Absinthe - Die Wiederkehr der Grünen Fee -  - E-Book

Absinthe - Die Wiederkehr der Grünen Fee E-Book

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Beschreibung

Im 18. Jahrhundert im Val-de-Travers (Neuenburg, CH) entdeckt, wurde Absinthe bald zum Modegetränk der Pariser Boheme und gelangte zu Weltruhm - bis die Grüne Fee Anfang des 20. Jahrhunderts in den meisten Ländern Europas verboten wurde und beinahe 100 Jahre im Untergrund überlebte. Dieses Buch zeichnet die Geschichte dieses "magischen" Getränkes nach: von seinem Ursprung als Gesundheitselixier über die Bedeutung als Kultgetränk und "Treibstoff" des Fin de Siecle und seiner Künstler - bis hin zum Verbot und den Mythen und Legenden, die bis heute erzählt werden. Und die dafür gesorgt haben, dass Absinthe - erst seit Kurzem wieder legalisiert - innert Kürze zu einem Szenedrink mit Kultstatus geworden ist.

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Seitenzahl: 81

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Absinthe Die Wiederkehr der Grünen Fee

Dieses Exemplar der limitierten und nummerierten Sonderausgabe trägt die Nummer

___________/500

Die Areuse zwischen Môtiers und Boveresse, Val-de-Travers, 2006

Impressum

Verlegt durch:

NACHTSCHATTEN VERLAG AG

Kronengasse 11 CH-4502 Solothurn Tel: 0041 32 621 89 49 Fax: 0041 32 621 89 47 [email protected] www.nachtschatten.ch

© 2006 bei den Autoren

© 2006 beim Nachtschatten Verlag, Solothurn

© Fotos bei Sven Sannwald, Solothurn Die restlichen Bilder, wenn nicht anders vermerkt, stammen aus den Archiven der Autoren.

Umschlaggestaltung und Layout: Sven Sannwald, Solothurn

Lektorat: Christoph Heyn, Hannover

Korrektur: Barbara Blankart, Solothurn; Nina Seiler, Zürich

Druck: Druckerei Uhl, Radolfzell

Printed in Germany

eISBN 978-3-0378-8216-0

Alle Rechte des Nachdrucks vorbehalten und ohne Genehmigung des Verlages nicht gestattet.

Gewidmet Charles Henri Comte 15.8.1889–28.1.1973 dem fahrenden Absinthe-Händler aus dem Jura und Grossvater von Roger Charles Liggenstorfer

Charles Henri Comte und sein Messerschmidt, mit dem er die Restaurants im Jura mit Absinthe belieferte

Inhaltsverzeichnis

CoverAbsinthe Die Wiederkehr der Grünen FeeTitelImpressumVorwortGeschichte des Wermuts – Von der Antike bis zum MittelalterEin Geschenk an die GötterÜberwindung der BitternisDer Ursprung des AbsintheAbsinthe als Treibstoff der ModerneDer Weg zur ProhibitionMord im WaadtlandDie unheilige AllianzDiskriminierung AndersdenkenderZauberhaftes aus dem Val-de-TraversDie Quelle im WaldMagische OrteDie Grüne FeeJäger-MärchenDie Wiederbelebung der Grünen FeeWiederbelebung und ChancenDie Schweiz zieht nachDas Mitterand-SouffléAufhebung der Prohibition - Ein Jahr danachThujon – gefährlicher Wirkstoff oder kreativer Antrieb?Trinkrituale und ZubehörDie Grüne StundeDie traditionellen Methoden aus der Schweiz und FrankreichDas böhmische RitualRussisches TrinkritualDas englische Millennium-RitualDie Zwei-Glas-MethodeAbsinthe-Pfeifen (Bonques)Absinthe-HerstellungWarmer Weg (Destillation)Kalter Weg (Ansetzen mit Essenz)SchnellverfahrenTradition der HerstellungHerstellung heuteAbsinthe – Rezepte - Original-Rezepte aus dem Val-de-TraversDie wichtigsten InhaltsstoffeHistorische Übersicht der Absinthe-GeschichteVolkstümliche und subversive Namen für AbsintheDie diversen Namen für Absinthe:Absinthe hält Einzug in die Französische SpracheBibliographieWichtige Links und Adressen der MuseenAutoren und HerausgeberDank

Grosser Wermut

Vorwort

«Nach dem ersten Glas siehst Du die Dinge wie Du wünschst, dass sie wären. Nach dem zweiten siehst Du die Dinge, wie sie nicht sind. Zum Schluss siehst Du die Dinge, wie sie wirklich sind, und dies ist das Schrecklichste auf der Welt.»

«Das erste Stadium ist wie normales Trinken, im zweiten fängt man an, ungeheuerliche, grausame Dinge zu sehen, aber wenn man es schafft, nicht aufzugeben, kommt man in das dritte Stadium, in dem man Dinge sieht, die man sehen möchte, wundervolle, sonderbare Dinge.»

Oscar Wilde

Diese beiden oft genannten Zitate veranschaulichen auf vortreffliche Weise die Ambivalenz der Zuneigung und Ablehnung gegenüber dem Absinthe. Sein legendärer Ruf bewegt sich zwischen geschätztem Heilmittel und hartnäckigen Gerüchten, es sei ein Teufelszeug, das zu Abtreibung und Wahnsinn führe.

Kaum ein alkoholisches Getränk hat in seiner Vergangenheit eine derart grosse Fülle an Mythen und Legenden hervorgebracht wie der Absinthe. Lange verfemt und verboten, ist er heute als Kult-Getränk wieder in aller Munde.

Der Hauptbestandteil dieses Getränkes, der Wermut, mit lateinischem Namen Artemisia Absinthium, zeigt auch den Bezug zur griechischen Göttin der Jagd und Erdenmutter, Artemis, auf. Der Name der «Grünen Fee» spiegelt diesen archaischen Naturbezug bis zur heutigen Zeit wider. Dieses Synonym für den Absinthe ist jedoch wie viele andere Geschichten rund um dieses Getränk mit zahlreichen Mythen verbunden. Einige Quellen ordnen die erste Erwähnung der «Grünen Fee» Oscar Wilde zu, andere erkennen darin einen Bezug zur Feenlandschaft des Val-de-Travers (dem Ursprungsort der «Entdeckung» des Absinthe). Ein Ort in diesem Tal heisst auch heute noch La Côte-aux-fées. Aber auch die bei manchen Absinthes leichte Grünfärbung mag zum Namen beigetragen haben. Oder ist er gar der aphrodisierenden Wirkung und dem Erscheinen der Grünen Fee im Absinthe-Rausch zuzuschreiben ...?

Aber der Absinthe unterscheidet sich in weiteren Bereichen von gängigen Spirituosen. Nahezu ein Jahrhundert lang war er in den meisten europäischen Ländern, in den Kolonien Europas und in den USA verboten. Nicht zuletzt, weil ihm im Gegensatz zu anderen alkoholischen Getränken eine psychoaktive und halluzinogene Wirkung nachgesagt wird. Vor allem der Hauptwirkstoff des Wermuts, das Thujon (siehe Seite 53), das im Hirn an den selben Rezeptoren andockt wie das THC im Marihuanas, wird für die kreativ-entspannende Wirkung verantwortlich gemacht, die sich bereits die Künstler der Bohème-Zeit um 1830 zu Nutze machten (siehe Seite 27).

Seit der Absinthe in der EU (1991 bzw. 1998) und seit 2005 in der Schweiz wieder legal ist, hat sich einiges getan. Absinthe wird überall als Kult- und Partygetränk umjubelt, Geschichten und Rituale werden beschrieben und die Legenden rund um die Entstehung und das Verbot weitergesponnen. Internetseiten und Foren entstehen, Absinthe-Veranstaltungen wie die Absinthiade in Pontarlier (F) oder das Absinthefest in Boveresse sowie die Absinthe-Tage in Solothurn (beide CH) werden organisiert und Schau-Destillationen bei diversen Volksfesten sind zu bestaunen.

Die clandestinen Absinthe-Destillateure und Historiker aus dem Val-de-Travers waren (und sind zum Teil noch immer) gegen die Legalisierung, weil sie befürchten, dass der Kult und der Mythos der Grünen Fee verloren gehen könnten. Oder wie es der Historiker Pierre-André Delachaux aus Môtiers beschreibt: «Die Legalisierung des Absinthe kommt einem zweiten Tod der Grünen Fee gleich.» Andererseits hat er nichts dagegen einzuwenden, wenn der Absinthe als solcher endlich rehabilitiert wird. Die Befürchtungen gehen dahin, dass Absinthe zu einem profanen Getränk wird, das in jedem Supermarkt erhältlich sein wird, und dass damit nicht nur die Qualität, sondern auch das Ritual verloren gehen.

Diese Ängste sind sicher nicht von der Hand zu weisen. Denn schon heute stehen in den Supermarktregalen Absinthe-Flaschen, und einige Rituale werden im wahrsten Sinne des Wortes verwässert. Seitdem der Absinthe in der EU legalisiert wurde, kommen vermehrt Sorten auf den Markt, die nur noch den Namen auf dem Etikett tragen, sonst aber mit dem echten und ursprünglichen Absinthe wenig gemein haben. Diese minderwertigen Kopien schädigen den Ruf der Grünen Fee wesentlich mehr, als ein Original-Absinthe aus dem Val-de-Travers, der in einer Ladenkette auftaucht.

Insofern scheint es enorm wichtig, dass sich das Original den Markt wieder zurückerobert, der ohne die Legalisierung in der Schweiz noch länger von schlechten Kopien besetzt worden wäre. Es ist also im Sinne einer Qualitätskontrolle und der Erhaltung der echten Kultur wichtig, dass dem Absinthe aus der Region des Val-de-Travers möglichst bald das AOC-Label vergeben wird (siehe Seite 48).

Allgemein ist aber glücklicherweise festzuhalten, dass die Qualität wieder steigt, seit nun auch wieder die speziellen Pflanzen aus dem Val-de-Travers verwendet werden dürfen – im Gegensatz zu importierten, getrockneten Kräutern.

Mit diesem Buch wollen die Autoren den diversen Mythen und Legenden klare Fakten entgegenhalten, den Stand der Forschung vermitteln und den sagenumwobenen Geschichtsschreibungen in einigen Büchern Tatsachen gegenüberstellen (siehe Seite 23). Beim Studium der vielen unterschiedlichen Quellen war es schon erstaunlich, wie sich die Entstehungsgeschichten zum Teil gegenseitig widersprechen und ohne Logik oder Überprüfung gebetsmühlenartig niedergeschrieben wurden. Dieses Buch soll aber auch der Kulturpflege dienen, dem Missbrauch entgegenwirken und dem Absinthe den Stellenwert zurückgeben, den er verdient hat: Als ein geschichtsträchtiges Getränk mit einer spannenden Vergangenheit und heilsamen wie vergnüglich berauschenden Komponenten. Richtig genossen ist Absinthe keineswegs gefährlich. Ganz im Gegenteil: Die grüne (Kräuter-) Fee wirkt sehr belebend und kreativitätssteigernd. Aggressionen, wie sie mit anderen Alkoholika oft in Verbindung gebracht werden, habe ich in den Absinthe-Bars noch nie erlebt. Die sanftmütige und weiche Persönlichkeitsstruktur der Absinthe-Hersteller aus dem Val-de-Travers spricht jedenfalls für sich.

A votre santé!

Roger Liggenstorfer

PS: So wie wir Absinthe in diesem Buch schreiben, entspricht es der französischen Schreibweise. Auf Deutsch schreibt man «Absinth». Da der Ursprung dieses Getränkes in einer frankophonen Region liegt, halten wir uns deshalb auch sprachlich an das Original.

Koriander

Geschichte des Wermuts – Von der Antike bis zum Mittelalter

Roger Liggenstorfer

«Whiskey und Bier sind für Idioten. Absinthe besitzt die Kraft der Magier; Absinthe kann die Vergangenheit auslöschen oder erneuern und die Zukunft annullieren oder voraussagen.»

Ernest Dowson

Wermut war schon früh in der Menschheitsgeschichte als Heilkraut bekannt und fand bereits 1600 Jahre vor unserer Zeitrechnung bei den Ägyptern Verwendung. Vor rund 2000 Jahren soll es bereits ein mit Früchten und Honig – wohl zur Reduktion des bitteren Geschmacks – angereichertes Wermutbier gegeben haben. Auf Darstellungen der Isis-Priesterin ist oft Artemisia Absinthium dargestellt, was ebenfalls auf einen kultischen Zweck schliessen lässt.

Bei den Griechen des Altertums war Wermut ein allumfassendes Heilmittel und ein Aphrodisiakum. Hippokrates und Pythagoras waren die appetitanregenden und verdauungsfördernden Eigenschaften bekannt. Auch die Steigerung der Kreativität haben die beiden in vollen Zügen genossen.

Nicht von ungefähr kommt der Name Artemisia Absinthium von der griechischen Göttin Artemis, der Göttin der Jagd und der Fruchtbarkeit: Sie war als Erdenmutter für die Tiere und die Natur zuständig. Als Begleiterin der Frauen beschützte sie diese von der Geburt über die Fortpflanzung bis zur Abtreibung. Artemisia hiess auch «Mutter der Kräuter», doch die Ursprungsbedeutung könnte ebenso auf griechisch «artemes» (frisch, gesund) zurück gehen.

Bei den Römern ging die bekannte Anwendung als Heilmittel weiter. Wermut wurde gegen Seekrankheiten und Wurmerkrankungen eingesetzt. Auch hier benutzte man das vielseitige Kraut teilweise als Alternative zur Abtreibung mit Salbei.

Von Plinius (23–79 n.u.Z.) war bekannt, dass er einen mit Wermutextrakt versetzten Wein herstellte. Offenbar waren die thujonhaltigen Getränke bereits damals bekannt und verbreitet. Weil man die Wasserdampfdestillation noch nicht kannte, wurden sie durch Auskochen der Pflanzenteile hergestellt.

Wermut fand auch in der Bibel Erwähnung und wurde wegen seiner Bitterkeit auch als Gift gebrandmarkt (biblische Apokalypse, Offenbarungen des Johannes). Eine Geschichte, die von späteren Absinthe-Gegnern gerne als Argument herangezogen wurde.