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"Abgewrackt" ist die Geschichte eines jungen Mannes, der sich entwickelt. Der Protagonist: Immanuel Steiner. Immanuel sucht sich selbst und steigt dabei hinab in die Scheiße, trinkt zu viel, will sich selbst zerstören, kommt dann wieder daraus hervor und macht weiter. Es geht um Sex, um Sehnsucht, um Todesangst, um Therapie. Ein Happy End gibt es nicht. Vielleicht aber eine Veränderung.
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Seitenzahl: 120
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Danksagung
Vielen Dank an Julia Biermann für die Covergestaltung
Vorwort
Kranker Teil des Systems
Die Maske
Ein normaler Abend
Sehnsucht
Puzzleteil
Abgewrackt
Böse
Scarpia
Selbsthass
Wie Dreck
Sinnlos
Das sexuelle Problem
Stefan
Therapie
Ganz langsam eine Veränderung
Der Kampf
Der Träger
So eine Geschichte ist nie fertig. Sie ist nie fertig, weil der Weg zu sich selbst, die Innenschau, der Prozess der Entwicklung oder wie man es auch immer nennen mag, der Lebensweg ist. Man ist nicht irgendwann fertig mit sich.
Dieses Buch ist die Geschichte eines jungen Mannes, der sich entwickelt. Der absteigt in die Scheiße. Der dann auch wieder daraus hervorgeht. Es geht um Sich-dreckig-fühlen, darum, ein schwarzes Schaf zu sein, um Sex und Alkohol, Verwahrlosung, Unzufriedenheit, Suizidgedanken. Es geht um Lichtblicke, Ruhe, Therapie, Weiterkommen, Entscheidungen.
Der Protagonist Immanuel Steiner ist nicht aus einem Guss, er hat viele Facetten, hat Ecken und Kanten, ist manchmal grob und manchmal feinfühlig, teils introvertiert und dann wieder laut – er besteht aus vielen Teilen, wie wir alle, wenn wir uns erlauben, lebendig zu sein.
Das berühmte Happy End gibt es hier nicht, auch kein paradiesisches Friede, Freude, Eierkuchen mit zuckerübergossenem Versöhnungsszenario. Es gibt auch kein romantisches Geschwurbel oder wissenschaftliche Kapitel mit unzähligen Fachbegriffen und endlos langen Sätzen. Beides ist gut dafür, wenn man nicht fühlen will. Beides habe ich selbst lange genug betrieben.
Ich will Klartext. Deutlichkeit, manchmal was Hingekotztes, weil es sich nicht verschachteln lässt. Das mag mir teils gelungen sein, teils nicht. Ich bitte zu entschuldigen, wenn ich es nicht immer geschafft habe, verständlich und deutlich zu schreiben.
In mir gibt es auch noch genug blinde Flecken.
Stellen wir uns einen Kompost vor, der irgendwo im Garten steht: Dort wird allerlei Zeug reingeworfen. Alles, was kompostierbar ist: Gartenabfälle und Essensreste. Das wird da gesammelt. So ähnlich läuft das in Familiensystemen ab. In der Psychologie wird eine Familie oft als System bezeichnet, in dem alle Teile zusammenhängen und sich gegenseitig beeinflussen.
Gefühle, Eigenschaften, Denkmuster, die nicht gewollt sind, die weg sollen, die einzelne im System bei sich nicht sehen, wahrnehmen und erleben wollen, werden auf jemanden drauf gestapelt und so fungiert derjenige als kranker Teil des Systems.
Das ist praktisch, denn dann muss sich derjenige, der da was drauf wirft, nicht mehr damit beschäftigen. Er gibt es also an jemanden weiter.
Das kann alles Mögliche sein:
Gefühle
Verrücktheiten
Überzeugungen
Muster
Verhaltensweisen
Gedanken
Und vieles mehr.
Immanuel Steiner war lange Zeit ein kranker Teil seines Familiensystems. Und in manchen Bereichen ist er das noch. Vor einiger Zeit hatte Immanuel festgestellt, dass die Verrücktheit, die ihm seit seiner Kindheit nachgesagt und eingeredet wurde, gar nicht seine Verrücktheit war. Diejenigen, die ihm das übertragen hatten, wollten sich ihre eigenen Verrücktheiten nicht anschauen. Sie hatten sie an ihn delegiert. Er sollte stellvertretend für sie verrückt werden, damit sie sich gesund fühlten.
Und Immanuel, der als Kompost gedient hatte und diente, hatte diese Rolle eingenommen, um überhaupt eine Rolle zu haben, um leben zu dürfen. Ohne diese Rolle hätte er in diesem System nicht überlebt.
Das ist ein System, in dem Kinder nicht akzeptiert werden, wie sie sind. Sie sollen für etwas gut sein: Als Trost oder Sündenbock oder Retter der Eltern, als Unterstützer, als Sinngeber, als Abladeplatz und vieles mehr. Familiensysteme dieser Art sind die Norm und keine Ausnahme.
Immanuel stellte fest, dass diese Systeme auch woanders praktiziert wurden. Zum Beispiel dort, wo er landete, als er suizidal war und Alkoholmissbrauch betrieb: In Kliniken.
Es ist ein Trugschluss, zu glauben, dass ein kranker Mensch nur geheilt werden muss, damit das Familiensystem wieder gesund ist (im System ist der Mensch krank geworden und krank ist letztendlich das System).
Es ist ein Trugschluss, zu glauben, dass nur der Mensch Hilfe und Behandlung braucht, der die Symptome zeigt.
Es ist ein Trugschluss, zu glauben, dass er gesund bleibt, wenn er in das kranke System zurückkehrt.
Für ein System ist es äußerst praktisch (wie mit der Kompostiererei), einen Verrückten oder Sündenbock oder ein schwarzes Schaf zu haben: Dann braucht man sich gar nicht mit seinen Problemen beschäftigen; dann kann man alle Energie darauf verwenden, diesem Kranken zu helfen, über ihn zu reden, zu beratschlagen usw.
Damit kann man sich sehr lange und sehr intensiv beschäftigen, dass ja nicht der Verdacht aufkommt, dass die Kompost-Scheiße vielleicht einem selbst gehört.
Immanuel war sehr traurig darüber, wenn er darauf schaute, dass er als Müllhalde-Platz gedient hatte. Das hat kein Kind verdient. Und je intensiver er sich das anschaute, desto deutlicher wurde ihm klar, dass es nun sein Job war, sich freizuschaufeln. Und so einen Kompost ausmisten, der schon Jahrzehnte vor sich hingammelt, ist Heidenarbeit.
Anstatt Kompost zu sein, hätte Immanuel auch geliebt werden können. Anstatt Kind sein zu dürfen, war er Komposthaufen der Familie gewesen.
Es ist eine ganz spezielle Angelegenheit, die Sache mit dem Tragen einer Maske. Zuerst kupfert man Verhaltensweisen ab, man beobachtet die anderen und nimmt von ihnen, was einem gefällt oder wie man gerne reagieren möchte. Zuerst ist diese Maske brüchig, absetzbar, muss bewusst aktiviert werden. Irgendwann wird sie optimiert. Man nimmt das eine fort und fügt das andere hinzu, glättet sie hier, macht sie kantig dort.
Irgendwann stellt man fest, dass die Maske automatisch funktioniert, sobald man in Gesellschaft ist. Sie ist zu einer zweiten Haut geworden und nur im Schutz der eigenen Wohnung, menschenleerer Gegenden, kann sie abgenommen werden.
Immanuel war sich dessen voll bewusst. Es ist ein Spiel, welches jeder spielt, auch wenn er sagt, er spiele es nicht. Er dachte daran, wie viele ihm schon gesagt hatten, dass sie einfach so sind wie sie sind – darüber schmunzelte er.
Wir Menschen dürfen gar nicht so sein, wie wir sind, weil wir schon als Kleinkinder nicht so angenommen und geliebt wurden, wie wir sind; und unsere Eltern ebenfalls nicht; und die Eltern unserer Eltern auch nicht – die Kette ist weiterführbar.
Bei Immanuel gab es einen kleinen Unterschied zu den anderen: Er hatte sich bewusst eine Maske kreiert, und vielleicht war das sein Vorteil, denn so wusste er, dass er eine trug. Diejenigen aber, die unbewusst eine Maske aufsetzen, kommen vielleicht nie darauf, dass sie eine tragen.
Immanuel war schon früh klar gewesen, dass seine Art zu sein nicht willkommen war. Er war immer zu wenig extravertiert, immer zu zurückhaltend, immer mit sich selbst beschäftigt. Zumindest hatte man ihm das vermittelt.
»Spiel doch mal mit den anderen!«
»Sei doch nicht immer so still!«
Und somit musste er sich anders verhalten als er war.
»Warum?«, werden manche fragen. Weil es überlebenswichtig ist. Beruflich, sozial (was oft beides zusammenhängt), sogar privat würde Immanuels Maskenlosigkeit dazu führen, dass er weniger Erfolg, größere soziale Probleme, private Schwierigkeiten hätte.
Deshalb hatte er gelernt, dass die Wahrheit in vielen Fällen unangebracht und nicht toleriert wird. Sie sagten das zwar immer, die anderen, aber sie wussten nicht, was sie sprachen.
Oft hatte es Immanuel erlebt, dass das Aussprechen von dem, was er wirklich fühlte, dachte, was er wollte usw. dafür sorgte, dass es interpretiert wurde in so etwas:
»Du liebst mich nicht!«
»Du magst mich nicht.«
»Du willst nichts mit mir zu tun haben.«
»Ich bin nicht gut genug für Dich.«
»Du beendest bald unsere Freundschaft oder Beziehung etc.«
Gerne auch mit negativer Bewertung Immanuels Persönlichkeit:
»Er ist unhöflich.«
»Er wurde nicht gut erzogen.«
»So etwas macht man doch nicht.«
»Der ist krank.«
»Mit dem stimmt was nicht.«
Somit trug er seine Maske. Manchmal hasste er sie und die Last dieser Maske war schier unerträglich. Dann traute er sich, sie in kurzen Momenten abzusetzen und sah sich wieder konfrontiert mit all jenem, womit er sich sonst nicht konfrontiert sah, wenn er die Maske trug.
Es war nicht so, dass Immanuel ohne Maske ein vollständig anderer Mensch war. Nein. Die Maske war durchaus ein Abbild seiner Person aber ein entschärftes, ein geschliffenes, ein optimiertes Abbild.
Manchmal, wenn es außerhalb seiner Wohnung zu stressig, zu turbulent zugegangen war, ließ er sich, wenn er nach Hause kam, bereits im Flur auf den Boden sinken und blieb dort erst einmal.
Leider nahm er mehr Reize wahr als die meisten anderen Menschen um ihn herum, somit schwanden seine Energiereserven schneller als die anderer. Und deshalb musste er sich öfter zurückziehen, um sich wieder aufzuladen.
Immanuel konnte an einer Hand abzählen, welcher Mensch in seiner Umgebung ihn wirklich kannte, wem er tatsächlich Einblicke in sein Inneres gewährte. Einer dieser Menschen, den er heute kannte, war Stefan.
Immanuel hatte Stefan erst kennen gelernt, als es ihm so richtig dreckig ging. Da der Name Stefan auch schon vorher auftaucht, soll er hier bereits erwähnt werden. Ein gesondertes Kapitel zu der Begegnung gibt es im Verlauf des Buches. Das nun Kommende ist vor allem eine Rückschau auf einzelne Lebensereignisse, aber der Autor beginnt mit den üblichen Abenden, die Immanuel zuhauf so verbracht hatte.
Immanuels homosexuelle Phantasien begannen zur Zeit seiner Pubertät, aber da er auch Frauen attraktiv fand, beschloss er erst einmal, seine Neigungen zu Männern zu unterdrücken, was anfangs gut gelang, weil er sich anderweitig mit Frauen sexuell befriedigen konnte.
In einem Striplokal einer Stadt, deren Name nicht genannt wird, besetzte er gerne einen Tisch, der ein wenig im Schatten lag, mit gutem Blick auf die Bühne. Dabei bestellte Immanuel gerne einen Whiskey oder ein schlichtes Bier und schaute sich die strippenden Damen und die Besucher an. Äußerst selten war er hier mit anderen Leuten, meistens saß er alleine dort. Zweifelsohne war er ein Einzelgänger. Selten sah er einen speziellen Nutzen in einer Freundschaft oder amourösen Beziehung.
Aus irgendwelchen Gründen mochte er diese Anonymität und die Distanz, die jedes Mal in diesem Etablissement spürbar war, so, als ob jeder akzeptierte, dass der andere seinen Bedürfnissen, Süchten, Eigenarten nachging, ohne dem anderen ein Gesicht zu geben. So, als wäre jeder auf seine Weise gesichtslos, was für Immanuel äußerst reizvoll war, denn dann durfte er auch teilweise maskenlos sein.
Immanuel saß in einer Ecke des Striplokals. Es war in Wirklichkeit nicht nur ein Lokal, in dem Frauen strippten, es war auch ein Lokal für andere sexuelle Aktivitäten. Immanuel mochte die Stripperin Marie. Marie hatte dunkelbraunes Haar und wirkte sehr zart in ihrem Körperbau, ihren Bewegungen. Manchmal mochte Immanuel das. Manchmal nicht. Heute mochte er es, also bat er sie, sich zu ihm zu setzen, was sie gerne tat. Gewöhnlich sprachen sie nur über Sex. Sie sprachen nicht über Autos, Kleidung, Zigaretten, sie sprachen auch nicht über Probleme, Sichtweisen, die Börse, sondern nur über Sex. Zu Beginn hatte sie versucht, etwas über ihn zu erfahren, aber anders als andere Menschen, war sie sensibel genug, zu merken, dass er keinerlei Interesse hatte, etwas über sich preiszugeben. Immanuel mochte es, ihr zuzuhören, was sie für Phantasien hatte, was sie schon erlebt hatte oder was sie gerne noch mit ihm machen wollte. Meistens ging es dann über in oberflächliche sexuelle Annäherungen. Zum Beispiel fing sie erst an, seinen Oberschenkel zu berühren und dann weiter Richtung Intimbereich zu gehen.
Sie griff ihm in den Schritt und sorgte dafür, dass sein Schwanz steif wurde.
Immanuel beobachtete sie: Ihre Lippen, ihre Hände, ihren Körper. Da sie meistens ein Oberteil mit Ausschnitt trug, hatte er einen guten Blick auf ihr Dekolleté.
»Wie willst Du es heute denn?«, fragte Marie, lehnte sich zu ihm und drückte sich an ihn.
Immanuels Aufmerksamkeit hatte sich ein wenig verlagert, sodass er sagte:
»Lass uns noch ein paar Minuten hier sitzen.«
Marie grinste ihn an und er legte seine Hand auf ihren Bauch.
Immanuels Blick ging in die Richtung eines Tisches, an dem ein Mann im Halbschatten zu ihm herüber sah. Der Mann rauchte. Erst dachte Immanuel, er würde Marie beobachten, doch als Immanuel in seine Richtung sah, wandte er seinen Blick nicht ab und nickte dann sogar. Immanuel nickte zurück, dann schloss er die Augen, weil Marie anfing, seinen Penis zu massieren.
»Ich hätte gerne einen Blowjob«, flüsterte Immanuel ihr zu.
»Du weißt, dass so etwas direkt im Lokal nicht erlaubt ist. Dann müssen wir in einen der Räume gehen.«
Damit meinte sie die Räume, in denen Sex in unterschiedlichster Form angeboten und praktiziert wurde.
»Wie schade«, meinte er grinsend und sah wieder in die Richtung des fremden Mannes. Marie folgte seinem Blick.
»Du meinst, Du hättest es gerne, dass wir beobachtet werden?«
Immanuel fand diesen Gedanken interessanterweise sehr annehmbar.
»Hm … ja, irgendwie schon«, gab er zu und trank von seinem Whiskey, ergänzte dann aber: »Doch nicht heute. Lass uns in einen Raum gehen.«
Also taten Marie und Immanuel das.
Die Räumlichkeiten waren so, wie man sich das vielleicht vorstellt: Puffartig, mit großem Bett, nach Parfum, Sperma und sonstigem riechend. Es war nun einmal kein Nobeletablissement, es war eine Absteige.
Immanuel mochte Absteigen. Er hätte sich durchaus etwas anderes leisten können, dennoch interessierten ihn die besonderen, hochkandidelten Clubs, in denen sich die Besserverdienenden trafen und kannten nicht besonders. Vielleicht lag es daran, dass Immanuel sich im Inneren nicht hochkandidelt und edel fühlte, auch wenn er in der sozialen Mittelschicht aufgewachsen war und sich leisten konnte, wovon ein Hartz-IV-Empfänger womöglich träumte.
Nachdem er mit Marie fertig war beziehungsweise sie mit ihm, ging er alleine an die Theke und bestellte sich noch ein Bier. Der Unbekannte war verschwunden. Immanuel konnte sich gut vorstellen, beim Sex beobachtet zu werden und da er bisexuell war, hätte er in zweierlei Hinsicht etwas davon.
Er warf einen Blick in den Club und besah sich die Füße der Leute; es war interessant, ihre Gangart, ihren Schuhstil oder ihre Fußstellung im Sitzen zu betrachten. Kein Schritt glich dem anderen, so als hätte jeder Mensch in diesem Club eine einzigartige Art, sein Inneres nach außen zu zeigen. Die Kellnerinnen vorrangig in hochhackigen Schuhen, wobei sich Immanuel fragte, wie man sich stundenlang diese körperliche Selbstmisshandlung antun konnte, aber da waren die Männer auch nicht anders mit ihren zu engen Lederschuhen, die teils eher nach Cowboy aussahen. In den edlen Clubs gab es bestimmt weitaus vielschichtigere Schuhwerke, hier gab es natürlich nur die eher schäbige Version, andererseits saßen hier auch genug Leute, die sich wie er ein anderes Etablissement hätten leisten können.
Vielleicht hatten die kein Interesse, erkannt zu werden oder ihre innere Verwahrlosung sehnte sich danach, auch im Außen Verwahrlosung zu sehen, so wie es bei ihm war: Er fühlte sich teils so schäbig, dass eine noblere Gegend zu viel Kontrast dargestellt hätte.
