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"Alles kam mir sehr unreell vor und ich versuchte mich selbst davor zu schützen. Erst nach Wochen wurde mir klar, es ist Wirklichkeit und ich würde sie nie wieder sehen. Von diesem Tag an war Nelli aus meinem Leben verschwunden." Finnland. Eine deutsche Schulklasse ist auf ihrer Abschlussfahrt. Ein Mädchen, Nelli, verschwindet. Ihr Vater, ein rückhaltloser Choleriker, spricht Drohungen aus. Der Klassenkamerad, Jacob Zimmermann, der sie zuletzt gesehen hatte, gerät ins Fadenkreuz der Ermittlungen. Die Suche nach Nelli und die Recherche nach dem, was nun tatsächlich passiert ist, gestaltet sich schwierig und führt Jacob Zimmermann in die tiefen Wälder Finnlands. Er nimmt den Leser mit auf eine Reise, deren tieferen Grund er zunächst selbst nicht versteht.
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Seitenzahl: 180
Veröffentlichungsjahr: 2016
© 2016 Jens AlbrechtCover, Foto: Jenni Kreinberg, Verónica H. MartínezCovergestaltung: Bianca Nandzik, Stefan NandzikFotos (Innenteil): Pia OjalaLektorat, Korrektorat: Verena AlbrechtTextsatz/ Formatierung: Markus DegenVerlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7345-3586-4
e-Book
978-3-7345-3587-1
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Das erste T-Shirt vierteln, es dann schön säuberlich in der Aussparung zwischen den Gelenken der Ausziehstangen des blauen Plastikkoffers verstauen. Dann das nächste darüber legen. Dann die gegenüberliegende Seite mit Socken ausfüllen. So passt mehr rein.
Wie viele T-Shirts braucht man für 1,5 Wochen? Abends Ausgehen — ein Hemd, Discohose, Nachmittags — Poloshirt, Schwimmen — Badehose, ein Pullover, Regenjacke, Kulturbeutel, Schlappen, Handyladekabel. Und jetzt zudrücken. Klappt nicht. Vielleicht mit ‘auf den Deckel draufstehen‘? Die Matratze des Betts, auf dem der kleine Koffer stand, gab nach, der Koffer rutschte seitlich herunter und die Hälfte der millimetergenau gestapelten Kleidungsstücke flog auf den Parkettboden. Das Metallnamensschild des Koffers schlug eine Delle in das Holz und verbog sich dabei.
‘Jacob Zimmermann Alte Posthalde 5‘.
„Was war denn das für ein Krach da oben?“, rief meine Mutter von unten.
„Der Koffer ist explodiert“, erwiderte ich.
„Wer ist lädiert?“, fragte sie wieder.
„Der Koffer ist explodiert“, rief ich jetzt deutlich gereizt von meinen Dachbodenzimmer zurück.
„Ja, ist der jetzt kaputt? Wie hast du denn das geschafft? Kannst du mit deinen 18 Jahren noch nicht alleine packen?“
„Es ist schon alles gepackt, ich bräuchte halt nur mal einen größeren Koffer“, schrie ich jetzt schon sehr laut zurück. Treppenschritte. Meine Mutter stand vor mir und begutachtete den Koffer.
„Hast du auch ein paar warme Sachen eingepackt?“, fragte sie.
„Und warum müsst ihr denn auf einer Abschlussfahrt nach Finnland fahren?“, wollte sie dann noch wissen.
„Das haben wir so abgestimmt. Nelli ist halb finnisch und nachdem sie immer so viel vorgeschwärmt hatte, haben die meisten dafür abgestimmt. Oder wäre dir eine Sauforgie in Lloret del Mar lieber gewesen?“
Unten an der Haustüre wurde Sturm geklingelt. Meine Mutter schaute genervt. Sie drehte sich ruckartig um und stieß sich dabei den Kopf an dem niedrigen Dachbalken, der quer durchs Zimmer verlief.
„Wer ist denn das jetzt schon wieder? Es gibt gleich Mittagessen“, sagte sie, während sie sich den Kopf rieb.
„Es ist offen, der Schnapper ist drinnen“, schrie ich die 2 Etagen herunter.
Laute, stampfende Schritte auf der Treppe.
Marc und Tim kamen herauf.
Keuchend oben angekommen, setzten sie sich auf mein Bett.
„Servus, Frau Zimmermann“, sagte Marc. Tim nicke zeitgleich.
„Ja, grüß euch“, sagte meine Mutter kurz und drehte sich Richtung Treppe, um wieder in die Küche zurückzugehen.
„Chillig, hast du es dir hier eingerichtet, seitdem du unterm Dach wohnst“, stellte Marc anerkennend fest, während er die mit blauem LED Licht beleuchteten Poster an den Dachschrägen betrachtete.
Mein Zimmer war klein, aber fein. Es war alles mit hellem Holz ausgebaut worden. Über dem Bett befand sich ein kleines Fenster. Das Bett stand mittig im Zimmer und neben dem Bett stand ein kleiner Nachttisch. An der Wand gegenüber stand ein kleiner Schreibtisch, welcher hoffnungslos überladen war mit Büchern und Ordnern, mit denen ich mich versucht hatte auf das Abitur vorzubereiten. Der Fußboden war mit einem hellen Teppich ausgelegt, welcher mit Wollmäusen übersät war. Das einzige Manko des Dachzimmers war, dass es ohne Zimmertüre direkt an die Treppe mündete.
Tims Blicke schweiften im Zimmer umher.
„Und auch genügend Kondome eingepackt?“, fragte er den Koffer betrachtend.
„Schnauze, dich kann jeder hören“, zischte ich zurück.
„Die musst du unbedingt einpacken, es ist Abschlussfahrt“, unterstrich jetzt Marc die Aussage. Tim fügte gleich hinzu:
„Und wir müssen uns zwingen, sie zu benutzen!“
„Essen ist fertig!“, hörte man Frau Zimmermann von unten rufen.
„Die Kondome könnt ihr beide ja gerne zusammen benutzen, mit unseren prüden Weibern in der Klasse wird bestimmt nichts laufen. Deren Anblick ist wie natürliche Verhütung!“ sagte ich zu den beiden, als ich die Treppe herunterging.
„Wieso, Du hängst doch immer mit dieser Nelly rum“, wusste Marc dazu zu sagen.
„Ruhe jetzt, ihr bleibt hier oben sitzen, ich muss schnell essen, dauert nicht lange!“, sagte ich.
Nelli war ein seltsames Mädchen. Sie änderte ihr Erscheinungsbild ca. alle 2 Wochen. Mal hatte sie lange blonde Haare, die Haarfarbe, welche wohl aufgrund ihrer finnischen Wurzeln ihre echte sein könnte, mal waren ihre Haare kurz und schwarz, dann mit seitlichem Undercut oder Rasterzöpfen. Ihr Kleidungsstil schwankte zwischen ‘Alternativ‘ und ‘Schicki-Micki‘ hin und her. Sie fehlte manchmal ein bis zwei Tage in der Schule und kam dann mit irgendwelchen Narben oder Schürfwunden zurück, über die sie nicht sprechen wollte. Bei ihren Klassenkameradinnen hatte sie einen schlechten Ruf, da sie sich oft einfach nicht mit ihnen abgab. Mit den Jungs redete sie, wenn es ihr gerade danach war.
Durch diese Stimmungsschwankungen und die damit einhergehende Unberechenbarkeit ihrer Person waren die meisten genervt von ihr. Auch wenn man ihr aufgrund ihres hübschen Gesichts und ihres schlanken Körpers gerne hinterherschaute.
Ich selbst hatte es nie für nötig gefunden sie zu fragen, warum sie heute so tickt und morgen anders. Und vielleicht war dies der Grund, weshalb sie zu mir einen besseren Draht hatte, als zu den anderen.
Andere hingegen kommentierten gleich im Flüsterton, sobald Nelli ihrer Meinung nach etwas anders machte, als sie es gewohnt waren. Über ihre Person wurde viel gemutmaßt und getuschelt.
So auch am nächsten Morgen, als alle im Nieselregen in den Bus einstiegen, welcher uns nach Travemünde zum Hafen an die Schiffsanlegestelle fahren sollte.
Die Klasse drängte sich schnell in den Bus, als die Türen aufgingen. Das Wetter glich eher einem stürmischen Herbsttag als einem Julitag. Der Nieselregen hatte allen das Gesicht benetzt und die sommerliche Kleidung schützte nicht allzu sehr dagegen.
Monoton schabten die Scheibenwischer des Busses über die Windschutzscheibe. Ich hatte in der 2. Reihe Platz genommen. Marc setzte sich neben mich. Draußen verabschiedete sich Nellis Vater von ihr.
„Also gut, dann einen schönen Urlaub“, wünschte er ihr und hielt ihr die Hand hin.
Nelli drehte sich wortlos um und stieg die Stufen des Busses hinauf. Ihr Vater zog die Hand zurück und setzte sich seinerseits in Bewegung, um den Schauplatz zu verlassen, denn er hatte schon etliche Blicke von anderen Eltern auf sich gezogen.
Nelli ging den Gang entlang und nahm dann in einer Reihe auf einem Fenstersitz Platz. Sie stecket sich sofort die Kopfhörer ins Ohr und drehte die Musik auf ihrem iphone laut auf. Ich grüßte sie flüchtig mit einem Kopfnicken, konnte aber nicht sehen, ob sie wenigstens rudimentär den Gruß erwiderte.
„Was ist denn bei der wieder los?“, fragte Tim ,der hinter uns Platz genommen hatte.
„So, ich glaube jetzt sind alle vollzählig!“
Oder vermisst noch jemand seinen Schulbanknachbarn?“, erkundigte sich der Klassenlehrer Uwe Martin von vorne.
‘Schrab, Schrab‘ war von vorne der Scheibenwischer zu hören. Da kein Einspruch kam, gab der Lehrer dem Busfahrer ein Zeichen und dieser schloss die Türe und fuhr langsam an.
Es klopfte von draußen an die Scheibe. Meine Mutter gab mir mit der Hand ein Zeichen, das wohl heißen sollte:
„Ruf auch mal zuhause an“.
„Jetzt geht‘s los!“, gab Frau Gerda Hinsch von sich, Vertrauenslehrerin ihres Zeichens und uns bestens aus ihren unkoordinierten Geographiestunden bekannt. Sie fläzte sich in ihren Sitz und ihr leichtes Übergewicht drückte den Sitz nach hinten.
„Und freut ihr euch schon, Jungs?“, wollte sie wissen.
„Ich mich schon“, antwortete ich. Und ohne weitere Antworten abzuwarten, begann sie gleich schwärmerisch über den Verlauf der Route zu berichten.
„Wir fahren jetzt bis ganz hoch nach Travemünde und dann geht‘s spät abends aufs Schiff nach Finnland. Erst an Schweden vorbei, mitten in der Nacht ein Zwischenstop auf den Åland-Inseln in Maximal und dann weiter nach Helsinki, wo wir am übernächsten Tag um 9.30 Uhr ankommen werden.
Ich runzelte die Stirn und warf ein Blick auf den Flyer der finnischen Schifffahrtslinie.
Abfahrt Montag 22:00 Uhr
Ankunft Mittwoch 09.30 Uhr stand da geschrieben.
„Puh, ganz schön lange, das hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm“, sagte Marc, der mir einen Blick über die Schulter geworfen hatte.
Von den Mädchen schräg hinter uns war ein zischendes Geräusch zu hören, als ob jemand eine Sektflasche aufgemacht hätte.
„Busfahrtbrause!", prostete Anne und setzte die Flasche an, um einen kräftigen Schluck daraus zu nehmen. Sie wischte mit ihrer Hand über den Rand der Plastikflasche und reichte sie ihrer Sitznachbarin Helena weiter. Diese nahm einen eben so großen Schluck, verzog alsbald ihr Gesicht und stieß auf.
„Ugh! Oh Mann, die Plörre geht ja gar nicht!"
Angewidert hielt sie die Flasche mit durchgestrecktem Arm von sich.
„Was habt ihr denn da gemischt?", wollte auch ich jetzt wissen und nahm die Flasche entgegen.
Durch die ursprünglich für Mineralwasser vorgesehene Flasche schimmerte eine giftgrüne Flüssigkeit hindurch. Es kam ein Geruch daraus hervor, der einen in der Nase biss.
„Alles, was wir an Resten noch zusammen kippen konnten" , erklärte Anne.
Ich wollte gerade ansetzten, da drehte sich Frau Hinsch von dem Trubel sensibilisiert nach hinten um.
„Hey! Was ist da los?", rief sie laut und machte dabei Anstalten ihren Sitz zu verlassen. Sie stützte sich an der Rückenlehne mit ihrer Hand ab, der Sitz drückte sich unter ihrem Körpergewicht nach hinten durch, als sie aufstand.
„Uwe! Jetzt ist es schon wieder so weit!", rief sie Herrn Martin zu.
Sie kam auf mich zu und griff nach der Flasche.
„Moment, ich habe noch gar nichts probiert!", empörte ich mich und zog an der Flasche. Der Inhalt spritze dabei auf Marc's Hemd, da Frau Hinsch kräftig dagegen zog.
„Passen Sie doch auf!", rief Marc Frau Hinsch zu. Diese hatte jetzt die Flache in ihren Besitz gebracht.
„Das hier geht ja gar nicht!", polterte Herr Martin los, welcher nun unsere Sitzreihe erreicht hatte.
Der Bus machte etliche Schlenker. Frau Hinsch und Herr Martin, die im Gang standen, wurden gegeneinander geworfen.
Frau Hinsch wäre beinahe auf ihrem Hinterm gelandet, nahm jedoch mit einem krachenden Geräusch auf einer der Armlehnen Platz.
Sie hatte ein schmerzverzerrtes Gesicht. Unbeirrt von diesem Vorfall, schimpfte Herr Martin weiter:
„Also, das finde ich jetzt nicht ok, was ihr hier macht. Wir hatten das doch besprochen."
Er drehte hilfesuchend um.
„Gerda", sagte er.
„Gerda, hol doch mal den Zettel mit den Klassenregeln, den wir erstellt haben."
Der Bus fuhr in eine Kurve. Frau Hinsch verlor die Flasche endgültig aus ihrem Griff und diese fiel auf den Boden. Die klebrige, grüne Flüssigkeit ergoss sich über den Teppich.
„Das fließt ja bis nach Indien!", rief Anne und erklärte:
„Bis zum Ende des Ganges!"
Helena lachte laut und bekam sich nicht mehr ein.
Herr Marin schrie jetzt laut:
„Also, das fängt ja toll an. Wenn das so weitergeht, können wir gleich umkehren!"
„Was sagen Sie?“, fragte jetzt der Busfahrer von vorne.
Herr Martin erklärte:
„Ha ja, schau sich doch einer diese Schweinerei an, der ganze Bus ist ganz schmutzig gemacht!"
Der Fahrer schaute bösen Blickes suchend in den Innenspiegel.
Frau Hinsch winkte ab.
„Ha jo, des müssen wir ihm doch jetzt während der Fahrt nicht sagen!"
Sie hielt ein Blatt Papier in der Hand.
Die schwarze Plastiklehne, auf die sie gefallen war, stand nach unten weggebogen da. Offensichtlich hatte sie einen Knacks abbekommen.
„Lies des mal einer laut für alle vor", forderte sie auf und übernahm damit wieder die Führung.
Sie hielt mir das DIN A4 Papier unter die Nase.
„Ne, ich bestimmt nicht!", äußerte ich mich entschieden.
Rebekka von schräg gegenüber erbarmte sich und nahm das Blatt entgegen.
Der Bus überholte und bremste dann plötzlich, setzte sich dann wieder hinter den nächsten LKW.
„Setzen Sie sich besser wieder, Frau Hinsch!", riet Marc und deutete auf den Fahrer.
Frau Hinsch nickte. Auch Herr Martin nahm Platz. Er setzte sich neben Nelli. Diese zuckte zusammen und rückte auf ihrem Sitz weiter zum Fenster.
Die nun leere Plastikflasche kullerte auf dem Boden im Gang herum.
„Der Fahrer ist jetzt genervt", sagte Marc zu mir.
„Verbindliche Regeln, Klassen-Abschlussfahrt", begann Rebekka.
„1. Auf dem Schiff werden die Kabinen Geschlechter getrennt bezogen."
Ein Raunen ging durch den Bus. Nelli hatte ihre Ohrhörer nun herausgezogen und schaute irritiert in die Runde.
Rebekka fuhr fort:
„2. Zuvor vereinbarte Treffzeiten sind unbedingt einzuhalten."
„Ich habe keine Lust irgend ein Schiff oder sonst was zu verpassen, nur weil einer fehlt!", ergänzte Herr Martin.
„3. Benehmen in der Öffentlichkeit soll der Reife eines Abiturienten entsprechen."
„Langweilig", rief jemand aus der letzten Reihe.
„4. Auf den Konsum von Zigaretten, Alkohol oder sonstigen Drogen haben wir versprochen zu verzichten."
Der Bus grölte. Es wurde geklatscht.
„Da brauchen wir gar nicht weiter vorlesen, ihr seid von der Reife eines Abiturienten noch sehr weit entfernt", stellte Frau Hinsch fest.
„Ist hier jemand, der 'Hinsch' - heißt?", fragte Marc mich und die Mädels.
„Das hat sie bestimmt noch nie zuvor gehört!", stellte ich fest.
„Wenn jemand meint Ärger machen zu müssen und sich nicht an Vereinbarungen hält, dann kann er gleich mit dem nächsten Flugzeug zurück nach Deutschland, auf Kosten seiner Eltern versteht sich", sagte Herr Martin und verließ seinen Platz neben Nelli.
Er stiefelte wieder nach vorne und nahm hinter dem Busfahrer Platz.
Ich nutzte die Chance und wechselte meinen Platz und setzte mich neben Nelli.
Ich hielt ihr eine Packung mit doppelten Schokoladenkeksen unter die Nase.
„Da, willste einen?", fragte ich sie.
Nelli schaute so aus, als wollte sie erst ablehnen, griff dann aber doch zu.
„War denn heute morgen alles in Ordnung?", wollte ich wissen.
„Wieso fragst du?", antwortete Nelli.
Ich betrachtete sie. Sie hatte heute trockene Lippen, von denen sie sich gedankenverloren Haut mit den Zähnen herunter nagte.
„Ich hatte den Eindruck, dass du..."
Ich suchte nach den richtigen Worten.
„Ich meine, wenn du nicht darüber sprechen möchtest, dann..." Ich versuchte den Satz zu beenden.
„Ist schon gut", sagte sie. Sie nahm meine Hand, drückte einen Ohrhörer hinein und sagte:
„Da, willste hören? Louane Emera ." Französische Musik ertönte in meinem Ohr.
Die Scheibenwischer des Busses knarrten noch immer, der Bus wippte auf der mit Schlaglöchern übersäten rechten Spur der Autobahn. Ich sank in meinem Sitz zurück, drückte meine Knie gegen den Vordersitz und während meine Wirbelsäule jetzt jeden Schlag unvorteilhaft abbekam, fielen mir die Augen zu.
Das frühe Aufstehen begann sich zu rächen.
Tim kickte immer wieder gegen den Bordstein und wirbelte dabei sehr viel Staub von dem trockenen Boden neben der Hafenmauer. Das neue Leder seiner Sneaker knickte dabei jeweils ein, fast hätte man sich einbilden können, sie altern zu sehen.
„Wann können wir endlich auf den blöden Kahn?", ätzte er herum und zeigte betont gelangweilt auf den 13 Stockwerke hohen Cruiseliner, der hinter ihm fest vertäut war.
Die Mädchen der Klasse saßen auf der Straße und zockten auf ihren Handys.
Marc kam gerade zurück von seiner Suche nach einer öffentlichen Toilette.
Herr Martin hatte sich zu einigen der Jungs gestellt und versuchte ein Gespräch über die Dimensionen des Schiffes zu beginnen:
„Ha, das ist toll, was denkt ihr, wie tief das Schiff noch unterhalb der Wasserlinie ist?"
Er schaute in die Runde. Nachdem keinerlei Reaktion kam, kratzte er sich am Kopf und und versuchte es mit:
„Ich bin einfach immer nur schlichtweg überwältigt von solch einer Ingenieurskunst. Ihr müsst Euch mal überlegen, wie viel Tonnen Stahl da verbaut sind. Und schaut mal hoch von hier unten zur obersten....."
„Riesig, Herr Martin!", erlöste ihn Gregor und spielte weiter Karten ohne auch nur für eine Sekunde aufzublicken.
„Und hast du ein Scheißhaus gefunden?", fragte Tim Marc, welcher sich noch den Reißverschluss richtig zuzog.
„Nä, Pippi ging alles direkt ins Hafenbecken", erklärte dieser.
„Igitt! Dann hast du dir ja gar nicht die Hände gewaschen!", gab Lisa von sich und zog angewidert ihre graue Filzjacke näher an ihren Körper, als ob Marc vorgehabt hätte seine Hände daran abzustreifen.
„Was, woher sollen meine Hände denn schmutzig sein?", wollte Marc wissen und ging einen Schritt auf sie zu.
„Ist doch alles klinisch ganz sauber bei mir da unten! Da, willste mal probieren?"
„Bäh! Frau Hinsch, sagen Sie doch was!", rief Lisa.
„Du, Uwe, jetzt wird's höchste Zeit, dass wir aufs Schiff kommen! Die drehen schon hohl!"
Ich schaute mich auf dem Vorplatz des Schiffsterminals um. Besonders viele Einkaufsmöglichkeiten schien es nicht zu geben.
Der Bus hatte uns schon seit 2 Stunden hier abgesetzt und uns samt Gepäck hier sitzen lassen, da er ja das Ziel erreicht habe.
„Frau Hinsch, ich habe Durst!", meldete sich wieder Lisa.
„Uwe, jetzt müssen wir wirklich mal was machen", meldete sich Frau Hinsch.
„Die Kinder brauchen was zu trinken."
„Ja, habt ihr euch denn nichts von zuhause mitgebracht?", wollte dieser wissen.
„Doch, aber das ist von der Busfahrt leer!", beschwerte sich Lisa.
„Ihr führt euch wirklich nicht auf wie Abiturienten!", mokierte sich Herr Martin.
„Uwe!", sagte Frau Hinsch mit strengem Unterton.
„Ja, ist ja recht", sagte dieser.
„Wir müssten ja bald boarden dürfen. Aber vorher suchen wir halt in Gottesnamen noch eine kleinen Supermarkt oder Kiosk oder desgleichen."
Nelli saß etwas abseits von der Mädchengruppe und fuhr sich mit den Fingern über ein paar Kratzspuren auf ihrem rechten Oberarm.
Ob sie eine Katze hatte?
„Jacob, Jacob, hilfst du mir beim Auskundschaften einer Wasserquelle", wandte sich Herr Martin hilfesuchend an mich.
„Ja, na gut, mache ich", sagte ich schnell. „Nelli, kommst du mit?", forderte ich sie auf.
„Was ist los?" wollte sie wissen und schaute zu mir herüber.
„Wir gehen was zu trinken holen!"
Carmen zückte ihren Geldbeutel und drehte sich schnell zu Nelli.
„Oh geil und kannst du mir einen schön klaren Hugo in der Dose mitbringen? Ich geb‘ dir auch Geld!"
„Das hab‘ ich gehört!", rief Herr Martin.
Nelli war aufgestanden und klopfte sich den Staub vom Hintern. Sie setzte sich mit mir in Bewegung und Herr Martin folgte uns in unserem Windschatten.
„Könnt ihr das mit der scheiß Sauferei mal sein lassen? Was ist bloß mit Eurer Generation los?", war noch von Frau Hinsch zu hören.
„Sie sind gerade die Richtige, nachdem, was Sie neulich in Geschichte erzählt haben!", krächzte Carmen zurück.
„Wieso, was meinst du denn?"
„Na, dass man früher davon blind werden konnte und so..."
Die Stimmen wurden leiser und vom Wind verweht.
Die Straße vom Hafen weg war wenig interessant und mündete in einer Reihenhaus-Siedlung.
„Wo gehen wir denn lang?", wollte Nelli wissen.
Herr Martin lief schwer atmend hinter uns.
„Na, biegt jetzt mal links ab", gab er von sich.
Tatsächlich lag in dieser Querstrasse in einem Eckhaus eine Bäckerei mit 'Tante Emma Laden'. Sie sah dermaßen altbacken aus und das Schaufenster war so laienhaft in das Haus reingeschnitten, dass man glatt denken konnte, hier habe jemand vor einiger Zeit angefangen aus seinem Wohnzimmerfenster heraus zu verkaufen.
Ein kleines Messingglöckchen klingelte, als wir eintraten. In der Auslage der Bäckerei lagen einige wenige Brötchen, Croissants, mit Puderzucker bestäubte Marmeladentaler und Schokoküsse, wie man sie heutzutage politisch korrekt nennt. Es wurden auch Sandwiches angeboten, von denen die Salatblätter herunterhingen.
Links davon ging es eine Stufe hinab in den schlecht ausgeleuchteten Laden. Die alten weiß lackierten Metallregale waren spärlich gefüllt mit allerlei Haushaltsartikeln, Chips, Schokolade, Reis, Nudeln und Konservendosen. Am Fußboden in der Ecke standen Wasserflaschen und Cola.
Während sich Nelli an dem Regal mit Zahnpasta und Damenhygieneartikeln umschaute, hatte Herr Martin die Getränkeecke gefunden.
„Das sieht doch schon mal gut aus, da haben wir doch schon mal, was wir suchen."
„Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?", fragte die ältere Verkäuferin, die jetzt hinter der Bäckereitheke hervor kam. Sie trug eine weiße Kittelschürze und hatte eine Dauerwelle.
„Ja, haben Sie auch Einwegbecher?", fragte er sie.
„Sowas haben wir neben den Drogerieartikeln, wo die junge Dame jetzt steht", erwiderte die Verkäuferin.
Nelli zuckte zusammen und ließ mit ihrer Hand gerade etwas in ihrer Hosentasche verschwinden.
„Kann man der Dame vielleicht helfen?", fragte die Verkäuferin.
„Haben Sie auch 'C K 1'?"
Herr Martin hob 2 'Six Packs' Wasserflaschen und reichte mir einen davon.
„Hier, das müsste fürs erste reichen!"
Die Verkäuferin schüttelte energisch den Kopf.
„Ne, sowas haben wir hier nicht, aber das können Sie bestimmt auf dem Schiff im Duty Free kaufen."
Herr Martin hatte sich zur Kasse bequemt und zückte sein Portemonnaie.
„Also gut, dann sind es die 12 Flachen Wasser und eine Stange Einwegbecher", sagte er zur Verkäuferin und drehte sich zu Nelli um und rief ihr zu:
„Nimmst du bitte die Becher da mit, wir Männer tragen das Wasser."
Die Verkäuferin schaute zu Nelli, tippte dann in ihre vergilbte Registrierkasse ein.
„So, 24 Euro für das Wasser und 4,95 für die Becher", sagte sie.
„Ähm, Herr Martin, das sind 2 Euro pro Flasche, da bekommen Sie beim Discounter einen ganzen Sixpack dafür", flüsterte ich Herrn Martin zu.
Herr Marin kramte in seinem Münzfach herum.
„Ja, aber siehst du hier irgendwo einen Discounter?", fragte er mich.
„Das sind dann zusammen 28,95 Euro", sagte die Verkäuferin ungeduldig und hielt die Anzeige der Kasse mit einer Hand zu.
„Die ist schon lange kaputt, Sie zahlen, was ich Ihnen sage", erläuterte sie.
Nelli war von hinten an uns herangetreten und hielt die Becher in den Fingerspitzen.
„Herr Martin, wie hoch ist mein Anteil?", wollte sie wissen.
Herr Martin hatte nun endlich den passenden Betrag aus dem Geldbeutel zusammen und legte ihn in die Plexiglasschale neben der Kasse.
