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Eine Begegnung, die tödlich hätte enden müssen. Eigentlich. Katharina jagt sie, stellt sie und vernichtet sie. Das ist so üblich in ihrer Familie, denn die 17-Jährige jagt Blutsauger, wie auch ihr Vater und ihr Bruder. Dann steht ihr plötzlich einer gegenüber, der so gar nicht in ihr bisheriges Weltbild passt und ihre Prinzipien auf die Probe stellt. Doch diese Allianz ist brüchig und konfrontiert sowohl Mensch als auch Vampir mit unerwarteten Wendungen und seelischen Abgründen. Es droht die Entdeckung durch die Gemeinschaft der Jäger und plötzlich sind da noch andere Nachtwandler, die sich für diese ungewöhnliche Verbindung begierig zu interessieren scheinen...
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Seitenzahl: 352
Veröffentlichungsjahr: 2021
Isobel NeX
AD.NOCTEM
Zur Nacht
© 2021 Isobel NeX
Umschlag: ©[Blood Moon von Celina Ortelli] und
©[Vampire von D-Keine] via Canva.com
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-27007-7
Hardcover:
978-3-347-27008-4
e-Book:
978-3-347-27009-1
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Danksagung
Eva Kurrek
Für Deinen Rat und die „Übersetzungen“,
die dieses Buch erst zur Druckreife
gebracht haben.
Allen Freunden und Bekannten,
die mir mit Rat und Unterstützung
zur Seite standen.
Blood.Line.Prequel Teil I
AD.NOCTEM - Zur Nacht
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Blood.Line Prequel Teil I
AD.NOCTEM
Zur Nacht
Isobel Nex
Kapitel 1
'Das ist ein guter Moment zum Sterben…', dachte er und sank auf die Knie. 'Eine gute Nacht dafür.'
Er breitete die Arme aus, als wolle er sie zum Nachthimmel erheben, doch er ließ sie noch nicht einmal auf halber Höhe verweilen.
Mehr als dreihundert Jahre Existenz.
Dasein.
Leben.
Und doch auch wieder nicht.
So viele Tode hätte er längst sterben können. So viele Tode, die er hätte sterben sollen, die er hätte sterben müssen…
Wie viele von ihnen mochten es wohl gewesen sein? Wie viele hatte er in seiner ewig unstillbaren Gier dahingerafft? Er vermochte es nicht zu sagen.
Sein Verfolger müsste jetzt nur noch wenige Schritte hinter ihm sein.
Dieser Jäger war schnell.
Sehr schnell.
Anders, als die anderen zuvor, und anders, als die beiden Begleiter, die dieser Jäger eben inmitten der drei jüngeren Vampire zurückgelassen hatte, um ihm bis hierher zu folgen.
Gleich wäre es also zu Ende.
Endlich frei…
Es überkam ihn eine merkwürdige, innere Ruhe, ähnlich, wie Zufriedenheit.
Ja, beinahe, wie Frieden.
Er schloss hoffnungsvoll die Augen und ließ seine noch halb erhobenen Arme wieder sinken. Doch es war gerade nicht die ersehnte Stille des Todes, die ihn in diesem Moment umarmte, sondern die schnellen Schritte des jungen Jägers auf dem, vom Nieselregen noch feuchten, Asphalt, die dumpf in seinem Innenohr widerhallten.
Die Klinge wurde mit einem kurzen, schabenden Geräusch aus der Scheide gerissen und noch in Erwartung der Erlösung aus seiner ewigen Rastlosigkeit, holten ihn plötzlich seine zuvor an den Tod geschickten Gedanken wieder ein.
Wollte er tatsächlich so enden? Niedergestreckt von einem Jäger, den er vermutlich ohne größere Mühe hätte bezwingen können? Das Leben schien ihn noch nicht gehen lassen zu wollen und sträubte sich nun mit einem inneren Aufbegehren, welches ein Teil von ihm noch hoffte, niederschmettern zu können. Zu sehr hatte er sein Ende herbeigesehnt, um jetzt so kurz vor dem Ziel wieder umzukehren.
'Sieh‘ ihn nicht an, gewähre ihm diesen Triumph nicht!', dachte er bei sich, als er seinen Verfolger bereits im Ausholen für den Hieb vermutete, doch sein Kopf und seine Augenlider hoben sich schon im nächsten Moment, wie von allein, und der Vampir blickte seinem jugendlichen Verfolger ins Gesicht.
Im Bruchteil eines Wimpernschlags durchflutete der innere Aufruhr nun seinen gesamten Körper und die zuvor gezeigte Unerschütterlichkeit wich einer immensen Anspannung und Erregung.
Er blinzelte jetzt, erstaunt darüber, ein Mädchen vor sich zu haben und nicht den schnellen und gnadenlosen Jäger, den er erwartet hatte. Immerhin hatte sie ihn eingeholt, was allein schon eine beachtliche Leistung darstellte, für einen menschlichen Jäger.
Sie hielt mitten im Hieb inne und starrte ihn halb entsetzt, halb verwundert an.
Diese Kreatur hatte mit seinem Dasein abgeschlossen! Er war bereit zu sterben!
Ohne Gegenwehr!
Sein Blick schien eben schon abwesend, als sei er bereits gestorben und nur noch eine leblose Hülle aus Fleisch und Blut!
Und dann erkannte sie ihn; er war das… Der junge Mann aus dem Club gestern Abend! Der, der sie so lange angestarrt hatte und jetzt… Jetzt würde sie ihn enthaupten müssen, weil er eine dieser Kreaturen war!
Der Vampir hielt den Blickkontakt; ihre blauen Augen starrten ihn unschlüssig und fragend an. Er konnte die Aufregung und Verwirrung an ihrer Haltung ablesen.
Sie war unsicher.
Warum schlug sie nicht zu, so, wie sie es sollte? Warum zögerte sie? Er leistete ja im Moment nicht einmal Widerstand.
Aber so, wie sie ihn gerade anstarrte, musste sie ihn erkannt haben, denn er hatte sie eben auch wiedererkannt, das bleiche Mädchen aus dem Gothic Club gestern Nacht in München.
Dann hatte sie ihn nun also zuerst gefunden. Was für ein merkwürdiger Zufall.
Er ließ die Erinnerung daran zurück in sein Gedächtnis kommen.
Sie war ihm aufgefallen, als er auf der Suche nach seinem ersten Nachtmahl gewesen war und hatte ihn aufgrund ihrer stolzen Körperhaltung ein wenig an die letzte französische Königin erinnert, der er sogar einmal bei einem Ball in Versailles im Frühjahr 1779 die Aufwartung gemacht hatte. Ein Jammer, dass man dieser charismatischen Frau damals den Kopf abgetrennt hatte.
Der Geruch des Blutes des Mädchens und diese Grazie ihrer Bewegungen auf der Tanzfläche in diesem Münchner Club hatten ihn geraume Zeit im Bann gehalten. Er war ihr später hinaus gefolgt, nur leider war sie dann von mehreren Freunden umringt gewesen, sonst hätte er womöglich das Blut aus ihrer Halsschlagader gekostet.
Er konnte es jetzt wieder riechen, ihr Blut, wenn auch bereits bedeutend schwächer als gestern, und er schloss kurz die Augen, um sich auf den Geruch zu konzentrieren, solange ihm das noch möglich war.
Sie musste gerade ihre Blutungen haben…
Normalerweise nahm er menschlichen Blutgeruch nur so intensiv wahr, wenn Sauerstoff damit in Berührung kam; lebendes Blut in den Adern besaß einen anderen Geruch. Doch warum ging sie in diesem Zustand jagen? Wusste sie denn nicht, dass sie damit sehr viel leichter zur Beute werden konnte, als zu anderen Zeiten?
Wieso hatte sie gestern Nacht nicht bemerkt, dass er einer von denen war, dass er ein Blutsauger war? Wieso, um Himmels Willen, war ihr das nur entgangen? Hatte sie gestern Nacht, dort im Club, irgendetwas übersehen? War sie womöglich zu nachlässig geworden? Sie musste diese Kreaturen auf den ersten Blick erkennen können!
Sie war eine Jägerin!
Der Blutsauger schloss gerade die Augen, in Erwartung ihres Schlages, den sie immer noch auf halber Höhe hielt. Wenn sie die Klinge jetzt zu Ende führte, täte sie ihm damit wohl einen Gefallen; aber sie war es nicht gewohnt, so leichtes Spiel zu haben.
Führte diese Kreatur sie an der Nase herum, um dann doch noch aufzuspringen? Um ihr beim neuen Ausholen für den Hieb den Brustkorb zu zerfetzen?
Aber sie ließ die Waffe aus irgendeinem, nicht rational erfassbaren Grund sinken und wurde beinahe zeitgleich zu Boden gerissen von dem Etwas, das sie angesprungen hatte.
Sie spürte den dumpfen Aufprall auf dem feuchten Asphalt und die Schwertscheide, die sich nun, wie ein Hieb, in ihren Rücken bohrte und ihrer Kehle einen schmerzerfüllten Laut entrang. Ihr Kopf schlug glücklicherweise nur auf der Kunststoffscheide auf, die durch den Aufprall nach oben geschoben wurde.
Der Vampir öffnete überrascht die Augen, als er den Anderen hörte, aber der hatte sie bereits niedergerissen; ihre Klinge fiel klirrend zu Boden.
Es war einer der jüngeren Vampire; er musste ihrem Vater entwischt sein und sie hatte eine Sekunde nicht aufgepasst. Jetzt würde sie sterben und nicht die Kreatur, die hatte sterben wollen.
Ihr Verstand war in diesem Moment erstaunlich klar strukturiert und errechnete schon mögliche, weitere Verteidigungsmechanismen, während ihre rechte Hand blind nach ihrem Schwert tastete und doch immer ins Leere fasste.
Das Messer an ihrem Bein würde sie nicht erreichen, solange diese Kreatur auf ihren Oberschenkeln hockte. Der Blutsauger würde nicht lange zögern, er entblößte bereits seine Fangzähne und drückte sie mit einem Arm an der rechten Schulter und dem anderen in ihrer linken Ellenbeuge fest auf den Boden.
Sie konnte den abgestandenen Atem, angereichert mit diesem halb verwesten Blutgeruch, über sich wahrnehmen und versuchte ihn nun, sich windend, und mit dem angewinkelten, rechten Unterarm, der gegen sein Schlüsselbein drückte, auf Abstand zu halten.
Ihr Blick suchte jetzt verzweifelt nach ihrem Katana, doch es lag nicht in ihrer Reichweite.
Die blutunterlaufenen Augen des Jungvampirs waren unterdessen weit aufgerissen und stierten sie gierig an. Ein Biss würde ihre Halsschlagader vollkommen zerfetzen. Wenige Sekunden später, und sie würde wegen dem Blutverlust bewusstlos, von den unerträglichen Schmerzen einmal abgesehen, und noch ein paar Sekunden später, wäre sie tot, aufgrund ihres eigenen Herzschlages, der dann gegen sie arbeitete.
Es gab keine Rettung. Nicht in einer solchen Situation. Ihr Vater wäre enttäuscht von ihrem Versagen.
Wattige Stille umhüllte sie nun und sie hatte das Gefühl, dass sie aus ihrem Körper gezogen wurde.
Sie schloss die Augen, in Erwartung ihres Schicksals.
Gleich wäre es vorüber…
Gleich…
Abgeschwächt drang ein Fauchen an ihr Ohr, dessen Ursprung aber sehr weit entfernt zu liegen schien.
Nur noch eine Sekunde…
Aber die Sekunde ging vorüber und das Gewicht des Vampirs auf ihrem Leib war abrupt verschwunden.
Als sie die Augen öffnete, prangte über ihr nur noch der neblige Nachthimmel.
Schlagartig kam die Erkenntnis, dass der Blutsauger sie losgelassen hatte und sie sprang hastig auf, um gerade noch zu verfolgen, wie der kopflose Körper ihres Angreifers keine zwei Meter neben ihr zu Boden fiel. Hinter ihm stand der Vampir, den sie hatte töten wollen; er hielt noch ihre blutige Klinge in der Hand, als der abgetrennte Kopf des Anderen auf dem Asphalt liegen blieb.
Für eine Sekunde starrte sie ihren Retter völlig entgeistert an und zuckte über die immense Schnelligkeit, mit der er sich fortbewegen konnte, erschrocken zusammen, als der Vampir plötzlich links neben ihr stand und nach ihrem Handgelenk griff.
In ihren Augen konnte er Furcht, aber auch Überraschung erkennen.
Er schien keinen Angriff im Sinn zu haben und hielt ihr Handgelenk nur einen Moment lang fest.
Der Vampir blickte sie dabei ruhig an und gab ihr gleichzeitig das Schwert zurück in die Hand.
Seine Haut war kalt, als er ihre Finger, die aus den fingerlosen Lederhandschuhen herausragten, dabei berührte.
Stumm schauten sie sich nun gegenseitig an.
Ihre Augen erinnerten ihn an das bläulich grau schäumende Meer vor der Bretagne… Wie es an einem sonnigen Tag vor über dreihundert Jahren einmal gewesen war…
Das rötliche Braun seiner Iris schimmerte im Licht der Straßenlaternen und sie bemerkte die leichte Rötung seiner weißen Augenhaut. Das hatten alle Vampire, da ihre Augen trotz allmählicher Anpassung immer empfindlich auf helles Licht reagierten; nur oftmals fiel das nicht derartig auf, weil man einem Vampir selten so nah gegenüberstand, und wenn dies doch geschah, so hatte man für gewöhnlich keine Zeit, sich darum zu bemühen, ihm in die Augen zu schauen.
Sein Blick schweifte plötzlich für den Bruchteil einer Sekunde ab und dann sah er sie eindringlich an.
„Ein Leben… für ein Leben…“, sagte er mit ruhiger Stimme und war binnen einer Sekunde aus ihrem Sichtfeld verschwunden.
Entfernt waren jetzt lauter werdende Stimmen zu vernehmen, die ihren Namen, Katharina, riefen.
Sie stand nun mit der Klinge in der Hand und starrte ins Leere.
Ihr Vater und ihr älterer Bruder rannten gerade um die Ecke und sahen sie neben der kopflosen Leiche stehen.
„Katharina!“, rief ihr Vater ihr zu, aber sie reagierte nicht und starrte weiter ins Nichts.
Er hatte sie verschont…
Ihr Leben für seines…
Und dennoch fühlte es sich irgendwie merkwürdig an. Warum hatte er sterben wollen? Warum will jemand freiwillig sterben? Warum könnte ein Vampir sterben wollen? Und warum hatte er sie gerettet? Er hätte einfach verschwinden und sie ihrem Schicksal überlassen können…
Das Leben hatte er ihr zwar gelassen, aber dafür hatte er etwas Anderes, für sie viel Wertvolleres mitgenommen: ihren unerschütterlichen Glauben an die Prinzipien.
Sie hatte gezögert und diese Kreatur hatte die Chance genutzt. Der Zweifel keimte bereits.
Man konnte keinem Blutsauger vertrauen, sie waren Meister der Täuschung, begnadete Schauspieler und gleichzeitig von Hunger und Gier getriebene Killer. Schon als Kind war ihr das eingebläut worden. Aber dieser hier…
„Katharina!“
Ihr Vater packte sie an den Schultern und sie zuckte erschrocken zusammen. Zu abrupt war sie aus den Gedanken zurück ins Hier und Jetzt gerissen worden.
„Mach‘ das nie wieder! Hörst du!? Das hätte auch anders enden können! Du darfst die Gruppe niemals verlassen!“
Sie sah ihn jetzt verunsichert an, denn er hatte Recht. Um ein Haar hätte sie diese unüberlegte Verfolgungsaktion das Leben gekostet. Das war eine der Regeln, wenn man in Gruppen jagte, niemals Alleingänge zu starten… Besonders dann nicht, wenn man mehreren Blutsaugern gegenüberstand.
„Du unterschätzt sie in letzter Zeit, Vater.“
Der jüngere Mann hob den Kopf des Vampirs an den Haaren hoch und begutachtete den Schnitt.
„Ein einziger Schlag…“
Er schien sehr erstaunt über diesen Fakt, denn seine Stimmlage klang skeptisch und sein Blick musterte nun die blutige Klinge.
„Ich wusste gar nicht, dass deine Linke stärker ist als deine Rechte… Aber gut gemacht, kleine Schwester. Mach weiter so und du kannst irgendwann mal gegen mich antreten. Jetzt müssen wir aber erst den Scheißhaufen hier verschwinden lassen.“
Katharina blickte an sich herab, sie hielt das Katana in ihrer linken Hand.
Sie war jedoch Rechtshänderin.
Es gelang ihr gerade noch, das aufkommende Schluckbedürfnis zu unterdrücken.
Sie wagte nicht, ihrem Bruder ins Gesicht zu sehen, er wusste scheinbar ganz genau, dass sie das nicht hätte bewerkstelligen können.
Ihr Vater klopfte ihr beruhigend auf die Schulter und legte den Arm um ihren Rücken.
„Gut gemacht, Katharina. Sehr gut.“
Katharina blieb weiter stumm. Aber das Unbehagen überkam sie in diesem Moment wieder. Sie hatte die Kreatur entkommen lassen und er hatte für sie getötet… Seine eigene Art…
Aber was sollte sie ihrem Vater sagen? Dass der Vampir sie gerettet hatte? Dass sie ihn dann hatte davonkommen lassen?
Sie hatte die Regeln missachtet und ihr Bruder schien das alles schon zu wissen.
Irgendwann, wenn sie nicht damit rechnete, würde er damit herausplatzen und sie denunzieren, so, wie er es immer tat, wenn sie einen Fehler gemacht hatte.
Ihr Bruder zückte ein Sturmfeuerzeug und eine kleine, silberne Flasche, deren Inhalt er auf die Leiche verteilte. Offensichtlich handelte es sich um einen guten Brandbeschleuniger, denn die Flammen fraßen sich recht schnell durch die Kleidung in das bleiche Fleisch, das nun Blasen zu schlagen begann.
Der Vampir beobachtete die Szene aus gebührender Entfernung.
Sie gehörte also zu einer Jägerfamilie…
Er würde noch herausfinden, welchen Familiennamen sie trug, welchem der Schlächterclans sie angehörte.
Das Mädchen stand unbeweglich, immer noch mit der blutigen Klinge in der Hand, und starrte in die Flammen, die bleichen Lippen zusammengepresst, damit ja kein Laut entweichen und sie womöglich verraten konnte.
Der Vampir schätzte sie auf das Teenageralter, vielleicht sechzehn, vielleicht auch erst fünfzehn. Sie war viel zu jung, um diese Bürde eines Jägers tragen zu können, noch dazu, weil sie ein Mädchen war.
Der Arm ihres Vaters lag noch an ihrem Rücken, aber es kam ihm so vor, als suche sie eher Abstand, denn Trost oder Beruhigung, ja, beinahe so, als empfinde sie einen Widerwillen gegen diese Geste des Vaters.
Jetzt wirkte sie so ganz anders als eben; sie war nur noch ein zerbrechliches, unsicheres Mädchen und nicht mehr der flinke und schlagkräftige Jäger, der ihn ohne zu schwächeln in vampirischem Tempo über einen Kilometer verfolgt und zu seiner Verwunderung sogar noch überholt hätte, wäre er nicht stehen geblieben, um seinem Schicksal entgegen zu treten.
Kapitel 2
Im Sommer 1682 beging man in Frankreich anlässlich des annähernd fertiggestellten Versailles in den Gärten des Schlosses ein üppiges Fest. Jeder Blaublütige, der etwas auf sich hielt und auch die, die nichts mehr von irgendwas oder irgendwem hielten, überschlugen sich mit Bekundungen reinen Verzückens bezüglich des Neubaus, der Frankreich eine erhebliche Schuldensumme eingebracht hatte.
Inmitten all dieser Verzückung befand sich ein junger Adliger aus dem südlichsten, beinahe schon spanischsprachigen Teil des Landes, ausgesandt von seinem ehrgeizigen Vater, um dem entfernt blutsverwandten, französischen Sonnenkönig seine Ehrerbietung zu erweisen und vielleicht auch, um eine vermögende Schwiegertochter zu suchen, bahnte sich dieser nicht minder ehrgeizige, junge Adlige seinen Weg in den engeren Umkreis des Königs. Bei den abendlichen Festspielen saß er sogar mit an dessen Tafel und nahm am königlichen Tanz teil.
Später näherte sich ihm eine junge Dame immer weiter an.
Die junge Frau entsprach zwar in keiner Weise dem Schönheitsideal der Zeit, sie war viel zu dünn, beinahe schon knochig, aber das kümmerte ihn wenig. Sie gefiel ihm und wenn sie aus einer guten, wohlhabenden Familie stammte, würde auch sein Vater alle weiteren Schritte billigen.
Er hatte Glück, schon in seinen ersten Tagen in Versailles auf sie zu treffen. Jetzt dürfte sie nur nicht schon anderweitig versprochen sein. Den König schien sie jedenfalls nicht zu interessieren, sonst hätte er sie schon näher heranbringen lassen. Und sie hatte ihre Augen tatsächlich nur auf ihn gerichtet; die jungen Damen bei Hofe schienen genau zu wissen, wer Neuankömmling und noch ohne nähere Kontakte war.
Er müsste unbedingt ihren Namen erfahren!
Sie hatte ein sehr hübsches Gesicht und bewegte sich grazil und elegant. Das nachtblaue Kleid betonte ihre blasse Haut im Kerzenschein und ihr schwarzes Haar war kunstvoll in weiche Locken gedreht und an beiden Seiten hoch frisiert, wie frühere Favoritinnen des Königs es in ihrer Jugend getragen hatten.
Durch ein geschicktes Manöver kam er ihr beim Tanz sehr nahe und scheinbar beiläufig berührte er sie dann an der Hand und sah ihr in die Augen, bevor sie sich gleich wieder wegdrehte.
Ihre Haut war ungewöhnlich kühl, aber das fiel ihm in diesem Moment nicht weiter auf. Er war verzaubert von solcher Schönheit und bemühte sich redlich, ihr noch einmal so nahe zu kommen, wie eben.
Seine Bemühungen erregten scheinbar ihre Beachtung, denn sie warf ihm hier und da einen Blick zu.
Der Tanz endete schließlich und sie zog sich grazil mit dem aufgeschlagenen Fächer in der Hand etwas zurück, so dass er ihr bereits bebend vor Vorfreude nachging.
Wann immer sie in den bewachsenen Wegen abbog, vergewisserte sie sich durch einen Blick über die Schulter, ob er ihr auch weiter folgte.
Die aufgestellten Fackeln erhellten die sternenklare Nacht nur unmerklich, während er sich seinen Weg hinter der Dame seines Begehrens durch den Garten bahnte.
Als er sie wenig später entdeckte, saß sie an einem der Springbrunnen und ließ ihre Hand im Wasser hin und her gleiten. Den Fächer hatte sie scheinbar kurz zuvor fallen gelassen, so dass er fast darauf getreten wäre.
Innerlich schmunzelnd bückte er sich und hob den Fächer auf. Sie hatte ihn wohl absichtlich verloren, um ihm den Einstieg ins Gespräch zu erleichtern.
„Madame…“, begann er enthusiastisch, „Euer Fächer. Ihr müsst ihn soeben verloren haben…“
Sie lachte leise in sich hinein und wiederholte seinen Gruß amüsiert, dann wandte sie sich zu ihm um.
Er verneigte sich tiefer, als er es hätte tun müssen und sie kicherte kindlich, fasste sich aber schnell wieder und lächelte ihn freundlich an.
„Merci beaucoup, Monsieur… Das ist zu freundlich von euch. Ich habe ihn bereits vermisst.“
Sein freundliches Lächeln wandelte sich mit der Erkenntnis, dass er selbst mit ihrer Aussage gemeint war, zu einem siegessicheren Grinsen.
Sie entgegnete mit einem wissenden Lächeln.
„Verratet ihr mir euren Namen?“, fragte er dann höflich.
- „Und ihr, Monsieur? Verratet ihr mir euren?“, konterte sie.
„Philippe de Foix, Madame. Stets zu euren Diensten…“, entgegnete er immer noch ganz überschwänglich.
Ihr Lächeln gewann nun etwas an Süffisanz.
„Lucrezia Varga… Aber ihr seid kein echter Franzose, oder?“
- „Zur Hälfte. Meine Mutter ist Spanierin.“
Er lächelte, als sie ihm ihre Hand zum formellen Handkuss hinhielt.
Philippe berührte ihre Finger und bemerkte nun ihre kühle Haut. In Anbetracht der noch immer vorherrschenden Hitze war das doch etwas ungewöhnlich.
„Und ihr, Madame, seid Italienerin?“
Er sah sie auffordernd an.
Sein Blick schien ihr zu gefallen, denn sie erwiderte ihn.
„Si… Di Venezia…“, sie erhob sich und trat ihm entgegen, „Habt ihr Mut, Monsieur? Oder seid ihr auch nur wieder einer dieser Speichellecker, wie alle hier am Hof?“
Sie war kühn. Das gefiel ihm.
„Was wäre euch denn lieber?“, antwortete er herausfordernd.
Sie wäre nicht die erste Frau, die er noch in derselben Nacht in seinem Bett gehabt hätte.
Lucrezia packte seine Hand und zog ihn an sich. „Ihr riecht nach Veilchen, Monsieur… und Lavendel… Ich schätze Derartiges sehr…“
Ihr kühler Atem streifte sein Ohr.
Er war über ihre abrupte Reaktion überrascht und auch darüber, dass sie so offensichtlich an ihm zu riechen schien.
Ihre Nasenspitze berührte nun seinen Hals und etwas Merkwürdiges, das an seiner Haut entlang streifte, verursachte ihm eine Gänsehaut. Es fühlte sich irgendwie feucht und kühl an.
„Madame, ihr überrascht mich…“, flüsterte er in ihr Ohr, „Seid ihr zu allen Herren so einladend?“
Sie entfernte sich etwas von ihm, so dass er wieder in ihr Gesicht sehen und ein dunkles Lachen hören konnte, das so gar nicht zu diesem hübschen Gesicht passen wollte.
„Du bist unterhaltsam… Philippe de Foix. Ich glaube, ich werde dich eine Weile behalten…“
Etwas in ihrem Gesichtsausdruck veränderte sich dann abrupt und der Blick ihrer dunklen Augen fixierte ihn, wie ein Raubtier seine Beute.
Das nächste, was er noch registrierte, war, dass sie ihre Lippen öffnete und ihre Oberlippe sich dabei etwas zurückzog und den Blick auf ungewöhnlich spitze Eckzähne preisgab.
Philippe wich erschrocken zurück, doch er hatte keine Chance.
Sie schlug ihm innerhalb eines Wimpernschlags ihre Zähne in den Hals und sog ihm gierig das Blut aus der Vene, so dass es ihm sehr schnell schwarz vor Augen wurde.
Kapitel 3
Drei Wochen waren jetzt vergangen, seitdem sie das Nest ausgelöscht hatten. Sie schienen also noch rechtzeitig gewesen zu sein, um die Stadt vor Schlimmerem zu bewahren.
Ihr Bruder war daraufhin wieder abgereist und drei Wochen war tatsächlich alles ruhig gewesen, bis gestern Abend.
Katharina lachte über diesen dämlichen Witz. Es war vollkommen sinnfrei, eine Kugel um die Ecke rollen und dann umfallen zu lassen, aber was machte das schon. Für einen Moment lachten alle und keiner dachte mehr an das Mädchen, das am Abend zuvor tot im Park aufgefunden worden war.
Vergewaltigt und vollkommen blutleer.
Mit zwei tiefen Bisswunden an der Halsschlagader. Wie von etwa drei Zentimeter auseinanderliegenden, oberen Eckzähnen…
Es war in allen Zeitungen.
Ihr Vater bemühte sich bereits um mehr Informationen diesbezüglich und wahrscheinlich war er auch schon in der Gerichtsmedizin gewesen.
Ausgesprochen unglücklich, dass die Leiche von einem spätabendlichen Jogger entdeckt worden war. Wäre sie gestern Abend etwa drei Stunden später als sonst ihre gewohnte Strecke gelaufen, hätte man dem bemitleidenswerten Jogger diesen Anblick ersparen können.
Der vermutliche Todeszeitpunkt des Mädchens, das sie zum Glück nicht gekannt hatte, wurde gegen 3 Uhr früh angegeben, da war sie schon längst an einer anderen Stelle unterwegs gewesen. Aber selbst ein Auffinden der Leiche durch sie selbst hätte nichts geändert, sie hätte dem Mädchen nicht mehr helfen können.
Katharina musste seit dieser Information wieder häufiger an den Vampir denken, den sie verschont und der ihr im Gegenzug das Leben gerettet hatte.
Sicher war er weitergezogen.
Sie würde ihm vermutlich nie wieder begegnen, das musste ein Neuer sein, der seit gestern Abend sein Unwesen trieb.
Sie würde sich also auf noch mehr Leichen einstellen müssen. Ab und an kam das mal vor, aber man konnte Augsburg nicht mit Berlin oder München vergleichen, wo Derartiges praktisch an der Tagesordnung war.
Der DJ spielte nun eine andere Musikrichtung an und die Tanzfläche füllte sich wieder.
Ihre Freundin zog sie am Ärmel und schließlich mitten hinein.
Katharina zwang sich zu einem freundlichen Lächeln, wäre aber am liebsten an Ort und Stelle geblieben, um ihren Gedanken weiter nachgehen zu können.
Der Freundin zuliebe ließ sie sich von der Musik treiben und stellte nach einer gefühlten, halben Stunde fest, dass ihr Bauchgefühl anschlug.
Sie fühlte sich beobachtet, konnte aber auf die ersten Umgebungsscans noch nicht ausmachen von wo oder wem.
Nach einer Weile immer stärker werdenden Unbehagens fiel ihr Augenmerk in die Reihen derer, die lieber die Tanzenden beobachteten, als selbst zu tanzen. Da war ein Mann, der in ihre Richtung blickte, sie regelrecht zu fixieren schien.
Katharina drehte sich mit der nächsten Tanzbewegung in seine Richtung und blieb abrupt stehen, als sie das blasse Gesicht erkannte.
Es war der Vampir, der ihr Leben gerettet hatte! Erschrocken starrte sie ihn an; er war noch immer hier in Augsburg!
Der Vampir, seinerseits im Bewusstsein soeben ertappt worden zu sein, lächelte jetzt ganz leicht und schritt hinter der ersten Beobachterreihe entlang, den Blick immer auf sie gerichtet.
Dunkel gekleidet, unterschied er sich nicht im Geringsten von den anderen Besuchern dieses Clubs. Sein längeres, dunkelblondes Haar trug er sorgfältig am Hinterkopf zusammengebunden, den unteren und teilweise sogar den Seitenbereich hatte er abrasiert, wie es in der Gothic-Szene Mode war.
Er war keine fünf Meter von ihr entfernt.
Seine Augen hatten scheinbar schon länger jede ihrer Bewegungen verfolgt und ihr fiel wieder ein, was ihr Vater ihr vor Jahren einmal beim Training gesagt hatte.
„Vampire spielen gern mit den von ihnen erwählten Opfern. Das steigert ihren Jagdtrieb. Ihren Hunger auf Blut. Ihre Gier. Sie sind dann wie ein hungriger Wolf auf der Jagd. Wie ein Leopard, der sich erst lautlos heranpirscht, um dann unerwartet und hart zu zu schlagen. Du musst auf alles vorbereitet sein.“
War das wieder Zufall, dass sie ihm hier erneut begegnete? Oder war das sein Plan?
Sie fixierte ihn mit ihrem Blick und setzte sich in Bewegung, um auf ihn zu zu gehen.
Der Vampir entschwand unterdessen, rückwärts, weiter in die hinteren Reihen und dann verlor sie ihn plötzlich aus den Augen.
Sie verließ die Tanzfläche und versuchte ihn im Halbdunkel zu entdecken. Ihre Suche blieb jedoch erfolglos, denn alle Gäste des Clubs sahen im schummerigen Licht ähnlich aus und es war unklug, allzu großes Aufsehen zu erregen, denn eventuell hatte er sie ebenfalls aus den Augen verloren, wenngleich sie das als eher unwahrscheinlich ansehen musste.
Er hatte sie also tatsächlich beobachtet…
Katharina schnaufte.
Er würde wieder töten… Weil sie erneut versagt hatte!
Ihre Freundin stellte sich in diesem Moment neben sie und blickte sie fragend an, aber die Jägerin schüttelte nur lächelnd den Kopf. Sie gestikulierte und die Freundin lachte jetzt.
Ihre Freunde durften nicht wissen, was sie seit gut zwei Jahren nachts tat.
Der Vampir beobachtete sie, wie sie an ihrem offenen Haar herumspielte, ihren schwarzen Spitzenrock zurecht zupfte und dann mit ihren Freunden an die Theke ging, sich immer wieder umsah und gekünstelt lächelte.
Nicht eine einzige ihrer Bewegungen entging ihm.
Wie im Bann starrte er sie an und näherte sich stetig, während sie mit ihren Freunden lachte und herumalberte.
Er stand nur Zentimeter hinter ihr und strich an ihrem blonden, lockigen Haar entlang, als sie die Flasche erneut zum Trinken ansetzte.
Der Duft ihres Parfums stieg ihm in die Nase und er schloss kurz die Augen, um sich diesen Geruch einzuprägen.
Die Jägerin lachte weiter mit ihren Freunden und ließ ihren Blick immer wieder im Club umherschweifen, ohne ihn jedoch zu entdecken.
Als die Nacht sich schließlich dem Morgen zuwandte, überquerte sie alleine die breite Straße und wartete noch einige Minuten auf den Bus.
Es entging ihr erneut, dass der Vampir nur wenige Schritte von ihr entfernt stand und ihren Geruch in sich aufnahm, während er sie weiter anstarrte.
Er könnte jetzt mit zwei Schritten ganz unvermittelt neben ihr auftauchen.
Sie womöglich sogar anfallen…
Oder nur erschrecken…
Aber er blieb im Schatten des Baumes, dem sie den Rücken zugewandt hatte.
Der Bus fuhr vor und erst jetzt wandte sie sich kurz zu ihm um, als vermutete sie plötzlich jemanden hinter sich.
Ihre Intuition war doch recht gut…
Nicht perfekt, aber sie war ja auch noch sehr jung. Für eine Jägerin.
Selbst wenn sie ihn gesehen hätte, er wäre stehen geblieben, nur um ihre Reaktion zu sehen. Ob er sie dann attackieren würde, hatte er in diesem Moment noch nicht entschieden.
Das Mädchen stieg ein und setzte sich in der Mitte ans Fenster. Sie knöpfte ihren Mantel auf, dann fuhr der Bus los.
Der Vampir trat nun aus dem Dunkel und blickte dem anfahrenden Bus hinterher.
Er hätte sich eventuell doch schon früher einmal zeigen sollen, um sie zu einer Reaktion zu zwingen.
In den letzten 3 Wochen war er ihr stets in sicherem Abstand gefolgt, hatte sie beobachtet, wie sie sich an den Wochenenden mit ihren Freunden in dem Club und zum Besuch im Lichtspielhaus oder einem Restaurant traf und des Nachts Jagd auf seinesgleichen machte, wenngleich Augsburg als eher ruhiges Gebiet anzusehen war, zumindest was vampirische Aktivitäten betraf. Er selbst hatte sich auch nur durch einen merkwürdigen Zufall hierher verirrt und erst nach der Begegnung mit ihr entschieden, doch noch eine Weile länger zu bleiben.
Am nächsten Abend traf sie vor dem Club eine Freundin, die einen Strauß weißer Lilien mitgebracht hatte.
Der Vampir hatte Katharina hier aufgelauert, nachdem er sich bereits genährt hatte.
Er wusste durch seine Verfolgungstätigkeiten, dass sie an den Wochenenden immer gegen 21 Uhr hierherkam, zu welchen Zeiten sie zur Jagd ging und von ihrem Vater abgeholt oder abgelöst wurde.
Die beiden Mädchen schlossen sich einer anderen Gruppe schwarz gekleideter Jugendlicher an und pilgerten zum Friedhof, um dort offenbar herumzulungern.
Etwas belustigt, aber nicht minder neugierig, verfolgte der Vampir die kleine Schar bleicher Gestalten mit teils recht eigentümlicher Haarpracht quer über den Friedhof, während sie Fotografien auf den Gräbern und mit den Grabengeln machten.
Die vier Mädchen räkelten sich lasziv auf den Grabsteinen und schmiegten sich an die Statuen und die beiden jungen Männer machten die Fotos. Sie hatten sogar die Beleuchtung mitgebracht, um die Bilder im Dunkeln passend zu belichten.
Welch morbide Gesellschaft…
Der Vampir verfolgte ihr Tun mit großem Amüsement und ganz besonders jede Bewegung der Jägerin, die heute ihr Haar teilweise hochgesteckt und mit weißen Rosen dekoriert hatte, so dass ihr einige lange Lockenpartien an den Seiten und am Hinterkopf herabhingen. Dazu hielt sie die weißen Lilien ihrer Freundin in der Hand, als sie in ihrem schwarzen Empirekleid auf dem Grabstein eine schöne Leiche mimte.
Die Szenerie erinnerte ihn beinahe an den Tod der Ofelia aus Shakespeares Hamlet, nur theatralischer dargestellt.
Artemis als tragische Heldin…
Diese Jägerin schien einen Sinn fürs Dramatische zu haben. Fast hätte er darüber lachen müssen. Ein Schlächter hatte Sinn für das Theater…
Dieses Mädchen war in der Tat noch sehr jung und romantisch veranlagt. Eventuell würde ihm das zum Vorteil gereichen, wenn er sich entschließen sollte, sie zu umgarnen und zur Gejagten zu deklarieren.
Als sie in diesem Moment auf dem Grabstein die Augen wieder aufschlug und sich langsam aufrichtete, kam ihm der Gedanke, wie sie sich aus einem Sarg erheben würde. So elegant und grazil, wie Graf Dracula es wohl als weibliches Wesen täte… Wäre er nicht eine reine Romanfiktion. Nein. Das war blanker Unsinn. Romantisch verklärt. Wie konnte er jetzt nur so abschweifen?
Sie knipste ihre Taschenlampe an und ging ein kleines Stück den Schotterweg entlang, dann noch etwas weiter bis zum übernächsten Grabstein.
Ihre Freunde riefen ihr zu, dass sie nicht so weit weg gehen solle, man wäre bald fertig an dieser Stelle, aber Katharina entfernte sich zusehends von der Gruppe und der Vampir folgte ihr, seine Chance witternd und leicht schmunzelnd, aber gänzlich lautlos.
Sie fotografierte einige Statuen mit Blitzlicht und ging dann mit raschelnden Schritten auf dem Schotterweg weiter, bis sie wieder stehen blieb; die Taschenlampe lag jetzt angeschaltet auf dem Boden.
Das Motiv war perfekt!
Sie schien innerlich zu jauchzen, platzierte dann die Lilien in der geöffneten Hand des Grabengels und ging wieder rückwärts, um den optimalen Abstand zu finden.
Das erste Bild würde schon exakt so werden, wie sie sich das gedacht hatte.
Es sollte erschrecken, denn das Blitzlicht fing nur den entsetzlichen Moment eines Lichtblitzes in der Dunkelheit ein. Die Statue und die Blumen waren lediglich optische Beigabe.
Der Vampir schmunzelte erneut.
Ja, sie war noch sehr romantisch verklärt…
Aber ihr freiliegender Hals und die darunter pulsierende Schlagader wirkten gerade äußerst anziehend…
Amüsiert überlegte er kurz und setzte sich dann in Bewegung.
Sie betätigte den Auslöser an der Kamera und der Blitz erhellte die Statue und die Kreatur, die ruhig danebenstand und sie mit leicht geneigtem Kopf freundlich ansah.
Erschrocken stolperte Katharina rückwärts, trat aus Versehen auf die Taschenlampe, die damit ausging, ließ die Kamera fallen und riss am Rock ihres Kleides. Aber bevor sie das Messer in ihrem Stiefel zu fassen bekam, fühlte sie die kalten Hände an ihren.
Ihr Herzschlag setzte vor Schreck kurz aus und sie sog den Atem ein, als müsste sie sehr lange die Luft anhalten.
Der Vampir richtete sie langsam auf; Katharina spürte seinen kühlen Atem im Nacken.
Sie hatte nicht gewusst, dass Vampire atmeten! Es bereitete ihr eine Gänsehaut und schlagartig wurde ihr klar, dass seine Zähne sehr nah an ihrem Hals sein mussten!
Doch dann entfernte er sich plötzlich wieder und sie atmete erleichtert aus.
„Du solltest vorsichtiger sein, schöne Artemis… Es gibt sehr viele Nachtwandler, die genau dieses Klischee des Friedhofbewohners erfüllen…“
Seine Stimme hatte einen sehr angenehmen Klang, entfernte sich aber stetig weiter von ihr.
Er hörte ihren hämmernden Herzschlag und hätte sich gerade jetzt am liebsten nur auf dieses Pochen konzentriert, doch der Geruch ihres Blutes eben hatte etwas in ihm zur Wachsamkeit aufgerufen.
Noch konnte er es nicht benennen, dazu müsste er es erst kosten, aber das war jetzt gerade nicht der richtige Moment dazu.
Irgendwie war ihm nach bisher zwei Opfern heute Nacht nicht danach.
Oh, ihre Haut war so warm gewesen… Er hätte sie doch noch etwas länger festhalten sollen!
Sie konnte ihn kaum erkennen im Dunkeln.
Der Vampir musste aber wieder etwas über eine Armlänge von ihr entfernt stehen, denn sie hatte leise Schritte auf dem Schotter vor sich stoppen gehört.
Ihr Herz schlug ihr immer noch bis zum Hals; das war eine sehr gefährliche Situation, sie war praktisch unbewaffnet!
Ihre Gedanken spukten noch wild durcheinander, dann versuchte sie sich darauf zu konzentrieren, was sie gelernt hatte.
Die Toten zu töten, ohne Klinge.
Sie müsste ihn zu fassen bekommen und dann schnell genug sein, ihm das Genick zu brechen und damit seinen Bewegungsapparat vorläufig lahmzulegen.
Damit hätte sie genug Zeit, ihr Messer zu ziehen.
Aber sie könnte, wenn die Dinge sich ungünstig gestalten sollten, zu diesem Zeitpunkt auch längst tot sein…
Warum hatte er sie eben nicht gebissen? Es nicht einmal versucht?
„Wirst du nun vollenden, was du versäumt hast?“, fragte er freundlich.
Katharina schauderte nun doch über die Nähe seiner Stimme. Ohne Zweifel, das war maximal eine Armlänge, die da noch zwischen ihnen lag. Sie glaubte, einen leichten, französischen Akzent herausgehört zu haben, aber das konnte sie sich auch einbilden.
„Woher kommst du, Vampir? Tu viens de la France?“, fragte sie ihn im nächsten Moment ganz spontan.
Der Vampir lachte leise.
Er war offensichtlich belustigt von ihrer Frage.
„Oui… Du suède… Prés de l‘Espagne, belle Artémis…“, antwortete er in sehr angenehm klingendem Muttersprachler Französisch.
Die Jägerin suchte ihn im Dunkeln mit dem Blick zu fassen und spürte plötzlich wieder kalte Finger an ihrer linken Hand.
Sie zuckte erschrocken zusammen, denn damit hatte sie nicht gerechnet, doch er legte ihr nur die Kamera hinein und ließ ihre Hand sofort wieder los.
Diese Kreatur wollte sie scheinbar gar nicht anfallen!? Wieso nicht?
„Wirst du mich töten?“, fragte sie ihn dann.
Sie hörte das Rascheln seiner Kleidung und seine langsamen, aber sicheren Schritte auf dem Schotter, als er nun im Kreis um sie herumtrat.
„Nein…“, entgegnete er mit sanfter Stimme.
Sie nahm eine kaum merkliche Berührung an ihrem Haar wahr und schloss daraus, dass er gerade daran entlang strich.
Katharina umklammerte die Kamera und presste die Lippen zusammen.
Er spielte mit ihr…
Das Adrenalin in ihrem Blut war jetzt allgegenwärtig und trieb stetig ihren Puls an. Sie hörte ihren eigenen Herzschlag vor sich hin hämmern und fluchte innerlich, dass sie es zuließ, dass so etwas Kontrollierbares, wie Angst, ihren Handlungsspielraum einzuschränken drohte.
„Du solltest mich lieber nicht unterschätzen, Vampir…“, brachte sie schließlich hervor, doch ihre Stimme zitterte etwas.
Er lachte amüsiert in sich hinein.
„Au contraire, ma chère… Ich glaube, ich habe dich sogar überschätzt… “
Sie spürte bei diesen Worten von ihm kurz seinen Atem an ihrem Ohr und lauschte angespannt seinen Schritten, die sich wieder entfernten.
„Was willst du von mir, Vampir? Die Höflichkeiten sollten wir uns sparen. Du hast hier schon zu viele Opfer gefordert…“
- „Ich bedauere zutiefst, schöne Artemis… Ich spare ungern an Höflichkeiten… Entgegen der weitläufigen Meinung von euch Jägern, gibt es durchaus Nachtwandler mit einem Sinn für Etikette und Anstand und dem ein oder anderen von uns ist auch der Begriff Moral im engeren Sinne ein treuer Begleiter.“
Er stand jetzt etwa schräg rechts von ihr, vielleicht zwei, drei Meter entfernt.
Sie musste irgendwie an ihre Taschenlampe kommen… Das Ding lag immer noch irgendwo hier am Boden.
„Du redest, wie jemand aus dem vorletzten Jahrhundert und heute sagt auch kein Mensch mehr Nachtwandler zu euch… Wie alt bist du denn, wenn ich fragen darf?“
Sie hörte ihn ganz nah neben sich den Atem einsaugen.
„Alt genug, um zu wissen, dass man mein Volk im Mittelalter zu Recht noch als Nachtwandler bezeichnete. Zu Zeiten Roms war der Begriff ‚Nocturni‘ eher geläufig. Was sich heute als Vampir bezeichnet, sind junge, ungebildete, vom Hunger übermannte Kreaturen, die für euch Jäger nur allzu leichte Beute sind.“
- „Du bist schon mehrere hundert Jahre alt?!“
Ihre Stimme klang überrascht und auch etwas erschrocken, weil er wohl erneut unbemerkt so nah an sie herangetreten war.
Sie war scheinbar noch keinem der älteren Vampire begegnet. Vielleicht wurde ihr auch gerade bewusst, dass sie ihm praktisch unbewaffnet gegenüberstand und er ihr um ein Vielfaches überlegen war. Schon allein aufgrund seines Alters und seiner daraus resultierenden Schnelligkeit.
„Es ist, wie gesagt, leicht für einen Jäger, einen der Jüngeren zu töten. Sie sind nicht so kultiviert, wie wir. Unerfahren. Und oftmals… auch einfach… ungeschickt.“
Er trat mit absichtlich gut hörbaren Schritten wieder vor sie und das Licht der Taschenlampe fiel plötzlich von schräg unten an seinem Gesicht vorbei. Er hatte sie eingeschaltet.
Katharina sah ihn jetzt direkt vor sich und musste schlucken. Das war wieder nur eine Armlänge Abstand…
Seine rötlich braunen Augen sahen sie an und seine blassen Lippen waren leicht geöffnet.
Es war ein merkwürdiges Gefühl, einer Kreatur so nah gegenüber zu stehen!
Seine Gesichtszüge waren gänzlich ebenmäßig, wie die einer antiken Statue und seine Augen hatten einen auffordernden Ausdruck.
Dieser Vampir hatte etwas sehr Anziehendes an sich. Sie konnte den Blick nicht abwenden! Das musste diese Vampirmagie sein, vor der ihr Vater sie immer gewarnt hatte!
„Du siehst mich also tatsächlich auch im Dunkeln…“, murmelte sie schließlich und hielt den Blickkontakt, um einen eventuellen Angriff vielleicht vorhersehen zu können.
- „Im Halbdunkel… Ja…“, antwortete er schmunzelnd und unterbrach den direkten Blickkontakt, indem er sich leicht seitlich drehte.
Dann gab er ihr betont langsam die Taschenlampe in die andere Hand.
„Wie ist das, im Dunkeln… Erm… Im Halbdunkeln sehen zu können? Wie bei Katzen?“
Sie hörte ihn wieder leise lachen.
- „Nein. Bedauere… Es ist nicht anders, als bei euch Menschen auch… Vielleicht ein wenig besser, aufgrund unserer Gewöhnung… Ihr Jäger stellt uns vortrefflich als Monster dar… Aber wir sind keine Fledermäuse, keine wandelnden Leichen…“
Er richtete sich wieder gerade und sah sie eine Antwort erwartend an.
Katharina spürte plötzlich ein Aufflammen von Wut über diese Verharmlosung seiner Art und lehnte sich auch für sich selbst unerwartet forsch nach vorne zu ihm.
„Aber Mörder. Ihr tötet wahllos, wie euch der Sinn steht…“
Der Vampir verharrte in seiner Stellung, hielt aber den Blickkontakt und schien sogar für den Bruchteil einer Sekunde von ihrem verbalen Angriff überrascht.
„Nun… Immerhin gestehst du uns einen Sinn zu… Schöne Artemis…“
Ein charmantes Lächeln legte sich über seine Züge und sie sah seine Eckzähne unter seiner Oberlippe hervor blitzen.
„Wie unterhaltsam es wohl wäre, wenn eine so schöne Jägerin die Reihen der Unseren vervollkommnen könnte…“
Er lehnte sich nun auch nach vorne zu ihr und seine schlanken Finger suchten ihr über die Wange zu streichen, aber Katharina wich seiner Berührung aus und warf ihm einen drohenden Blick zu.
War das eine Anspielung, eine Einladung, sie zu verwandeln?! Wieder ein Teil seines Spiels?
Er schien ihre Gedanken aus ihrem Gesichtsausdruck abzuleiten und dieses charmante Lächeln verschwand abrupt von seinen Lippen.
Mit einer schnellen Bewegung griff er an ihr vorbei, wandte sich aber sofort wieder von ihr ab und tat einige Schritte.
Katharina war vor Schreck zurückgezuckt und verfolgte nun seinen rigiden Gang, der sich von ihr entfernte.
Ihre Hand schlupfte durch die Schlinge ihrer Kamera, um ihr Rockteil langsam hoch zu raffen. Sie brauchte ihr Messer, denn er könnte sie womöglich gleich attackieren…
Doch der Vampir wandte sich schon nach wenigen Metern wieder um und kam mit halb erhobener, rechter Hand zurück.
„Du wärest verdammt für alle Zeit. Unstetig und doch stetig gleich. Rastlos und auf ewig verflucht. Dein Leben wäre dahin, noch bevor du eines hattest… Würdest du das in Kauf nehmen wollen, Jägerin? Wärest du wirklich gerne so, wie ich? So schön und geheimnisvoll? So stark und unangreifbar? So verbittert und einsam?“
Seine Stimmlage hatte sich eben schlagartig verändert und er sah sie in der Tat ein wenig aufgebracht an.
„Nein… Vermutlich möchtest du das nicht…“
Er schien plötzlich wütend…
Ja, beinahe beleidigt? Weil sie kein Interesse daran hatte, zum Blutsauger zu mutieren?
Aber es sprach auch eine tiefe Melancholie aus seinen, mit deutlicher Ironie gespickten, Worten. Möglicherweise war er auch depressiv.
Konnten Kreaturen depressiv werden? Eine Todessehnsucht entwickeln?
Er hatte ihr eben blitzschnell eine Blume aus den Haaren gezogen und hielt sie zwischen zwei schlanken, weißen Fingern, als wäre sie ein Schatz von unermesslichem Wert.
Das eben war also gar kein versuchter Angriff gewesen…
Ihre Hand stoppte die Raffbewegung an ihrem Rockteil.
Was für eine höchst sonderbare Kreatur!
Seine Augen sahen sie jetzt weiter so brüskiert an und veranlassten sie dadurch, kurz den Blick abzuwenden.
Die Situation hatte sich vom Bedrohlichen ins Unangenehme gewandelt.
Katharina befeuchtete sich die Lippen und sah ihn wieder an. Jemand rief in diesem Moment ihren Namen, aber sie wagte nicht, den Blick erneut abzuwenden.
„Sie suchen nach mir.“
- „Offenkundig“, pflichtete er ihr bei und lächelte nun plötzlich wieder sehr charmant.
Katharina schluckte und beleckte sich erneut die Lippen.
Er war ein Schauspieler…
Stellte sich als Opfer seiner eigenen Art dar, um sein Gegenüber zu manipulieren.
Ihre Hand ließ das Rockteil los und griff nach der Kamera, wie nach einem Stein, den sie als Waffe nutzen konnte.
„Du wirst mich also tatsächlich nicht angreifen, wenn ich dir den Rücken zuwende?“
Er neigte seinen Kopf mit nun äußerst freundlichem Gesichtsausdruck zustimmend zu ihr nach vorne.
