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Dolf Mehring begibt sich in seinem Buch auf einen Beobachterposten, um aktuelle und historische Begebenheiten an sich vorbeiziehen zu lassen. Dabei sind Personen, witzige und sehr ernste Ereignisse im Blick, die nicht in Geschichtsbüchern zu finden sind.
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Seitenzahl: 103
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Rund um den Wachturm
behielten die Fürsten den Überblick.
Viele Frauen kamen und gingen,
auch ihre barfüßigen Diener.
Draußen in der Ferne jaulte eine Wildkatze,
zwei Reiter näherten sich
und der Wind begann zu heulen.
(Aus dem song "All along the watchtower" von Bob Dylan)
Vorwort
Abseits der Gemengelage Teil I
Aus den Erzählungen meiner Mutter
Aleppo war gestern hier
Ein neues Leben mitten im Krieg
Eduard, der Pole
Pawel (Paul) und Raya Denissova
Der Massenmarsch von Häftlingen…
Das Kriegsende in Oesdorf
Der schwere Abschied
Abseits der Gemengelage Teil II
Haarscharf
Caro ASS
Abflüge
Wer schön sein will, muss leiden
Abseits der Gemengelage Teil III
Caesar
Im Morast des Realsozialismus
Die Erschütterung
Abseits der Gemengelage Teil IV
Die folgenden Erzählungen habe ich nicht nacheinander geschrieben. Sie sind im Laufe der letzten Jahre seit 1998 entstanden und schildern Ereignisse und Begebenheiten, die ich nicht der Vergessenheit preisgeben wollte. Zum Teil hatte ich sie bereits in drei kleinen Heftchen zusammengestellt, die aber lediglich für den Freundeskreis bestimmt waren. Die Resonanz ermutigte mich, weiter zu schreiben. Leider ließ mir die allgemeine Gemengelage dann doch kaum Zeit, mich in der notwendigen Muße an meinen Schreibtisch zu setzen, um etwas zu Papier zu bringen. Denn Schreiben und Malen ist anders als zum Beispiel Gitarre spielen bei mir nicht möglich, wenn ich nicht ein gewisses Maß an Ruhe gefunden habe. Diese Ruhe ist ein wirklich knappes Gut.
Dann wurde ich dazu ermuntert, aus dem Fundus meiner Erzählungen Lesungen zu gestalten. Das war für mich Ansporn, einigen meiner Erzählungen einen neuen Rahmen zu geben. Denn zeitgleich hatte ich das tiefe innere Bedürfnis, mich der schwierigen Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen.
Die aktuelle Gemengelage, die Hektik des Alltags, hält uns in der Regel davon ab, inne zu halten und auch nur einzigen Gedanken darauf zu verschwenden, warum das Leben so spielt, wie es spielt. Und warum bin ich eigentlich dabei? Hier, jetzt und in dieser Zeit?
Wenn man es zulässt, diese existenziellen Fragen zu stellen, wird man sich unweigerlich auf eine Spurensuche des eigenen Lebens begeben. Dies gelingt nur „Abseits der Gemengelage“. Und plötzlich werden längst verschüttete Erinnerungen wieder wach, einzelne Puzzlesteine des Lebens, die doch zusammengenommen ein ganzes Bild ergeben, auf dem Antworten sichtbar werden.
Viele meiner in sich abgeschlossenen Kurzgeschichten sind solche Puzzlesteine. Sie handeln von Menschen, deren Leben sich nicht in Geschichtsbüchern findet. Dennoch haben sie auf ihre Art und durch ihr konkretes Handeln dafür gesorgt, das Leben für Andere besser, erträglicher und schöner zu machen, auch wenn das im Einzelfall durchaus lebensgefährlich war. Andererseits spiegeln sie Situationen, die rückblickend gesehen in einem völlig anderen Licht erscheinen.
Damit diese Puzzlesteine ein Gesamtbild ergeben, habe ich sie gerahmt. Ein Bilderrahmen setzt sich in der Regel aus vier Teilen zusammen. Nicht zufällig besteht deshalb die Rahmengeschichte dieses Buches „Abseits der Gemengelage“ ebenfalls aus vier einzelnen Teilen (I- IV). Ich freue mich, wenn das so entstandene Werk auch als Einladung und Anregung verstanden wird, über sich und die Welt in der wir leben, nachzudenken. Ebenso wünsche ich mir, dass das Lesen dieses Buches ganz schlicht Spaß und Freude bereitet.
Dolf Mehring
Geschafft. Sitze in der S-Bahn, bin froh, dass ich inzwischen das VRR – Bären -Ticket und damit den Zutritt zur 1. Klasse habe. Da sitzt man in einem kleinen Abteil und kann noch mal ungestört die Mails checken, bevor der Tag im Büro beginnt.
Mist: 22 neue Mails in der Box – und das, obwohl ich gestern Abend noch alles bearbeitet hatte.
Fluch der Technik.
So toll ich die Möglichkeit finde, wichtige Informationen per E-Mail auszutauschen.... Mittlerweile geht es mir zunehmend auf den Keks, mit welchen Infos ich zugeschüttet werde. Wer soll das alles lesen, verarbeiten oder begreifen?
Besonders „schön“ finde ich Anhänge an Mails, die gleich das ganze Volumen der Mailbox sprengen, sich gar nicht erst hochladen lassen und damit das Postfach blockieren.
Ich gucke aus dem Zugfenster, die S-Bahn durchquert gerade den Bärenbruch in Castrop-Rauxel. Links und rechts morastiger Emschersumpf am Bahndamm. Brackwasser zwischen den Bäumen. Wahrscheinlich haben die Römer schon diesen Sumpf verflucht oder weiträumig umgangen.
Castrop: 25 Jahre ist es her, als ich dort in der Stadtverwaltung anfing, mit dem Computer zu arbeiten. Kaum einer hatte einen. Ich habe mir einen abgelegten Atari mit ins Büro genommen, um besser arbeiten zu können, Texte zu schreiben, Programme zu gestalten… E-Mails? Ein Fremdwort, das es im gebräuchlichen Wortschatz nicht gab.
Die gesamte analoge Tagespost befand sich in einem persönlichen Fach des Postschrankes und wartete darauf, bearbeitet zu werden.
Briefe von Bürgern waren schnell bearbeitet, wenn sie nach 14 Tagen eine Antwort erhielten – per analoger Post natürlich.
Heute schickt der Bürger seine E-Mail in den Orbit und erwartet möglichst sofort eine Antwort....
Die digitale Arbeitswelt ist Fluch und Segen zugleich. Toll, wenn man mal eben eine Info austauschen kann. Doch: das große Räderwerk dreht sich schneller und schneller. Und manchmal fühle ich mich wie Charlie Chaplin in seinem Film „Moderne Zeiten“. Nur stehe ich nicht wie er mit seinem riesigen Schraubenschlüssel am Fließband und die Zahnräder drehen und drehen... die unerbittliche moderne Maschine fesselt den Menschen magisch an Handy, iPad und PC.
Im grausamen Takt der digitalen Maschine sind wir die neuen Sklaven. Zwanghaft ausgeliefert – wer nicht mitmacht ist raus!
Also mithalten, atemlos, ohne Pause! Dem unerbittlichen Takt hinterher .... hechelnd, neue Nachrichten, Twitter, Meinungen, Fake News, Wahrheit, Unwahrheit, weiter, antworten, die virtuelle Fangemeinde wartet, Gefällt mir... gefällt mir... gefällt mir... teilen... teilen... teilen.
Produktivität! Rauf damit! Effizienzsteigerungen! So leben wir.
Gierend nach mehr Leistungen, Produkten, Gütern, Diensten ...
Mehr, mehr... schneller .... weiter .... größer! Mehr, immer mehr.
Aus meinem 1. Klasse Abteil sehe ich in die volle S-Bahn. Ein privilegierter Blick!
Lachende Studentinnen in der einen Sitzgruppe, in der anderen müde Gesichter,
90 % der Fahrgäste glotzen in ihr Handy.
Zeitungsleser? Eine aussterbende Spezies.
Schleichende Veränderung. Radikal. Grundsätzlich.
Die Welt außer Rand und Band.
Was geht hier vor?
Wo sind die alten Träume geblieben?
35 Stunden Woche bei vollem Lohnausgleich?
Bessere Verteilung der Arbeit – das war die gewerkschaftliche Zukunftsvision der modernen Gesellschaft.
Ausgeträumt!
Geblieben ist die Erinnerung an ein Plakat mit der großen 35. Aus der Zeit gefallen – allein schon der Gedanke an diese Forderung, für die organisierte Menschenmassen auf die Straßen gezogen sind: weltfremd.
Irreales aus dem Reich der Phantasie. Märchenstunde. Kaum eine Erinnerung wert.
Unsere Realität: klar strukturiert, getaktet. Gefühle: störend, Mitgefühl: Schwäche, Träume sind Zeitfresser und Schnee von gestern. Auch die Geschichte von der 35 Stunden Woche ist Geschichte.
Und soll dort bleiben. Eingemauert im Zeitfenster der achtziger Jahre.
Der Schalter ist umgelegt! Wann ist es geschehen? Wer hat das getan? Mit welchem Sinn und welchem Ziel?
Full Speed!
Die Maschine läuft in aberwitzigen Tempo... mehr arbeiten, an Wochenenden, Feiertagen, Abenden, frühmorgens, nachts.
Keine Zeit für nichts.
Die Inseln des Glücks werden kleiner, saufen ab. Sie trudeln wie die letzten Eisbären auf ihrer von der globalen Erwärmung immer kleiner werdenden Eisscholle.
Während der Meeresspiegel steigt, werden ganze Städte angezündet und verfeuert.
Wir sehen dem Schauspiel tatenlos zu.
Verrückte triumphieren als Wahlsieger. Sie säen Mauern und Zäune in Herzen und Köpfe. Sie lassen Nato - Drahtzäune quer durch Europa legen, in der nicht nur die Wildtiere elendig verbluten, sondern auch die Hoffnungen von Menschen, die an ein menschliches Europa glaubten.
Die Vernunft ist auf der Verliererstraße eingekesselt von Fanatikern aller Spielarten. Sie spucken auf sie, verachten sie.
Sie lachen zynisch und höhnisch, während sie in der einen Hand einen abgeschnittenen Kopf hochhalten und in der anderen ein Maschinengewehr.
Wir sehen erschrocken zu, verdrängen die schrecklichen Bilder von Bomben, Morden, Fanatikern, Brandstiftern. Wir lassen es in unserem Kopf nicht zu – denn wir wollen unsere kleine gemütliche Welt retten.
Und optimieren, konzentrieren, liberalisieren, privatisieren, konsumieren... weiter, weiter, immer weiter, als sei nichts geschehen. Jeden Tag arbeiten wir daran, diese unsere immer kleiner werdende Welt noch perfekter zu machen. Und alles läuft wie geschmiert.
Im Mainstream
mutiert der Gutmensch zum vertrottelten Irren,
wird aus oben unten,
bedeutet Sicherheit Restriktion.
Leinen los, die Fesseln gelöst, hinein in den grenzenlosen Raubbau der in Millionen von Jahren gewachsenen Erdschätze.
Edle Köstlichkeiten, Metalle und Hölzer. Alles nur vom Feinsten. Für uns, für mich, nur für mich, für mich allein, ganz allein.
In maßloser Gier wird der Reichtum der Erde verfressen, abgeholzt, verfeuert, geschreddert, vergeudet, ausgebeutet. Wir hinterlassen vergiftete Seen, verstrahlte Landschaften, vermüllte Meere.
In den wenigen Augenblicken, in denen uns das alles bewusst wird, schämen wir uns. Ein wenig.
Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
Denn wir leben ja nur einmal. Wem nutzt es, wenn wir verzweifeln, den Verstand verlieren, Irre werden?
Ich habe mich auf die Suche begeben.
Ich will wissen, warum wir so sind wie wir sind? Was für ein Spiel hier gespielt wird, mit Dir, mit mir. Warum bin ich dabei?
Gibt es eine tiefere Logik?
Ich glaube daran und möchte sie finden! Ich werde fündig - davon bin ich überzeugt.
Im Wind geformte Landschaft aus Sandkörnern
Mit zunehmenden Alter hat meine Mutter angefangen, Geschichten aus ihrem Leben zu erzählen oder aufzuschreiben. Die nachfolgenden Episoden aus ihrem Leben während des zweiten Weltkrieges 1939 – 1945 in der Großstadt Bochum und dem kleinen Dorf Oesdorf habe ich aufgezeichnet und niedergeschrieben. Ergänzungen habe ich nur vorgenommen, um das Ganze historisch richtig einzuordnen. Die hier wieder gegebenen Erlebnisse meiner Mutter beleuchten die Geschichte aus dem Blickwinkel einer damaligen Teenagerin...
in Erinnerung an meinen Opa, Anton Hansmann
Meine Mutter Marianne Hansmann wurde am 12.12.1930 in Bochum geboren. Sie war das zweite Kind des Ehepaares Anton und Johanna Hansmann. Ihr Vater – also mein Großvater - kam gebürtig aus Oesdorf, einem kleinen Dorf am Rande des Sauerlandes – heute ein Ortsteil von Marsberg.
Anton Hansmann war zunächst bei der Reichsbahn als Bremser beschäftigt und arbeitete auf den Zügen, die zwischen Warburg und Bestwig verkehrten. Nach dem ersten Weltkrieg wurde im Güterzugverkehr nach und nach die Kunze-Knorr-Bremse eingeführt.
Dadurch verloren die Bremser ihren Job. Auch Anton wurde arbeitslos. Was tun? Anton Hansmann machte sich auf ins Ruhrgebiet nach Bochum. Dort lebten und arbeiteten bereits weitere Oesdorfer, die ihr Glück in der von Bergbau und Stahlindustrie geprägten Stadt gesucht hatten. Anton fand zunächst für kurze Zeit Arbeit auf der Rombacher Hütte in Bochum – Weitmar. In den schweren Zeiten der Weltwirtschaftskrise hatte er Glück und bekam dann einen zwar schlecht bezahlten, dafür aber fast krisensicheren Job als Arbeiter bei den Stadtwerken Bochum.
Mit den Kindern Franz (geb. 1928) und Marianne wohnten die Eheleute auf der Blücherstraße 3 (heute Stühmeyerstraße 3), mitten im Zentrum von Bochum, dem sogenannten Gleisdreieck.
Der Ausbruch des zweiten Weltkrieges veränderte im Leben der Familie nicht viel. Der Krieg fand ja zunächst nicht auf deutschem Boden statt, sondern in den von Adolf Hitler überfallenen Ländern Polen, Niederlande, Belgien und Frankreich. Bomben fielen im ersten Kriegsjahr nicht auf Deutschland. Görings Luftwaffe brachte allerdings schon Tod und Leid über europäische Städte: Was am 26.04.1937 (also vor Beginn des zweiten Weltkrieges) mit der Bombardierung der baskischen Stadt Guernica (Spanien) durch die deutsche Luftwaffe begann, wurde nun im großen Stil in Warschau (Polen), Coventry und London (England) fortgesetzt.
Die deutsche Luftwaffe wollte vor allem England durch Angriffsterror aus der Luft in die Knie zwingen. Die Engländer beugten sich diesem Terror nicht.
Im Gegenteil: Gemeinsam mit den inzwischen in den Krieg eingetretenen US - Amerikanern (Dezember 1941) wurde nun der Luftkrieg nach Deutschland getragen. In den deutschen Städten wurde die Lage jetzt auch für die Zivilbevölkerung lebensbedrohlich. Gab es zunächst ab 1940 nur einzelne Bombenangriffe, so wurden diese ab Ende 1941 erheblich ausgeweitet. Mit riesigen Bomberverbänden flogen Briten und Amerikaner Angriff für Angriff und legten Stadt um Stadt in Schutt und Asche. Die deutsche Luftwaffe hatte dem immer weniger entgegenzusetzen. Als Industriestadt mitten im Ruhrgebiet war auch Bochum ein wichtiges Ziel für die Bomberverbände.
Anton und Johanna Hansmann sorgten sich zunehmend um ihr eigenes
