Der Jugendherbergszivi - Jens Albrecht - E-Book

Der Jugendherbergszivi E-Book

Jens Albrecht

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Beschreibung

Stu Arnold und Frank Lemmerz sind bereits seit eh und je beste Freunde. Als sich die Schulzeit dem Ende nähert und sie sich zwischen Bundeswehr oder Zivildienst entscheiden müssen, beschließen sie den Weg des geringsten Übels einzuschlagen. Als "Jugendherbergszivi" wollen sie das eine Jahr, welches sie für Vater Staat ableisten müssen, in der Jugendherberge verbringen. Dort treffen sie auf die schrägen Herbergseltern Schröder, die mit ihrer sehr eigenen Weltanschauung die Herberge seit Jahrzehnten leiten. Sie kollidieren mit dem nörgelnden Rezeptionisten Herrn Schwilgerer, und der andauernd kontrollierenden Küchenangestellten Frau Kuftel. Zwischen den Festangestellten und weiteren Zivildienstleistenden kommt es tagsüber zu so manchem Machtkampf. Nachts kommt es, zu vorgerückter Stunde, Dank der Schlosserausbildung eines Zivis und des nachgemachten Schlüssels für das Weinlager der Herberge, zu mancher exzessiven Feier. Frank, der aus wohlbetuchtem Elternhaus kommt, fällt es zunächst schwer sich bei der Arbeit selbst die Hände schmutzig zu machen. Stu versucht so viele Bekanntschaften wie möglich zu machen und gerät in einen Strudel aus Liebeskummer.... "Der Jugendherbergszivi" ist eine Hommage an den Zivildienst. Jede Situation ist 100% zum Fremdschämen und ein Angriff auf die Lachmuskeln.

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Seitenzahl: 295

Veröffentlichungsjahr: 2016

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www.tredition.de

Jens Albrecht

Der

© 2015 Jens Albrecht

Umschlag, Illustration: Bianca Nandzik

Covergestaltung: Stefan Nandzik

Textsatz/ Formatierung: Markus Degen

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback

978-3-7345-1842-3

Hardcover

978-3-7345-1843-0

e-Book

978-3-7345-1844-7

1. Auflage 2015

Neuauflage 2016

facebook.com/DerJugendherbergszivi

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 - Auf Jobsuche

Kapitel 2 - Das Vorstellungsgespräch

Kapitel 3 - EKG

Kapitel 4 - Lernen verlernen

Kapitel 5 - Was ist denn das für Einer?

Kapitel 6 - Institution Waschküche

Kapitel 7 - Dumm gelaufen

Kapitel 8 - (Kassen-) Differenzen

Kapitel 9 - Sind die abgezählt?

Kapitel 10 - Reparatur Tips

Kapitel 11 - Ist denn alles in Ordnung?

Kapitel 12 - Die Katze

Kapitel 13 - Die wolln wir nicht!

Kapitel 14 - Nachtschicht

Kapitel 15 - Rezeptionsverbot

Kapitel 16 - Das Dezemberwochenende

Kapitel 17 - Abschiedsfahrt

Die Zeit nach der Schule bringt einige plötzliche Veränderungen mit sich. So gut man sich über die Jahre mit dem Schulsystem arrangiert hat und weiß, was man tun muss, um ein Ziel zu erreichen, welche Lehrer man wie manipulieren kann und wie man seine Stellung im der Gruppe behaupten kann, so wenig ist man auf das Leben da draußen vorbereitet.

Was will man wirklich in seinem Leben alles machen? Auf was hat man wirklich Lust? Sind die Möglichkeiten unendlich oder greift man doch schlussendlich zum Nächstliegenden? Am liebsten hätte man mehr Zeit zu entscheiden. Zu sich selbst zu finden. Eine Auszeit!

Die Pflicht, 1 Jahr Bundeswehr oder Zivildienst ableisten zu müssen, kam vielen Jungs daher gelegen. Heute ist man ja von dieser Pflicht befreit, es gibt jedoch noch den Bundes-Freiwilligen-Dienst. Es gibt also noch Jungs und auch Mädels, die wie Stu und Frank in der Jugendherberge ein Jahr arbeiten. Nicht mehr als „Jugendherbergszivi“, doch als sagen wir „Jugendherbergs-BUFDI“.

Hat „Der Jugendherbergszivi“ etwas mit meinen Erfahrungen im Zivildienst zu tun? „Der Jugendherbergszivi“ ist frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind nicht beabsichtigt und rein zufällig ;-) …….

……….auch wenn manche Dinge sich so zugetragen haben könnten. Halbwahrheiten! Viel Spaß beim Lesen!

Vielen lieben Dank an Bianca Nandzik für das exklusive Coverbild dieses Buches!

Kapitel 1 – Auf Jobsuche

Es war eine laue Sommernacht an irgendeinem Wochenende gegen Ende der Schulzeit. Stu saß mit seinem besten Kumpel Frank in dessen Sportwagen. Es war ein für Franks Alter ziemlich überteuertes Cabriolet, aber da Frank von zuhause auch sonst ganz gut versorgt war, fiel das Auto nicht weiter ins Gewicht. Den Wagen hatte Frank von seinem Vater mehr oder weniger geschenkt bekommen. Für irgendwelche guten schulischen Leistungen, wie Frank behauptete. Für den Ford Mustang, den er eigentlich aus Amerika importiert haben wollte, hatte das Geld dann wohl doch nicht gereicht.

Bei den Jungs in der Klasse hieß der Wagen „japanische Salatschüssel“, die Mädchen nannten ihn „Loveboat“, obwohl darin das, was der Namen vermuten lassen würde noch nicht einmal annähernd stattgefunden hatte.

In jedem Fall wurde man von den Mädchen definitiv stärker beachtet, wenn man mit ihm zur Schule fuhr.

Frank hatte auf einem Hügel geparkt am Rande der Stadt mit Ausblick auf das hellerleuchtete Häusermeer. Auf der Rückbank saß Sophie, eine gemeinsame Freundin von Stu und Frank. Sie war ein paar Klassen unter ihnen und beide hatten es auf sie abgesehen. Die Freunde parkten öfters hier oben. Man versorgte sich vorher mit Nahrung von der Tankstelle und saß dann stundenlang im Auto und diskutierte über irgendwelche Themen. Diesmal war das Leben nach der Schule an der Reihe.

Stu und Frank hatten das Abitur schon fast hinter sich. Es standen nur noch die mündlichen Prüfungen an. Bevor es in die große Freiheit ging, sollte man noch ein Jahr für den Staat arbeiten.

„Zumindest der männliche Teil von uns“, sagte Stu mit einem Unterton in der Stimme zu Sophie. Stu hatte seine Skaterschuhe gegen das Armaturenbrett des Wagens gedrückt und aß Kartoffelchips. Er trug eine enge blaue Jeans und ein labbriges T-Shirt.

Frank blickte zu Stu rüber.

„Man kann sich dieses eine Jahr nach der Schule ganz schön verbauen, wenn man sich nicht rechtzeitig auf die Suche macht“, sagte Frank und fuhr fort: „Bund oder irgend etwas zum Absitzen zugewiesen zu bekommen wäre die schlechteste Variante. Wie findet man den perfekten Zivildienstjob?“

Frank fuhr sich mit dem Handgelenk über die Nase, da er auf irgend etwas allergisch war. Er hatte sein Hemd nur halb zugeknöpft und drehte sich ständig zu Sophie um, damit er Augenkontakt mit ihr beim Sprechen hatte.

„Hey! Wir müssen schließlich die Kinder gebären“, erwiderte Sophie jetzt entrüstet auf Stus vorhergehende Bemerkung. Sie saß mit ihrem blond gelocktem, schulterlangem Haar auf der Rückbank. Sie trug ein enges Top und einem mittelkurzen Rock, den sie immer wieder mit den Händen bedächtig nach unten zog. Da sie leicht fror, hatte sie Stus Sweatshirtjacke bekommen, die nun weit von ihren Schultern herunter hing. Sie hatte sehr viel Parfüm an sich, welches man noch gut bis auf die Vordersitze riechen konnte. Stu hoffte, dass seine Sweatshirtjacke späte noch nach Sophie riechen würde.

„Es zwingt Euch ja keiner Kinder zu kriegen!“ sagte er. „Uns zur Bundeswehr zu gehen oder Zivildienst zu machen schon!“

Frank setzte sich wieder aufrecht hin, nachdem er in seinem Sitz herab gerutscht war. Er kaute unbewusst an seinen Fingernägeln und setzte seinen Denkerblick auf.

Langsam begann Frank zu sprechen:

„Es ist schonmal eine gute Entscheidung Zivildienst irgendwo zu machen und nicht zum Bund zu gehen und sich anschreien zu lassen. Also ich hab noch mal nachgedacht wegen dem Zivildienst…” Stu unterbrach ihn: „Rate mal wo wir unseren Zivildienst machen werden?”

Mit triumphierend nickendem Kopf und verschmitzt glänzenden Augen zeigte Stu, dass er mal wieder einen seiner schrägen Einfälle präsentieren wollte.

Wäre man jetzt in der Klasse, würde er warten und erst loslegen, wenn es sicher ist, dass ihn auch ja jeder beachtet.

Frank schaute genervt und erinnerte schnell: „Ok, Du weißt, dass ich mir nicht die Finger mehr als nötig dreckig machen möchte. Und auch den Rücken möchte ich mir nicht vorzeitig ruinieren.”

Stu schaute ihn kurz an.

„Ich weiß.”

Frank zählte weiter auf:

„Und auch keinen Job an der Topfspüle im Krankenhaus!”

„Kein Topfspüler!” versicherte Stu.

In überheblicher Art und Weise sich einander mitzuteilen war eins der wichtigsten Handfertigkeiten, die sie auf dem Weg zum Abitur in der Schule gelernt hatten.

Wenn man mit fest im Sattel mit den Angesagten vornweg reiten wollte, musste jeder Auftritt wohl überlegt sein. Insbesondere, wenn Mädchen in der Nähe waren.

Stu hatte lange gebraucht den Konflikt im Unterricht zu bewältigen. Da man nicht mit zuviel Wortmeldung als Streber dastehen wollte und man mit zu wenig Wortmeldung schlechte mündliche Noten bekam, musste man die Antworten erst umwandeln. Zum einem in eine etwas coolere Sprache, damit das nicht so oberklug klang, zum anderen mussten die Fachbegriffe, auf welche die Lehrer aus waren, in die Wortmeldung eingebaut sein.

Wenn man es schaffte, beide Kriterien zu erfüllen, hatte man bei den Lehrern ausreichend gepunktet und hatte auch kein „Augenverdrehen“ bei den Klassenkameraden ausgelöst.

Stu hatte immer irgendeine Lösung gefunden, um die Geschehnisse in die richtige Richtung zu lenken.

So auch diesmal.

„Also es ist ein Ort voller Urlaubsfeeling und junger Mädchen.“ Er machte eine Pause, machte eine entschuldigende Handbewegung und sagte:

„Nun ja, ein paar Jungs könnten auch dabei sein, aber das ist halt zwangsläufig so.”

Frank blickte Stu erwartungsvoll an.

„Und?”

„Und?“ kam jetzt auch von Sophie.

„Ja”, sagte Stu.

Frank schaute weiter genervt zu seinem Beifahrersitz rüber. Stu hatte seine Schuhe immer noch gegen das Armaturenbrett gedrückt. Er konnte anfangen, etwas zu erzählen und erst nach Stunden den eigentlichen Punkt finden. Wenn man Glück hatte, erinnerte man sich dann noch an das Ausgangsthema.

„Wie meinst denn das jetzt?“ fragte Frank noch einmal.

Mit einem nochmaligen Blick auf Stus Skaterschuhe fügte er hinzu:

„Und könntest Du bitte endlich mal Deine Drecksfüße von meinem schweineteuren Armaturenbrett nehmen?“

Ohne der Aufforderung weiter Beachtung zu schenken, sagte Stu:

„Also da stand heute unsre Nachbarin mit meiner Mutter draußen…”

„Come on..” , unterbrach ihn Sophie, die eine lange Einleitung fürchtete.

„Jetzt wartet halt mal“, sagte Stu und fuhr fort: „Und da hab ich zufällig durch die erfahren, dass man in Jugendherbergen Zivildienst machen kann. Jetzt mal ohne Scheiß!”

Frank runzelte die Stirn.

„Ne Jugendherberge, gibt’s so was bei uns überhaupt?” fragte er.

Frank hatte eine Jugendherberge noch nie von innen gesehen, seine Eltern bezogen meist Hotels der Luxusklasse.

„Hier auf dem Berg gibt’s eine“, sagte Sophie. Stu nickte.

Frank lachte vor Freude. Er klatschte sich auf die Knie und schaukelte auf seinem Sitz so sehr hin und her, dass der Wagen auf der Straße hin- und her wippte.

„Was hältst Du davon, wenn wir da morgen mal vorbeifahren?“ fragte Stu.

Mit einem Hupen bekundete Frank, dass er mit der Idee einverstanden war.

Am nächsten Mittag waren Stu und Frank alleine im Auto. Frank brauste besagten Berg hinauf. Er wurde hin und wieder von Lichthupen entgegenkommender Autos geblendet, da er die Kurven schnitt. Schließlich konnte er nicht mehr so schnell weiter fahren, da vor ihnen ein Bus fuhr. Der Bus wurde immer langsamer und stoppte.

„Halt mal auch hier an, genau hier!“

Stu zeigte auf die Stelle, an der der Bus gestoppt hatte.

Frank riss das Steuer herum und stoppte mit der Handbremse. Das Auto kam mit einer Staubwolke auf dem Schotterparkplatz zu stehen.

Aus dem Bus stiegen Mädchen einer Schulklasse aus. Der Fahrer war gekommen und öffnete die Türen für Gepäck. Währenddessen stieg der Rest der Klasse aus.

„Wo wollen die denn hin?” fragte Frank.

Stu verließ das Auto, Frank stieg ebenfalls aus.

Vor den beiden lag der Eingang zu einer renovierten Burg, welche auf dieser Bergkuppe stand. Zur vorderen Seite mit Blick ins Tal, zur Rückseite umgeben von einem grünen Laubwald. Beide kannten diese Burg aus Kindertagen. Damals war sie jedoch verschlossen und mit „Betreten verboten. Eltern haften für ihre Kinder“-Schildern versehen gewesen. Jetzt strahlten ihre Mauern gesäubert und frisch verputzt.

Die letzten zwei Jahre hatten hier umfangreich Umbau- und Renovierungsarbeiten stattgefunden. Schaute man den Weg zurück, sah man die Straße, welche sich serpentinenartig nach unten schlängelte.

„Der Laden hier ist seit einem Jahr ne Jugendherberge”, erklärte Stu.

Frank sah ihn an.

Stu streckte beide Hände in einer Art stummer Jubelhaltung in die Luft und zeigte auf die Schulklasse, die jetzt mit Gepäck Richtung Eingang ging:

„Also wird das jetzt ne gute Zeit oder ne gute Zeit?”

Frank lachte laut, bis sein Lachen durch einen Anfall von trockenem Husten gestoppt wurde.

„Ja … Shit, ja, das wird ne gute Zeit, ne saugute“, sagte er.

Stu sog die gute Bergluft durch seine Nase ein.

„Das Leben ist gut!” stellte er fest. „Ich schau mal nach dem Namen der Herberge. Den Rest müssten wir im Internet finden“, sagte er. Er blickte Frank an: „Natürlich müssen wir uns getrennt bewerben, damit es nicht aussieht, als wollten wir eine gemeinsames Partyjahr machen.”

Stu hob ermahnend den Finger. Frank tat das gleiche. Mit: „Ja, ja!“ gab er ihm recht. Dann griff Frank in seine Hosentasche und suchte den Autoschlüssel. Er schaute auf seine Uhr:

„Ja, Mann, lass machen, doch ich muss wieder los — heute Abend noch ein Essen mit meinen Eltern um halb acht.”

Als er Stu in der Stadt absetzte sagte er: „Ok, wegen der Bewerbung schauen wir morgen in der Schule. Wir müssen schnell machen, sonst bekommt das mit der Herberge noch ein anderer raus. Ich meine die wollen doch alle Zivildienst machen. Naja bis auf Alex. Wie heißt es doch gleich? Wir sind doch ne „Pazifisten-Generation“ oder „Null-Bock-Generation“ oder was weiß ich wie man uns nennt. Ich muss es packen. See you tomorrow!” winkte er ab.

„Ja, man sieht sich“. Stu hob die Hand und winkte kurz zum Abschied.

Kapitel 2 – Das Vorstellungsgespräch

Die nächsten Tage verflogen ohne bemerkt zu werden. Aus Tagen wurden Wochen. Die ganze Klassenstufe war in den Abiturstress geraten. Und so blieb die Jugendherberge außen vor. Während der sonst eher phlegmatisch angehauchte Frank in unerwartete

Lern-Aktivität ausbrach, hatte bei Stu die ganze Abiturhysterie eher das Gegenteil zur Folge.

War er doch die letzten Jahre konstant und konzentriert am Lernen gewesen, reduzierte er das Lernpensum jetzt, wo es darauf ankam erheblich.

Er verfiel in jene Art des Grübelns, in welche wohl all diejenigen verfallen, welche über ihre Zukunft und denn Sinn des Leben nachdenken. Meist an einem Wendepunkt ihres Lebens.

Das Leben, das sie nach dem durchstrukturierten, staatlichen Ausbildungsplan erwarten sollte, erschien Stu allzu wirr.

In den letzten Tagen lief er immer öfter in den Pausen auf dem Schulhof umher und fragte jeden, der ihm in die Quere kam nach seinen Zukunftsplänen. Meistens kam eine Antwort wie:

„Hm, weiß nicht, erst mal was studieren.”

Die zweithäufigste Antwort war:

„Urlaub”.

Einige hatten eine blühende Fantasie und unrealistische Ideen für ihr eigenes Businessmodel. Und ein paar Mädels wollten nur Model werden, ohne „Business“ dazu.

Über den direkt anstehenden Dienst bei der Bundeswehr oder den Zivildienst wurde kaum geredet. Und so dauerte es sehr lange, bis Frank und Stu erfuhren, was die anderen an Zivijobs ans Land gezogen hatten.

Frank, der mit seinem Notenrettungsprogramm für das mündliche Abitur beschäftigt war, hatte keine Zeit übrig über solche Dinge nachzudenken.

Frank hatte jegliche Ausgehaktivitäten ersatzlos gestrichen. Und aufgrund dessen bekam Stu immer häufiger auf die Samstagsabendfrage: „Geht noch was?” die Antwort:

„Hm, ich weiß nicht.” — Was einem „Nein!” gleichkam.

Zwar könnte man meinem, ein junger 19jähriger, der ein Auto bereits vor dem Abitur in der Tasche hatte, würde sich zurücklehnen, doch nicht so bei Frank. Er wollte zuhause etwas vorzeigen können.

Stu verließ die Schule zügigen Schrittes an diesem Mittag. Auf dem Weg nach Hause holte Frank Stu ein.

„Sag mal, hast Du jetzt mal mehr rausbekommen über diese Herberge?”, wollte er wissen.

Stu schaute ihn an und sagte:

„Also ich war im Internet und hab deren Kontakte und alles. Lass doch einfach mal grad anrufen!”

Stu hielt Frank die ausgestreckte Hand entgegen. Mit dieser Geste wollte er Frank auffordern ihm sein Handy zu leihen.

Frank winkte müde ab. „Nee lass später machen.”

Stu reagierte genervt: „Komm, sonst wird das nie was!”

Stus Zeigefinger fing an sich schnell und fordernd zu bewegen.

„Wo ist denn Dein Handy?“ wollte Frank wissen.

Ohne auf eine Antwort zu warten, seufzte Frank und kramte schließlich sein Mobiltelefon aus der Hosentasche und gab es Stu.

Er wußte aus leidiger immer wiederkehrender Erfahrung, dass Widerstand keinen Zweck hatte. Stu würde nicht eher Ruhe geben, bis er seinen Willen hatte. Und gleich nachzugeben war meist um so viel erholsamer, als sich einen Diskussionsfight mit ihm zu liefern. Getreu dem Motto : „Der Klügere gibt nach.“

Stu war auch schon bereits beim Eingeben der Nummer. Überkonzentriert hielt er in der einen Hand das Handy, in der anderen Hand hielt er ein zerfaltetes Blatt Papier und tippte. Es war ein Ausdruck der Internetseite der Jugendherberge, wie Frank erkennen konnte.

Es verging eine Ewigkeit, bis Stu statt dem Freizeichen eine Stimme hörte. Frank hatte sich gewundert, warum das Handy nicht schon längst die Verbindung von selbst gekappt hatte.

„Ja, ja, hallo, hier ist Stu Arnold, ich wollte mich mal wegen einem Zivildienstjob erkundigen.”

Die Stimme am anderen Ende schien etwas gelangweilt und keinen erfreuten Eindruck zu machen. Mit einem nasalen hohen und undeutlichem Klangbild, gab sie immer von neuem die selbe Information preis.

„Da müssen Sie zwischen 10:30 Uhr und 12:00 Uhr anrufen. Die Herbergseltern sind nur zwischen 10:30 Uhr und 12:00 Uhr erreichbar.”

Stu hielt den Hörer etwas weiter weg, blickte angewidert mit verzogenen Augenbrauen auf das Display und fuhr dann fort:

„Oh, das ist schlecht, da haben wir, ähm also da habe ich Schule.

Kann ich die Herbergseltern irgendwann anders erreichen?”

„Sie müssen zwischen 10:30 Uhr und 12:00 Uhr anrufen”, wiederholte die Stimme.

„Am Nachmittag oder Abend gibt es gar keine Möglichkeit? Oder kann ich mal zu einem Vorstellungsgespräch direkt zu Ihnen kommen?” fragte Stu.

„Nein, Sie müssen zwischen 10:30 Uhr und 12:00 Uhr anrufen”, wiederholte die Stimme monoton.

Stu verlor die Ruhe und sprach lauter und wiederholte seine Frage:

„Oder kann ich einfach mal nachmittags vorbeikommen zu einem Vorstellungsgespräch?”

„Ich kann Ihnen nicht sagen, wann die Herbergsleitung im Hause ist”, informierte die Stimme. „Sie müssen zwischen 10:30 Uhr und 12:00 Uhr anrufen.”

„Gut, wie war ihr Name bitte noch einmal?” Stu schien zum Kampf zu rüsten.

„Herr Schwilgerer, Haustechnik und Rezeption der Jugendherberge.”

Stu hatte die Stirn in Falten gerunzelt.

„Gut, Herr Schwilgerer. Können Sie bitte den Herbergseltern eine Nachricht hinterlassen? Bitte sagen Sie, dass Stu Arnold angerufen hat und er diesen Nachmittag einmal vorbeischaut.”

„Besser ist es, wenn Sie zwischen 10:30 Uhr und 12:00 Uhr anrufen”, beharrte die Stimme von Herrn Schwilgerer.

Stu machte sich daran den Anruf zu beenden.

„Ich danke Ihnen soweit.” Stu drückte die „Auflegen“-Taste, schüttelte den Kopf und gab Frank sein Handy zurück.

„Scheint so, als hätten die da oben einen Sprung in der Schüssel“, erklärte er.

Frank zuckte nur mit den Schultern.

„Was hältst Du davon wenn wir da heute Nachmittag beide gleich mal hochfahren?“ fragte Stu.

Er deutete auf sich und sagte: „Ich gehe als erster rein und stelle mich vor und sondiere die Lage.“ Jetzt drückte er Frank den Finger auf die Brust und sagte: „Du kommst eine halbe Stunde später rein und tust so, als wolltest du dich erstmal überhaupt erkundigen.“

Frank schaute in seinen Terminkalender. „Na schön. Ich hoffe da ist wer da heute.“

Soweit der Plan. Stu war nach Hause gegangen und hatte erst einmal etwas zu Mittag gegessen und dann seinen Kleiderschrank nach seriös aussehenden Klamotten durchsucht. Er hatte sich für ein schwarz gestreiftes Jacket entschieden. Den Rest wollte er casual lassen, damit er nicht zu overdressed aussah. Sein Auftritt sollte nicht aufgesetzt wirken und so trug er unter dem Jacket eine blaue Jeans und ein oranges

T-Shirt. Er stand im Hausflur und wartete.

Frank war noch nicht zur verabredeten Uhrzeit bei Stu aufgekreuzt. Stu hatte ihn jetzt mehrfach versucht auf dem Handy zu erreichen. Nach einer vollen Stunde Wartezeit, beschloss er den Bus zur Herberge zu nehmen.

Mühsam quälte sich der alte städtische Bus die Bergkuppe herauf. Stu hatte sehr spät den Stop-Knopf gedrückt, da er sich nicht sicher war, welche Haltestelle er nehmen müsse.

Der Busfahrer schaute in den Rückspiegel. Mit einem plötzlichen Ruck kam der Bus zum Stehen.

Als sich die Türe öffnete, sprang Stu über die Stufen hinweg direkt nach draußen.

Der weiße Kies knirschte unter seinen Sohlen, als er auf die Herberge zuging.

Die jetzt schon tieferstehende Sonne warf ihre langen goldenen Strahlen auf den Hof.

Zur einen Seite hatte man das Gebäude vor sich, zur anderen Seite die Reste der Burgmauer. Diese war jedoch nicht mit renoviert worden und bröckelte vor sich hin. Weiter hinten waren von ihr nur noch grasüberwachsene Ruinenreste sichtbar.

An diese offene Stelle mündete der an eine wilde Wiese angebundene Wald an den Hof der Herberge.

Das dicke saftig grüne Naturgras wuchs herüber. Das Grün des Waldes war etwas dunkler. Es ging ein leichter Wind. Es lag ein Duft von Sommer in der Luft.

Als Stu sich umdrehte, sah er nur Berge und ein vom Dunst verschleiertes Tal.

Die Dunstglocke hing schwer über der Stadt und trübte die Sicht.

Die Eingangstüre der Herberge war eine original schwere alte Eichenholztüre. Rechts von der Tür an der Wand war ein weiß lackiertes, grün umrandetes Metallschild. Es war mit rostigen Schrauben angeschraubt. Es trug in der Mitte ein Logo der Jugendherbergen. Die über dem Wort „Herberge“ abgebildete stilisierte Tanne hatte einen Kaugummi auf die Spitze geklebt bekommen.

Stu griff nach dem massiven Messingtürgriff, um die Haupttüre zu öffnen.

Als er ihn runterdrückte, sprang die Türe mit einem Knarren auf.

Er trat ein.

Es dauerte eine ganze Weile, bis sich seine Augen an die Dunkelheit im Inneren der Herberge gewohnt hatten.

Der Fußboden bestand aus braunen Kacheln, die Wände waren in einem medizinischen Weiß gehalten. Geradeaus blickte man auf zwei Rollläden, wovon der eine geschlossen war, durch den offenen konnte man in die dahinter liegende Küche sehen. Deren giftgrünen Kacheln an der Wand waren matt von Kalk oder Fett. Zur linken Seite konnte man einen turmartigen Treppenaufgang erkennen. Ihm war eine kleine Sitzgruppe vorgelagert.

Auf der rechten Seite war ein spartanisch zusammengezimmerter Bretterverschlag zu erkennen. Eine Öffnung ebenfalls mit Rollladen versehen und Tresen dahinter verriet, dass es sich um eine Art Rezeption handeln musste.

Der Rollladen war gegen Herunterfallen mit einem Bleistift gesichert. Darüber hing ein Schild „Anmeldung”. Es war auf der einen Seite liebevoll mit einem alten Metallkettchen versehen, auf der anderen Seite mit einem wohl mit dem Schild ursprünglich mitgeliefertem Nylonfaden befestigt.

Aus der Küche kam der Geruch von Industriespülmittel.

Stu näherte sich langsam der Rezeption, bis er schließlich bemerkt wurde.

Ein Anfang zwanzig-jähriger junger Mann legte sein Buch weg und kam an den Tresen.

Er hatte verzottelte, leicht fettige Haare, eine durchgesessene Cordhose und mit Metallkappen verstärkte schwarze Lederschuhe an. Diese Schuhe waren an der Vorderkante abgeschabt, so dass am linken Schuh die Metallverstärkung herausragte.

Auf dem T-Shirt des jungen Mannes hatten sich Krümel verfangen.

„Hallo, möchtest Du einchecken?” wurde Stu gefragt.

„Nein, ich bin hergekommen, um wegen dem Zivildienst nachzufragen. Ich hatte heute morgen angerufen und mit so einem Herrn Schwilgel telefoniert. Der wollte auch was aufschreiben.”

„Der Herr Schwilgerer? Nein, der schreibt grundsätzlich nichts auf“, antwortete der Junge und fuhr fort:

„Er ist der Meinung, wenn jemand reservieren möchte oder sonst etwas von den Herbergseltern möchte, kann er ja zwischen 10:30 Uhr und 12:00 Uhr anrufen. Das sind deren Bürozeiten. Ganze eineinhalb Stunden pro Tag, in denen man reservieren kann. Das geht zwar auch schriftlich oder per Fax, wird dann aber meistens langsam bearbeitet, so dass die Leute bei kurzfristiger Planung keine Chance haben. Und gegen e-mail hat der Chef was.”

Stu schaute sein Gegenüber nach so viel unerwarteter Information schweigend an. Auch Stu wurde gemustert. Nach einer kurzen Pause fuhr der Junge fort:

„So, Zivildienst willst Du hier machen? Den mache ich auch grade hier!”

Stus Blick flog über die Halle.

„Ist gerade nicht wirklich viel los hier.”

„Ja”, sagte der Zivildienstleistende, „im Moment ist das Haus noch nicht ganz fertig.”

„Ach, echt?” fragte Stu erstaunt. „Sieht doch schon ganz fertig aus!”

„Nein, wenn Du auf die Rückseite gehen würdest, könntest Du da noch Baugerüste sehen, der zweite Stock wird noch entkernt und man kann nur den ersten belegen. Neulich war mal ne größere Schulklasse da, da war das bisschen Kapazität, was das Haus im Moment hat, komplett ausgeschöpft. Da hat der Chef dann auch zwischen 10:30 und 12:00 Uhr das Telefon nicht mehr abgenommen“, berichtete der Junge ohne eine Pause zu machen.

Stu unterbrach ihn mit:

„Ähm, sag mal kannst Du mal bitte schauen, ob die Herbergseltern da sind? Und wenn ja, würde ich gerne mal kurz „Hallo“ sagen. Stu Arnold mein Name.“

„Klar”, meinte der Zivildienstleistende. Er nahm das Telefon schaute auf eine mit Tesafilm an die Wand geheftete Liste und tippte eine Kurzwahlnummer ein. Dann klemmte er sich den Hörer zwischen Ohr und Schulter.

„Die sind abends oft im Fitnessstudio, müssen mal schauen, ob wir Glück haben… Aber ah, jetzt ja… Hallo Frau Schröder, hier Herr Kräftig von der Rezeption. Hier ist ein Herr Arnold und er möchte mal mit ihnen wegen Zivildienst sprechen. Er hat wohl heute angerufen.” Es entstand eine längere Pause, nach welcher Herr Kräftig, ohne ein weiteres Wort zu wechseln, einfach auflegte.

„Ja sie kommt”, sagte er.

Durch das Fenster konnte Stu sehen, dass ein Wind aufzog. Die Tannen begannen ihre Wipfel zu neigen.

Kurz darauf ging eine neben der Küche liegende kleine Türe auf.

Eine zirka vierzig Jahre alte Frau mit rot gefärbten Haaren stand auf der Schwelle.

„Hallo. Sie sind Herr Arnold. Und Zivildienst möchten Sie bei uns ableisten, Herr Arnold?”, sagte sie mit lauter Stimme.

Stu ging einen Schritt auf sie zu und nickte mit dem Kopf. Sie zuckte nervös mit den Augen und sagte:

„Aha, wie sind Sie denn da auf uns gekommen?”

Stu streckte ihr zur Begrüßung die Hand entgegen. Hierauf kam sie schließlich ganz aus ihrer Türe raus und schüttelte kurz seine Hand.

„Gut, dann gehen wir mal in mein Büro.” Sie drehte sich um und verwies auf die Türe.

Stu folgte ihr. Hinter der Türe ging eine steile Treppe zu einer Seite nach unten, zur anderen Seite genau so steil nach oben. Frau Schröder ging die Treppe vorweg nach oben. Der Aufgang war nicht sonderlich gut beleuchtet, jedoch hatte Stu aufgrund ihrer knallroten Haare keinerlei Probleme sie aus den Augen zu verlieren. Abwechselnd auf die engen Stufen, abwechselnd auf den roten Leuchtturm schauend stieg Stu mit ihr nach oben.

Der Aufgang endete bald in einem kleinen Vorraum, in welchem Bretter an der Wand abgestellt waren. Hinter einer Türe befand sich ihr Büro.

Ein kleines Turmzimmer mit einem selbst für dieses Zimmer zu kleinem schmalen Fenster.

In der Mitte stand ein weiß gelackter Tisch, wie er in jeder Schule steht, dazu ein alter Holzstuhl.

Am Fenster stand ein Computertisch mit Computer und schnurlosem Telefon darauf.

Auf der anderen Seite des Raumes stand noch ein PC auf einem Tisch. Es schienen zwei Personen in diesem Büro zu arbeiten.

Frau Schröder schloss die Türe hinter ihnen. Sie bot Stu den alten Holzstuhl an, der an dem Tisch in der Mitte stand, und zog umständlich den gasgefederten Stuhl des Computertisches als zweite Sitzmöglichkeit für sich selbst heran.

Stu nahm Platz. Sie blieb erst stehen, blinzelte nervös und nahm dann selbst Platz.

„Ich bin die Frau Schröder, die Herbergsmutter. Ich und mein Mann, Herr Schröder, leiten die Jugendherberge, seit dem sie hier in der Burg eröffnet wurde.”

Frau Schröder sprach sehr bedacht, als müsse sie sich unheimlich konzentrieren, um nichts Falsches zu sagen.

„Herr Schröder und ich, wir haben auch schon eine andere Jugendherberge vorher geleitet.“

Sie wirkte irritiert und musterte Stu.

„Herr Arnold, wie sind Sie auf unser Haus gekommen?“, wollte sie wissen.

Stu überlegte kurz und antwortete dann:

„Nun ja, man kann ja hier Zivildienst machen, wie ich hörte und gesehen habe.“

Frau Schröder nickte kurz und sagte:

„Aha Zivildienst. Ja, aber es ist üblich, dass wir die Zivildienstleistenden vom Verband bekommen. Vom Verband bekommen wir normalerweise die Zivildienstleistenden“, wiederholte sie.

Frau Schröder bekam einen Anfall von heftigem aufeinanderfolgendem Schließen und Öffnen der Augenlider.

„Ach ja, so ist das, aber sie haben Zivildienststellen frei?”, hakte Stu nach.

Es entstand eine Pause.

„Ja, für Juli brauchen mein Mann und ich wieder Zivildienstleistende. Für Juli brauchen wir wieder Zivildienstleistende.“ Frau Schröder schaute zur Decke und sagte:

„Im Moment bauen wir ja gerade noch. Es ist also ein großes Projekt im Gange.

Dieses Haus wird vom Herbergsverband ausgebaut.“

Sie holte Luft, schaute Stu prüfend an und fuhr fort:

„Wissen Sie, was der Herbergsverband ist, Herr Arnold? Wissen Sie, was der Herbergsverband ist? Der Herbergsverband ist der Hauptverband aller Jugendherbergen in Deutschland!”

Stu antwortete kurz und trocken mit „Ja”. Frau Schröder, welche gerade ausholen wollte, um weitere Informationen über den Verband preiszugeben, schaute etwas pikiert.

Ihre Mundwinkel gingen kurz nach unten. Dann schaute sie nachdenklich und sagte:

“Wenn dieser Bau fertig ist und es mehr Zimmer gibt, dann brauchen wir Zivildienstleistende für die einzelnen Schichten. Aber erst wenn der Bau fertig ist, dann haben wir mehr Zimmer.”

Stu biss sich auf die Unterlippe. Mist! Im Juli schon dachte er. Da wollten Frank und er doch den großen Partyurlaub nach dem Abitur auf Mallorca am Ballermann machen.

Darüber hatten sie schon so oft gesprochen, als wäre es fest gebucht. Während er sich weiter auf die Lippe biss, fragt Frau Schröder:

„Was haben Sie vorher gemacht, Herr Arnold? Haben Sie vorher etwas gemacht?”

Stu sagte mit ruhiger Stimme:

„Nun, ich mache gerade Abitur, ich wohne 5 km von hier und …”

Er begann einen langen Vortrag über seinen Lebenslauf. Die Art und Weise, wie man wirken musste, war schon seit Ewigkeiten von ihm immer wieder an Lehrern, Eltern und der sonstigen Erwachsenenwelt erprobt und verfeinert worden.

Sein Vortrag war in gehobenerer Sprache als jene, welche Stu in der Schule jemals wagen würde zu verwenden. Alles war darauf konzipiert, Eindruck zu schinden — gemäß dem Motto: „You never get a second chance to make a first impression!“

Frau Schröder war einem zirka 7 bis 10 minütigem Dauerwortbeschuss ausgesetzt, bis Stu eine Pause einlegte.

Es herrschte Schweigen in dem Raum.

Stu blickte zu Frau Schröder rüber, denn er erwartete jetzt Fragen.

Doch es blieb still. Frau Schröder klimperte nur erneut mit den Augenlidern und sagte:

„Aha.” Und als ob alles gesagt und entschieden wäre, fügte sie hinzu:

„Ja dann muss ich das noch beim Herbergsverband und beim Bundesamt für Zivildienst einreichen.”

Stu blickte verdutzt. Das war ja zu einfach gewesen.

„Ah, dann haben Sie sich also schon entschieden? Soll ich Ihnen meine Adresse und Telefonnummer da lassen?”

Frau Schröder schaute erfreut.

„Ja, das wäre eine gute Idee, damit ich dann was über Sie habe“, sagte sie.

Während sich Stu noch über diese Frau wunderte, sich andererseits aber über die neu errungene Zivildienststelle freute, ging die Türe auf und ein älterer Herr mit aschfahler Gesichtsfarbe und grimmigem Ausdruck kam herein.

Er hatte Übergewicht und sein Bauch hing über seinen Gürtel hinüber.

Dies musste also dann Herr Schröder sein.

Stu stand auf, um ihm die Hand zu reichen. Herr Schröder war jedoch bereits an ihm vorbeimarschiert und kramte in einer Schulbade des Computertisches.

Er fand schließlich ein Blatt, zog es heraus und bewegte sich schnurstracks wieder Richtung Türe.

„Das ist Herr Arnold, unser neuer Zivildienstleistender, ab Juli!”, rief ihm seine Frau hinterher.

Herr Schröder gab ein „Hm“ von sich und ging aus dem Raum.

Frau Schröder sagte nichts weiter und begleitete Stu zurück Richtung Treppe zur Eingangshalle.

Wieder unten in der Halle angekommen, musste Stu beim Blick durch die Fenster genervt einen Wetterumschwung feststellen. Draußen hatte ein heftiger Regen eingesetzt. Die Tropfen prasselten auf den Boden und der Wind peitschte durch das Gras. Ein richtig gescheites Sommergewitter.

„Nur schön, dass ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln da bin“, dachte Stu.

Draußen war ein Taxi vorgefahren. Es brachte jemanden zur Herberge. Vielleicht konnte Stu ja dieses Taxi noch abpassen und damit zurück in die Stadt fahren.

Er ging Richtung Türe. In diesem Moment wurde die Türe aufgerissen.

Frank trat ein.

Die Wasserlachen, welche seine Schuhe auf dem Steinboden der Halle hinterließen, ließen darauf schließen, dass draußen wirklich hohe Luftfeuchtigkeit vorherrschte.

„Was geht?“ fragte Stu.

„Das Cabrio hat gebrannt“, antwortete Frank wortkarg.

Er schien außer Atem zu sein.

Er versuchte sich in der Halle der Herberge zu orientieren. Er entdeckte schließlich auch die Rezeption. Er bewegte sich langsam darauf zu.

Währenddessen tropfte unaufhörlich Wasser von seinen schwarzen Haaren.

„Wie ist denn das passiert?“ wollte Stu wissen.

Frank fuhr sich durchs Haar und schüttelte Wassertropfen von seiner Hand ab.

„Nun, ich war auf der großen Hauptstraße stadteinwärts an der Ampel direkt da, wo die Landstraße einmündet und wartete auf Grün, als es plötzlich verschmort roch“, erklärte er.

„Und was ist dann geschehen?”, fragte Stu, „Dir ist aber nichts passiert?”

„Nein.“ Frank strich sich noch mehr Wasser von den Haaren und erzählte weiter:

„Aus der Motorhaube kam Sekunden später schwarzer Rauch.”

Stu schaute besorgt. Der Grund hierfür war — Er machte sich bereits Sorgen um die vielen Anreisen zur Herberge. Es würde beschwerlich werden, sollte sich der Automobilbesitz von Frank durch einen Totalschaden des Motors erledigt haben.

„Toll, jetzt hast Du das Geschenk Deines Vaters verbrannt!” sagte er.

„Nein”, Frank blickte genervt und erzählte:

„Ich habe den Wagen dann erst mal rechts rangefahren.”

„Und er ist nicht hinüber?“, vergewisserte sich Stu.

„Ich habe dann erst mal meinen Vater auf dem Handy angerufen und der hat den Abschleppdienst gerufen. Der hat gemeint, es ist vielleicht was mit den Schläuchen. Und die Werkstatt will heute Abend anrufen und sagen, was es war.”

„Und wie hat deine Mutter auf die Nachricht reagiert?”, wollte Stu wissen.

„Flüchtig, sie ist geflüchtet“, grinste Frank jetzt wieder. „Ja, die hab ich nur kurz angerufen und gesagt, dass der Wagen defekt ist. Und auch, dass ich später zum Abendessen komme. Von dem Feuer hab ich gar nichts erwähnt, sonst ist eh nur wieder Stress am Start“, erklärte er.

„Dumme Sache mit der Karre!“ sagte Stu.

„Ich hoffe, die Büchse läuft bald wieder“, sagte er mit Nachdruck.

„Also gut, was muss ich machen? Wie läuft das hier?“ fragte Frank, sich weiter umschauend.

Stu erklärte Frank den Weg über die Rezeption bis in Frau Schröders Büro. Abermals wurde Frau Schröder angerufen. Ganz spontan versteht sich. Frau Schröder kam um Frank abzuholen. Stu stand bei dem Zivildienstleistenden, den man jetzt ja unter dem Namen „Herr Kräftig“ kannte und unterhielt sich mit ihm.

Frau Schröder sah, dass Stu noch da war und rief ihm zu:

„Möchten Sie nicht noch dem Herrn Kräftig Fragen stellen, wie der Zivildienst so ist und was Sie machen müssen? Herr Kräftig, der Zivildienstleistende. Unser Haustechniker und Rezeptionist, Herr Schwilgerer ist leider nicht im Hause!“ Sie schaute Stu kurz an und wiederholte:

„Herr Schwilgerer ist nicht mehr im Hause, der Rezeptionist und Haustechniker!”

Stu versuchte zu entkommen. Er schaute auf seine Uhr und antwortete:

„Also ich kann die Fragen sicherlich auch ein andermal stellen.”

Frau Schröder zeigte sich so enttäuscht, dass Stu schließlich einwilligte.

Sie wandte sich Herrn Kräftig zu und sagte:

„Dies ist Herr Arnold, Herr Kräftig. Herr Arnold will Zivildienst machen.“

„Weiß ich alles schon“, sagte Herr Kräftig.

„Ach ja Sie haben sich schon bekannt gemacht? Das ist ja schön!“ sagte Frau Schröder und fuhr fort:

„Herr Kräftig, zeigen Sie Herrn Arnold doch bitte das Haus und beantworten Sie seine Fragen. Ja?“

Jetzt wandet sie sich wieder Stu zu:

„Herr Arnold, Herr Kräftig wird ihre Fragen beantworten, gell Herr Kräftig?“ Sie drehte sich wieder zu Herrn Kräftig. „Und Führen Sie Herrn Arnold bitte noch herum, Herr Kräftig!“

Sie schaute Stu an:

„Auf Wiedersehen Herr Arnold! Herr Kräftig führt Sie herum.”

„Auf Wiedersehen, Frau Schröder”, sagte Stu. Frau Schröder schaute jetzt auch auf die Uhr.

„Also jetzt muss ich aber auch bald los Abendessen machen, sonst wird der Herr Schröder böse. Tschüss und Herr Kräftig, gell zeigen Sie ihm das Haus!”

Sie nahm Frank mit sich. Von weitem hörte man sie zu Frank noch sagen:

„Solch ein Sauwetter auf einmal. Da sind Sie ja ganz nass geworden. So etwas!“

Frau Schröder verschwand mit Frank zu dessen Vorstellungsgespräch in der kleinen Türe neben der Küche, aus der sie gekommen war.

„Ist sie immer so?” fragt Stu.

Herr Kräftig meinte: „Ach ja. Es kommt auf die Tagesform an, also ja.”

Stu betrachtete ihn. Seine Körperstatur passte zu seinem Nachnamen. „Kräftig“. Der Zivildienstleistende machte dem vorurteilsbehafteten Stereotypen eines Zivildienstleistenden alle Ehre. Er wirkte wie ein „Müsli essender Zivi“, der etwas ungepflegt, nichtstuend den ganzen Tag herumhängt.

„Können wir bitte diese dämliche Hausführungsgeschichte hinter uns bringen, ich muss wirklich los!“, meinte Stu.

„Wieso bisch mit dem Bus gekommen?” wunderte sich Herr Kräftig.

„Also mein Vater ist noch lange bei der Arbeit und braucht das Auto. Meine Mutter hat auch ein Auto, geht aber heute auf ein Konzert und die Kiste von einem Freund ist heute Nachmittag abgefackelt, da blieb nur der Bus“, erklärte Stu.

„Wieso, was macht denn Dein Vater?”

„Der ist bei den US-Truppen und seit ner Ewigkeit in Deutschland stationiert. Ein Ami. Deshalb auch mein Name Stu, Kurzform Stuard und Arnold auch amerikanisch, könnte aber auch deutsch sein. Ich aber bin in Deutschland geboren, war nur ein paar Mal kurz als Urlauber in den USA”, erklärte Stu.

„Ach und da machst Du Zivildienst, wenn Dein Vater beim Militär ist?”, fragte Herr Kräftig verwundert. Er lachte verächtlich.