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Gerhart Baum

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Beschreibung

Fast jede zweite Familie in Deutschland hat einen Teil ihres Vermögens verloren, weil sie den unsicheren oder gar falschen Versprechen von Finanzdienstleistern glaubte. Private Vorsorge ist ein Muss für viele Bürger, wenn sie nicht in der Altersarmut landen wollen. Doch die meisten fühlen sich bei konkreten Finanzfragen überfordert und sind auf faire Beratung angewiesen. Die aber ist selbst bei angeblich seriösen Banken und Versicherungen eher die Ausnahme, wie die erfahrenen Verbraucheranwälte anhand zahlreicher Beispiele und Insiderinformationen zeigen. Nur wer Hintergründe, Zusammenhänge und ganz konkret die zahlreichen Fallen bei der Geldanlage und Altersvorsorge kennt, verliert die Scheu, die richtigen Fragen zu stellen, und kann faire Angebote von Abzockerofferten unterscheiden.

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Gerhart Baum

mit Julius Reiter, Olaf Methner

Abkassiert

Die skandalösen Methoden der Finanzbranche

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Die Finanzkrise als Vertrauenskrise

Das globale Geldkarussell

Die Rolle der Rating-Agenturen

Der Nährboden der Finanzkrise

Der Geldmarkt bricht zusammen

2. Verbraucherschutz: das Stiefkind der Nation

Der Verbraucher als vergessener Sozialpartner

Benachteiligte Kunden

Was macht die Finanzaufsicht?

BaFin – ein stumpfes Schwert

Keine Waffengleichheit vor Gericht

Der lange Arm der Finanzlobby

Schöne Fiktion: der mündige Bürger

Eine Politik für Verbraucherschutz

3. Missbrauchtes Vertrauen durch Kreditverkauf

Nützliche Gesetzeslücken

Besondere Sorgfaltspflicht der Sparkassen

Kreditverkäufe im rechtsfreien Raum

Die Gefahr der Grundschuld

Unzureichende Gesetze

4. Volles Risiko: Lehman-Brothers-Zertifikate

Aufstieg und Fall einer Investmentbank

Dubiose Geschäftspraktiken

Das unfaire Geschäft mit Zertifikaten

Von Einsicht keine Spur

Enge Bande zwischen Lehman Brothers und Citibank

Die Rechtsansprüche geschädigter Lehman-Anleger

Indizien für Falschberatung

5. Zwanzig Jahre Schrottimmobilienskandal und kein Ende

Verbraucher ohne Schutz

Lukratives Zusammenwirken

Zwielichtige Notare

Die skandalösen Geschäfte der Badenia

Verführerische Mietpools

Trickreiches Finanzierungsmodell

Wie ein Wirtschaftskrimi

Schrottimmobilien 2.0

Spurenloser Internetkredit

Finanzielle und psychische Belastung

Kreditvergabe für Denkmalschutz

Riskante Finanzierungskonstruktion

6. Die ruinösen Geschäftspraktiken des Berliner Senats

Privat finanzierter sozialer Wohnungsbau

Hohe Nachschüsse

Chancen auf Schadenersatz?

Klagen wegen Prospekthaftung

Letzte Ausstiegsmöglichkeiten

7. Altersvorsorge: Gewinnspiel für Banken und Versicherer

Beratung im Eigeninteresse

Garantiefonds, Garantiezertifikate und andere Fallen

Gewinne erhöhen und Kosten verstecken

Transparenz bleibt Wunschdenken

Teure fondsgebundene Lebensversicherungen

Provisionsbestimmte betriebliche Altersversorgung

Haftung für gezillmerte Verträge

Schlussbemerkung

Finanzaufsicht

Kreditverkäufe

Falschberatung

Justiz

Dokumentationspflicht

Qualifikation der Berater

Finanzwirtschaft

Verbraucher

Krise als Chance

Quellen

Register

VORWORT

In Finanzfragen wird mehr schlecht als recht beraten: Die Kunden von Banken, Versicherungsunternehmen oder anderen Finanzdienstleistern in Deutschland werden seit vielen Jahren auf unterschiedliche Weise abkassiert. Die maßlose Gewinnmaximierung von Finanzinstituten weltweit ohne Rücksicht auf Risiken hat im Oktober 2008 zum Zusammenbruch der internationalen Finanzmärkte geführt. Die Folge ist eine Weltwirtschaftskrise, deren langfristige Auswirkungen heute noch nicht abzusehen sind.

Kapitalanleger und Vorsorgesparer mussten erfahren, dass ihr angeblich sicher angelegtes Geld zum Spielball von Finanzjongleuren geworden war. Kein Wunder also, dass die Beziehung zwischen Kunden und Finanzdienstleistern in eine tiefe Vertrauenskrise gestürzt wurde. Möglich war eine solche Entwicklung in Deutschland vor allem deshalb, weil Verbraucherschutz im Finanzsektor von jeher eine untergeordnete Rolle spielt.

Die Folgen dieser mangelnden Rechtssicherheit bekommen wir täglich in unserer Kanzlei zu spüren: finanzielle Existenzsorgen und damit verbundene Ängste und Ohnmachtsgefühle der Geschädigten gegenüber der mächtigen Finanzwirtschaft. Für die Betroffenen ist es unfassbar, dass unter staatlicher Aufsicht stehende Finanzinstitute derart rücksichtslos agieren konnten und können, und dies nur, weil Falschberatung für die Finanzvermittler weitestgehend ohne rechtliche Konsequenzen bleibt.

Wir wollen in diesem Buch nicht nur beispielhaft zeigen, wie Bank- und Versicherungskunden abkassiert werden, sondern vor allem auch deutlich machen, welche Chancen bestehen, dass betrogene Verbraucher zu ihrem Recht kommen und Schadenersatz erhalten.

Im 1.Kapitel erläutern wir, wie es zur Finanzkrise kam, wer die Verlierer sind und wie sich die Krise gesellschaftlich auswirkt. Im Kapitel 2 zeigen wir auf, dass der Verbraucherschutz im Finanzsektor vollkommen unzureichend ist.

Das 3.Kapitel behandelt Kreditverkäufe an zweifelhafte Finanzinvestoren, die Verbraucher und Mittelstand abkassieren wollen. Kapitel 4 zeigt den verantwortungslosen Verkauf von Lehman-Brothers-Zertifikaten und die Gründe für den Zusammenbruch dieser Bank.

Im Kapitel 5 erklären wir die Geschichte der Schrottimmobilien. Rechtsprechung und Gesetzgeber haben dafür gesorgt, dass das Geschäftsmodell heute noch skrupelloser als früher fortgesetzt wird.

Das 6.Kapitel handelt davon, wie der deutsche Staat mit Steuerversprechen seine Bürger als Investoren für den sozialen Wohnungsbau in Berlin angelockt und abkassiert hat.

Das letzte Kapitel beschäftigt sich mit der Betrieblichen Altersversorgung. Sie wird durch die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu einem Gewinnspiel für Banken und Versicherungen, die Arbeitnehmer und mittelständische Unternehmen abkassieren.

Wir sind Rechtsanwälte im Bank- und Kapitalmarktrecht, also keine Finanzwissenschaftler oder Volkswirte. Wir betrachten vor allem die juristische und die gesellschaftspolitische Dimension dieses Themas aus unserer Praxis und wollen mit diesem Buch zu einem Umdenken beitragen.

Die Vertrauenskrise kann nur überwunden werden, wenn die Bedürfnisse der Verbraucher in den Mittelpunkt gestellt werden. Hierfür muss die Politik geeignete Rahmenbedingungen schaffen. Die Finanzwirtschaft muss ihre Kunden als langfristige Geschäftspartner begreifen und sie deswegen in deren Interesse beraten. Die Verbraucher müssen umdenken und bereit sein, für unabhängige Beratung ein Entgelt zu zahlen, damit nicht die Provisionshöhe der Berater die Produktwahl bestimmt.

1.DIE FINANZKRISE ALS VERTRAUENSKRISE

Die derzeitige Finanzkrise stellt im Kern eine Krise des gesellschaftlichen Vertrauens dar – und zwar weltweit. In keiner anderen Finanzkrise, nicht einmal beim Börsencrash am Schwarzen Freitag im Oktober 1929, ging so viel Vertrauen verloren wie in der aktuellen Krise, die inzwischen – im Jahr 2009 – längst die Realwirtschaft erfasst hat und zu einer Weltwirtschaftskrise geworden ist. Denn verloren ging viel: das Vertrauen der Anleger in die Banken, das Vertrauen der Banken untereinander, das Vertrauen in die Finanzmärkte, das Vertrauen in die Finanzaufsicht und letztlich das Vertrauen in das gesamte marktwirtschaftliche System. Wie gegenseitiges Vertrauen wiederhergestellt werden kann, diese Frage stellt sich mit Blick auf das gigantische Ausmaß des Zusammenbruchs der Finanzmärkte drängender denn je.

Zugleich ist jedoch zu klären, wie es zu einer so fundamentalen Erschütterung kommen konnte. Die Ursachenforschung wird die Finanzwissenschaft wohl noch viele Jahre beschäftigen. Je nach Blickwinkel wird es unterschiedliche Antworten geben, wie sie auch heute schon in den Medien verbreitet werden: Mal ist es die US-Politik und die US-Notenbank, welche die Hauptschuld an der Finanzkrise und dem damit verbundenen tiefen Sturz der Weltwirtschaft tragen. Mal ist es der «Turbokapitalismus» mit dem Schwinden der Staatsmacht im Gefolge oder einfach nur die Gier der Investmentbanker und Hedgefondsmanager.

Wir versuchen in diesem Buch aufzudecken, was in der Zeit vor der Krise schiefgelaufen ist und jetzt noch schiefläuft, um daraus für das künftige Miteinander zu lernen – für ein Miteinander, das wieder auf gesundem, kritische Distanz nicht ausschließendem, gegenseitigem Vertrauen aller am Wirtschaftsleben Beteiligten beruht.

Nur so viel vorweg: Als Basis eines solchen Vertrauens müssen neue Rahmenbedingungen für die Finanzmärkte geschaffen werden, die undurchsichtigen, verantwortungslosen Finanzgeschäften ein Ende bereiten und Spielregeln aufstellen, an die sich alle Mitwirkenden halten müssen, und die Transparenz in die globalen Finanzgeschäfte bringen. Denn Transparenz ist in den vergangenen Jahren fast vollkommen verlorengegangen. Nur so war es möglich, dass Anlageberater ihren Kunden zu Kapitalanlagen rieten, die sie selbst nicht mehr verstanden und deswegen auch nie hätten verkaufen dürfen. Das zeigt die Finanzkrise nur allzu deutlich.

Eine der Ursachen der Finanzkrise war der – nicht nur unter Investmentbankern, sondern auch unter anerkannten Wirtschaftswissenschaftlern – immer stärker um sich greifende Irrglaube, die prinzipiell mit allen Finanzgeschäften verbundenen Risiken mit Hilfe mathematischer Artistik beherrschbar machen zu können. Die US-Notenbank hatte die Zinsen zur Konjunkturbelebung auf ein extrem niedriges Niveau gesenkt. Um trotz der niedrigen Kreditzinsen gute Gewinne machen zu können, kurbelten US-Banken ihr Immobiliengeschäft an und vergaben Immobilienkredite, ohne entsprechende Sicherheiten einzufordern. Dann verpackten sie diese Forderungen in komplizierte neue Finanzprodukte, die sie gegen hohe Gebühren weltweit an Investoren verkauften. «Die wussten häufig gar nicht genau, welche Zeitbomben da nun auf einmal in ihren Portfolios schlummerten. Sie wollten es auch gar nicht wissen: Hauptsache, die Renditen stimmten», so beschrieb der Spiegel Ende Januar 2008 in einer Titelgeschichte das neue «Casino Global», das auf Dauer nicht gutgehen konnte.

Dabei hätten es die Verantwortlichen in den Chefetagen der Finanzindustrie besser wissen müssen. Bereits in den achtziger Jahren mussten in den USA über 700 der insgesamt 3000US-Sparkassen vor der Insolvenz gerettet werden. Wie vor der aktuellen Finanzkrise hatten Savings and Loan Corporations – vergleichbar den deutschen Bausparkassen– Immobilienkredite ohne ausreichende Risikoprüfung vergeben. Als die meisten Schuldner ihre Kreditraten nicht mehr bezahlen konnten, weil sie sich schlicht übernommen hatten, standen die Bausparkassen 1988/​89 kurz vor dem Konkurs. In einer bis dahin beispiellosen Rettungsaktion gründete die US-Regierungam 9.August 1989 eine Auffanggesellschaft, die Resolution Trust Corporation (RTC). Sie hatte den alleinigen Zweck, von den konkursbedrohten Bausparkassen Immobilien, Hypotheken und andere Anlagen zu erwerben, um diese dann später gewinnbringend zu verkaufen. In den vier Jahren ihrer Existenz übernahm die RTC die Aufsicht über 747Sparkassen in den USA und verwaltete Guthaben im Gesamtumfang von 394Milliarden Dollar. Die Auffanggesellschaft wurde 1993 aufgelöst, nachdem sie sämtliche Vermögenswerte über die Jahre hinweg erfolgreich verkaufen konnte. Am Ende bilanzierte die RTC Verluste von 124Milliarden Dollar zu Lasten der Staatskasse – sprich der US-Steuerzahler.

Doch statt aus der Krise zu lernen und sich auf ihr Basiswissen zu besinnen, wonach vor jeder Kreditvergabe die Prüfung der Bonität und Kapitaldienstfähigkeit stehen sollte, suchten Finanzexperten in den USA nach Möglichkeiten, die marktwirtschaftlichen Mechanismen vielleicht doch noch auszuhebeln. Die Lösung fanden sie zu Beginn des neuen Jahrtausends in der Umverteilung der Risiken: Kredite und Kreditrisiken wurden voneinander getrennt und die Ausfallrisiken in eigenen Papieren – sogenannten «Credit Default Swaps». (CDS) – gehandelt (siehe Kasten S.14).

Vor allem den Bedarf an Immobilienkrediten hatten die US-Banker dabei im Visier. Die Grundidee war, dass Banken ihre vergebenen Kredite quasi an sich selbst verkauften. Um die Kredite ihrer Kunden nicht mit Eigenkapital absichern zu müssen – wie es das internationale Finanzabkommen Basel I vorschrieb–, gründeten die Banken in Steueroasen externe Zweckgesellschaften, an die sie ihre Kredite veräußerten. Die Zweckgesellschaften wiederum gaben besicherte Wertpapiere, sogenannte Asset Backed Securities (ABS), aus, in denen verschiedene Einzelkredite zu Paketen zusammengeschnürt beziehungsweise verbrieft wurden, wie Banker sagen. Diese Pakete wurden dann als gutverzinste Anleihen vor allem an Großinvestoren wie Versicherungen, Pensions- und Hedgefonds, aber auch an andere Banken verkauft, die ihre Gewinne in Zeiten niedriger Zinsen auf diese Weise weiter optimierten. Weil nämlich die Zweckgesellschaften als reine Briefkastenfirmen in Steueroasen wie Delaware, Dublin, Cayman Islands, Luxemburg oder Jersey nur minimale Kosten hatten, konnten sie höhere Zinsen bieten als zum Beispiel US-Staatspapiere oder in Deutschland Bundeswertpapiere – und das bei angeblich vergleichbaren Risiken.

Kredite und Ausfallrisiken werden getrennt

Bis Mitte der neunziger Jahre war es üblich, dass Banken ausgereichte Kredite durch entsprechende Rückstellungen und Sachwerte absicherten. Damit musste die Bank einen erheblichen Kapitalbetrag für mögliche Kreditausfälle langfristig binden. Um die Jahrtausendwende gingen die kreditgebenden Banken dazu über, das Ausfallrisiko gegen eine entsprechende Gebühr (CDS-Prämien) an Kreditversicherer weiterzugeben. Diese Weitergabe des Ausfallrisikos erfolgte über sogenannte Credit Default Swaps, welche die Bedienung der Kredite garantieren sollten. Bei einem Zahlungsausfall bekommt der Versicherte vom Versicherer sein Geld zurück. Je mehr Unternehmen Versicherungsschutz haben wollen, umso teurer werden die CDS-Prämien. Zugleich ist es möglich, mit den CDS zu spekulieren, denn sie können weiterverkauft und gehandelt werden.

Der Mechanismus funktioniert folgendermaßen: Wenn die CDS-Prämien steigen, können Investoren ihren Schutz teurer an andere Interessenten weiterverkaufen. Alternativ kann das Geschäft auch aufgelöst werden. Der ursprüngliche Versicherer zahlt dann die Differenz zwischen Ursprungsprämie und gestiegener Prämie aus. Auf solche Geschäfte spekulieren Investoren wie Hedgefonds, aber auch Banken, herkömmliche Asset-Manager, Unternehmen und Versicherer. Inzwischen wird der weltweite Handel von Ausfallrisiken mit Hilfe von Credit Default Swaps auf rund 50Billionen Dollar geschätzt.

Das globale Geldkarussell

Schnell entwickelte sich ein blühender Markt. Ein Geldkarussell sondergleichen, von dem erst einmal alle direkt Beteiligten profitierten, begann sich zu drehen. Für die Banken war der Kreditverkauf ein einträgliches Geschäft, weil sie ihre Kreditrisiken loswurden. Das frei gewordene Eigenkapital konnten sie zudem sofort gewinnbringend anlegen oder neue Kredite vergeben. Die im Besitz der Banken befindlichen Zweckgesellschaften finanzierten sich aus dem Strom der laufenden Kreditrückzahlungen und der Ausgabe der Wertpapiere. Die Investoren, welche die Papiere kauften, profitierten von den im Vergleich zu Staatsanleihen deutlich höheren Renditen. Einzig den Kreditnehmern, die vom Verkauf ihrer Kredite an Dritte erst gar nichts erfuhren, brachten diese lukrativen Finanzgeschäfte nichts, sie hatten jedoch – vorläufig wenigstens – auch keine Nachteile.

Bald schon bündelten viele Banken nicht nur Immobiliendarlehen mit anderen Forderungen wie Auto- und Konsumentenkrediten oder Kreditkartenforderungen. Sie teilten diese Pakete darüber hinaus auch noch in unterschiedliche Risikoklassen auf: «Collateralized Debt Obligation», kurz CDO, nannten sie diese Neuerfindung von Wertpapieren, die später den hochexplosiven Zündstoff für die Finanzkrise liefern sollte.

Diese Finanzalchimisten spendeten ihren Wertpapierinnovationen immer wieder neue Zutaten: Faule Kredite wurden mit als sicher geltenden Darlehen zu immer wieder neuen Bündeln gemischt und solche Pakete zudem noch in verschiedene Teile und Tranchen geschnitten. Die Finanzmathematiker entwickelten immer abenteuerlichere Wertpapierkonstruktionen. Es gab nicht mehr nur CDOs, sondern auch CDOs auf CDOs und CDOs auf CDOs von CDOs etc. Schon bald wimmelte es auf den Finanzmärkten nur so von innovativen Papieren mit verwirrenden Namen und Abkürzungen wie beispielsweise CDS für «Credit Default Swaps», MBS für «Mortgage Backed Securities» oder auch ABCP für «Asset Backed Commercial Papers».

Die «Verpackungskünstler» hatten Hochkonjunktur. In den Jahren 2000 und 2001 wurden jeweils besicherte Forderungen für 150Milliarden Dollar verkauft, 2002 waren es 200Milliarden, 2003 rund 250Milliarden. Ab 2006 lagen die Verkäufe jenseits der Billionengrenze. Die verbrieften Kredite reisten um die Welt, und schon bald waren Banken, Investmentgesellschaften und Versicherungen rund um den Globus irgendwie in die Geschäfte verstrickt. Selbst seriöse Staatsbanken wie deutsche Landesbanken, die IKB Deutsche Industriebank AG und die KfW-Bankengruppe mischten bei dem Finanzmonopoly mit und gründeten für diesen Zweck sogar ihrerseits eigene Gesellschaften in Steueroasen, um ihre Gewinnspannen noch einmal auszubauen.

In den Aufsichtsräten saßen staatliche Vertreter, die nichts von den gewagten Geschäften mitbekamen, die unter ihrer Aufsicht getätigt wurden. Auch die staatlichen Aufsichtsbehörden versagten. Jedenfalls wurden die Geschäfte weder in den USA noch anderswo auf der Welt einer kritischen Prüfung unterzogen. Solange die Weltwirtschaft brummte und die Renditen der Finanzgeschäfte stimmten, wurden Risiken nicht wahrgenommen. Inzwischen wusste niemand mehr, wer wen gegen welches Risiko absicherte. Denn dazu hätten die Investoren die zahlreichen Nebenabreden lesen und verstehen müssen, die in den Verträgen zu den Papieren standen: oft mehrere hundert Seiten lang, juristisch verklausuliert und in komplizierte mathematische Formeln gefasst.

Deutsche Staatsbanken spekulierten en gros mit

In Deutschland spekulierten öffentlich-rechtliche Banken mit hochriskanten Wertpapieren weitaus mehr als Privatbanken. Eine der Ursachen liegt in der Aufhebung der Staatshaftung Mitte 2005.Diese hatte bisdahin dafür gesorgt, dass die Landesbanken, aber auch Spezialinstitute wie die IKB Deutsche Industriebank AG immer höchste Bonitätsnoten bekamen und damit günstigere Kredite anbieten konnten als ihre privaten Konkurrenten. Dieses Geschäftsmodell funktionierte nach dem Ende der staatlichen Haftungsgarantie nicht mehr. Daraufhin stiegen viele der öffentlich-rechtlichen Banken in das Geschäft mit hochriskanten Papieren ein.

Die halbstaatliche IKB – traditionell auf langfristige Finanzierung mittelständischer Unternehmen in Deutschland spezialisiert – war das erste deutsche Bankinstitut, das am 30.Juli 2007 in einer Ad-hoc-Mitteilung erklären musste, dass es als Folge der Krise am US-amerikanischen Subprime-Markt in eine existenzbedrohende Schieflage geraten sei. Wie die US-Banken hatte die IKB nicht nur in «toxische» Wertpapiere investiert, sondern auch selbst über die eigens gegründete Zweckgesellschaft Rhineland Funding in Irland US-Hypothekenpapiere gebündelt und an Investoren in aller Welt verkauft. Finanziert wurde das langfristige Geschäft mit kurzfristigen Krediten. Als jedoch die kurzfristige Refinanzierung zusammenbrach, konnte die Mittelstandsbank nur noch mit Hilfe immer wieder neuer, großzügig geschnürter staatlicher Rettungspakete vor der Insolvenz gerettet werden. Im Oktober 2008 schließlich wurde die IKB für bescheidene 115Millionen Euro an den amerikanischen Finanzinvestor Lone Star verkauft.

Als erste Landesbank geriet die Sachsen-LB, die in Irland Zweckgesellschaften mit obskuren Namen wie Georges Quay und Ormond Quay gegründet hatte, in Schwierigkeiten. Der Verlust aus den Derivategeschäften belief sich auf 20Milliarden Euro. Mangelnde Liquidität bedrohte ihre Existenz, und so wurde sie schließlich von der Landesbank Baden-Württemberg aufgekauft. Andere Landesbanken wie die WestLB oder die Bayern-LB stecken immer noch im Strudel ihrer Finanzabenteuer. Noch gibt es kein funktionierendes Konzept, diese Institute wieder auf die Gewinnerstraße zurückzuführen.

Die Rolle der Rating-Agenturen

Eine wesentliche Rolle im hochspekulativen neuen Wertpapierhandel spielten die Rating-Agenturen, allen voran Standard & Poor’s (S&P) und Moody’s. Solche Unternehmen bewerten Wertpapiere und Unternehmen jeweils nach einem eigenen Ranking-System. Ohne sie hätten die Finanzgeschäfte in dieser Art nicht ablaufen können. Denn die Rating-Agenturen arbeiteten nicht unabhängig. Sie wurden von den Verkäufern der Kreditderivate bezahlt, die sie zugleich bewerten sollten. Die Banken bezahlten also ihre eigene Bewertung. Interessenkonflikte waren damit vorprogrammiert. Die Bewertungsagenturen gaben den Wertpapierverkäufern sogar Tipps, wie sie riskante mit sicheren Papieren mischen sollten, um gewünschte Bewertungen zu erzielen. Einen Eindruck von dieser einträglichen Kooperation vermittelte ein Topmanager einer Rating-Agentur in der Wirtschaftswoche vom 11.Februar 2008: «Oft probiert eine Bank zusammen mit ihrer Ratingagentur verschiedene Mischungen von Subprime-Hypotheken, angereichert mit besseren Wertpapieren wie Unternehmensobligationen, am Modell aus. Ergibt das Bewertungsmodell nach mehreren Versuchen immer noch ein unbefriedigendes Rating, wird es angeglichen, bis die neue Note dem Gusto des Kunden entspricht.»

Warum den Wertpapierverkäufern ein gutes Rating so wichtig war, ist leicht zu erklären. Für Papiere mit angeblich geringen Ausfallwahrscheinlichkeiten und damit hohen Bewertungen wie AAA für «sehr sicher» müssen weniger Zinsen gezahlt werden als für Papiere mit höheren Ausfallwahrscheinlichkeiten. Können hohe Risiken in Papieren mit gutem Rating versteckt werden, ist das ein äußerst gewinnbringendes Geschäft. Das Jonglieren mit Risiken innerhalb einzelner gebündelter Anleihen half also unterm Strich, aus Krediten drittklassiger Schuldner erstklassige, gut handelbare Anleihen zu machen.

Der Trick dabei war, dass die Rating-Agenturen die einzelnen Tranchen mit derselben Skala von AAA für «sehr sicher» bis E für «höchst spekulativ» etikettierten, wie sie auch bei herkömmlichen Unternehmens- und Staatsanleihen üblich und daher bekannt ist. Anleihen wie CDOs enthielten zwar deutlich mehr Risiken, konnten jedoch abhängig von den Mischungsverhältnissen der Risikopapiere wie sichere herkömmliche Anleihen ein AAA-Rating erhalten. Ein AAA-Rating bei einer CDO-Tranche besagt de facto jedoch nur, dass diese sicherer ist als eine andere Tranche desselben Pakets. Mit einem herkömmlichen AAA-Rating bei Anleihen hat das nichts zu tun. Ob die Käufer der CDOs – dazu zählten in Deutschland allen voran staatlich kontrollierte Landesbanken – um diesen gravierenden Unterschied wussten, vermögen wir nicht zu beurteilen. «Es gab jedoch Vorstände von Banken, die sich in CDO-Kreditpakete mit einem AAA-Rating eingekauft haben, die den Unterschied zur Bewertung einer einfachen Anleihe nicht kannten oder nicht zur Kenntnis genommen hatten», schreibt Lucas Zeise dazu eher vorsichtig in seinem Buch Das Ende der Party.

Dabei hätte den CDO-Käufern der Unterschied klar sein müssen. Dass ein Wertpapier ein AAA-Rating besitzt und trotzdem eine wesentlich höhere Rendite als vergleichbar bewertete Papiere wie Staatsanleihen bringen soll, hätte die Banken skeptisch machen müssen. Schließlich gehört zum elementaren Grundwissen jedes Bankkaufmanns, dass hohe Renditen nur mit hohen Risiken möglich sind. Während Kreditsachbearbeiter in jeder kleinen Bankfiliale die Vergabe eines Kleindarlehens gleich mehrfach prüfen müssen, kauften diese gutdotierten Banker solche höchst komplizierten Papiere mit eingeschränktem Blick auf hohe Rendite in großem Stil ein.

Dass erfahrene Finanzexperten sich von AAA-Ratings und hohen Renditen haben blenden lassen, verwundert noch aus einem anderen Grund: Zwar zahlen ABS und CDOs wie normale Anleihen regelmäßig einen festen Zins, und das eingesetzte Kapital wird am Ende der Laufzeit zum Nominalwert zurückgezahlt, sofern der Emittent nicht zwischenzeitlich insolvent wird. Im Gegensatz zu Staatsanleihen gibt es jedoch einen entscheidenden Unterschied: Die Papiere werden an keiner Börse gehandelt, und es gibt damit keine Händler, die zu jedem Zeitpunkt einen Preis für den Kauf und Verkauf der Papiere ermitteln und anbieten.

Wer Kreditderivate wie verbriefte Forderungen verkaufen wollte, musste wie am Gebrauchtwagenmarkt zunächst einmal einen Käufer finden. In den Boomjahren war das kein Problem. Finanzinvestoren rissen sich angesichts der überdurchschnittlichen Verzinsung förmlich um diese Papiere. Deswegen fragte sich offensichtlich auch niemand, was geschieht, wenn plötzlich keine Käufer mehr zu finden sind, weil sich beispielsweise die volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen ändern. Die Gier nach immer höheren Profiten verstellte den Blick auf mögliche Realitäten. Das Worst-Case-Szenario wurde – ganz im Gegensatz zu der Routine eines seriösen Kaufmanns – nicht in die Überlegungen einbezogen.

Der Nährboden der Finanzkrise

Um zu verstehen, wie es zu solcher Gier kommen konnte, ist ein Blick auf die volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den Jahren vor dem Ausbruch der Finanzkrise notwendig. Denn die bildeten die Basis für die florierenden Geschäfte und verleiteten die Finanzprofis dazu, Warnungen vor einem Zusammenbruch des Systems «Gewinne ohne Risiko» als unverbesserliche Schwarzmalerei abzutun.

Die amerikanische Wirtschaft hatte sich in kürzerer Zeit als weithin befürchtet von dem mit den Terroranschlägen vom 11.September 2001 verbundenen Konjunktureinbruch erholt. Dazu trugen vor allem Steuererleichterungen bei. Rohstoffe waren nach der weltweiten Wirtschaftsflaute immer noch billig zu haben. Offiziell noch als Schwellenländer geführte Staaten, insbesondere China, warfen immer preiswertere Produkte auf den Weltmarkt. Die Inflationsraten sanken im Rekordtempo.

Diese Situation nutzten die Zentralbanken, die Zinsen zur weiteren Konjunkturankurbelung auf ein bis dahin nicht gekanntes Niveau zu senken. 2003 betrugen die Leitzinsen in den USA nur noch rund 1Prozent, in Europa 2Prozent. In den Jahren 2003 und 2004 sanken die US-Zinsen sogar unter die erwartete Inflationsrate. Ökonomen sprechen in diesem Zusammenhang von negativen Realzinsen. Die Zinsen waren so weit gesunken, dass es vernünftiger schien, sich Geld zu leihen, als Geld zu sparen.

Geld gab es praktisch umsonst. Zugleich deregulierte die Bush-Regierung die Finanzmärkte. Das freie Spiel der Kräfte, gepaart mit der Politik extrem niedriger Zinsen und Steuererleichterungen, ließ die US-Wirtschaft boomen. Der Vorrang einer sich selbst regulierenden Marktwirtschaft galt absolut. Von Anfang 2005 bis Mitte 2007, als die Blase platzte, wurden riskante Kredite im Wert von 1,2Billionen Dollar bewilligt.

Hochspekulative Hedgefonds und Private-Equity-Unternehmen, die Firmenübernahmen preisgünstig per Kredit finanzieren konnten, machten hohe Gewinne und schossen wie Pilze aus dem Boden. Das im Überfluss vorhandene Geld ermöglichte verlockende Kreditgeschäfte in nahezu grenzenlosem Umfang. Denn wer auf Kredit investierte, hebelte die Erträge auf ein Vielfaches. «Leveraging» nennen Finanzexperten dieses Instrument der Gewinnvermehrung. Dabei stockt beispielsweise ein Hedgefonds das Investorengeld mit Krediten auf, kauft also statt für 100Millionen Dollar von Anlegern über zusätzliche Kredite Wertpapiere für 600Millionen. Der Investor, der 1000Dollar einzahlt, ist damit am Markt tatsächlich mit 6000Dollar aktiv. Geht die Spekulation auf, multiplizieren sich die Gewinne. Dieses Prinzip funktioniert aber auch in die andere Richtung. Kommt es zu Verlusten, multiplizieren sich diese ebenfalls. Genau dies ist in der Finanzkrise in unfassbarem Ausmaß geschehen.

Doch erst einmal wurden sagenhafte Geschäfte gemacht: Denn auch die Banken investierten mit geliehenem Geld in die von der eigenen Branche geschaffene Wertpapiergattung, nutzten das geborgte Geld, um die Rendite auf das eingesetzte eigene Kapital zu hebeln. «Durch den Einsatz von Fremdkapital in Höhe des 35fachen des Eigenkapitals konnte die Branche allein 2005 aus 500Milliarden Dollar an Subprime-Krediten einen Gewinn von 18,8Milliarden Dollar machen», rechnet ein Insider vor. Gute Geschäfte machten jedoch nicht nur die großen Player im Finanzgeschäft. Millionen US-Bürger borgten sich Geld zu billigen Zinsen und investierten es in Immobilien und Aktien mit großen Wertsteigerungen.

Vor allem begeisterten die niedrigen Hypothekenzinsen, die den typisch amerikanischen Traum vom Eigenheim für viele endlich wahrzumachen versprachen. Die Grundlage für eine sich schnell entwickelnde Immobilienblase war gelegt. Anders als in Deutschland können in den USA Hypothekenbesitzer jederzeit umfinanzieren. Sinken beispielsweise die Hypothekenpreise, haben sie die Möglichkeit, ihre alte, teure Hypothek abzulösen und durch eine preiswertere zu ersetzen. Steigt der Wert des Hauses, können sie die Kreditsumme problemlos erhöhen und sich so zusätzliches Bargeld verschaffen. Ein Großteil des amerikanischen Konsums wurde mit solchen Krediten finanziert. Dass solch ein System nur bei steigenden Immobilienpreisen funktioniert, wurde in Zeiten eines scheinbar grenzenlosen Optimismus schlicht außer Acht gelassen.

Fürs Erste ging die Rechnung von den Verkäufern der Kreditderivate auch auf: Die niedrigen Zinsen lösten einen regelrechten Bauboom quer durch die Vereinigten Staaten aus, in dessen Folge die Preise mächtig anzogen. In Los Angeles stiegen die Immobilienpreise zwischen den Jahren 2000 und 2006 um stolze 170Prozent. Eine Immobilie, die einmal 100000Dollar gekostet hatte, war damit plötzlich 270000Dollar wert. In New York erhöhten sich die Immobilienpreise im gleichen Zeitraum um 120Prozent, in Washington um 140Prozent und in Miami um 180Prozent. Mit der sich schnell entwickelnden Immobilienblase aber wurde die Basis für die nächste, die Hypothekenblase, gelegt. Denn das Geschäft mit den Darlehen lief so gut, dass es für die Banken und Immobilienfinanzierer auf dem restriktionsfreien Kreditmarkt kein Halten mehr gab. Mit sogenannten Subprime-Hypotheken für Kunden mit zweifelhafter Bonität nahmen die Immobilienfinanzierer eine neue Zielgruppe ins Visier, die bis dahin von einem eigenen Häuschen oder einer eigenen Wohnung noch nicht einmal zu träumen gewagt hatte: Geringverdiener, Mittellose, Arbeitslose, zumeist Schwarze und Latinos, die in den USA zu den ethnischen Minderheiten zählen.

Die Botschaft, die fast täglich über die Bildschirme in die US-Haushalte getragen wurde, lautete immer gleich: «Jeder Traum, der mit Geld zu haben ist, kann Realität werden. Ohne Risiko und sofort.» Man müsse lediglich einen Kredit zu Superkonditionen aufnehmen. Banken und andere Immobilienfinanzierer drängten potenziellen Kunden die Kredite förmlich auf. Sie vergaben Hypotheken, ohne dass die Antragsteller auch nur ein Dokument als Beleg ihrer Bonität vorlegen mussten. Der sogenannte Subprime-Markt entwickelte sich in kurzer Zeit zum Milliardengeschäft. Stammten 2001 noch 5Prozent aller Darlehen aus dem riskanten Subprime-Segment, waren es 2006 schon 20Prozent.

Für die US-amerikanischen Banker und anderen Immobilienfinanzierer waren solche Geschäfte in Zeiten von Minizinsen, boomenden Immobilienpreisen und nahezu grenzenloser Liquidität noch nicht einmal mit großen Risiken verbunden. Schließlich gab es mit dem Verkauf der Kredite an Zweckgesellschaften und der Verbriefung und Bündelung in Anleihen die Möglichkeit, Kredite und Risiken schnell wieder loszuwerden. Intern wurden die Papiere von den Bankern treffend als «Ninja-Anleihen» bezeichnet, ein Kunstname, der für «no income, no job, no assets», also kein Einkommen, kein Arbeitsplatz, kein Vermögen, steht. Käufer für Ninja-Anleihen, die entweder besonders hoch verzinst oder wie beschrieben in angeblich sicheren Anleihen versteckt wurden, gab es genug. Die Zinszahlungen flossen reichlich, weil zunächst nur wenige Kredite platzten und nicht mehr zurückgezahlt wurden.

Doch wie bei fast jedem Traum vom ewig währenden Glück sollte es auch hier ein böses Erwachen geben. Angeheizt durch die Niedrigzinspolitik der US-Notenbank und die expandierende Nachfrage, war zügellos gebaut worden, sodass allmählich riesige Überkapazitäten entstanden. Als Folge davon begannen Ende 2005 die Preise rapide zu fallen. Die Immobilienblase platzte, und mit ihr die Hypothekenblase. Zahllose US-Bürger mussten feststellen, dass sie sich verspekuliert hatten. Im Vertrauen auf fortwährende Wertsteigerungen hatten sie wiederholt neue Kredite auf ihre Immobilien aufgenommen, das Geld aber eher für Konsumgüter ausgegeben und damit die amerikanische Wirtschaft in Schwung gehalten. Mit dem Wertverlust ihrer Häuser platzte für viele ihr Traum vom Eigenheim: Zinsen und Monatsraten schossen in die Höhe, Kredithaie, die mit niedrigen Zinsen gelockt hatten, verlangten plötzlich das Doppelte und Dreifache. Besonders hart traf es die ohnehin finanzschwachen Kreditnehmer im Subprime-Bereich. Die Zahl der Zwangsversteigerungen explodierte.

Doch wie um den Schaden perfekt zu machen, ruderten die verantwortlichen Finanzjongleure nicht reumütig zurück, sondern warteten mit einem weiteren Coup auf: Sie erfanden einen neuen Subprime-Kredit, diesmal für Unternehmen mit schlechter Kreditwürdigkeit – sogenannte «Cov-Light-Credits», was frei übersetzt «Kredite mit lockerer vertraglicher Regelung» bedeutet. Bei der Vergabe dieser Kredite wurde auf bestimmte Eigenkapitalquoten verzichtet sowie – erneut – jegliche Vorsichtsmaßnahme des verantwortungsvoll handelnden Kaufmanns außer Acht gelassen.

Warnungen vor einem Kollaps des globalen Finanzsystems wurden immer lauter. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos Anfang 2007 beklagte der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, die Undurchsichtigkeit von Finanzinnovationen. Hintergrund war das schier unkalkulierbare Ausmaß der Kreditspekulationen. Ende des Jahres 2007 wurden weltweit Kreditabsicherungen mit einem Gesamtvolumen von fast 58Billionen Dollar gehandelt, mit denen Kredite angeblich versichert, gehedgt beziehungsweise gedeckt wurden. Die Summe entspricht ungefähr der gesamten Weltwirtschaftsleistung des Jahres.

Ende Februar 2007 erreichten die ersten großen Schockwellen den US-Immobilienmarkt, ausgelöst von nicht mehr bedienten Subprime-Krediten. Denn die Spekulationen mit den Ninja-Anleihen rechneten sich nur unter der Annahme stark steigender Immobilienpreise. Plötzlich mussten Großinvestoren weltweit erkennen, dass sie nicht in abstrakte Finanzprodukte, sondern gleich tausendfach in ganz gewöhnliche Hypothekenverträge von zahlungsunfähigen Schuldnern investiert hatten. Im April 2007 wurde der zweitgrößte Subprime-Kreditgeber in den USA, New Century, insolvent. Dutzende Konkurrenten folgten.

Die Meldung ging wie ein Schock durch die gesamte Kreditwelt. Auf breiter Front stiegen die Kreditzinsen, schließlich waren Immobilienkredite nicht nur verbrieft und gebündelt worden, sondern auch mit Auto-, Konsumenten-, Kreditkarten- und Unternehmenskrediten vermischt worden. Mitte Juli 2007 mussten zwei Hedgefonds aufgrund ihres Subprime-Engagements geschlossen werden, kurze Zeit später geriet in Deutschland die Industriebank IKB an den Rand der Zahlungsunfähigkeit. Nur eine dramatische Rettungsaktion durch den Staat konnte sie, ebenso wie später die Sachsen-LB, retten – letztlich mit dem Geld der Steuerzahler.

Zugleich traf es auch die renommierten Investmentbanken der Wall Street, die den ganzen Kreislauf erfunden und in Bewegung gehalten hatten. Die Hypothekenfinanzierer kündigten Entlassungen in großem Stil an. Als erstes der großen Wall-Street-Häuser schloss die Investmentbank Lehman Brothers eine Tochterfirma und entließ 1200Mitarbeiter. Auch die britische Großbank HSBC, eines der größten Geldhäuser der Welt, musste eine US-Filiale für Hypotheken mit 600Beschäftigten schließen.

Der Geldmarkt bricht zusammen

Immer misstrauischer beäugten sich von nun an die Finanzinvestoren, weil niemand wusste, wie viele faule Papiere sich in den Bilanzen noch versteckten. Besonders argwöhnisch wurden Hedgefonds angesehen, denn es bestand die Sorge, dass Insolvenzen der Großspekulanten eine Finanzkrise bisher ungeahnten Ausmaßes auslösen könnten. Stattdessen eskalierte die Krise durch andere Begleitumstände. Es entstand eine Vertrauenskrise auf dem Geldmarkt, der dafür sorgt, dass durch die kurzfristige Geldvergabe so viel Liquidität zur Verfügung steht, dass Bankgeschäfte reibungslos laufen können (siehe Kasten S.26).

«Der offene Ausbruch der Finanzkrise hat ein eindeutiges Datum. Es ist der 9.August 2007.An diesem Tag hörten die Geldmärkte auf zu funktionieren», schreibt Lucas Zeise. Um die Mittagszeit kam es an diesem Tag in Europa auf den Interbankenmärkten plötzlich zu einem Verkäuferstreik. Am Geldmarkt, in dem sich die Banken für kurze Zeit untereinander Kredite geben, war das gegenseitige Vertrauen vollends eingebrochen. Der Strom der extrem kurzfristigen Kredite – ein Tag bis höchstens drei Monate Laufzeit–, mit denen die Banken untereinander die Liquidität ausgleichen, versiegte. Kaum eine Bank traute sich, einer anderen noch Geld zu leihen, was angesichts der faulen Papiere in den eigenen Bilanzen kaum verwundert. Wenn überhaupt, waren die Kreditinstitute noch bereit, Geld zu sehr hohen Zinsen zu verleihen.

Nur durch das schnelle Eingreifen der Europäischen Zentralbank, die Milliardenbeträge in den Geldmarkt pumpte, wurde ein Massensterben unter den Banken verhindert. Die europäische Geldmarktkrise führte unverzüglich zu ähnlichen Liquiditätsengpässen auf allen Kontinenten. Weltweit mussten Notenbanken den Banken riesige Geldmengen zur Verfügung stellen. Ansonsten wären die Finanzmärkte zusammengebrochen und eine Pleitewelle sondergleichen losgetreten worden.

Doch die Gefahr einer Weltwirtschaftskrise ist längst nicht gebannt. Seit Ausbruch der Finanzkrise im Sommer 2007 bis Ende 2008 mussten Banken weltweit auf faule Kredite mehr als 840Milliarden Dollar abschreiben. Selbst Mitte 2009 weiß noch niemand, wie groß der weitere Abschreibungsbedarf bei den Risikoverbriefungen tatsächlich ist. Hinsichtlich einer Konsequenz aus der Finanzkrise besteht bereits jetzt weitestgehend Einigkeit: Nur eine stärkere Regulierung der Finanzmärkte kann die Folgen der Verwerfungen begrenzen – und künftige Krisen dieses Ausmaßes verhindern.

Vertrauen als Basis für Vertragspartner

Das Kerngeschäft einer Bank besteht, vereinfacht gesagt, darin, Zahlungsverkehr zu ermöglichen, Kredite zu vergeben und Wertpapiere zu verkaufen. Das Geld für die Kreditvergabe beschafft sie sich durch den Verkauf von Wertpapieren. Gewinne macht sie, weil sie für die Kredite höhere Zinsen verlangt, als sie für die Verzinsung der Wertpapiere ausgibt.

Ein Risiko besteht darin, dass bei einem gleichzeitigen massenhaften Verkauf von Wertpapieren ein Kreditinstitut in ernste Liquiditätsschwierigkeiten kommen kann. Das aus den Wertpapieren eingenommene Geld ist verliehen, also stehen nicht ausreichend liquide Mittel zur Verfügung, um die Wertpapieranleger auszuzahlen. Ein derartiger, von Fachleuten so genannter «Bank-Run» kann beispielsweise durch ein Gerücht über angebliche wirtschaftliche Schwierigkeiten einer Bank ausgelöst werden. Selbst wenn ein solches Gerücht haltlos ist, die Geschäfte florieren und die Bilanzen kerngesund sind, kann dies die betreffende Bank in eine prekäre Situation bringen. Folglich müssen Banken dafür sorgen, dass sie jederzeit über ausreichende Geldmittel – sprich Liquidität – verfügen, um Anlegern ihr Geld jederzeit zurückzahlen zu können oder auch die Geldautomaten zu füllen. Gelingt das nicht, werden sie zahlungsunfähig und müssen Insolvenz anmelden.

Bei der Versorgung der Banken mit genügend Liquidität spielen die Zentralbanken eine wichtige Rolle. In Deutschland und den anderen Euro-Ländern leiht die Europäische Zentralbank (EZB) den Banken in regelmäßigen Abständen – meist wöchentlich – Geld. Im Gegenzug hinterlegen die Banken bei der EZB Wertpapiere. Welche Papiere zulässig sind, entscheidet die Zentralbank. Den Kredit tilgen die Banken, indem sie die als Sicherheit hinterlegten Papiere wieder zurückkaufen. Für den Kredit legt die EZB einen Mindestzinssatz fest. Die tatsächliche Zuteilung der Kredite erfolgt dann über eine Auktion. Die Banken, die die höchsten Zinsen bieten, erhalten auch die höchsten Zuteilungen.

Ob Banken zur erfolgreichen Liquiditätssteuerung genügend Geld bekommen, hängt nicht nur von den Zinsen ab, sondern auch von der Art der Wertpapiere in ihren Tresoren, da diese von der EZB als Sicherheit akzeptiert werden müssen. In der Liquiditätskrise im August 2007 entschied die EZB, auch Risikopapiere, die kaum noch gehandelt wurden, als Sicherheiten zuzulassen – ausgenommen waren Subprime-Wertpapiere. Damit stand erheblich mehr Geld zur Liquiditätssteuerung zur Verfügung.

Dies wurde auch dringend benötigt. Denn die laufende Versorgung mit frischem Geld läuft zum größten Teil über den Interbankenhandel, in dem die Banken sich untereinander Geld leihen zu Zinsen, die normalerweise leicht über dem Mindestzinssatz der Zentralbank liegen. Bei diesen Interbankengeschäften werden keine Sicherheiten verlangt, sie beruhen ausschließlich auf dem Vertrauen der Banken untereinander. Dieses Vertrauen war im August 2007 angesichts der vielen faulen Papiere und der damit verbundenen Wertberichtigungen in den Bilanzen völlig abhandengekommen. Der Zinssatz im Interbankenhandel schnellte nach oben, und die Banken liehen sich gegenseitig kaum noch Geld. Das Einspringen der EZB verhinderte einen drohenden Kollaps.

Die Liquiditätsspritzen der Nationalbanken schienen erst einmal zu wirken. So beantwortete der US-Ökonom Stephen Cechetti, der 2008Chefvolkswirt der Bank für Internationale Zusammenarbeit wurde, die Frage, ob die Maßnahmen aus der Krise helfen würden, zurückhaltend diplomatisch: «Ich hoffe doch sehr.» Seine Hoffnung sollte enttäuscht werden.

Im März 2008 gab es die ersten Gerüchte, die New Yorker Investmentbank Bear Stearns sei insolvent. Da Bear Stearns eine der aggressivsten Investmentbanken beim Subprime-Geschäft war, vermutete die Finanzwelt extrem hohe Verluste. Allein das Gerücht genügte, um das Vertrauen der Geschäftspartner zu erschüttern. Sie drehten der Bank kurzerhand ihre Geldhähne zu, weil sie ihre Zahlungsunfähigkeit befürchteten. Bear Stearns konnte sich gerade noch ins Wochenende hineinretten, bis am Sonntagabend, dem 16.März 2008, feststand, dass sie von dem Konkurrenten JP Morgan zu einem Preis von 2Dollar pro Aktie übernommen würde. Das war ungefähr ein Zehntel des letzten Börsenwerts. Darüber hinaus garantierte die US-Notenbank, dass sie mit knapp 30Milliarden Dollar für die Risiken von Bear Stearns geradestehen würde.

Von nun an sollte es nach einer kurzen Erholungspause Schlag auf Schlag gehen. Im Juli 2008 drohte Fannie Mae, eines der zehn größten Privatunternehmen der Welt, insolvent zu werden. Das Geschäft des Unternehmens bestand darin, Hypotheken in Anleihen umzuwandeln – also zu verbriefen und dann am Kapitalmarkt zu verkaufen. Rund die Hälfte aller US-Hypotheken wurde von Fannie Mae und seinem Konkurrenten Freddie Mac verbrieft. Zum Verhängnis wurde beiden Unternehmen eine viel zu geringe Kapitalbasis. Sie liehen sich unentwegt Geld und konstruierten damit immer abenteuerlichere Produkte, die plötzlich keine Abnehmer mehr fanden. Als dann der Markt vollends einbrach, drohte beiden Firmen das endgültige Aus. Um das zu verhindern, entschied die US-Regierung am 7.September 2008, beide Hypothekenfirmen voll unter staatliche Obhut zu stellen. Insgesamt hatten Fannie Mae und Freddie Mac zu dieser Zeit 14,9Milliarden Dollar Verlust gemacht. Und das war erst ein bescheidener Anfang – die beiden Unternehmen verfügen über Wertpapiere und Kreditforderungen von knapp 5000Milliarden Dollar. Das entspricht rund der Hälfte des jährlichen Bruttosozialprodukts der USA.

Im März 2008 hatte es weitere Schreckensmeldungen gegeben. Aktien des zweitgrößten Versicherungskonzerns der Welt, der American International Group (AIG), büßten 30Prozent an Wert ein, nachdem bekannt geworden war, dass das Unternehmen 20Milliarden Dollar Verluste aus riskanten Geschäften zu schultern hatte. Auch die Investmentbank Merrill Lynch stand kurz vor dem Bankrott, ebenso die Washington Mutual, eine der größten amerikanischen Privatbanken.

Wie das alles geschehen konnte, ohne dass die Verantwortlichen von sich aus gegensteuerten, ist schwer zu beantworten. Die Beteiligten wollten das Finanzmonopoly bis ans bittere Ende treiben, getragen von der Hoffnung, dass kein Staat der Welt die Stützen der Finanzwirtschaft einfach fallen ließe. Jedenfalls hatte die «Kernschmelze im Finanzsystem» begonnen, wie Wolfgang Münchau in seinem gleichnamigen Buch schreibt. Dann überschlugen sich die Ereignisse, sodass sie kaum chronologisch darstellbar sind.

JP Morgan übernahm nach Bear Stearns auch Teile der inzwischen finanziell zusammengebrochenen Washington Mutual. Die Bank of America kaufte für 50Milliarden Dollar die Investmentbank Merrill Lynch. Die verbliebenen großen Investmentbanken Goldman Sachs und Morgan Stanley wurden zu Geschäftsbanken umfunktioniert und unterstellten sich damit strengeren staatlichen Regularien, die ihnen ein Risiko-, aber auch ertragreiches Investment-Banking unmöglich machen. Die US-Regierung stieg mit 85Milliarden Dollar bei der AIG ein, was effektiv einer Verstaatlichung der Versicherung gleichkam. Bis März 2009 schnürte die US-Regierung insgesamt Rettungspakete mit einem Gesamtumfang von 180Milliarden Dollar, um den Versicherungskonzern mit 74Millionen Kunden in 130Ländern am Leben zu erhalten.

Nur einer der Bankenriesen wurde bei den Rettungsaktionen ausgespart, um damit zu demonstrieren, dass wild spekulierende Finanzinstitute nicht in jedem Fall mit einer Rettung durch den Staat rechnen konnten: Die US-Regierung ließ die Investmentbank Lehman Brothers am 15.September 2008 in die Insolvenz gehen – mit schwerwiegenden Folgen. Inzwischen vermuten Experten, dass der Lehman-Bankrott das Ausmaß der Finanzkrise wesentlich bestimmte. Kreditderivate, Anleihen und Zertifikate, die Lehman Brothers emittiert hatte, wurden mit der Insolvenz wertlos. Finanzinstitute rund um den Globus mussten weitere Abschreibungen in Milliardenhöhe vornehmen. Da Lehman-Kreditderivate auch in viele Pakete anderer Banken geschnürt wurden, weiß selbst im Sommer 2009 noch niemand genau, welcher Abschreibungsbedarf in den Bilanzen der Banken rund um den Globus noch schlummert. Auch Privatanleger, die in Lehman-Anleihen und -Zertifikate investiert hatten, verloren ihr Kapital. In Deutschland traf es Tausende von Kleinanlegern. Banken und Sparkassen hatten ihnen Lehman-Zertifikate als sichere Anlage verkauft, da die Bankberater eine Insolvenz der Investmentbank für unwahrscheinlich hielten (siehe Kap. 4).

Vor allem aber war die Lehman-Insolvenz ein Signal: Da Banken von nun nicht mehr damit rechnen konnten, im Notfall durch den Staat gerettet zu werden, brach das Kreditgeschäft unter Banken vollends ein. Kein Banker konnte schließlich wissen, ob eine andere Bank, der er heute noch einen Kredit gegeben hat, nicht vielleicht schon morgen insolvent ist. Und wo kein Geld ist, können auch keine Kredite vergeben werden. Leidtragende sind insbesondere Mittelstandsunternehmen, denen Kapital für den reibungslosen Geschäftsablauf und notwendige Investitionen fehlt. In Deutschland meldeten selbst Traditionsunternehmen wie die Modehäuser Wehmeyer und Sinn-Leffers, die ehemalige Karstadt-Tochter Hertie, der Porzellanhersteller Rosenthal oder der Wäscheproduzent Schiesser Insolvenz an. Nach einer Schätzung der Wirtschaftsauskunft Creditreform werden 2009 zwischen 33000 und 35000Firmen in Zahlungsnöte geraten. Gefährdet sind insbesondere Fahrzeugbauer, mittelständische Zulieferbetriebe sowie Autohändler. Auch Bauunternehmen, Einzelhändler sowie viele Dienstleister, etwa Speditionen, Call-Center, Personalvermittler und Reinigungsunternehmen, zählen nach der Prognose zu den Branchen, in denen die Auslese besonders deutlich ausfallen wird.

Weltweit ergriffen Regierungen von nun an Maßnahmen, um Unternehmen aus der Finanzbranche zu stützen und einen Kollaps der gesamten Wirtschaft zu vermeiden.

Nach mehreren Anläufen schnürte der US-Kongress am 3.Oktober 2008 ein 700Milliarden schweres Rettungspaket für die Finanzmärkte. Die EU kündigte eine Garantie für das Überleben großer Banken an. Führende Notenbanken, darunter die US-Notenbank und die EZB, senkten in einer konzertierten Aktion erneut die Zinsen. In Deutschland verkündeten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesfinanzminister Peer Steinbrück medienwirksam, dass die Regierung für das Ersparte ihrer Bürger geradestehe. Doch das Vertrauen der Bürger in die Kompetenz und Seriosität der Verantwortlichen – sei es in Politik oder Finanzwirtschaft – ist seit dieser Krise tief gestört.

Als immer klarer wurde, dass die Finanzkrise mit großer Wucht auf die Realwirtschaft durchschlagen würde, brachen weltweit die Aktienkurse ein. Nach dem heftigen Auftakt am 6.Oktober 2008, dem «Schwarzen Montag», verloren Börsianer innerhalb nur weniger Tage weltweit 3000