Abschaffung des Schicksals? -  - E-Book

Abschaffung des Schicksals? E-Book

0,0
19,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

 Schicksal – für die Medizin ist dies geradezu ein Fremdwort geworden. Denn im 20. Jahrhundert hat sich die Vorstellung durchgesetzt, dass wir nicht nur die Ausgestaltung, sondern auch die Grundbedingungen des Lebens selbst in der Hand haben. Doch dann wird ein Mensch bei scheinbar bester Gesundheit von einer unheilbaren Krankheit getroffen und lässt uns ratlos zurück. Wie lässt sich ein guter Umgang mit dem Schicksalhaften finden? Was bedeutet Schicksal überhaupt und wie kann ein besonnener Umgang mit dem gefunden werden, was sich unserem Zugriff entzieht? Darüber diskutieren in dieser Neuauflage Mediziner, Philosophen und Theologen, u.a. Dietrich von Engelhardt, Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Peter Gross, Daniel Hell, Bernd Hontschik, Rainer Marten, Eberhard Schockenhoff und Fritz von Weizsäcker. 

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 464

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Buchvorderseite

Titelseite

 

Giovanni Maio (Hg.)

 

 

Abschaffung des Schicksals?

 

 

Über die Notwendigkeit, das Unabänderliche annehmen zu lernen

 

 

 

 

 

 

Impressum

 

 

 

Titel der Erstausgabe: Abschaffung des Schicksals?

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2011

ISBN 978-3-451-30461-3

 

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2025

Hermann-Herder-Straße 4, 79104 Freiburg

 

Alle Rechte vorbehalten www.herder.de

 

Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich [email protected]

 

Umschlaggestaltung: Verlag Herder

Satz: Barbara Herrmann, Freiburg

Herstellung: DZS Grafik, Ljubljana

 

ISBN 978-3-451-03643-9

ISBN (EPUB) 978-3-451-83941-2

Inhalt

I. Grundlagen
Gibt es ein Schicksal für den Menschen? Systematische und historische Überlegungen zur Deutungskategorie des „Schicksals“Markus Enders
Schicksal – eine Tatsache?Rainer Marten
Gnade oder Schicksal? Zur Kunst des Scheiterns aus theologisch-ethischer SichtPeter Schallenberg
Wie die Bahn zweier Sterne im Gang der Gestirne. Das Verhältnis von Schicksal und Technik bei Martin HeideggerOliver Müller
II. Lebenskrisen zwischen Schicksal und Machsal
Krankheit als Schicksal und Chance.Wandel und Kontinuität im Spiegel derMedizin- und KulturgeschichteDietrich von Engelhardt
Vorschläge zur „Leitlinie Schicksal“ Gesundheit nach Vorschrift – Krankheit als Schuld?Bernd Hontschik
Die Zerbrechlichkeit des Glücks. Kontingenzerfahrungen aus ethischer Sicht. Walter Lesch
„Vulnerando sanamus“ Der chirurgische Eingriff als Schicksal. Peter Stulz
Tentatio und Amor fati. Zum Umgang mit Leid in den existenzphilosophischen Ansätzen von Kierkegaard und JaspersJoachim Boldt
„Übrigens, alles, was mir zustößt, ist meins …“ (Sartre) Moderne Medizin und die Frage nach einer neuen LebenskunstUrs Thurnherr
Kann Depression auch Sinn machen? Krisen als Schicksal, Machsal und TrausalDaniel Hell
Akzeptanz von Schicksalhaftigkeit als Voraussetzung für erfolgreiche Krankheitsbewältigung. Aspekte integrierter psychosomatischer MedizinWerner Geigges
III. Der Anfang des Lebens zwischen Schicksal und Planbarkeit
„Glaubt nicht, Schicksal sei mehr, als das Dichte der Kindheit.“ (Rilke) Religionsphilosophisches NachdenkenHanna-Barbara Gerl-Falkovitz
Frauen-„Heil“-Kunde im Umbruch. Anspruch und Schicksal am Anfang des LebensHermann Hepp
„Auch die Tatsache, dass man nicht alles weiß, ist eine Bedingung für das je eigne Leben.“ (BernardWilliams) Evangelisch-theologische Überlegungen über Schicksal, Zukunftsoffenheit und prädiktiveMedizin am Anfang des LebensReiner Anselm
IV. Das Ende des Lebens zwischen Schicksal und Verfügbarkeit
Altsein als Schicksal?Peter Gross
Wenn Schicksal erkennbar wird: Sterben als Verdichtung des LebensFritz von Weizsäcker
Den eigenen Tod annehmen. Einstellungen zum Schicksal am Lebensende aus theologisch-ethischer SichtEberhard Schockenhoff
Autorenverzeichnis

I. Grundlagen

Gibt es ein Schicksal für den Menschen?

Systematische und historische Überlegungen zur Deutungskategorie des „Schicksals“

Markus Enders

0. Die Ausgangsfrage der folgenden Überlegungen

Was meinen wir, wenn wir in unserer Alltagssprache das Wort „Schicksal“ zur Deutung menschlicher Erfahrungen gebrauchen? Wenn wir etwa davon sprechen, dass eine menschliche Person ein schweres Schicksal zu tragen habe, unter dessen Last ihr Selbst- und Lebensgefühl leidet und vielleicht sogar ihre Existenz zu zerbrechen droht? Was meinen wir, wenn wir von schicksalhaften Ereignissen im Leben eines Menschen sprechen, seien es solche, die zu einem herausragenden und gänzlich unerwarteten Erfolg bzw. einer tiefen Erfahrung eigenen Glücks, seien es solche, die zu einer quälenden Leiderfahrung, einer Sinnkrise oder gar zu einem existenziellen Scheitern in persönlicher Verzweiflung führen können und auf Grund ihrer existenziellen Härte meist als „Schicksalsschläge“ bezeichnet werden? Mit anderen Worten: Was sind die konstitutiven Elemente dessen, was wir in unserem alltäglichen Verständnis mit der anthropologischen Deutungskategorie des „Schicksals“ auszudrücken versuchen?

1. Zur etymologischen Grundbedeutung von „Schicksal“ – „Schicksalsereignis“ und „Lebensschicksal“

Einen ersten Hinweis erhalten wir bereits durch die Etymologie des sprachlichen Ausdrucks „Schicksal“. Denn dessen Grundbedeutung bezeichnet ein Geschehen, das einer Person widerfährt, das ihr entgegentritt, das sie unausweichlich und unvermeidlich ereilt. Dieses Geschehen kann ein einzelnes, besonderes und bestimmtes sein – in dieser Bedeutung könnte man mit Ingo Klaer von einem „Schicksalsereignis“1 sprechen –, es kann aber auch von der ganzen Lebensgeschichte eines Menschen als dessen „Schicksal“ die Rede sein, und zwar dann, wenn man diese Lebensgeschichte zumindest auch, wenn nicht sogar wesentlich als das Ergebnis von Widerfahrnissen versteht, die einen Menschen getroffen haben, ohne von ihm gewollt, gewirkt und hervorgebracht worden zu sein, die gleichsam über ihn gekommen sind. In dieser Bedeutung könnte man wiederum mit Klaer vom „Lebensschicksal“2 eines Menschen sprechen.

Dem einzelnen „Schicksalsereignis“ und dem ganzen „Lebensschicksal“ eines Menschen aber ist eine Reihe von inneren, konstitutiven, den Sinngehalt von „Schicksal“ bestimmenden Elementen gemeinsam, die ich nirgends so feinsinnig und hellsichtig unterschieden gefunden habe wie in Romano Guardinis Analyse der Schicksalserfahrung des Menschen,3 auf die ich daher im Folgenden näher eingehen und die ich zugleich mit eigenen Überlegungen verbinden möchte.

2. Die einzelnen Elemente menschlicher Schicksalserfahrung

2.1. Die Jemeinigkeit des Schicksals

Guardini setzt in seiner Untersuchung der menschlichen Schicksalserfahrung, die man mit Heidegger als eine existenzialanalytische kennzeichnen könnte, bei der psychologi schen Beobachtung an, dass wir immer dann, wenn wir das Wort „Schicksal“ aussprechen, fühlen, dass das damit Gemeinte uns zutiefst und zuinnerst betrifft und angeht, gleichsam das Persönlichste von uns ist, „worin ich ganz allein, unvertretbar und unverdrängbar stehe“.4 Zugleich spüren wir aber auch, dass das mit dem Wort „Schicksal“ Gemeinte aus einer uns unfassbaren Ferne auf uns zukommt, die der Reichweite unseres Wissens und Verstehens entzogen sind. Diese, wie mir scheint, treffende Beobachtung, dürfte zwei Elemente menschlicher Schicksalserfahrung sichtbar machen, die von grundlegender Bedeutung sind:

Das erste dieser beiden Elemente ist das der Jemeinigkeit des Schicksalsereignisses wie des ganzen Lebensschicksals eines Menschen, welches zunächst und grundlegend das und nur das jeder einzelnen Person ist und daher eine scheidende, vereinzelnde Wirkung besitzt: Jeder hat sein eigenes, ihm alleine zugemessenes Schicksal anzunehmen, keiner kann das Lebensschicksal einschließlich aller Schicksalsereignisse einer anderen Person übernehmen; einmalig und unvertretbar wie die menschliche Person selbst ist auch ihr jeweiliges, ihr je eigenes Schicksal.

2.2. Der Geheimnischarakter des Schicksals

Das zweite in der Beobachtung Guardinis aufscheinende Element menschlicher Schicksalserfahrung ist dessen Geheimnischarakter, dessen rationale Undurchdringbarkeit und Unfasslichkeit. Das Schicksal, und zwar sowohl das eigene Schicksal als auch das Schicksal anderer, wird von uns als etwas Numinoses empfunden, das gleichsam mit geheimnisvoller Energie aufgeladen ist und Macht über uns besitzt: „Das Geheimnishafte, das die Erfahrung im Schicksal entdeckt, ist qualitativ eigenständig. Es liegt in, hinter, über jeder angebbaren empirischen Ursache.“5 Die Schicksalsereignisse kommen für unser lebendiges Empfinden aus einer schier unendlichen Ferne, einem unbegreifbaren Geheimniszentrum, das für uns schicksalsbildend wirkt. Wir ahnen bisweilen, dass sich in den unabwendbaren Notwendigkeiten und scheinbaren Zufälligkeiten unseres je eigenen Schicksals ein Wille ausdrückt und Regie führt, dessen Gründe wir nicht einzusehen und nicht zu beeinflussen vermögen. Diese besondere Erfahrungsqualität des Schicksals aber hat, wie wir noch sehen werden, ein fundamentum inre: Siegründet letztlich darin, dass die Schicksalsmacht nur die weltliche Erscheinungsform einer über- und außerweltlichen Macht, eines höheren Willens darstellt.

2.3. Der Notwendigkeitscharakter des Schicksals

Das nach unserer Analyse dritte, sachlich bedeutendste Element menschlicher Schicksalserfahrung ist das der Notwendigkeit: „Schicksal ist in unserer Erfahrung das Nicht-zu-Ändernde, Unentrinnbare, Zwingende.“6

2.3.1. Die natürlichen Vorgegebenheiten als unbedingte Notwendigkeit des „Schicksals“

Guardini meint mit diesem Schicksalselement vor allem die natürlichen, durch die Naturgesetze bestimmten Ordnungen, deren unverbrüchlicher Gültigkeit unser natürliches Dasein unterliegt und die es überhaupt erst im Sein erhalten. Darüber hinaus scheint mir die Notwendigkeit als ein inneres Element der menschlichen Schicksalserfahrung ganz allgemein die Unentrinnbarkeit und Unverfügbarkeit dessen zu bezeichnen, was einem Menschen gleichsam von außen, d.h. unabhängig von seinem eigenen, freien Willen, widerfährt, was ihm unverfügbar gegeben bzw. vorgegeben ist. Hierzu gehört wesentlich seine Veranlagung, d.h. sein individueller Genpool, mit dem besondere Verhaltensdispositionen sowie individuelle Begabungen und Neigungen, aber auch Schwächen und Anfälligkeiten intellektueller, affektiv-emotionaler und sozialer Natur bereits grundgelegt sind. Es gehören hierzu die natürlich-biologischen und die sozialen Eltern, die zwar nach wie vor in den allermeisten Fällen, nicht aber notwendigerweise miteinander identisch sind. Die sozialen Betreuungspersonen aber sind es, die meist einen nachhaltig prägenden, teilweise sogar bestimmenden Einfluss auf die Entwicklung eines Neugeborenen ausüben, und zwar vor allem in affektiv-emotionaler Hinsicht. Es ist bekanntermaßen seine Kindheit, der ein Mensch die vor allem sein Unbewusstes prägenden seelischen Anfangsgründe seiner späteren Persönlichkeitsentwicklung verdankt, in der etwa in der dyadischen Beziehung zur eigenen leiblichen Mutter ein Urvertrauen, ein tiefes Geborgenheitsgefühl wachsen oder auch bei tiefgreifenden Entzugsund Verlusterfahrungen abgründige Unsicherheiten und Ängste entstehen können, unter deren Auswirkungen auch der erwachsen Gewordene meist noch zu leiden, mit deren Hypothek er oft zeitlebens zu kämpfen hat.

Es gehören hierzu das Trauma und die Umstände der eigenen Geburt, die Natalität, sowie das soziale Milieu der Kleinfamilie wie auch des weiteren sozialen Umfeldes, in das ein zunächst ganz hilfsbedürftiges und daher von Fürsorge, Zuwendung und Betreuung gänzlich abhängiges Menschenkind hineingeboren, dem es gleichsam ausgesetzt wird und dessen elementare Bedeutung für die spätere Entwicklung eines Menschen der Beitrag von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz näher untersucht. Zu diesem basalen Element menschlicher Schicksalserfahrung gehören natürlich auch und nicht zuletzt Krankheiten, die zwar oft auch endogen induziert, d.h. von innen, also von dem Schicksalsträger selbst, verursacht sein können, deren Folgen und Wirkungen von dem Betroffenen dennoch als leidbringendes Widerfahrnis empfunden werden, weil sie von ihm gerade nicht gewollt und bewusst herbeigeführt werden, gegen die sich sein natürlicher Überlebensund Selbsterhaltungstrieb vielmehr auf das heftigste und entschiedenste wehrt.

Schließlich gehören zu diesem zweiten Element menschlicher Schicksalserfahrung alle einzelnen „Schicksalsereignisse“ im Lebensschicksal eines Menschen, d.h. alle unabsehbaren Geschehnisse, die für einen Menschen die erlebnismäßige Qualität eines Widerfahrnisses besitzen, die gleichsam über ihn kommen, ob er will oder nicht, die ihm also unverfügbar gegeben sind.

Alle diese Momente aber sind für den Schicksalsträger Mensch gleichsam objektiv vorgegebene, d.h. unentrinnbare Notwendigkeiten, unabhängig davon, ob sie als solche bewusst erfahren oder nur unbewusst wahrgenommen und erlebt werden. Sie konstituieren in ihrer Gesamtheit daher einen wesentlichen Teil dessen, was wir alltags- und umgangssprachlich als das Schicksal eines Menschen zu bezeichnen pflegen.

2.3.2. Zum Verständnis der Notwendigkeit des „Schicksals“ in der griechischen Antike

2.3.2.1. Das „Schicksal“ in den homerischen Epen

Dieses Element ist bereits in der griechischen Antike als ein fundamentaler Grundzug menschlicher Schicksalserfahrung gesehen und empfunden worden. Daher haben die alten Griechen die unpersönliche Schicksalsmacht auch „Moira“ oder „Aisa“ genannt. Beide Ausdrücke bedeuten etymologisch „Anteil“; sie bezeichnen in dieser Hinsicht den je besonderen, individuellen Teil, „der einem Menschen am allgemeinen Geschehen zugewiesen ist, also sein Schicksal“.7 Schon in den homerischen Epen ist das Bewusstsein von einer über allem, über Götter und Menschen, waltenden, unpersönlichen Schicksalsmacht stark ausgeprägt. Es wird angenommen, dass diese Macht jedem Menschen sein individuelles, persönliches Schicksal bereits von seiner Geburt an zugeteilt habe.

„In der berühmten Szene des 6. Buches der Ilias, in der Hektors Gemahlin Andromache ihren Mann zum letzten Mal sieht, versucht Hektor den düsteren Vorahnungen seiner Frau mit dem Hinweis zu begegnen, dass sein Schicksal bereits seit seiner Geburt feststeht“8:

„Gegen mein Schicksal [Aisa] wird keiner hinab zum Hades mich senden! / Dem Schicksal [Moira] ist doch keiner von den Männern jemals entronnen, / ob edel oder gering, nachdem er einmal gezeugt wurde.“9

Hektor weiß also um die Unentrinnbarkeit und Unvermeidlichkeit nicht nur seines allgemeinen, sondern auch seines besonderen Todesschicksals, d.h. des Zeitpunkts und der Umstände seines Todes. Genau dies verfügt nach altgriechischem Glauben die unpersönliche Schicksalsmacht für die Menschen, ohne dass die olympischen Götter dies ändern könnten. Denn, wie ein alter griechischer Spruch sagt: „Mit der Notwendigkeit kämpft selbst ein Gott nicht.“

2.3.2.2. Zu Platons Verständnis des Schicksals

Es war kein Geringerer als Platon, der im Er-Mythos am Ende seines Hauptwerkes „Politeia“ das schon homerische Bild einer „Spindel der Notwendigkeit“ vorstellt, die an den Enden eines säulenartigen Lichtbandes befestigt ist, das den Himmel zusammenhält und die acht Himmelssphären bewegt.10 Diese Spindel werde „im Schoß der Notwendigkeit“11 gedreht und stellt ein Bild der acht Himmelssphären dar, und zwar von außen nach innen der Fixsterne, des Saturns, des Jupiters, des Mars, des Merkurs, der Venus, der Sonne und des Mondes. An den Kreisen dieser Spindel drehen die drei Schicksalsgöttinnen, die Moiren (lateinisch „Parcae“, d.h. „Parzen“), welche die Töchter der Notwendigkeit sind und den Gesang der Himmelssphären singen, und zwar erstens Klotho, die den gegenwärtigen Lebensfaden des Menschen spinnt und daher für die Gegenwart des Schicksals verantwortlich ist; zweitens Lachesis, aus deren Schoß die aus dem irdischen Leben geschiedenen Seelen ihr Schicksalslos in Gestalt ihrer neuen irdischen Lebensform ziehen, und die daher für den Vergangenheitsaspekt des Schicksals zuständig ist; und Atropos, die den Schicksalsfaden eines menschlichen Lebensschicksals zerschneidet und insofern den Zukunftsaspekt dieses Schicksals darstellt. Lachesis repräsentiert also die Vergangenheit, Klotho die Gegenwart und Atropos die Zukunft und damit alle drei Zeitformen die Gesamtheit der irdischen Lebensgestalt eines Menschen, die daher als ganze einen schicksalhaften Charakter besitzt. Alle drei Moiren spinnen die Schicksalsfäden zusammen, die das besondere Lebensschicksal eines Menschen ausmachen – ein schon homerisches Bild für die Verkettung von Ereignissen zu dem Ganzen eines Lebensschicksals durch die schicksalsgebende Instanz. Von Platon wird der frühgriechische Schicksalsglaube allerdings insofern durchbrochen als nach der Rede der Lachesis die Seelen ihr zukünftiges Lebenslos als ihren Daimon selbst auswählen können, so dass die Ursächlichkeit für die neue irdische Lebensform auf Seiten der wählenden Seele und nicht auf Seiten der schicksalsgebenden göttlichen Instanz liegt, so dass Gott, wie Platon wörtlich formuliert, schuldlos ist, und zwar schuldlos an dem Ergehen einer Seele in ihrer neuen irdischen Lebensform.12 Diese wird nach Platons strikter Überzeugung einer göttlich garantierten Vergeltungskausalität für unser Verhalten bzw. eines durch göttliche Ordnungsmacht installierten und aufrechterhaltenen Tun-Ergehen-Zusammenhangs zwischen der sittlichen Qualität unseres Handelns und unserem gesamtpersönlichen Ergehen vielmehr von uns selbst gewählt und verursacht. Bei Homer ist das Verhältnis der Götter zur unpersönlichen, abstrakten Macht des Schicksals nicht eindeutig bestimmt;13 auch wenn die Götter das bestimmte Todesschicksal der Menschen nicht ändern können, so verschmilzt doch insbesondere in der „Odyssee“ die Schicksalsmacht zunehmend mit dem Wirken der Götter, werden diese, vor allem der Göttervater Zeus, daher selbst zur schicksalsbestimmenden Instanz.14

2.3.2.3. Die Schicksals-Lehre der Stoa

Damit aber ist geistesgeschichtlich gesehen bereits eine Entwicklung eingeleitet, die über Platon zur Identifizierung der verfügenden Schicksalsmacht mit dem ersten und höchsten Gott in der Stoa führt. Dabei ist für das stoische Schicksalsverständnis kennzeichnend, dass das Schicksal als ein universaler kosmologischer Kausaldeterminismus, d.h. als eine lückenlose Verkettung von Ursachen, verstanden wurde und seinen klarsten Ausdruck in der etymologischen Ableitung des hier bevorzugten griechischen Wortes für „Schicksal“, „eÏmarm¤nh“ (heimarmene), von „eÏrm|j aÙtiãn“, d.h. „Kette von Ursachen“, lateinisch „series causarum“, gefun den hat.15 Nach dem Stoiker Chrysipp ist das Schicksal identisch mit dem alles durchwaltenden Weltlogos, der in einer lückenlosen Kette von Ursachen den gesetzlich geordneten Bestand und die Verknüpfung aller Dinge und Ereignisse in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bestimmt. Daher ereignet sich nach stoischer Lehre alles „gemäß dem Schicksal“, sind die Bewegungen im gesamten Kosmos einschließlich der Menschenwelt vom göttlichen Logos geordnet und geregelt.16 Folglich sind alle Wesenheiten und Ereignisse im Kosmos in kausalen Zusammenhängen miteinander verbunden.

„Der Weise kann durch seine Einsicht in den Weltzusammenhang mit seinen Handlungen dem Schicksal folgen, den Nicht Weisen wird das Schicksal mitschleifen: ‚Ducunt volentem fata, nolentem trahunt‘.“17

Das Schicksals-Element der Notwendigkeit beherrscht daher vor allem den stoischen Schicksalsglauben. Der griechische Stoiker Kleanthes hat diesen Glauben an eine den Menschen zwingende, ihm eine unbedingte Notwendigkeit auferlegende, ihn gleichsam übermächtig ende göttliche Schicksalsmacht in folgende unnachahmliche Worte gekleidet:

„Führ’ du mich, Zeus, und du, Pepromene [d. i. das personifizierte Schicksal], wohin der Weg von euch mir ist bestimmt! Ich folg’ euch ohne Zaudern. Sträub’ ich mich, so handle ich schlecht – und folgen muss ich doch.“18

In der römischen Stoa spätestens seit augusteischer Zeit ist das Schicksal von dem Willen der Götter genau genommen nicht mehr zu trennen. „Dies legt schon die Wortbedeutung fatum, eigentlich ‚Gesagtes, Ausspruch‘ (fari ‚sagen‘) nahe: Die fata kann man geradezu als ‚Göttersprüche‘ interpretieren, so heißt es in der lateinischen Dichtung auch oft formelhaft fata deorum.“19 Im römischen Nationalepos, der „Äneis“ Vergils, ist das allmächtige fatum verschmolzen mit dem Willen Jupiters, des höchsten Gottes.20 Dass sich im Rahmen dieses fatalistischen Verständnisses des Welt- sowie des Lebensschicksals des Einzelnen keine sachlich hinreichende Theorie menschlicher Willens- und Entscheidungsfreiheit entfalten konnte, liegt auf der Hand. Dennoch waren die Stoiker keine strikten Deterministen, haben also die menschliche Willensfreiheit nicht total und radikal verneint. Denn wenigstens das Vermögen der Zustimmung zu den sich unabänderlich vollziehenden Ereignissen, zu dem unverfügbar Vorgegebenen wollten sie für den Menschen noch gewahrt wissen. In dieser Haltung der möglichst affektfreien Indifferenz gegenüber allen äußeren Widerfahrnissen haben sie daher auch die höchste sittliche Tugend des Menschen gesehen.

2.3.2.4. Die Unterordnung des Schicksals unter die göttliche Vorsehung in der aristotelischen und platonischen Schultradition

Die Identifizierung zwischen der unpersönlichen, überlegenen Schicksalsmacht mit dem höchsten Gott oder dem göttlichen Numen, das dadurch zum Schicksalsgeber für die Menschen wird, hat daher den philosophischen und religiösen Glauben an eine göttliche Vorsehung in der Tradition griechischen Denkens seit Herodot und Platon über die griechische Stoa und den Mittleren Platonismus bis in den philosophischen Hellenismus und den kaiserzeitlichen Platonismus hinein überhaupt erst möglich gemacht. Für diesen religiösen Glauben an eine göttliche Ordnung und Verwaltung dieser Welt hat man schon im antiken Platonismus den Namen der „Vorsehung“ geprägt. Dabei zieht sich in den beiden zuletzt genannten Traditionen der

„Topos, dass der Mensch bei blindem Walten des Sch.[icksals] nicht für seine Taten verantwortlich gemacht werden könne und Gesetze und Strafen als überflüssig angesehen werden müssten, […] durch alle antifatalistischen Schriften bis zur satirischen Gestaltung“.21

Das bedeutendste Zeugnis der peripatetischen, d.h. in der Schultradition des Aristoteles stehenden, Schicksalstheorie ist diejenige des Aristoteles-Kommentators Alexandervon Aphrodisias in dessen Schrift „Über das Schicksal“, in der er die stoische Schicksalslehre auf logischer, ethischer und theologischer Ebene zu widerlegen versucht hat:

„Sch.[icksals]-Glaube sei Fluchtvor der Verantwortung und keine philosophische Haltung. Sch.[icksal] seidasselbe wie ,Natur‘ […]; wie der Mensch gegen die Natur handeln könne, so auch ,gegen das Sch.[icksal]‘. Das in allen Konsequenzen ausgeführte Hauptargument der Kritik führt die auf vernünftiger Erwägung beruhende Wahlfreiheit […] des Menschen an. Da in der Natur alles zweckgerichtet und der Mensch von Natur aus mit der Fähigkeit zu erwägen ausgestattet sei, wäre diese Möglichkeit ja andernfalls, umsonst‘. Wer das vernünftige Wählen können als, Prinzip von Handlung‘ […] leugne, hebe den Menschen selber auf“.22

Kaiserzeitliche Platoniker wie Apuleius, Numenios und Plutarch haben die Vorsehung (griech. „Pronoia“) „als Wille des Weltschöpfers dem Sch.[icksal] übergeordnet“;23 Hierokles spricht daher ausdrücklich von einem „providentiellen Schicksal“. Alles geschehe zwar, wie die Stoiker annehmen, gemäß dem Schicksal, aber nicht alles geschehe mit unbedingter Notwendigkeit, da auch das durch freie Handlung oder Zufall Verursachte bestimmte Folgen hervorbringe.24 Diese Subordination des Schicksals unter eine göttliche Vorsehung wird vom philosophischen Neuplatonismus noch intensiviert: Das als eine Verkettung von Ursachen verstandene Schicksal wird von dem Neuplatoniker Proklos mit der körperlichen Natur gleichgesetzt; wie diese beim Menschen von dem in Wahl und Willen freien Geist bestimmt werde, so werde das Schicksal von der Vorsehung als der ersten, göttlichen Ursache aller Güter gelenkt und geleitet.25

2.3.2.5. Zum Schicksalsgedanken im antiken Judentum und im Islam

Das antike Judentum (etwa bei Philo von Alexandrien) und die frühe christliche Theologie haben die antike Kritik an der Schicksalsgläubigkeit und die platonische und neuplatonische Verhältnisbestimmung zwischen Schicksal und Vorsehung aufgenommen und fortgeführt. Den heidnischen Vorsehungsgedanken konnte man sehr leicht mit der Fürsorge des jüdisch bzw. christlich geglaubten Gottes für seine Schöpfung und im Besonderen für die menschlichen Lebensschicksale identifizieren. Auf diesen Zusammenhang des Verhältnisses zwischen dem Schicksal und der sog. göttlichen Vorsehung soll gegen Ende dieser Überlegungen noch einmal eingegangen werden.

Doch nicht nur in der antiken Stoa, sondern auch in der altgermanischen26 und – weitaus bekannter noch und uns heute auch viel näher – in der islamischen Religion hat der oft mit dem monotheistischen Gottesglauben verschmolzene Schicksalsgedanke einen fast prädeterministischen Charakter angenommen. Für den Islam bezeugen dies zahlreiche Hadithe – also gesicherte Berichte über Aussprüche und Taten des Propheten Mohammed und seiner Gefährten –, wie etwa die beiden folgenden:

„Wisse, daß, wenn sich die Leute zusammentäten, um dir Nutzen zu schaffen, sie dir nur den Nutzen verschaffen könnten, den Allah für dich bestimmt hat“; das Gleiche gilt für den Schaden: „Wisse, daß das, was dich verfehlt, dich nicht treffen könnte, und das, was dich trifft, dich nicht verfehlen könnte.“27

Und dennoch hat die gleichsam orthodox gewordene ashairitische Theorie vom Aneignungs- oder Erwerbscharakter des menschlichen Handelns, die sog. Kasb-Theorie, die Willensfreiheit und damit Verantwortungsfähigkeit des Menschen insofern bewahrt, als sie zwar zugesteht, dass Gott in seiner Allmacht die guten und die schlechten Taten bzw. Willensakte des Menschen schafft, diese aber vom Menschen angeeignet werden müssen, um vollzogen werden zu können. Und genau in dieser Aneignung bzw. Zustimmung des Menschen besteht seine Ursächlichkeit bzw. seine Schuldigkeit, sei es sein Verdienst im Fall der Aneignung von guten Taten, sei es sein Versagen bei der Aneignung von schlechten Taten.

Damit hat der Islam den vorislamisch-altarabischen, heute noch beduinischen und in der frühen Religionsgeschichte der Menschheit meist durchgängigen „fatalistischen“ Glauben an ein mit blinder, absoluter Notwendigkeit alles beherrschendes, unpersönliches Schicksal in sein monotheistisches Verständnis der kreativen, konstitutiven und alle innerweltlichen Ereignisse finalursächlich in sich vollendenden Allmacht Gottes integriert. Dennoch besitzt der Gedanke der schicksalsgebenden Macht Gottes im Islam eine ungleich größere Bedeutung als der analoge Vorsehungsgedanke im Judentum und im Christentum. Mit anderen Worten: Gott wird vom gewöhnlichen Muslim sehr viel stärker als die schicksalsgebende Macht für das menschliche Leben empfunden, als dies bei Juden und Christen üblicherweise der Fall ist.

2.3.3. Die geschichtlichen Tatsachen als bedingte Notwendigkeit des „Schicksals“

Als ein weiteres Element menschlicher Schicksalserfahrung sieht Guardini das, was er schlicht die Tatsache nennt, die er im Unterschied zur Notwendigkeit als dasjenige definiert,

„von dem nicht eingesehen werden kann, dass es sein müsse, das aber ist. Anders ausgedrückt: Tatsache ist alles das, was aus Freiheit hervorgeht. Es wird getan, weil der Handelnde es tun will. Es könnte auch nicht gewollt werden; sobald es aber gewollt und getan ist, ist es unaufhebbar da.“28

Tatsachen in dieser Bedeutung sind sowohl die relativ freien Akte, die ich aus eigener Selbstursprünglichkeit innerhalb bestimmter mir vorgegebener Handlungsspielräume vollziehe, als auch deren Wirkungen, die das von mir

„Gedachte, Gesprochene, Getane in mir selbst hervorbringen: ihr Einfluss auf meine Haltung, auf meine Gewohnheiten, auf meinen Charakter, bis zu jenem Letzten, dass sie in meinem Gedächtnis stehen“,29

und zwar sowohl in meinem bewussten als auch in meinem unbewussten Gedächtnis. Diese Tatsachen sind kontingente Sachverhalte, weil sie aus der freien Initiative des Schicksals trägers Mensch hervorgehen. Sie sind, so Guardini, als solche aber nur in einer kontingenten Welt möglich, weil diese als Ganze eine durch Freiheit gesetzte Tat-Sache ist.

Als einmal gesetzte aber nehmen die Tatsachen den Charakter einer ebenfalls unentrinnbaren Notwendigkeit an. Sie sind allerdings nur bedingt notwendig und nicht, wie die Momente des zweiten Schicksalselements, der Notwendigkeit, unbedingt und schlechthin notwendig. Dieser Unterschied zwischen der hypothetischen oder bedingten Notwendigkeit von Tatsachen als dem dritten Element und der unbedingten oder einfachen Notwendigkeit der erläuterten Momente der Notwendigkeit als dem zweiten Element menschlicher Schicksalserfahrung sei an einem Beispiel veranschaulicht:

Dass wir überhaupt einen bestimmten, individuellen Gencode haben, ist ein Sachverhalt, der mit unbedingter, absoluter oder einfacher Notwendigkeit besteht, der für uns also schlechthin unveränderlich ist. Dass wir aber einen bestimmten Beruf ausüben oder dass wir an einem bestimmten Ort fest wohnen, ist uns nicht schon unverfügbar vorgegeben, sondern ein kontingenter, nicht absolut notwendiger Sachverhalt, den wir selbst gewählt haben, der also durch unsere relativ, d.h. innerhalb bestimmter Grenzen, freie Selbstverfügung und -bestimmung bedingt ist.30

Durch die unbedingt notwendigen Sachverhalte wird unsere Freiheit objektiv eingeschränkt, wird über uns gleichsam verfügt, diese Sachverhalte sind uns gleichsam schicksalhaft gegeben, ob wir dies nun annehmen wollen oder nicht. Das, was an unserem geschichtlich gewordenen Sein für uns unbedingt notwendig ist, sollten wir daher auch willentlich annehmen und bejahen, wenn wir es vermeiden wollen, in einem beständigen Selbstwiderspruch zu leben, der zur Selbstzerstörung und -auflösung tendiert. Diesbezüglich ist die von Guardini immer wieder eingeschärfte sittliche Primärtugend der Annahme seiner selbst von elementarer existenzieller Bedeutung. Aber auch die bedingte Notwendigkeit, die den Tatsachen als den objektiv gewordenen Akten und Wirkungen unserer Freiheit eignet, auch diese bedingte Notwendigkeit der Tatsachen also schränkt unsere Freiheit ein, da wir ihre Kausalität nicht aufhalten, sie nicht ungeschehen machen können. Auch diese von uns selbst in die Welt gesetzten Tatsachen sollten wir in ihrer Faktizität annehmen, uns gleichsam zu ihnen bekennen wollen. Andernfalls, d.h. wenn wir die Tatsachen als solche nicht annehmen wollten, würden wir uns in einen lebendigen Selbstwiderspruch begeben, uns auf Dauer selbst zerreißen. Auch bezüglich der von uns zu verantwortenden Tatsachen ist die Annahme unserer selbst daher gleichsam unsere erste sittliche Pflicht.31

2.3.3.1. Der Schicksalscharakter der Geschichte und die Zugehörigkeit des Einzelnen zu „Schicksalsgemeinschaften“

Die Tatsachen aber bilden, wie Guardini zeigt, einen Zusammenhang, und zwar sowohl im Leben des Einzelnen als auch für ein ganzes Volk oder eine Völkergruppe, schließlich für die Menschheit im Ganzen. Diesen Tatsachenzusammenhang nennen wir die Geschichte, sei es die individuelle Lebensgeschichte, sei es die Geschichte von Völkern, sei es die Menschheitsgeschichte im Ganzen. Auch die Geschichte hat daher einen schicksalhaften Charakter, die individuelle Lebensgeschichte für den Einzelnen genauso wie die nationale Geschichte für ein ganzes Volk und nicht zuletzt auch die Menschheitsgeschichte für die Familie aller Völker. Denn ebenso wenig wie wir Einzelne unsere gewordene Lebensgeschichte rückgängig und ungeschehen machen können, ist dies im größeren und großen Maßstab möglich. Das durch uns und das für uns geschichtlich Gewordene aber können wir als geschichtlich existierende Wesen nicht loswerden, es prägt und prädisponiert die Möglichkeiten unserer jeweiligen geschichtlichen Gegenwart und damit auch unsere Zukunft. Auch unsere Geschichte also ist für uns Schicksal, und zwar in mehrfacher Hinsicht: sofern wir unsere je eigene Lebensgeschichte selbst bestimmen, sofern wir durch unser geschichtliches Handeln die Lebensgeschichte anderer und damit auch die des Volkes, zu dem wir gehören, ja die der ganzen Menschheit, beeinflussen und mitbestimmen und sofern wir selbst auch durch das geschichtliche Handeln anderer beeinflusst und mitbestimmt werden. Deshalb bilden wir Menschen eine Schicksalsgemeinschaft überall dort, wo wir miteinander leben und handeln. Wir sind daher nie unseres eigenen Schicksals einziger Schmied, sondern stets auch beteiligt am Schicksal anderer. Und wir sind stets auch Gefährten eines gemeinsamen, unsere individuelle Lebensgeschichte übergreifenden Schicksals, sei es des Schicksals der eigenen Klein- und Großfamilie, d.h. der Lebensgemeinschaft, in der wir leben, sei es des Schicksals eines Volkes, zu dem wir gehören, sei es des Schicksals einer anderen weltlichen oder auch einer religiösen Gemeinschaft, der wir angehören, und schließlich sind alle Menschen auch Gefährten des Schicksals der Menschheitsfamilie im Ganzen.

2.4. Das Schicksalselement der Zufälligkeit

Beiden Elementen, dem der Notwendigkeit und dem der Tatsächlichkeit, menschlicher Schicksalserfahrung aber ist gemeinsam, dass sie für das menschliche Subjekt dieser Erfahrung unverfügbare Vorgegebenheiten darstellen, die der Mensch annehmen muss, wenn er sich mit seinem Schicksal gleichsam versöhnen und ein zufriedenes Leben führen will. Ihnen scheint das vierte Schicksalselement, der Zufall, zu widersprechen. Was ist daher mit diesem Element genauer gemeint? Alle einem Menschen unverfügbar vorgegebenen Begebenheiten ereignen sich entweder mit Notwendigkeit oder sie gehen aus freien, selbstbestimmten Akten hervor und besitzen deshalb den Charakter der Tatsächlichkeit. Dennoch werden, wie Guardini zu Recht hervorhebt, diese schicksalhaften Vorgegebenheiten von uns meist als Zufall empfunden: etwa eine völlig unerwartete Begegnung oder eine „durch keine ersichtlichen Ursachen herbeigeführte Übereinstimmung äußerer Vorgänge und persönlicher Absichten“32 etc. Dabei kann sich, worauf Guardini feinsinnig hinweist, diese Empfindung des Zufalls verschärfen. Der Zufall kann als Unsinnigkeit empfunden werden,

„wenn eine unerhebliche Ursache, etwa ein kleines Versehen, verhängnisvolle Ereignisse herbeiführt; oder zur Ungerechtigkeit, wenn aus einer Handlung Folgen entstehen, die dem sittlichen Gefühl widersprechen, etwa Unheil aus einer mit bester Absicht vollbrachten Tat“.33

Schließlich kann der Zufall sogar als objektive Bosheit und Tücke empfunden werden, „wenn irgend eine Armseligkeit Großes zerstört, beständig dazwischengeratenes Missgeschick eine edle Begabung lahmlegt, und dergleichen mehr.“34 Dabei stellt der Zufall, wie Guardini ebenfalls hervorhebt, „das Ver ständnis des Daseins vor die schwerste Aufgabe, denn er macht am Sinn des Lebens irre.“35 Dieser negative Charakter der Zufallsempfindung menschlicher Schicksalserfahrung bringt daher den menschlichen Schicksalsträger häufig zu der Annahme „böser Mächte, welche dem Dasein übelwollen, entweder direkt Macht über es haben, oder aber die Schuld des Menschen als Einbruchsstelle in sein Gefüge benützen.“36 In der römischen Antike, insbesondere bei den Stoikern, wird dieser Zufallscharakter des Schicksals als der unberechenbare, irrationale Wechsel der Glücks- und Unglücksumstände insbesondere in den äußeren Lebensgütern eines Menschen verstanden und mit dem Namen der „Fortuna“ bezeichnet, deren Rad sich dreht, wie es will.37 Boethius hat im zweiten Buch seiner Consolatio philosophiae dieser personifizierten äußeren Schicksalsmacht eine eindrucksvolle Beschreibung gewidmet, welche die Fortuna als ein launisches, willkürliches und ungerechtes Wesen schildert, das jede sittliche Ordnung ignoriert und mit denjenigen gefühllos, grausam und unbarmherzig umgeht, die sich seinem Regiment unterwerfen, die also ihr Glück in den äußeren, ihrer Verfügung entzogenen Umständen suchen.38 Die römische „Fortuna“ aber stellt nur eine Übertragung der griechischen „tÅch“ (tyche) dar, die wir vor allem aus der attischen Tragödie kennen. Dieser verhängnisvollen äußeren Schicksalsmacht gegenüber empfehlen die Stoiker die Haltung bzw. sittliche Tugend der Apathie, d.h. der Leidenschafts- bzw. Affektlosigkeit, die zur Indifferenz, zur gleichgültigen Empfindungslosigkeit gegenüber allen Wechselfällen des äußeren Schicksals führen soll. Deren gereinigte Intention erfüllt sich erst in der christlich-mystagogischen Tugend der Gelassenheit als der Aufhebung jeder eige nen Willenstätigkeit des Menschen überhaupt, so dass an deren Stelle im Menschen Gottes eigener Wille treten kann.

2.5. Das subjektive, innere Schicksal des Menschen

Die bisher erläuterten Elemente menschlicher Schicksalserfahrung beziehen sich mit Ausnahme der Jemeinigkeit auf den gleichsam objektiven, dem jeweiligen Dasein unverfügbar vorgegebenen Charakter jener Ereignisse im Erlebniszusammenhang einer menschlichen Person, die wir als Schicksalsereignisse und in ihrem Gesamtzusammenhang als das Lebensschicksal eines Menschen bezeichnet haben. Diese Ereignisse kommen aber oft nicht von ungefähr auf einen Menschen zu, will sagen: sie sind in ihrer besonderen individuellen Bestimmtheit meist auch zumindest mitbedingt, nicht selten sogar maßgeblich beeinflusst durch das, was wir das innere Schicksal eines Menschen nennen können. Dieses setzt sich zusammen aus Faktoren wie etwa der familiären Herkunft, der genetischen Veranlagung mit ihren Stärken und Schwächen, der frühkindlichen sowie allgemein sozialen Prägung einschließlich der Erziehung, die zur Ausbildung und oft auch zur Festlegung individueller Ansichten und Verhaltensmuster geführt haben; sie besteht auch aus der individuellen, persönlichen Verarbeitung dessen, was von außen auf einen Menschen zu oder über ihn kam. Hier sind unabänderlich Vorgegebenes und in eigener Verantwortung Gestaltetes zum Ganzen einer individuellen Persönlichkeitsgestalt untrennbar und unentwirrbar miteinander verwoben. Zwischen diesem inneren Schicksal und dem äußeren Schicksal eines Menschen besteht ein sehr enger, wechselseitiger Zusammenhang. Was einem Menschen gleichsam von außen widerfährt, ist meist auch ein Reflex seiner inneren bewussten und mehr noch unbewussten Befindlichkeit und Beschaffenheit, wird also von dieser zumindest auch ausgelöst und bedingt, in manchen Fäl len sogar regelrecht gelenkt und bestimmt. Unser inneres Schicksal macht uns empfänglich für ganz bestimmte äußere Einflüsse, zugleich macht es uns aber auch weniger oder sogar ganz unempfänglich für andere Einwirkungen von außen. Guardini formuliert diesbezüglich treffend: „Was einem Menschen von Seiten anderer Menschen, aber auch von der umgebenden Natur her geschieht, wird zu einem großen Teil durch sein eigenes Verhalten herausgefordert oder wenigstens ermöglicht“.39 Hierzu gehört auch alles das, „was die Psychologie des Unbewussten über Glück und Misslingen, Sicherheit und Fehlleistung, über das Zustandekommen von Zufällen, über das Entstehen vieler Krankheiten, und nicht nur nervöser, sondern auch organischer Art sagt.“40 Guardini verweist in diesem Zusammenhang ausdrücklich auf die Psychologie der Unfälle und der organischen Krankheiten:

„Zunächst erscheint ein Unfall als etwas ganz Objektives, das dem persönlichen Willen [sc. des Unfallopfers] entzogen ist. Die Analyse zeigt aber, dass er nicht nur durch das ganze charakterlich bedingte Eigenverhalten des Betroffenen mitbestimmt, sondern oft mit präziser Regie von dessen Unbewusstem her gelenkt, ja geradezu herbeigeführt wird, und das aus Motiven, welche im Gefüge des betreffenden Lebenszusammenhangs liegen. Das Gleiche zeigt die Untersuchung für nervöse, aber auch für organische Erkrankungen. Diese können – etwa auf dem Wege über die Abwehr der Infektion – vom Unbewussten herbeigeführt und in ihrem Verlauf kontrolliert werden. Wie die Psychologie der Schicksalsbildung denn überhaupt berücksichtigen muss, dass die willkürlichen Vorgänge des Organismus, Bewegung der Glieder, der Sinnesorgane usw. von der bewussten, die unwillkürlichen hingegen, wie Atmen, Herztätigkeit, Stoffwechsel usw., von der unbewussten Psyche bestimmt werden, ein großer Teil des Schicksals aber in deren richtigem oder unrichtigem Verlauf, also in Gesundheit oder Krankheit besteht.“41

Wir sind also auch selbst unseres je eigenen Schicksals – unseres inneren und damit teilweise auch unseres äußeren Schicksals – Schmied. Unser Schicksal ist uns zugleich als Aufgabe gegeben und gesetzt, die wir zu übernehmen und zu bewältigen haben. Diese Verschränkung unserer eigenen Selbstgestaltungs- bzw. -verwirklichungsmöglichkeiten mit den uns unverfügbar vorgegebenen und daher von uns zu übernehmenden Umständen und Ereignissen – genau diese unauflösliche Verschränkung und Verbindung ist es, die wir als unser Schicksal, d.h. als unsere besondere, einmalige Lebensgestalt bezeichnen können.

2.6. Notwendigkeit und Zufälligkeit menschlicher Schicksalserfahrung als der Grund ihrer Tragik

Zufälligkeit und Notwendigkeit aber sind zwei konstitutive Elemente menschlicher Schicksalserfahrung, die sich zu widersprechen scheinen: Wie können daher, so müssen wir jetzt fragen, dieselben Ereignisse vom Menschen als schicksalhaft im Sinne von unvermeidlich bzw. notwendig und zugleich als zufällig, mithin als nicht notwendig empfunden werden? Kurz gesagt: Wie kann das Schicksal die „Einheit von Notwendigkeit und Zufälligkeit“42 sein, als welche etwa Sören Kierkegaard es definiert?

Die abstrakt-allgemeine Notwendigkeit des Schicksals zeigt sich in seiner Unverfügbarkeit, in seinem unentrinnbaren Widerfahrnis-Charakter für den von ihm Betroffenen. Als zufällig empfindet der einzelne menschliche Schicksalsträger die schicksalhaften Widerfahrnisse, sofern sie nicht seiner eigenen noch irgendeiner anderen für ihn erkennbaren Intention entspringen. Daher verhält sich der Einzelne zur Notwendigkeit seines eigenen Schicksals als zu einem Zufälligen. In diesem unauflöslich widersprüchlichen Charakter menschlicher Schicksalserfahrung liegt dessen mögliche Tragik begründet: Wenn nämlich das existenziell als verhängnis- und qualvoll empfundene eigene Schicksal nicht mehr angenommen und getragen wird, wenn sich der Einzelne als Opfer einer grausamen, niederschmetternden, ungerecht austeilenden („warum ich?“), mithin zynischen Schicksalsmacht ausgeliefert empfindet, deren Schläge ihm jede Lebensfreude nehmen und die ihm keine Hoffnung und Verheißung mehr zu lassen scheint.

2.7. Die harte Notwendigkeit des menschlichen Todesschicksals und die Zufälligkeit seiner Umstände

Harte Schicksalsschläge sind allesamt Vorboten des Todes als jener Schicksalsmacht, der wir zwar mit allen Fasern unserer Existenz zu entfliehen suchen, der wir aber letztlich doch nicht entkommen können. Denn wir verlieren unweigerlich auch den medizinischen Kampf gegen die irreversible Vernichtung unserer irdischen Existenzweise, welche die Schicksalsmacht des Todes über uns alle kommen lässt. Wir werden sozusagen schon als Verlierer auf Erden geboren, denn gegen die größte weltliche Schicksalsmacht unseres je eigenen Todes sind wir trotz aller Unsterblichkeitsphantasien der modernen Medizin letztlich doch machtlos. Dieses unsere Existenzerfahrung zutiefst prägende Schicksal unserer Sterblichkeit lässt den in sich ambivalenten – zugleich notwendigen und zufälligen – Charakter unserer Schicksalserfahrung offensichtlich werden: Denn dass wir eines Tages sterben müssen, ist eine Notwendigkeit allen menschlichen Daseins auf Erden, der Theologe würde sagen: eine Notwendigkeit des gefallenen, des schuldig gewordenen Daseins. Wann und unter welchen Umständen jedoch einen jeden von uns dieses unter der genannten Bedingung notwendige Schicksal des eigenen Todes ereilt, das bleibt für unsere Schicksalserfahrung zufällig: Mors certa, hora incerta, d.h. der Tod ist gewiss, die Todesstunde jedoch nicht. Sie ist insofern zufällig, als sie – abgesehen vom Suizid – von uns gerade nicht gewollt und beabsichtigt wird und auch sonst allem Anschein nach keiner anderen Intention zu entspringen scheint, sofern unser Tod nicht seine Ursache in einer absichtlichen Gewalttat findet.

Im je eigenen Tod ballt sich der unpersönliche, eshafte Charakter unseres jeweiligen Schicksals gleichsam zusammen; die Todesmacht ist ungeheuer konkret, sie vereinzelt uns bis in das Innerste unserer Existenz hinein: Unser Sterben ist existenziell gesehen noch einsamer als unser Leben, selbst dann, wenn wir darin nicht alleine gelassen werden.

Muss aber unsere Preisgegebenheit an dieses allgemeine Todesschicksal das letzte Wort über unser Dasein behalten? Ist das Schicksal wirklich nichts anderes als eine unpersönliche, ungerechte, ja letztlich sogar zynische und grausame Macht, deren letztem Vernichtungsschlag wir nicht zu entkommen vermögen?

3. Schicksal und Vorsehung: Die Verwandlung menschlicher Schicksalserfahrung in die Erfahrung göttlicher Führung und Fügung

Hier regt sich ein leider oft stumm bleibender Protest in jedem menschlichen Herz gegen die grausame Herrschaft eines solchen Schicksals, dem wir doch nicht die letzte Verfügungsgewalt über unser Dasein geben wollen, weil es dann dem Nichts anheimgegeben und damit vergeblich wäre, weil es dann keinen bleibenden Gewinn mehr für uns haben würde. Dagegen aber wehrt sich unser natürliches Bedürfnis nach einem dauerhaften und uneingeschränkten Glück, nach einem unbegrenzten Bejaht- und Angenommensein. Dieses Bedürfnis aber lässt uns ständig, sei es bewusst, sei es unbewusst, Aus schauhaltennachseinerErfüllung, d.h. nach Sinn und Glück in unseren beruflichen und privaten Lebenswelten, sei es in zwischenmenschlichen Beziehungen, sei es an unserem Arbeitsplatz, sei es in dem Raum unserer Freizeit oder Muße. Unsere Suche aber wird immer wiederir ritiert und durchkreuzt von unerwarteten und in diesem Sinne zufälligen Schicksalsschlägen.

Wenn wir aber dazu bereit sind, die Möglichkeit zumindest ernsthaft in Betracht zu ziehen, dass sich hinter den Widerfahrnissen und Geschehnissen unseres Lebensganges eine geheimnisvoll führende und fügende, für unsere leiblichen Augen unsichtbare Hand verbergen könnte, die es von sich aus sehr gut mit uns meint, selbst dann, wenn sie uns Schweres und Leidvolles tragen lässt; wenn wir also – und sei es zunächst nur gleichsam ausexperimenteller Neugierde heraus – eine solche lenkende und leitende, wohlmeinende und gerade deshalb auch erziehende und disziplinierende Hand hinter den Notwendigkeiten unseres eigenen Lebensschicksals nicht nur für möglich halten, sondern zu ahnen beginnen und dann auch wirklich annehmen, dann kann es sein, dass wir in den für uns unverfügbaren Schicksalsereignissen unseres eigenen Lebensganges eine zielführende Sinnhaftigkeit und Folgerichtigkeit zu entdecken beginnen, dann kann es sein, dass wir, je länger, desto tiefer, erkennen können, dass die zuvor von uns als gefühllose oder gar als verhängnisvolle Verfügungen empfundenen Schläge des Schicksals den Charakter von Fügungen annehmen, die einem höheren Ziel von bleibendem Wert dienen. Die neuen Augen, mit denen wir auf den Gang unseres Lebens und den anderer blicken, können uns die Schicksalsereignisse – und zwar sowohl hinsichtlich ihrer unverfügbaren als auch ihrer verfügbaren, vom Menschen verantwortbaren Elemente – als Schickungen einer höheren Daseinsmacht verstehen lernen, die uns zu unserem umfassenden und bleibenden Wohlergehen, zu unserem wahren Glück zu verhelfen sucht, weil sie uns liebt; die aber den Menschen nicht zwingt wie die unpersönlichen Schicksalsmächte der Moiren, Parzen und (germanischen) Nornen, auch nicht zu seinem Glück, sondern ihn aus Liebe in seiner Person würde achtet und anerkennt. Wo, wie Romano Guardini es formuliert, „der Schicksalsglaube als letzten Kern des Geschehens Gleichgültigkeit und Leere fand, offenbart sich nun die Liebe“43 eines persönlichen Gottes.

Wenn also der Mensch, und sei es nur versuchsweise, ernsthaft annimmt, dass eine solche ihn liebende Macht ihn zu seiner Erfüllung, seinem, religiös gesprochen, Heil führen will, dann dürfte er in dem Maße, in dem er sich dieser angenommenen Macht anvertraut, sie sucht und sich ihr öffnet, entdecken lernen, dass diese Annahme nicht gegenstandslos, dass sie keine Fiktion und Einbildung, dass sie keine therapeutische Selbsttäuschung ist. Er wird ihn bestärkende, ihm Freude, Kraft und Trost spendende Erfahrungen mit dieser Macht machen können, ja er wird diese Macht an ihren positiven Wirkungen in seinem Leben und dem anderer erkennen lernen, er wird das entdecken, was die christliche Tradition die göttliche Vorsehung nennt, welche das relativ freie Entscheidungsvermögen des Menschen nicht behindert und einschränkt. So wird ihm das Schicksal zum Medium der göttlichen Vorsehung, als welches das Schicksal in der christlichen Tradition im Anschluss an den philosophischen Platonismus erstmals von Boethius bestimmt worden ist. Denn Boethius hat in seiner Schrift Consolatio philosophiae das Schicksal definiert als „eine den beweglichen Dingen anhaftende planmäßige Anlage, durch welche die Vorsehung ein jedes in seine Ordnung knüpft“.44 So wird das Schicksal zur weltlichen Erscheinungsform der göttlichen Vorsehung: Was im göttlichen Geist simultan gegeben ist, entfaltet sich in der zeitlichen Ordnung als das persönliche Schicksal jedes Einzelnen.

Dieses Verständnis des Schicksals ist in der christlichen Tradition über das Mittelalter hinweg bis weit in die Neuzeit hinein bestimmend geblieben.45 Denn das christlich gedeutete Schicksal ist die weltliche Erscheinungsform eines höheren Willens, der die schicksalhaften Ereignisse zumindest zulässt, wenn er sie nicht bejahen kann, sie aber in jedem Fall zu einem bestmöglichen Ziel und Zweck führen will. Die Auswegund „Sinnlosigkeit der vom Schicksalsglauben bestimmten Existenz“46 ist und bleibt eine tragische, weil sie letztlich doch an ihrem eigenen Untergang verzweifeln muss. Diese tragische, sich vor den Verhängnissen des Schicksals ängstigende Existenz aber kann sich verwandeln in eine befreite und erlöste Existenz im Glauben an eine führende, haltende, bergende und liebende Hand, die zwar zeitlebens unsichtbar bleibt, der sich der Mensch jedoch anvertrauen kann, weil er ihre personalen Züge zu ahnen beginnt und spürt, dass sie ihn liebt. „Die Liebe aber macht“, wie Guardini es einprägsam formuliert, „daß das Ergehen des Geliebten für den Liebenden selbst Schicksal wird.“47 Deshalb hat Jener, der die Liebe selbst ist, aus reiner Liebe zu uns unsere schuldlosen und schuldhaften Schicksalsverhängnisse freiwillig auf sich genommen, um sie in eine erlöste, glückliche Lebensgestalt zu verwandeln und in sich zu vollenden.

Literatur

Augustinus (1981): Sancti Aurelii Augustini Episcopi De Civitate Dei Libri XXII. Recognoverunt Bernardus Dombart Et Alfonsus Kalb, Vol. I, Lib. I–XIII. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Boethius (1981): Trost der Philosophie, lateinisch-deutsch. Herausgegeben und übersetzt von E. Gegenschatz und O. Gigon. Eingeleitet und erläutert von O. Gigon. Artemis & Winkler: München/Zürich.

Guardini, Romano (1994): Freiheit – Gnade – Schicksal. Drei Kapitel zur Deutung des Daseins. Grünewald/Schöningh: Mainz/Paderborn.

Haecker, Theodor (1947): Vergil. Vater des Abendlandes, München: Josef Kösel.

Homer (1994): Ilias. Griechisch und deutsch. Übertragen von Hans Rupé. Mit Urtext, Anhang und Registern. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Kierkegaard, Sören (1952): Der Begriff Angst, in: ders.: Gesammelte Werke, 11. und 12. Abteilung. Düsseldorf: Eugen Diederichs, 1–169.

Klaer, Ingo (1999): Art. „Schicksal“, III. (Systematisch-theologisch), in: Theologische Realenzyklopädie, Bd. 30. Berlin/New York: de Gruyter, 110–116.

Kranz, Margarita (1992): Art. „Schicksal“, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 8. Basel: Schwabe.

Kuhlmann, Peter A. (2008): Die Macht des Numinosen in der Welt. Prodigien und Götterwille in Rom, in: Kratz, Reinhard G./ Spieckermann, Hermann (Hrsg.): Vorsehung, Schicksal und göttliche Macht. Antike Stimmen zu einem aktuellen Thema. Tübingen: Mohr Siebeck, 171–192.

Nesselrath, Heinz-Günther (2008): Wenn Zeus an seine Grenzen kommt. Die Götter und das Schicksal bei Homer, in: Kratz, Reinhard G./ Spieckermann, Hermann (Hrsg.): Vorsehung, Schicksal und göttliche Macht. AntikeStimmenzueinemaktuellenThema.Tübingen:MohrSiebeck,61–82. Neumann, Eduard (1955): Das Schicksal in der Edda. Gießen: Schmitz.

Nagel, Tilman (2008): Was dich trifft, hätte dich nicht verfehlen können. Islamische Konzepte der Vorherbestimmung, in: Kratz, Reinhard G./ Spieckermann, Hermann (Hrsg.): Vorsehung, Schicksal und göttliche Macht. Antike Stimmen zu einem aktuellen Thema. Tübingen: Mohr Siebeck, 215–240.

Platon (1990): Politeia. Der Staat. Bearbeitet von Dietrich Kurz. Griechischer Text von Émile Chambry. Deutsche Übersetzung von Friedrich Schleiermacher (= Platon. Werke in acht Bänden. Sonderausgabe, Vierter Band. Herausgegeben von Gunther Eigler). Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Pohlenz, Max (1959): Die Stoa. Geschichte einer geistigen Bewegung, Bd. 1. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Schulz, Heiko (1999): Art. „Schicksal“, IV. (Philosophisch), in: Theologische Realenzyklopädie, Bd. 30. Berlin/New York: de Gruyter, 116–122.

Vergil (81994): Aeneis. Lateinisch-deutsch. In Zusammenarbeit mit Maria Götte herausgegeben und übersetzt von Johannes Götte. Mit einem Nachwort von Bernhard Kytzler. München/Zürich: Artemis & Winkler.

1 Klaer, I. (1999), 110–116, hier 111.

2 Ebd.

3 Guardini, R. (1994).

4 Ebd., 155.

5 Ebd., 174.

6 Ebd., 155.

7 Nesselrath, H.-G. (2008), 61–82, hier 63.

8 Ebd., 62.

9 Homer (1994), VI,487–489 (die Übers. v. Vf.).

10 Platon (1990), Politeia X 616 c.

11 Platon (1990), Politeia X 617 b.

12 Platon (1990), Politeia X 617 d–e.

13 Vgl. Kranz, M. (1992), Sp.1275: „In den homerischen Epen wird das Schicksal zuweilen über die Götter gestellt, zuweilen ihnen untergeordnet“.

14 Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Heimkehr des Odysseus zu seiner Gattin Penelope nach zwanzigjähriger Irrfahrt ist ihm sowohl von der „Moira“ als auch von den Göttern durch einen Konsensentscheid bestimmt, vgl. Nesselrath, H.-G. (2008), 79. Und auch der Mensch, insbesondere ein strahlender Held wie Achill, ist, von seinem individuellen Todesschicksal abgesehen, nicht restlos der über ihn verfügenden Schicksalsmacht ausgeliefert, sondern kann den Gang, und zwar gerade die entscheidenden Wenden, seines Schicksals durch sein eigenes Verhalten mit beeinflussen und bestimmen.

15 Vgl. Schulz, H. (1999), 116–122, hier 117.

16 Ebd.

17 Kranz, M. (1992), Sp. 1276; vgl. hierzu Peter A. Kuhlmann, P. A. (2008), 171–192, hier 176: „So glaubte man auch den Zusammenhang von Vorzeichen und den diesen entsprechenden historischen Ereignissen wissenschaftlich erklären zu können. Ein menschliches Fehlverhalten konnte durchaus im Zusammenhang mit einem als Prodigium aufgefassten Erdbeben oder Vulkanausbruch stehen; Omina besaßen prophetische Bedeutung, weil die Zukunft in der Tat vorherbestimmt war.“

18 Pohlenz, M. (1959), 106.

19 Kuhlmann, P. A. (2008), 175.

20 Vgl. Haecker, Th. (1947), 97–107, insb. 103: „Jupiter kann das Fatum nicht deshalb nicht ändern, weil es stärker ist als er, der die Macht hat, sondern er kann es nicht ändern, weil das Fatum sein Fatum ist – et sic fata Jovis poscunt –, weil er der Sager und das Gesagte zugleich ist, weil er selber das Fatum ist, weil in ihm kein äußeres Verhältnis zum Fatum besteht, so daß er anders wollen kann, als er sagt, anders wünschen kann, als er sagt und tut“ (mit Bezug auf Vergil [81994], Aeneis, lib. IV, 614).

21 Kranz, M. (1992), Sp. 1277.

22 Ebd.

23 Ebd.

24 Ebd.

25 Kranz, M (1992), Sp. 1278.

26 Neumann, E. (1955).

27 Nagel, T. (2008), 215–240, hier 222.

28 Guardini, R. (1994), 159.

29 Ebd.

30 In der sog. Determinismus-Debatte der Gegenwart wäre eine „in Grenzen freie Selbstbestimmung“ den Positionen des Indeterminismus oder des Kompatibilismus zuzuordnen; im Inkompatibilismus (bzw. Epiphänomenalismus) wäre hingegen die Berufswahl genauso unfrei und unbedingt notwendig „vorgegeben“ wie das individuelle Genom.

31 Dies gilt aber nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für Gruppen und darüber hinaus für Völker und Nationen. Auch diese sollten das Tatsachenerbe ihrer geschichtlichen Vergangenheit und damit ihr eigenes Schicksal übernehmen und bewältigen. Wir Deutsche sollten für dieses sittliche Erfordernis eines Bekenntnisses zu und eines verantwortlichen Umgangs auch und gerade mit dem belastenden Erbe der geschichtlichen Vergangenheit unseres Volkes besonders verständnisvoll und sensibel sein.

32 Guardini, R. (1994), 163.

33 Ebd.

34 Ebd., 163f.

35 Ebd., 164.

36 Ebd.

37 Vgl. Augustinus: De civitate Dei (1981), VII,3; I,277.

38 Vgl. Boethius: Consolatio philosophiae, II (1969), passim.

39 Guardini, R. (1994), 170.

40 Ebd.

41 Ebd., 170, Anm. 5.

42 Kierkegaard, S. (1952), 1–169, hier 99.

43 Guardini, R. (1994), 212.

44 Vgl. Boethius (1981), 205; die lateinische Fassung in ebd., 204: „fatum vero inhaerens rebus mobilibus dispositio per quam providentia suis quaeque nectit ordinibus.“

45 Es ist im Mittelalter etwa von Thomas von Aquin im Zusammenhang seiner Lehre von der einen Erst- undden vielen Zweitursachen undspäterin neuzeitlich transformierter Gestalt auch von Sören Kierkegaard zustimmend rezipiert worden.

46 Guardini, R. (1994), 242.

47 Guardini, R. (1994), 249.

Schicksal – eine Tatsache?

Rainer Marten

I.

Der Wortgebrauch von „Tatsache“ hat eine lange Geschichte. Die Klärung des Begriffs ist noch zu keinem allgemein akzeptierten Ende gekommen. Dem frühesten Beleg nach dient „Tatsache“ als Übersetzung von „matter of fact“, wörtlich: „Sache der Tat“. Als solche gelten in diesem Fall die heilsgeschichtlich relevanten „Taten“ Gottes. Fragen wir, ob und gegebenenfalls inwiefern etwas, das als Schicksal gedeutet wird, zu den Tatsachen zählt, so ist der Begriff nicht auf seine theologische Verwendung zu beschränken, zumal „matter of fact“ zuvor schon der juristischen Sprache zugehört und früh auch für ein epistemisch verifiziertes historisches Vorkommnis verwandt wird.

Für unsere Frage genügt eine beschränkte Klärung des Begriffs. Machen wir die Aussage „Peter hat Schnupfen“, und zielt sie auf diesen Peter, der gegenwärtig wirklich Schnupfen hat, dann steht sie für eine Tatsachenbehauptung: Der geäußerte Sachverhalt („Gedanke“) besteht, sagt man, und das soll heißen, er ist eine Tatsache. Der Wahrheitswert der Aussage ist damit entschieden: Sie ist wahr, nicht falsch. Eine Tatsache ist somit als Wahr-Macher (truth-maker) von Aussagen zu verstehen. Wir handeln uns, so zeigt sich, mit der Problematisierung des Tatsächlichen zugleich die des Wahren ein. Nun ist aber der Verstehenshorizont für Tatsächliches und Wahres höchst mannigfaltig, was auf eine Mannigfaltigkeit von Verifikationsmethoden schließen lässt. Dem Peter sieht man seinen Schnupfen an: Man kennt und erkennt das. Dass Hans, der da läuft, zur Schule geht, erfordert ein Verständnis für institutionelle Tatsachen und eine entsprechende Überprüfung. Soziale Tatsachen wieder wie die, dass Berta verheiratet und Erich ihr Schwager ist, verlangen ebenfalls eine spezielle Verstehens- und Verifikationsart. Doch der Mensch wäre nicht Mensch, wenn er sich nicht Unterschiede. So ist davon auszugehen, dass es zumindest nicht in jedem Fall universell gültige und eindeutig umgrenzte Sprachspiele, Verstehenshorizonte und Verifikationsmethoden gibt. Pascal ist ein erstaunliches Beispiel dafür: Er versteht es nicht und wäre darin auch unbelehrbar, dass historische und fiktive Tatsachen wie zum Beispiel Sintflut und Schöpfung zu unterscheiden sind. Für beides gibt er dieselbe Verifikationsmethode an: die Bezeugung durch Menschen. Diese Unaufgeklärtheit herrscht in nicht wenigen Köpfen bis heute. Ich verweise dazu gerne auf eine Anmerkung, die ich in der „Einheitsübersetzung“ der Bibel1 zu einer Erzählung aus Josua 10 fand. Es geht da um Gottes Beistand für die Israeliten beim Kampf mit den Amoritern, den Bewohnern Kanaans. Dies ist ja das „gelobte“, das heißt den Israeliten verheißene und von ihnen allein zu bewohnen geschworene Land. Dazu aber musste es von ihnen erobert, was in der Sprache des Glaubens besagt, durch Gotteskraft von allen Vorbewohnern gereinigt werden („und er vertilgte (kathelôn) sieben Völker im Land Kanaan und gab ihnen deren Land zum Erbteil“)2, um ab da das „Land der Lebendigen“ (chôra zôntôn) zu heißen.3 Die Amoriter hatten das anders geglaubt und gedacht, aber wir folgen ja jetzt dem, was Juden sich davon erzählt haben. Demzufolge lässt Gott auf israelitisches Bitten hin Sonne und Mond gen Gibeon stillstehen für „beinahe einen ganzen Tag“, damit auch noch die letzten der fliehenden Besiegten am selben Tag zu Tode gebracht werden können. Zuvor schon tötet Gott durch Steinwürfe vom Himmel herab mehr Alteinsassen als die Israeliten mit dem Schwert. Dazu wird angemerkt:

„Der Sieg, in dem Gott durch ein schweres Unwetter Israel half, wird mit einem Stück aus einem uns nicht bekannten Liederbuch gefeiert und dichterisch ausgemalt.“

Steine (lithoi), die soll Gott tatsächlich zielsicher vom Himmel geworfen haben, das nimmt religiöser Realitätssinn gerne hin. Aber Sonne und Mond stillstehen lassen? Nein, in das Naturgesetz einzugreifen, dem meinen diese gläubigen Hermeneuten unmöglich zustimmen zu können (obwohl ein gläubiger Philosoph wie Leibniz das dem Gott ausdrücklich zutraute). Gott, so will es die realistische Selbstverantwortung ihres Glaubens, soll sehr wohl übernatürliche Kräfte haben, aber doch nicht allzu sehr. Spiritualität und Realitätsbewusstsein sind bei ihnen nun austariert: Mit Gottes Steinwürfen als einer historischen Tatsache und mit seinem Eingriff in Sonnen- und Mondbewegung als einer erdichteten Tatsache können sie ihren Glauben leben.

Doch das ist ja die Frage: Sind erdichtete und erdachte Tatsachen überhaupt Tatsachen? Oder ist es logisch zwingend, dass alles, was als Tatsache fingiert wird, unmöglich Tatsache ist? Haben manche schon ein Problem damit, negierte Tatsachen wie die, dass Böhmen nicht am Meer liegt, für Tatsachen zu nehmen, dann stellt sich die Frage bei fingierten Tatsachen ungleich überzeugender. Für Bertrand Russell, der stolz auf seinen robust sense of reality ist, gibt es keinen Hamlet und keine Taten Hamlets, sondern allein Shakespeare, der ihn erdichtet hat. Der Schau- und Hörlustige müsste sich (nach Gottlob Frege) sagen, dass eine Hamletaufführung zwar Sinn, aber keine Bedeutung habe. Russell hat von Platon bis Nietzsche die Philosophie auf seiner Seite. Wer etwas, das nicht ist, so darstellt, als ob es sei, ist ein sophistischer Lügner: ein Maler, ein Dichter (Platon, Sophistes). Fiktionen werden für Lügen angesehen: „nur ein Dichter! / ein Thier, ein listiges, raubendes, schleichendes, / das lügen muss“4. Doch ich halte Russells geistige Robustheit trotz ihrer langen Geschichte für alles andere als förderlich, um dem komplexen Problem des Tatsächlichen und Wahren gerecht werden zu können. Solange Existenzbereiche, Sprachspiele und Verifikationsmethoden klar bestimmt werden, ist dem Tatsachenbegriff nicht so leicht eine Grenze zu setzen. Überschneiden und durchdringen sich in einem Roman Historisches und Fiktives, dann ergänzt sich beides für den Autor und stellt sich nicht wechselseitig in Frage. Beider Unterschied wird nicht verwischt, aber für ein ganzheitliches Verstehen künstlerisch vereint. Aber auch ohne Vereinigung mit Historischem hat Fiktives den Rang des Tatsächlichen. Dass der Wal den Jonas verschlingt und der Wolf die Großmutter, sind Tatsachen. Diese Begebenheiten müssen deswegen nicht in einem Geschichtsbuch stehen. Es genügt, dass der Mythos und das Märchen dies erzählt. Wissen religiös Gläubige oftmals nichts davon, es mit einem Mythos zu tun zu haben, so haben Kinder einen sicheren Sinn für Märchen. Sie hören gebannt zu, sehen die Gefahr, in die Rotkäppchen sich begibt, als eine durch ihre Tatsächlichkeit beängstigende, ohne dass sie dadurch etwas von ihrer Märchenhaftigkeit verlöre. Sie verstehen es, sich durch Märchen wirklich ängstigen, trösten und beglücken zu lassen, ohne Angst, Trost und Glück der Märchenwelt mit dem gleichzusetzen, was ihnen an Entsprechendem im Verhältnis zu anderen Menschen widerfährt. Sie erleben hautnah die Wirklichkeit des Märchens. Aber auch Gottes Steinwürfe und Sonnenhalt, gleicherweise erdichtete Tatsachen einer Erzählung der Geschichte des eigenen Volkes, die eine Geschichte seines geglaubten Gottesbezugs ist, werden, wie die Erzählung gemeint ist, vom gläubigen Leser und Hörer für ihn berührendes, ja aufwühlendes Wirkliches genommen, weil als Wirkliches geglaubt. Er nimmt sie nicht als erdichtet, sondern als wahres Wunder wahr. In seiner Glaubensunmittelbarkeit stellt sich keine Art von Verifikationsverlangen ein. Vielmehr erfährt er im Verstehen der Geschichte eine Stärkung seines bereits gefestigten Glaubens an die Macht Gottes.

II.

Spricht man vom Schicksal eines Menschen, einer Familie, einer Stadt, eines Landes, ja der Menschheit, um das Schicksal eines Wortes oder einer Erfindung von den nachfolgenden Überlegungen auszuschließen, dann ist man sich gewöhnlich sicher, von Fakten zu reden. Gibt es da etwas zu fragen, dann wohl am ehesten dies, ob Erfolgsaussichten bestehen, sich gegen es aufzulehnen, um es abzumildern oder, besser noch, ihm gänzlich zu entgehen. Damit ist schon gesagt, dass Schicksal als Zugeteiltes, Zugelostes und Verhängtes für den, der es zu „tragen“ hat, eine Last bedeutet, eine schwerwiegende Beeinträchtigung des Lebens, nicht aber Beglückendes und das Leben Erleichterndes. Sich mit dem Schicksal abzufinden, zu arrangieren, ja selbst es zu meistern sind Formulierungen, die von ihm im Prinzip nicht besser sprechen. Ein Schicksalsschlag ist nie ein Ritterschlag. Eine Spina bifida wird sogleich als Schicksal angesehen, die Mitgift eines gesunden Rückens nicht. Hässlichkeit wird als Schicksal empfunden, nicht Schönheit. Erkennt die Königin im Spiegel, selbst nur die Zweitschönste im Lande zu sein, dann wird sie dies Schicksal nicht hinnehmen wollen. Im Märchen von Schneewittchen wählt sie für die Schönste ein Gift. Der Anschlag missrät. Auch der Versuch, den Flaubert in Madame Bovary inszeniert, einen Mann von dem Schicksal zu befreien, einen Klumpfuß zu haben, misslingt. Andererseits gibt es Lebensfreude trübende Schicksale, denen mit einiger Umsicht und Glück zu entkommen ist. Wem schon mittags die Sonne un tergeht, weil er autochthon der Schattenseite des Tals zugehört und so ein echter Winterhalter ist, liegt die Chance, zum Spiegelhalter zu werden, nicht allzu weit vor der Tür, etwa durch Einheirat gegenüber im Tal. Selbst allgemein geteiltes Schicksal wird von Entwicklungen erreicht, die es vergessen lassen. Spricht sich der sesshaft gewordene Mensch in früher Selbstauslegung als allgemeines männliches Schicksal zu, nur „mit Schmerzen“ ein Leben lang vom verfluchten Acker ernährt zu werden, als allgemeines weibliches, nur „mit Schmerzen“ Kinder zu gebären5, dann haben Männer längst Wege gefunden, ohne schmerzlichen Kontakt mit Verfluchtem ein gutes Auskommen zu finden, eine signifikante Minderheit der Frauen einen Weg, sich dem Schicksal schmerzhafter Geburt zu entziehen. (Der Wechsel von der Vaginalgeburt zum Kaiserschnitt liegt im Jahre 2009 in den USA bei 35% mit steigender Tendenz.)

Hält man sich an den geschichtlichen Menschen, und dies ohne die Vor-Sicht Jesajas auf einen neuen Menschen und eine neue Erde zu teilen, dann scheinen zwei Dinge unabänderlich menschliches Schicksal zu bedeuten: als Lebender des Todes und als Mensch unter Menschen niemals vollends friedfertig zu sein. Anstatt aber das historisch belegte Manko an Friedfertigkeit zur Prophezeiung zu nutzen, es werde allzeit Kriege geben, genügt der Hinweis auf die Weiterentwicklung der Psychopharmaka und Gehirnimplantate, um die Chance zu sehen, dass der Mensch einmal über hinreichende Mittel verfügt, sich und andere ruhigzustellen. Allein das für schicksalhaft genommene Faktum, des Todes zu sein, hält sich in seiner Irreversibilität.

III.