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Wie kommt man auf die Idee, ein Kinderheim zu gründen? In das Kind, mein natürlicher "Feind" wird genau das beschrieben. 1997 gründen Robert Becker, Familientherapeut zusammen mit seiner Frau, Elisabeth Wieding-Becker, und befreundeten Mitarbeiterinnen in Frankfurt das Kinderheim "An den 3 Steinen." Was Heimerziehung erreichen kann und wo Grenzen sind wird durch spannende Zeugnisse von Kindern, Jugendlichen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, sowie den GründerInnen selbst dokumentiert.
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Seitenzahl: 205
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Unseren Kindern und Jugendlichen, ohne die es uns gar nicht geben würde und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
Lieber Herr Becker,
eine Krise als Chance betrachten, das war harte Realität für Sie, als es 1997 darum ging, die Schließung des Bürgermeister-Gräf-Kinderheims zu verdauen. Sie wollten mit aller Macht verhindern, dass Ihre Gruppe aufgelöst und die Kinder auf andere Einrichtungen verteilt werden. Erstaunlich mutig oder sogar „größenwahnsinnig“, so wurde geurteilt, als Sie verkündeten, einen Verein und eine eigene Einrichtung gründen zu wollen. Alle Kinder und alle Erzieherinnen sollten zusammenbleiben können. Zielstrebig entwickelten Sie ihren Aktionsplan, suchten Berater, fanden Unterstützer.
Sie haben die riesige Aufgabe mit ungeheurer Einsatzbereitschaft und Mut zum Risiko geschafft. Heute, nach zwanzig Jahren, können Sie auf ein etabliertes Angebot der Jugendhilfe blicken. Sie und Ihre engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben sich die Anerkennung durch die tägliche Arbeit mit den jungen Menschen, den Sorgeberechtigten und den Kooperationspartnern verdient.
Ich denke gerne an die Zeit, als ich auf Seiten des Jugendamtes die Entwicklung der Kooperativen Erziehungsarbeit e.V. begleitet habe, die konstruktiven Gespräche und die von Fairness geprägten Diskussionen.
Weiterhin viel Erfolg und Spaß bei allen Herausforderungen wünscht
Ingrid Puhmann
damals Mitarbeiterin Grundsatzabteilung Jugendamt Frankfurt, Heimaufsicht
Das Kind, mein natürlicher Feind …
… so kann man doch kein Buch nennen! Nicht, wenn es von einem Kinderheim, beziehungsweise von einem Jugendhilfeträger handelt.
Im Zeitalter von Partizipation von Kindern und Jugendlichen, Schutzkonzepten und Prävention muss man sich in Acht nehmen und Missverständnissen vorbeugen. Außerdem sollte man als Beispiel voran gehen.
Aber man sollte auch nicht immer alles so ernst nehmen, sich selbst schon gar nicht.
Es geht letztlich immer um die pädagogische Grundhaltung. Das habe ich schon während meiner Erzieherausbildung gelernt, und ich glaube, meine Grundhaltung Kindern und Jugendlichen gegenüber ist weniger feindselig, als der Buchtitel zunächst einmal glauben macht.
Dieses Buch ist inhaltlich gefärbt, aus subjektiver Sicht geschrieben und unweigerlich gerät der Berichtende, ich selbst, (als Agierender) sehr in den Focus. Das Kind, mein natürlicher Feind … ist daher sicherlich auch ein sehr persönliches Buch geworden. Doch es geht nicht um mich. Bestimmt war ich in manchen Situationen das „Zugpferd“, weil einer den Karren ziehen musste, aber hinter mir hat stets ein kompetentes Team gestanden – bis heute!
Vielleicht ist der Titel provokant, wahrscheinlich sogar …
Womit wir beim Thema wären: Kinder und Jugendliche sind dies von Zeit zu Zeit eben auch. Sie machen einem gerne das Leben schwer.
Es macht also durchaus Sinn, den Gedanken zuzulassen, mit ihnen bisweilen tatsächlich kämpfen zu müssen. Wenn dies also unumgänglich ist, warum also sollten wir dies nicht mit einigem Spaß und Freude an der Auseinandersetzung tun? Kinder, unabhängig welchen Alters, sind anstrengend, zugegeben. Aber: Wir sind das auch gewesen. Nicht alles ändert sich mit der Zeit, nur der Abstand zum Erlebten wird größer.
Der griechische Philosoph Sokrates, 469 v. Chr. bis 399 v. Chr., sagte zu „unserem Problem“:
„Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“
„Unsere Kinder“ als natürliche Feinde zu betrachten, bedeutet an dieser Stelle nichts anderes, als sie „zu studieren.“ Sie genau zu beobachten versetzt uns in die Lage, wenigstens einen Teil dessen, das sie umtreibt, zu verstehen, um letztlich gegen ihre „Tricks“ gewappnet zu sein.
Wer weiß es nicht? Sie ziehen einen schneller über den Tisch als gedacht. Ein Moment zu lange gezögert und man kommt nicht mehr zurück: Wir verlängern die vereinbarte Fernsehzeit, die Süßigkeiten können die lieben Kleinen dann doch vor den Mahlzeiten essen, und nur weil wir nicht konsequent genug sind und ihnen immer wieder auf den Leim gehen, ertappen wir uns dabei, dass wir zu nachtschlafender Zeit für den Ältesten der Gruppe dessen Lieblingshemd bügeln. (Er will seiner eventuell neuen Freundin damit imponieren und wenigstens einmal im Leben ordentlich angezogen in der Schule erscheinen.) Deshalb hat er uns mit Hundeblick darum gebeten, ihm zu helfen.
Hilfe brauchen sie ständig, nur zugeben können sie das nicht – ebenso wenig, wie sie Hemden bügeln können!
Achtung! Immer schön auf der Hut sein. Sie, die Kinder kennen uns! Wenn wir nicht aufpassen, gelingt es ihnen ohne viel Mühe, unser Arbeitspensum zu verdoppeln. Natürlich fragen wir sie abends noch Vokabeln ab, weil sie tagsüber nicht dazu gekommen sind, sie zu lernen und morgen die gefürchtete Vokabelarbeit (die sie dann leider doch ziemlich verhauen) auf dem Plan steht.
Sie wissen, wo wir unsere kleinen Schwächen haben und wie sie diese nutzen können. Von „unseren“ Kindern also sollten wir lernen!
Natürliche Feinde erkennt man sofort – Sie passen ins Beuteraster: unordentliche Jugendliche, die ihre Zimmer nicht aufräumen und ihre Socken erst dann wechseln, wenn sie beim Ausziehen von alleine stehen bleiben, Kinder, die vorlaut sind und sich nur an Regeln halten, wenn sie sich einen Vorteil davon versprechen. Die möchte man doch allzu gerne „besiegen.“
Zumindest ist so die landläufige Meinung. Manchmal geht es auch nicht ganz ohne Machtkampf, schöner aber scheint mir die Idee, die Kinder und Jugendlichen, die wir betreuen, bei allem Bewusstsein professionell angeratener Distanz zu Freunden zu machen. Nehmen wir sie einfach ein wenig auf die Schippe. Dass sie uns einwickeln wollen, ist verständlich! Lassen wir sie also hin und wieder gewähren, damit sie ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln können. Nur den Überblick sollten wir dabei nicht verlieren und die Führung behalten, solange sie noch nicht so recht wissen, wohin. Sonst werden sie „größenwahnsinnig“, rotten sich zusammen und machen uns das Leben wirklich schwer. Dass sie alles besser zu wissen meinen, liegt in der Natur der Sache. Man kann es ihnen nicht verdenken. Ihre Intelligenz ist eben noch nicht ganz ausgereift, und sie glauben tatsächlich fest daran, das Wesentliche ihres Lebens bereits begriffen zu haben. Immerhin wissen sie, wie die Spielkonsole angeht und wie sie eigene Videos ins Netz stellen können – das ist schon mal eine Menge.
Letztlich kann man kaum in einem Kinderheim arbeiten, wenn man nicht mit großer Leidenschaft verstehen will, wie die Gruppe funktioniert.
Vielen Kindern und Jugendlichen fällt es aufgrund ihrer Vorerfahrungen schwer, Vertrauen zu fassen. Es wird einfacher, wenn wir die damit verbundene Skepsis uns gegenüber nicht persönlich nehmen. Wir veranstalten kein Wettrennen bei der Verteilung von Zuneigung, und es geht nicht um Macht. Nicht darum, dass irgendwer der oder die Stärkere ist, sondern darum, den Mut zu entwickeln, sich zu zeigen und die Richtung vorzugeben. Dazu müssen wir, die Erwachsenen, uns einig sein, miteinander sprechen und uns auseinandersetzen. Unsere Kinder, egal welchen Alters, sollten uns das wert sein. Wenn wir es schaffen, Grenzen aufzuzeigen, geben wir auch Halt. Wenn wir zulassen, dass wir uns aneinander reiben, entsteht auch Wärme.
Auch wenn wir immer wieder mal den Eindruck gewinnen, dass die Bedürfnisse junger Leute manchmal nicht recht zu den Zielen passen wollen, die wir für sie festgelegt haben, wir sollten nicht übersehen, dass auch dies in der Natur der Sache liegt. Waren wir damals anders? Wahrscheinlich nicht. Auch wir waren laut, wenn Erwachsene ihre Ruhe wollten, haben lieber geschlafen, anstelle für die Schule zu arbeiten und haben uns wenig manierlich benommen, wenn unsere Anspannung zu groß war, zu viel zur selben Zeit von uns verlangt wurde. Auch wir waren natürliche Feinde.
Wer mich kennt weiß, dass ich Kinder und Jugendliche gerne ein bisschen provoziere. Man sollte also nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Selbstverständlich weiß ich, dass unsere Kinder und Jugendlichen ganz wunderbar, außergewöhnlich klug und sehr manierlich sind. (Nur, dass sie sich eben noch nicht so recht trauen, dies auch zu zeigen.) Was sollten ihre Freunde denken, wenn sie zugäben, sich mit uns bestens zu verstehen? Es gehört schon zum guten Ton, sich mit den Erwachsenen zu überwerfen. (Auch natürliche Feinde sollte man also nicht immer so ernst nehmen.)
Aber: Sollte jemals ein Anschreiben eines Stromversorgers im Briefkasten ihrer ersten eigenen Wohnung landen und sie tatsächlich auf die Idee gekommen sein, nicht nur an den Briefkasten zu gehen, um hineinzusehen, sondern den Brief auch herauszunehmen und zu öffnen, gibt es glücklicherweise jemand, der ihnen in aller Ruhe erklärt, was der Absender ihnen sagen will …
Wenn ich von Kinderheim rede, dann nur, weil Jugendhilfeträger so formell klingt und unnötig Fragen aufwirft. Kinderheim, das kennt man: Große graue Schlafsäle, in denen Bett an Bett steht und ungewaschen wirkende Minderjährige ihre zerrissenen Kleidungsstücke, zuvor sauber aufgefaltet, auf einen Stuhl gelegt haben …
Wie kommt man auf die Idee, so was zu gründen, ein Kinderheim? Eine der Fragen, die mir am häufigsten gestellt worden ist. (Und ich selbst habe mich das auch oft gefragt. Kopfschüttelnd.)
Bisweilen kamen mir fachlich versierte Antworten in den Sinn, und ich habe von Bedarfslagen geredet und konzeptionelle Ideen und deren Umsetzung in den Mittelpunkt gestellt, oftmals war ich auch pragmatisch: Das eine Heim wurde geschlossen (wir hören davon noch in nachfolgenden Kapiteln), und wir brauchten einen neuen Ort, unsere begonnene Arbeit fortsetzen zu können. Was also lag näher, als ein neues zu gründen?
Die Wahrheit aber ist: Ich kann nichts anderes … Ich bin selbst als Heimkind groß geworden (das mit der Größe muss man nicht so wörtlich nehmen: Ich bin nicht mal eins siebzig und unsere Jugendlichen, oft einen Kopf größer als ich, werden nicht müde, mich damit aufzuziehen). Weil ich schon mal im Heim gelandet war, habe ich dann alle Stufen durchlaufen, die man als Pädagoge in einem Heim durchlaufen kann:
Ich war Schüler, dann Praktikant, Absolvent eines Freiwilligen Sozialen Jahres, nach meiner Erzieherausbildung dann Praktikant im Anerkennungsjahr, Erzieher im Schichtdienst, Gruppenleiter, Heimleiter, Einrichtungsleiter und letztlich Geschäftsführer.
Ich kann also wirklich nichts anderes …
Robert Becker, 2016
Robert Becker „Das Kind, mein natürlicher Feind“, (Pastellkreide, 1998)
Widmung
Grußwort
Ein paar Gedanken vorweg
Das Buch
Unsere Geschichte
Der Stein lässt sich bewegen
Nicht mehr zu stoppen
Die erste Zeit
Das Betreute Wohnen
Nicht jede Saat geht auf
Nichts war umsonst
Wie geht es den Eseln?
Hilfeplanung – Bestandteil unserer Arbeit
„Du wirst es sehen: Ich gehe nach Amerika”
„Ich hatte keine Kindheit, ich war nur klein”
„Du musst gehen!”
Unser Dank
Und ganz zum Schluss
Fünf Freiheiten
Anhang
Sie können unsere Arbeit unterstützen
Impressum
Mit all den vielen Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die wir in den letzten 20 Jahren betreut haben, verbinden wir Erinnerungen. Manche sind bunt und lebendig geblieben, andere verblassen ganz allmählich. Nur einige wenige Jugendliche haben eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. (Ja, auch die gab es!) An die anderen, über deren Tollpatschigkeit wir auch im Nachhinein immer wieder lachen müssen, oder die uns mit ihrer Dramatik noch heute rühren, erinnern wir uns lieber. Aber wie sie auch waren: Alle haben ihren Anteil an unserer Geschichte und kleine Puzzleteile hinterlassen, die das Große und Ganze ausmachen. Mit einigen von Ihnen sind wir noch immer im Kontakt.
Von der Idee, ein Buch über unsere Geschichte zu schreiben, waren viele sehr angetan und haben spontan angeboten, sich daran zu beteiligen und uns einen Teil ihrer Geschichten zu erzählen.
Nichts kann besser Aufschluss darüber geben, was wir, die Pädagogen, in unserer Arbeit tun, als direkt von diesen jungen Menschen deren Sicht der Dinge zu erfahren.
Auch wenn uns bewusst ist, dass die „Berichte Betroffener“ immer auch zum „unkritischen Voyeurismus“ einladen können, haben wir uns entschieden, einige Beiträge zu veröffentlichen.
Sie sind weitgehend so geblieben, wie sie bei uns eingegangen sind. Im Einzelfall haben wir aber zum Erreichen einer besseren Verständlichkeit Ergänzungen oder Kürzungen vorgenommen.
Wir haben hier und da interessante, aber uns zu persönlich scheinende Details in Absprache mit den jungen Autorinnen und Autoren zu deren Schutz fortgelassen und generell dazu geraten, die Beiträge anonym zur Verfügung zu stellen. Trotzdem haben einige der Jugendlichen und jungen Erwachsenen darauf bestanden, mit ihrem Namen genannt zu werden. „Es gibt nichts, über das wir uns schämen müssen“, haben sie gesagt und damit sicherlich Recht.
Ich war überrascht, wie viele Erinnerungen bei Einzelnen bestehen. Oft hatten Dinge, denen wir kaum Beachtung geschenkt haben, große Bedeutung. Und ich war überrascht, wieviele Bilder entstanden, welche Vergleiche herangezogen wurden und wieviel Spaß die ganze Arbeit dadurch machte.
Dieses Buch zu schreiben, war ein spannender Prozess und immer wieder tauchten Geschichten und kleine Anekdoten auf, die uns passend schienen. Ein paar davon habe ich aus meiner Abschlussarbeit („Dampfmaschine und Uhrwerk“, 1998, Institut für Familientherapie, Weinheim) übernommen, viele sind neu hinzugekommen.
Auch wenn mein Ansinnen nicht gewesen ist, ein Fachbuch zu schreiben, so sagt der Inhalt doch viel über unsere Arbeit aus.
Dass viele der Beiträge, die von Kindern und Jugendlichen stammen, sehr wohlwollend klingen, soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch uns nicht alles gelungen ist. Auch wir hätten Dinge besser machen können, hätten Fehler vermeiden sollen. Nicht jeder der Jugendlichen ist im Nachhinein gut auf uns zu sprechen gewesen, (aber ich glaube, die überwiegende Mehrheit ist es).
Zum besseren Verständnis müssen wir an dieser Stelle etwas ausholen.
Man stelle sich Folgendes vor: Das 1957 als städtisches Kinderheim in Betrieb genommene Bürgermeister-Gräf-Haus, eine damals moderne, pädagogische Einrichtung für 140 Kinder und Jugendliche, steht knapp 40 Jahre später vor der Schließung.
Ein großes Gebäude, eines mit Geschichte, das sicherlich hunderten von Kindern und Jugendlichen über all die Jahrzehnte oft genug ein Zuhause war. In unmittelbarer Nachbarschaft ein unter gleichem Namen geführtes Wohn- und Pflegeheim für ältere Menschen. Das großzügige Außengelände zur gemeinsamen Benutzung ließ auf die konzeptionelle Idee dahinter schließen: Begegnungen zwischen den Generationen. Die Realität aber sah anders aus: Die Bewohner beider Häuser blieben für sich. Auch die Mitarbeiter untereinander hatten kaum Kontakt.
Im Laufe der Zeit änderten sich die Anforderungen an Heimerziehung. Das Kinderheim, durch seine Größe bedingt sehr unübersichtlich, die Organisation mit der eines Großbetriebes vergleichbar, dazu unwirtschaftlich, konnte den pädagogischen Ansprüchen nicht mehr genügen.
Drei Jahrzehnte nach Gründung begannen gravierende Veränderungen: Verschiedene Abteilungen, so zum Beispiel die Aufnahmegruppe, zogen aus. Man sprach von Dezentralisierung. Auf dem Gelände zurück geblieben waren nur noch einzelne Gruppen, die schließlich im Laufe der kommenden Jahre immer weiter „ausgedünnt“ wurden und ins „Haupthaus“ zogen. Der Rest einer einst sehr großen, respektablen Institution, der „harte Kern“, wenn man so sagen will. Versuche, konzeptionelle Grundgedanken zu beleben, Veränderungen vorzunehmen und frischen Wind einziehen zu lassen, waren gescheitert. Letztlich waren die Strukturen zäh, der Geist unbeweglicher als notwendig und das vorherrschende Sicherheitsbedürfnis größer als gedacht. Mutige Schritte fehlten.
Das Bürgermeister-Gräf-Haus hatte sich selbst überlebt. Wahrscheinlich muss man das so aus drücken. Man hatte den Anschluss an das, was erforderlich gewesen wäre, verpasst – vielleicht aber auch verpassen wollen.
1989 etwa (für die Verantwortlichen sicherlich auch früher) stand fest: Das Gelände des Kinderheims würde einer anderen Nutzung übergeben werden, und der Abriss des Gebäudes war nur noch eine Frage der Zeit. Entsprechend groß die Enttäuschung.
Als ich 1990 als Gruppenleiter anfing, war dieser Schmerz wie eine Lähmung zu spüren, und ich erfuhr umgehend, das heißt: noch im Bewerbungsgespräch, von der bevorstehenden Auflösung des Hauses und von einem geplanten Neubau für uns (an den aber niemand so recht glauben wollte).
Meine Aufgabe als neuer Gruppenleiter bestand darin, ein sehr von Gegensätzen geprägtes Arbeitsteam mit neun Kindern und Jugendlichen zu übernehmen.
Ich, der junge Mann, gerade dreißig geworden, auf der einen, mein Team: gestandene Frauen mit jahrzehntelanger Erfahrung auf der anderen Seite. Mit festen Vorstellungen, wie die Rocklänge pubertierender Mädchen zu sein habe, wie ein Haushalt zu führen und was von modernem Kram zu halten sei.
Echte „Schlachtrösser der Heimerziehung“ mit dem Herz am rechten Fleck! Deren Vorstellungen nicht verkehrt, nur sehr von meinen differierend.
Mein Auftrag: Formelle Strukturen einzuführen und die pädagogische Arbeit in der Zeit angepasste Bahnen zu lenken, (was immer das auch bedeuten sollte). Ein schwieriges Unterfangen und eine große Herausforderung für mich.
Es stand außer Frage: Ich würde viel lernen können.
Mein Empfang war herzlich, die Kolleginnen, so erfahren sie auch waren, erleichtert.
Was das alles mit der Neugründung eines Kinderheims zu tun hat? Ich glaube eine Menge! Das Bürgermeister-Gräf-Haus mit all seinen Strukturen und all diesen Erzieherinnen „alten Schlags“ – im besten Sinn des Wortes gemeint – prägten mich und bis heute erkenne ich darin unsere Wurzeln.
Ich erinnere mich: Sie griffen mir unter die Arme, wenn ich beim Kochen für so viele Kinder etwas den Überblick verloren hatte, und ich führte im Gegenzug die ersten computergestützten Tabellen ein. Sie bauten mir „ein berufliches Nest“ und legten großen Wert darauf, dass es mir gut ging. (Bis heute erzähle ich meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gerne von der „guten alten Zeit“, wo mir als Chef, auch gegen meinen Willen, noch Kaffee gekocht wurde und stets jemand darauf achtete, dass ich was Süßes bekam …)
Aber, und das war wichtiger als ihre Versorgung: Sie respektierten mich. Nach so vielen Berufsjahren Verantwortung abgeben zu können, empfanden sie auch als Entlastung.
Es wurde ein gutes Miteinander, auch wenn wir uns manchmal argwöhnisch beäugten: Ich mit meinen ständigen Neuerungen und sie, meine Kolleginnen, mit ihren für mich etwas verstaubten Moralvorstellungen und genauen Vorgaben, wie Bettwäsche zu bügeln war und wo die Handtücher im Schrank „zu sitzen“ hatten. Ich wurde nicht geschont. Was ihnen nicht passte, passte ihnen nicht.
Von ihnen lernte ich, dass man einen festen Boden braucht, um tanzen zu können, dass ordentlich geputzte Gruppenräume und ein gutes Essen Gold wert waren. Die Kinder brauchten diese Kontinuität und Versorgung, oftmals mehr als pädagogische Gespräche. Meine Kolleginnen wussten das, und ich spürte, wie recht sie hatten.
Sie wussten auch, was hinter den Kulissen geschah, wie die Verwaltung funktionierte und wer an welcher Stelle saß und was zu sagen hatte. Ein unschätzbares Kapital, wie sich später noch herausstellen sollte.
Zunächst einmal aber dauerte es Jahre, bis etwas Maßgebendes geschah: Jahre, in denen sich eine Grundstimmung, geprägt von Resignation und Misstrauen, ausbreiten konnte, der Sache wenig dienliche Auseinandersetzungen zunahmen und überall Verunsicherung zu spüren war.
Was war nun? Würde die Schließung tatsächlich auf uns zu kommen? Und was sollten wir den Kindern und Jugendlichen sagen? Niemand schien etwas Genaues zu wissen.
Letztlich waren auch die politischen Strukturen im Hinblick auf eine effektive Planung eher ungünstig. Exemplarisch sei hier die Tatsache benannt, dass innerhalb von acht Jahren alleine sechs unterschiedliche Sozialdezernenten im Amt waren.
„Persönliche Kompetenz und Wertschätzung professioneller Konflikt- und Verhandlungsfähigkeit sind bei zahlreichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Jugendamt Frankfurt/M, in den ASDs (Allgemeiner Sozialdienst) und städtischen Heimen zu wenig entwickelt. Dies gilt insbesondere für die Leitungskräfte. Strukturen und Konzepte verhindern, dass Fachkräfte die erforderliche professionelle Konflikt- und Verhandlungsfähigkeit entwickeln und schätzen können, und gleichzeitig verhindern Personen, dass Strukturen und Konzepte durchgesetzt werden, die diese Kompetenzen herausfordern und belohnen: Eine Paradoxie – hier sehen wir das zentrale Problem im Jugendamt Frankfurt.”
(Institut für soziale Arbeit, Forschungsbericht, 1996, „Qualifizierung der Hilfeplanung und der Hilfen zur Erziehung in der Stadt Frankfurt am Main“, S.→ ff)
Zentrale Probleme, kompliziert beschrieben. Für uns kaum zu durchschauen. Eine Planungsgruppe, zu der auch ich gehörte, nahm halbherzig ihre Arbeit auf. Architektenpläne, vorgelegt und wieder verworfen, sollten uns bei Laune halten, erreichten aber das Gegenteil. Bald hatten wir genug.
Es war klar: Der lang gehegte Wunsch, in einen eigens für uns geplanten und realisierten Neubau umzuziehen, schien zu zerplatzen. Keine Nachfolgeeinrichtung? Das stand 1996, sechs Jahre nachdem ich meine Position als Gruppenleitung übernommen hatte, schließlich fest und löste eine Starre aus. Im Informationsschreiben „Zur weiteren Perspektive des Bürgermeister-Gräf-Kinderheims“ war am
1. Juli 1996 u.a. zu lesen: „Es wurde festgestellt, … dass darüber hinaus auch in Hessen die Nachfrage nach Vollzeitheimplätzen stark zurückgegangen ist ... Von der Jugendamtsleitung wurde unter diesen Voraussetzungen vorgeschlagen, das Bürgermeister-Gräf-Kinderheim zum Jahresende zu schließen.“ 1
Was nun?
Achselzucken.
Heimplätze gebe es in Hessen genug, so die Verantwortlichen. Stellen für uns ebenfalls. Kein Grund zur Sorge also … Für alles sei gesorgt.
Ein Teil der Kinder hierhin, ein anderer Teil dorthin.
Die Bereitschaft zur Aufnahme war seitens anderer Heimeinrichtungen signalisiert worden. Wirtschaftlich gesehen war es nur gut, einerseits Plätze, die nicht mehr gebraucht wurden, abzubauen, und andererseits die Kapazität anderer Einrichtungen, für deren Erhalt man zu sorgen hatte, durch unsere Kinder und Jugendlichen auszulasten. Das schien zwingend einleuchtend, zumindest für wirtschaftliche Lagerverwalter, die glattweg übersehen hatten, dass wir keine Schuhkartons zu stapeln, sondern Kinder zu betreuen hatten. Ich selbst sah mich als Sozialarbeiter hinter einem Schreibtisch sitzen oder in einer der Kindertagesstätten Muttertagsherzen aus roten Knüllkügelchen basteln … … nicht nur das machte mich wütend.
Die Kinder unserer Gruppe sahen uns mit großen Augen an. Was war mit ihrer Gruppe?
„Heimplätze in Hessen“ war nicht das gleiche.
Wir sind doch hier zuhause. Sag denen das.
Das haben die noch nicht gemerkt.
Michael, damals 4 Jahre alt
Wenn es die Gruppe nicht mehr gibt, bleibe ich trotzdem hier. Ich kann nicht schlafen, wenn ich nicht in den Hof gucken kann, und du musst einfach die Bagger wegschicken, wenn sie kommen.
Nadija, damals 6 Jahre alt
Die Kinder und Jugendlichen fühlten sich bei uns zuhause.
Aus meiner Position als Gruppenleiter war ich „der Stadt“ unterstellt, musste demzufolge den Dienstweg einhalten und hatte deshalb kaum Gelegenheit gegenüber den Verantwortlichen Position zu beziehen, geschweige denn für unsere Ideen einzutreten. Wir alle waren zur Passivität verdammt, kamen uns vor, als säßen wir in einem Wartezimmer, ohne sichergehen zu können, dass der Arzt überhaupt schon da war. Nichts, das gut zu mir passte.
Wir wollten etwas unternehmen, statt nur zu warten, dass etwas geschah.
Als passable Möglichkeit kam uns die Gründung eines Fördervereins in den Sinn. Ein Name war schnell gefunden. Einer, der sich in den vielen Jahren danach oftmals als zu lang herausstellen sollte, aber das ausdrückte, was wir wollten: Kooperieren und unseren Anteil an Erziehungsarbeit leisten. Wir wollten Geld sammeln, um Projekte für die uns anvertrauten Kinder unterstützen zu können, und strebten danach, unsere konzeptionellen Ideen einbringen zu können.
Ohne zu wissen, was daraus werden würde, gründeten meine Frau und ich sowie fünf weitere Kolleginnen meines damaligen Teams 1996 unerschrocken die Kooperative Erziehungsarbeit e.V.
Klar, wir waren stolz darauf, was aber sollten wir nun konkret mit diesem Zusammenschluss anfangen? In der Tat blieb es erst einmal dabei, dass es nun die Kooperative Erziehungsarbeit e.V. gab – nicht mehr und nicht weniger.
Kaum jemand kannte uns, die, die uns kannten, belächelten uns. „Und nun?“ Das fragte ich mich auch.
1 Protokoll einer Besprechung vom 21.06.96 zwischen dem Sozialdezernenten, dem Jugendamtsleiter, dem Heimkoordinator sowie der Fachberaterin der städtischen Heime.
Aus dem Sozialdezernat ließ man mich wissen, dass man an einem Förderverein kein Interesse habe … an einem Freien Träger der Jugendhilfe unter Umständen aber schon.
Was war das?
Von einem „Freien“ Träger hatten wir noch nie etwas gehört. „Frei“ bedeutete, nicht länger der Verwaltung städtischer Behörden unterstellt zu sein, sondern in eigener Verantwortung zu agieren. „Frei“ hörte sich gut an!
Anfänglich herrschte nicht nur bei uns sondern auch im Kollegenkreis weit verbreitet, Unsicherheit. Über Sinn und Zweck unseres Vorhabens bestand Unklarheit: Von Sympathiebekundungen bis zum ungläubigen Kopfschütteln begegneten uns viele Reaktionen. Auch feindselige, die behaupteten, wir würden durch unseren Vorstoß die Überlegungen der Verantwortlichen aus den Reihen der Stadtverwaltung stoppen, ja sogar, die Existenz des Hauses gefährden …
Wie das?
Erhitzte Gemüter, die einem immer zu begegnen scheinen, wenn man den markierten Weg verlässt, machten uns anfangs das Leben schwer. Die Konsequenzen unseres Handelns seien für uns doch gar nicht abzusehen. (Da hatten sie recht, die Skeptiker und Panikmacher!)
Aber wenn man nur einen Schritt tut, wenn man genau überblicken kann, wie es dort, wohin man aufzubrechen bereit ist, aussieht, würde sich kaum jemals etwas verändern lassen.
Wir sprachen mit den Kindern und Jugendlichen, obgleich man uns gebeten hatte, dies nicht zu tun. Ich habe schon immer viel davon gehalten, mit denen zu sprechen, um die es geht, anstelle über sie, und wir wollten an den Gedanken der Kinder und Jugendlichen teilhaben. Eine wichtige Erfahrung für alle, dass auch wir nicht immer gleich eine Lösung parat hatten, nicht immer wussten, wie weiter zu verfahren war, und auch wir den Weg suchten, dessen Richtung keiner so recht kannte.
Was bedeutete es, in einem Kinderheim zu leben? Was genau bewegte unsere Kinder und Jugendlichen?
Sabine, damals 14, heute Dipl.- Sozialarbeiterin, schrieb 1996:
Ich war also im Heim, weil zuhause alles drunter und drüber gegangen war, und meine Mutter oftmals tagelang nicht nach Hause kam oder betrunken in der Ecke lag. Da war ich neun, und ich wollte es niemand erzählen. Ich habe mich so sehr geschämt, dass ich monatelang mit keinem darüber geredet habe.
