Abwesende Tiere - Martin Kluger - E-Book

Abwesende Tiere E-Book

Martin Kluger

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Beschreibung

Dem Zoodirektor, dem gottgleichen Oberhaupt der Anlage, ist die Frau abgehauen. Er rettet sich in die Entwürfe seines „Neuen Nachttierhauses", in wilde Eskapaden und immer bizarrere Wochenparolen, mit denen er sein Reich regiert. Der Professor für Schmerzforschung ist sein finsterer, unergründlicher Gegenspieler, der in seinem Privatlabor geheime Versuche an den „augenkranken Tieren" anstellt. Nachts dringen ihre Schmerzensschreie über das Gelände. Auch Papageno, der legendäre Revierchef des Vogelhauses, gehört bereits zum Zooinventar. In den Einzelgänger verliebt sich Dorothee Matthes, die als angehende Zoologin eine Stelle im Garten antritt, um über Großkatzen zu forschen. Doch ihre leidenschaftliche Affäre zerbricht an Papagenos Erinnerungen an Jali – an eine bewegende Liebe. Papageno hat die litauische Jüdin in den dreißiger Jahren kennen gelernt, im Berlin der Olympischen Spiele. Sie will von ihm Deutsch lernen, er lernt von ihr die Sprachen, die sie kennt, vor allem die der Liebe. Beide können nur ahnen, wie bedroht Jali ist. Eines Tages verschwindet sie. Papageno hofft, im Zoo auf ihre Spuren zu stoßen. Wild und wahnsinnig: die Welt als Zoo.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 1450

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Martin Kluger

Abwesende Tiere

Roman DuMont

Von Martin Kluger sind im DuMont Buchverlag

als eBook außerdem erschienen:

Die Gehilfin

Der Vogel, der spazieren ging

Vollständige eBook-Ausgabe der im DuMont Buchverlag, Köln

erschienenen Taschenbuchausgabe, 1. Auflage 2010

Alle Rechte vorbehalten

© 2002 DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln

Umschlag: Groothuis, Lohfert, Consorten | glcons.de

Umschlagabbildung: Anup Shah/Bavaria Bildagentur

Satz und eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN eBook: 978-3-8321-8665-4

www.dumont-buchverlag.de

BEAUTY IS MOMENTARY IN THE MIND –

THE FITFUL TRACING OF A PORTAL;

BUT IN THE FLESH IT IS IMMORTAL.

Wallace Stevens,»Peter Quince at the Clavier«

Für Maureen Herzfeld

INHALT

1. Teil

Tiere, die reisen

2. Teil

Menschen, die beißen

3. Teil

Menschen, die reisen

4. Teil

Tiere, die beißen

Epilog

Knochen, die nicht zusammenpassen

DIE LEBEWESEN IN DER REIHENFOLGE IHRES ERSCHEINENS ODER IHRER ABWESENHEIT

Die Frau des Zoodirektors

Kouakou Koffi Beh

Der Zoodirektor

Frl. Friederike, seine Sekretärin

Chorleiter Prof. Theodor Davidobski

Dorothee Matthes, geb. 1950 irgendwo im Rheinland

Die Pförtner

Sali, der Persische Leopard

Christoph Dalluge, geb. 1946 in Bonn

Die Augenkranken Tiere

Der Professor für Schmerzforschung

Junior, der Sohn des Direktors

S.N. Frettich

Die Mäuse von Pompeji

Karl-Walther Kadamecki, geb. 1914 in Neu-Langenburg/Tansania

Jochen Wirkus, der Vogelpfleger

Johannes Schmeckel, der Raubtierpfleger

Käthe Matthes, geb. 1936 in Straßendorf/Eifel

Schiefhals, der Graupapagei, geschlüpft 1897 in Ostafrika

Jael Glickstein Salvo-Sainz, geb. 1912 in Kaunas/Litauen

Sarotti, das Schwarze Pantherjunge

Dreier & Diderici, die Detektive

Der Molukkenkakadu

Kurt Lenz, der Gärtner

Frau Parusel, die Wächterin

Rita, das Orang-Utan-Weibchen

Taiga, die Wölfin

Marie-Luise Idekeit, geb. 1914 in Neu-Langenburg/Tansania

Rätsel, der Kolkrabe

Die Harpyie

Opa, der Platzanweiser

Dr. Daniels, der Oberzootierarzt

Die Schwestern

Die Mäntel

Herr Koebke, Institut f. Praktische Menschenkenntnis

Der Obervermessungsingenieur

Vera Zondek-Ruddy, geb. 1908 in Berlin

Conte Condoli, der Erleuchtete

Der Obertierinspektor

Gustav, der Schwarze Panther

Eddy Eden und seine Mau-Mau-Girls

Willy S. Klein

Der Horch-Fahrer

Freddy, der Kater

Emil und Zwemil, die Kneipenwirte

Der Dackel

Die Rillies vom Planeten Rill

Die Familie

Rasso von Hünersdorff

Hadi Kumal

Herkules, das Miniaturschwein

Die Riesenschlange

I

Tiere, die reisen

Aus einem deutschen Zoo entfloh, im Jahr der vorgeschichtlichen Riesenschlange, die Frau des Zoodirektors, Richtung Ende der Welt. Und wo liegt dieses Ende? Wir wissen es noch nicht. Auch unsere Geschichte kommt zu spät.

Aber auch das Haar hat seinen Schatten und die kleine Ameise ihren Zorn.

Menschen, die andere Menschen verfolgen, mit gleichgültigen Blicken und kannibalischen Gedanken, bemerkten ein paradiesisches Geschöpf in Begleitung der flüchtenden Frau, einen nachtschwarzen Jüngling, scheu auf weitgereisten Zoologenkoffern hockend.

Er trug den merkwürdigsten Hut, ein Gebinde aus bunten Federn, wie eine Krone auf dem wolligen Kopf. Bei allen vier Winden wollten die Menschen, die Erholung suchen müssen in der Fremde, eine solche Kopfbedeckung nie gesehen haben, nicht auf dem Antlitz ihrer alten Erde, und sie ärgerten sich, gegen den Rat ihrer Ärzte. Mit der geduldigen Verfressenheit enttäuschter Krokodile verfolgten sie, wie es hemmungslose Küsse regnete für den Exoten.

Die Frau des Zoodirektors warf ihre graublonde Mähne über das junge Pechgesicht, und ein Hauch von Feder entschwebte für immer ins weite Nichts der internationalen Flughafenhalle, in der die letzten Historiker des Menschengeschlechts heimlich ihre winkenden Kinder photographierten. Denn es wurde Zeit. Ein körperloses Lallen, eine sterbende Stimme vielleicht, schlafwandelte durch die Atmosphäre, allen in die Knochen, die wie in Trance wußten, wohin sie mußten. Nur der Schwarze rührte sich nicht. Brütend verharrte er auf dem legendären handgemachten Hirschledergepäck seiner großen Freundin, zwei scharf riechenden Stücken, beklebt bis zur Unkenntlichkeit mit den Andenken unvergessener Fangexpeditionen für den deutschen Zoo.

Letzter Aufruf, betete die sterbenskalte Stimme, bitte ergeben Sie sich. Der Schwarze schüttelte den Kopf, die Federkrone fiel. Erheben Sie sich. Er blieb sitzen. Geben Sie sich. Begeben Sie sich. Er seufzte, in seiner eigenen schwierigen Fremdsprache.

Im Spätstadium der Sinnesverwirrung, die wir Fernweh nennen, kann es bei verliebten Menschen vereinzelt zu verängstigtem Seufzen kommen, vor dem jeweils nächsten Schritt. Wohin mit mir? Wohin mit dir? Wohin noch?

Was immer an diesem Tag im internationalen Flugnetz zappelte, vernahm den Warnlaut und erstarrte augenblicklich. Münder verstummten im Gespräch über die Maximierung der Fortbewegung. Das fragwürdige kleine Irrlicht, das ungehindert durch Photolinsen dringt, erlosch. Die Rollbahnen lagen leblos im Regen, die Flugkapitäne saßen gebückt vor ihren nichtssagenden Apparaturen, bar jeder Starterlaubnis, alle Menschen lauschten, und die Welt verlor ihre Gedanken.

Globusgroß und gefräßig nahm die Zeit Gestalt an. Der junge Farbige seufzte. Die Fluggäste zitterten. In einer elend langsamen Prozession winziger winselnder Wesen ohne Gepäck sahen sie sich ins schwarze Maul der Erde kriechen, irr vor Angst, die rettenden Oberflächen der Welt nicht rechtzeitig zu erreichen. Denn das Seufzen ging zu Ende, und der schwarze, zähnestarrende Mund ging zu, und die zerbissenen Leiber der Zuspätgekommenen verspritzten ihr blutiges Gekröse in der Abflug-Lounge, wo die Zufrühgekommenen interessierte Mienen machten.

Aber dann ging es ganz realistisch, wie im Leben, weiter. Die Frau des Zoodirektors handelte. Ein harter Kuß, eine zarte Schaufelhand unter dem Zelt ihres Lodenmantels, und der schwermütige Wilde folgte ihr keuchend durch die Paßkontrolle. Keines deutschen Wortes war er mächtig. Ich werde dich immer lieben, hörte er ganz dicht an seinem Ohr. Heute vielleicht und morgen am Ende der Welt. Am Rande der Ereignisse, die sich, wer konnte es wissen, überstürzen wollten wie nie zuvor.

Schau mal, die Federn! sagte ein Kind zum anderen in der Abflughalle. Und zwei gierige Köpfe beugten sich über die zertrampelte Krone des Unbekannten. Es war einmal ein Vogel, nein, es waren zwei, oder drei? Nein, es waren vier Vögel, fünf Vögel, die wollten ein Nest bauen auf dem Flughafen, wo man fliegt. Und sie waren gerade dabei, sie waren gerade dabei, als …

Die Wettervorhersage verhieß nichts Gutes. Das Flugzeug stieg in einen wüst bewölkten Novemberhimmel, zog zwei zögernde Schleifen über der verregneten Stadt und ließ Menschen und Geschichten unter den Wolken allein zurück.

*

Kurioser Himmel, dachte der Zoodirektor. Tag düster ohne Ende. Brehms gesammeltes Tierleben jagte übers dunkelgraue Firmament, eine ausgestorbene Riesenschlange voran, lang wie eine schlaflose Nacht, Kopf und Schwanzspitze kaum zu unterscheiden, aber deutlich ausgeprägt die hornigen Fortsätze, aus denen in vielen Millionen Jahren, wenn einmal mehr alles nach Plan verlief, alptraumhaft schöne Flügel wachsen sollten. Drachenschatten über der ganzen menschenleeren Welt.

»Aber da kommt sie ja schon! Da ist sie ja schon!« sang der Zoodirektor aus Leibeskräften. »Mit Riesenschritten die Evolution! Die alte Ritze zittert schon! Ihr einsam frierenden Spermatozoen …« Seine Stimme, ungewöhnlich hoch und hell für einen hünenhaften vollbärtigen Mann, brach. Hüstelnd starrte er nach draußen. Gebt mir Aussichten, gebt mir ein Wetter, mit dem ich arbeiten kann, gebt mir Besonnungsdauer. Streunende schwarze Hunde rotteten sich am Firmament zusammen, paarten sich mit streunenden weißen Katzen und verschwanden, der Himmel wußte wohin. Zorn, nicht Gesang, lautete die Parole. Gleich morgen in aller Frühe würde er eine Parole ausgeben, wie die Welt sie lange nicht vernommen hatte. Zorn in alle Ewigkeit. Oder lieber einfach Schmerz? In alle Ewigkeit? Wo lag der Unterschied? Gebt mir eins komma eins Glattschnabel-Hokkos.

Der Zoodirektor war sturzbetrunken. Zweimal von innen verriegelt, damit kein befugtes oder unbefugtes Lebewesen eindringen konnte, schwankte sein gewaltiges Büro in den kahlen Kronen minderwertigen Baum-Materials, das gleich morgen in aller Frühe durch ausgewachsene Silberbirken ersetzt zu werden hatte, andernfalls er den zahlreichen Rufen ins Ausland folgen würde.

Gebt mir Natur, gebt mir mehr, gebt mir Geld. Der Direktor setzte verschiedene Gesichter äußerster Befremdnis auf. Bin ich Krethi? Bin ich Plethi? Mit meinen weit über hundert Veröffentlichungen und mit meinem Standardwerk in zwanzigster Auflage und mit allen meinen Ersteintragungen in die Zuchtbücher der Welt? Bin ich nicht der Vater von eins komma null Berg-Anoa? Bin ich nicht der Vater des maximiert resistenten Miniaturschweins?

Eine halbe Flasche Weinbrand, die er seiner manisch-depressiven Sekretärin entwendet hatte, arbeitete mit chemischer Unerbittlichkeit an seinem empfindlichen Nervenkostüm. Es roch nach Erbrochenem. Es roch nach elektrischer Entladung, schmorenden Leitungen, glühendem Haß. Der fürstliche Ebenholzschreibtisch, hinter dem er kauernd litt, im dritten und obersten Stock der Zooverwaltung neben Haupteingang und Elefantenhaus, war übersät mit den Scherben eines zerschlagenen Photorahmens. Das Photo welkte und zerfiel im feuchten Fallaub des Vorgartens, wo eine alte Graugans vorsichtig nach den aufgeweichten Resten eines Lächelns schnappte. Gegenüber, in ihrem novembertrüben Tümpel, gründelten selbstvergessen die Flamingos.

Ungebeten ging ein Schneeregen nieder. Unerwartet früh im Wetterplan. Unmöglich mehr als ein unverschämter Scherz. Das Büro schwankte bedrohlich. Das Zootelefon klingelte. Der Direktor streckte seine einszweiundneunzig und nahm einen würgend tiefen Schluck Weinbrand.

Durch den wirbelnden fahlweißen Vorhang konnte er in der Ferne im bleifarbenen Dämmerlicht teures tropisches Geflügel vor Anker gehen sehen am Ufer der Insel der Schwarzen Klammeraffen. Ein Vermögen watschelte da an Land. Ab mit euch ins Winterquartier. Das Zootelefon klingelte. Ins ultramoderne, exorbitant kostenintensive, fernbeheizte, stufengeregelt beleuchtete Winterquartier, freche selbstvergessene Flamingos auch, Pelikane auch, Kleinnager auch, Schwarze Klammeraffen natürlich auch, diese Neuweltnervensägen, berüchtigt für ihre ausgefeilten Fluchtpläne und ihre hartnäckige Weigerung, sich manierlich züchten zu lassen, und ihren lauten Spott in lauen Sommernächten, wenn der Direktor Entspannung suchte.

»…«

»…«

»Hallo?«

»Hallo?«

»Spreche ich mit dem Herrn Direktor?«

»Hier spricht der Direktor.«

»Matthes, Herr Direktor. Die Kiste ist fertig.«

»Kiste?«

»Die Kiste. Sie wollten sie begutachten.«

»Begutachten?«

»Wenn sie fertig ist, ja. Und wir sind gerade eben …«

Lautlos, sehr behutsam, legte er den Hörer auf. Dann beobachtete er lange Zeit, aus den Augenwinkeln, seine echsenhaft ruhende Hand. Ein Tier wie jedes andere. Merkwürdig nur, daß es ihm gehörte, daß es keine Angst hatte.

Dann schien er zu schlafen. Dann klopfte eine Faust sehr schmerzhaft an die Tür in seinem Kopf. Ist offen, antwortete ein gemischter Chor in seinem Ohr. Dann schleppte Frl. Friederike, seine Sekretärin, auf ihren schmalen knochigen Schultern einen himmelblauen Sarg herein, der sich nach obszönen Metamorphosen als Luftpostpaket entpuppte.

Überraschung, mein Kleiner, keuchte sie. Schokolade vom Feinsten aus Übersee. Aber schön brav einteilen, nicht gleich alles auffuttern. Dann stopfte Frl. Friederike lauwarme klebrige Mullbinden in seinen Mund und würgte ihn schnell und gekonnt mit der Telefonschnur. Dann schien er wach zu sein. Das Zootelefon klingelte. Seine Hand zuckte zurück. Wollte er telefonieren? Oder hatte er schon? Oder war das nicht die heuchelnde Stimme seiner Frau gewesen, heuchelnd und hauchig aus Übersee oder Drübersee, die ihn beschwor, Särge zu begutachten? Und sie und der abgefeimte Affe waren jetzt »wir« und wollten gerade eben. Sie wollen mich in den Irrsinn treiben, mir winken Entmündigung und Elektroschocks. So grausam ist mein Adlerchen. Aber vergessen hat es mich nicht. Er schob sich den Zeigefinger tief in die Mundhöhle und biß hinein. Dann nahm er den Hörer ab.

»Ich glaube, wir wurden eben unterbrochen, Herr Direktor.«

»Adler?«

»Ich …«

»Du sprichst so leise.«

»Ich …«

»Wo bist du, mein Leben?«

»Wir …«

»Wo ist der Affe? Wo ist er?«

»Ich weiß nicht, wen Sie – ich wollte nur …«

»Du willst zurück? Ich hab’s gewußt. Guter Adler. Böser guter Adler. Alles wird gut.«

»Herr Direktor? Können Sie mich verstehen? Da scheint jemand – die Leitung scheint – Herr Direktor? Ich wollte eigentlich nur Bescheid sagen, daß die Kiste …«

»Drecknutte! Verstell dich nicht!«

»Bitte?«

»Bitte? Du sagst bitte? Sag das noch mal.«

»…«

»Du schweigst? Du schämst dich?«

»…«

»Ich bring den Affen hinter Gitter. Ich bring den Affen um. Ich mach euch alle beide hin. Ich schwör’s dir. Bei meinem Arm. Wo steckst du? Wo versteckst du dich?«

Klick.

Mein Arm ist lang. Unangenehm langer Arm, mein Arm. Hörst du mich? Ich kann dich kaum hören, du bist so weit weg, die Leitung scheint … die Verbindung ist …

Außerdem spiel ich nicht mehr mit.

Ich hab gesagt, ich spiel nicht mehr mit.

Ich will nicht, daß du weinst. Mußt nicht weinen, armer kleiner Adler. NICHTWEINEN.

Ich sag dir jetzt die Wahrheit. Du weißt, wie ich immer die Wahrheit sag. Und die Wahrheit ist: natürlich versteh ich dich. Ist ja meine Natur. Alles versteh ich. Du weißt, wie ich immer alles versteh.

Sei ruhig ein bißchen häßlich zu mir. Sei’s ruhig. Mach ruhig.

Du weißt, alles darfst du machen. Alles, wovon wir je geträumt haben. Wenn du mir sagst, wo du steckst.

Nicht weinen. Wo steckst du?

Oder wir machen Urlaub und du darfst alles machen.

Oder wir machen endlich unseren neuen Anfang. Du weißt schon. Wir machen ihn gleich jetzt, gleich heut. Du darfst auch, wenn du sehr sehr vorsichtig und zart bist, darfst du auch …

Aber wirklich nur ganz vorsichtig. Und wenn du mir sagst, wo du steckst.

Damit ich dich besser finden kann. Weißt du noch?

Und vielleicht könnten wir mal wieder zusammen ins Labor. So wie früher. Ich und du und die Tür ist zu. Ich versprech dir, ich werd mich bessern. Ich werd auch hinschauen, wenn du …

Und vielleicht könnten wir den Affen, ich meine, wir könnten ihn ja vielleicht als Diener …

Kopfüber sank der Zoodirektor auf die Schreibtischplatte und stellte das Atmen ein. Wahllos memorierte er den inneren Bauplan der gemeinen Vögel der Welt. Körperwand, durchschnitten. Ich will nicht, daß du weinst. Brustmuskeln, durchschnitten. Rabenbein, durchschnitten. Mußt nicht weinen. Luftsäcke, durchschnitten. Zuviel ist zuviel. Thymus, durchschnitten, Bedeutung trotzdem umstritten. Kropf, durchschnitten, mit Erbsen gefüllt. Muskelmagen, durchschnitten, mit Larven gefüllt. Herz, durchschnitten, leer.

Entfernen wir nun zu guter Letzt beim weibl. Tier den traubigen Eierstock, der durch den Eileiter direkt mit der Kloake verbunden ist, so erblicken wir …

Der Direktor hörte seine Zähne knirschen, als fräßen sich riesige Insekten laut schmatzend in sein Hirn. Ich will nicht, ich muß nicht. Jetzt hörte er ein Fiepsen in seinem Hals, als wollten Mäuse dort heraus. Zaghaft ließ er ein wenig Luft herein.

Atemtechnik. Die Beherrschung der traurigen alten Rassel in der Brust. Nicht atmen, denken! Die alte Davidobski-Doktrin.

Er nahm einen Schluck Weinbrand, wartete, dachte. Das A und O der Atemtechnik, original nach Chorleiter Professor Davidobski, reich bebilderte Broschüre für deutsche Sängerknaben, nur eine Reichsmark. Phonographische Demonstrationen, nur weitere zwei Reichsmark. Private Demonstrationen nach Vereinbarung. Wie lauteten Chorleiter Professor Davidobskis eiserne Eselsbrücken für Sängerknaben, einst, als der Direktor ein eiserner Sängerknabe war?     

Zwerchfell börteln wie Blume mit Biene? Zwerchfell kräuseln wie Stillen Ozean mit Brise? Kugeln wie Igel mit Angst? Inwendig umstülpen wie Seeanemone mit Brechreiz?

Jetzt herrschte, wohin er auch horchte, gedrücktes Schweigen in seinem weiträumigen Körper. Dann wuchs in seinem mächtigen Brustkorb ein kleiner schauerlicher Laut und wuchs bedrohlich schnell, als nahte mit Riesensprüngen ein wild heulender Vari aus ferner tiefer Nacht. Dann kam der schrille Stimmstoß, der klare Hühnerschmerzensschrei, gefolgt vom gurgelnden Winseln der Wehrlosigkeit. Dann weinte er.

Die alten Jammerdrüsen liefen über, in frühen zoologischen Praktikantenjahren viel zu spät diszipliniert. Der alte unterirdische Geysir brach aus, die himmelblauen Augen des Direktors sprühten Tränen wie am ersten Tag. Tränenfontänen vermischten sich mit dem Karotin seiner Bräunungslotion und dem gallegrünen Weinbrandschleim, der ihm aus Nasenlöchern und Mundwinkeln quoll, zu einer heißen, beizenden, bitteren Soße der Auflösung, die über sein Kinn rann und im tiefhängenden Bart versickerte.

Ein Beben begleitete die Flut. Der massive pechschwarze Schreibtisch schien im Innersten zusammenzustürzen, eine Galerie bleierner Äffchen verwandelte sich in ein Geschwader querschlagender Geschosse, das gelbe Privattelefon klingelte wie besessen, unter der Tür zum Vorzimmer blitzte ein Lichtstreifen auf und erlosch, es roch nach schmorenden Leitungen, galvanischen Kräften, elementarer Physik. Es war dunkel geworden in seinem Zoo.

Draußen unter dem Himmel wünschten seine lauernden Tiere einander langes springlebendiges Leben. Sie bedienten sich ihrer in den nachhallenden Höhlen der Vorzeit schlummernden Lautgeschichten, die von den Menschen, die Geschichten erzählen müssen, noch nicht erzählt werden mußten. Sie bedienten sich ihrer weit über die Gräser der Erde streifenden Geruchsbotschaften, die von den Menschen, die Botschaften übermitteln wollen, noch nicht übermittelt werden konnten.

In den Innenkäfigen gingen die Neonleuchten an, warteten die gefüllten Futternäpfe, rasselten wartend die Schlüssel. Der Schneeregen verdichtete sich zu Schnee, frische dicke Flocken fielen auf die tierleeren Außengehege, es wurde kälter, es wurde später.

Ein alter gebückter Mensch in durchsichtiger Regenhaut, unter der er seinen kleinen Photoapparat trug, fand den Hauptausgang, der gleichzeitig Haupteingang war. Zwei alte Pförtner mit rauschenden Funkgeräten erwarteten ihn. Sie zeigten drohend auf die Normaluhr hinter den Kassenhäusern, zeigten anklagend auf den alten Menschen, husteten in ihre Funkgeräte. »Der letzte ist da.« Die Pförtner hatten zu leiden. Jeden späten Abend im Sommer, jeden frühen Abend im Winter, jeden Abend bei jedem Wetter, jahrein jahraus, Jahrzehnt für Jahrzehnt, Jahrhundert um Jahrhundert und bis in alle Ewigkeit gab es diesen einen letzten mit der Unschuldsmiene, der keine Uhr besaß oder nicht lesen konnte oder ein Zerstreuter war oder ein Böswilliger oder einfach nicht hinauswollte. Die Pförtner litten unter der angeborenen Eigenschaft des Menschen, zu spät zu kommen. Der alte Mensch blieb stehen, schirmte seine Augen gegen den Schnee, schaute fragend in die turbulente Luft.

Zwei Elefantenruinen aus schmutzigem Sandstein säumten das Portal. Vor langer Zeit trafen und umringelten sich ihre Rüssel in einer stoisch brüderlichen Geste hoch über den Köpfen der Zoobesucher. Heute, nach sehr langer Zeit, rissen die gezackten Rüsselstümpfe ein bizarres Loch in den Himmel. Die großen afrikanischen Ohren bröckelten, Rümpfe und Beinsäulen waren übersät mit Einschüssen aus den letzten Stunden des letzten Krieges, als Soldaten hinter den steinernen Tieren Deckung gesucht hatten. Die denkmalgeschützten Elefantenruinen lasen sich wie Geschichtstafeln, auf denen die Namen verblichen und die Zahlen zerfallen waren. Generationen von Zoobesuchern hatten sich hier mit spitzen Gegenständen verewigt: aus Liebe, oder Dummheit, oder Langeweile. Der alte Mensch zwischen Hauptausgang und Haupteingang hatte genug gesehen. Umständlich zog er seinen schlichten Photoapparat hervor und bat die Pförtner mit höflichen Gesten, sich für ein Gruppenbild unter den Elefantenruinen zusammenzustellen. Da standen sie, würdevolle schwarze Gestalten in der Dunkelheit, und für die Dauer eines Augenblicks wurde die Dunkelheit erhellt vom Licht einer unbekannten Erinnerung.

Die Pförtner öffneten ihm kopfschüttelnd das Tor. Einen zögernden Fuß vor den andern setzend, entfernte er sich im Schneefall. Die steifbeinigen alten Pförtner, denen die jahrelange Arbeit des Wartens ein paar bescheidene Weisheiten beschert hatte, dachten: Jeder Mensch hat seinen Zoo, an den er denkt, manchmal im Lauf der Zeit. Das ist der Zoo seiner Kindheit. Da sieht er zum ersten Mal in seinem eigenen einzigen Leben, was sonst noch lebt auf der Welt. Den trägt er in sich wie ein zweites Herz, das schneller schlägt als das erste. Und nicht zu fassen ist bis zum Tod. Das ist so.

»Ich bin der Zoodirektor«, sagte der Zoodirektor in die trunkene Stille seiner Ideenflucht.

Ziellos durchwanderte er sein schattenreiches Büro. Riesenhafte schwarze Bulldoggen warteten an der Wand, und er wich zurück zum Fenster. Worauf warteten die Hunde? Wie spät war es? Wo steckte Frl. Friederike? Welchen Tag hatten wir heute? Mit dem Rücken zum Fenster tastete er sich langsam Richtung Schreibtisch und Schreibtischlampe. Was würde geschehen, wenn er Licht machte? Es gab Tiere, die reagierten wie die Kreaturen aus den alten Fabeln. Seine Hand folgte den Schleimspuren auf seinem Schreibtisch, fand das Glas. Er nahm einen warmen tränenverdünnten Schluck Weinbrand.

Er mußte sich nicht so gehen lassen. Seine Tiere brauchten den Vater. Seine arbeitsscheuen, verlogenen, ewig deprimierten Assistenten brauchten den Vater. Seine retardierten, verwahrlosten, drogensüchtigen, asozialen Tierpfleger brauchten den Vater, und nicht zu knapp. Desgleichen seine infantilen, triebhaften, gemeingefährlichen Gärtner, über die sogar in der kalten Jahreszeit ganz absonderliche Beschwerden geführt wurden, wenn er seinem Obertierinspektor und Frl. Friederike Glauben schenken konnte.

Zukünftige Zuchterfolge brauchten den Vater. Die Zuchtbücher der Welt rechneten mit ihm. Die zwei oder drei effektiv konkurrierenden, effektiv mißgünstigen Direktorenkollegen des In- und Auslands rechneten mit ihm und brauchten ihn, um ihre antiken zoologischen Sentimentalitäten und Mythologien gegen seine moderne Methodik abzugrenzen. Sein Neues Nachttierhaus, das Großprojekt seiner Träume, brauchte ihn. Planer, Stadtinspektoren, Baubehörden, der Aufsichtsrat, die Heere der Besserwisser rechneten mit ihm. Die Sponsoren seines Neuen Nachttierhauses brauchten ihn. Die steinalten steinreichen schwierigen aber nachlaßwilligen Damen aus Übersee brauchten ihn, denn sie hatten die schönsten Stunden ihrer achtzigjährigen oder neunzigjährigen Leben als Wickelkinder in seinem Zoo verbracht und wollten sich erinnern, um sich nicht zu erinnern, und brauchten die Hand des Vaters, die das Uhrwerk zurückdrehte und den Scheck entgegennahm.

Herr Direktor, all mein Geld soll meinen Tieren gehören.

Haben Sie irgendein bestimmtes Tier im Auge, das in den Genuß Ihres Vermögens kommen soll?

Nein. Doch. Früher. Ich weiß nicht. Schalten und walten Sie, mein lieber verehrter Herr Direktor.

Gnädige Frau, ich stehe tief in Ihrer Schuld.

Die Presseabteilung erwies sich wiederholt als unfähig, solche Spendendramen wirkungsvoll in die Medien zu bringen, das Gewicht der veranschlagten Spendensumme und das Gewicht der involvierten Gefühle taktvoll gegeneinander abzuwägen. Das Verkehrsamt monierte schon. Die hochnäsigen, hohlköpfigen, unterernährten Flittchen von der Presseabteilung rechneten noch nicht mit ihm, würden ihn aber sehr wahrscheinlich brauchen, wenn er sie gleich morgen in aller Frühe auf die Straße setzte, wo sie hingehörten. Das Verkehrsamt der Stadt, die Stadt, das Land, sein Land, die Menschen in Stadt und Land rechneten mit ihm. Seine armen alten Pförtner, für die er mehrmals im Jahr exklusiv seine Freitags-Parole ausgab, brauchten ihn, damit er ihnen den Sinn ihrer harten, unterbezahlten Arbeit erklärte: Hütet den Garten. Wendet Unheil von ihm ab. Hütet die Gartenordnung. Achtet auf die Augen der Menschen, wenn sie den Garten betreten. Auf seine Pförtner konnte er sich verlassen. Weniger auf seine Besucher, von denen die meisten, ob sie es wußten oder nicht, die geborenen Tierquäler waren, Frauen und Kinder voran.

Aber auch das kleine Kind, das Angst hatte vor einem Tier oder vor allen und schreiend fortlaufen wollte, brauchte ihn, damit er es zurückhielt. Junior brauchte ihn.

Er hoffte, daß Junior ihm glaubte. Doch sein schweigsamer, achselzuckender Sohn glaubte alles oder nichts, denn er hatte seine Kindheit im Kreis der Tiere verbracht, in dem Glauben oder Nichtglauben einerlei waren. Er sprach, wenn überhaupt, tierisch, dachte tierisch. Er würde einen guten Pfleger abgeben. Junior durfte natürlich nichts erfahren, nichts ahnen. Junior glaubte ihm den unbezahlten, unbefristeten Forschungsurlaub, auf den er seine Mutter geschickt hatte, glaubte ihm die »spontane« Entscheidung gleich nach dem Frühstück, als Junior sich bereits in der Schule ausschwieg.

Seit es Frauen gibt, Junior, gehen Frauen auf ihre Reisen.

Junior zuckte die Achseln. Er verstand nicht. Er wußte nicht. Er konnte nicht ahnen, daß sein Vater ein Meister im Einfangen hoffnungslos entlaufener Tiere war, die Weltpresse hatte mehrmals berichtet. Nicht nur um Juniors willen rechnete seine entflogene Adlerfrau mit ihm. Sie brauchte ihn, das Dreckstück, sein Urteil, seine Rache, seine Vergebung am Ende. Ich bin der Direktor dieses Zoos, vergewisserte er sich. Man durfte den Direktor dieses Zoos nicht weinen sehen.

Er leerte sein Glas, bückte sich und stellte es im Dunkeln auf den Teppich. Dann legte er sich bäuchlings daneben, mit dem Gesicht zur Wand, so daß er die schwarzen Bulldoggen im Auge behalten konnte. Sie warteten schwärzer als schwarz und stiller als still, wie gefährliche Pförtner vor einem verbotenen Zoo. Sein Neues Nachttierhaus bewachten diese gefährlichen schwarzen Bulldoggen, monumentalen Büffeln oder Gauren gleich, dahin für alle Zeit, ausgestorbener als ausgestorben. Aber sein Neues Nachttierhaus existierte noch gar nicht, nur sein altes kleines tief unten im Menschenaffenhaus, und Büffel wurden noch gesichtet hin und wieder.

Und es sind ja gar keine Bulldoggen, dachte er, es sind ja nur alte Pförtner in schwarzen Uniformen, ich bin ja nur besoffen. Er weinte langsam und methodisch, mühselige dicke Tränen, die eine Ewigkeit brauchten, bis sie endlich aus seinen Augen kullerten. Er schmiegte sein verschmiertes Gesicht tief in den Teppich. Eine winzige Stimme sagte »Zup«.

Zup? War er nicht allein in seinem Teppich? Der Direktor bekam Angst um seinen Geisteszustand. Angestrengt lauschte er in den wolligen, fransigen Urwald. Was immer es war, es war da. Ein leises, sattes Suckelschmatzen wie von kleinen Schweinen dicht neben seinem Ohr am Rande der Wahrnehmung. War das Glück? Weinte er vor Glück? So kannte er seinen Teppich noch gar nicht, so weich, so moosig, so lebendig. Wer lebte hier? Antwortet mir, glückliche Tiere, aus eurem Versteck.

Hoch oben von der Decke seines Büros kam ein elektrisches Klikken, gefolgt von atmosphärischem Knistern und Rauschen wie aus einem Lautsprecher. Die Bulldoggen hoben ihre Köpfe, nahmen Witterung auf, rotteten sich schwärzlich zusammen, warfen Schatten in die Dunkelheit. Das Rauschen wurde lauter. Der Direktor kroch unter seinen Schreibtisch. Ein Räuspern, das Räuspern eines Mannes, explodierte im Lautsprecher an der Zimmerdecke. Er bohrte sich beide Zeigefinger in die Ohren.

Mußt nicht weinen, mein Feuerle, ertönte ein wohlbekannter Kontratenor. Der Magen des Direktors, oder war es das Herz, drehte sich ein langsames Mal um die eigene Achse.

Du bist das, Davidobski.

Er lebte.

Davidobski lebte immer noch.

Davidobski war schuld. Länger als lang war es her. Und doch brauchte er sich nicht lange zu erinnern. Der Direktor mißtraute der weiblichen Quizshow, die sich Erinnerung nennt. Nur Frauen erinnerten sich gerne und ausgiebig, und dies auch nur, weil sie, streng biologisch gesehen, über die Merkfähigkeit gewisser Papageiensorten verfügten. Kein Wunder, daß es ihnen in fast jeder Hinsicht schlechter ging als dem Mann. Nein, er war kein Mann, der sich Erinnerungen hingab. Er hatte keine Zeit für die unwissenschaftliche Rückschau auf das Früher, das Damals, das Diluvium seines Lebens.

Aber die Schuld, das war etwas anderes. Die Schuld spinnt langlebige, unsichtbare, giftige Fäden, Herr Professor Chorleiter Davidobski, und zwirnt den Schuldigen, also dich, und sein unschuldiges Opfer, also mich, zusammen in ein giftiges Netz, in dem es immer lange her, immer damals ist. Unser privates Biotop, Davidobski, unser kleiner Garten, giftig bis in die Wurzeln. Und es winden sich Tiere darin, die denken können und sogar träumen. Du kannst dir denken, wovon sie träumen.

Der Direktor hangelte sich schwerfällig von der Schreibtischkante in seinen spartanischen, knochigen Schreibtischstuhl und erschrak. In der äußersten Ecke seines verfinsterten elektrisierten Büros, zwei Meter über dem Fußboden, schwebte etwas. Er schüttelte den Kopf, schloß die Augen. Schluß mit dem Affentheater. Zuviel ist zuviel.

Aber der Mensch, der voller Hoffnung in einem Leben voller Tage jeden Morgen in aller Frühe die Züge seiner tagtäglich aus der Tiefe des Schlafs auftauchenden Erscheinung im Spiegel studiert, verschließt die Augen nicht vor schwebenden Erscheinungen. Eine kugelförmige fluoreszierende Nebelmasse, die aussah wie eine monströse, innerlich glühende Murmel oder wie ein kaleidoskopisch buntes Riesenauge, grünlich bläulich bräunlich gelblich, starrte ihn an. Murmeln sind aus Glas, erinnerte er sich. Augen sind aus …

Du bist das, Davidobski. Der Direktor setzte die Flasche an. Ihm konnte nichts mehr geschehen. Geschehen war alles. Alles war geschehen. Es war lange her. Sing deine scheußlichen östlichen Arien, Davidobski, ich bin unberührbar. Und ich warne dich, vor mir und meinem Beruf. Hör gut zu, was ich dir sage: Ich bin jetzt ZOODIREKTOR. Das hättest du nicht gedacht, was?

Der Direktor sagte laut: »Es hat alles seinen Sinn.« Ein Weinkrampf zwang ihn kopfüber auf die Schreibtischplatte. Davidobski würde ihm nicht entkommen, er war ihm sicher.

Denn Professor Theodor Davidobski, der ihm die Stimme und damit fast schon das Leben ruiniert hatte, der ihn im Traum verfolgte seit dreißig oder vierzig oder tausend Jahren, zappelte mit ihm im giftigen Netz und hörte ihn jetzt weinen und denken und litt mit ihm und konnte nicht anders, egal in welchem Eckchen des Erdballs er heutzutage seine erschwindelten Austern schlürfte. Denn Davidobski war noch am Leben, schlürfte noch Austern mit gebörteltem Zwerchfell, witzelte sich noch durch die Weltgeschichte, der Direktor fühlte ihn leben und zappeln und strampeln. Denn egal wie unsäglich alt und von Menschen verlassen und vergessen der lebensgefährliche Professor heute sein mochte, er lebte und litt in ihrer gemeinsamen Schlangengrube.

Denn die fürchterlichste aller Vergangenheiten ist die lebendig begrabene. Man macht sich Gedanken. Jahrelange Gedanken, die völlig unnütz und in ihrem Schmerz lächerlich sind, weil es keine synchronen Gedanken gibt, weil der verhaßte Mensch nach anderen Uhren lebt und sich andere Gedanken macht. Die lebendig begrabene Vergangenheit lebt ihr Eigenleben, in anderen Vergangenheiten, vielleicht sogar in der Zukunft. Der verhaßte Mensch telefoniert, man selbst schläft, hört nichts, weiß nichts, kennt den Wortlaut nicht. Der verhaßte Mensch liebt einen anderen Menschen, Sonntagmorgen, aber man selbst schaut auf den Kalender, und es ist Montag.

Der Direktor wußte, sein Leben entbehrte nicht einer gewissen »Romantik«. Er spürte die Spannung, wenn der giftige Faden wieder zuckte, wenn er und Davidobski wieder Kontakt aufnahmen, wie die Spannung eines jugendlich Verliebten, für den die Gegenwart endlich wieder Gegenwart wird, wenn er am giftigen Faden des Verliebtseins hängt. Unter den vielen Geheimnissen, mitunter den unvorstellbar schrecklichsten, die das Leben eines Zoodirektors von Berufs wegen begleiten, war Davidobski das geheimste und das schrecklichste. Des Direktors steile Karriere, die Ehe mit Deutschlands populärster Zoologin, sein gutgeratener Sohn, sein Leben im Dienst der Allgemeinheit der Tiere: ein übermenschliches Trotz. Trotz Davidobski. Niemand wußte das. Auch seine Adlerfrau nicht. Sein Adler in ihren Adlerhöhen wußte nicht, was Menschen empfinden, die nie wieder singen können. Obwohl sie zum Singen geboren waren wie der Fisch zum Schwimmen.

Hätte er dem geldgierigen Scharlatan Davidobski nur nie geglaubt, von Anfang an niemandem geglaubt, hätte er nur nie einem einzigen Menschen ein einziges Wort geglaubt. Er wäre heute nicht bloß der Direktor des artenreichsten Zoos der Welt, er wäre höchstwahrscheinlich ein gestandener Bariton, vielleicht sogar ein gefeierter. Zumindest ein Mann mit männlicher Stimme. »Deine süße Stimme«, sprach der Adler in der Nacht. Ihre violetten, langen, schmalen Augen ernst zusammengekniffen. Ihre gelbe exotische Zigarette im Mundwinkel. Ihre Stimme sonor. Sie beugte sich über ihn. »Deine süße Stimme.«

»Stimme süß wie Engel. Überirdisch. Warum korrigieren?« sagte der berühmte Professor Davidobski.

Das gelbe Privattelefon klingelte. Die glühende Murmel schwebte. Und wenn schon. Ja, versuch’s nur weiter. Sag deinem Neger, ich werd ihn verklagen. Ich verklag euch alle beide, ich laß mich scheiden, ich hab dem Affen vertraut, hab ihn aufgenommen wie einen verlorenen Sohn, ihr schuldet mir Arbeit, dein schwarzer Schwanz hat mir eine Planstelle zunichte gemacht, vor dem Frühjahr bekomme ich keine neue Planstelle. Rechtsanwälte taten not. Detektive. Menschen, die Gutes von Bösem zu unterscheiden in der Lage waren, und wenn es den letzten Pfennig kostete. Ihr wollt mich in den Irrsinn treiben.

Das schillernde Nebelauge glotzte in vielen Farben direkt in sein müdes blaurotes Weinbrandauge. Und wenn schon. Alles war geschehen. Er leerte die Flasche.

Meine überirdische Stimme, dachte er. Die kam, als ich kein Sängerknabe mehr war. Als ich nicht, oder kaum, den Stimmbruch erreichte. Den ersehnten, erträumten, überfälligen Stimmbruch für den kräftigsten, größten Schüler der ganzen Schule. Davidobski wurde hinzugezogen. Wirksame Maßnahmen gegen unnatürliche Fehlentwicklungen insbesondere des männlichen Stimmapparates, Originalmethode nach Chorleiter Professor Davidobski, Kapazität für Stimmgebung und Stimmkorrektur, Erfolge in allen Ländern der Erde. Nie wieder kieksen. Nie wieder quäken, mäuseln, hüsteln, fiepsen. Nie wieder seufzen. Schluß mit dem Schluchzen. Nicht atmen, denken! Die alte, nicht unumstrittene Davidobski-Doktrin.

Das Privattelefon klingelte. Versuch’s nur weiter. Er liebkoste seinen feuchten Schreibtisch, fuhr mit den Fingerspitzen über alte und neue Schrammen, bohrte in den vertrauten Brandlöchern, die der Adler ihm hinterlassen hatte, fand das Telefon. Der Direktor liebte seine Telefone, privates und zoologisches, wie ein Musiker seine Instrumente. Seine Telefone spielten mit, antworteten, stimmten, sangen für ihn.

Er suchte die schwarzen Bulldoggen an der Wand, doch sie waren verschwunden. Das glotzende Murmelauge stammte aus einer vergangenen Welt, er wußte jetzt, aus welcher. Er faßte Mut. Alle Dinge haben ihre harmlose Wirklichkeit, Münzen haben ihre zwei Seiten, und beide sind harmlos. Bulldoggen werfen ihre Schatten, und Dogge und Schatten sind harmlos. Licht an.

Im Lichtkreis der Schreibtischlampe erwachte unter einer orangenen Aurora, wie sie nur wenige Menschen in ihrem Leben gesehen haben, die grandiose Farbenpracht der Phototapete. Das Geschenk eines afrikanischen Kollegen. Weidende Watussi-Rinder bei Sonnenaufgang. Er griff nach dem Telefonhörer.

»Miststück. Ich werd euch verklagen. Ich werd euch das Bett unterm Hintern wegklagen. Es gibt Rechtsanwälte, die können so was. Detektive, die ihnen zuarbeiten. Spesenkonten höher als der Kilimandscharo. Zwei wirklich gefährliche Exemplare, richtige Kopfgeldjäger, denn ich bin ja nicht blöde, ich bin ja nicht untätig gewesen inzwischen, aber das sieht dir ähnlich, daß du glaubst, ich sitze hier tagelang und weine dir nach – gerade gestern haben sie mir gesagt, dieses eingespielte Profiteam Rechtsanwalt/Detektiv: Der Fall ist doch sonnenklar, da machen Sie sich doch um Himmels willen nicht die Finger schmutzig, Herr Direktor, diese Frau, die klagen wir doch mit Überschall rund um den Äquator und zurück, haben die Herren gerade gestern noch hier in diesem Büro gesagt, da mache ich mir doch die Finger nicht schmutzig und wenn’s noch soviel kostet und wenn ich deinen Schmuck verkaufen muß und wenn ich deinen verfluchten Schmuck tatsächlich gleich morgen verkaufe. Du hast deinen Schmuck vergessen, deinen Nuttenschmuck, deinen …«

»Werter Freund. Nicht so stürmisch. Ich bin’s. Der Professor.«

»NEIN!«

»Doch.«

»Nein. Nein. Nein. DER Professor?«

»Aber ja doch.«

»Davidobski? Du lebst?«

»Wie meinen?«

»Einen Augenblick, Professor. Bleiben Sie am Apparat.« Der Direktor hielt den Telefonhörer mit ausgestrecktem Arm weit von sich, sah, wie dieser sein Arm zitterte, wie diese seine Hand zitterte, und wußte endlich, daß er nur träumte.

Sogar die Weinbrandflasche, die er im Traum leert, steht nicht auf dem Schreibtisch. Beweis genug. Im wirklichen Leben meidet er den Alkohol, er ist kein Mann, der sich berauschen muß. Er träumt, er träumt natürlich nur, daß er trinkt, so wie er als Kind träumt, daß er zeppelingroße Zigarren raucht oder auf ihnen herumkaut, bis sie ihm schmecken. Er träumt nur, das ist nur natürlich. Irgendwo im Raum-Zeit-Kontinuum muß es ja doch alles heraus früher oder später, und warum nicht früher, er will ja nicht krank werden. Aber dieses Telefongespräch ist nur das Vorspiel, gleich kommt ja der alte Davidobski-Traum, gleich wacht er schweißgebadet auf, oder halb erfroren mit einem Bart voller Eiszapfen. Aber diesmal nicht. Aber diesmal lädt der Zoodirektor den Chorleiter Professor Davidobski ganz offiziell zum Essen ein, denn er lädt ihn sonst nicht zum Essen ein, weder offiziell noch inoffiziell. Denn meistens wird er von einem haarigen Wesen mit warzigen Auswüchsen im Keller im alten kleinen Nachttierhaus angefallen und hört nur die gräßliche Stimme dieses Davidobskiwesens, einen herzumdrehenden Kontratenor, der ihm östliche Litaneien ins Ohr spießt. Aber Zoodirektor und Chorleiter Professor essen dieses eine Mal ganz zivilisiert in einem gediegenen Restaurant zu Abend, und das Restaurant liegt weit draußen in der Stadt. Und schon beim Käse wird Zoodirektor deutlich. Und Professor wird kleiner und kleiner. Und schon beim Dessert sagt Zoodirektor zu Professor, daß er ihn nie wieder zu sehen oder zu sprechen wünscht, nicht im alten kleinen Nachttierhaus bei den Koboldmakis, nicht bei Orangs über dem alten Nachttierhaus, nirgendwo im Zoo. Zooverbot auf Lebenszeit, kraft seines Amtes als Zoodirektor. Professor schrumpft auf Däumlingsgröße, ist kaum mehr zu erkennen hinter dem Vorhang aus Zigarrenrauch. Wie er wohl aussieht, heute, der Davidobski, in Wirklichkeit? Vorsicht vor Fragen. Er darf nicht aufwachen. Schlau sein im Schlaf. Hier ist die erste und einzige Gelegenheit, den Traum für alle Zeit zu beenden. Er beobachtet, wie der Telefonhörer zum Zoodirektor zurückflattert. Jetzt spricht der Zoodirektor.

»Verzeihen Sie, Professor. Ich weiß, daß Sie leben. Und ich weiß, daß Sie anrufen. Und eben gerade will ich Sie zum Essen einladen. Hören Sie?«

»Ich höre.«

»Wir haben keine Zeit zu verlieren. WIRMÜSSENUNSTREFFEN. Aber ich kann jetzt nicht sprechen, wie ich will, es ist nämlich Besuch in meinem Büro, alte Wickelkinder, alte Damen, Sponsoren, Spenderinnen, sehr alte sehr liebe Damen, das Neue Nachttierhaus muß noch in diesem Jahr seine Grundsteinlegung – ich nehme an, Sie haben schon gehört, Sie wissen – und Sie leben noch! Sie müßten längst gestorben sein.«

»Ich lebe noch. Fahren Sie fort. Das Neue Nachttierhaus muß noch in diesem Jahr …«

»Muß noch fertig werden im übernächsten Jahr. Ich rechne voll mit diesem Jahr im übernächsten Jahr. Dieses Jahr ist abgeschlossen. In diesem Jahr heißt übernächstes Jahr. Dieses Jahr ist übernächstes Jahr. Verstehen Sie mich?«

»Dieses Jahr ist übernächstes Jahr. Gar nicht so abwegig. Durchaus möglich.«

»Professor, lieber alter Freund, jetzt wollen wir aber endlich essen. Austern, wie es sich gehört. Ich habe Ihre geliebten Austern bestellt. Bei Pilzen war ich mir nicht so sicher. Sie essen doch Pilze? In Tomatensoße? Pilze, mein Leben lang hat man mir die kleinen Giftzwerge als Tiere unterjubeln wollen. Und danach gegrillte Lammkoteletts? Käse? Dessert? Alles? Gefällt Ihnen das Restaurant?«

»Ich bin Vegetarier. Wie Sie langsam wissen müßten.«

»Professor, bleiben Sie am Apparat! Noch essen wir nicht. Noch telefonieren wir. Tja, was soll ich sagen? Nach all den Jahren! Was hab ich Angst ausgestanden um Sie. Die Wirren der Zeit. Die häßlichen Dinge, von denen man hörte. Wir müssen zusammen essen. Ich singe noch, das heißt, ich singe eigentlich nicht mehr, das heißt nur noch zu Hause, Sie müssen meine Frau kennenlernen, sie könnte auch für uns kochen, wir könnten zusammen essen! Wir haben immer von Ihnen gesprochen und die alten Platten gehört und die alten Zeitungsartikel vom großen Davidobski haben wir gelesen, immer und immer wieder. In welchem Hotel wohnen Sie?«

»Ich sitze hier auf K 2 bei unserer jungen Kollegin Matthes, Herr Direktor. Tut mir leid, daß ich Sie stören muß. Wir haben hier ein kleines Problem. Die Kiste ist fertig. Aber wir müssen unbedingt zusammen essen. Morgen bei mir. Nach der Runde. Wenn Sie wieder auf dem Damm sind, alter Freund. Ich könnte uns einen pikanten Gurkensalat …«

»Davidobski, nenn mich nicht so.«

»Ich darf Sie nicht mehr alter Freund nennen?«

»Nenn mich nicht Herr Direktor. Nenn mich, wie du willst. Aber laß den Direktor aus dem Spiel. Nenn mich meinetwegen Rotzbengel, wie früher. Nenn mich Heulsuse, Xanthippe, Pullermännchen, nenn mich FEUERLE, aber nicht …«

»Einen Augenblick, Herr Direktor. Bleiben Sie bitte am Apparat.«   

Der Direktor hörte und spürte, wie der Telefonhörer oder der ganze »Apparat«, an dem er bleiben sollte, in einen dumpf blubbernden, siedend heißen Kochtopf getaucht wurde. Er wartete. Er war müde. Er schwitzte. Nichts geschah. Was immer in einem Augenblick zu geschehen imstande ist, geschah nicht. »Ungünstig …« blubberte es im Kochtopf. »Schwierig …«, »Vorsichtig …«

»Herr Direktor? Hören Sie? Es gibt nicht den geringsten Grund zur Aufregung. Ich spreche aus dem Zoo, aus nächster Nähe. Und ich sage: Die Kollegin Matthes, bei der ich hier sitze, möchte Ihre Unterschrift. Nur Ihre Unterschrift. Aber sie hat ein kleines Problem mit dem Telefon, wie es scheint. Denn es scheint, als sei die Zooleitung nach draußen geschaltet, nein, nach drinnen. Und Ihre Privatleitung, Herr Direktor, ist nach draußen geschaltet? Wie dem auch sei. Wir sind hier völlig Herr der Lage, wir brauchen nur Ihre Unterschrift. Wenn Sie wissen, worauf ich hinauswill.«

»Hinauswill? Wer spricht?«

»Der Professor.«

»Professor? Welcher Professor? Professoren gibt’s wie Sand am Meer. Verstellen Sie sich nicht. Ich weiß, wer Sie sind. Ich weiß, was Sie essen. Ich weiß, daß Sie schlecht schlafen. Hier spricht der Zoodirektor. Identifizieren Sie sich.«

»Hier spricht Ihr Professor. Auf K 2.«

»Welchen Tag haben wir heute?«

»Samstag. Vielleicht können Sie Frl. Friederike am Montag instruieren, daß sie die Leitungen …«

»MONTAG?!«

»Montag ist übermorgen. Heute ist Samstag. Instruieren am Montag. Unterschreiben am Samstag. Gestern war Freitag. Morgen ist dann wieder Sonntag. Und so weiter. Die laufende Wochenparole lautet ›Treibt sie!‹ Ich muß gestehen, ich habe vergessen, was die Parole bedeutet. Wen sollen wir treiben?«

»Treibt sie! Treibt sie!«

»Wen? Wohin?«

»Treibt sie in die Winterquartiere, ihr Hohlköpfe!«

»Natürlich. Kein Grund zur Beunruhigung. Überall wird getrieben. Die Pelikane waren gestern dran. Herr Direktor?«

»Ja bitte?«

»Kollegin Matthes hat die Spezialkiste zimmern lassen, die Kiste für den Persischen Leoparden. Der Leopard ist jetzt reisefertig. Was fehlt, ist Ihre Unterschrift. Garantie für Lebend Abfahrt/Lebend Ankunft. Ich habe das Tier mittelstark narkotisiert und gründlich untersucht. Keine Bedenken. Vielleicht könnten Sie Kiste und Tier heute abend noch abnehmen. Dauert nur ein paar Minuten.«

»Natürlich. Wann?«

»Gleich vielleicht? PanAmerican wollen das immobilisierte Tier.«

»Natürlich. Entschuldigen Sie, Professor. Ich bin noch etwas zerstreut. Zwei Detektive waren eben hier, in meinem Büro. Zwei Rechtsanwälte. Sie wissen, wie diese Leute sind. Wo meine Minuten doch …«

»Ich weiß. Kein Grund zur Aufregung.«

»Professor. Ich verlasse mich auf Ihr persönliches Lebend Abfahrt/Lebend Ankunft. Das Tier ist gesund? Sie haften mir.«

»Wie soll ich das verstehen, ich hafte Ihnen?«

»Das Tier ist gesund?«

»Ja.«

»Sie haften mir. Und wer zum Henker ist diese Kollegin Massel? Hat man sie mir schon vorgestellt? Ist sie ein Assistent? Alle entscheiden über meinen Kopf hinweg. Niemand informiert mich. Ich verlange einen ausführlichen Bericht.«

»Die neue Kollegin heißt Matthes. Wissenschaftliche Mitarbeiterin. Promoviert bei einem von uns beiden, wahrscheinlich bei Ihnen. Sie selbst haben ihr das Projekt vor drei Wochen übertragen. Persischer Leopard in den Taronga Zoo nach Sydney. Das Tier zeigte neuartige Stereotypien, und da die Kollegin Matthes über Stereotypien …«

»Taronga Park? Im Austausch mit?«

»Nichts. Er soll nur seine Manneskraft beweisen drüben in Australien. Dann kommt er zurück.«

»Ich verstehe. Dann kommt er zurück. Also gut, Professor, ich gebe Ihnen eine letzte Chance. Ich sehe Sie nachher. K 2? Ich komme sofort. Zweite Narkose. Und vielen Dank fürs Wecken. Sie haften mir.«

»Morgen zum Gurkensalat? Bei mir? Nach der Runde?«

»Zum Gurkensalat, ja nun – vielleicht. Ich lasse Ihnen Bescheid geben. Wie heißt diese neue Kollegin?«

»Matthes. Dorothee.«

»Eine Weibse also. Übrigens, was ich Ihnen schon lange sagen wollte, Professor, Sie dürfen nicht alles wörtlich nehmen, was ich Ihnen sage. Setzen Sie Prioritäten. Afrika. Kann man Afrika vergessen? Wo fängt es an? Bedenken Sie die Fluchtdistanz der handzahmen Tiere. Sie ist gleich null. Ja ja. Und jetzt an die Arbeit! Zweite Narkose. Kannenweise schwarzen Kaffee. Salzhering und ein kleines Helles. Ende.«

»Ende. Übrigens, Herr Direktor … Herr Direktor?«

*

Christoph! Wenn Du glaubst, daß ich zu Dir zurückkomme, nur weil Du mir bis hierher gefolgt bist und mir diese unendlich traurigen Photos von uns beiden von früher geschickt hast, so muß ich Dir mit Rilke sagen: Etwas hat mich langsam …

Dorothee Matthes wachte auf, und ihr war übel. Sie rollte ihren Kopf nach rechts und las: »hat mich langsam«. Ihre gerade, lange, weiße (nordische? nubische?) Nase versperrte Dorothee die Sicht auf Rilkes weitere Worte. Aber da standen keine weiteren Worte. Ihr phänomenales Gedichtgedächtnis hatte sie, wie so oft in letzter Zeit, im Stich gelassen. Die Verse gingen verloren, die stolze kleine Bibliothek in ihrem Kopf ging verloren, sie hatte eine schlimme Ahnung, warum. Und dann, Dorothee, so darfst du deinen allerletzten Brief an Christoph nie im Leben beginnen. Keine Konditionalsätze, keine Zitate, kein Erbarmen. Nichts, woran sein krankhafter Optimismus sich neu entzünden könnte. Nichts, was ihn in seinem hartnäckigen Irrglauben an »das gute Ende« bestärken würde.

Irgend etwas hatte sie geweckt. Sie lauschte. Weinte da jemand? Der Kassettenrecorder hatte sich automatisch abgeschaltet. Der tragbare Fernseher lief ohne Ton. Ihr war speiübel.

Dorothee hob ihr langes, schmales (elfengleiches? käsebleiches?) Gesicht und konzentrierte sich auf das dottergelbe Briefpapier mit dem Prägedruck Ms. Dorothee Matthes. Haydn Midwestern University. Haydn, Ohio. USA. Ein Christoph-Geschenk aus der Urzeit. Manchmal, wenn sie lange genug schnupperte, roch es noch nach Amerika, nach Hash Brownies und Vaseline und den Sitzen ihres ersten Autos. Auch nach Amerika hatte er sie verfolgt. Zuerst mit seinen steinschweren nichtssagenden Briefen, dann mit trunkenen Telegrammen, zugestellt nach Mitternacht. Später dann frühmorgens mit lallenden Telefonanrufen. Schließlich als professioneller Säufer auf einem Frachtschiff. Nicht mehr und nicht weniger verfolgt mich, dachte Dorothee.

Irgend etwas hatte sie geweckt. Der Direktor kam nicht. Ein Mensch, ein Mann, sollte verhaftet werden im Fernsehen. Sein Mund schnappte auf, die Handschellen schnappten zu, Dorothee erinnerte sich: Es war Samstagabend im Zoo, es regnete, oder schneite es, und der Direktor kam nicht. Da weinten welche hinter den Wänden. Hemmungslose Kinder heulten im Chor »Laßt uns ein! Laßt uns sein!«, wußten nicht, was sie wollten, und weinten sich die Augen aus. Dorothee preßte eine geballte Faust zwischen ihre Schenkel, beugte sich über die Stuhllehne und würgte eine schleimige farblose Lache auf den Kachelboden des ehemaligen Tierkrankenhauses K 2, das jetzt ihr Zuhause war. Schwer atmend inspizierte sie das Erbrochene. Ein paar Tomatenschalen waren zu entdecken. Ein paar dazu passende Reiskörner. Ein paar nicht identifizierbare winzige schwarze Punkte. Ein paar Tränen liefen über ihre Wangen. Die Ursprünge des Menschen, dachte sie schwerfällig, Wort für Wort, und dachte nicht weiter.

Dorothee drehte sich eine Zigarette. Ihre langen, schmalen, kräftigen Hände zauberten gut geratene, wohlgerundete Zigaretten in ihren feingeschnittenen, kleinen, nachdenklichen Mund. Dieser Mund, hatte Chris in der Urzeit formuliert, gehörte einem aristokratischen Fisch. Geboren im Zeichen der Fische und auf stattliche ein Meter achtundsiebzig herangewachsen, mißbilligte cand. biol. zool. Dorothee Matthes den unverschämten Vergleich mit finster gekräuselten Lippen. Wie klein deine Münder, hauchte der trunkene Optimist, wie groß deine Seele. Christoph Albert Dalluge, einen guten Kopf kleiner als sie und an chronischem Optimismus leidend, brach in Amerika sein Medizinstudium ab, verdingte sich als Treppenterrier und Mädchen für alles (Leichenwäscher?) in der Anatomie, kaufte sich ein altes Altsaxophon und komponierte Balladen für sie. Blieb aber klein und gemein.

Christoph! Wenn Du glaubst, es gebe zwischen uns irgendeine »Chemie« (wie Du Dich ausdrückst), die qua Naturgesetz dazu führt, daß wir letzten Endes immer wieder aufeinander »reagieren« werden wie die »Elemente«, so beweist dieser Dein elementarer (sic!) Irrglaube nur, daß Du weder …

Lieber Christoph! Stell Dich den facts. Deine Liebe kommt, wie alles von Dir, ungelegen oder zu spät oder beides. »Unser Garten der Liebe« (wann soll das gewesen sein? Dieser ganze Kitsch in Deinem Kopf!) hat nie existiert. War Deine Privatillusion, eine Kette von erwiesenermaßen falschen Interpretationen unseres persönlichen allo-grooming, unserer verhaltensspezifischen …

Christoph! Mir ist übel. Übel wegen Dir. Ich will Dich nie wieder sehen. Ich will, daß Du aus meinem Leben verschwindest, endgültig. Ich werde unsere Bilder vernichten (die Photos, meine ich). Ich werde nur noch ich selbst sein. Ohne Dich! Ich wünschte, Du wärst in Australien oder im Gefängnis oder tot. Es tut mir leid, daß ich so offen …

Christoph, mein kleiner dummer Irrer! Wo immer Du Dich aufhältst hier in der Stadt, Du kriegst mich nicht mehr. Du bist out. Got it? Hör auf, mir diese schwachsinnigen Briefe zu schreiben. Steck Dir die alten Photos sonstwohin. Ich habe eine neue Liebe gefunden, die wahre diesmal, er ist das genaue Gegenteil von Dir, in allem besser als Du, meiner würdig. Er ist der Mann, nach dem ich mich mein ganzes Leben gesehnt habe, den ich als gleichberechtigten Partner gesucht und gefunden habe. Er ist …

Ein fernes unerfindliches und gleichzeitig furchterregend nahes elendes »Nein! Bitte nicht« (Neiiin! Bieeeteee nieeecht!) ließ Dorothee zusammenfahren.

Wir befinden uns nicht mehr in der Wirklichkeit? Wir träumen noch? Wir haben uns nicht erbrochen? Unser Christoph Dalluge hat nie existiert? Wir liegen zu Haus im Dorobett unter der Obhut der grauhaarigen Frau? Die grauhaarige Frau erzieht uns nach den modernsten Gesichtspunkten der Pädagogik in Sexualität und Geldangelegenheiten? Es geht uns gut? Wir haben nicht den Verstand verloren und unser Gedichtgedächtnis? Wir sind allein?

Nein! Bitte nicht! Du hast es doch deutlich gehört, Dorothee.

Der Direktor vielleicht? Der Direktor befand sich nicht im besten aller Zustände, meinte der Professor. Oder Chris, schon vor der Tür, immer schon vor der Tür, immer schon gut im Gedankenlesen? Sie hatte ihm verboten, den Zoo zu betreten. Oder der Fernseher? Sie drehte den Ton auf.

»Rekonstruieren wir in aller Ruhe den Tag, meine Herren, Minute für Minute, als Madeleine unvermittelt das Kino verließ, um sich, warum wissen wir noch nicht, aus dreihundert Meter Höhe …«

Rekonstruieren wir den Tag. In aller Ruhe. Jede Minute zählt. Himmel hilf. Ihr Blick sprang auf die Normaluhr über der Tür des ehemaligen Kleinen Behandlungsraums im Tierkrankenhaus K 2.

Ach so, dachte Dorothee, ihr seid das. Ihr seid das, und was habt ihr mich wieder erschreckt. Sie atmete tief aus, drehte sich eine neue Zigarette, beobachtete den Fernsehschirm, auf dem ein Gesicht mit Männermund und all den überflüssigen Bartstoppeln näher rückte und verschwamm. Dann kam die Rückblende, die verschwommene Vergangenheit, ein Mädchen im Glitzerkostüm schaukelte auf dem Trapez, lächelte, streckte die Hand aus. War das Madeleine?

»… und ich sagte mir, das ist pures Gold das Ding, und wenn ich damals gewußt hätte, daß sie meine Schwiegernichte ist, daß wir überhaupt verwandt sind miteinander, dann hätte ich …«

Ja, das unerschöpfliche Lautreservoir des Zoos hatte Dorothee erneut einen Streich gespielt. Sie versuchten ununterbrochen, sich verständlich zu machen, die Lieblinge. Auch jene Tiere, die sie noch gar nicht kannte, die also erst später ihre Lieblinge sein würden, versuchten sich verständlich zu machen. Dorothee wußte, aus Beobachtungen in früheren Zoos, daß jedes Tier, auch das kleinste und geringste, eine sprachlose Erhebung seines Wesens durchlebte, sobald im festen Mitarbeiterstab der Veterinäre und Biologen und Zoologen und Pfleger und Eisverkäufer ein neues »menschliches« Gesicht auftauchte. Die Tiere wußten genau, was ein neues menschliches Gesicht bedeutete. Komposition, Proportion und Farbgebung eines neuen menschlichen Gesichts blieben ihnen nicht verborgen. Auch nicht die Strahlungen des menschlichen Gehirns. Sie reagierten darauf. Zwischenartliche Kommunikation fand statt, nachts vor allem, wenn das Futter schon lange verabreicht, der Hunger gestillt war. Ich muß mehr Routine entwickeln, dachte Dorothee. Sie war schließlich nicht zu ihrem Vergnügen hier.

Es waren natürlich die Augenkranken Tiere. »Nein! Bitte nicht!« war natürlich eine psychomotorische Überreaktion auf Dorothees elektrische Emanationen beim Schreiben des unseligen Christoph-Briefes, im Bruchteil einer Millisekunde mit der nicht-semantischen Lautgebung der Augenkranken Tiere verschmolzen und auf das menschliche Hörzentrum projiziert. So mußte es gewesen sein. Oder jedenfalls so ähnlich. Ein Phänomen, das den hiesigen Zooleuten nicht fremd zu sein schien, es kursierten die wildesten und gespenstischsten Geschichten über lautliche und visuelle »Erscheinungen« in diesem artenreichsten Zoo der Erde. Bioparanoia, dachte Dorothee, der gesunde Hunger nach der Erklärung des Universums.   

Es war die Stunde. Es waren die armen Augenkranken Tiere, die niemand kannte und niemand je zu Gesicht bekam. In den K 2-Laborkäfigen des Professors, die niemand kannte und niemand je zu Gesicht bekam, stimmten die armen Augenkranken Tiere ihr allabendliches Gruselkonzert an, vor dem Dorothee nicht früh genug hinaus in den dunklen Zoo flüchten konnte, seit sie die genaue Stunde wußte. Und wenn sie geflüchtet war, schämte sie sich, in der kalten schwarzschwefeligen Herbstluft über dem stillen, graugelb dampfenden Robbenbecken, allein über ihrem verschwommenen Spiegelbild. Vielleicht wollten die Augenkranken Tiere ihr etwas sagen. Vielleicht waren sie sogar gefangen. Aber nun waren ja hier alle gefangen. Aber vielleicht waren sie auf besonders grausam wissenschaftliche Art gefangen und spürten in ihren winzigen Nervenenden, daß jemand in ihrer Nähe war, der sie retten konnte. Vielleicht schmiedeten sie schon Fluchtpläne, in denen Dorothee die Schlüsselfigur war, die neue K 2-Mitbewohnerin Matthes, die feige Zoologin. Vielleicht gaben sie ihre unbeschreiblichen Konzerte für Dorothee Matthes allein. Sie mußte den Professor vorsichtig aushorchen, seit wann seine Tiere diese Laute produzierten. Sie mußte sich zusammennehmen und bleiben und zuhören, wenn die Stunde wieder kam. Heute mußte sie sowieso bleiben und zuhören, denn der Direktor hatte sich verspätet. Als würde ihn Salis weite Reise gar nicht betreffen, als würde er kein Herz haben für Salis Schicksal, als würde ihm Sali gar nicht gehören (gestiftet von der städtischen Spielbank), als würde es Sali gar nicht geben. Dabei hatte er noch letzte Woche vor Salis Innenkäfig einen Vortrag gehalten über den Transport von Großkatzen, über den Kistenbau, das Verladen, die versicherungstechnischen Fallstricke der Lebend Abfahrt/Lebend Ankunft-Garantie, die medikamentöse Ruhigstellung. Ob Sali eine zweite Surital-Analgesie unbeschadet verkraften konnte? Seit sie den jungen Persischen Leoparden vor zwei Monaten zum ersten Mal gesehen hatte (sein Fell sträubte sich sacht, er speichelte geringfügig, er gehörte ihr gleich mit Haut und Haaren), gefielen ihr seine optomotorischen Reaktionen nicht.

In Haydn, Ohio, komponierte Christoph ein Altsaxophonsolo, das er Lionizing the Leopard nannte. Er spielte es wie einen Wutanfall. Er haßte Dorothees Tiere, jede Katze, jeden Hamster, vor allem die Abbildungen in ihren Büchern. Er war nicht ungefährlich, vielleicht sogar gemeingefährlich, ein Psychopath, der seine Krankheit wollte und liebte. Käthe, ihre junge, grauhaarige Mutter, schloß sich in ihrem Zimmer ein, wenn er zu Besuch kam in der Urzeit. In der Urzeit versorgte Dorothee ihn mit vegetarischem Essen, Kleingeld für Bier und Tequila. Er war ihr Folterknecht und ihr hungriges, frierendes Kind, in beiden Rollen ein bösartiger Optimist. Aber in der Urzeit hörte Dorothee ihr Herz wachsen und über sich selbst hinauswachsen, sie hörte es pochen für ihren Christoph Columbus, ihren Großinquisitor (»Wenn du mich betrügst, bring ich dich um!«, »Wenn ich dich betrüge, bring ich mich um!«), ihren Wilden, ihren Primitiven, ihre blutige Vergangenheit, die sie nicht kannte. Er war ihr gefolgt wie ein Fuchs, über Land und Meer, und sie liebte ihn dafür. Sie wußte, welche Herausforderung an ihre Kraft dieser Christoph bedeutete, sie freute sich darauf, ihn zum Besseren zu verändern, sie arbeitete an ihm, mit ihm, für ihn. Auf die Urzeit folgten erste Trennungen, in der Frühzeit. Undramatische Versteckspiele mit beiderseits bekannten Verstecken, süße Tränen in Cafés, Umarmungen im Regen und so weiter. Aber dann hielt Christoph Einzug in Dorothees Alpträume, wo er langsam und genüßlich seine Brillengläser putzte und – nicht im übertragenen, sondern im buchstäblichen Sinn – sein Gesicht verlor. Mann ohne Gesicht, aber mit funkelnagelneuer Brille, verfolgte er sie im Schlaf und bald auch im Wachzustand. Eine Stunde ohne Christoph, und sie konnte sich nicht mehr an sein Gesicht erinnern, das sie früher unter den Vorzeichen der Zärtlichkeit so blind, so auswendig gekannt hatte. Und wenn er aus Bar, Anatomie (vom Leichenwaschen?) und Supermarkt zurückkam und ihr gegenüberstand, war sein Gesicht keine angenehme Überraschung, sondern eine Bierbüchse aus zerknautschtem Wegwerfblech, den Versuch einer Entdeckung oder Gedächtnisleistung nicht wert. So begann, wieder in Deutschland, die Spätzeit, auf demselben Terrain wie die Urzeit. Sie gingen jetzt viel ins Kino, dreimal täglich war keine Seltenheit, aßen Süßigkeiten in rauhen Mengen und tranken Bier, während auf den Leinwänden der Stadt die Mimen systematisch ihre zweidimensionale Arbeit verrichteten. Wortwechsel zwischen den Haydn-Heimkehrern fanden willentlich statt, Berührungen der verstummten Geschlechtsteile unwillentlich oder unwillig. Er komponierte und gab Nachhilfestunden in Englisch und Biologie, sie hörte ihn auf seinem Saxophon wüten in finsteren Löchern, brachte ihn ins Bett, teilte ihren Monatsscheck mit ihm. Vor dem Einschlafen neben Christoph, von dem sie nie wußte, welche Pläne er gerade schmiedete, sendete Dorothees Gehirn verzweifelte, eindeutige Signale an die niedrige Neubauzimmerdecke: mach, daß er Ruhe gibt, daß er sich in Nichts auflöst, daß es ihn nie gegeben hat, daß er tot ist. Natürlich meinte sie es nicht ernst. Aber ihre Angst wuchs. Sie durchsuchte seine Taschen, ohne zu wissen, wonach sie suchte. Sie fand nichts, und dieses Nichts rührte sie zu Tränen. Sie überlegte ernsthaft, ob Heiraten helfen würde, aber er lehnte entrüstet ab. Wir haben noch soviel vor uns, schrieb er. Aus ihrem Schreibtisch verschwand ein wertvolles antiquarisches Buch über die vergleichende Entwicklungsgeschichte der Tiere und tauchte nie wieder auf. Der Fahrstuhl ließ die dünnen Wände erzittern, und Dorothee schloß sich mit ihrer Arbeit im Badezimmer ein. Hättest du nur auf mich gehört, telefonierte Käthe aus ihrem Dorf. Das alles hat einen Sinn, wirst schon sehen, schrieb der Optimist in seinen fetten Briefen.

Lieber Chris! Der Gesang der Augenkranken Tiere klingt wie eine schmerzliche Unterhaltung über Schmerzen im Wartezimmer eines Arztes. Nie gehörte körperlose Stimmen am Rande der Wahrnehmung, am Rande der Großhirnrinde, am Rande des Wahnsinns. Jeden Abend ist es, als ob die Augenkranken Tiere sich fürchterlich voneinander verabschieden. Oder sie unterhalten sich, über kurzlebige Themen, wie auf einem Bahnhof vielleicht. Ich warne Dich! Komm nicht hierher!

Tagsüber waren die Augenkranken Tiere still. Das Labor des Professors (er besaß eine Dependance in K 1) blieb ständig verdunkelt und verschlossen. Es lag am anderen Ende des feuchtkalten, uralten Klinkerflachbaus K 2, gesichert durch eine graue ledergepolsterte Tür, einen unheimlichen Gang, eine zweite, nie gesehene, aber vorhandene Doppeltür. Durch einen Spalt, ehe die erste Tür gähnend ins Schloß fiel, hatte sie einen kurzen Blick in den Gang werfen können, der zu den Augenkranken Tieren führte, gleich an ihrem ersten Tag in diesem Zoo, allein auf ihren Koffern sitzend (die der grußlos hereinkommende Professor lange anstarrte, aber nicht tragen helfen wollte), den reisemüden Kopf voller neuer Tierpläne und Tierideen. Im zwielichtigen Gang, für die Belichtungsdauer eines Augenblicks, hatte sich etwas bewegt, fanden Farbwechsel statt, funkelnd dunkelgrün negativgrau leuchtend blau indifferent gelb und so weiter, Kugeln und Kreise und Fragezeichen schnellten und wirbelten und schwebten und sanken. Der Blick in diesen Gang war ein Blick in die tiefste Tiefsee.

Und der Professor trug merkwürdige selbstgefertigte Brillen, Kappen und Kopfleuchten, wenn er sich auf den Weg in sein Labor begab. Sie wirkten wie Artefakte aus den Anfängen der exakten Forschung, wie Apparaturen aus einem technischen Museum, umständlich und veraltet und nicht ungefährlich. Manchmal sah er aus wie der erste Taucher, manchmal wie der erste Bergarbeiter, manchmal wie beides oder Schlimmeres. Wie der erste Halsnasenohrenarzt des industriellen Zeitalters, der tief in die Kehlen tauchen will, sich tief in die Ohren graben bis hinauf ins Hirn, mit Instrumenten, die er eben erst erfunden hat.

Korrekt und furchterregend normal unter den Apparaturen auf seinem Kopf wirkte der gesteifte weiße Kittel des Professors, den er jeden Tag zu wechseln schien. Blut war nicht zu sehen. Natürlich ging alles mit rechten Dingen zu. Die Masken, Taucherbrillen, teleskopischen Tentakel trug der Professor gewiß nicht zum Spaß. Immerhin arbeitete sie jetzt in einem weltberühmten Zoo unter Anleitung namhafter Wissenschaftler.

Es wird Zeit, Doro Matthes, hatte sie sich gerade gestern für die Zukunft notiert (soviel Zukunft jenseits von Christoph Dalluge!), daß du deine Phantasie zügelst und dich auch außerhalb deiner Dissertation hin und wieder auf den Boden der Tatsachen stellst. Soweit die erste Eintragung in ihr neues Zootagebuch. Nicht schlecht.

Aber die Tatsachen im weltberühmten Zoo schienen auch nicht immer von dieser Welt zu sein. Zum Beispiel der Professor, der das K 2 auf seinen stelzigen sexy Marabubeinen vor allem nachts heimsuchte. Frühmorgens um zwei tastete sich Dorothee, die seit ihrer Kindheit keinen Lichtschalter finden konnte, zum alten Großen Behandlungsraum, der jetzt als Küche und Besprechungszimmer diente, kollidierte mit dem Kühlschrank, nahm einen Schluck Milch, fühlte ihr Herz plötzlich schneller schlagen und drehte sich hellwach um. Auf dem Fußboden in der Fensterecke hockte etwas, kürbisgroß mit Fühlern und funkelnden Riesenaugen. Ein entflohenes Augenkrankes Tier, gänzlich aus Augen bestehend und den Atem anhaltend wie Dorothee. Sie lockte leise: komm her, armes Tier, brauchst keine Angst haben. Das Tier rührte sich nicht. Dorothee öffnete die Kühlschranktür weit, bewaffnete sich mit dem Milchkrug und durchquerte gebückt die Küche.

Gräßlicher als das gräßlichste Tier, was da hockte oder lag oder stand. Ein Folterinstrument aus schwarzem Metall, ein Helm, eine Taucherglocke mit langen messerscharfen und kleinen dornigen Antennen über dem spiegelblanken Sichtfenster. Das Ding summte leise vor sich hin, es war eingeschaltet, es lebte, es arbeitete. Für welche Perversitäten brauchte man diese Höllenmaschine? Daneben, auf einer Sitzbank und bisher unbemerkt, die hagere dunkle Gestalt unter einer Wolldecke, der Professor, mit starrem Blick und stumm wie ein Toter. Dorothee flüchtete zurück in ihren ehemaligen Kleinen Behandlungsraum.

Anderntags kein Wort. Der Professor saß an seinem Schreibtisch in der ehemaligen K-2-Futterkammer und widmete sich einer so harmlosen Tätigkeit wie dem Öffnen von Briefen (wer schrieb ihm?). Was hatte sie in der Nacht wirklich gesehen? Einen Roboter? Im nachhinein schien es ihr, als sei das Summen, das sie bis in den Schlaf verfolgt hatte, kein gewöhnliches elektrisches Summen gewesen, sondern ein Gemisch aus unzähligen irrsinnig schnell abgespulten Gesprächsfetzen. Das Ding summte strukturiert, es produzierte lautliche Äußerungen, es hatte vielleicht sogar eine Botschaft zu übermitteln. Sie sah es nicht wieder. Aber noch oft träumte sie und würde sie träumen von einem toten Roboterkopf, in dessen Innerstem irdische sprachbegabte Madenwürmer geheimnisvolle Botschaften austauschten, die nichts Gutes bedeuteten.

Der Professor behandelte sie wie ein Kind. Wie ein kluges Kind jedoch, dem man nicht viel zu erklären brauchte. Er sammelte Photobände in seiner Futterkammer, von bekannten und unbekannten Photographen, vornehmlich aus den Kriegen. Sehen Sie her, sagte er und schlug einen Band auf und schlug ihn zu, bevor sie einen Blick auf das Photo werfen konnte. Der Professor sprach, wenn er sprach, in Rätseln. Eine Form der männlichen Eitelkeit, die Dorothee von Christoph kannte. Nuscheln (mein Atem ist kostbar) oder verquere Geistreicheleien (meine Gedanken sind anstrengend) oder lange Sätze mit bodenlosen Pausen (meine Worte sind abgrundtief) oder alles zusammen. Der Rumpelstilzeffekt. Sie waren so leicht zu durchschauen. Und doch hatte der Professor vorhin völlig unerwartet beim Telefonpalaver mit dem Direktor, der sich nicht »im besten aller Zustände« befinden sollte, so etwas wie kollegialen Humor anklingen lassen.