Abendschule - Zsófia Bán - E-Book

Abendschule E-Book

Zsofia Ban

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Beschreibung

Ihr Schreiben kommt aus dem Schweigen. Aus der Präsenz der unerzählten Geschichten, die das Kind von Überlebenden des Holocaust umgab. Zsófia Bán, die sich mit Essays über W. G. Sebald, Imre Kertész und Susan Sontag einen Namen gemacht hat, wählt die Form des Schulbuchs, um ihren enzyklopädischen Lebensstoff Fach für Fach, von Geographie und Chemie bis Französisch durchzuarbeiten. In einer subtil ironischen, von Terézia Móra hinreißend vertonten Sprache erzählt sie vom Verschwinden eines Naturforschers im Dschungel von Laos, von der Reise des jungen Flaubert mit seinem Freund Maxime nach Ägypten oder von einem mitteleuropäisches Frauenleben, das vor Gewehrläufen an der Donau endete. Sie schmuggelt aber auch eine der großartigsten lesbischen Liebeszenen in ihre »Abendschule« hinein, die je geschrieben wurden. Alle Texte eint die Lust, Tabuisiertes, auch Abwegiges zu erkunden, um fürs Leben zu lernen − ein eminent kluges, erzählsüchtiges Buch.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 260

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Zsófia Bán

Abendschule

Fibel für Erwachsene

Mit einem Nachwort

von Péter Nádas

Aus dem Ungarischen

von Terézia Mora

Die Originalausgabe erschien 2007 unter dem Titel

Esti iskola. Olvasókönyv felnőtteknek im Verlag Kalligram, Bratislava

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2012

© Bán Zsófia, 2007

© der deutschen Ausgabe Suhrkamp Verlag Berlin 2012

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des

öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch

Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch

Fotografie, Mikrofilm und andere Verfahren) ohne

schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert

oder unter Verwendung elektronischer Systeme

verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Satz: Hümmer GmbH, Waldbüttelbrunn

eISBN 978-3-518-77720-6

Inhalt

Woist Mama

Gustave und Maxime in Ägypten (oder die Metaphysik des Geschehens)

Wechselzersetzung (Wahl und Verwandtschaft)

Die zwei Fridas (Schule jenseits der Grenze)

Film (24/1)

Fidelio (Blogoper)

Der Kobold

Die Versuchung des Henri Mouhot

Eine Kiste mit Fotografien (auf die Rückseiten geschrieben)

Nachtzoo

Mrs. Longfellow brennt ab (eine Biographie)

Olympia (une folie sentimentale)

Die Mantegna-Madonna wirft sich hinab (Volkslied in Erwartung eines Kindes)

Concerto (mit Untertiteln)

Vertreibung ins Paradies

Self-help oder die Macht des Nohau

Madame de Merteuil schüttelt sich

Die Mathematik des Zufalls

Am Vorabend des Abschieds ohne Wiederkehr (Archivaufnahme)

Wen alles nicht (unvollständige Inventur)

Die wunderbare Wiederkehr des Lachens

Nachwort Ein großer Mangel in der großen Freude des Seins Zu Zsófia Báns Abendschule

Geographie – Geschichte

Woist Mama

Das ganze Dorf geriet in Aufruhr. Woist Mama war verschwunden. Sie stellten die ganze Gegend auf den Kopf, durchforsteten die Keller, die Dachböden, kontrollierten die Heuhaufen, die Bienenstöcke, die Schweineställe, die Ententeiche, sie suchten sie in der auch international bekannten Pfauenfedersammlung, in der Vulkanfiber, im Frühbrüter (hat sich nicht bewährt), im Versuchsfeld für Drogenpflanzen (hat sich bewährt), im Entzug, im Aufzug, zwischen Pest und Cholera, auf dem Markt, in der Marktforschung, unter der Haube, über der Haube, zwischen und neben den Haubentauchern, in der Scheune und in den Schuppen, im Moor und in den Luftballons. Sie war nirgends. Das Dorf sah einander resigniert an. Immer macht sie das. Aber bis jetzt hat sie sich immer angefunden. Sie ließ zu, dass man sie stundenlang suchte, genoss, dass alle ihretwegen einen Herzkasper kriegten, dass sie sich aufregten, sich Sorgen machten, sich ängstigten, sich stritten, dass sie sich unerwartet Blößen gaben und Dinge sagten, die sie selbst überraschten, dass sie schubsten, dass sie schimpften, dass sie sich gnadenlos volllaufen ließen, dass sie sich gegenseitig mit den übelsten Namen belegten, dass sie beim Tanzen abklatschten und auf den Boden spuckten, dass sie nicht warteten, bis sie an der Reihe waren – und all das ihretwegen. Das genoss sie sehr. Aber dann, nachdem sie in der Kneipe mit leichter Übelkeit das süßliche Glas des Genusses geleert hatte, sowie zwei Cognac zur Begleitung, fand sie sich wieder an. Mit einem verschämten Lächeln nahm sie das Freudengeschrei hin, das Verstreichen der Abgabetermine, die mikroklimatischen Sonnenfinsternisse.

Kurz und gut, Woist Mama hat ihren Namen dieser ihrer Gewohnheit wegen bekommen und weil sie eine Klosteraussteigerin war, eine ehemalige Äbtissin, eine von der hübscheren Sorte (oder vielleicht gerade deswegen), und außerdem weil sie von allen die Mutter hätte sein können, obwohl sie nicht so alt aussah und nur von einem die Mutter war. [Was meinst du, wessen Mutter war Woist Mama? Argumentiere dafür oder dagegen!] Gefunden habe ich nun meine Mutter, dachte das Dorf jedes Mal, wenn es Woist Mama gefunden hatte, und griff gierig nach ihrer Brust, um sich säugen zu lassen, aber Woist Mama wies das konsequent von sich, weil sie es nicht mochte, jemandem die Brust zu geben, dafür hatte sie sich auch ein gefälschtes Entschuldigungsschreiben besorgt, »meine Tochter fühlt sich nicht wohl, ich bitte darum, sie von den Stillverpflichtungen zu befreien«, und stellte als Ersatzspielerin für diesen Zweck eine voluminöse Zigeunerin auf. Weswegen das ganze Dorf göttlich tanzen konnte, aber gesellschaftlich unterdrückt wurde. Woist Mama trug aus rätselhaften Gründen einen scharlachroten Buchstaben auf ihren Kleidern sowie samstags einen gelben Stern, weil das besser zu ihrem Kurzpelz passte. »Die Disharmonie der Farben ist der Tod der Eleganz«, pflegte Woist Mama stets zu sagen, damit es auch das Dorf beizeiten lernte. Niemals wäre es vorgekommen, dass jemand, sagen wir, Orange mit Rot angezogen hätte oder Mokassins mit weißen Frotteesocken. Als die Deutschen kamen, war der Transport aus dem Dorf mit makelloser Eleganz gekleidet. »Ich sterbe gerne«, sagte das Dorf, »aber geschmacklos angezogen will ich niemals sein.« Woist Mama schwoll in solchen Fällen die Brust vor Stolz, sie freute sich, dass das Dorf ihr keine Schande machte. Eins muss man den Deutschen lassen, sie wussten die Anstrengungen des Dorfes auf diesem Gebiet sehr zu schätzen, sie schnalzten jedes Mal anerkennend mit der Zunge, wenn sie ein gut gewähltes Accessoire erblickten, sie standen ganz besonders auf Hutnadeln, Goldzähne und Schuhe aus feinem Spaltleder. Die Russen waren für all das weniger empfänglich, und als Woist Mama sich einmal verwahrte, weil man sie einen schreiend grünen Bouclérock mit einem pinkfarbenen Cardigan anziehen lassen wollte, womit man sozusagen ihrem guten Geschmack Gewalt angetan hätte, kam sie prompt auf die Liste, neben den guten Geschmack. Doch all das konnte Woist Mama nichts anhaben, sie war schön, wie immer, geheimnisvoll wie immer, wohlriechend, wie immer, sie kochte schlecht, wie immer, ging zum Elternabend, wie immer, und trommelte nervtötend mit den Fingern, wenn sie kein Freizeichen bekam, wie immer. Manchmal verlor natürlich auch sie die Nerven, wer denn nicht, und verpasste dem Dorf gewaltige Ohrfeigen, so dass noch tagelang die Abdrücke von Woist Mamas langen, graziösen Fingern im Gesicht des Dorfes zu sehen waren, wofür sie sich auch eilig entschuldigte, und das Dorf verzieh ihr, das war das übliche Spiel zwischen ihnen, das im Allgemeinen von Woist Mama 6:2, 5:6, 6:1 gewonnen wurde, und auch die Presse war ganz benommen von ihrer Vorhand, denn manchmal bekamen auch sie was in die Fresse. Woist Mama war eine Cholerikerin, wie McEnroe, schrie den Schiedsrichter an, schmiss ihren Schläger auf den Boden und trat die Balljungen in den Hintern, wenn sie nicht schnell genug waren. Aber deswegen war ihr niemand böse, weil niemand (aber wirklich niemand) so bezaubernd lächeln konnte wie Woist Mama, niemand konnte die Hüften so graziös schwingen, die Schultern, die Knöchel blitzen lassen, kokett zwinkern und einen Termin beim Zahnarzt ausmachen. Als Gegenleistung verzieh ihr das Dorf, dass es immer um Verzeihung bitten musste, wenn es etwas angestellt hatte, woraufhin Woist Mama jedes Mal gnädig verzieh, aber irgendwo war es trotzdem nervend, dass man für alles um Verzeihung bitten musste, selbst für die fitzeligsten kleinen Dinge, weil Woist Mama »schwache Nerven« hatte, obwohl es so aussah, als könnte ihr nichts etwas anhaben.

So kam es, dass die Beziehung zwischen dem Dorf und Woist Mama ziemlich wiesollichsagen war, aber das Dorf hätte diese schöne Wiesollichsagen-Beziehung für nichts, aber auch gar nichts in der Welt hergegeben, hätte sie, zum Beispiel, nicht gegen eine mit Begeisterung stillende, sanfte Mutter eingetauscht, gegen einen süßen, kleinen, Schürzen tragenden Transvestiten, eine Ingemeisel, ein Löwenmütterchen, eine Dreischwestern, eine Mariecurie, eine schwangere Elefantenkuh (obwohl für Letztere das Dorf eine ausgesprochene Schwäche hatte). Alles war gut so, wie es war. In den Augen des Dorfes war Woist Mama die woistigste unter allen Woist-Mamas. Woher hätte es das Dorf auch besser wissen sollen, schließlich war Woist Mama die einzige ihrer Art in der Gegend. Anderswo gab es vielleicht bessere, aber davon wusste das Dorf in aller Seelenruhe gar nichts. Und nun war sie nicht da. Woist Mama, die sich bis dahin ohne Ausnahme wieder angefunden hatte, selbst damals, als das Dorf im Kaufhaus GUM verlorengegangen war, oder als es sich am Strand von Cochabamba verlaufen hatte, oder als es mit dem Kopf in einem Schneehaufen steckengeblieben war, oder als es dachte, man hätte ihm einen Braten in die Röhre geschoben (das war auch so), oder als es gewillt war, ein Bösewicht zu werden, oder als es beschloss, eine mildtätige Schwester zu werden (da tauchte Woist Mama sofort auf), oder als es ein inzestuöses Verhältnis mit seinem Vater anfing (da ein wenig langsamer, als es nötig gewesen wäre), oder als man sich zur Deportation melden musste, oder als man sich als Henker melden musste, oder als man sich beim Nürnberger Prozess als Dolmetscher melden musste (sie sprach sieben Sprachen), oder als man sich einfach mal so melden musste, weil sie schon lange nicht mehr miteinander geredet hatten, und das ja doch nicht ging, dass Woist Mama seit Wochen nicht mehr mit ihrem Dorf redete (das kam auch mal vor). Kurz und gut, bis jetzt fand sie sich immer an. Aber jetzt war sie nirgends zu finden.

Das Dorf erschrak sehr. Prompt veranstaltete es einen bombastischen Karneval, dessen Ruhm bis über die sieben Berge reichte, denn es hatte von Woist Mama gelernt, dass man, wenn man die Hosen gestrichen voll hat, einen Ball organisieren soll, eine Menge Leute einladen, die eine andere ganze Menge von Leuten nicht ausstehen kann, diese laden wir auch ein, dann geben wir ein Souper und lassen zu, dass die allgemeine Pikiertheit zu toben beginnt. Im Idealfall vergessen wir dann sofort, wie sehr wir uns erschrocken haben, weil wir ununterbrochen damit beschäftigt sind, die Gäste zu beschwichtigen, die einander in den Haaren liegen, und damit, zu kontrollieren, ob schon gekotzt worden ist und ob die Rettung schon da war, denn erst dann weiß man, dass eine Party gut war. Woist Mama war sehr in ihrem Element bei solchen Sachen, und was das Repräsentieren anbelangt, war sie geradezu unschlagbar. Sie wusste genau, zu welcher Speise welches Messer gehört und dass der Botschafter regelmäßig die Fingerschale mit dem Zitronenwasser austrinkt, deswegen muss man neben sein Gedeck zwei Schalen stellen, dass die Zikaden früh versterben, und geradewegs hinein in die Suppe, dass aufs Lecken das Lutschen, auf den Tag die Nacht folgt, so kannst du nicht falsch sein gegen irgendwen. Mit einem Wort, pflegte Woist Mama zu sagen, hör auf, mit den Achseln zu zucken, sonst bleibst du noch so. So kam es auch. Nur, dass Woist Mama jetzt nicht da war, dass sie etwas hätte sagen können. Das Dorf konnte mit den Achseln zucken, so viel es wollte, konnte sich in der Nase bohren, so tief es ging, konnte sein nacktes Hinterteil dem Palkó Körmendi zeigen, konnte nach Lust und Laune in den Privatangelegenheiten anderer wühlen, Schreckensnachrichten verbreiten, mit dem Finger zeigen, schadenfroh sein, masturbieren (sogar mit beiden Händen) und seine unbestritten homosexuellen Neigungen offen zeigen, was sich nun wirklich nicht gehört. [Beschreibe mit deinen eigenen Worten, was eine Neigung ist. Argumentiere dafür oder dagegen!] Unter dem Vorwand eines Karnevals tat das Dorf all dies, doch es empfand keine Befriedigung, keine Befreiung, all das, was ihm sonst Freude bereitete, machte es diesmal nicht glücklich. Davon erschrak das Dorf noch mehr. Denn woran wird es jetzt seine Freude finden, wodurch wird sich jenes glitzernde, feuchte Gefühl einstellen?

Das Dorf sah sich ratlos an und engagierte nach langem Grübeln einen Detektiv. Der Detektiv hieß Pinkerton und hatte, wie sich später herausstellte, eine fernöstliche Geliebte im Fernen Osten, ein gewisses Fräulein Schmetter-Ling. Aber das Dorf fand nicht einmal mehr daran seine Freude, kaute nicht genüsslich darauf herum, machte keine bösartigen, rassistischen Bemerkungen, es starrte düster vor sich hin, und es wäre ihm sogar egal gewesen, wenn der Pinkerton die Josephine Baker zur Freundin gehabt hätte, dabei ist die sogar Negerin. So kam es, dass das Dorf von einem Tag auf den anderen liberaldemokratisch geworden war, dabei interessierte es sich für Politik nicht die Bohne. Woist Mama hatte dem Dorf nämlich beigebracht, nicht in die Scheiße zu greifen, davon bekommt man nur »Scheiße an die Finger«. Das war natürlich nur bildlich gesagt – Woist Mama brillierte auch auf diesem Gebiet –, aber, wie das Dorf später lernte, es gibt immer wieder Situationen, in denen man in die Scheiße fassen muss (abhängig von der Summe), und dann, richtig, hat man Scheiße an den Fingern, aber auch daran kann man sich gewöhnen, denn Scheiße und Leber trennen sich, wie jeder weiß, der schon mal eine Wurst gefüllt hat. Pinkerton arbeitete fieberhaft, beobachtete alles und jeden, machte sich Notizen und lieferte am Ende einen akkuraten Bericht an seine Auftraggeber, denn wie sich später herausstellte (was sonst), war Pinkerton ein Agent, aber umsonst bat das Dorf Jahre später um seine Akten bei der entsprechenden Behörde, Pinkertons Name war überall geschwärzt, so dass es schwer war, herauszufinden, wer genau der Maulwurf gewesen war. Das Dorf hatte sich gegenseitig im Verdacht, weil es Pinkerton wie einen Vater verehrte, obwohl Pinkerton da schon über alle Berge war, später hörte man, er sei Ministerpräsident geworden. Woist Mama hätte Gefallen an Pinkerton gefunden, sie mochte hochgewachsene, fesche, schwarzhaarige Männer, und sie hätte bestimmt versucht, das Dorf dazu zu überreden, sich von Pinkerton heiraten zu lassen, der eine großartige, ich sag das allen Ernstes, eine großartige Partie sei, und bitte schön, wenn das Dorf etwas früher geschaltet hätte, könnte es jetzt Förstledi auf diesem bezaubernden kleinen Misthaufen sein. Aber, nicht wahr, Woist Mama war nirgends, was dem Dorf sonst überhaupt nicht gegen den Strich gegangen wäre, denn so musste es sich wenigstens nicht anhören, dass es ein Dummie sei, ein kleiner Tolpatsch, und dass Woist Mama, als sie in seinem Alter war, ganz anders war, ojjoj, und wie!, und so ein Zuckerstück, dessen Vater noch dazu Rabbi in Sátoraljaújhely war, so ein Talent, mit dem Kinder machenden hintertriebenen Ponim, wie man so was sausen lassen kann. Und umsonst hätte das Dorf gesagt, wenn es sich so etwas überhaupt getraut hätte, dass Woist Mama doch verstehen möge, dass das Dorf nicht so sehr die Männer (na gut, den Brando schon), sondern gerade umgekehrt, Woist Mama hätte es elegant überhört, oder sie hätte mit dem Fuß aufgestampft und performativ, getreu den Buchstaben der Sprechakttheorie gesagt, in unserer Familie kommt so etwas nicht vor – aber das stimmte leider nicht.

Das Dorf suchte noch tagelang nach Woist Mama – dann gab es auf. Es musste einsehen, dass Woist Mama endgültig verschwunden war. Der Fall war eingetreten, mit dem Woist Mama dem Dorf gerne Angst einjagte, aber das Dorf hatte ihr nicht geglaubt, denn Woist Mama liebte es, dem Dorf mit den unmöglichsten Dingen Angst einzujagen, zum Beispiel, dass der Wolf kommt oder dass Cellulitis Pflicht wird. Im Allgemeinen glaubte das Dorf nichts davon, was Woist Mama sagte, warum hätte es ausgerechnet das glauben sollen. Aber selbst wenn das Dorf es geglaubt hätte, hätte es nicht daran geglaubt. So kompliziert war alles, wenn es um Woist Mama ging. Zeit verging. Eines Tages geriet das Dorf wieder in Aufruhr. Die Nachricht ging um, das Wanderkino würde kommen, und der Betreiber behauptete, einen Film in seinem Besitz zu haben, in dem Woist Mama die Hauptrolle spielte. Und außerdem behauptete er, dass seines Wissens Woist Mama in einem fernen, von Palmen umgebenen Land eine Filmdiva geworden sei und mit ihrer Rolle in ebendiesem Film den Preis für die beste Hauptdarstellerin gewonnen habe. Da machte sich das Dorf auf, um den Film zu sehen. Es wusch sich in einer reinen Quelle, legte sein schönstes Festtagskleid an, es hatte ja eines, bändigte mit einem nassen Kamm seine störrischen Locken, warf schnell ein bisschen Schminke auf und ging los ins Kino. Das Dorf war als erstes da, setzte sich auf den besten Platz, um gut zu sehen, und wartete, dass es losging. Der Film fing ziemlich schwerfällig an, mit einer langen Einführung, mit Overvoice, was das Dorf ausgesprochen nicht leiden konnte. In langen Einstellungen und Panoramatotalen zeigte man eine Wüstenlandschaft mit Kakteen. Das Dorf konnte sich überhaupt nicht vorstellen, wie in so einem Film eine Diva auftreten sollte. Auf einmal erschienen Menschen am Horizont, klein wie Ameisen, aber sie kamen immer näher und näher, und man konnte bereits erkennen, dass eine Frau dabei war, die hilfesuchend winkte. Das Dorf fiel fast aus der Holzbank heraus, um die Züge der Frau besser sehen zu können, aber sie war leider noch zu weit entfernt. Und als die Menschen schon fast so nah waren, dass man ihre Gesichter hätte erkennen können, passierte das Schlimmste, was sich das Dorf vorstellen konnte. Der Film riss. In der angespannten Stille hörte man das leise Klappern der freilaufenden Spule. Der Betreiber des Wanderkinos bat um Verzeihung und um Geduld (Geduld!), bis er den Film geklebt haben würde. Eine Weile mühte er sich damit ab, schließlich gab er auf. Es klebt nicht, sagte er um Nachsicht bittend, so etwas habe ich noch nie gesehen. Das Dorf hätte diesen Menschen erwürgen können. Es ging drohend auf ihn los, worauf der Kinobetreiber, Böses ahnend, davonlief. Er kam nie wieder in das Dorf zurück. Während das Dorf vor Wut das Kino zerlegte und aus den Brettern einen Schweinestall baute. So kam es, dass dem Dorf die Filmkunst für ein Leben verhasst blieb, und selbst als es später in die Stadt umzog, ging es niemals ins Kino. Einen weiteren Filmriss hätte es nicht überlebt. Und obwohl es sich jedes Jahr die Oscar-Verleihung ansah, von Woist Mama hörte es nie wieder etwas. Sie war einmal.

Schreibt einen Aufsatz mit dem Titel »Ein Monat auf dem Dorf«! Achtet darauf, niemanden damit zu schockieren, weder zu Hause noch in der Schule.

Französisch

Gustave und Maxime in Ägypten

(oder die Metaphysik des Geschehens)

»… obwohl an unserem Leben das,

was nicht geschieht, einen riesigen Anteil hat.«

(P.N.)

Gustave und Maxime reisen. »Et le petit chat«,dit Hélène, »partira-t-il aussi?« Maxime macht Fotos, Gustave liest. Maxime läuft herum, Gustave sitzt. Maxime begeistert sich, Gustave langweilt sich. Maximes Name ist: Maxime Du Camp, Gustaves Name ist: Gustave Flaubert. Gustave und Maxime, zwei gute Freunde.

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