. Ich bin ein berühmter Regisseur – niemand kennt meinen Namen …

Seufzend faltete Abel die Zeitung auseinander und überließ sich dem ersten Film seines 28. August.

Der junge blonde Recke stößt Abel in den Mannschaftswagen. Die Tür schlägt zu. Er streicht sich das Haar aus der Stirn und befiehlt: Auf die Knie!

DIE UNO VOR DER PLEITE. RUSSISCHE KASERNEN STEHEN ZUM VERKAUF. Ich nehme eine, dachte Abel, komplett mit Mann und Maus.

BONN-LOBBY BREMST BERLIN-EXPRESS.

Das Scharren der Schnürstiefel auf dem Bodenblech, das Klirren von Koppeln und Handschellen.

TOD EINES MFS-OFFIZIERS KOMMT VOR GERICHT. Jetzt wollen sie schon den Tod verknacken?

«Sie wünschen?» Eine Aushilfskraft? Abel kannte die Stimme nicht. Er versteckte sein Gesicht hinter der Zeitung.

«Ein Weizen!»

«Hefe?», fragte die Stimme.

«Bist du ein Junge oder ein Mädchen», fragte Abel.

«Ein Junge», antwortete die Stimme zögernd.

«Kristall», sagte Abel. «Die Zitrone geschält!»

Schritte entfernen sich. Sechzig Kilo, ungefähr. WILDE ORGIEN BEI DER POLIZEI. Abel musste lachen. Da stand es, Seite acht, und schien vollkommen ernst gemeint. BRITISCHE ORDNUNGSHÜTERINNEN WERDEN VON IHREN KOLLEGEN BELÄSTIGT. Doch nicht. Wieder nur die Wirklichkeit. Rasch tauchte er zurück in seinen Film.

Keuchend presst der Flachsblonde Abel auf einen Haufen Panzerwesten, reibt seinen Schlagstock auf Abels Schulter, einmal, noch einmal, dann holt er aus und schlägt zu; diese Träume kennen keinen Schmerz.

ES HAT MIR GANZ SCHÖN WEH GETAN, DIE 89ER ZEIT. Ein Interview mit der Schlittschuhmaid. Auf dem Foto wirkt sie ganz gelöst, sie ist erwachsen geworden. Ob sie fluchen darf, wenn sie mit dem Arsch aufs Eis fällt?

Abel krümmt sich stöhnend und versucht das Geräusch zu bewahren, den Augenblick, als seine Hose zerreißt. Der Blonde drückt spielerisch seinen Schlagstock zwischen Abels Backen; es wird still in dem kleinen Bus.

«Ein Kristall!» Das Klappern des Bierdeckels, das dumpfe Hinstellen des Glases, das Innehalten vor dem Weggehen.

«Wie heißt du?», fragte Abel.

«Marco», sagte die Stimme.

«Danke, Marco», sagte Abel, tastete nach dem Glas und dachte: Wie er wohl aussieht?

Marco, ein Schema Jugend, klettert in den Polizeibus, klein und behände; das glutäugige Enkelkind einer Wahrsagerin mit schwarzen Zöpfen und braunem Winkel an der Lagerkleidung.

Kann sie wirklich die Zukunft voraussehen?

Aus seiner Art zu stöhnen, zuzupacken, sich über Abel zu beugen, wird Marcos Gesicht entstehen. Atem und Haut, das Zittern seiner Wimpern. Die anderen ahnen nichts von Marcos Herkunft; sie halten ihn für den Sohn einer Pizza.

Woher kommst du?

Ich kenne meine Heimat nicht.

In Abels Film hat Marco seine Heimat gefunden.

OST-BERLINER WEGEN VOLKSVERHETZUNG ZU HAFT VERURTEILT. Er kommt in eine Zelle mit dem Tod, sie spielen Schach. Der Tod lässt den Jungen gewinnen und lächelt.

Am Abend Vietnam. Im Zweiten APOCALYPSE NOW, DIE DURCH DIE HÖLLE GEHN im Ersten. Ein Feiertag?

Abel kannte alle Filme. Er verdiente sein Geld als Kritiker, trostlos wenig Geld, dafür gehörten ihm seine Tage; er nannte sich reich. Er liebte seine Arbeit nicht besonders und blieb ein mittelmäßiger Nörgler. Vermutlich merkte das niemand, denn die Zeitungen, die ihn druckten, waren nicht besser als die Filme, über die er schrieb. Es durfte gelacht werden – es bedeutete nichts. Es durfte geweint werden – wen kümmerte es? Abel schrieb, was ihm einfiel, und wartete auf die Honorare.