Die Gehilfin - Martin Kluger - E-Book
SONDERANGEBOT

Die Gehilfin E-Book

Martin Kluger

0,0
7,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 7,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Berlin im Taumel der Gründerzeit: In der Frauenabteilung der Charité kommt ein Kind zur Welt, die Mutter stirbt bei der Geburt. Henrietta Mahlow wächst bei ihrem trunksüchtigen Vater auf, der sich in der Klinik als Krankenwärter durchschlägt. An seiner Seite verbringt das neugierige Mädchen ihre Kindertage zwischen Präparaten und Reagenzgläsern. Hier in der Charité, dem Zentrum der medizinischen Welt, versammeln sich in diesen Jahren die großen Forscher: Rudolf Virchow, Robert Koch, Paul Ehrlich, Emil Behring – und wie selbstverständlich bewegt sich die aufgeweckte Henrietta zwischen ihnen. In den Sezierstuben und Labors wird sie zur Zeugin, wie die Entdeckung des Tuberkulose-Erregers die Vorstellungen von Krankheit revolutioniert. Je deutlicher jedoch Henriettas eigene Begabung wird, desto unüberwindlicher stellen sich die Schranken von Herkunft und Geschlecht in ihren Weg. Sie nimmt in Männerkleidern ein Medizinstudium auf – es kommt zum Skandal. So nimmt Henrietta als Frau den Kampf auf, sich in der Männerdomäne der Wissenschaft zu behaupten. Spannend und anrührend erzählt ›Die Gehilfin‹ die fiktive Lebens- und Liebesgeschichte einer außergewöhnlichen Frau, einer »Olivia Twist«, die das Unmögliche versucht. Dabei entwirft Martin Klugers lebensvoller Roman ein Panorama vom goldenen Zeitalter der Medizin zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik – und zeigt auch die Schattenseiten des menschlichen Forscherdrangs.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 430

Veröffentlichungsjahr: 2014

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Titel

Martin Kluger

DIEGEHILFIN

Roman

Impressum

Vollständige eBook-Ausgabe der im DuMont Buchverlag, Köln

erschienenen Taschenbuchausgabe, 1. Auflage 2014

© 2006 DuMont Buchverlag, Köln

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Lübbeke Naumann Thoben, Köln

Umschlagmotive: © akg-images/Erich Lessing

ISBN eBook: 978-3-8321-8667-8

www.dumont-buchverlag.de

Zitat

Only the impossible lasts forever; with

time, it is made accessible.

Djuna Barnes,Nightwood

Widmung

Für Maureen

Inhalt

Erstes Buch  Henrietta

1 Darf ich diese Tür öffnen?

2 Der Wassertropfen

3 Wie sie über die Brücke geht

4 Die erhängte Maus

5 ›Fai un respiro profondo‹

6 Ein Märzabend

7 Die Aufteilung der Welt

8 Philadelphia

9 Vorsichtige Vögel

10 Vater unser

11 Zwei Wutanfälle

12 Das gelbe Kleid

Zweites Buch  Henry

1 Dr. Berserker

2 Der Löwe des Ostens

3 Sturmwarnung

4 ›Ich geh schon mal vor‹

5 Engel für Henry Wittig

6 Die rote Kammer

7 Das Weib fragt

8 Nadelöhr

9 Und eine Liebe …

10 Emily

Drittes Buch  Silhouette

1 1900

2 Lebenslauf einer Frau

3 Du-Nie-Wieda

4 Nacht der Nächte

5 Herzfehler

6 ›The Game of Sweet Revenge‹

7 Die weißen und die schwarzen Tasten

8 Ich bin du

9 Ein Kuhhandel

Erstes Buch

Henrietta

1 Darf ich diese Tür öffnen?

Henriettas Vater war Tischler, er besaß eine eigene kleine Werkstatt in der Langen Straße. Kein glücklicher Name für eine Straße, meinte er, sie ist am Ende so lang, daß kein Kunde zu mir findet. Doch die Leute wollten seine Stühle und Schränke, und besonders seine Tische, denn er stand in dem Ruf, einen Tisch für jeden Gebrauch und jeden Geschmack binnen eines Tages und einer Nacht anzufertigen. Warum warten?, dachten die Leute, wenn es in der Langen Straße so fix geht und auch nicht mehr kostet als bei Tischlern in kürzeren Straßen. Paul mußte sich gar nicht groß anstrengen, seine Hände arbeiteten wie von allein, und er sang dabei: ›Ist dein Herz noch ledig, schick es nach Venedig.‹ Sein Herz war aber nicht ledig, es gehörte Luise, der Zigeunerin aus dem Havelland. Luise war keine echte Zigeunerin, für so eine hätte Paul Mahlow auch keine Verwendung gehabt, aber sie hatte schwarze Augen und gekräuseltes schwarzes Haar, in dem sie rote und gelbe Bänder trug, und war von ihrer Familie verstoßen worden, wegen Träumerei, fortwährendem Singen und Aufmüpfigkeit. Der Dorfschullehrer hatte ihr schwiemelige Augen gemacht, und sie hatte ihn mit einem Buch erschlagen, wovon er nur allmählich genesen wollte, er fühlte sich in seiner Ehre gekränkt, Bücher waren ihm heilig. Luise wanderte also los und war tagelang von Wiesen und Nebel umgeben, bis sie irgendwann am Horizont das Häusermeer der Stadt sah. Auch wer das Meer noch nie gesehen hat und gar nichts davon weiß, verspürt Sehnsucht danach, will hin und hinein und nie mehr hinaus.

Luise ernährte sich ihren Hals als Korbmachergehilfin, aber der Korbmacher war unmusikalisch und setzte sie bald auf die Straße. Sie fand Arbeit als Bedienung in einer Eßhalle, da ging es so lärmend zu, daß ihre Lieder gar nicht gehört wurden und man sie in Ruhe ließ. Und in jeder freien Minute sang Luise mit den Leierkastenmännern in den Höfen und auf den Brücken, aus reiner Freude am Singen, was eigentlich verboten war, denn zum öffentlichen Singen brauchte man Lizenz vom Amt. Ein Blauer wollte sie an der Jannowitzbrücke in Gewahrsam nehmen, Luise riß sich los, glitt auf den regennassen Bohlen der Brücke aus und wäre um ein Haar von einem Pferdekarren überrollt worden, der eine Ladung Holz in die Lange Straße lieferte, vielleicht geradewegs zu Paul, aber das konnte sie nicht wissen, niemand weiß das.

Eines Wintermorgens schaute Paul von seiner Arbeit auf und sah die singende Luise im stockdunklen, verschneiten Hof der Werkstatt. Sie sang ›Ist dein Herz noch ledig, schick es nach Venedig‹, und Pauls lediges Herz machte sich postwendend auf den Weg zu ihr. Zwar hatte Paul seiner Mutter auf dem Sterbebett versprechen müssen, nie eine Rothaarige oder Schwarzhaarige zu heiraten oder, schlimmer noch, eine rothaarige oder schwarzhaarige Katholische, denn sie waren alle falsche Katzen, doch er konnte sein Herz nicht mehr aufhalten, es war schon unterwegs.

Paul und Luise gehen im Tiergarten spazieren, es ist Sonntag, Paul trägt Hut, den er lüftet und schwenkt, als der Kaiser mit seinen Kindern in der kaiserlichen Schlittenkutsche vorbeifährt, der Schnee fällt von den Bäumen, und Schnee bleibt an Luises Wimpern hängen. Schon den ganzen Nachmittag sucht Paul einen Baum, hinter dem er Luise vielleicht küssen könnte, jetzt ist, dem Kaiser sei Dank, ein Notfall eingetreten. Paul zieht Luise hinter einen Ahornbaum und haucht ihre Wimpern an, die Schneekrumen schmelzen und rutschen ihre Wangen hinab, es ist nicht weit zu ihrem Mund.

Vor dem ersten Kuß sagt Luise: Das wußte ich. Paul versteht nicht, wie sie etwas wissen kann, bevor es geschieht. Luise dreht und wendet einen Tannzapfen im letzten Licht des Tages, schau doch mal, es sind hundert kleine Tische. Paul sieht keine Tische an dem Zapfen. Hundert kleine Dächer, hundert kleine Dachziegel, hundert Schuhlöffel. Alles, was wir für neu halten und heutig, ist vielleicht immer schon dagewesen, sagt Luise, auch wir beide, es mischt sich, aber es ist immer das gleiche. Das sind ihre überkandidelten Gedanken, und Paul läßt sie ihr, so sind Frauen eben, sie müssen geheiratet werden.

Weil ihre Familie sie verstoßen hat, bringt Luise keine Aussteuer in die Ehe, dafür hat sie ein süßes Geheimnis. Als frisch Vermählte lassen sich Paul und Luise im Atelier Noack vor einem römischen Panorama photographieren, auf der Photographie ist das süße Geheimnis noch nicht zu sehen.

Paul, der in seiner Werkstatt unter der Hobelbank geschlafen hat, übernimmt die Wohnung der säumigen Zahler über der Werkstatt, zwei Zimmer und ein halbes, die säumigen Zahler ziehen ihren Karren durch den Regenmatsch der Langen Straße, irgendwann sind sie nur noch kleine Flecken am Horizont. Paul hat ihnen zwei Zuckerstangen gegeben, für einen Spiegel mit Entenornamenten. Paul zimmert Tisch, Spind, Schrank, Stühle und Bettstelle aus Mahagoni und eine Wiege aus Birke, er schnitzt einen Spielmann der Gardeinfanterie für seinen ersten Sohn, den er Wilhelm nennen will, aus Dankbarkeit für den Schnee und dafür, daß der Kaiser ihn nicht zum Krieg bestellt hat. Der nächste wird dann Paul heißen. Luise fegt singend die Späne zusammen, kocht, wäscht und schaut ihrem Mann aus den Augenwinkeln bei der Arbeit zu. Eines Nachts, als er von welkem Laub begleitet aus der Kutscherkneipe geweht kommt, überrascht sie ihn mit technischen Zeichnungen. Sie hat seine Handgriffe und Arbeitsschritte aus dem Kopf aufgezeichnet und numeriert. Sie hat eine Idee, wie Paul seine Kunst des Tischemachens verbessern, die Natur des Holzes wirksamer nutzen kann. Es ist alles im Holz, es ist alles schon da, du mußt es dir nur nutzbar machen, sagt sie. Paul ist müde und gereizt, in der Kneipe hat er beim Würfeln verloren, die Würfelaugen verfolgen ihn, ihm wird ganz schwindelig, als Luise ihm nun auch noch mit Zahlen kommt und vorschlägt, er möge den sechsten vor dem fünften Schritt machen. Paul zerreißt die Zeichnungen, sie streiten, Luise klaubt die Papierschnipsel vom Fußboden, Paul sperrt Luise aus, soll das Weibsbild im Hof beim Köter schlafen. Luise legt sich neben den Kettenhund, der sie aus Augenschlitzen beobachtet.

Weihnachten soll Wilhelm auf die Welt kommen, aber er will noch nicht, und Paul lädt die Hebamme zu Nüssen und Wein ein. Neujahr ist sie wieder da und läßt Paul und Luise wieder mit einer leeren Wiege zurück. Als Paul sie fünf Tage später holen will, weil Luise vor Schmerzen nicht aufhört zu schreien und ihr Gesicht blau anläuft, ist die Hebamme zu einer anderen Geburt unterwegs. Die Hebamme der Großen Frankfurter Straße ist unbekannt verzogen, ihre Nachbarn munkeln, sie erwarte selbst ein Kind, von unbekanntem Vater. Paul eilt zurück in die Lange Straße, spannt ein geliehenes Pferd und Wagen an und bringt die schreiende Luise in die Königliche Charité. Dort steht er nur im Weg, also geht er in die nächste Kneipe. Seine Havelländerin mit den wilden Augen und den überkandidelten Ideen wird das schon schaffen.

Die nächste Kneipe heißt Zum Siechen, hier stemmen Kranke und Medizinstudenten brüderlich vereint die Biere und singen im Chor: ›Das ist der Doktor Dieffenbach, der Doktor der Doktoren, er schneidet Arm und Beine ab, macht neue Nas und Ohren‹. Die Stimmung aus Todesnähe, Trotz und Traum ist ansteckend, es wird spät und später. Ein Bursche des Stabsarztes muß Paul aus der Kneipe holen, auf der Frauenabteilung kommen ihnen der junge dujour-Arzt und eine Diakonisse entgegen. ›Gestatten, von Leyden‹, sagt der junge Arzt, ›sie ist tot. Beileid.‹ ›Sie lebt‹, sagt die Diakonisse Mariechen Baltuttis, deren Oberlippe ein Milchbärtchen ziert, ›Glückwunsch.‹ Die Diakonisse öffnet ein Fenster. Die Nacht ist eiskalt und schwarzweiß, kein Sternbild ist zu sehen.

Im Schein der Blendlaterne und im Zustand der Biertrance nimmt Paul Abschied. Was kann ich tun, mein Herz, ich konnte nichts tun. Luises toter Mund ist weit aufgerissen. So kann Paul ihr nicht den letzten Kuß geben. Doktor von Leyden versucht, Luises Lippen zu schließen, es ist nicht leicht, schließlich muß er den Mund mit einem Riemen zubinden.

Aber das Kind lebte. Luises süßes Geheimnis, ihre letzte überkandidelte Idee bestand darin, daß es ein Mädchen war. Was nun, fragte Paul das Bierglas, das ihm ein Medizinstudent im Siechen unter die gerötete Nase gestellt hatte, was sollte er mit dem Wurm, ohne Frau? Der Medizinstudent, der Pauls Schmerz auf Pauls Rechnung teilte, verschaffte für eine Summe Geldes dem Wurm eine Amme auf der Frauenabteilung der Charité, es war die Herzogin von Polen oder Italien, jedenfalls eine hochgestellte Ausländerin oder ausländische Hochstaplerin, die unter falschem Namen ihr Kind geboren hatte und nur eines einzigen deutschen Wortes mächtig war: warum?

Es half nichts, irgendwann mußte Paul von seinem Tisch im Siechen aufstehen, wo man sich so rührend um ihn kümmerte und die Siechen ihre traurigen, trotzigen Geschichten erzählten, und unter den schneebeladenen, erinnerungsbeladenen Bäumen zum Amt laufen, das Wurm zu melden. An der Jannowitzbrücke schreckte ihn ein Affe aus seinen Gedanken an frühere Tage. Der Affe sprang von Passant zu Passant, erst jetzt bemerkte Paul, daß es ein Kind im Affenkostüm war, es wollte die Leute animieren, einen kleinen Jahrmarkt zu besuchen, der die Feiertage überdauert hatte. In einem verluderten Höllenloch zwischen zwei rußigen Häusern drehte sich im trüben Licht einer Gasfunzel das leere Pferdchenkarussell, die Bude bot bröcklige Brezeln und Zuckerwerk an, das löchrige Zelt verhieß eine Begegnung mit den heiligen drei Königen aus dem Morgenland, ein Pierrot balancierte über einem Häuflein schwärzlichen Schnees. Paul hielt den Affen am Ohr fest: bist du Junge oder Mädchen? Der Affe nahm seinen Kopf ab. Sag mir deinen Namen. Henrietta, sagte der Affe, aber man nennt mich Du-Nu-Wieda.

Geburtsurkunde

Vor dem unterzeichnenden Standesbeamten erschien heute, der Persönlichkeit nach durch Gesellenbrief anerkannt, der Tischler Paul Mahlow, wohnhaft zu Berlin Lange Straße 63, evangelischer Religion, und zeigte an, daß von der Luise Mahlow geborene Wittig, seiner Ehefrau (bei der Geburt verstorben), wohnhaft bei ihm, zu Berlin in der Charité am sechsten Januar des Jahres um sechs ein viertel Uhr ein Kind weiblichen Geschlechts geboren worden sei, welches den Vornamen Henrietta erhalten habe.

Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben: Paul Mahlow.

Der Standesbeamte

In Vertretung Bernicke

Die Geburtsurkunde fand Henrietta erst nach ihrem fünften Geburtstag, hinter dem Spiegel mit den Entenornamenten, dem einzigen Einrichtungsgegenstand, der Vater aus seiner Zeit als Ehemann und Tischler geblieben war. Da konnte sie schon lesen, das Lesen hatte sie mit einer Schnelligkeit erlernt, die sogar Geheimrat Virchow kurios vorkam. Die Milch der Amme, meinte Mariechen Baltuttis vielsagend, das war in Wahrheit die Milch der Herzogin Galeshka Moravioff, der Herzogin von Warschau. Aber niemand wußte Genaues, am wenigsten Henrietta. Es gab einen Sommer, da wollte Henrietta, auch Jette, Etta oder ›die kleine Mahlowsche‹ genannt, heim in die russische Provinz, dem Vaterland ihrer hochwohlgeborenen Amme. An Bücher kam sie kaum heran, sie lernte das Lesen, indem sie mit den Wörtern der Krankenblätter in der 1ten Medizinischen Klinik und der Pathologie spielte. Zeichen, Buchstaben, Wörter sprangen in ihren Kopf und blieben und gründeten Familien, sie brauchte sich gar nicht anzustrengen.

Luises Leichnam war verbrannt worden, selbst als Tote mochte ihre Familie nicht für sie sorgen, und Paul, den die ausländische Amme und sein eigener Kummer kosteten und der Gott, seine Kirchen und seine Friedhöfe verfluchte, vergrub das Holzkästchen mit der Asche an der Böschung der Jannowitzbrücke. Er markierte die Stelle mit dem Spielmann, den er für seinen ungeborenen Sohn geschnitzt hatte, aber nach der ersten Schneeschmelze war der Spielmann verschwunden.

Pauls geschickte Hände, die wie von allein gearbeitet hatten, wurden langsamer. Die Maschinen in den neuen Möbelfabriken arbeiteten schneller. Paul nahm Schlafburschen auf, die zur Miete in der Langen Straße beitrugen. Nächtelang wanderte er durch den Nebel, immer an der Spree entlang, immer bis zum Humboldthafen, bis er gegenüber die Laternenaugen der Charité sah und die anrührenden Stimmen der glücklichen Kranken aus dem Siechen hörte.

Wochenlang hobelte, hämmerte und feilte er an einem einzigen Eßtisch, den der Kunde längst vergessen hatte, dann zerhackte er ihn. Er verkaufte die Möbel, die er für sich und Luise und seinen ungeborenen Sohn gezimmert hatte. Er behielt nur den Spiegel mit den Entenornamenten, denn wenn er seine zappelige, laut lachende Tochter vor diesen Spiegel hielt, wurde sie ruhig und vertiefte sich in ihren eigenen Anblick. Sie lachte und lachte, das dumme Gör. Sie lachte an Ziehtagen, wenn Paul die billige, maschinell gefertigte Bettstelle aus erbärmlich gehobeltem Kienholz auf den Karren lud und sie durch die Stadt zu einer neuen Bleibe zogen, die noch finsterer und feuchter war als die vorige. Sie lachte, wenn sie mit den Nachbarskindern und deren Müttern am laufenden Meter Putzfransen fabrizierte, während Paul sich in der Möbelfabrik mit dem Vorarbeiter kloppte und in der Steingutfabrik, der Textilfabrik, der Bürstenfabrik in immer längere Dämmerzustände fiel und ein ums andere Mal entlassen wurde.

Dringend suchte er, um seine Lage zu bessern, eine neue Frau. Doch die schneidigen Mädchen, die in den Kneipen der Molkenstraße servierten, kamen ihm schnell auf die Schliche, wenn aus der Truhe für die schmutzige Wäsche dieses Lachen kam. Und die jungen romantischen Bonnen, die im Tiergarten die Kinderwagen ihrer Herrschaft schoben, sahen seinen schwimmenden Augen an, ahnten, spürten, rochen, daß er seinen Schwur schon getan, seine Liebe schon vergeben, verwirkt hatte. Wie eine Maus auf der Suche nach ihrem Mäuseloch umzirkelte er in immer kleiner werdenden Kreisen den Siechen. Hatte man ihm dort nicht zugehört und Verständnis für ihn aufgebracht und ihm geholfen? Er schlüpfte hinein und kam tagelang nicht wieder zum Vorschein. Otto Buss, der Vater der neuen Nachbarskinder in der Keibelstraße, mit denen Henrietta bis in die späte Nacht Knopflöcher nähte, machte Paul schließlich ausfindig und erlag ebenfalls dem Sirenengesang der Kranken und ihrer zukünftigen Ärzte, erst weitere zwei Tage später tauchten sie gemeinsam wieder auf. Paul schuldete dem Faktotum des Geheimrats Virchow achtunddreißig Helle und vierzig Kümmel, und das war sein Glück.

Endlich, dieses eine Mal, hatte sein Hang zu Bier und Zeitverlangsamung, dem er nach Luises Tod mehr und mehr anheimgefallen war, ein kleines Lächeln auf Fortunas Lippen gezaubert. Seine merkwürdig eingeschränkte, auf seine Mitverlorenen begrenzte, aber um so tiefere Menschlichkeit, sein unwillkürliches Gespür für die Zusammenhänge des Leidens, das er in den Kneipen der Stadt geschärft hatte, kamen ihm nun in der großen Krankenstadt zugute. Besonders in der Nebenabteilung der 1ten Medizinischen Klinik der Charité, Station der blutspukkenden Schwindsüchtigen, die das Personal nur schaudernd betrat, verstand er das Dahinschwinden, das Schnappen nach letzter Luft sofort als sein eigenes Dilemma, als Entbehrung und Entehrung, und sprach zu diesen Kranken wie ein alter Freund, wie ein Weggefährte. Und nachdem er für Geheimrat Virchows Faktotum Handlangerdienste im Wert von achtunddreißig Hellen und vierzig Kümmel verrichtet hatte, stellte ihn der große Mann höchstpersönlich als Krankenwärter ein, zu zwei Mark achtzig Pfennig Tageslohn.

Fortan trank er nur noch sonnabends, in der Molkenritze am Molkenmarkt, denn der Geheimrat hatte ihm den Siechen verboten und an seine neue Berufsehre appelliert: Du gehörst jetzt zur großen Familie der Charité, du hast jetzt eine Stellung in der Welt, Mahlow. Aber das Wurm blieb ihm lästig, es hing an ihm, hing an seiner Hand, immerfort griff es danach. Gewiß, er hatte sie lieb, sie war sein Fleisch und Blut, doch mehr noch Luises Fleisch und Blut, denn mit jedem Jahr sah Henrietta ihr ähnlicher und erinnerte ihn, und er dachte über den Tannzapfen nach und ihre Worte: Es mischt sich, aber es ist immer das gleiche. Und immer beobachtete sie ihn, die kleine Luise, forschte ihn aus mit ihren schwarzen, wenig vertrauenerweckenden Äffchenaugen, noch im Schlaf beobachtete sie ihn.

Die paar Pfennige, die das Wurm bei der Heimarbeit mit den Bussens verdiente, reichten kaum für die tägliche Mahlzeit, deren Zubereitung Paul sowieso lästig war. Um sonnabends mehr in den Taschen klingen zu haben, sparte er schon am Pferdebus, marschierte lieber früh um sechs durch die halbe Stadt zur Arbeit, immer häufiger nun mit seiner lachenden Tochter, die er in den Winkeln der Krankenstadt versteckte und mit Suppe, Brei und Brot vom Tisch der Wärter versorgte. Bald fand er heraus, daß sie das Lachen auch lassen, sich in ein Nichts und Niemand, einen Gegenstand, eine Säule im Pathologiesaal verwandeln konnte, nur um in seiner Nähe zu sein, und Henrietta wurde zum blinden Passagier. Bis Mariechen Baltuttis den kleinen Hutständer mit den großen Augen in der Wärterkemenate entdeckte und Dr. von Leyden rief, den schweigenden Zeugen der Geburtsmordnacht, der den Direktor Geheimrat Spinola rief, den Henrietta mit ›Herr Spinatrat‹ anredete. Diese Betitelung fand Geheimrat Virchow, der heimliche König der Charité, der mit Spinola gar nicht konnte, so lustig, daß er Henrietta vom blinden Passagier zum augenzwinkernd geduldeten Maskottchen beförderte. Aber bitte an der kurzen Leine, Mahlow. Paul wußte nicht recht, was er davon halten sollte, daß seine Tochter ihn nun mit Duldung von ganz oben verfolgen und beobachten durfte.

Zentimeter um Zentimeter machte Henrietta die Leine länger, die Erwachsenen bemerkten es nicht einmal. Die riesige, rotsteinerne Krankenstadt, die Hallen und Säle, die endlosen Flure, die Verliese und Dachausgucke wurden ihr Palast, die dujour-Ärzte ihr Hofstaat, und sie lernte Brocken der Palastsprache, die eine geheime Sprache war. Beweis, beweisen, wo ist der Beweis, ist das bewiesen? lauteten die Parolen im Palast, die Kranken verstanden bloß Bahnhof. Henriettas Neugier und Schaulust waren größer als ihr Hunger, sie verzichtete lieber auf Backpflaumen als auf Kehlkopfspiegelungen, Beinamputationen, Abortausräumungen, und am aufregendsten war der Pathologiesaal, wo Geheimrat Virchow unter einer längst stehen gebliebenen Uhr, von der die Ziffern fielen, seinen Studenten erklärte, warum die nackten Toten tot waren. Die Zellen waren schuld, die Zeit und die Zelle, erklärte er. Vulnerant omnes, ultima necat lautete die Inschrift im morschen Holz der Uhr, doch wollte keiner Henrietta die Bedeutung übersetzen, selbst als sie beweisen konnte, daß sie in der Lage war, die Buchstaben laut zu lesen, jeden einzelnen für sich, e und c und a, ein Vogel hätte nicht klarer gepiepst.

Virchow untersuchte ihren Kopf (die Schädelform läßt auf Begabung schließen, sagte er und schrieb es in ein Heft), schenkte ihr einen Tuschkasten, den sie stets bei sich trug und der nachts ihr Kopfkissen war. Sie durfte Geheimrat Virchow sogar Onkel Rudi nennen, taufte ihn bei sich Zellenzwerg, aber es war ihr nicht gestattet, durch eines seiner Mikroskope die kranken Zellen zu betrachten, die es nicht gab, die er sich ausgedacht hatte wie Vater den schwarzen Hund, der ihn neuerdings von der Molkenritze nach Hause verfolgte. Sie fand es heraus, als sie einen heimlichen Blick durchs Okular wagte: nichts, nix, nischte. Die Doktoren und Professoren der Charité untersuchten das Nichts. Sie sprach mit niemandem darüber, es blieb ihr Geheimnis. Unheimlich auch das Zimmer, in dem Onkel Rudi viel verschwand, um zu schreiben und nachzudenken, Eintritt verboten.

›Na, kleine Parze, wie war’s in der Schule?‹ sagte Onkel Rudi. Sie ging jetzt mit dem Nachbarmädchen Anna Buss in die Volksschule, das hieß: Anna trottete müde und mißmutig, Henrietta mit ihren langen Beinen machte lange Schritte, denn sie liebte die Schule, Tafel, Kreide, Fibel, sie malte sich einen Trichter aus, durch den alles Wissen der Welt in ihren Kopf geschüttet werden sollte, und jeden Morgen wurde der Trichter breiter. Im Nu lernte sie schreiben, der Lehrer wollte nicht glauben, was er sah, stellte sie zur Strafe in die Ecke, wo sie leise lachte, dafür zog er ihr das Lineal über die Finger, die anderen Kinder hatten ihre Freude.

›Darf ich diese Tür öffnen?‹ fragte Henrietta. Sie stand vor Onkel Rudis Arbeitszimmer, er wollte gerade hineingehen. Er nahm seine Nikkelbrille ab und behauchte die Gläser.

›Besser mit mir als allein und heimlich‹, seufzte er.

Es war die Schatzkammer des Palasts. Hängende und stehende und sitzende Skelette, ja sogar eines, das leicht vorgebeugt und grinsend seinen Fuß auf einen Hocker mit Papieren stellte, Totenschädel aller Größen und Formen, Knochen über Knochen, ein Paradies für die Köter der Keibelstraße wäre es gewesen, aber König Virchow nannte es sein Menschenmuseum zum Wohle der Menschheit, seine Schatzkammer des Wissens. Wenn im Palast von der Menschheit gesprochen wurde, waren immer die anderen gemeint, das hatte Henrietta herausgefunden, die Habenden. Aber sogar die endeten als Hundeknochen. Und dann die riesigen Einweckgläser, in denen keine geklauten Birnen aus Köpenick schwammen, sondern tote Säuglinge mit zwei kirschkleinen Köpfen oder vier Augen oder gar keinem Auge, und ganz hinten das Glas der Gläser, das winzige Wesen, dem eine dritte Hand aus dem Nabel wuchs. Mißbildungen, die kommen vor in der Natur, das hat mit den Zellen zu tun und teleologischen Unwägbarkeiten, über die wir noch zu wenig wissen, sagte Onkel Rudi. Totgeboren, das kommt vor, das hätte dir auch passieren können bei deiner Stirnlage.

Eine dritte Hand, von der niemand wußte, eine gute starke Hand, stärker als Säbel und Pistolen, die Gutes und Großes vollbringen konn-te, während die beiden anderen Hände das Nötige und Übliche verrichteten, und von der niemand wußte. Vater hatte den Eierkoks vergessen und schickte sie zum dritten Mal hinunter auf die Straße? Kein Problem, sie war Henry der Held, besaß eine dritte Hand, die aus Henrys Nabel direkt zum Kohlenhändler fuhr. Otto Buss zog der armen Anna den Schürhaken über die Stirn? Henrys dritte Hand brach ihm jeden Knochen im Leib. Der Lehrer brummte Strafarbeiten auf, nur so zum Quälen? Die dritte Hand erledigte sie spielend. Und blätterte zusätzliche Seiten in zusätzlichen Fibeln um, die Henry nachtsüber schrieb, damit Henrietta sie tagsüber lesen konnte.

Es schneit und schneit. Sie kneift die Augen zusammen: Wenn man anders schaut, wird alles anders. Die Menschen lösen sich in tausend Punkte auf. Bleiche Boote stecken im Fluß fest. Mit spitzem Stein ritzt sie in ihr Spreemäuerchen an der Jannowitzbrücke Ihr werdet euch noch wundern. Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben von Henrietta Mahlow (bei der Geburt am Leben geblieben).

Ich muß dir etwas beichten, hat Mariechen Baltuttis gesagt, die Henrietta gern das Leben schwer macht, manchmal jedoch feuchte Augen dabei bekommt. Es ist Henriettas siebter Geburtstag, und Mariechen hat gebeichtet, daß sie das Kleid der Mutter an sich genommen habe, bevor die Mutter verbrannt wurde, es sei ein so hübsches blaues Kleid gewesen, zu schade für den Ofen, sie habe es verkaufen wollen, aber das Gewissen, und dann habe sie es gewaschen und ganz hinten in ihren Schrank gelegt, vor dem Waschen aber eine Ecke Papier im Ärmel gefunden, von einem zerrissenen Blatt. Weil Henrietta viel besser lesen könne als ihr Vater, hat Mariechen ihr die Ecke Papier überreicht, behutsam, mit spitzen Fingern, wie der Herr Jesus, zu dem sie betet, in Gestalt der Oblate überreicht wird. Henrietta hat die Schrift auf dem Papier mit der Schrift auf der Rückseite der Hochzeitsphotographie verglichen, es ist die Schrift der toten Mutter. Mariechen Baltuttis hat versprochen, ihr das blaue Kleid zurückzugeben, sobald sie hineingewachsen sei. Henrietta hat die Ecke Papier in Onkel Rudis Schatzkammer versteckt, in einem Spalt hinter dem Einweckglas, in dem Henry mit der dritten Hand für immer und ewig schwimmt. Sie hat Vater die Ecke Papier verschwiegen. An einem der unzähligen Sonnabende des Jahres hatte er sie in sein bierseliges Vertrauen gezogen und von dem Streit mit Mama und von den zerrissenen Zeichnungen erzählt.

Die Hochzeitsphotographie ist im Lauf der Zeit vom Bord neben der Bettstelle zum Brett über der schimmeligen Anrichte und schließlich in den Schrank unter Pauls zwei Hemden gewandert, den kleinen silbernen Rahmen hat er verkauft. Auf der Rückseite sagt Paul, daß er Luise liebe, seine Schrift ist krakelig, die Buchstaben sehen aus wie Hasenschlingen. Luise, die tagelang durch Wiesen und Nebel gegangen ist, bis sie irgendwann am Horizont das Häusermeer sah, in dem auch Paul lebte, hat mit kleinen Spatzenspuren daruntergesetzt, daß sie ihr Glück nun gefunden habe.

Die Katzen der Keibelstraße hatten sich heftig. Henrietta wachte auf, ihre Haut klebte an ihr, könnte man die Haut doch ausziehen wie den Kittel. Es waren gar nicht die Katzen, es waren Sägegeräusche unten im Hof, und sie dachte: Es ist alles nur ein Traum gewesen, das ist mein Vater, der Tischler, sein Platz im Bett ist leer, er arbeitet an einem neuen Tisch, gleich wird Mama kommen, mich küssen, mit mir lachen und singen, wir stehen auf einem Fassadenbalkon und blicken ins Freie. Sie taumelte zum Fenster und schaute hinaus. Unten hielt eine alte Frau eine erschlagene Katze am Schwanz und warf sie über die Kackbude in den Nachbarhof. Alle anderen schliefen noch vor Erschöpfung. Henrietta knabberte sich die Fingernägel sauber. Wieder ein Sonntag. Sie konnte baden gehen, eintunken und, nur die Augen über dem Wasser, zuschauen, wie die Spree vorbeifloß.

Es war kein Traum gewesen, all das war geschehen. Aber, wie die Herzogin von Polen gesagt hätte: warum? Warum ihr und nicht den toten Säuglingen in den Einweckgläsern?

2 Der Wassertropfen

Und wieder war der 6te Januar gekommen. Es war Montag, und Vater und Henrietta redeten nicht miteinander, vom Aufstehen bis zum Schlafengehen. Ihren Geburtstag, soviel stand fest, würde sie bis zum Ende ihres Lebens nicht feiern, man feierte nicht den Todestag der Mutter. So empfand auch Vater, kein Gruß, kein Kuß, kein Geschenk, bloß die Zeit totschlagen, bis der Tag endlich vorbeigegangen war. Aber dieser Tag ging nicht einfach vorbei wie ein Passant auf der Straße, sondern blieb stehen, dachte nach und machte für jeden Schritt nach vorne viele Schritte zurück.

Inzwischen wußte Henrietta, von den Kapazitäten der Charité belehrt, daß sie ihre Mutter nicht ermordet hatte. Doch das Wissen, die Waffe gewesen zu sein, machte ihr Herz besonders am 6ten Januar eng und klein, und sie fühlte sich lebensbucklig wie Anna Buss. Ich glaub dir kein Wort, sah sie Vater denken, ich sollte dich verkaufen wie die Möbel und den Photorahmen.

Henrietta half Vater, die Nachttöpfe und Speischalen der Blutspukker auszuleeren. Die Schwindsüchtigen fabrizierten im Schwall oder in Bonbongröße helles oder schwarzes oder gesprenkeltes Blut, und Stabsarzt Runkwitz konnte daran ablesen, wie es in den Lungen aussah, aber gesund machen konnte er sie nicht. Selbst Onkel Rudi, der König der Medizin, hatte keine Idee. Er war verreist, grub in fernen Erdteilen Skelette aus, auch Töpfe und Tiegel und Malereien, die auf Sitten und Gebräuche der Vergangenheit schließen ließen. Die Sitten und Gebräuche, sinnierte Henrietta, während sie einen Nachttopf nach dem anderen leerte und auswusch, die meisten machen nur traurig und haben nichts mit den Tatsachen des Lebens zu tun. Weihnachten verbrachten die Ärzte bei ihren Familien und die Diakonissen bei Jesus, und die armen Patienten wurden von Unterstabsärzten gequält, die wichtig taten. Nur der einsame Oberarzt Ehrlich arbeitete in seinem Kabuff.

Heiligabend hatte Henrietta wie immer einen Schneemann vor der Molkenritze gebaut, bis es Zeit war, Vater am Riemen herauszuholen und den langen, stockfinsteren Weg nach Hause zu zerren. Silvester waren Anna und zwei ihrer Schwestern zur Verstärkung gekommen, da Otto Buss (dessen Leber laut Dr. von Leyden auf die Größe eines Groschens geschrumpft war) beschlossen hatte, sich nie mehr vom Kneipenboden zu erheben.

Feierten denn die Tiere Geburtstag, die betriebsamen Ratten? Nein. Das einzige, was blieb und was Onkel Rudi einmal in der Keibelstraße würde ausgraben können, waren die leeren Flaschen und die ausgedienten Nachttöpfe, mit denen die Leute nach den kreischenden Katzen warfen, die sich um vier Uhr in der Früh im Hof hatten. Und das neue elektrische Licht, mit dem Siemens & Halske am Sedanstag ein paar Minuten lang die Königsstraße erhellt hatten, würde bleiben, das war eine Tatsache, ließ der Kaiser verlauten. Satt werden wir davon auch nicht, hatte Mahlow gesagt, der immer satt wurde, fest oder flüssig. Und Henrietta hatte gedacht: Das neue Licht in den Lampen wird nie erlöschen, es wird länger leben als du.

Diakonisse Grete mit den blauen Blumenaugen schleppte einen Stapel neuer Nachttöpfe heran, gab Henrietta einen kleinen Kuß und flüsterte ihr zu, in der Wärterkemenate warte ein Rosinenkeks auf sie.

Oberarzt Ehrlich, den sie den bunten Hund genannt hatte, als sie noch klein und dumm gewesen war, fischte sie vom Flur.

›Ich habe etwas für dich. – Warum so trübsinnig?‹

Ehrlich war kurz nach ihrem letzten Geburtstag in die Krankenstadt gekommen, er war ein schmaler, stiller junger Mann, ein Jud, dem die Zeit und Uhren der Charité egal waren, der nach seiner eigenen unsichtbaren Uhr lebte und statt eines Mundes ein Mündchen hatte, sein Mund war irgendwann stehen geblieben, vielleicht als er zum ersten Mal geschmunzelt hatte. Er färbte die weißen Blutkörperchen bunt und vergaß darüber seine Pflichten als dujour-Arzt, aber sein Vorgesetzter, der alte Professor Frerichs, verglich ihn mit einem bunten Vogel, der nur in der Freiheit schön singe. Wir sind beide Maskottchen, hatte Ehrlich zu Henrietta gesagt, wir haben Narrenfreiheit, nutzen wir sie.

An jedem anderen Tag gerne.

›Heute ist mein Geburtstag.‹

›Allmächtiger, ganz vergessen. Gratuliere. Du Arme.‹ Ehrlich setzte sie auf den einzigen freien Hocker in seinem gestopft vollen Kabuff. Die Glasbecher, Glaskolben, Glastrichter, Glasstäbe und die Glasplättchen für das Blut, mit dem er seine Spielchen trieb, die Reibeschalen und Hornlöffel und Abdampfschalen und der Bunsenbrenner machten keinen Menschen wieder lebendig. Ehrlich beugte sich über einen getrockneten Blutstropfen. Das Wissen, die Waffe gewesen zu sein, dachte Henrietta.

›Das Wissen …‹, sagte sie zu sich selbst.

›Wissen hält nicht länger als Fisch‹, sagte Ehrlich.

Henrietta, die nie weinte, niemals, und versänke die ganze Stadt im Sand, schluckte das Wissen hinunter. Ehrlich legte ihre Hand in seine bunt glänzende. Manchmal lieh er sich ihren Tuschkasten, wenn ihm die Farben ausgegangen waren. Er arbeitete und rauchte pausenlos, ein Eisbär könne nicht einsamer sein als er, hatte er einmal gesagt.

›Sprich mir nach …‹

Henrietta schaute weg.

›Sprich mir mal nach: Die Sonne schien ins Stübchen rein …‹

›Die Sonne schien ins Stübchen rein …‹

›… war längst schon aufgewacht. Ich hab an dich, lieb Mütterlein, die ganze Nacht gedacht. Kein Schlaf war in den Äuglein ja, mir war das Herz so voll …‹

›Nein.‹

›Sprich mir nach, Jette: Von allem, was ich dir, Mama, heut sagen will und soll.‹

›Nein.‹

›Vielleicht heitert dich das hier auf.‹ Ehrlich kramte in seinen Papieren, die ebenfalls in allen Regenbogenfarben schillerten. ›Du hast Post.‹

Es war nur ein Zettelchen, aber es war der erste Brief, den sie je erhalten hatte, denn Annas Botschaften in der Schule und unter dem lockeren Brett des Treppenhauses (›Bist du noch meine Freundin?‹) zählten nicht. Natürlich ließ sie sich vor Ehrlich nichts anmerken, sondern streckte seufzend die Hand aus wie Onkel Rudi, wenn einer seiner Assistenten ihm das Postbündel des Tages brachte. Ihr erster Brief klebte an einem Auftrag für Vater und war von Doktor Koch, diesem traurigen Provinzarzt aus Posen, der letztes Jahr mit zwei Koffern sterbender Milzbrandmäuse in der Charité vorstellig geworden war. ›Frag doch den Kollegen Doktor Koch einmal‹, hatte Onkel Rudi sich an Henrietta gewandt, ›ob er mir wirklich weismachen will, daß ein von außen in den Körper eindringender Parasit die Macht hat, Krankheiten zu erzeugen?‹ Vater und sie hatten den niedergeschlagenen Doktor Koch mitsamt seinen Mäusekoffern zum Lehrter Bahnhof führen müssen, an hundert neuen Baustellen vorbei, und an jeder war der Doktor wie ein Kind stehengeblieben. Liebes Kind, schrieb Koch, der wohl nicht wußte, daß sie kein Kind mehr war, ein liebes schon gar nicht.

Liebes Kind!

Erinnerst Du Dich noch an mich? Ich erinnere mich gut. Du hast mir nämlich auf unserem Gang zum Bahnhof so viele Löcher in den Bauch gefragt, daß mir gleich besser wurde.

Hilf brav Deinem Papa, dann sehen wir uns bald bei mir in Wollstein wieder, und Du kannst mit meinem Trudchen und ihren viel zu vielen Puppen spielen.

Es grüßt Dich

Robert Koch

›Eine Reise zum Geburtstag‹, sagte Ehrlich, ›du bist zu beneiden.‹

›Bin ich nicht.‹

›Wenn du eine prononcierte Existenz führen willst, und ich glaube, das willst du, dann gehört Reisen einfach dazu.‹

Das Trudchen, jetzt fiel es ihr wieder ein, war die Tochter des Provinzdoktors, er hatte zu Hause ›auch so eine‹. Keine zehn, keine zwanzig Pferde würden sie nach Wollstein bringen, um dort mit Puppen zu spielen. Heimlich, weil Henrietta es ihr verboten hatte, tat Anna immer noch so, als sei sie die Mama ihrer Lumpenfriedel und sang sie in den Schlaf und sorgte sich um sie und brachte das häßliche Ding aus Scheuertuchresten zum Pinkeln aufs Hofklo. Keine dreißig Pferde.

Doch sie fuhren mit der Eisenbahn, und das war nun wirklich das tollste Geschenk seit Onkel Rudis Tuschkasten. Auch transportierten sie in der 4ten Klasse bedeutende Fracht nach Wollstein, Ehrlichs alten Spektralapparat. Geheimrat Frerichs hatte Ehrlich das neueste Modell besorgt, und Koch bezahlte Mahlow und Henrietta die Reise und Mahlow fünfzehn Mark obendrauf für die Mühe. Vielleicht verkauf ich dich an diesen Doktor Koch, sagte Vater, er hat ein Auge auf dich geworfen, das hab ich gleich kapiert. Du wirst nicht wiederkommen, greinte Anna, die ihr den Tuschkasten trug und trödelte und aus der Nase blutete, als sie sich dem Lehrter Bahnhof näherten, der wie ein Bellevue aus der Spree auftauchte, wir werden uns nie wiedersehen, und daran ist nur dein Charitépalast schuld. Ja, mein guter alter Palast, dachte Henrietta, und Anna nickte trübe. Konnte es einen besseren Beweis für die Macht und Größe der Charité geben, in der sie leben durfte, als diese Eisenbahnfahrt? Man schickte einander Briefe und Apparate, kein Preis war zu hoch, kein Weg zu weit, kein Provinzdoktor zu unbedeutend, da würde man auch mit einem Trudchen fertig werden.

Sie erinnerte sich an die Maus, die sie damals beim Abschied von Doktor Koch auf dem Bahnsteig gesehen hatte, in die sie sich am liebsten verwandelt gehabt hätte. Wie anders es diesmal war, der ganze Bahnhof ein Ort der Verwandlung, Abreisende und Ankommende verloren ihre Namen im Gerufe und Gedränge, keiner war wirklich da, keiner wirklich weg, Lachen verwandelte sich in Weinen, böse Blicke wurden weich und rund und bettelten, Anna sah aus wie ein Schaf, in das der Blitz eingeschlagen hatte, die Zeit selbst schien sich zu verwandeln, wußte nicht so recht, wollte weder vor noch zurück, war nicht Arbeitszeit und Schlafenszeit auch nicht, wollte für immer Bahnhofszeit sein. Bis zum Pfiff der Lokomotive, diesem schönsten Laut der Stadt, noch in der Keibelstraße war er entfernt zu hören, und jetzt erinnerte sich die Zeit wieder, wozu sie nütze war, jetzt mußten alle einsteigen, sonst drohte Verspätung. Die Habenden hatten Schnupftücher, die anderen winkten mit den Händen. Buss winkte gar nicht, nur ihre Schürhakennarbe glühte im Dampf und Rauch des abfahrenden Zuges. Henrietta hatte kurz mit der Idee gespielt, Anna als ihr Maskottchen nach Wollstein zu schmuggeln, sie wäre gewiß bei Kochs Dienstmagd untergekommen, doch Anna, die schon beim Anblick eines Pferdebusses angstbleich stehenblieb, hätte im ersten Tunnel Schreikrämpfe gekriegt.

Am zweiten Tag der Reise hörte Henrietta auf, vorbeifliegende Kirchtürme zu zählen. Sie hatte das Gefühl, nirgendwo zu sein, weder draußen in den Landschaften, die umhergeschoben wurden wie die Panoramen im photographischen Atelier Noack, noch im Zugabteil, das vom monotonen Schnarchen der Mitreisenden erfüllt war. Auch Vater dämmerte vor sich hin im Nirgendwo, es war Sonnabend, doch seine Hände hingen friedlich herab, er schien seinen Wochenenddurst vergessen zu haben. Die Eisenbahnschaffner, die sich bei voller Fahrt an den Waggons entlanghangelten, ins Abteil sprangen und die Fahrscheine der Zugestiegenen knipsten, soffen vielleicht nur halb soviel, wußten dafür aber nichts von dem, was Onkel Rudi ›die letzten Dinge‹ nannte und womit ein Krankenwärter der Charité beschäftigt war. Zum Glück grub Onkel Rudi in der Fremde Knochen aus, bei seiner Verachtung für den Provinzdoktor hätte er ihr die Eisenbahnfahrt bestimmt verboten und den grünen Strickschal, den Diakonisse Grete ihr aufgezwungen hatte und den sie über ihrem frisch gewaschenen Kittel trug. Wie Henrietta verachtete Onkel Rudi die Verpimpelung durch warme Winterkleidung, wie Henrietta ging er alle Wege zu Fuß, immer in grimmigen Gedanken, der Mann, der als einziger wußte, daß die nichtsahnenden Leute, die ihm in den Straßen begegneten, aus Zellen zusammengesetzt waren wie der Bienenstock aus Waben, ein Zwerg gegen den Rest der Welt.

Ein aufgeregter, mit sich selbst redender Apotheker namens Knechtel holte sie, eigentlich jedoch den Spektralapparat, mit seinem Einspänner vom Bahnhof ab, während der Fahrt umklammerten seine Beine das kostbare Stück und schützten es vor den tiefen Schlaglöchern der Wollsteiner Gassen. Es war ein tristes, flachhäusiges, matschiges Kaff, das zweimal in die Keibelstraße gepaßt hätte und wie ausgestorben wirkte, sogar der Schnee wollte in Wollstein nicht liegen bleiben. Aber hinter den dreckblinden Scheiben des Dorfkrugs klangen die Gläser, das war Vater im Vorbeifahren nicht entgangen.

Vater würde im Stall schlafen dürfen, Henrietta in der nach Käsefüßen und saurer Haut müffelnden Dachkammer der Dienstmagd. Vorher sollte es ein gemeinsames Abendessen geben, in vier Stunden, und Henrietta befürchtete das Schlimmste, doch das Trudchen und seine vielen Puppen waren nirgendwo zu sehen. Frau Emmy Koch, eine Bohnenstange mit dunklem Dutt, die Mutter des Trudchens, schaute Knechtel nach, der sich an schniefenden Patienten vorbei ins Sprechzimmer des Doktors drängelte, und sagte:

›Warum seid ihr mit eurem Apparat nicht in Berlin geblieben?‹

Die wollen uns hier nicht, sagte Henrietta vor dem Haus, was machen wir jetzt? An einem der oberen Fenster erschien ein bleiches Mondgesicht und starrte zu Henrietta herunter, dann wurde das Fenster von der Dienstmagd aufgerissen und das Mondgesicht beiseite gestoßen: Du weißt doch, was der Herr Papa immer sagt, Trudchen, hörte Henrietta, Frischluft macht gesund. Nein, man holt sich den Tod bei offenem Fenster, antwortete Trudchen, das weiß doch jeder.

›Ich war schon bei solchen Leuten in solchen Häusern‹, sagte Vater leise. ›Früher. Mit meinen Tischen.‹ Henrietta nickte. Mondgesicht war also krank. Henrietta wurde nie krank, keinen Tag, keine Stunde, sie wurde böse, wenn ihr Körper nicht auf dem Posten war, was erlaubte er sich, Husten und Fieber und zwei aufgeschlagene Knie oder wenn er speien wollte, was für eine Zumutung, Heimsuchung, Beleidigung. Dann dachte sie einfach an die dritte Hand, die immer gesund sein würde, noch im Grab oder in Spiritus eingelegt kerngesund, und spürte nichts mehr.

›Hör mir zu‹, sagte Vater, ›die laden unsereins nicht mir nix, dir nix zum Essen ein. Dieser Doktor Koch hat ein Auge auf dich geworfen, keine Ahnung, warum, aber vielleicht stellt er dich ja als Magd ein, dann muß ich mich nicht mehr alleine für uns abrackern. Also halt einmal deine vorlaute Schnauze, auch wenn’s schwerfällt.‹

›Onkel Rudi wird mich einstellen‹, sagte Henrietta.

›Daß ich nicht lache‹, sagte Vater. Er hatte Henrietta verboten, Virchow ›Onkel Rudi‹ zu nennen, das ist ein sehr mächtiger Mann, hatte er gesagt, sogar der Reichskanzler zittert vor ihm, wann kapierst du das endlich, mit so einem steht unsereins nicht auf du und du, das rächt sich. ›Ich verdünnisier mich‹, sagte er. ›Geh und hilf in der Küche.‹ Ich und Vater, dachte sie, was wissen wir eigentlich voneinander?

›Trudchen hat immer noch Fieber, die Kampferkompressen schlagen nicht an‹, sagte Doktor Koch beim Abendessen. ›Um nun auf Haeckel zurückzukommen …‹ Die Dienstmagd reichte geräucherten Fisch und Gepökeltes, und Henrietta nahm zuerst den Fisch, wie die Ärzte in der Speiseanstalt der Charité. Die Bücherrücken schimmerten im Kerzenschein wie die dunklen Edelsteine in den Juwelierläden der Leipziger Straße, ganz nah und unerreichbar. (Du-Nu-Wieda, die kleine Meisterdiebin vom Alexanderplatz, räumte ganze Lavendelstände unter den Augen des Verkäufers leer). Der Apotheker Knechtel redete in einem Schwall, als hätten die Worte den ganzen Tag in seinem Mund Schlange gestanden. Mahlow und das Trudchen waren abwesend.

Das Trudchen war eigentlich ganz prima, nur ein bißchen matschig im Oberstübchen, obwohl sie eigene Bücher besaß und aufgespießte Käfer untersuchte. Noch lieber spielte sie mit ihrer Puppe ›Wunderhold‹, die ein Buch gleichen Namens bewohnte und bei allen möglichen Mädchen zu Gast war, freiwillig und unfreiwillig, und nun rate mal, sagte das Trudchen, wie ihre erste Gastgeberin hieß, Henriette hieß sie, mit e, ist das nicht lustig? Trudchens Mutter fand es gar nicht lustig, daß Henrietta sich einfach vor dem Abendbrot in das Zimmer mit den festgenagelten Kindermöbeln geschmuggelt hatte, du hast hier nichts verloren, hatte sie gesagt. So unvorlaut wie möglich hatte Henrietta den Brief des Doktors erwähnt, die Einladung zum Puppenspielen. Du lügst, hatte Trudchens Mutter gesagt, aber etwas anderes habe ich auch nicht erwartet.

›Darwin‹ war das letzte Wort in Knechtels Wortschlange.

›Aber daß in der Ontogenie eines Tieres die Phylogenie rekapituliert wird, so weit wie Haeckel ist Darwin nicht gegangen‹, sagte der Doktor. ›Der Mensch schon angelegt im Tier, in der Pflanze, sogar in der anorganischen Materie, vielleicht ein bahnbrechender Gedanke …‹

Der Apotheker dachte nach.

›Ich lüge nicht‹, sagte Henrietta.

›Das behauptet auch keiner‹, sagte der Doktor.

Henrietta spielte noch einmal, ein letztes Mal Kind, und schwieg. Sie wußte, wenn Kinder lange Zeit schwiegen, machten Erwachsene Fehler, lange Zeit schweigende Kinder konnten sie nicht ertragen.

›Ich nehme nicht an, daß du dem Ding einen Brief geschrieben hast, Robert?‹ sagte die Bohnenstange zum Doktor.

›Doch, habe ich.‹

›Ich verstehe dich nicht. Kaum daß er Zeit für seine eigene Tochter hat, und beginnt er Briefwechsel mit irgendwelchem Gesinde.‹

›Virchows Gesinde, um genau zu sein‹, sagte der Doktor.

›Die Inversion nach und ist schlimmer als Raubmord. Sagt unser Lehrer‹, sagte Henrietta höflich.

Der Doktor verschluckte sich, der Apotheker senkte den Blick.

›Ah, Virchow! Der dich nach Hause geschickt hat wie einen dummen Schuljungen.‹ Die Mutter, denn auf irgendeine schwer vorstellbare Art und Weise mußte sie Trudchens Mutter geworden sein, schickte Henrietta einen finsteren Drohblick über den Eßtisch. ›Was hast du gesagt?‹

›Zwischen Leber und Milz ist noch Platz für ein Pils.‹

Vater schwankte im Türrahmen mit feuchten Augen, feuchten Hosen. Henrietta stand auf, knickste und schlenderte zu ihm hinüber, als unternehme sie, was diese Leute einen ›Verdauungsspaziergang‹ nannten, das Haus der Kochs war nicht die Molkenritze.

›Wollt ihr, daß ich verhungere und verdurste?‹ brüllte Vater. ›Wollt ihr das? Dann sagt’s doch gleich, daß ich verrecken soll! – Und du! Du speist jetzt mit der Herrschaft, aber ohne mich wärst du längst krepiert, immer hab ich dich mitgeschleppt wie einen Stein am Bein, ohne mein Bein bist du nichts.‹

Henrietta ging zurück zum Tisch und brachte ihrem nach Pisse stinkenden Vater ihren Teller. ›Unerhört‹, sagte Frau Koch. Vater stopfte das Gepökelte in sich hinein. ›Bring sofort den Teller zurück, du ungezogenes Gör. Robert, unternimm doch was.‹

›Ein Anflug von Mutlosigkeit‹, sagte der Doktor und erhob sich halb. ›Gehen Sie schlafen, lieber Mahlow, morgen schaut alles besser aus.‹ Er setzte sich wieder, von seiner eigenen Erschöpfung angeflogen. Henrietta knickste Richtung Tisch, band Gretes grünen Strickschal um Vaters Arm und zog daran. Vater schien sich an das Ritual zu erinnern. Jeden Sonnabend zog Henrietta ihn an einem Lederriemen aus der Molkenritze und durch die dunklen Gassen nach Hause in die Keibelstraße. Auch jetzt ließ er sich wegführen wie der Hund, der er geworden war.

›Die ist ein richtiges Familienunglück, das sag ich dir‹, hörte sie Frau Koch sagen.

Die ganze Nacht lag Henrietta wach, neben ihr sprach die Dienstmagd im Schlaf, ich flehe dich an, Trudchen, trink deine Milch aus, sonst geht es mir schlecht, und Henrietta antwortete: Das ist noch gar nichts, ich habe meine Mutter auf dem Gewissen, ich bin ein Unglück. Die sterbenden Mäuse für die medizinischen Experimente und die Maus, die im Bahnhof wohnte, immer in Gefahr, von den Reisenden totgetreten zu werden, die klappernden Zähne und die Schreie der Blutspucker, die klappernden Zähne der Kadetten und Prüflinge vor der blanken Schiefertafel im Hörsaal, die verkauften Zähne und Haare der Keibelstraßenmenschen, die ungeborenen, unerwünschten Keibelstraßenkinder, blutige, stinkende Eidechsen im Müll, vielleicht war es ein einziges Experiment, die Erforschung des Nichts, das Unglück.

Sie überlegte, ob sie nach unten schleichen, ein Buch und ein Brot stehlen und für immer aus dem Experiment, aus dem Leben der anderen Menschen verschwinden sollte. Auf der Eisenbahnfahrt hatte sie genügend verlassene Landschaft gesehen, in der man verschwinden konnte. Aber Vater hätte es auszubaden, Frau Emmy würde einen Brief an Virchow schreiben, Vater würde entlassen werden und den Sägemehlstaub der Molkenritze fressen, und sie wäre nicht bei ihm, wenn er tot da lag.

Sie kroch aus dem Bett, schlüpfte in ihren Kittel, legte den grünen Schal um, in den Vater ein Loch gebissen hatte, das zu stopfen war, und schlich, mit den Wänden verschmelzend, sich in ein Nichts verwandelnd, hinunter. Im Wohnzimmer war es stockduster, sie tastete nach den Bücherregalen. Die Bücher des Doktors rochen anders als die Bücher in Virchows Schatzkammer, sie rochen nach Fisch und Gepökeltem, Äpfeln, Nüssen, Kaffee, Kakao und Marzipan, man hätte an ihnen lecken, in sie hineinbeißen wollen.

›Kummer, kann man haben. Zweifel, soll man haben …‹

Henrietta verschmolz mit dem Bücherschrank. Die leise Stimme des Doktors kam aus der Ecke neben der Tür, ein Streichholz wurde angerissen, eine Kerze glomm klein, dann voll, der Doktor hockte auf einem Holzschemel wie ein heimlicher Besucher seines eigenen Hauses, er hatte seine Brille abgesetzt, rieb seine Augen, er trug einen blauen Kittel.

›… nur Furcht muß man nicht haben.‹

›Ich suche Zwirn und Faden zum Stopfen‹, sagte Henrietta und steckte ihren Finger in das Loch im grünen Schal.

›Du hältst zu deinem Vater‹, sagte er. ›Du bist ein mutiges Menschenkind.‹ Der Doktor stand auf, ging zur Tür, Henrietta folgte ihm und der Kerze, sie hatte beim Anblick der Kerze, des Holzschemels und der traurigen Augen beschlossen, ihm alles zu sagen, was sie wußte, ihn alles zu fragen, was sie nicht wußte, auch nach der Bedeutung der Worte auf Mamas Papierecke wollte sie fragen, doch im beengten Laboratorium des Doktors, das sich hinter einem dicken Vorhang im Sprechzimmer befand, wurde sie schläfrig wie noch nie. Die sterbenden Mäuse lagen mit geöffneten blanken, engen Augen in ihren Käfigen, der Doktor schob Glasschalen in einen Ofen, setzte sich an seinen Tisch und polierte den Spektralapparat. Henrietta kroch unter den Tisch, rollte sich zusammen, sie sah die Stiefel des Doktors, die aussahen, als lachten sie. Eine Nachtstille wie diese gab es in der Keibelstraße nicht, ein Federbett für Gedanken. In der Keibel quasselten und stritten alle gedankenlos über alles und jeden, immerzu, ohne Unterbrechung, Quasten, Fransen, Geiz, Geld, Bier und Totschlag, die Gesichter grau wie die Häuser, die Münder schief wie die Türen.

›Was bedeutet vulnerant omnes, ultima necat?‹ sagte sie.

›Es bedeutet, daß du im Pathologiesaal warst. Wo du in deinem zarten Alter nicht hingehörst. Wenn du einen lateinischen Wahlspruch suchst, nimm meinen: nunquam otiosus, niemals müßig, ob Sonne oder Regen, Freude oder Verzweiflung …‹

Henrietta fielen die Augen zu, eine Maus raschelte, eine andere fiepste: Wohin gehöre ich, wohin gehöre ich?

Henrietta erwachte im fahlen Winterlicht, die lachenden Stiefel an gleicher Stelle dicht vor ihrer Nase. Jetzt erschien die Hand des Doktors und stellte eine Tasse dampfenden Kakao neben ihren Mund. Aus den Höhen des Hauses kam Frau Kochs keifende Stimme: Der Säufer schläft im Stroh, seine Göre ist verschwunden. Der Doktor seufzte, er schrieb etwas, Henrietta hörte die Feder kratzen. Sie trank den Kakao und lauschte. Die Mäuse waren still, vielleicht tot, vor dem Fenster rief eine Krähe, weit draußen schnaubte ein Pferd. Unter dem Tisch war es ruhig und warm und ein sorgenfreies Liegen, nur der Kakao gluckerte leise im Bauch, und der Bauch sagte: Vielleicht gehöre ich hierher.

›Du kannst mir helfen‹, sagte der Doktor.

Henrietta half ihm, die Glasschalen aus dem Ofen zu nehmen und auf Papierecken zu stellen, die der Doktor beschriftet hatte. Gelatine, Kammerinfus, Fleischinfus, las sie. Weizeninfus, Heuinfus.

›Meine Nährböden‹, sagte er, in sein Mikroskop starrend. ›Mit den Bazillen, die dein Freund Virchow nicht sehen will.‹

›Darf ich sie sehen?‹ Fragte sich, ob man auch in Wollstein das Nichts untersuchte und es Bazillen nannte, ob sie alle unter einer Decke steckten. ›Was sind Bazillen?‹

›Warte, ich zeig dir was, das lustiger ist.‹

Der Doktor entnahm einem Glas Wasser mit der Pipette einen Tropfen und ließ ihn auf ein neues Objektglas fallen, das er unters Mikroskop schob. Henrietta wollte statt des Wassers lieber die Bazillen untersuchen, die es vermutlich nicht gab.

Aber das Wasser war nicht einfach nur Wasser. Mit einem Zaubertrick hatte der Doktor Sägespäne oder Mäusehaare hineingestreut, die durcheinanderwirbelten.

›Lustig. Wie haben Sie das gemacht?‹

›Ich habe gar nichts gemacht. Schau mal …‹ Er drehte an einem Rädchen des Mikroskops, und nun sah Henrietta nie gesehene Wesen, beschwanzte und unbeschwanzte, dreihändige und hunderthändige, vieläugige und einäugige Wesen und solche, die überhaupt nur aus einem Auge bestanden, sie wimmelten miteinander, durchdrangen einander, flüchteten voreinander, sie strampelten und bissen um sich, sie lebten, sie waren gemein und pflanzten sich ungemein schnell fort, sie waren häßlich, sie waren schön.

›Was ist das für Wasser?‹ sagte Henrietta, die den Blick durch das Mikroskop nicht beenden konnte, weil die Wesen sich zusammengerottet hatten und sie durch das Okular in ihre winzige wilde Welt saugen wollten, als hätten sie Henriettas Wunsch erraten, aus der Welt der Menschen zu verschwinden.

›Ganz gewöhnliches Tümpelwasser, die Viecher darin sind noch verhältnismäßig riesig, verglichen mit Bazillen. Und bedenke, es ist nur ein Tropfen. Unterdessen spielt sich in unzählbarer Zahl von Tropfen auf unserer Erde das gleiche ab, aber nie dasselbe.‹

›Welcher Tag ist heute?‹

›Montag, der dreizehnte. Du stellst Fragen …‹ Er zog das Objektglas unter dem Mikroskop hervor und wischte den Wassertropfen weg. In Henriettas Kopf wimmelte es weiter, nie gedachte Gedanken strampelten, bissen und zerrten, rissen sich die Enden aus und flüchteten voreinander. Ein ganz anderes Experiment hatte begonnen, und ihr Kopf war der Tropfen und der Tümpel, die Pipette und das Objektglas und das Mikroskop zugleich, und zum ersten Mal, seit sie denken konnte, mußte sie kein Gesicht schneiden, sich kein Lachen abzwingen, um glücklich zu sein.

›Für den Fall, daß du mal wieder nicht schlafen kannst‹, hörte sie die traurige Stimme des Doktors, ›wenn es ganz schlimm ist und du glaubst, du bist der einsamste Mensch auf der Erde … dann denkst du einfach an den Wassertropfen und sagst dir: Wenn so viel in einem Tropfen Wasser lebt, dann wird alles gut.‹

Aber sie wollte die Bazillen sehen.

3 Wie sie über die Brücke geht

Mir war das Herz so voll.Erstens, die Bazillen, es gibt sie, Mama. Klitzekleine, für das bloße Auge unsichtbare Lebewesen, die von außen in den Körper dringen und ihn krank werden lassen. Doktor Koch, der eigentlich Matrose werden und immer nur in der Welt herumreisen wollte und der ein guter, aber bekümmerter Mann ist, dem du bestimmt eine bessere Frau wärest als die Bohnenstange Emmy, die herumkommandiert wie auf dem Exerzierplatz, hat bewiesen, daß der Milzbrand der Rindviecher, der tödlich ist, durch diese unsichtbaren Lebewesen, die überall sind, hervorgerufen wird. Er hat es bewiesen, er hat die tödlichen Lebewesen in Nährböden gezüchtet. Der König der Medizin glaubt ihm nicht, nur die Zellen, die der König entdeckt hat, können den Menschen töten, indem sie sich zu Truppen der Krankheit zusammenrotten. Ich aber glaube Doktor Koch. In den Speischalen der Schwindsüchtigen habe ich nie Zellentruppen gesehen, es ist doch verdächtig, daß sie an ihren Lungen sterben, ihren Pforten zur Luft, dem unsichtbaren Element. Wollte ich morden und dabei unsichtbar bleiben, würde ich mich auch in der Luft verstecken. Wenn nun die unsichtbaren Lebewesen überall sind, kann es sein, daß du und ich und Vater ganz neu denken müssen, daß du nämlich nicht an mir, sondern an ihnen gestorben bist.

Von allem, was ich dir heut sagen will und soll.