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„Abgruppiert!“ ist ein Gegenwartsroman, der eine Seite der Wirklichkeit thematisiert, für die sich die neuere deutsche Literatur nicht mehr interessiert: das Arbeitsleben aus der Perspektive abhängig Beschäftigter. In „Abgruppiert!“ berichtet Robert Becker über seine Erlebnisse im Verlauf eines Jahres in einem Industriebetrieb. Becker ist Metallfacharbeiter, hat nach acht Jahren den Betrieb gewechselt und erlebt, wie in der neuen Belegschaft der Schrecken umgeht: Ein Großteil der Belegschaft wird „abgruppiert“, das heißt: Ihre Arbeitsplätze werden „neu bewertet“ – mit dem Ergebnis, dass die Betroffenen nach der Abgruppierung monatlich mehrere hundert Euro weniger in der Tasche haben. „Abgruppiert!“ schildert, wie die Belegschaft damit umgeht; wie die Geschäftsleitung vorgeht; welche Schwierigkeiten die Belegschaft hat, sich dagegen zu wehren; wie unterschiedlich die Kolleginnen und Kollegen sich verhalten ….
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Seitenzahl: 445
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Mein besonderer Dank gilt Friedrich,
ohne den meine Aufzeichnungen
definitiv „Privatsache“ geblieben wären.
AUGUST
SEPTEMBER
OKTOBER
NOVEMBER
DEZEMBER
JANUAR
FEBRUAR
MÄRZ
APRIL
MAI
Schon nach wenigen Tagen an meinem neuen Arbeitsplatz muss ich sagen: „Hier geht es ja genauso weiter, wie es in der alten Firma aufgehört hat.“
Dort hatte ich gelernt und kam die ersten Jahre ganz gut zurecht, bis es zu den großen Umbrüchen in der Fertigung und später bei uns im Werkzeugbau kam. Dann gingen die besten Kumpels weg und am Schluss gab es nur noch ein gegenseitiges In-die-Pfanne-Hauen. Der neue Meister – direkt von der obersten Heeresleitung eingesetzt, vorbei an den erfahrenen Kollegen – wollte immer nur alles besser wissen und niemals Fehler zugeben. Schlimmer noch: Er hat seine Fehler auf die anderen geschoben, am Schluss auch auf mich.
Ich sage mir jetzt: Den Fehler bei der alten Firma darfst du hier nicht wieder machen! Als es nämlich hart auf hart kam, konnte ich nicht mehr auflisten, wer welche Aufträge erteilt hatte und wie der große Reinfall mit den neuen Werkzeugen entstanden war. Das soll mir nicht noch mal passieren: Ich bin zwar nach den ersten drei Tagen in der neuen Firma ganz schön geschafft, aber es ist wohl ratsam, mehr zu tun, als einfach nur aufzupassen.
Also halte ich bis auf Weiteres lieber mal fest, was da so abgeht. Schließlich stimmt es ja: Wer schreibt, der bleibt.
10.8.
Kaum hatte ich heute Morgen den Kittel angezogen und mir die Zeichnung noch mal auf die Werkbank gelegt, da kam schon von Peter Fischer die Warnung:
Guck net so lang in de Zeichnung rum, werf‘ lieber die Maschin‘ õ. Der Moser war schon do. Der will wisse, wonn du die Grundplatt‘ fertisch hosst.
Was habt ihr denn hier für einen Meister? Will der denn, dass man hirnlos drauf losschafft, ohne zu überlegen? Ich hab‘ doch gestern schon gesagt, dass die Zeichnung unvollständig ist.
Du kennst’en doch. Der wird dir niemols zugebbe, dass do was fehlt. Für den is‘ die Konstruktion heilisch.
Ich kenne ihn ja gerade nicht. Und mit der Konstruktionsabteilung hatte ich noch rein gar nichts zu tun. Meinst du, nach zwei Tagen kenne ich schon alle Leute in eurer Firma? Und außerdem: Beim Spritzgusswerkzeug ist in der Seitenansicht die Einspritzdüse zylindrisch gezeichnet und in der Draufsicht konisch. Was denn jetzt? Da ist kein Radius, also müssten dann doch in der Seitenansicht beide Durchmesser gezeichnet werden.
Babbel net so viel. Ich gebb‘ der en gude Rat: Schaff‘ endlich!
Wie siehst du denn die Sache? Du hast doch auch nicht gerade erst ausgelernt! Eine Zeichnung muss vollständig und widerspruchsfrei sein. Ein Werkzeugmacher hat doch auch eine gewisse Verantwortung. Du willst dir doch nicht vorwerfen lassen, am Ende wochenlang für umsonst gearbeitet zu haben, weil das Werkzeug nicht passt.
Do häng ich mich net roi. Ich leg‘ mich mid dem Master net õ.
Es war offensichtlich sinnlos, hier an die Einsicht zu appellieren. Peter ist zu eingeschüchtert und ängstlich. Ich wollte auf Manfred warten, der hat die meiste Erfahrung in der Werkstatt. Er kommt normalerweise mit dem späteren Bus, würde aber bald da sein. Prompt kam aber der Meister.
Wo hängt’s? Herr Becker, wollen wir nicht mal anfangen?
Ich bin dabei, habe aber ein Problem mit der Zeichnung. Hier stimmt anscheinend was nicht, schauen Sie …
Arbeiten Sie bitte nach Zeichnung und versuchen Sie nicht, hier den Konstrukteur zu spielen. Dafür haben wir andere Leute hier im Haus.
Aber wenn an der Zeichnung etwas unklar ist, dann muss ich doch …
Sie wollen doch nicht unserer Konstruktion ein schlechtes Zeugnis ausstellen? Sie sind gerade mal zwei Tage hier. Werfen Sie endlich die Fräse an. Ende der übernächsten Woche muss das Schneidwerkzeug fertig sein und dann muss schleunigst das Spritzgusswerkzeug gemacht werden. Für das erste Werkzeug hat Herr Schellhuber Ihnen ja schon die Grundplatte vorbereitet. Ich will sehen, dass Sie diese Woche mit den Fräsarbeiten fertig werden und nächste Woche ans Schleifen gehen. Danach ran an den Spritzguss!
Aber was bringt es, wenn ich etwas fräse, was nachher gar nicht passen kann, dann ….
Halten Sie den Mund, legen Sie los!
Er drehte sich um und ging einfach weg. Ist der immer so oder kann der nur mit mir nicht? Jetzt konnte jedenfalls nur noch Manfred was bewirken. Fünf Minuten später war er da. Meine Erklärungen und Bedenken teilte er ohne Einschränkung:
Ja, logischerweise müsste die Düse an dieser Stelle hier konisch sein. Aber das muss nicht durchgängig sein.
Ja, aber wo ist die Grenze? Wo hört das Konische auf?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass unsre Frau Meirad in den Zeichnungen die Seitenansicht nicht ganz ernst nimmt. Geh‘ einfach von der Draufsicht aus!
Kann man denn nicht mit ihr reden? Bei der Matrizenzeichnung fehlt ja auch was, guck..
Das hab‘ ich schon gesehen, aber wir machen es so, wie die da oben es wollen. Ich setz‘ mich nicht in die Nesseln. Die Grundplatte habe ich ja schon weitgehend vorbereitet.
Aber du hast doch die meiste Erfahrung. Auf dich hören Sie doch!
Denkste! Hier wird nicht zusammengeschafft. Hier weiß jeder alles besser, und keiner will was annehmen. Glaub‘ mir: Du machst am besten dei‘ Arbeit und versuchst net, andre von ihren Fehlern zu überzeugen.
Ich will ja niemandem am Zeug flicken, aber wir können doch so zusammenarbeiten, dass ...
Vergiss es!
Also auch zwecklos. Schon nach zwei Tagen habe ich großen Respekt vor dem fachlichen Können von Manfred, aber ein Kämpfer ist er nun wirklich nicht. Wenn Klaus, den ich noch nicht kenne, aus dem Urlaub zurückkommt, wird es vielleicht anders. Wir werden sehen.
Ich ging an’s Fräsen und holte mir bei den Fragen zur besten Reihenfolge der Arbeitsschritte bei Manfred gute Tipps (bei diesem Werkzeug ausnahmsweise die kurzen Seiten zuerst rannehmen und so weiter). Ein Kumpel ist er ja, da gibt es kein Vertun. Nur, dass er in die Pause reinschafft, finde ich nicht gerade toll. Er ist so von seiner Arbeit besessen ….
Beim Mittagessen in der Kantine lernte ich ein paar weitere Kollegen kennen. Ein bunter Haufen, aber ganz offensichtlich auch verschiedene Grüppchen, die wenig miteinander zu tun haben oder zu tun haben wollen. Was dahinter steckt, ist mir nicht klar. Die Anrede von Stefan Marxer, Kontroletti in der Dreherei, war etwas seltsam.
Hallo Robert, wann bekomm‘ ich dein Werkzeug in die Kontrolle?
Was hast du denn mit „meinem Werkzeug“ zu tun?
Ich muss für Qualität sorgen. Das weißt du vielleicht noch nicht. Ich bin der Qualitätsmanagementbeauftragte. Deswegen müssen alle Werkstücke, jedenfalls wenn es was Neues ist, auf meinen Tisch.
Davon weiß ich nichts. Wenn ich das Werkzeug fertig habe, übergebe ich es dem Meister, dem Moser. Was der dann damit macht, ist nicht meine Baustelle.
Ich will aber vorher schon mal schauen, ob das richtig ist, was du da machst. Ich schau mir das morgen mal an.
Vorläufig kannst du gar nichts sehen. Ich bin noch am Fräsen. Frühestens nächste Woche geht es ans Schleifen. Vorher muss noch erodiert werden. Außerdem: Von welchem Werkzeug sprichst du denn? Vom Schnitt oder vom Spritzgusswerkzeug?
Du sollst doch ein Werkzeug für die Kunststoffräder machen. Ich will mal sehen, ob die Evolvente stimmt.
Ich dachte für mich: Was für ein Idiot! Er will am Werkzeug sehen, ob die Evolvente stimmt! Das könnte er bestenfalls, wenn die ersten Muster gespritzt sind und er sie auf dem Zweiflankenprüfgerät ablaufen lassen würde. Ich sagte aber nur:
Du sprichst also vom Spritzgusswerkzeug. Mit dem fange ich frühestens in zwei, eher in drei Wochen an.
Wie sollen wir denn die Termine halten? Ihr Leute im Werkzeugbau habt vielleicht ein Leben! Die Leute in der Produktion arbeiten größtenteils im Akkord und ihr habt einen Lenz. Das muss ich mit dem Mühleisen besprechen.
Nachdem er fort war, fragte ich die anderen, wer denn Mühleisen ist. Harald klärte mich auf.
Aner von de Hohe Herrn. Der is‘ jetzt ach noch Geschäftsführer geworn. Haste noch nett soin neie BMW gesehe? Abber sach mol, was babbelt ihr donn in de Paus von de Abbeit?
Ich habe nicht angefangen. Das war euer Kontrolletti.
Nur langsam, Jüngchen. Der Pimpf ist dem Chef in de Asch gekroche und hat den Tschopp nur desdewesche kriet. Die Langjährische gucke in die Rehr. Der wird ach noch auf de Bode zerickkomme. Haste noch net gemerkt, dass die Dreher jetzt noch mehr auf stur schalde?
Wie soll ich das sehen? Erstens bin ich nicht in der Dreherei und zweitens bin ich erst zwei Tage da.
Is‘ schon o. k. Des werste ach noch alles mitkriehe. Machst du übbermoie Obend mit?
Wo mit?
Ei mer fahrn doch nach Sachsehause. In die Äppelwoikneip.
Nein, da kann ich nicht. Muss meine Tochter abholen und dann was mit ihr basteln. Aber wer ist denn „wir“. Im Werkzeugbau hat mir niemand davon erzählt.
Ach die! Nee, des sin‘ mir alte Hase und monchmol aach so e paar Neie. Du bis‘ doch aach Oitracht-Fan, wie mer an dem Uffkleber uf doim Auto sieht. Komm, mach mit, mer wern’dich mal so rischdisch oifihrn.
Erstens ist meine Frau Eintracht-Fan und nicht ich, und zweitens geht übermorgen meine Tochter vor. Ich kann wirklich nicht.
Ich hab‘ es aber in dem Moment sehr bedauert, dass ich schon zu Hause verabredet war. Denn die „Einführung“ hätte mich schon interessiert. Dieser Harald scheint mir zwar etwas einfach gestrickt, aber mich interessieren die Zusammenhänge in dem Betrieb. Wer kann hier nicht mit wem und worauf muss ich aufpassen? Bei Harald habe ich den Eindruck, dass er mich nicht reinlegt. Aber wer gehört zu seiner Gruppe von Kollegen? Wer sind die Verlässlichen? Mit wem kann man vielleicht ganz gut zusammenarbeiten?
Der Nachmittag war der reinste Stress. Zuerst flog ständig die Sicherung raus, der Betriebselektriker war nicht aufzutreiben. Mein Versuch, mich wegen der Unklarheiten auf den beiden Zeichnungen mit Frau Meirad in Verbindung zu setzen, scheiterte. Sie habe keine Zeit. Ich hatte auch den Eindruck, dass sie gar nicht mit mir sprechen wollte. Bin wohl zu neu.
Kurz vor zwei Uhr gab es auf einmal einen lauten Knall: Peter war an der Schleifmaschine Crash gefahren. Zwei Tage Arbeit waren damit hinüber, aber er ließ schnell das kaputte Werkstück verschwinden, damit Moser nichts sieht. Ich konnte ihn natürlich nicht hängen lassen und richtete anderthalb Stunden lang mit ihm die Maschine neu ein und justierte sie. Die Zeit fehlt mir jetzt natürlich beim Fräsen des Schnitts.
Ich machte nach 15.00 Uhr noch weiter, damit wenigstens dieser dritte schwere Arbeitsgang fertig wurde (große Probleme mit der Parallelität der zwei kurzen Außenflächen des Stempels; die Messmaschine war belegt).
11.8.
Heute ging der Stress gerade so weiter. Zwar war endlich die Messmaschine frei, aber es stellte sich raus, dass die Herren in der Kontrolle keinen wirklich kleinen Taster haben. Zur Überprüfung der Parallelität der zwei kurzen Flächen ist schon der 2-Millimeter-Taster zu groß (zu wenig Abstand zur Umrandung). Habe dann mit Endmaßen abgesteckt. Das Ergebnis sieht akzeptabel aus, aber wie groß die reale Abweichung ist, kann ich mir nur indirekt erschließen (wahrscheinlich in der Größenordnung von einem bis zwei Hundertstel, das würde wohl reichen, hoffe ich jedenfalls). Bin aber ganz schön ins Schwitzen gekommen. Manfred konnte mir nicht helfen. Er war zu viel in der Montage unterwegs, weil dort zwei Vorrichtungen nicht funktionieren.
In der Mittagspause fing der Wichtigtuer Marxer schon wieder an. Ich schnitt ihm einfach das Wort ab mit dem Hinweis, dass mir die Pause heilig ist. Harald, der das mitbekam, hob nur demonstrativ den Daumen und lachte richtig laut. Er gab damit mir und Marxer zu verstehen, dass dem nichts hinzuzufügen war.
Am Nachmittag lief in unserem Meisterbüro ein interessantes Gespräch. Der alte, längst pensionierte Konstrukteur Leonhard war gerufen worden und unterhielt sich mit Moser und Meirad über das Spritzgusswerkzeug für die Kunststoffräder. Aus den wenigen Sätzen, die ich beim ersten Vorbeigehen aufschnappte, wurde mir sofort klar: Der Mann war offensichtlich vom Fach. Er wusste, dass die gespritzten Räder niemals so genau sein werden wie gefräste.
Meirad immer wieder: Aber wir müssen doch leiser werden. Die Stahlräder sind zu laut.
Leonhard: Das habe ich ja verstanden. Es können ja ruhig Kunststoffräder sein, aber die Räder schrumpfen unterschiedlich. Ihr werdet niemals den Rundlauf halten können, den ein gefrästes Rad hat. Also besser nur Rohlinge spritzen und dann fräsen.
Aber Herr Leonhard, Herr Mühleisen hat uns doch die Vorgabe gemacht, dass wir billiger werden müssen, da können wir nicht fräsen. Die Räder müssen nach dem Spritzen fertig sein.
Wollt ihr Qualität oder wollt ihr billig? Ihr könnt mit fertig gespritzten Rädern niemals Qualität 6 erreichen, bestenfalls Qualität 8 oder 9. Und die Festigkeit werdet ihr auch nicht mehr haben.
Als ich das zweite Mal in die Meisterbude musste, um den Schlüssel für das Materiallager zu holen, warf ich mal kurz entschlossen ein:
Die Festigkeit hängt doch auch davon ab, ob wir die Räder tempern können. Und fräsen könnte man auf einer Maschine mit automatischer Bestückung relativ problemlos.
Leonhard drehte sich um und nickte kurz. Da er mich nicht kannte, sagte er nichts weiter, aber ich spürte, dass meine Einmischung bei den anderen gar nicht gut ankam. Trotzdem fügte ich hinzu:
Es ist natürlich schwierig, günstige Fräser zu bekommen bei einem so krummen Modul. Wäre es nicht besser, man würde auf ein Normmodul gehen, zum Beispiel 1 oder 1,5?
Jetzt war es für Moser offensichtlich zu viel.
Becker, gehen Sie an ihre Arbeit, der Schnitt muss fertig werden.
Beim Rausgehen, hörte ich nur noch, wie Leonhard sagte:
Euer neuer Mann kennt sich ja anscheinend mit Getrieben aus.
Dass ich aus der Getriebefertigung komme, weiß zwar der Personalchef (oder wusste es), aber weitergesagt hat er es wohl nicht. Das gehört hier anscheinend nicht zum Bekanntmachen neuer Mitarbeiter.
Am liebsten hätte ich Leonhard um seine Meinung zur Zeichnung für den Schnitt gefragt, einfach um mich bei jemandem abzusichern, der offensichtlich Ahnung hat und Autorität besitzt. Aber ich konnte nicht den offenen Konflikt mit Moser eingehen und seiner Anordnung widersprechen. Schließlich hat er alle Macht in seinen Händen. Wenn er mich nicht will, brauche ich gar nicht bis zum Ende der Probezeit zu warten. Der schickt mich dann schon vorher nach Hause.
Eine halbe Stunde später, Leonhard war gegangen, kam Moser und klärte mich auf, dass die Firma aus gutem Grund für dieses Getriebe keinen Normmodul gewählt hat. Es soll nicht so leicht nachgebaut werden können und ich soll mir nicht den Kopf der Konstruktion zerbrechen. Das habe er mir doch schon mal gesagt.
Aha, also einmalig sein, auch wenn es unter dem Strich komplizierter ist, Hauptsache keiner baut ein Getriebe der Firma Luger nach! Habe kapiert, was hier zählt.
Da ich immer noch hinter meinem Zeitplan hinterherhinke und in der Probezeit nichts riskieren kann, habe ich gekeult…und wieder überzogen. Peter, der sonst recht eingeschüchtert wirkt und zu allen Anweisungen des Meisters nur Ja und Amen sagt, sah mich nur schief an, ging normal zu seinem Bus und ließ mich allein zurück. Es wird Zeit, dass Klaus aus dem Urlaub kommt. Den könnte ich in solchen Fällen wenigstens das Eine oder Andere fragen, so hoffe ich wenigstens. Klaus kommt angeblich morgens später und geht auch später heim.
12.8.
Letzter Tag in der Woche, nur bis 12.00 Uhr geschafft, welch ein Segen! Die Firma hat zwar keinen Betriebsrat und ist nicht tarifgebunden, aber die 35-Stundenwoche haben sie beibehalten (aus der Zeit, als der Betrieb noch tarifgebunden war). Das war überhaupt einer der Hauptgründe, weshalb ich der Empfehlung unsrer Nachbarin, Hanna Schlotter, gefolgt bin und mich hier beworben habe. Sie arbeitet in der Montage und ist recht glücklich, wie sie sagt.
Heute war ich etwas ruhiger als gestern und konnte mich wenigstens mit Peter auf der fachlichen Ebene etwas austauschen. Aber das betraf im Grunde nur die Handhabung der hier eingesetzten Maschinen, von Materialkunde hat er wenig Ahnung und beim Zeichnungslesen hat er beträchtliche Schwächen. Manfred war leider wieder für mich überhaupt nicht greifbar, ich traf ihn nur in der Frühstückspause am Cola-Automat. Er brummelte nur was von „Radfahrer in der Montage“. Meine Nachfrage, was los ist, beantwortete er so:
Du wirst die auch noch kennenlernen. Haben nix in der Birne, aber schleimen wie verrückt. Dann werden sie Abteilungsleiter und machen den großen Zampano. Die wollen, dass alle Vorrichtungen das ganze Jahr hindurch ohne Pflege und Wartung funktionieren und dass es zu keinem Stillstand kommt, und wundern sich dann, wenn es kracht. Heute ist wieder eine Stanze ausgefallen und die Eindrückvorrichtung für die Simmerringe geht nicht mehr. Ich weiß noch nicht, warum. Er will, dass ich so lange da bleibe, bis es wieder geht. Ich will aber auch ins Wochenende! So ein Arschloch!
Weg war er. Detaillierteres war natürlich auch im Werkzeugbau nicht zu erfahren und nachfragen konnte ich nicht: Wieso er keine Hilfe bekommt, ob ich ihm nicht zur Hand gehen könnte oder warum die Sache nicht bis nächste Woche warten kann. Er hat anscheinend noch nicht genug Vertrauen zu mir.
Wenn ich jetzt die gesamte Woche Revue passieren lasse, dann muss ich sagen: Hier ist alles noch undurchsichtiger als in der alten Firma. Keiner kann oder will mir sagen, wie ich mit dem Werkzeug weitermachen soll. Ich habe das Gefühl, dass ich mich schwer in die Nesseln setzen kann. Wenn ich eigenmächtig handele, bin ich sicher schnell weg vom Fenster. Mache ich einfach so weiter, dann heißt es nachher: „Das hätten Sie doch sehen müssen! Ich denke, Sie sind Fachmann und haben Berufserfahrung.“
Sachlich vorgebrachte Bedenken werden nicht diskutiert, aber jeder weiß alles besser, oder sagen wir: Zu viele wissen alles besser. Hoffentlich hat Manfred die nächste Woche mal mehr Zeit für mich. Er geht zwar anscheinend auch ungern Konflikte ein, aber er könnte mir fachliche Tipps geben.
Was drüben in den Montagehallen abgeht, kann ich noch gar nicht überschauen. Zündstoff gibt es dort auch, wie mir scheint, und das nicht so wenig. Jedenfalls hat die Erregung bei einigen in der Mittagspause so geklungen.
Beim Rausgehen zum Umziehen, im Gang zu den Sozialräumen, kontrollierte mich der Chef. Er wollte in meine Tasche schauen. Ich dachte: Er kennt mich natürlich nicht, und er will einfach wissen, wer da so in seinen Hallen rumläuft. Aber da hab ich mich schwer getäuscht. Als er in der Tasche nichts fand, sagte er:
Sind Sie morgen dabei, wenn Herr Schellhuber die Vorrichtung repariert?
Nein, niemand hat mich darauf angesprochen.
Gut, Sie können gehen, Herr Becker.
Da war ich doch platt. Er wusste nicht nur, in welcher Abteilung ich arbeite, sondern auch, wie ich heiße. Was weiß er denn sonst noch von mir? Weiß er, warum ich in der alten Firma gekündigt habe? Wie genau hat er sich von seinem Personalchef informieren lassen? Hat er zusätzlich noch Connections spielen lassen? Die Chefs treffen sich ja bei verschiedenen Anlässen. Andererseits: Wie Manfred angedeutet hat, ist er ein knallharter Konkurrent und da wir in der alten Firma ebenfalls Getriebe gebaut haben, hält ihn das vielleicht von zu viel Kontakt ab. Aber wer weiß? Wenn es um die Einschätzung und Bewertung einzelner „Mitarbeiter“ geht, sieht das vielleicht anders aus.
15.8.
Das Wochenende war viel zu kurz. Der Abenteuerspielplatz war einfach toll, nur Fahrrad fahren will mein Schätzchen nicht. Wie soll ich jemals mit ihr größere Touren machen können? Vielleicht, wenn sie „groß“, das heißt erwachsen ist? Aber solche Überlegungen gehören nicht in meine „betrieblichen Aufzeichnungen“.
In der Werkstatt ging es heute gleich munter los, zum Glück nicht mit mir. Manfred tobte, weil er den ganzen Samstag für die verdammte Vorrichtung drangehängt hatte. Und sie ging immer noch nicht! Jetzt musste er gleich wieder rüber in die Montage. Nach einer Stunde kam er an:
He Robert, komm mit, ich brauch mal Hilfe. Der Großkotzer Urbahn will mir niemand von seinen Leuten geben. Lass alles liegen, komm mit.
Jetzt wurde es für mich doch etwas spannend, weil ich ja nicht wusste, wie sich das auf den Abgabetermin für das Werkzeug auswirken würde. Aber da der Meister nicht da war, hatte Manfred das Sagen, ich war jedenfalls erst mal aus dem Schneider.
Die Vorrichtung ist wirklich kompliziert. Simmerringe in das Getriebegehäuse eindrücken, ohne den Ring zu beschädigen, und trotzdem bis Anschlag drücken. Am oberen Rand des Getriebegehäuses sind scharfe Kannten, an denen der Ring möglichst ohne Berührung vorbei muss. Die Außenkontur vom Gehäuse ist nicht immer genau gleich (unbearbeiteter Druckguss), deswegen darf die Aufnahme für das Gehäuse nicht zu eng sein. Und wenn sie zu viel Luft hat, sitzt das Werkstück nicht jedes Mal gleich. Manfred sagte mir, dass er schon vor langem vorgeschlagen hat, die Außenkontur wenigstens an zwei Stellen zu bearbeiten. Aber das ist abgelehnt worden. Kostengründe! Jetzt hat sich wieder mal der Aufnahmedorn für die Simmerringe verkeilt. Manfred hatte am Samstag einen neuen Aufnahmedorn gedreht, aber der Einbau war schwierig, weil auch die Halterung vom Aufnahmedorn verbogen worden war.
Wir mussten erst mal die gesamte Vorrichtung neu ausrichten und in die Horizontale bringen. Die Platte konnten wir von beiden Seiten aus mit Endmaßen abstecken und waren gerade am hinteren Ende, da brüllte es durch die Halle:
Becker, was treiben Sie denn hier? Machen Sie, dass Sie an Ihren Schnitt kommen!
Moser natürlich! Manfred blieb ganz ruhig. Das wunderte mich zunächst, aber er hat offensichtlich ausreichend Selbstbewusstsein. Als Moser neben uns stand, fragte der gar nicht mehr, wieso ich mich hier aufhielt. Offensichtlich wusste er, wieso und weshalb; dass nämlich Manfred das veranlasst hatte. Während ich also meine Endmaße ablegte, fragte er Manfred im ganz normalen Ton:
Wieso nimmst du denn den Becker? Der muss doch den Schnitt machen!
Mit dem Peter komm‘ ich nicht weit. Der denkt mir zu wenig mit. Wenn der Klaus da wär, hätte ich ja den genommen, aber der Neue stellt sich ganz gut an.
Das ging mir zwar runter wie Öl, aber die Gesamtsituation war immer noch unangenehm. Ich nahm meinen Messschieber und zog los. Am Ende der Halle sah ich Harald, der sich einen abgrinste. Ich fragte mich, was das denn soll. Aber ich konnte ja jetzt nicht mit ihm reden.
Auf dem Weg rüber kam mir Peter entgegen, den Moser wohl beauftragt hatte, Manfred zu helfen. Am Mittag fragte ich Harald, warum er so frech gegrinst hatte. Das habe nichts mit mir zu tun, war seine beruhigende Antwort.
Du waast doch, de Moser spielt sich immer nur uff. Der un‘ unser Urbahn, die könne sich die Hand gebbe. Do is aner so verrickt wie der anner.
Und wenn ich jetzt in Verzug bin, hängt mir der Moser das an.
Ruisch bleibe, Jüngchen. Ganz ruisch bleibe.
Hoffentlich hat er Recht! In der Kantine sitze ich am Nachbartisch von Harald, Uwe und der ganzen Clique von acht Leuten. Deren Tisch ist voll, da komme ich auch dann nicht ran, wenn einer fehlt. Ich hatte das letzte Woche Donnerstag mal versucht und wurde dabei nur schief angeschaut. Die Gespräche waren sofort verstummt und gingen nur noch um die Bundesliga und die Eintracht. Mir wurde klar, dass man mir nicht (oder noch nicht?) vertraut.
Aber heute wurde ganz offenkundig, worüber die Gruppe seit Tagen diskutiert. Es geht um den Akkord und die neuen Zeitaufnahmen. Zwei Frauen aus der Montage waren nämlich an den Tisch der Gruppe gekommen und fragten, was sie machen können. Da jetzt mehr Leute zusammen waren, mussten alle lauter sprechen und ich bekam alles mit. Die Herren und Damen aus den oberen Etagen sitzen am anderen Ende der Kantine und konnten das zum Glück nicht hören. Und die Meister gehen nicht in die Kantine essen, wie ich schon in der letzten Woche feststellen konnte.
Der neue Stopper nehme sich immer nur Silvia, die ja druffkloppt wie verrickt. Da könne‘ mir niemals auf unsre Prozente komme‘.
Harald, Uwe und Roland erklärten, dass sie das nicht so laufen lassen können. Sie müssen sich halt mal „Silvia vor die Brust nehmen“.
Eine der Frauen aus der Montage: Das ist doch zwecklos. Die will doch immer nur angebbe.
Ali stimmte ihnen zu: Und wenn wir nicht endlich mal gemeinsam was tun, dann nutzt auch das Rumhacken auf der Silvia nix.
Kurzes Schweigen bei den anderen und dann merkliches Aufatmen, als Volker ein neues Stichwort gab: Jeder habe doch ein Recht, dass seine Arbeit bei ihm selbst aufgenommen wird. Da wollte aber Uwe von ihm wissen, wer „diesen Anspruch“ durchsetzt. Darauf wussten weder er noch die anderen einen Rat, außer dass … „in normalen Betrieben, wo es einen Betriebsrat gibt….“
Petra und Heike, die einzigen Frauen in der Clique, wollten aber nicht locker lassen. Heike: Jetzt lenkt doch nicht ab. Der Ali hat Recht, wenn die Leute in der Abteilung nicht zusammenhalten….
Petra sah eine Verbindung zu der Diskussion über ein mögliches neues Entlohnungssystem bei den Zeitlöhnern.
Was der Urbahn da gefaselt hat, sind doch nicht nur vage Überlegungen. Die haben doch…
Uwe unterbrach sie und sagte, dass nichts offiziell ist mit einem neuen Entlohnungssystem. Es gehe jetzt um den Akkord. Er wollte von den anderen wissen, ob sie was vorzuschlagen haben. Jammern bringe nichts. Und wenn man nichts vorzuschlagen habe, solle man ruhig sein. Auf seine Frage, was jetzt bei den weiteren Zeitaufnahmen zu tun sei, gab es nur allgemeines Schweigen. Einen kurzen Moment später setzte Harald wieder an mit: „Schick‘ den Stopper doch ….“
In dem Moment klingelte es und alle standen auf. Ich wollte die Gelegenheit nutzen und ging zu Uwe, um ihn zu fragen, warum es denn keinen Betriebsrat gibt, denn das schien mir ja die einzige denkbare Lösung. Er war aber gar nicht für ein Gespräch aufgelegt, jedenfalls nicht mit mir. Ich merkte, dass ich mindestens bei Uwe noch längst nicht angekommen bin. Auf meine Worte geben sie einfach nichts. Das ist nicht gerade aufbauend!
Dafür zog mich Ali auf die Seite und meinte, es bräuchte eine „gemeinsame Gegenwehr“. Damit konnte ich nichts anfangen und fragte ihn, ob er etwa die Leute zum Streik aufrufen will.
Notfalls ja, mit der Institution Betriebsrat ist es nicht getan. Wenn die Leute sich nicht bewegen, nutzt das gar nichts.
Aber die Leute haben doch keine Möglichkeit, etwas Rechtsverbindliches zu erreichen. Das kann doch nur ein Betriebsrat.
Da bist du völlig schief gewickelt. Damit ließ Ali mich stehen und ging zu seinen Kumpels aus der Montage. Draußen im Hof erzählte mir Harald vom Freitagabend. Es war wohl recht feucht-fröhlich gewesen. Ich habe eh den Eindruck, dass er gerne ins Glas schaut. Hoffentlich trinkt er nicht während der Arbeitszeit! Auf meine Frage, wie viele sie waren, meinte er:
Ei die alte Garde, wie immer, sechs Leutcher warn mer. Drei ham gefehlt.
Nicht mehr? Ich dachte, die halbe Montage geht mit.
Ach, na mit dene meisde kannst de nix ãfange. Des will ich ach gar net. Die Weiber sind meschugge und die Leit, die immer nur um de Master rumscherwensele, kannst de ach vergesse. Die wolle all mol Vorarbeider wern. Des geht abber net. So viel Poste gibt’s net.
Hast du was gegen Frauen?
Bist du err? Heit Obend lesch isch mei Frau‘che widder um, des kannste aber singe!
Ich dachte nur „alter Chauvi“ und beendete das Gespräch. Auf der Treppe saßen Uwe und ein paar andere, die mir einen etwas besonneneren Eindruck machen, aber Uwe, der anscheinend eine gewisse Autorität in der Gruppe besitzt, hält sich mir gegenüber total bedeckt. Zwei Versuche, in’s Gespräch zu kommen, sind sofort gescheitert. Der mitteilsamere Volker hat wenigstens mal angedeutet, was die Leute in der Montage zurzeit beschäftigt. Es scheint Verunsicherung zu herrschen, weil die Akkordler Angst vor neuen Zeitaufnahmen haben.
Der Nachmittag war einigermaßen normal, die Fräsarbeiten gehen jetzt besser voran. Ich kann morgen damit fertig werden. Danach habe ich nur noch die Bohrungen anzubringen. Anschließend geht es ans Schleifen, Ende der Woche ans Erodieren.
16.8.
Schon ganz früh war Meirad da und sprach mit Moser ein neues Projekt durch. Ich wollte von Manfred wissen, um was es geht. Er wisse es nicht und es interessiere ihn auch nicht.
Man wird ja sowieso nie vorher einbezogen, immer erst dann, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Du musst dir doch nur die Montage anschauen. Die Konstruktion entwirft was, überlegt aber nicht, wie das zu montieren ist. Du quetschst dir da beim Aufstecken der Zahnräder in den engen Gehäusen alle Finger, hast kein Werkzeug und von der Kontrolle in der Dreherei wollen sie dann wissen, ob die Einzelteile stimmen, mit der Begründung: „weil es so schlecht zu montieren ist“. Dabei haben sie in der Dreherei und erst recht in der Montage noch nicht mal die Messmittel dazu, um mittelschwere Teile zu messen, z. B. mit einem exzentrischen Sitz auf der Abtriebseite. Die bekommen heute in der Dreherei eine Zeichnung und sollen sofort loslegen, aber keiner hat vorher mit ihnen abgesprochen, wie die Teile gedreht werden können, wie sie gemessen werden können, welche Messmittel angeschafft werden müssen und so weiter. Und von der Meirad hörst du immer nur: „Die Teile müssen zu einander laufen.“ Aber was da wie laufen soll, Planlauf oder Rundlauf, kann sie dir nicht sagen. Von Form- und Lagetoleranzen hat die eh keine Ahnung.
Damit bestätigte er mir, dass Meirad mit den Zeichnungen nicht immer so korrekt ist. Ich denke trotzdem, dass ich die Unklarheit bei der Zeichnung für das Spritzgusswerkzeug mit ihr klären müsste.
Als Meirad im Meisterbüro fertig war, stürzte ich vor, um mit ihr zu sprechen. Aber sie hatte keine Zeit. Inzwischen drängt sich mir der Verdacht auf, dass sie über diese Sache schon Bescheid weiß, aber nicht mit dem „Neuen“ darüber reden will. Manfred klärte mich auf, dass das nichts mit mir zu tun hat.
Du weißt doch, dass sie sich gegenüber Koch keine Blöße geben will. Die wird versuchen, die Sache anders zu lösen.
Wie?
Indem einfach das ganze Werkzeug umgebaut wird. Noch hast du ja nicht damit angefangen. Da kann sie das noch kaschieren. Denk mal an mich!
Und mit dem Schneidwerkzeug ist doch auch was unklar. Wie werden denn auf dem kurzen Stück die Streifen geführt?
Ich weiß nicht, ob sie davon weiß oder ob sie sich was dabei gedacht hat oder ob es am Material liegt, das verwendet werden soll, aber wenn sie nie Zeit hat, kannst du nichts dafür.
Dein Wort in Gottes Gehörgang.
Peter kam von der Kantine zurück (er war mal wieder am Cola-Automat gewesen). Ganz aufgeregt wartete er, bis Moser den Werkzeugbau verlassen hatte, und dann brach es aus ihm raus.
Die Mondaasche hot ganz schee Druck. Die kriee die Uffträsch net fertisch und dauernd werd gemeckert. Die sin‘ nur am dischbudiern und schaffe nix.
Manfred: Du willst doch nicht sagen, dass die Montage aufgehört hat, zu schaffen!?
Ne, abbä de Harald seet, dass di Bost abgehd.
Ich war gespannt, ob ich nachher mehr mitbekommen würde. Beim Mittagstisch saß die Clique schon beieinander und sprach so leise, dass ich nichts mitbekam. Ich fand das unfair, aber andererseits muss ich ja auch vorsichtig sein und kann nicht zu offensichtlich mit denen zusammenhängen. Denn eins habe ich nach Manfreds Erläuterungen begriffen: Die Clique wird von den „Hohen Herrn“ als Meckerer und Nörgler angesehen. Wenn man noch keinen festen Vertrag hat, sollte man nicht zu viel mit ihnen zu tun haben. Ich bin ungern auf der Abschussrampe.
Beim Rausgehen sprach ich eine der Frauen an, die letzte Woche zweimal am Cliquen-Tisch waren. Sie redete so, als müsse ich doch längst wissen, wie es in der Montage abgeht. Ich konnte ihr nicht erklären, wie wenig ich weiß. Keine Ahnung, ob sie mir dann überhaupt noch was erzählt hätte.
Am Nachmittag mussten Peter und ich Manfred helfen, das Stanzwerkzeug, das er am Vormittag repariert hatte, in die Montage zu bringen und dort einzubauen. Die Stanze ist aus Lärmschutzgründen von der eigentlichen Montage abgeschirmt, aber während unserer Einbauarbeit waren natürlich alle Türen offen. Ich bekam jetzt den Eindruck, dass irgendetwas nicht stimmt. Die Leute waren zwar generell an ihren Plätzen, aber ständig stand jemand auf und ging ein paar Plätze weiter, um sich irgendein Werkzeug oder auch Material zu holen. An der Stelle, wo Uwe sich aufhielt, war eine kleine Traube, die sich jedes Mal sofort auflöste, wenn Urbahn aus seinem Meisterbüro in die Halle ging.
Nach einer Viertelstunde hat sich Manfred erst mal den Finger eingeklemmt und uns vorgeworfen, dass wir nicht gut genug gehalten haben (vielleicht hatte er Recht). Er musste erst mal zum Sani, sich den kleinen Finger verbinden lassen, und wir mussten warten. In diesen zehn Minuten setzte ich mich in der Halle auf einen Stuhl und schaute mir die Mannschaft (die größtenteils eine Frauschaft ist) an. Prompt kam ein Kollege vorbei und redete drauf los.
Ihr habt’s ja gut, ihr Werkzeugbauer.
Werkzeugmacher.
Egal. Ihr habt keine Zeitvorgabe für eure Arbeit.
Denkste.
Wieso, ist jetzt vielleicht bei euch auch ein Stopper aufgetaucht?
Nein, natürlich nicht, aber unser Meister kommt auch ständig und macht Druck. Übrigens, ich heiße Robert Becker.
Ich bin der Wolfgang, Wolfgang Bauer. Die Leut‘ nennen mich Wolli. Morgen kommt wieder der Stopper. Die Leut‘ sind schon stinkesauer. Seit wir den neuen Stopper haben, kommen keine guten Zeiten mehr raus. Von wegen „objektiv gemessen“. Die Leute rödeln wie verrückt und kommen auf keine Prozente mehr.
Wo ist denn der Arbeitsplatz von eurem Uwe? Erst war er eine Zeit lang da hinten, jetzt ist er rübergekommen an den Platz von der Silvia.
Uwe ist doch Einrichter. Aber ich weiß nicht, ob er das noch lang‘ is‘. Der Urbahn hat ihm, glaub‘ ich, schon vorgeworfen, zu viel mit den Leuten zu schwätzen. Eigentlich kommt er mit dem Uwe aus, aber seit der Mühleisen da ist, haben wir hier einen zweiten Koch. Am Anfang hat der „neue Verkaufsleiter“ mordsfreundlich getan. Aber inzwischen wissen wir, dass er genauso rücksichtslos ist wie der Koch. Ich weiß nicht, wer von den beiden schlimmer ist. Angeblich können die Kunden unsre Getriebe nicht bezahlen, wenn wir so eingruppiert bleiben und wenn die Zeiten so lang sind.
Das schmälert vielleicht die Profite.
Du scheinst schon was zu begreifen. Aber ich muss jetzt mal wieder weitermachen, sonst rückt mir der Urbahn auf die Pelle.
Aus irgend einem Grund gehört Wolli anscheinend nicht zur Clique, jedenfalls sitzt er nicht am Fenstertisch, aber ich krieg das noch raus. Er kann mir ganz bestimmt noch mehr erzählen. In dem Moment kamen Urbahn und eine Frau an uns vorbeigelaufen. Urbahn beachtete mich nicht, ich bin für ihn ein völlig Außenstehender, mit dem er nichts zu tun hat. Die Frau beschwerte sich, dass sie nicht auf den Lehrgang geschickt wurde (sie sagte nicht, welchen). Jetzt blieben beide stehen und Urbahn erklärte, dass die Firma nicht alle Leute gleichzeitig fortschicken kann. Die Frau ließ nicht locker.
Jetzt hab‘ ich schon das dritte Mal versucht und jedes Mal heißt es: Es klappt nicht. Warum immer nur dieselben und warum niemals jemand von uns in der Montage?
Der Lehrgang muss ja auch was für die Arbeit bringen. Das muss ja auch passen. Wir sind ja keine Volkshochschule.
Das ist nicht fair. Es heißt doch immer, wir sollen uns qualifizieren. Aber wenn sich jemand wirklich interessiert, dann passt es nicht. Warum immer nur dieselben, immer nur Leute von oben? Wir bekommen doch nie eine Chance, mal was anderes zu machen oder auch einfach mal was zu lernen.
Ihr seid nicht zum Lernen da, sondern zum Arbeiten. Ich muss jetzt in den Einkauf. Ein anders Mal sprechen wir weiter.
Er ließ sie einfach stehen. Ihr kamen fast die Tränen. Als er weit genug weg war, kam nur noch ein „Mistkerl!“ raus, bevor sie an ihren Platz ging. Ich hatte keine Chance für eine Nachfrage, um welchen Lehrgang es sich eigentlich handelte.
Manfred kam zurück und wir haben das Stanzwerkzeug endlich richtig platziert, ohne Peter, der längst zurückgegangen war. Mein Ausflug in die Montage hat mir zwar Zeit von der Arbeit am Bohrwerk genommen, aber es war einfach interessant, zu sehen, was da drüben abgeht. Diese Arbeit würde mir keinen Spaß machen. Manfred erklärte mir, dass die meisten fast das ganze Jahr immer nur dieselben Getriebe montieren. Auch die, die eine Metallerausbildung haben, kommen aus dem Trott nicht raus. Die Einrichter seien da schon besser dran, „aber auch die haben Krumpel mit dem Urbahn“. Konflikte gebe es ständig, aber zurzeit sei richtig miese Stimmung. Die Leute sind sauer, aber er wisse nicht so recht, warum. Es interessiere ihn auch nicht. Er habe genug eigene Probleme, zum Beispiel mit seinen Beinen. Vor zwei Monaten habe er sich die Krampfadern ziehen lassen und sei länger ausgefallen. Das sei ja auch der Grund, weshalb ich eingestellt wurde.
Ich dachte, die brauchen eine weitere Fachkraft, weil die Produktion ausgedehnt wird. Das hat jedenfalls der Personalchef zu mir gesagt, als er mich eingestellt hat.
Von der Ausdehnung der Produktion sehe ich nichts. Die wollen was umstellen und wollen leisere Getriebe anbieten, weil sie dann am Markt neue Chancen sehen. Aber heut‘ weiß keiner, ob das klappt. Wir werden ja auch gar nicht einbezogen. Du musst dir nur mal anschauen, wie sie dem Mayer die einen Sachen sagen und die anderen Sachen dem Schneider.
Wer sind denn diese zwei Leute?
Das sind beide Möchte-gerne-Meister bei den Schneckengetrieben, drüben in der neuen Halle. Und jeder von den beiden behält sein Wissen für sich, statt dass sie beide zusammenarbeiten würden.
Wahrscheinlich, weil nur ein Posten zu besetzen ist und jeder ….
Ja, natürlich. Ich bekomm‘ das mit, wenn ich eine neue Vorrichtung rüber bringe. Jeder will dann derjenige sein, dem ich die Handhabung der Vorrichtung erkläre, möglichst so, dass der andere es nicht mitbekommt. Ich muss es dann kurze Zeit später doch noch dem anderen erklären. Aber ihre eigenen Erfahrungen geben sie nicht weiter, auch mir nicht. Ich könnte sie ja dann dem anderen, dem „Mitbewerber“, weitersagen. Das geht jetzt schon seit Jahren so.
Ja, wenn jeder auf diesen Posten will, ….
Ja, der Koch lässt einfach die Leute keulen und sich abstrampeln. Jeder von denen ist unbegrenzt zu Überstunden bereit. Ich möcht‘ nicht wissen, wie oft die schon samstags da waren. Ich will auch gar nicht wissen, ob sie das überhaupt alles bezahlt bekommen.
Du warst doch auch schon am Samstag da.
Wenn die Produktion hängt und sonst am Montag die Leute nichts zu tun haben, dann seh‘ ich das ja auch ein. Aber die beiden Idioten holen ja am Samstag das nach, was in der Woche nicht geschafft wurde, entweder bei der Produktion oder bei der Materialbereitstellung und so weiter. Die sind ja auch immer die ersten, die bei den Überstundenwünschen der Geschäftsleitung Druck auf die Leute ausüben. Wie oft haben die Leute schon geflucht, haben aber dann die ganze Woche über jeden Tag eine oder zwei Stunden länger geschafft.
Wie wäre es denn mal mit einem Betriebsrat oder mit mehr Leute einstellen?
Das kannst du hier in dem Laden vergessen. Wer will denn hier den Betriebsrat machen? Ich verbrenne mir keine Finger, der gequetschte Finger von vorhin reicht mir.
Anscheinend ist die Sache ganz schön verfahren. Manfred weiß wohl von einigen Dingen, aber besonders aufrecht gehen kann der auch nicht. Wo bin ich denn da hingekommen? Vom Regen in die Traufe?
17.8.
Heute in der Frühe ging es an die Bohrungen. Hat ganz gut geklappt, nur das Langloch hat mir ein paar Schwierigkeiten gemacht, weil mir zwei Fingerfräser abgebrochen sind. Zu großen Vorschub genommen, Mist!
Als die Werkstücke im Härteofen waren, habe ich Manfred etwas geholfen. Von ihm kann man noch viel lernen. Wir schwätzten etwas, aber über den Konflikt in der Montage wollte er sich nicht auslassen. Zu meinem Leidwesen ging es erst mal nur über die Eintracht und ihre Scout-Abteilung. Hier waren wir aber wenigstens völlig einer Meinung: taugt nichts.
Das Härten und Abschrecken; ging problemlos. Das hätte die Härterei in Roßdorf auch nicht besser gemacht. Punktladung bei 58 Rockwell! Später ging ich ans Schleifen. Es ist der feinste Arbeitsgang, aber auch der dreckigste. Der feine Nebel verwirbelt sich in der ganzen Werkstatt. Du atmest einfach zu viel davon ein.
Am Nachmittag wurde ich natürlich nicht fertig mit dem Schleifen. Da hatte ich mir zu früh Hoffnungen gemacht.
Uwe war in der Mittagspause zu mir an den Tisch gekommen und hat mich quasi verwarnt. Ich solle nicht von einer Clique sprechen, sie seien nur einfach ein Gruppe von Kollegen! Man müsse ja nicht mit jedem ins Bett gehen. Eine Antwort von mir wartete er gar nicht ab. Wer hatte ihm nur erzählt, dass ich die Leute an dem Fenstertisch als „Clique“ bezeichnet habe? Ich wollte ja nur ausdrücken, dass sie anscheinend zusammengehören, nicht dass sie sich vielleicht unkollegial verhalten.
Draußen im Hof brachte mir Harald auf seine joviale Art rüber, dass die Gladbacher jetzt den Durchmarsch starten. Dabei hat gerade erst die Saison begonnen. Und nur weil sie das erste Spiel gewonnen haben, meint er schon, die Bäume wachsen ihnen in den Himmel. „Mir mache den Meister. Entwedder Meister oder gar nix. Nur zwaader derfe mer net wern. Nix is scheißer als de zwade Platz.“ Innerlich griff ich mir an den Kopf und wechselte das Thema. Auf meine Frage, wie es mit den Zeitaufnahmen weitergeht, merkte er nur an:
Das krie mer schun.
Später an der Bushaltestelle konnte ich Uwe ansprechen (er hatte heute ebenfalls kein Auto).
Ich höre, ihr kriegt das mit den Zeitaufnahmen in den Griff.
Wer sagt das denn?
Harald.
Der nimmt die Sache nicht ernst. Nichts kriegen wir in den Griff. Heut war der neue Stopper da. Er wollte den Leuten nicht sagen, welche Zeiten rausgekommen sind. Er hat drei neue Aufnahmen gemacht. Wenn die Leut‘ gefragt haben, hat er immer nur gesagt, dass er erst rechnen muss. Das ist natürlich Quatsch. Im Grunde muss er bei seinem Kladden-Rechner nur aufs Knöpfchen drücken. Das wissen die Leute auch. Deswegen sind sie ja so sauer. Alles ist vollkommen undurchsichtig. Die Leute werden verarscht. Deswegen werden sie zunehmend stinkig.
Und was wollt ihr machen?
Nichts können wir machen! Nichts! Die Leute werden dumm gehalten, sie haben keine Rechte und seit der Koch mit dem Neuen Verstärkung hat, geht gar nichts mehr.
Dem Neuen?
Na, der Mühleisen. Hier kommt mein Bus.
Immerhin hat nun Uwe mal ein paar Worte mit mir gewechselt. Vielleicht kommen wir ja doch noch ins Gespräch.
Es ist zwar erst Mittwoch, aber ich sehne mich schon nach dem Wochenende. Miriam will mit mir zum Reiten fahren. Die Kleine freut sich so drauf, weil wir dann beide jeweils „eine Sausi in echt haben“. Ihr Steifftier „Sausi“ hatte sie sich vor zwei Jahren selbst für viel Geld gekauft und liebt es über alles.
Mit Claudia kann sie nicht reiten gehen. Die ist zu ängstlich und bleibt lieber auf der Couch zu Hause und backt uns nachher eine wunderbare süß-saftige Pflaumentarte. Da kommt ein Hefekuchen einfach nicht mit. Ich will ja immer, dass sie uns auch mal Pflaumenmus macht, aber das sei so schwierig, sagt sie. Ich selbst habe keine Ahnung, wie das geht.
18.8.
Immerhin schon Donnerstag. Seltsamerweise war am Vormittag die Eurokrise plötzlich das Gesprächsthema. Bisher hatte ich noch nie ein politisches Wort gehört. Natürlich faselte Peter davon, dass „mir net immer die annern aus em Schlammassel ziehe kenne“. Manfred hielt sich bedeckt. Und Moser gab natürlich den Staatsmännischen. So kenn‘ ich ihn inzwischen.
In der Frühstückspause wurde mir erst klar, wieso das plötzlich bei uns in der Werkstatt ein Thema war: Die Bildzeitung hatte groß aufgemacht: „Wie lange noch?“, gemeint war: Wie lange wollen wir die anderen noch aushalten? Mir hat die Überschrift und das Bild mit dem Finanzminister, der die Euro verteilt, voll gereicht. Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich…
Nach dem Frühstück kam Moser zu Peter an die Werkbank und fragte ihn, wie er sich vorstelle, dass bei seiner Vorrichtung, die er da gerade für die Montage baut, auch hoch-viskoses Fett genommen werden kann. Peter stammelte nur und erzählte was von „noch nicht fertig“ und „kommt noch“. Moser wurde immer erboster. Er wolle wissen, was er denn da noch machen will, er habe doch bei dieser dünnen Wandung gar nicht mehr genug Fleisch, um das anzupassen, so dass es auch für hoch-viskoses Fett geeignet ist. Das ging mindestens fünf Minuten lang und es wurde mir klar, dass die beiden gar nicht weiterkommen. Peter wurde immer röter und Moser hackte nur auf ihm rum und fluchte und drohte, dass – wenn es nicht funktioniert – er die Vorrichtung in seiner Freizeit noch mal neu machen müsse.
Manfred war am anderen Ende der Halle und bekam nichts mit. Er hielt sich natürlich auch wieder bewusst raus. Als Moser fort war, ging ich zu Peter hin und fragte ihn, was er da überhaupt baut und warum er nicht nach Zeichnung baut. Er erklärte, dass die Vorrichtung an die Dosierungsanlage bei den Stirnradgetrieben angeschlossen werden soll. Für so einen einfache Vorrichtung habe die Meirad keine Zeit, eine Zeichnung zu machen. Der Urbahn habe ihm erklärt, was gebraucht würde, und das war es dann.
Auf meine Frage, welches Fett dort eingesetzt wird, antwortete er, dass dies wohl „alle verschiedenen“ seien. Ich sagte ihm, dass das hochviskose Fett da wohl nicht so einfach durchgedrückt wird. „Da braucht man wohl ganz schön Kraft.“ Seine erstaunten Augen offenbarten mir, dass der mit dem Begriff hochviskos gar nichts anfangen konnte. Er hatte sich aber offensichtlich nicht getraut, den Meister zu fragen, was der eigentlich genau wollte. Deswegen hatten die beiden vorher ständig aneinander vorbeigeredet, genauer: Peter hatte um die Sache herumgeredet, weil er einfach nur das Fremdwort nicht verstanden hatte. Dabei wäre die Sache in zwei Minuten geklärt gewesen. Moser spürte aber auch gar nicht (oder wollte nicht spüren?), dass es ein Verständnisproblem gab. Und anstatt mit dem Werker zusammen eine Lösung für die zu kleine Bohrung (mit dem zu geringen Abstand zur Außenwandung) zu finden, drohte er ihm einfach nur mit unbezahlter Nacharbeit und verschwand einfach. Wie sollen wir so auf Dauer zusammenarbeiten? Da kann ich nur sagen: Ein Glück, dass ich Abi habe und man mir mit Fremdwörtern nicht so schnell Probleme macht!
Peter war froh, dass ich ihm mit einem einzigen Wort überhaupt das Problem und die Aufgabenstellung klar machen konnte. Beide überlegten wir, wie wir die Öffnung größer bekommen. Meine Lösung: ein Langloch. Dafür braucht er jetzt nur noch einen Mini-Fingerfräser, aber den muss man erst über die Werkzeugausgabe von der Dreherei bestellen. Erodieren wäre zu riskant (zu wenig Fleisch). Allerdings muss er dann noch ein passendes Kupplungsstück fertigen.
Mit meinem Schnitt bin ich jetzt fast fertig. Wird sicherlich morgen klappen, spätestens am Montag kann ich die Außenkonturen handlicher machen. Ich bin überzeugt, dass es funktionieren wird, wenn die zwei fehlenden Lochstempel ankommen (sind für nächste Woche angekündigt). Dass an der Schnittstreifenführung was fehlt, ist meines Erachtens klar, aber man konnte ja mit niemandem darüber reden.
Beim Rausgehen sprach mich Harald an, ob ich denn dieses Mal mitkomme. Ich wollte wissen, ob sie denn jede Woche „einen saufen gehen“. Er protestierte: Sie saufen nicht, und sie gehen auch nicht jede Woche zusammen fort, aber sie hätten Wichtiges zu besprechen. Das ginge in der Halle nicht. Morgen, Freitag, würden sie sich an der gewohnten Stelle treffen. Das mit dem „Wichtigen“ hat mich aber sehr interessiert und deshalb fragte ich, wo sie sich treffen. „Die zweit‘ Äppelwoi-Kneipe hinner de‘ Juhe, um acht Uhr.“ Ich konnte nicht zusagen, weil ich erst klären musste, ob ich zu Hause gebraucht werde. Er war damit zufrieden und wollte nur morgen eine klare Antwort. Die anderen wüssten Bescheid. Er los zum Bus, ich heim.
Warum er nur immer „Jüngchen“ zu mir sagt, weiß ich nicht. Ich schätze ihn auf vier bis fünf Jahre jünger ein als mich. Seine Redeweisen sind manchmal sowieso schwer zu verstehen, aber er gehört eindeutig zur Fenstergruppe (Clique darf ich ja nicht mehr sagen).
Inzwischen ist klar, dass ich morgen kann. Wieso ich plötzlich bei einer „wichtigen Sache“ dabei sein darf, weiß ich noch nicht. Vielleicht spielt eine Rolle, dass der mitteilsame Wolli in der Mittagspause bei mir war und mich für die Gewerkschaft werben wollte. Als er erfuhr, dass ich schon organisiert bin, lief er gleich zur Fenstergruppe. Vielleicht spielte das rein, denn nur die wenigsten sind in diesem Betrieb organisiert. Das hatte mir schon der Gewerkschaftssekretär gesagt, als ich ihm vor Wochen von meinem bevorstehenden Betriebswechsel berichtet hatte. Die Gewerkschaft bekommt hier kein richtiges Bein an die Erde. Sie waren auch schon seit vielen Jahren nicht mehr auf einer Betriebsversammlung hier im Haus. Kein Wunder: Wie mir Manfred erzählt hat, gibt es nur alle Schaltjahre mal eine Versammlung, und die ist von der Geschäftsleitung einberufen, um den Leuten von der schwierigen Geschäftslage zu erzählen und ihnen bestenfalls noch ein frohes Fest zu wünschen. Auf den Nikolaus, der da verteilt wird, könne er gut verzichten.
19.8.
Gestern auf der Arbeit lief alles ganz gut. Das Werkzeug ist (fast) fertig. Am Montag wird es abgegeben und dann können die Hohen Herrn auf die Lochstempel warten. Mal sehen, wann die kommen.
Am Abend in der Kneipe war es zwar zunächst spannend, danach aber doch ziemlich deprimierend. Anfangs waren sie sich in der Fenstergruppe anscheinend nicht einig, ob sie alles in meiner Anwesenheit bereden sollten. Es war auch nicht so klar, ob sie sich nur in ihrem Frust ausheulen wollten oder ob sie wirklich was ändern wollten. Nach den ersten zwei Äppelwoi spuckte Harald aus, was aktuell Sache ist. Vorgestern muss bei ihnen der Gedanke aufgekommen sein, dem Urbahn und dem Stopper nicht mehr tatenlos zuzusehen. Aber die Sache war offensichtlich schwierig, weil in der Fenstergruppe nur zwei Akkordler sind (Harald und Ali), die anderen sind Einrichter oder aus dem Lager oder aus dem Büro. Wolli hatte mir vorgestern erzählt, dass er „Wechsler“ ist, also teils Akkordler, teils Stundenlöhner.
Als dann gestern die Unterhaltung so richtig Fahrt aufgenommen hatte, nahmen die Kollegen mich gar nicht mehr richtig wahr. Es ging sehr aufgeregt hin und her, mit viel Empörung und mit Abschweifen auf alte Zeiten. Am direktesten war Harald. Er wollte ständig darauf hinaus, dass man versuchen sollte, den Stopper für eine Zeitaufnahme erst mal an seinen, Haralds, Platz zu bekommen. Er würde ihm „dann mal zeigen, wo der Hammer hängt“.
Von dem lass isch misch doch net unnerbuddern.
Uwe: Red‘ keinen solchen Quatsch. Allein kannst du gar nichts machen. Alleine seifen sie dich ein. Du kannst dir ja mal den Volker anschauen, der hat auf diese Art schon zwei Abmahnungen bekommen und ...
Volker: Die waren doch vollkommen unberechtigt. Auf die pfeif‘ ich doch! und lachte.
Du spinnst einfach. Noch eine und die können dich rausschmeißen. Und was der Harald da will, ist: Ins offene Messer rennen.
Harald: Ich schaff einfach nur langsamer, dann ….
Meinst du, das merkt der Stopper nicht? Das deckt der alles mit der Leistungsgradschätzung ab. Da schätzt er den Leistungsgrad auf 80% und dann bist du wieder genauso weit, wie wenn du normal arbeiten würdest. Der weiß doch vorher schon, was rauskommen soll. Die haben doch bei den Arbeiten, die bisher nicht im Akkord waren, schon längst ein Ziel festgelegt, und zwar über die Auswertung der Auftragszeiten. Als damals durchgesetzt wurde, dass jeder Arbeitsgang erfasst wird und extra an- und abgestochen wird, haben sie die Grundlage bekommen, um über einen längeren Zeitraum einen Durchschnitt zu ermitteln. Der wird dann auf unter hundert Prozent runtergesetzt, vielleicht auf neunzig oder achtzig Prozent, und dann ist klar, dass du im Akkord ranklotzen musst, um auf dein Geld zu kommen. Und seit der Urbahn jede Unterbrechung durch Materialknappheit gesondert erfasst, kannst du dich schlecht mit fehlenden Teilen rausreden.
Roland: Uwe hat Recht. Den Stopper reinlegen funktioniert nicht. Der ist nicht blöd. Aber ich denke, am besten fahren die doch mit dem Stundenlohn und faktischen, heimlichen Vorgabezeiten. So hat es doch der Gewerkschaftssekretär auf dem Seminar erklärt, oder?
Uwe: Bei den Schneckengetrieben haben sie praktisch alle Einzelzeiten, oder fast alle, und werfen den Leuten immer vor, dass sie zu langsam arbeiten. „Die Getriebe müssen raus. Das muss doch schneller gehen“ und so weiter. Aber die Leute ziehen dort anscheinend nicht entsprechend mit. Sie wissen, dass sie sich auf diese Art selbst die Luft rausnehmen und die Leutchen dort haben ja alle noch sehr lang‘ zu schaffen. Ihr Vorteil ist natürlich, dass bei den Schneckengetrieben die Arbeiten noch zu ungleich sind, noch zu viele Änderungen kommen, relativ kleine Serien haben und so weiter. Die Arbeiten sind dort nicht akkordfähig, jedenfalls vorläufig nicht. Bei uns in der Halle aber sehr wohl.
Petra: Bei uns oben haben wir immer den Eindruck, dass unten die Leute bei den Schneckengetrieben privilegiert sind. Hängt das mit der Tochter vom Junior zusammen?
Uwe: Die hat damit gar nichts zu tun. Das liegt einfach nur an den kleinen Serien, an den Sonderanfertigungen und ähnlichen Dingen. Leute, macht euch nichts vor: Die wollen einfach nur Geld sparen,auf unsre Kosten. Bei den Akkordlern, indem sie ihnen die Luft rausnehmen, und bei den andern, indem sie vielleicht die Leute neu eingruppieren.
Petra: Wieso „vielleicht“? Das ist doch längst klar. Heute war doch schon wieder die Unternehmensberatung da.
Uwe: Wieso Unternehmensberatung?
Unsre Firma ist ja nicht mehr Mitglied bei Hessenmetall, da bekommt die Geschäftsleitung natürlich auch keine Beratung mehr vom Verband. Also ist der Unternehmensberater mit seinem Adjutant wieder im Haus und ….
Der mit dem dicken Mercedes?
Ja. Die sitzen seit heut‘ Nachmittag zusammen und wahrscheinlich auch noch morgen. Jedenfalls sollte ich über die Kantine Wasser, Saft und Cola bestellen und ins Besprechungszimmer bringen lassen. Das war mehr Zeug als nur für einen Nachmittag. Die baldowern anscheinend eine ausgetüftelte Strategie aus, wie sie die Neueingruppierung durchsetzen. Auf dem Tisch vom Koch liegt jedenfalls seit Tagen die ERA-Broschüre.
ERA?
Ja, das Entgeltrahmenabkommen von Hessenmetall und IG Metall.
Dann stimmt es also doch, was wir beim Urbahn rausgehört haben. Der hat das doch gestern noch bestritten und wir haben gedacht, wir haben da nur was reininterpretiert. Na dann können wir uns ja die nächste Woche warm anziehen.
Petra:
